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Full text of "Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit"

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£c.H 

Geschichte 



der 



Böhmisdien Industrie 

in der Neuzeit 



Von 



Arthur Salz 




495451 

3. 6 . ^*^ 



Verlag von Duncker & Humblot 
München und Leipzig 1913 



Alle Rechte vorbehalten. 



Alteabarg 

Pierertiche Hofbuchdruckerei 

Stephan Geibel & Co. 



m 



Vorwort. 



„In silentio et spe." 

JJieses Buch kann nicht ohne Rechtfertigung, ja fast Ent- 
schuldigung in die Welt geschickt werden. Was mich veranlaßte, 
der Wirtschaftsgeschichte Böhmens mich zuzuwenden und länger 
als ich wollte dabei festhielt, ist außer dem selbstverständlichen 
Interesse an der Heimat und ihren Schicksalen der beinahe exotische 
Reiz, auf einem völlig unbebauten Gebiet, das für den Wirtschafts- 
historiker Neuland ist, sich zu bewegen. England, Frankreich und 
Deutschland haben ihre Wirtschaftsgeschichte, ja es gibt kaum einen 
einzelnen Erwerbszweig, der nicht seinen gewissenhaften Bearbeiter 
gefunden hätte ; selbst die Geschichte der amerikanischen Wirtschaft 
ist uns — was freilich nicht so verwunderlich — besser bekannt 
als die eines so alten und in mancher Beziehung so ehrwürdigen 
Kulturstaates wie Österreich oder eines seiner wichtigsten Länder 
wie Böhmen. Dieses Land harrt noch seines Entdeckers, der seinen 
Fuß und Spaten in dieses ungerodete Gebiet setze. Zwar fehlt es 
nicht an verheißungsvollen Anläufen. Was, um nur ein paar Namen 
zu nennen, Männer der Praxis wie Schreyer am Ende des acht- 
zehnten Jahrhunderts, Schebek im neunzehnten, was Historiker 
wie Hallwich, Juristen wie Zycha, Nationalökonomen wie Karl 
Pfibram, Bibliographen wie Hicke und Zibrt an Material zusammen- 
getragen und gesichtet haben, besitzt dauernden Wert, ganz zu 
schweigen von dem aufgestapelten, aber noch toten Kapital, das in 
den Mitteilungen des Vereins für die Geschichte der Deutschen in 
Böhmen, in den Berichten des Nordböhmischen Exkursionsklubs, 
in den Abhandlungen der böhmischen Akademie der Wissenschaften 
und anderen deutschen und tschechischen Publikationen vorliegt. 

Aber der größte Schatz ist noch unbehoben und unberührt: er 
schlummert in den Archiven des Adels, der Klöster und Städte, und 
wieviel immer davon zerstört sein mag, es bleibt genug, um eine 
oder mehrere Generationen ausgiebig zu beschäftigen. Der Schwierig- 
keiten und Hindernisse gibt es nicht allzu viele, und sie gerade 



IV Vorwort. 

reizen eher den begeisterten Forscher als ebenso viele unabsehbare 
Zufälle, als daß sie ihn abschrecken könnten. Der böhmische Adel, 
der, wie die nachfolgenden Blätter zeigen werden, durch eine un- 
befangene Geschichtsbetrachtung nichts zu verlieren, viel zu ge- 
gewinnen hat — eine Behauptung, die sich zu alten Vorurteilen 
in bewußten Gegensatz setzt — wird gewiß nicht ungastlicher sein 
als sein literarischer Ruf. Von den Klöstern versteht sich die 
liberalste Gastfreundschaft von selbst, und das historische Material 
über die Städte Hegt zum größten Teil im Landesarchiv gesammelt. 
Freilich, ohne planvolles Zusammenarbeiten wird auch hier das Ziel 
nicht so bald und nur unvollkommen erreicht werden. Wenn end- 
lich auch in Österreich wie anderswo junge, unverbrauchte Kräfte 
es werden wagen können, sich der historischen und ökonomischen 
Forschung zu widmen, ohne fürchten zu müssen, durch solche Be- 
schäftigung ihre Laufbahn zu beeinträchtigen, werden diese ver- 
zauberten Schätze sich auftun; aber es erfordert der Dienst der 
Sache die ganze heilige Kraft, nicht das schäbige Restchen, das 
die Sorge um das rechtzeitige Doktorexamen und das liebe Brot 
übrig läßt. „Und man wird sich durch die Erfahrung überzeugen, 
wie es bisher der Fortschritt der Wissenschaft bewiesen hat, daß 
der reellste und ausgebreitetste Nutzen für die Menschen nur das 
Resultat großer und uneigennütziger Bemühungen seien, welche 
weder taglöhn ermäßig ihren Lohn am Ende der Woche fordern 
dürfen, aber auch dagegen ein nützliches Resultat für die Mensch- 
heit weder am Ende eines Jahres, noch Jahrzehnts, noch Jahr- 
hunderts vorzulegen brauchen." — So wenigstens meint Goethe. 

Demnächst drängt sich selbst dem flüchtigen Betrachter eine 
Beobachtung auf und veranlaßt den Aufmerksamen zu tieferem 
Nachdenken. Diese böhmische Erde hat durch die Jahrhunderte 
das Blut und den Schweiß vieler Generationen getrunken. Sollte 
es nicht mehr als alles andere die geheimnisvolle Kraft dieser Ver- 
mählung mit der Erde sein, die, von aussichtslosem Kampf und 
Mißerfolg ungeschwächt, die Deutschen des Landes immer wieder 
und immer noch wie um das heilige Grab ihres Volkstums, um 
ihre geweihte Heimstätte, kämpfen läßt? Wenn die Mühsal und 
Arbeit der Vergangenheit einen moralischen Anspruch zwar nicht 
auf den Genuß, wohl aber auf die Existenz und Arbeit in der 
Gegenwart verleiht und die Brutalität des Naturgesetzes durch den 
Gedanken der Humanität gesänftigt werden kann — dann haben 
die heute im Lande wohnenden Deutschen ein gutes Recht auf das 
Dasein als kostbares Erbe ihrer Väter. Mögen sie es gut verwalten ! — 



Vorwort. y 

Ein Wort noch über die methodischen Grundsätze, mit denen 
ich an meinen Gegenstand herantrete. Brentano hat vor nunmehr 
fast zwei Jahrzehnten (1893 in der „Zeitschrift für Sozial- und 
Wirtschaftsgeschichte" I) den Standpunkt der „aktenmäßigen" wirt- 
schaftsgeschichtlichen Forschung treffend gekennzeichnet. Er meint, 
die Akten seien ein Verhängnis geworden und hätten bewirkt, daß 
begeisterungsverbrämte Auszüge mit nationalökonomischen Unter- 
suchungen und wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen verwechselt 
würden. Ich wüßte nicht zu sagen, daß es seither viel besser ge- 
worden. Mir aber scheint es, daß der Geschichtsschreiber — heute 
wenigstens — , da Gewissenhaftigkeit des Arbeitens und Kenntnis 
des Materials sich von selbst versteht, nicht mehr nötig hat, sich 
seiner Phantasie zu schämen, so wenig wie der Musiker seines Ge- 
hörs und sich zur Askese der Gedankenlosigkeit auch dann nicht 
zu verurteilen braucht, weil sein Gegenstand, die Wirtschaft, zufällig 
die Poesielosigkeit selbst ist. Er trete nur ein : nam et hie dii sunt. 
Der berühmte historische Sinn, auf den wir uns so viel zugute tun, 
ist notwendig nichts anderes als philiströse Kuriositätenhascherei, 
oder aber er ist das Bedürfnis nach Ausdeutung des lebendigen 
Geschehens. Ranke hat recht, daß nicht die Sammlung der Tat- 
sachen und ihre Ineinanderfügung, sondern ihr Verständnis das Amt 
der Historie sei. Geschichtschreiben heißt gewiß nicht Fakten auf- 
und aneinander reihen, sondern auswählen können, mit Leben er- 
füllen, und alle Geschichte ist ihrer Natur nach universal, nicht nur 
in dem Sinn, daß der Drang nach Erkenntnis des Ganzen den 
Geschichtschreiber fortreißt zur Umfassung aller Zeiten und Länder, 
sondern weil er selbst im Einzelnen und Beschränkten das Ganze 
sehen, im Splitter, der durch die Zeit geschleudert, den Kosmos 
spüren muß. So verwandelt sich mir die Wirtschaftsgeschichte aus 
einem Beitrag zur Kulturgeschichte zur Kulturgeschichte der Wirt- 
schaft, sei es überhaupt, sei es einer bestimmt abgegrenzten Epoche 
oder eines Landes. 

Das vorliegende Buch erhebt freilich keinen anderen Anspruch 
als einem ersten Versuch und Anlauf füglich beigemessen werden 
kann. Besitzt es diese Kraft der Anregung, so wird es gern in die 
bescheidene Stellung einer bloßen Vorarbeit zurücktreten und dann 
auch dem gewöhnUchen Schicksale aller ersten Versuche, von den 
Nachfolgern gering geschätzt und nur nach den Mängeln und Un- 
Vollkommenheiten — die niemand besser kennt als der Verfasser — 
beurteilt zu werden, mit Gleichmut sich unterwerfen. Jedes Buch 
ist in gewissem Sinn ein Verzicht und schließt im Verhältnis zu 



VI Vorwort. 

dem Elan, mit dem man beginnt, mit einem Defizit, mit einem Mehr 
an Nichtgesagtem, aber der Historiker muß den Mut finden, nicht 
nur zu sagen, was ist, sondern den größeren, zu verschweigen, was 
nichts bedeutet. Wenn aber vollends der Eindruck entstehen sollte, 
daß ich unvollständig in der Erwähnung der früheren Leistungen 
oder gar in der Benutzung des amtlichen Materials geblieben sei, 
so antworte ich im voraus, daß ich es vorgezogen habe, unvoll- 
ständig zu scheinen als unselbständig zu sein. — 

Somit ist das Ziel und die Absicht des Buches festgestellt ; sein 
Lebenslicht ist erloschen, sein Zweck ist erfüllt, sobald es über- 
flüssig geworden ist. Möge bald derjenige erscheinen, den Elea 
domum reducat palma caelestem.^ — 



* Es lag ursprünglich in meinem Plane, eine Geschichte der Preise in 
Böhmen zu schreiben. Für die dazu nötigen Kechenarbeiten wurden mir 
seinerzeit von der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst 
und Literatur in Böhmen Geldmittel zur Verfügung gestellt. Unter der Hand 
hat sich mir das Thema gewandelt: aus einer Geschichte der Preise wurde eine 
Industriegeschichte Böhmens in der Neuzeit. Aus mir nicht bekannten Gründen 
hat sich die Gesellschaft gegen die Veröffentlichung der vorliegenden Unter- 
suchungen in einer von ihr veranstalteten Sammlung wirtschaftsgeschichtlicher 
Monographien ausgesprochen. 

Heidelberg, im November 1912. 



VII 



Inhaltsverzeichnis, 



Seite 

Vorwort III 

Einleitung 1 

I. Der Bergbau 5 

Rechtsgrundlagen 5 

Die Entwicklung der Herrschaft im böhmischen Bergbau ... 5 
Die Bergbaufreiheit und die Entwicklung der Untemehmungs- 

fonnen 19 

Das Recht der Bergarbeiter und seine Wandlung 29 

Die Bergstadt und ihr Recht 37 

Kuttenberg und Joachimsthal 41 

Die privat-, national- und weltwirtschaftliche Bedeutung der böh- 
mischen Bergwerke 65 

Das Leben der Bergstädte (mit besonderer Berücksichtigung von 

Joachimsthal) • 83 

Die Ursachen des Mißerfolges der böhmischen Bergbaupolitik des 

sechzehnten Jahrhunderts 112 

Die Bergwerke und die Staatsfinanzen 127 

Die Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft 137 

Künstlerische und religiöse Kultur 151 

Der Bergbau auf niedere Metalle 157 

Eisen 157 

Alaun und Vitriol 171 

Der Kohlenbergbau 173 

Salz 176 

Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation .... 187 

Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung 207 

Der Verfall der Bergstadt 220 

II. Die Glasindustrie 236 

Grundlage der Entwicklung 286 

Die Glashaudelskompanien 246 

Die Organisation der Glasmacher 256 

Soziale Verhältnisse im Glasgewerbe 261 

Statistisches T 266 

Der Niedergang des Glasgewerbes . . . '. 269 

Der Grundherr als Unternehmer 27Ö 



YJJJ Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

III. Die Textilgewerbe 28» 

Das Wollgewerbe 291 

Die Baumwollindustrie 330 

Die Leiuenindustrie 365 

Anmerkungen 396 

Anhang 485 

Zur Münz- und Geldgeschichte Deutschlands und Böhmens vom 

16. bis 18. Jahrhundert 487 

Zur Geschichte der böhmischen Taler 503 

Über Groschen 509 

Anmerkungen 514 

Tabellen zum Anhang 517 

Auszug aus dem Conferenz - Register bei der Hoch Gräflichen 
Excellenz (P. T.) Josef Johann Maximilian Kinskyschen Herr- 
schaft Bürgstein und Gut Schwoika Anno 1778 ....... 527 

Weizenpreise auf der Herrschaft Tetschen 539 

Materialien zur Geschichte der Preise von Textilprodukten und ihren 
Rohstoffen auf einigen böhmischen Herrschaften. (Nach archi- 

valischen Quellen.) 543 

Autoren- und Sachregister 616- 



Einleitung. 



Jjem Bunde des Staates mit der Natur, des geistigen HeiTen- 
rechts mit den tellurischen Urkräften, ist die große Industrie, die 
männlichste Leistung der friedlich gewordenen Welt, entsprossen. 
Der Staat oder — was dasselbe ist — der König ist der erste 
große Unternehmer; kraft königlichen Rechts werden dem Boden 
seine Schätze abgewonnen, verarbeitet und dem König fließen sie 
wieder zu. Der Kreislauf des wirtschaftlichen Lebens ist ein kurzer 
und einfacher, der Staat oder der mit seinem Recht Begnadete 
fördert das Edelmetall, verarbeitet es in seinen Werkstätten und 
konsumiert es : Natur, Wirtschaft und Recht bilden eine organische 
Einheit. Unter der Berührung des milden königlichen Zepters 
erwacht die Erde aus ihrer tausendjährigen Gebundenheit aufs neue 
und bietet, was sie an Schätzen birgt, dem, der sie zu beherrschen 
wagt. Willig unterwirft sich der gebärende Stoff der unstofflichen 
Kraft, die ihn aus Penia zum Plutos umwandelt. Soll es uns ver- 
wehrt sein, ehrwürdige Mythen, in denen geschichtliche Erfahrung 
sich auf eigentümliche Weise manifestiert, einmal in diesem Sinne 
zu deuten? Aus der Verbindung von Uranos und Gäa gingen die 
Titanen hervor, deren letzter Sproß, der menschenfreundliche 
Prometheus, ein Bild der Menschheit selbst wird, „wie sie mit 
unseliger Voraussicht an ihr enges Dasein festgeschlossen, ohne 
irgendeinen Bundesgenossen, den gegen sie verschworenen un- 
erbittlichen Naturmächten ein unerschütterliches Wollen und das 
Bewußtsein ihrer hohen Ansprüche entgegenzusetzen hat" ^ 

„Dem Schoß der Erde 
Entwühlt' ich ihnen neuen Vorteils viel 
Erz, Eisen, Silber, Gold, wer rühmt sich's 
Vor mir entdeckt zu haben? 
Prometheus hat die Menschen jede Kunst allein gelehrt." 

Einfach und unkompliziert, recht eigentlich bodenständig und 
erdhaft waren wie die Mittel so auch die Zwecke der Wirtschaft 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 1 



2 Einleitung. 

selbst. Der König — er fast allein unter allen — braucht Geld, 
er entnimmt es den Orten, wo die Vorsehung es hat „wachsen" 
lassen und er wieder verwendet es nach eigenem Willen und Zweck. 
Er lockt durch Aussicht auf Gewinn auch „Ge werken" an aus nah 
und fern, aber immer bleibt er ihr Herr, sie sind Unternehmer 
nicht nach privatem, sondern Beamte, Staatsdiener nach öffentlichem 
Recht, und ihr Gewinn war und blieb immer kleiner als ihre 
Hoffnungen und Wünsche. Nirgend so sehr, wie bei diesem früheren 
Bergbau, dem silbernen Zeitalter, das mitten zwischen dem goldenen 
und ehernen verfließt, zeigt es sich, wie die Geschichte der mensch- 
lichen Arbeit und ihrer Errungenschaften zusammenfällt mit der 
Geschichte der menschlichen Illusionsfähigkeit, mit der Geschichte 
des faustischen Heroismus der Alltagsmenschen. Im Anfang der 
Industrie war das Regal, ihr Recht war öffentliches, war staatliches 
oder königliches Recht. Die Geschichte dieser ersten deutschen 
Großindustrie aber ist die Geschichte einer Scheidung; das Band 
zwischen Staat und Natur wird immer lockerer, undichter, unhalt- 
barer zugunsten anderer einzelner, zwar quasi staatlicher Standes- 
personen, die aber von neuen Zwecken, von einem anderen Geist, 
dem Geist der Neuzeit, der in habende cupiditas, wie die Kirchen- 
väter sagten , erfüllt waren als der mildere König , der sein Regal 
wenigstens ideell als ein ihm vom Volk übertragenes Recht zu 
dessen Nutzen und Wohlfahrt „gemeinwirtschaftlich" ausübte^, 
während freilich die harte Wirklichkeit ihn nötigte, das Regal als 
die große Staatssparkasse zu betrachten und nur eine christliche 
Fürsorge für die Berggemeinde, eine soziale Industriepolitik gewisser- 
maßen an den gemeinwartschaftlichen Sinn des Bergregals erinnerte. 
Steht der Staat am Anfang und an der Wiege als Begründer der 
Industrie, so vollzieht sich ihre Entwicklung unter dem Zeichen der 
Lostrennung vom Staate und der Nutzbarmachung staatlicher Hoheits- 
rechte zu erwerbswirtschaftlichen Zwecken, denn die GrundheiTen 
sind die Vertreter der Wirtschaft, sie sind die Wölfe Dantes, die 
er zu geißeln nicht müde wird, und der kapitalistische Geist zersetzt 
die alte organische Einheit, die Trinität von Staat, Wirtschaft und 
Natur löst sich auf und jedes Organ wird „Bestandteil" und geht 
nunmehr selbständig seiner Wege nach eigener Ordnung und Gesetz- 
mäßigkeit. Ob sie sich am Ende der Tage wieder zusammenfinden ? 
Was im siebzehnten Jahrhundert die Merkantilisten postulieren : 
einen Bund des Staates mit der Wirtschaft, war früher einmal in 
gewisser Weise schon verwirklicht gewesen, als in primitiveren und 
schlichteren Zeitaltem diese beiden lebenbeherrschenden Mächte 



Einleitung. 3 

eine ungescliiedene Einheit bildeten mit gleichem Zweck und gleichem 
Ziel, während jetzt nach ihrer Trennung dieser Bund nur als ein 
getrenntes Marschieren und vereintes Schlagen und gewissermaßen 
nur als eine Verstandesehe nach der Theorie gemeint sein konnte. 
Und wenn nach den Merkantilisten die Physiokraten, den Staat in 
den Hintergrund drängend, eine Art Rückkehr der Wirtschaft zur 
Natur in dem zwiefachen logischen und physischen Sinne dieses 
Wortes predigten, weil sie allein, die ewig Gebärende, Reichtum, 
d. h. nach physiokratischer Anschauung, Materie oder Substanz 
schaffe, so waren auch sie in diesem Fall weniger unhistorisch und 
wirklichkeitsfremd als sonst in vielen anderen^. 

Hier soll nun in wirtschaftshistorischer Absicht die Industrie- 
geschichte eines einzelnen deutschen Grenzlandes, eines der am 
weitesten vorgeschobenen Posten, des Landes Böhmen, erzählt 
werden, das aber den für wirtschaftliche Betrachtungen großen 
Vorzug der Abgeschlossenheit, Isoliertheit und eben darum Selb- 
ständigkeit und Eigenartigkeit hat. Rings von Bergen als einem 
natürlichen Grenzwall umschlossen, ist es den Welthändeln und 
Weltbewegungen weniger ausgesetzt, die sich an den Kämmen der 
Berge brechen und das Land immer verspätet und wie eine 
sanfte Welle oder ein leiser Nachklang berühren, darum aber nicht 
gerade zum ewigen Stillstand und Unbewegtheit verurteilt, da es 
vielmehr vom eigenen Zentrum getrieben und mit den lü'äften und 
Kämpfen, die sein inneres Leben auslöste, allezeit genügend beschäftigt 
gewesen ist. Oft und immer wieder haben der geheimnisvolle Reich- 
tum seiner Erde, die mannigfaltige Schönheit seiner Fluren, die eigen- 
artige Begabung seiner Bewohner, fremde unternehmende Menschen 
über die Berge ins Innere gelockt. Immer wieder ist seine von 
der Natur exzeptionelle und vielleicht nur mit England vergleichbare 
Stellung den größten Länder- und Menschenkennern aufgefallen. 
Friedrich der Große bekennt, daß „es nirgend so schwer ist, Krieg 
zu führen als in Böhmen. Dieses Königreich wird von einer 
Gebirgskette umschlossen, die den Eintritt und den Ausgang daselbst 
gleich gefährlich macht" *. Goethe spricht von der Lage als von 
der natürlichen Würde dieses Königreichs : „Es ist ein Land, dessen 
beinahe viereckte RäumUchkeit rings von Gebirgen eingeschlossen 
nirgendshin verzweigt ist, eine große mannigfaltige Flußregion, fast 
durchaus von eigenen Quellen bewässert, ein Kontinent mitten im 
Kontinente , wenig unter 1000 Quadratmeilen enthaltend" ■^, und 
vergleicht gelegentlich die schroffe geistige Abgeschlossenheit und 
Isoliertheit des Landes mit dessen merkwürdiger geologischer 



4 Einleitung. 

Eigenart. Und Goethes Freund, Graf Caspar Sternberg, dem die 
geistige Kultur des Landes so viel verdankt, leitet sein klassisches 
Werk über die Geschichte des böhmischen Bergbaues mit solchen 
Worten ein: „Es ist kaum ein anderes Land so sehr dazu geeignet, 
die selbständige Geistesentvricklung einer Nation anzuweisen, als 
das durch seine geognostische Bildung abgeschlossene, von den 
römischen Legionen nie betretene Böhmen: vs^enn die auf blutigen 
Bahnen streitender Völkerschaften forteilende Weltgeschichte es 
der Mühe v^ert gehalten hätte, in ruhigen Zv^ischenräumen dem 
inneren Leben nachzuspüren, w^enn die einheimischen Chronisten, 
aus welchen geschöpft werden muß, in der Mehrzahl vielseitig ge- 
bildete Männer gewesen wären, die sich auf denjenigen Standpunkt 
erhoben hätten, von welchem herab es möglich war, dem Volksleben 
folgend, den Geist des Jahrhunderts zu erfassen und leidenschaftslos 
darzustellen. " 

Von dem Edelmetallbergbau, der ältesten deutschen Großindustrie, 
soll nunmehr erzählt werden, aber nicht weiter zurück als bis zu der 
Ära, die mr die neue Zeit zu nennen uns gewöhnt haben, bis zum 
Beginn jenes revolutionärsten aller Jahrhunderte, dem sechzehnten. 
In dieser Zeit aber ist der große Streit zwischen König und Grund- 
herren über das Bergwerkseigentum schon zuungunsten des Königs 
entschieden, und nur wie ein letztes Aufbäumen und als tragischer 
Abschluß erscheint uns der Versuch des großen Ferdinand I., die 
königlichen Vorrechte wieder zu Ehren und Ansehen zu bringen. 



Der Bergbau. 



Rechtsgrundlagen. 

Die Entwicklung der Herrschaft im böhmischen 

Bergbau. 

Jjedeutsamer als die Frage, ob alles Berg Werkseigentum Regal, 
königliches, d. h. öffentliches oder staatliches Recht oder aus diesem 
abgeleitetes Privatrecht sei, scheint mir für den Wirtschaftshistoriker 
die andere, wie zu einer bestimmten Zeit die tatsächliche Macht, 
die in den Eigentums- und Rechtsverhältnissen sich ihre jeweilige 
Ordnung gibt, zwischen König und anderen Eigentümern vei-teilt 
war. Denn eben diese verschiedene Machtverteilung hat vielfach 
auch einen verschiedenen wirtschaftlichen Inhalt; der König oder 
die anderen Eigentümer verfolgen wirtschaftlich verschiedene Zwecke 
mit verschiedenen Mitteln. Man will anderes und man will es 
anders. Die Ableitung aller Gerechtsame aus dem Regal bedeutet 
gewissermaßen nur einen theoretischen End- oder vielmehr Anfangs- 
punkt der Erklärung, über den w4r nicht weiter hinausgehen, und 
womit alle Eigentümer ihrer tatsächlichen jeweiligen Macht eine 
besondere Weihe und die Würde des Rechts zu geben gedachten 
und wir uns am Rückgang der historischen Analyse als einem 
letzten zufriedengeben: das Regal ist die Rechtfertigung der Macht 
vor sich selbst ^. Das Regal ist uns also nur ein besonders heiliges, 
hochstehendes Recht, und die wirtschaftlich relevante Frage ist die 
Teilung der Macht zwischen Staat und Privaten, der Kampf und 
Streit nicht zwischen Regal und Nichtregal, sondern zwischen 
staatlichem, königlichem, öffentlichem Regal und seiner prinzipiellen 
Bedeutung einerseits und privatem Regal anderseits, zwischen dem 
König und denen, die sich ihm gleich fühlten, dem Staate und 
denen, die Teile der staatlichen Macht für sich zu erobern und fest- 
zuhalten verstanden. Wirtschaftlich aber bedeutet dieser Kampf 
vielfach den Streit zwischen „gemein wirtschaftlich" oder sozial ver- 
waltetem und fiskahsch genutztem Klein- oder Mittelbetrieb und 
privatwirtschaftlich, kapitalistisch und monopolistisch genutzter Groß- 



(5 Rechtsgrundlagen. 

Unternehmung. Ob das Bergregal selbst ein Recht des Königs als 
König oder ursprünglich ein grund herrliches , ob jeder Grundherr 
also ein kleiner König oder der König nur als ein großer Grundherr 
galt — das ist wegen der bloß formalen Bedeutung des Regal- 
l)egriffs wohl nicht zu entscheiden. Ein jeder, der die Macht hatte, 
konnte sich darauf berufen, und die Abtretung des Bergregals an 
die Kurfürsten in der goldenen Bulle und an die Reichsstände im 
Westfälischen Frieden kodifizierte und legalisierte nur eine längst 
geübte Praxis und war ein Bündel mehr, das aus dem Strahlen- 
kranz der königlichen Rechte in Deutschland gepflückt wurde. So 
werden wegen des praktischen Charakters des Regals als einer 
Rechtfertigung a posteriori tatsächlich bestehender Machtverhältnisse 
auch die Meinungen über die letzten Quellen des Bergwerkseigen- 
tums verschieden bleiben 2. 

Adam Smith, der rationale Historiker, der so gern das, was er 
vor sich sah, als das nicht in der Gegenwart, sondern in der Ver- 
gangenheit Vernünftige und das Vergangene als das Unvernünftige 
in der Gegenwart erklärte, Adam Smith hat bekanntlich das Berg- 
werkseigentum als ein „natürliches" Zubehör zum Boden und Recht 
des Grundeigentümers angesehen und nennt (11. Kapitel) das Berg- 
regal und die damit verbundene Bergbaufreiheit eine Verletzung 
der geheiligten Rechte des Privateigentums zugunsten der angeblichen 
Interessen der Staatseinkünfte; und auch die auf ihn folgende 
Schule, die sich historisch nannte und im Grunde doch nur liberal 
war, projizierte ihre liberalen Ideale als reine Vernunft in die 
Vergangenheit: dem Grundeigentümer gehöre, was auf der Erde 
ist und in der Tiefe sich regt und wächst. Anders die Männer der 
französischen Revolution, die den Absolutismus des nationalen 
Staates lehrten, und die jüngere historische Schule. Für sie ist die 
„Trennung der Verfügungsgewalt über die Mineralien vom Ober- 
flächeneigentum der ursprüngliche Rechtszustand" ^, und der Begriff 
Bergbau geradezu durch diese Differenz determiniert. „Der Inhalt 
aller dieser Rechte geht dahin, daß der Staat, nicht der Grund- 
besitzer Eigentümer der Mineralschätze war und daß er sein Eigen- 
tum sich meist dadurch nutzbar machte, daß er jedem den Bergbau 
gegen sehr hohe Abgaben, mit Vorbehalt seines (Ober-)Eigentums 
unter staatlicher Aufsicht und der Bedingung fortdauernden vor- 
schriftsmäßigen Betriebs innerhalb staatlich zugemessener Felder 
gestattete, wobei — um zum Bergbau anzulocken — dem Entdecker 
eines erzhaltigen Ganges die Zuteilung eines gewissen Feldes in 
Aussicht gestellt wurde (Finderrecht)" *. 



Die Entwicklung der Herrschaft im böhmischen Bergbau. 7 

Diese gesichert scheinenden Resultate historischer Forschung 
sind nun neuerdings lebhaft bestritten worden von einer Lehre, 
die ausgerüstet mit allen Mitteln historischer Akribie, die Dogmatik 
der liberalen Schule zu bestätigen scheint, ohne sich aber mit deren 
praktischen Folgerungen zu identifizieren. In diesen Streit der 
Rechtshistoriker über den Regalbegriff und seine Geschichte uns 
einzumischen, haben wir um so weniger Veranlassung, als dasjenige, 
was den Rechtshistoriker und was den Wirtschaftshistoriker inter- 
essiert, nicht ein und dasselbe ist. Uns liegt hier nicht so sehr 
an der Geschichte dieses „Begriffs", seines bedeutungsvollen Wandels, 
sondern dessen, was er bedeutet, es interessiert uns nicht die ehr- 
würdige Firma sozusagen, unter deren Schutz sich die tatsächlichen 
Machteingriffe und -Verschiebungen vollziehen, sondern diese letzteren 
selbst. Wir haben hier die Materie, die das Recht ordnet, das Chaos, 
wenn man will, das die Realität bedeutet, im Auge. Wir gehen 
hinter das formale Recht zurück auf das, dessen Formung das Recht 
ist. Immerhin beansprucht dieser neueste wissenschaftliche Stand- 
punkt ein besonderes Interesse von uns deshalb, weil die geschicht- 
liche Entwicklung in Böhmen so verläuft, 'als ob diese Theorie Recht 
hätte ; oder anders ausgedrückt, weil diese Theorie durch die geschicht- 
liche Entwicklung des Bergbaues in Böhmen in der neueren Zeit 
verifiziert zu werden scheint^. 

Der Zwiespalt der Meinungen entspringt just an dem Punkte, 
wo es sich darum handelt, die Natur der Bergwerksabgaben zu 
erklären. Diese Erklärung fällt verschieden aus, jenachdem, ob man 
ein ursprüngliches königliches Regal annimmt, in dessen Konsequenz 
der König, indem er einen Betriebsvertrag mit Privaten abschließt 
und ihnen die Nutzung seines Eigentums überläßt, eine Abgabe 
einhebt, oder ob man die Ansicht vertritt, daß die Zehentsteuer 
das Ursprüngliche ist, dessen Einhebung erst später mit dem Regal 
gerechtfertigt wurde und die auf die eigentliche Nutzung der Berg- 
werke gerichteten Ansprüche erst auf dieser Abgabenpflicht auf- 
gebaut wurden. 

Zw^ei Hypothesen stehen einander also gegenüber: die eine 
(Arndt, Schmoller, Gothein), die ein regales Eigentum an sämtlichen 
Metallschätzen annimmt, das stets gegen Zins an Private verheben, 
aber erst mit der Zeit durch derartige Überlassung an andere zur 
„Herrschaft" geworden sei, und die andere (Zycha) , wonach das 
Recht auf die Substanz nicht im Untergehen begriffen, sondern erst 
neben und nach dem Recht auf den Zinsbezug aufgelebt sei. Dieser 
Hypothese zufolge sei das „Regal" erst allmählich aus einem aU- 



8 Rechtsgrundlagen. 

gemein anerkannten Recht auf den Renten b e z u g zu einem neuen 
Recht auf den Rentenfonds geworden, und zwar wäre es ein 
Scheinrecht, gewissermaßen eine listige Erfindung der Gnmdherren 
gewesen, um sich von dem lästigen Zins (Zehent) zu befreien, eine 
Erfindung aber, die sich seit Mitte des zwölften Jahrhunderts etwa 
gegen die Erfinder selbst kehrte, als die Kaiser mit diesem „theo- 
retischen" Recht Ernst machten^- Die Grundherren hätten dann 
auch alsbald gegen dieses neue königliche Regal remonstriert, denn 
das ursprüngliche Verhältnis des Grundeigentümers zu den 
Bergwerksnutzungen seines Bodens sei kein anderes gewesen wie 
das zu den gewöhnlichen Bodennutzungen landwirtschaftlichen 
Charakters überhaupt, abgesehen von einer besonderen Steuerpflicht'. 
Sollten da nicht wirtschaftliche Aspirationen der Grundherren, 
die sich namentlich in einer viel späteren Zeit ganz offenkundig 
geltend machten, aber auch schon in dieser frühen nicht unwirksam 
gewesen sein mögen : das Bergwesen zu einer Pertinenz des Grund- 
besitzes zu machen und den Berg mit dem Boden zu einer möglichst 
engen wirtschaftlichen Einheit, einer Verwertungseinheit zu ver- 
binden, als das Recht der Vorzeit gedeutet sein? 

Für diese Anschauung gibt es konsequenterAveise auch keine 
allgemeine Bergfreiheit (bis zur Zeit des Sachsenspiegels etwa), 
da Beleihender und Beliehener ein und dieselbe Person : der Grund- 
herr ist: der Grundeigentümer selbst ist der Träger der regalen 
Betriebserlaubnis. Die allgemeine Bergbaufreiheit sei demnach eine 
späte Erfindung, die zur Zeit der Entstehung des Sachsenspiegels 
„sich erst im Stadium des Werdens befand". Es habe vielmehr 
nur eine grundherrliche Bergfreiung gegeben, der souveräne Wille 
des Grundherren habe eine freie Stätte geschaffen, wo Freiheit der 
Person, der Arbeit, des Verkehrs usw. herrschte und die „w^enn 
auch nur gegen Erfüllung gewisser Bedingungen und insbesondere 
unter dem Vorbehalt des Übereinkommens für den Fall eines 
Fundes, der Arbeit jedesBergmanns zugänglich war " . Die Ver- 
bindung mit dem Regal, die sich nicht leugnen läßt, erklärt diese 
Theorie daraus, daß die Bergbaufreiheit ohne regale (d. h. staatliche 
Ordnung des Bergwesens überhaupt nicht denkbar sei — aber darum 
handelt es sich ja gerade, wer befugt war, dieses Recht zu setzen ! — 
und daß anderseits die Regalherren sie aus eigenem Interesse an 
einer möglichst raschen Hebung der Bodenschätze auf das eifrigste 
förderten und mit den regalen Ansprüchen durchzusetzen 
suchten. Die Verbindung nun von Regal und Grundeigentum in 
ein und derselben Person (dem Landesherrn) ist für die spezifische 



Die Entwicklung der Herrschaft im böhmischen Bergbau. 9 

Ausgestaltung des böhmisch - sächsischen und damit des mittel- 
alterhchen Bergrechts überhaupt von weittragender Bedeutung ge- 
wesen. — 

Die Freigebung des Bergbaues durch den Landesherrn als 
Regalherrn bzw. Grundeigentümer, bedeutete nichts weniger als die 
Kolonisation unfruchtbarer oder sonst wahrscheinlich unbewohnt 
gebliebener Gegenden, und die autonome Verwaltung der Berg- 
gemeinde hat in Böhmen am meisten zur Besiedelung und Beförderung 
des Bergbaues beigetragen und hier die größten Fortschritte gemacht. 
Aber diese Entwickelung , die partielle lokale Anerkennung der 
Bergbaufreiheit, sei kein Beweis dafür, daß bis zum Beginn des 
dreizehnten Jahrhunderts der Grundeigentümer allgemein die Pflicht 
gehabt hätte, den Bergbau dulden zu müssen, das Recht könne ihn 
nicht zwingen, Bergbaufreiheit zu gewähren, nur freiwillig, sagt 
man, habe er auf das Recht zum Widerspruch verzichtet, dann 
aber wird er Herr des gefreiten Berges, Bergherr, oder, wie der 
Sachsenspiegel sagt, es kommt ihm die Vogtei über den Bergbau 
zu. Die „Vogtei" des Sachsenspiegels besteht, wie diese Theorie 
annimmt, in dem Recht des Grundherrn, den Berg nach gewissen 
Bedingungen zu „verleihen"^, d. h. der Grundherr hat prinzipiell die 
Wahl, ob er den Bergbau in eigener Regie führen oder an eine 
Genossenschaft freier Bergleute austun will. Entschließt er sich 
zur zweiten Eventualität, so wird der Berg „frei'" und der Grund- 
herr Bergvogt, dessen Rechte im einzelnen vsind : die vertragsmäßige 
Übertragung des Bergbaurechts in einer bestimmten Grube an eine 
Genossenschaft von Bergleuten, das Recht auf Abgabe, auf Aufsicht, 
des Heimfalls nicht gebauter Gruben und der Gerichtsbarkeit über 
die Bergleute^. 

Aus dieser überragenden Position nun wird dieser Theorie zu- 
folge der Grundherr verdrängt. Auf der vollen Höhe des Mittel- 
alters — etwa zur Zeit Friedrich Barbarossas — besteht, vielleicht 
unter dem Einfluß römisch-rechtlicher Gedanken, das Reichsregal, 
aber zu einer lebendigen wirksamen Macht, nämlich zu einem den 
ganzen Bergbau umfassenden Einheitsrecht des Staates, zu einer 
staatlichen Ordnung des gesamten Bergwesens in allen seinen Teilen 
und Einzelheiten wird das Regal erst in den Händen der Landes- 
herren, eine Entwicklung, die sehr früh einsetzt und in der goldenen 
Bulle Karls IV. schon eine erste Kodifikation erfuhr. Von der 
Interessenharmonie zwischen Landesherrn und gewerkschaftlichem 
Unternehmertum oder, wie wir sagen können, zwischen Fiskus und 
Kapital (oder auch Arbeit), wird der Grundeigentümer aus seiner 



\Q Rechtsgrundlagen. 

Stellung herausgeworfen, der Bergbau von dem Grundeigentum 
emanzipiert, es entwickelt sich die allgemeine Bergbaufreiheit, 
d. h. das Übergewicht des money interest über das landed interst. 
Der Grundherr, ursprünglich völlig souverän in der Verfügung über 
sein Eigentum — worunter auch der unterirdische Reichtum des 
Bodens verstanden wird — , dann Vogt, der eventuell den Bergbau 
duldet, wird nunmehr seiner Macht entkleidet: er muß die Besitz- 
störung auf seinem eigenen Grund und Boden dulden, er hat kein 
Widerspruchsrecht, weil die allgemeine Bergbaufreilieit nicht ein 
Recht des Grundherrn, sondern des Königs, Ausfluß des Regals ist. 
Ja diese allgemeine Bergbaufreiheit verpflichtet nicht bloß zur Über- 
lassung des Bodens, zu Schürf versuchen und zum eigentlichen 
Bergwerksbetrieb, sondern auch zur (entgelthchen oder unentgelt- 
lichen) Abtretung von Plätzen an der nicht durch Berggebäude 
beanspruchten Oberfläche, sogenannten Hofstätten, zum Zwecke der 
Errichtung von Kauen und Schmelzhütten, dann auch zur Viehweide. 
SchUeßhch ist der Grundeigentümer auch gebunden, den Holzbezug 
aus seinen Wäldern zu Zwecken des Grubenbaues zu gestatten^. 
Ob nun jene regalherrliche Theorie (Arndts) oder diese grund- 
herrliche (Zychas) richtig ist, d. h. rechtens war — in der Tat 
braucht und wird die Entwicklung nicht überall nach dem einen 
oder anderen Schema sich vollzogen haben — , soviel ist gewiß, daß 
auf dem Gipfel des Mittelalters die Macht, die reale tatsächliche 
Macht über das Bergwesen, dem Grundherrn entzogen und zwischen 
Landesherrn (Staat) und Gewerkschaften (Kapital) geteilt ist. Zwar 
waren die Grundherren nicht überall gleich machtlos, ja es scheint, 
daß sie in dem böhmisch-mährischen Rechtsgebiete nie ihre quasi- 
souveräne Herrlichkeit vöUig verloren haben w^e anderswo, sondern 
immer eine gewisse, den alten Bergherren ähnhche Ausnahmestellung 
sich bewahrten ^^, aber überall hatten sie auf diesem Gebiete eine 
starke Machteinbuße erlitten, und ebenso sicher ist, daß wir den 
Grundherrn erst dann wieder in eine präponderante Stellung vor- 
rücken sehen, wenn er selbst „kapitalistisch", w^enn er sich mit 
dem neuen Geist erfüllt haben, wenn er unternehmungslustig ge- 
worden sein wird. Dann aber wird die Staatsgewalt, einer neuen 
Konstellation (dem Bunde zwischen industriellem und landwirtschaft- 
lichem Kapital) gegenüberstehend, sich auf sich selbst besinnen, 
und dieser Sachverhalt steht als kennzeichnend an der Schwelle 
der neuen Zeit, mit der wir uns hier beschäftigen. Dies ist der 
Moment, in dem Ferdinand I. mit der grandiosen Gebärde des 
Herrschers, der sich selbst das Schwerste zutraut, gegen den Geist 



Die Entwicklung der Herrschaft im böhmischen Bergbau. \\ 

der Zeit sich zu stemmen, proklamiert, „daß dem regierenden Könige 
alle seine Bergwerke und Funde zustehen, die allenthalben im 
römischen Reichsbezirk in Wesen seien und gefunden würden, samt 
allen und jeden anderen Hoheiten , Obrigkeiten , Wasserzuflüssen, 
Hölzern, Hoch- und Schwarz Wäldern, Straßen, Wegfahrten und anderen 
dergleichen anhängig Zugehörenden und Stücken, ohne welche die 
Bergwerke nicht mögen erhalten, gebaut und in Aufnahme gebracht 
werden." Aber dieses Anstemmen war vergeblich : der Westfälische 
Friede hat dann das Reichsregal auch rechtlich beseitigt, und die 
Entwicklung, die sich im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts in 
Böhmen vollzieht, ist der Zychaschen Theorie zufolge eine Rück- 
kehr sozusagen zum Naturrecht des Bergbaues, zu den ursprüng- 
lichen und natürlichen Zuständen, wie sie abschließend der 
Sachsenspiegel kodifiziert, wenn eben die Zychasche Deutung der 
betreffenden Stelle richtig ist. Aber ganz gleich : bedeutsam ist für 
uns allein, daß diese Verschiebung der Regalherrlichkeit vom König 
weg zum Grundherrn hin eine Verschiebung der tatsächlichen Macht- 
verhältnisse, das Regal jetzt eine andere wirtschaftspolitische Potenz 
bedeutet, weil der Grundherr sich anschickt, aus einem Rentner zum 
Unternehmer zu werden, weil er seine kriegerischen Instinkte, seine 
Organisationsgabe, sein Befehlshabertalent, alle seine barbarischen 
Tugenden der Wirtschaft zur Verfügung stellt, die nunmehr der 
Stoff ist, den er gestalten , formen will nach seinem Bild. Was 
macht es aus, daß er Unternehmer von Königs Gnaden wird,, wenn 
er unter dem Schutze des königlichen Regals seine Pläne um so 
imgestörter entwickeln und, wirtschaftlich erstarkt und mächtig 
geworden, vielleicht selbst souverän und königlich werden kann: 
„Denn sie alle möchten werden wie die Götter" (Piatos Theages) . . . 
Nun aber kommt es in politischen wie wirtschaftlichen Machtfragen 
nicht bloß, ja nicht einmal hauptsächlich, auf die Prinzipien an, 
sondern auf die Individuen, die sie ausführen, oder wie es in den 
Konstitutionen Wenzels heißt: Quia parum prodest, in aliquo loco 
jura esse, nisi sint personae, qui jura manuteant et defendant, nam 
leges et plebiscita per vim sunt coactae. Ferdinand I. war in gewisser 
Weise diesen Bestrebungen ein starker Damm und wünschte wenigstens 
seine königHche Macht weithin sichtbar aufzupflanzen, freiUch ohne 
dauernden Erfolg. 

Der Übergang der regalherrlichen Macht vom König oder Staat 
an die Grundherren voUzog sich in mehreren Etappen. Der böhmische 
Bergbau des Mittelalters hatte seine Rechtsgrundlage in den con- 
stitutiones juris metalUci Wenzels II., jus regale montanorum genannt, 



\2 Rechtsgrundlagen. 

dem ersten und letzten Versuch, ein Landesbergrecht zu kodifizieren. 
Aufgebaut auf dem Iglauer Recht und redigiert zwischen 1300 und 
1305 scheinen diese Konstitutionen niemals, selbst in Kuttenberg 
nicht — wt)für sie in erster Linie berechnet waren — lebendiges 
Recht gewesen zu sein, sondern wurden frühzeitig zum „historischen", 
und zwar als von Joachimsthal her das sächsische Bergrecht in 
Böhmen eindrang, zum böhmischen, im Gegensatz zum „deutschen" 
Bergrecht Joachimsthals. Sie waren also totes Recht, unter dessen 
Schutz die Bürger ihre Freiheiten genossen und die Beamten ihre 
vom König beklagten Bedrückungen übten, und obwohl sie stets, 
vielleicht schon bei ihrer Entstehung, hinter den Erfordernissen der 
Wirklichkeit zurückblieben wurden sie formell nie widerrufen und 
„galten" bis 1854, bis nach fünfeinhalb Jahrhunderten ein neues 
österreichisches Berggesetz eingeführt wurde. 

In diesen Konstitutionen nun, die das Recht des absoluten könig- 
lichen Regals festlegen, sind der Regalherr wie der Grundherr für 
den auf seinem Privatbesitz betriebenen Bergbau auf ein Fixum 
gesetzt. Sie sind beide legale Mitunternehmer, d. h. von Gesetzes 
wegen an der Betriebsausbeute beteiligt. Dem König gebührt die 
Urbar, ursprünglich der achte Korb der Ausbeute, später der zehnte 
in Gold, ein sechzehnter Teil von den Lehenschaften (siehe später), 
femer behält er sich einige Abbaurechte vor (Königslanen , Über- 
scharen) , er hat ein Mitbaurecht an jeder Grube zu V32 und eine 
Schicht am Schmiedeneuntel (vgl. dieses bei Zycha), schließlich das 
Recht der Metalleinlösung ^^ Die Konstitutionen reflektieren hier- 
über, es solle künftig diese Abgabe nicht als unrechtliche, sondern 
gerechte und gebührliche angesehen werden, da niemandem dadurch 
ein Unrecht zugefügt würde. „Ist es uns nicht erlaubt, über das 
Besitztum unserer Kammer nach Belieben zu verfügen ? Wir führen 
es aber nicht als ein Novum ein, sondern wollen nur die Erfindung 
der alten Bergleute gutheißen, es steht ja jedem frei, ob er unter 
diesen Bedingungen unsere Bergwerke bauen willl ..." ^'^. Hatte 
der Regalherr etwa doch ein schlechtes Gewissen, daß es solcher 
Entschuldigungen bediirfte ? 

Der Anteil der Grundherren nun, mit dem sie de jure am 
Bergwerksertrag partizipierten, bestand erstens in dem sogenannten 
Herren- oder Abtslehen, das dem Grundherrn zum selbständigen 
Abbau vermessen wird, zweitens dem Ackerteil, d. i. ein Mitbau- 
recht zu V32. Dieses Ackerteil entwickelte sich im Laufe des fünf- 
zehnten Jahrhunderts zu den vier Erbkuxen, welche bis zum Ein- 
werfen von Kübel und Seil freigebaut, von da an bei Vermeidung 




Die Entwicklung der Herrschaft im böhmischen Bergbau. 13 

sonstigen Verlustes belegt werden mußten. Sie galten als Entgelt 
für die unentgeltliche Hof abgäbe, zu der der Grundherr verpflichtet 
war und wurden später (1575) auf zwei reduziert, wenn der 
GrundheiT außerstande war, Holz aus seinen Wäldern beizustellen. 
Drittens stand dem Grundherrn ein Teil der Urbar von jedem ge- 
messenen Berg zu ^^. 

Dieses Fixum , diese Bergwerksrente , auf die sie angewiesen 
waren, suchten die Grundhon-en durch Sonderverträge mit den 
Gewerken zu vergrößern. Hierzu aber bedurfte es der Exemtion 
von der allgemeinen Bergwerksverfassung. Diese Exemtionen 
waren ein politisches Mittel der Könige, mit denen sie sich die 
Dienste und Geneigtheit der Grundherren erkauften und wodurch 
sie zugleich ihre Finanzen erleichterten. Die Könige erteilten also 
„Fristungen" d. h. eben zeitlich begrenzte oder dauernde Befreiungen 
von den rechtlichen Verpflichtungen, von der Ablieferung des Zehents, 
seltener der Einlieferung des Metalls in die Münze, über deren 
Nutzen der König selbst sehr skeptisch urteilt (siehe Bergwerks- 
vergleich) und die der Grundherr in seinem wirtschaftlichen Interesse 
verwertet. Er legt sie sehr weitherzig aus und handhabt sie so, 
als ob ihm damit die volle Regalherrlichkeit übertragen worden sei 
und die königlichen Bergwerke nunmehr den Herrn gewechselt hätten. 
Der König selbst ersparte auf solchen privilegierten oder eximierten 
Bergwerken seine Beamten einzusetzen, und so ging dann die 
königliche Bergwerksverwaltung in die Hände des Grundherrn über, 
der die Stellen mit seinen Leuten besetzte , bzw. seinen landwirt- 
schafthchen Beamtenapparat auch diesem industriellen Zwecke dienst- 
bar machte und die Bergwerke seinerseits an Gewerken weiter 
verlieh. So wurde der Grundherr, vom König delegiert, letzte 
Instanz, Bergherr. Um nur einige bezeichnende Beispiele anzuführen: 
im Jahre 1511 erhielten Zdenek Low von Rozmital und seine Gewerken 
auf seine Bitte, Erz bauen und weiter verleihen zu dürfen, von 
König Wladislaw die Begnadigung, ohne Abgabe der Urbare und 
ohne Ablief ei*ung der gewöhnlichen Metalle zur Einlösung, zehn 
Jahre auf seinen Welhartitzer Gründen auf Gold, Silber, Kupfer 
usw. bauen zu dürfen (vgl. Sternberg, Urkundenbuch S. 242). Das 
ist eben derselbe Low von Rozmital, der nach dem Tode des 
Böhmenkönigs Ludwig in den Sümpfen von Mohacz (1526) eine 
Zeitlang als ernster Anwärter für den erledigten böhmischen Königs- 
thron in Betracht kam und der, ein mächtiger Gegner derer von 
Rosenberg, erst für Ferdinand I. gewonnen werden mußte und dem 
wohl hauptsächlich Ferdinand seine Wahl zum König von Böhmen 



14 Rechtsgruudlagen. 

ZU danken hatte. In den Instruktionen, die der Erzherzog Ferdinand 
von Wien aus an seine Gesandten in Prag schickte , heißt es , sie 
möchten sich besonders angelegen sein lassen, diesen Low von 
Rozmital, der Oberstburggraf von Böhmen w^ar, zu gewinnen, ihm 
auch die Erlassung der Rechnungslegung, oder wenn das Land 
darauf bestehen sollte, hierin wenigstens glimpfliche Behandlung zu 
versprechen. Schheßlich mußte ihm Ferdinand einen schriftlichen 
Revers ausstellen, worin er sich verpflichtete, als König den Oberst- 
burggrafen bei allen seinen Rechten zu belassen, seine Schulden, 
die er selbst mit 50 000 fl. bezifferte, zu bezahlen und ihm alle die 
von Wladislaw und Ludwig erteilten Verschreibungen zu bestätigen. 
Eben diesem selben Low von Rozmital hatten im Jahre 1520 die 
Schlicke von Joachimsthal einen Gewinnanteil am Joachimsthaler 
Bergwerk eingeräumt und dafür vom Landtag das Münzrecht erlangt ^*. 

Aus dem Jahre 1515 haben wir eine Urkunde, worin der König 
dem Peter von Rosenberg die von seinem Vorfahren erteilten 
Privilegien für alle Metalle auf den eigenen Gründen oder denen 
des Klosters Rosenberg bestätigt: sie sind von allen Abgaben und der 
Einlösung erblich befreit ^^. 

Die Grundherren verleihen nun die Bergwerke an die eigent- 
lichen Unternehmer, die Gewerkschaften, w^eiter, um durch Aufnahme 
der Bergwerke ihren Gesamtbesitz möglichst vorteilhaft zu verwerten, 
die Wälder urbar machen zu lassen, die Bevölkerung zu vermehren. 
Bezeichnend ist der Vertrag, den Ctibor vom Cymburg, Besitzer 
der Herrschaft Rabenstein in Mähren, für sein Bergwerk Hauenstein 
mit Iglauer Gewerken abschließt; er erteilt ihnen eine Bergfreiheit, 
befreit sie auf vier Jahre von der Urbare, verspricht ihnen nicht 
nur zu den Gruben, sondern auch zu den Hütten und Schmelz- 
werken freie Holzlieferung und Kohlpiätze, Hutweide für Vieh und 
Pferde , gewährt ihnen Verkaufsfreiheit ihrer Bergteile und der 
Metalle und bedingt sich nur, wenn er Silber brauchen sollte, ein 
Vorkaufsrecht zu fl. (i die Mark. Ferner genießen sie volle Frei- 
zügigkeit, freie Jagd, Vogelfang, Fischerei, unentgelthche Stellung 
von Bezügen auf ein halbes Jahr u. a. m. (vgl. Sternberg, Urkunden- 
buch, S. 224). 

Reine Usurpatoren scheinen die Schlicke in Joachimsthal ge- 
wesen zu sein. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie bei Aufnahme 
der neu entdeckten Bergwerke in der politisch aufgeregten Zeit 
auf die Regalrechte überhaupt keine Rücksicht genommen und für 
Joachimsthal gar keine Fristung besessen haben und erst später, 
als die Rechtsfrage brennend wurde, durch irgendwelche (vielleicht 



Die Entwicklung der Herrschaft im böhmischen Bergbau. X5 

gefälschte) Urkunden vor dem neuen energischen König ihre 
Privilegien „dokumentierten" ^^. 

Aber gerade dieser ständische Bergbau wurde in Böhmen rechts- 
schöpferisch , die Situation für ein neues Bergrecht war an der 
Schwelle der neuen Zeit außerordentlich günstig. Die Iglauer Berg- 
ordnung hatte sich überlebt, war ganz mittelalterlich und den tat- 
sächlichen Machtverschiebungen und Eigentumsänderungen nicht 
gefolgt; die Kuttenberger war nie lebendiges Recht gewesen und 
hatte mehi' der juristischen Laune eines Königs und dem Unver- 
ständnis eines welschen Systematikers für die Verhältnisse des 
deutschen Bergbaues als den wahren Bedürfnissen des Lebens ihren 
Ursprung zu verdanken. Als nun Graf Stephan Schuck seinem 
neuen Bergwerk in Joachimsthal (1518) eine neue Ordnung gab und 
hierfür fast wörtlich die Annaberger Bergordnung von 1509 rezipierte, 
war gewissermaßen das Muster für alle sowohl königlichen als 
ständischen Bergordnungen geschaffen. Durch diese Rezeption ent- 
stand in Böhmen ein Dualismus im Bergrecht. Es gab ein „böhmisches" 
(historisches, Kuttenberger, Iglauer) und ein „deutsches" Recht. 
Dieses letztere aber setzte sich überall durch, so daß schon 1586 
in einer königlichen Instruktion (vgl. Schmidt IV, S. 10) anerkannt 
wird, daß die Joachimtsthaler Bergordnung, die 1541 durch die 
Schlicke eine zweite Fassung, und zwar im Sinne einer größeren 
Systematisierung des Stoffes und einer Angleichung an die Kon- 
stitutionen und 1548 durch den König eine dritte Fassung erfuhr, 
auf alle Bergwerke Böhmens mit Ausnahme von Kuttenberg und 
Eyle durchgedrungen sei. AUe späteren Versuche des Königs, die 
Rechtseinheit durch Reform des obsoleten- Kuttenberger Rechts 
herzustellen, scheiterten an dem Widerspruch der Städte und der 
Beamten ^\ Die Städte fürchteten für ihre Autonomie, die Beamten 
für ihre verschiedenen Privilegien. 

Der dauernde latente Ki'ieg zwischen König und ständischen 
Grundherren um die Bergwerke wurde in Böhmen durch die beiden 
Bergwerksverträge Ferdinands I. von 1534 und Maximilians IL von 
1575 zu einem gewissen Abschluß gebracht und eine Stabilität, ein 
Gleichgewicht der Kräfte auf Grundlage des Status quo herzustellen 
gesucht. Der unhaltbar gewordene Absolutismus des königlichen 
Regals wurde, wie man sagen könnte, in einen ökonomischen 
Konstitutionalismus umgewandelt. Ferdinand, der so stolz begonnen, 
sah sich in kürzester Zeit in die Lage versetzt, zu retten, was noch 
zu retten war und wollte wenigstens den Status quo nicht mehr 
verschlechtern lassen. Aber auch dies gelang nicht; obwohl er 



\Q Rechtsgrundlagen. 

persönlich der Überzeugung war und dieser auch Ausdruck gab*^, 
daß die von seinen Vorfahren den böhmischen Ständen gewährten 
Fristungen keinen Nutzen geschafft, Ge werken nicht herbeigelockt, 
sondern viehnehr den Berg gesperrt hätten, sah er sich doch ge- 
nötigt, selbst in dieser ihm verhängnisvoll erscheinenden Praxis 
fortzufahren und teils neue, weitgehende Bergfreiheiten zu gewähren, 
teils die alten Privilegien zu verlängern und zu bestätigen. Nach 
langen Verhandlungen mit den Ständen kam endlich ein Ausgleich 
zustande. Der Inhalt des sogenannten Ferdinandeischen Bergwerks- 
vergleichs vom 1. April 1534 läßt sich kurz folgendermaßen 
skizzieren *^ : 

1 . Die niederen Metalle ( Messing, Zinn, Eisen, Blei, Queck- 
silber; der zweite Vergleich von 1575 führt außer diesen noch an: 
Alaun, Vitriol, Schwefel ^^) werden den Grundherren gänzlich zur 
„ Selbstgenießung des ganzen Zehenten" überlassen. 

2. Die Bergwerke auf Edelmetalle werden unterschieden 
in bestehende und künftige. Auf den bestehenden Gold und Silber- 
bergwerken wird dem Grundherrn die Hälfte des Zehenten zu- 
gestanden. Die andere Hälfte und die Einlösung bleibt dem König 
vorbehalten. Als Silbereinlösungspreis den Ge werken zu zahlen 
wird bestimmt auf allen Bergwerken des Königreichs Böhmen : für 
eine Mark Silber weniger ein Quintlein Nürnberger Gewicht: 
7 Gulden rheinisch, 14 Weißgroschen und 6 weiße Pfennige, 1 Gulden 
zu 24 Weißgroschen, und 1 Groschen zu 7 weißen Pfennigen ge- 
rechnet. Dieser Preis scheint schon damals zu niedrig gewesen 
zu sein und war späterhin wohl noch viel weniger der Konjunktur 
entsprechend. Man erhöhte aber zunächst den Preis nicht, sondern 
setzte das Normale des Feingehaltes herunter. Der Normalgehalt 
(das „Brandsilber") wurde in der Schlickschen Bergordnung von 
1541 auf 15 Loth und 3 Quintel reduziert und bestimmt, daß der 
höhere Feingehalt (der Überbrand) bei der Einlösung im Werte 
berechnet und vergütet werden müsse, und zwar ein Drittel davon 
für den König, ein Drittel dem Grafen Schlick und der Rest den 
Gewerken zugute kommen solle. Aber diese Bestimmungen wurden 
wieder in der Joachimsthaler Bergordnung von 1548 und im zweiten 
Berg Werks vergleich von 1575 modifiziert, ein Beweis, daß hier eine 
dauernde Stabilität nicht zu erhalten war. Im Maximilianischen 
Vergleich von 1575 werden folgende Metalleinlösungspreise nor- 
miert: für ein Loth feines Gold 7 Gulden, 12 Weißgroschen, und 
die Mark Silber Prager Gewichts um 10 Gulden böhmisch a 24 Weiß- 
groschen. 



Die Entwicklung der Herrsciiaft im böhmischen Bergbau. 17 

3. Die grundherrliche Verwaltung auf den Bergwerken wird 
anerkannt, wohingegen die Grundherren die Bergbaufreiheit (siehe 
später) prinzipiell annehmen. Dem Grundherrn wird damit das 
Recht auf Ein- und Absetzung aller Bergamtleute eingeräumt, nur 
der Zehentener und Silberbrenner werden gemeinschaftlich bestellt 
und mit dem Bergmeister auch für den König vereidigt. Ferner 
wird der Grundherr Obrigkeit für alle auf dem Bergwerk ansässigen 
Personen. Dieser Übergang der bisherigen regalherrlichen Ad- 
ministration an die Grundherren bedeutete unter anderem ihre Ver- 
einfachung und Rationalisierung; während in Kuttenberg dauernd 
eine Überfüllung mit überflüssigen Beamten herrschte, — nach 
einem Kommissionsbericht von 1551 gab es dort nur um vier Häuer 
mehr als Beamte — ist deren Zahl in Joachimsthal auf das not- 
wendigste beschränkt und ihr Pflichtenkreis genau umschrieben. 
Nach dem eben erwähnten Kommissionsbericht ist der Beamten- 
status der vereinigten Münz- und Berg Werksverwaltung in Kutten- 
berg folgender: 1 Oberstmünzmeister, 2 Münzamtleute, 1 Münz- 
schreiber, 1 Hofmeister, 1 Urbarer, 1 Urbarschreiber, 4 Probierer 
(Ward eine), 1 Schaff er, 1 Torwächter, 1 Eisenverwahrer, 23 Berg- 
meister, 3 Obersteiger, 6 Steiger, 6 Hutleute, 6 Grubenschreiber. 
Nach Artikel 2 der ersten Joachimsthaler Bergordnung von 1518 
gab es dortselbst : 1 Berghauptmann, 1 Bergmeister, 8 Geschworene, 
1 Zehentener, 2 Hüttenmeister, 1 Austeiler, 1 Gegenschreiber, 
1 Bergschreiber. Die zweite Bergordnung von 1541 erhöhte die 
Zahl der Geschworenen von 8 auf 10, der Zehentener erhielt einen 
Gegenschreiber als Kontrollorgan, 1 Silberbrenner und 2 Mark- 
scheider werden eingeführt. 

4. Die Bergbaufreiheit wird w^eiterhin gesichert durch Fixierung 
der grundheiTlichen Erbkuxe auf 4 und Verpflichtung der Herr- 
schaft , Holz zu Bauten unter Tage umsonst, über Tage aber zu 
einem billigen, gegebenenfalls behördlich zu regelnden Preis, an 
die Gewerken abzulassen. Der König reserviert sich ein beschränktes 
Aufsichtsrecht, jedoch nur bei denjenigen Bergwerken, von denen 
die Krone Einkommen hat, weiterhin ein beschränktes Entscheidungs- 
recht über Beschwerden der Bergleute gegen die Grundherren in 
wirklichen bergrechtlichen Angelegenheiten. 

5. Bezüglich der künftig neu aufkommenden Gold- und Silber- 
bergwerke behielt sich der König freie Hand vor, mit dem „obersten 
Münzmeister und mit unseren böhmischen Räten, mit der Grund- 
heiTen und anderer bergverständiger Personen Rat die Bergordnung 
in Gestalt wie in St. Joachimsthal oder wie die Gelegenheit des- 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der .Neuzeit 2 



18 Rechtsgrundlagen. 

selben Bergwerks es ergeben möchte", zu verordnen und zu 
statuieren. 

Gegenüber diesem ersten Vergleich bedeutet der zweite 
Maximilianeische von 1575 eine weitere Spoliierung des Regals 
und Verbesserung der grundherrlichen Gerechtsame. Hier wird 
ausdrücklich zugestanden, daß der Grundherr selbst oder sein Amt- 
mann Schurflizenzen erteilen, Mutungen annehmen und Bergbau 
verleihen kann. Er bekommt ferner das Recht — das er wohl 
auch schon längst geübt hat — , Pech- und Hüttenwerke zur Auf- 
bereitung der Metalle zu errichten. Der König verzichtet auf eine 
weitere Zehentquote ; die Grundherren sollen 25 Jahre lang , vom 
Tage des Vertrags angefangen, von allen auf ihren Gründen be- 
stehenden oder noch aufkommenden Bergwerken drei Viertel des 
ganzen Zehents beziehen. Die Bestimmungen des ersten Berg- 
werksvergleichs von der Oberherrlichkeit und Jurisdiktion der 
Grundherren über die Bergleute und das Bergwerksgut werden im 
zweiten Maximilianeischen Vergleich genau aufgezählt und erörtert. 
Die königlichen Bergstädte sind von der grundherrlichen Gerichts- 
barkeit eximiert. Kuttenberg, Bergreichenstein, Eyle und Knin 
werden auf ihre besonderen Privilegien verwiesen. Die Erbkuxen 
sollen weiter verbaut, jedoch auf zwei beschränkt werden, wenn 
der Grundherr infolge Holzmangels nicht in der Lage ist, das Holz 
zum Bergbau unentgeltlich beizustellen, ferner sollen auf allen könig- 
lichen und ständischen Bergwerken 2 Kuxe zum Besten der Schule, 
Kirche und Spital frei gebaut werden. 

Mit diesen beiden, die ganze künftige Entwicklung präjudi- 
zierenden und in gewisser Weise sie abschließenden Bergwerks- 
vergleichen, die beide in die Landesordnung übergingen, hatte die 
wirtschaftliche Präponderanz der Grundherren ihre gesetzUche An- 
erkennung gefunden. Dem König bleibt das Recht oder der Schein 
des Rechts, die Macht aber ist bei den Grundherren. Auf die 
niederen Metalle leistet der königliche Regalherr überhaupt Ver- 
zicht; gerade aber diese werden mit dem Nachlassen des Silber- 
bergbaues und einer Intensivierung der Wirtschaftstätigkeit über- 
haupt wirtschaftlich immer wichtiger und zukunftsvoller. Von den 
Silberbergwerken war Kuttenberg in dauerndem Niedergang, und 
Joachimsthal blieb während seiner Blütezeit in ständischer Gewalt. 
Während anderswo, z. B. in Sachsen, der. Staat dauernd gegenüber 
den Grundherren sich im Bergbau behaupten, ja einflußreicher 
werden konnte, abdizierte er in Böhmen zugunsten der Stände. 
Was der König aus dem Schiffbruch rettete, war die Anerkennung 




Die Bergbaufreiheit und die Entwicklung der Unternehmungsformen. 19 

des formellen Regals , eine gewisse Eindämmung weiterer ständischer 
Übergriffe, die Hoheit über die Münze, d. h. die Geldgesetzgebung. 
Vom Regal blieb lebendig und bedeutungsvoll nur mehr die finanzielle 
Seite, sein Beitrag zu den Erwerbs- und Kammereinkünften des 
Königs. 

Im Gefolge dieser Bewegung vollzog sich nun auch eine Ver- 
waltungsreform auf den nicht ständischen, d. h. den königlichen 
Bergwerken. Die Bergstädte waren es, welche sich teilweise von 
der regalherrlichen Verwaltung befreiten und sich als autonome 
Obrigkeit auch in Bergsachen konstituierten. Von da an war der 
regalherrliche Beamte im Avesenthchen nur Aufsichtsorgan. Die 
Verleihung wurde Sache der Stadt, der städtische Magistrat wird 
Bergbehörde. 

Seither kam es in Böhmen zu keiner neuen Bergrechtsschöpfung 
mehr. Was folgt, sind kleine Geplänkel zwischen König, Grund- 
herrn und Städten, Reformversuche, ein einheitliches Bergrecht zu 
schaffen, von denen der von Wilhelm von Oppersdorf (1585) am 
wichtigsten ist, — aber eine wirkliche Weiterbildung des Rechts 
war nicht mehr möglich. 

Dies ist in kurzem die Geschichte der Herrschaft oder der 
Regalherrlichkeit auf den böhmischen Bergwerken. 

Die Bergbaufreiheit und die Entwicklung der Unter- 
nehmung sformen. 

Unzertrennlich verbunden mit dem Regal, ja gleichsam als sein 
höherer es legitimierender Zweck erscheint die Bergbaufreiheit, das 
eigentliche Wirtschaftsrecht des Bergbaues, die Atmosphäre, in der 
sich die Unternehmungsformen entwickelten, weshalb denn die 
Geschichte der Bergbaufreiheit die Geschichte der Unternehmung 
in gleichem Sinne ist, wie die Geschichte des Regals die Geschichte 
der Herrschaft bedeutet. Unternehmung aber setzt den Unter- 
nehmer voraus, und je persönlicher, individualistischer, eigenwilHger 
dieser, um so mehr wird die Unternehmung die Formung seines 
Willens sein. 

Die Bergbaufreiheit hat zunächst einen bloß negativen Sinn: 
sie ist das im Namen des Königs jedem zustehende Recht zum 
ungestörten ununterbrochenen Bergbaubetrieb: ihr positiver Inhalt 
aber, wodurch sie zur Auseinandersetzung zwischen den beteihgten 
Wirtschaftsfaktoren, dem Grundbesitzer, dem Kapital, dem Staate 
wird, liegt darin, daß der Grundeigentümer Eingriffe in sein Privat- 

2* 



20 Rechtsgrundlagen. 

eigentum, den Grund und Boden, Besitzstörungen von selten der 
Bergbautreibenden teils gegen Entgelt, teils unentgeltlich sich ge- 
fallen lassen und überdies den Bergbauunternehmern wirksame Bei- 
hilfe leisten muß. Die Rechte der Unternehmung sind Pflichten 
des Grundherrn, die dieser im wohlverstandenen Eigeninteresse 
weniger von sich abzuschütteln als vielmehr wirtschaftlich und 
zwar kapitalistisch zu verwerten trachtete, indem er das Regal 
sich übertragen ließ und statt des Königs nunmehr selbst die Berg- 
baufreiheit verkaufte. Damit ist die Bergbaufreiheit aus einer 
Gnade des Königs oder aus einem sozialen nobile officium des 
Königs, das er für das Volk verwaltete, aus einer gemeinwirtschaft- 
lichen Einrichtung zu einer geschäftlichen Transaktion zwischen 
Grundherrn und Gewerken (Unternehmer), das Privilegium, mit dem 
sozusagen jeder Volksgenosse geboren ward, ist zur käuflichen Kon- 
zession geworden. Mit dem Wandel der Herrschaftsverhältnisse 
erhielt also auch die wirtschaftliche Untemehmungsform jeweils 
eine wechselnde Rechtsgrundlage. 

Die dem Grundherrn aus der Bergbaufreiheit erwachsenden 
Pflichten sind sehr mannigfaltig ; jeder Grundherr muß ohne weitere 
Auseinandersetzung zulassen, daß auf seinem Grund und Boden 
geschürft und nach Metallen gesucht werde. Ebenso muß er die 
Errichtung von Kauen, den kleinen Wirtschaftsgebäuden des 
Bergbaues auf 1(3 Hofstätten dulden , wofür er in manchen 
Fällen einen Zins erhält^ und ferner jedem gemessenen Berg- 
werke eine Hutweide für das Vieh der Bergleute zur Verfügung 
stellen. Diese letztere Verpflichtung hat der Grundherr in der 
neueren Zeit bei steigendem Bodenwerte besonders lästig emp- 
funden und nicht eingehalten (vgl. den Friedenspakt nach dem 
großen Joachimsthaler Bergarbeiteraufstand von 1525 , worin den 
Bergleuten die Hutweide noch für drei Jahre konzediert wird). 
Von der Pflicht der Holzlieferung und der Entschädigung hierfür 
durch die Erbkuxe war schon die Rede. Die Bergwerke genossen 
ferner freie Zufuhr der Nahrungsmittel und Bergbauutensilien 
und Abfuhr der Produkte. Seit dem zweiten Bergwerksvergleich 
ist der Grundherr auch verpflichtet, den Bergleuten gegen Ent- 
gelt den Wasserfluß zu gewähren, d. h. die Benutzung der 
Privatwässer für die Wasserkünste, für die Aufbereitung und die 
Hüttenwerke zu dulden. Erzmühlen und Schmelzhütten durften 
auf grundherrlichem Boden errichtet werden und zwar gegen 
Reichung eines (Hütten-) Zinses, wenn der Grundherr, oder zins- 
frei, wenn die Gewerken auf eigene Kosten sie bauten. Hütten- 



Die Bergbaufreiheit und die Entwicklung der Unternehmungsformen. 21 

eigentünier waren früher allenthalben die Erzkäufer (über diese 
sogleich), später zur Zeit Ferdinands I. gab es auch regalherrHche 
Hütten. EndUch besteht die Bergbaufreiheit in der Untertanen- 
freiheit der Bergleute gegenüber dem Grundherrn. Sie waren ur- 
sprünglich völlig freie Leute , die sich sozusagen ihr Recht aus 
einer früheren Heimat mitbrachten, genossen Freizügigkeit, Ver- 
kehrs- und Abgabenfreiheit ihrer Güter und sind nur dem Gericht 
des Königs Untertan. Aber mit dem fünfzehnten Jahrhundert ver- 
schlechterte sich mit dem Vordringen der Grundherrschaften ihre 
Stellung, bis die beiden Bergwerksvergleiche ausdrücklich die Unter- 
tanenpflichten der Bergleute gegenüber dem Grundherrn statuierten ^. 
Sie behielten zwar ihre Freizügigkeit und Verkehrsfreiheit für ihre 
Güter, aber sie wurden dem patrimonialen Gericht Untertan und 
unterlagen jetzt der bäuerlichen Abgabenpflicht. Immer aber blieben 
die Bergleute auch auf grundherrlichem Boden gegenüber den 
übrigen Gutsuntertanen bevorzugt ^ und besonders dann, wenn aus 
einer kleinen Bergbaukolonie eine vom König begnadete Bergstadt 
vnirde (Joachimsthal). 

Aus der ursprünglich herrschaftlichen — sei es regalherrlichen, 
sei es grundherrlichen — Betriebsorganisation oder eigentlich inner- 
halb ihrer entwickelte sich die genossenschaftliche, die jedoch mit 
der Zeit als kapitalistische Enklave in einem Reich feudaler und 
halbfeudaler Gebundenheit auch einen anderen wirtschaftlichen 
Inhalt bekommt ; aber sie tritt ihr nicht als ein völliges Novum ent- 
gegen, sondern geht aus ihr hervor. Mit dem Verfall der großen 
Grundherrschaften im frühen Mittelalter und der Abscheidung und 
Abspaltung ehemals unfreier grundherrlicher Eigenbetriebe aus dem 
herrschaftlichen Gesamtverband steigen die unfreien Frohnarbeiter 
— und das waren höchstwahrscheinlich die ältesten „Ge werken" — 
zu halbfreien Arbeitspächtern und sodann zu ganz freien, genossen- 
schaftlich verbundenen Arbeitsunternehmem empor. Aus dem 
colonus"^, wie in den ältesten Urkunden der Gewerke heißt, wird 
der socius, aus dem hörigen Frohnhofsarbeiter oder der familien- 
haften Arbeitsgenossen schaft ^ ist der bergkundige, sachverständige, 
technisch geschulte Berg- „Handwerker" geworden. Diese Entwick- 
lung scheint zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts bereits ab- 
geschlossen gewesen zu sein. Charakteristisch für diese frühere 
Art des genossenschaftlichen Betriebes ist, daß diese Genossen- 
schaft eine rein personale, die Gewerken Arbeitsgenossen und ein- 
ander ursprünglich gleichgestellt sind. Die technische Eigenart der 
Arbeit, ihre zeitliche Gliederung nach Schichten, der Turnus der 



22 Rechtsgrundlagen. 

Arbeit erforderte geradezu eine Verbindung gleichgestellter und 
gleichartiger Arbeiter*^. Zwischen Gewerke und Arbeiter besteht 
noch kein Unterschied, sie sind identisch, es ist die vorkapitalistische, 
handwerksmäßige Epoche des Bergbaues. 

Die Betriebsführung ist gesetzlich eine ununterbrochene , zeit- 
lich kontinuierliche , die Arbeit soll keine Lücken haben , nichts 
darf unabgebaut bleiben , die Arbeit an Teilen nicht eingestellt 
werden. Zeigt es sich, daß das Werk über die Kräfte der Gewerk- 
schaft geht, so werden Teilbaue an Subunternehmer gegen Mit- 
beteiligung am Ertrag verpachtet. Das sind die mittelalterlichen 
Lehenschaften ^, die in der neueren Zeit verschwinden, und deren 
Nachfolge in der kapitalistischen Ära die G e d i n g arbeiter an- 
traten. Im handwerksmäßigen Bergbau ist die Lehenschaft die 
charakteristische Form der Betriebsintensivierung: der „er- 
giebigere Produktionsumweg" besteht in der Vermehrung der Arbeits- 
kräfte, durch Mehreinstellung von Arbeitern werden die steigenden 
Betriebskosten überwunden; denn noch ist die Wirtschaft durch 
den Kapitalismus nicht umorganisiert, noch ist das Netz, welches 
das Kapital zwischen alle Werkverrichtungen spannt, nicht dicht 
genug, um eine andere als die rein personale Form der Intensität, 
nämlich eine „sachliche" durch akkumulative Kapitalinvestitionen, 
durch Änderung der „organischen" Zusammensetzung als rationell 
erscheinen zu lassen. 

Frühzeitig hören wir von Bedrückungen dieser genossenschaft- 
lichen Bergarbeiter durch die königlichen Beamten, die durch 
Pachtung der Urbare und des Proviants zugleich Unternehmer sind. 
In den Konstitutionen steht zu lesen, der König habe von seinen 
Bergleuten mit tränender Stimme vernommen, daß die Urbar- 
pächter — es waren häufig Pächtergesellschaften wie in der An- 
tike — die armen Leute, die im Schweiße ilires Angesichts die 
Metalle erobern, unter dem Vorwande, daß sie in diesem Jahre 
aus der Pacht großen Schaden erleiden, mit einer solchen Im- 
petuosität um das Metall angegangen hätten, daß diese aus Furcht 
vor der Übermacht zu widerstehen sich nicht getrauten. In die 
Stabilität dieser Verhältnisse kam nun Bewegung und Fluß durch 
das Eindringen des Kapitals: wie ein Ferment bringt es alles in 
Gärung, erzeugt Wirbel, Unruhe, Bewegtheit, Dynamik. 

Wie findet nun diese Infektion statt? Ursprünglich und zuerst 
bedeutet die Heranziehung von Kapital die Intensivierung der 
Arbeit. Um gewisse Werkverrichtungen überhaupt auszuführen 
oder um die schon ausgeführten rentabler zu machen, wird von 



Die Bergbaufreiheit und die Entwicklung der Unternehmungsformen. 23 

den Arbeitsgenossen „Kapital" d. h. auch wieder Personen heran- 
gezogen, welche die neben der bergmännischen Arbeit notwendigen 
Produktionsbedingungen schaffen sollten ^ Leute also, die nicht erst 
ein Vermögen erwerben und Kapital bilden wollen, sondern schon 
vermögende Leute, die Kapital gebildet haben. Das Kapital dient 
also einer Ausgleichung der wirtschaftlichen Zeitunterschiede, es 
vergegenwärtigt die Zukunft, das Einst wird zum Jetzt, das Auf- 
einander und Nacheinander zur lebendigen Gegenwart. Mit dem 
Eindringen des Kapitals aber erhält die Unternehmung eine ganz 
neuartige Struktur und Textur. Es erfolgt eine Umbildung und 
Umschichtung aller Energien, das Mittel wird selbstherrlich, und 
wie der Arbeiter einst dem Grundherrn „untreu" geworden und 
sich von ihm emanzipiert hat, so bewältigt jetzt das Kapital den 
Arbeiter, der Diener wird zum Herrn und knechtet seinen Meister. 
Jetzt werden auch die alten Personaleinheiten, die Identität von 
Arbeitern und Gewerken, die dem Herrn des Berges untergeordnet 
sind, gesprengt und zersetzt, und die Kräfte gruppieren sich nach 
der Kapital- und nach der Personalseite. Das Kapital, gerufen um 
mit dem Arbeiter zu werken, löst sich von seiner Gebundenheit 
an die Person und tritt an Stelle des Arbeiters. Der Kapitalist 
wird „Gewerke" (lucus a non lucendo) und der Nichtkapitalist als 
Arbeiter um Lohn verkauft sich dem Kapital, wird Kapitalhöriger. 
Das Kapital nahm den Bergleuten die Sorge um das Dasein ab, 
denn es stellte als Lohnkapital das Anerbieten, unabhängig vom 
Erfolg des Betriebes die Existenz zu sichern , es offerierte den 
Leuten gewissermaßen unentgeltlich das Leben, „versicherte" sie, 
machte sie zu Rentnern am Dasein. Mit dieser Lebensgarantie 
zog es ihnen den Stachel der Bcjtriebsamkeit, den wichtigsten An- 
trieb zu Neuerungen aus den Seelen, es schläferte sie ein wie ein 
Opiat, und so sind aus den selbständigen Werkgenossen die kapita- 
listischen Lohnarbeiter als Hörige des Kapitals entstanden, mit 
Recht geborene Sklaven genannt, aber nicht dem Rechte, sondern 
der Seele nach. So wie man früher sich in die Tutel eines Herrn 
gestellt, wenn gewisse Leistungen und Verpflichtungen zu schwierig 
geworden waren, so suchte man jetzt wieder um den Preis seiner 
Freiheit, die man kraft seines Berufes als Bergmann genoß, über 
das Recht der Geburt hinaus beim Kapital Unterschlupf und emp- 
fing von ihm die Marke der Versklavung für alle kommenden Zeiten. 
Ob diese Entwicklung schon im zwölften Jahrhundert stattfindet 
(Zycha) oder erst (wie Schmoller will) gegen 1400 erreicht ist, 
darüber herrscht Zwiespalt der Meinungen; es scheint mir aber. 



24 Rechtsgrundlagen. 

daß Avir gar keinen fixen Zeitpunkt, weder einen terminus a quo, 
noch ad quem festzusetzen brauchen, ja können, weil es sich eben 
um einen Prozeß handelt, der sich während mehrerer Jahrhunderte 
vollzogen haben muß, um ein beständiges Auf und Nieder, um eine 
wahre Völkerwanderung, um die soziale Gruppierung des deutschen 
Volkes^. Noch aber war das Kapital nicht der gefräßige Dämon, 
den Zola uns schildert, wie er gierig am Eingang der Gruben hockt 
und Hekatomben von Menschen verschlingt, die sich ihm sinnlos 
in den Rachen werfen, sondern es tritt auf in der bestrickenden 
Maske der Fee, die Ruhe und Sicherheit des Lebens verheißt. Aber 
einmal eingedrungen, formt das Kapital alles nach seinem Willen 
und Wesen, ward selbstherrlich, autarkisch. Zunächst wirkte es 
in hohem Maße sozialisierend und demokratisierend: es glich die 
Standesunterschiede aus, bzw. es ignorierte sie, vor dem Kapital 
und seinen Zwecken sind wie vor Gott alle Menschen gleich, die 
Bergwerksreviere bildeten geradezu Brennpunkte für die Vereinigung 
rechtlich und sozial abgeschichteter Klassen. Der Unterschied des 
Standes als Herr, Ritter, Bürger, Bauer oder Knecht wird be- 
deutungslos. Bauten ja auf jedem Bergwerke der König und der 
Grundherr, sofern das Bergwerk auf seinem Boden lag, mit, und 
sowohl in Iglau wie in Joachimsthal standen fremdländische Kur- 
fürsten und Pfalzgrafen mit Bürgern und Bauern, die als Bergleute 
eine Freiheitsmehrung erhielten, in Kompanie^. 

In ihrer Vollreife als Kapitalismus hat die selbstherrlich ge- 
wordene Wirtschaft das mit der Kunst und vielleicht mit der 
Religion gemein, daß sie wie diese eine Welt für sich bildet, in 
ihren eigenen Angeln sich bewegend und in eigenem Gleichgewichte 
ruhend; sie ist wie ein Leben im Leben oder ein Schauspiel im 
Schauspiel, ein Ausschnitt daraus, oder vielleicht besser, ein Ein- 
schnitt in ihm. Sie vollzieht sich in der Wirklichkeit, rechnet mit 
ihr als einer Gegebenheit, aber sie hat ihren Schwerpunkt in sich 
selbst und ihre eigene Gesetzmäßigkeit. Das Kapital im besonderen 
hat vergleichsweise die Funktion der Musik in der Kunst. Sie 
befördert — biologisch gesehen — den Prozeß der Illusionierung, 
ihre Wellen tragen uns fort von den unwirtlichen Gestaden der 
Realität und heben uns hinein in ein neues Daseinsreich , in dem 
wir leiden und genießen wie als Menschen, aber unbeschwert und 
leicht wie die Götter. Ist es nicht der eigentliche Dienst des 
Kapitals, indem es die Produktion synchronisiert, die Zeit über- 
windet und aus Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft eine neue 
„ökonomische" Zeit bildet, uns die Illusion zu geben, als seien wir 



Die Bergbaufreiheit und die Entwicklung der Unternehmungsformen. 25 

nur Wirtschaftswesen, hinter denen die ganze Last des Daseins 
mit seinen Zweifeln, Sorgen, Freuden und Kümmernissen und vor 
denen eine ungewisse Zukunft liegt, die aber um beide gleich un- 
bekümmert, wie Fabelwesen nur in der Gegenwart, ihrer Gegen- 
wart leben? Nur daß wir hier in der Wirtschaft Zuschauer und 
Mitspieler zugleich sind in einem noch viel realistischeren, derberen 
Sinn wie in der Kunst, nicht nur mit leiden und mit genießen, 
sondern allein leiden und „genießen", aber bühnenhaft, distanziiert 
von der satten Wirklichkeit sind und wirken wir dort wie hier. 

So w^erden durch das Kapital die alten Werks- und Arbeits- 
genossenschaften zersetzt. Es schichten und scheiden sich die Stände 
nach wirtschaftlichen Rängen in Klassen : hier der Lohnarbeiter, 
dort die Kapitalgemeinschaft, der Protagonist gewordene Ge werke. 
Aber auch nach dieser Katastrophe bewahrt, wie es scheint, die 
Bergarbeiterschaft als Knappschaft immer noch die Würde ihrer 
Herkunft: es waren einfach heruntergekommene, vom Kapital 
depossedierte, ehemals selbständige Unternehmer, Lehensleute des 
Kapitals, die niemals so völlig resignierten, so ganz an sich selbst 
verzweifelten, um alle Hoffnung, selbst noch einmal Gewerken und 
Bergbesitzer zu werden, für immer zu begraben. Seine freie Zeit, 
seine Muße verbrachte der Bergarbeiter am liebsten noch mit der 
„Weilarbeit", d. h. Schurftätigkeit außerhalb der Normalarbeitszeit, 
die von den Bestimmungen des Gewerkenrechts nicht getroffen wird. 
In einem sonst durchaus kapitalistischen Milieu aber ist solche Ge- 
sinnung, die ja auch heute noch unter manchen Verelendeten nicht 
ausstirbt, wie eine Oase, es ist die psychische Reaktion des kleinen 
Mannes auf den Druck der Umwelt, es ist die Weise, wie er sich 
das Glück vorstellt und darum wirbt. 

Aber der Kapitalismus hatte sich kaum in der Gewerkschaft 
organisiert und sich seine Form geschaffen, als er auch schon wieder 
versklavt wurde : die ehemaligen Expropriateure w^ erden expropriirt, 
nur beim ersten sind sie frei, beim zweiten aber werden sie Knechte. 
Das will sagen : der Grundherr mit seinem Wirtschaftszw^eck, einen 
Gesamtbesitz möglichst rentabel zu verwerten, schiebt sich über 
den Wirtschaftszweck der Gewerkschaft, die ihr Kapital möglichst 
gewinnbringend arbeiten lassen will, und entmündigt sie, noch ehe 
ihr Zeit gegönnt ist, ihre Unternehmerfunktion zu entwickeln, 
macht sie sofort zu Kapitalrentnern. 

Wie vollzieht sich diese Entwicklung der Feudalisierung der 
Gewerkschaften? Die vereinigten Arbeitsgenossen am Berge oder 
nicht mitarbeitenden Kapitalisten bilden zusammen und unter sich 



26 Kechtsgrundlagen. 

eine eigene Betriebs- und Wirtschaftsgemeinde auf vermögens- 
rechtlicher Grundlage. Mitglieder dieses Verbandes, der Gewerk- 
schaft, ist jeder, der einen oder mehrere ideelle, d. h. nicht räum- 
lich begrenzte Bergteile besitzt. Ein Bergteil ist also nicht ein 
bestimmter Teil eines Bergwerks, sondern ein Anteil an einer 
Bergwerksunternehmung ^°. Diese Bergteile, frühzeitig mobiHsierte 
Werte, sind frei übertragbar. Der Handel darin ist spekulativ und 
wird durch die Kuxkränzier, eine Art beeideter Sensale, vermittelt ^^ 
Zugleich aber gehören alle Bergsässigen einer weiteren, alle am 
Berge Beschäftigten umfassenden Gemeinschaft, der Berggemeinde 
an, die unter Oberleitung und Direktion des obersten Bergherrn 
steht. Die Bergbauunternehmer sind also zweifach gebunden und 
verbunden: einmal sind sie die Organisation der Bergbautreibenden, 
teils selbständig arbeitend, teils Kapital bzw. Arbeiter stellend. Als 
solcher Verband haben sie eine innere Autonomie, sie besitzen ihr 
eigenes Vermögen, bestehend aus dem Betriebsinventar, Strafgeldern, 
abgeführten Ausbeutequoten der Lehenhäuer, ferner aus einem 
Barbestand und der noch unverteilten Ausbeute. Dieses Vermögen 
dient hauptsächlich zur Bestreitung gemeinsamer Produktionskosten, 
der Samkost, worunter aber bis zum Ende des Mittelalters die 
Arbeitslöhne nicht mit verstanden sind, die vielmehr jeder Gewerke 
für sich persönlich zu leisten hat. Hierin scheint, wie in einer 
Reminiszenz zum Ausdruck zu kommen, daß der Lohnarbeiter an 
Stelle des selbstarbeitenden Gewerken als dessen Repräsentant 
steht und noch deutHcher spricht sich die repräsentative Bedeutung 
des Kapitals in der Bestimmung aus, daß lange Zeit diejenige 
Arbeitsleistung, die ein Einzelner mit Hilfe seiner Hausgenossen 
übernehmen und ausführen konnte, als das Maß für die Leistungs- 
pflicht der nicht persönlich arbeitenden Gewerken anerkannt wurde. 
In Böhmen wurde erst spät (im Joachimsthaler Recht), anderswo 
(z. B. im Schwarzwald) schon früher zur Löhnung von Gewerkschafts- 
wegen übergegangen (Artikel 49 der Joach. B.-O.). Damit ist die 
persönliche Beziehung zwischen Arbeiter und Gewerken gelöst, und 
der Lohn wird aus dem „Lohnfond" der gewerkschaftlichen Kassa, 
dem „Verlag" bestritten. Je nach den Verhältnissen zwischen 
Produktionskosten und Ausbeute gibt es dann Ausbeutezechen, 
Zechen, die sich verbauen, d. h. gerade noch die Produktionskosten 
decken, und Zubußzechen. Anderseits steht die Gewerkschaft oder 
die Gewerkschaften als Mitglieder der weiteren Berggemeinde dem 
obersten Bergherrn gleichsam als Beamte oder Untertanen gegenüber 
und empfangen ihre Rechte und Pflichten aus der allgemeinen Berg- 



Die Bergbaufreiheit und die Entwicklung der Unternehmungsformen. 27 

Ordnung. Diese Bindung ist, je nachdem wer der oberste Bergherr 
ist, laxer oder straffer. Wenn der Grundherr aber die Bergherr- 
schaft angetreten hat, ist es mit der wirtschaftlichen Autonomie 
der Gewerkschaft vorüber. Gerade indem er sich teilweise ihr 
assimiliert und seine Interessen den ihren anpaßt, obsiegt er und 
macht die Gewerkschaft zum Faktor und Werkzeug seiner Zwecke. 
Die Gewerkschaft wird , so möchte man sagen , die Gewerkschaft 
eines Unternehmers. Beide : Objekt und Subjekt sind von einander 
differenziert, die Gewerkschaft ist das passive, das intensive Element 
bei dieser Teilung, der Grundherr das aktive, organisierende; ihre 
Hauptfunktion ist jetzt als Produktionskostenträger und Kapital- 
lieferantin zu dienen, und sie beschließt ihr Dasein als der Verband 
auswärtiger Gläubiger, bzw. Schuldner einer ihrer Verfügungsmacht 
entzogenen Unternehmung, dessen vereinheitlichendes Symbol der 
gemeinsame Betriebs- und Vermögensfond ist. 

Nunmehr ist alles für und nichts durch die Gewerkschaft be- 
stimmt. Ihre Beamten sind mehr Exekutivorgane des herrschaftlichen 
als des gewerkschaftlichen Willens. Der Gewerkschafts vorstand, 
Bergmeister oder Schichtmeister genannt, der die Oberleitung des 
Betriebs inne hat, die technische Leitung, die Steiger und alle 
anderen Beamten, werden zwar von den Gewerken angestellt, be- 
dürfen aber der bergherrlichen Bestätigung und können nicht von 
den Gewerken, ihren Auftraggebern, wohl aber von der Bergbehörde 
ohne weiteres entlassen werden^^. 

Die Löhne der Gewerkschaftsbeamten müssen zwar die Gewerken 
bestreiten, normiert aber werden sie vom herrschaftlichen Bergamt. 
Während die Gewerken bis zum Ende des Mittelalters sich wöchentlich 
zu ihren Reitungen oder Gedingen versammeln, dürfen sie jetzt 
ohne Vorwissen der Bergbehörde nicht zusammentreten. Selbst- 
verständlich liegt die Technik des Abbaues ganz im Ermessen der 
Bergbehörde, die Gewerken aber sind arbeits- und betriebspf lichtig. 
Das ist deutlich zu ersehen aus den Bestimmungen der Joachimsthaler 
Bergordnung über das Insfreiefallen der Zechen, wenn sie in drei 
aufeinander folgenden Schichten nicht belegt sind, ferner aus dem 
höchst gouvernementalen Ton, wie der Schichtmeister, der doch 
ein gewerkschaftlicher Beamter ist, die Zubußen ausschreibt. Auch 
darf der Schichtmeister nur mit besonderer Bewilligung der Berg- 
behörde ein und zwar kurzfristiges Darlehen zum Bergbaubetrieb 
aufnehmen (Artikel 62 der Joach. B.-O.). 

Aber auch in der Verfügung über das, was ihr eigenstes Eigen- 
tum ist, die Ausbeute, den Produktionsertrag, der nach Bestreitung 



28 Rechtsgrundlagen. 

aller Kosten und Giebigkeiten übrig bleibt und ursprünglich in 
natura, seit Beginn der neuen Zeit aber in Geld verteilt wird, sind 
die Gewerkenuntemehmer nicht unbeschränkt frei. Anfänglich, und 
in Kuttenberg, wie es scheint dauernd, verkaufen sie diesen Ertrag 
an die Erzkäufer. Diese Hütteneigentümer nahmen die Verhüttung 
des Metalls vor und lieferten es in die behördliche Münzstätte. Sie 
waren karteDierte Zwischenhändler und scheinen vielfach eine ruinöse 
Preispolitik getrieben zu haben, haben sich aber besonders für den 
Staatsbetrieb als ganz unentbehrlich erwiesen. Ihre Machinationen 
sowie die technischen Schwierigkeiten, die Erze nach ihrem Gehalt 
zu verteilen, und die Unsicherheit, für geringhaltige Erze überhaupt 
Käufer zu finden, veranlaßte die Gewerken, die Weiterverarbeitung, 
den Verhüttungsprozeß, selbst zu übernehmen und den Zwischen- 
handel auszuschalten. Sie trugen jetzt neben der Bergkost auch 
die Hüttenkost für die eigenen oder grundherrlichen Hütten, in 
denen (64 der Joach. B.-O) das Ausschmelzen der Erze obligatorisch 
war. Natürlich wurde dann das gemeinsam verhüttete Metall auch 
in die Münzstätte gemeinsam und nicht mehr von jedem Gewerken 
einzeln abgeliefert. Dadurch war die ganze Rechnung vereinfacht. 
Jede Gewerkschaft hatte sozusagen ein Konto in der Münzstätte, 
oder jede Ertragsgrube hatte „Silber im Zehnten stehen", d. h. 
Silberbarren in der Münze des Zehentherrn, welche ihr durch den 
Zehenter, bzw. einen eigenen Austeiler, nach Abzug der Urbar und 
mit Abrechnung des Einlösungsgewinns in Form von vollwertigen 
schweren Münzstücken auszufolgen war. Davon wurden jetzt die 
Betriebskosten bestritten und die reinen Überschüsse verteilt. Der 
Zehenter — so heißt es im 49. Artikel der Joach. B.-O. — kann 
den Schichtmeistern , welche Silber abgeliefert haben , gegen Ab- 
rechnung und gegen Kaution Kontozahlungen zur Bestreitung der 
Ausgaben leisten. Doch geschieht eine Ausbeuteverteilung hur, 
wenn der Überschuß auf einen Kux wenigstens 2 fl. beträgt, das 
übrige bleibt im Vorrat bis auf weitere Rechnung ^^. So war es 
nach der modernen Ordnung in Joachimsthal. Kutten berg aber 
behielt den herkömmlichen Erzverkauf fest, bis Ferdinand I. 1549 
einen Regalerz verkauf einrichtete, eine gewerkschaftliche Verhüttung 
aber wurde nicht eingeführt. 

So endet diese Entwicklung damit, daß die Ansätze einer 
„demokratischen" Wirtschaftsführung, wie sie in dem genossenschaft- 
lichen Bergbau vorliegen, verdrängt wurden durch die adelige, 
exklusive, in sich selbst geschlossene, die sich aber inzwischen 
ganz mit kapitaUstischem Geist durchtränkt hatte, und es scheint 



Das Recht der Bergarbeiter und seine Wandlung. 29 

das Schicksal aller solcher Länder zu sein, in denen, wie in Böhmen, 
ehrgeizige Stände einer geschwächten landesherrlichen oder gar 
gesamtstaatlichen Macht gegenüberstehen, daß diese Herrschafts- 
verhältnisse für alle Zeiten dauernd nachwirken. So hat Böhmen 
den bürgerlichen privaten Großunternehmer eigenthch nur als 
Episode gekannt. Was der Adel geschaffen, wurde von einzelnen, 
zumeist eingewanderten, bürgerlichen Unternehmern emporgebracht, 
aber schon in der zweiten Generation von den großen Kapitalmächten, 
den Banken, gern oder ungern aufgesogen. Wie früher die Industrie 
hierzulande ein Adnex oder Organteil eines adeligen Großgnmd- 
besitzes war, so ist sie jetzt vielfach zu einem fünften Rad des 
konzentrierten Kapitals geworden. 

Das Recht der Bergarbeiter und seine Wandlung. 

Wie ist es dem Bergarbeiter in der Zeit der Umwandlung des 
Bergbaues aus einem handwerksmäßigen und genossenschaftlichen 
Kleinbetrieb in einen von kapitalistischen Interessen durchsetzten und 
einem Grundherrn unterworfenen größeren und großen Betrieb er- 
gangen? Man hat, ausgehend von den ungemein arbeiterfreundlichen 
Bestimmungen der Gesetzgebung, das mittelalterKche Bergrecht als 
ein eminent soziales Bergrecht bezeichnet, das hinter unseren 
modernen Errungenschaften auf diesem Gebiete durchaus nicht 
zurückstehe, sie vielmehr in manchem übertreffe. Und sozial ist es 
gewissermaßen von unserem heutigen Standpunkt, vom Standpunkt 
des schlechten Gewissens nämlich, von unserem heutigen Lebens- 
gefühl aus, das uns gestattet, vieles als Unrecht zu empfinden und 
es doch als notwendig zu begreifen und zu üben. Aber in diesem 
Sinne sozial waren weniger komplizierte und bewußte Zeitalter 
wie das Mittelalter w^ohl kaum. Soziale Gesetzgebung setzt anti- 
soziale Gesinnung voraus. Die hat es wohl immer und überall als 
Ungerechtigkeit, Habgier usw. gegeben, aber es sind Eigenschaften 
der Person, individuelle antimoralische Qualitäten, gegen die sich 
das Gesetz richtet und kämpft; erst in der kapitalistischen Ära 
werden sie zu logischen Bestandstücken eines Systems, einer Welt- 
ordnung sozusagen, der das Soziale als das nicht von selbst sich 
Verstehende erst im Kampfe abgerungen werden muß. 

Die Gesinnung, aus der heraus die Schutzbestimmungen für 
die Bergarbeiter im Mittelalter erlassen sind, ist die des milden 
gerechten Königs, der, ein Abbild des sanftmütigen Gottes, über 
alle seine Untertanen als Hirte über der Herde wacht; ja das 



30 Rechtsgrundlagen. . 

königliche Regal, das Obereigentum des Königs über die unter- 
irdischen Schätze wurde so verstanden, daß es gleichsam der Ent- 
gelt des Volkes an den König für den königlichen Schutz, der König 
der gerechte Verwalter oder Schatzmeister der Berge sei. In diesem 
Sinn war das ganze Mittelalter sozial, es konnte gar nicht anders 
sein. So dekretiert König Wenzel gleich am Eingang des jus regale 
montanorum (vgl. Schmidt I, 8) : statuimus cunctos montanes quos 
magnificencie nostre regit Judicium, sub hijs juris preceptis, scilicet, 
honeste vivere, alterum non ledere, jus suum unicuique tribuere, 
honeste conversari. Der König fühlt sich als von Gott berufener 
„Verteidiger" des ganzen Bergbaues. Aber erst in der neueren 
Zeit, mit dem Vordringen der kapitalistischen Wirtschaft bekommen 
diese Bestimmungen einer milden Gesinnung ihren ganzen schwer- 
wiegenden bitteren Ernst ; denn was früher bei der großen Einheit- 
lichkeit der Berggemeinde und Gleichartigkeit der Personenkreise, 
unter denen es zwar Amts-, aber noch keine eigentlichen Berufs- 
und Klassenunterschiede gab, Schutz der Niederen gegen Bedrückung 
der Mächtigeren war^, wurde jetzt Kampf gegen ein System und 
just in dem Augenblick schwächer, laxer gehandhabt, als die Not 
dringender ward. Im Mittelalter ist das „soziale Recht" wesentUch 
präventiv gegen die Unlogik der Dinge gerichtet, das Soziale das 
Selbstverständliche ; im kapitalistischen Zeitalter aber wdrd es positiv 
Kampf und Widerstand gegen die ökonomische Logik der Dinge. 
Zwar konnten die böhmischen Könige — vielleicht gerade 
wegen ihrer Doppelstellung als Könige und große Grundherren — 
nicht so viel vom Regal für sich retten, um die Oberhoheit über die 
Bergleute sich vorzubehalten (die wurden vielmehr den Gnmdherren 
ausgeliefert); aber die Grundherren selbst hatten doch ein starkes 
Interesse daran, die Bergleute nicht allzu schlecht zu behandeln und 
den Bergbau so rein handelskapitalistisch ausbeuten zu lassen, wie 
es zeitweise von den Gewerkschaften der silvani et montani im Harz 
geschah. Und so erhielten sich — zumal bei der großen Macht, 
die überall die Tradition im Bergbau besitzt — die mittelalterhchen 
Bestimmungen über den Schutz der Berghand werker auch jetzt 
noch unter veränderten tatsächlichen Verhältnissen für die Berg- 
arbeiter. Aber die gleichen Institutionen und Bestimmungen 
haben nur den gleichen Nominalwert, sie gelten effektiv in und für 
eine andere Welt. Sie sind nicht mehr eingefügt in eine be- 
stimmte Lebensordnung, die auf einem gleichartigen Lebens- und 
Gemeinschaftsgefühl beruht, sondern stehen einer Lebensordnung 
gegenüber und beruhen auf einem differenten Lebensgefühl. Das 



Das Recht der Bergarbeiter und seine Wandlung. 31 

ist der große Unterschied zwischen der sozialen Gesinnung des 
Mittelalters und der neuen Zeit. 

Kein Dokument scheint mir in dieser Hinsicht bezeichnender 
als jener Einigungsvertrag zwischen Arbeitgeber und Bergarbeitern 
vom 7. Juli 1525 , w^omit der große Joachimsthaler Bergarbeiter- 
aufstand (dessen Verlauf Sternberg erzählt) beendet wurde, und der 
als Zusatz zur gräflichen Bergordnung von 1518 aufgenommen, das 
eigentliche Bergarbeiterrecht der Neuzeit auf ständischen Bergwerken 
— und zwar das günstigste — darstellt. Sicherlich hat dieser 
Aufstand^ in Form einer gewaltsamen Revolution in der ersten 
Blütezeit des Bergwerks einen bedeutsameren Hintergrund als die 
Unzufi-iedenheit der Arbeiter mit der Beamtenwillkür und Unredhch- 
keit, mit der er nachträglich entschuldigt wurde, und gewißlich 
schließt sich der Friedensvertrag über einem Abgrund, aus dessen 
Dunkel es kein Entrinnen mehr gab. Die religiöse Exaltation, das 
Beispiel der Bauernkriege, die Revolutionslust des Bergvolkes 
hinzugenommen, so bedeutet doch alles dieses zusammen ein Tieferes : 
es ist das Aufbäumen gegen die neue kapitalistische Lebensordnung, 
die Krisis auf dem Scheidewege zwischen dem alten und dem neuen 
Leben, der Abschied von einem Jahrtausend vor dem Gang in die 
kapitalistische Arena. Den „gerechten Beschwerden" der Arbeiter^ 
wie wir heute sagen würden , wird Abhilfe zuteil , wenn auch nur 
in der Form, daß ihnen nichts Positives gegeben, den Beamten 
nur gewehrt wird, aber auch abgesehen davon, möchte man sagen, 
daß sie ihre Beschwerden, die sie drücken, gar nicht selbst kennen 
und das, was sie kennen, sie nicht beschwert. Sie verstehen sich 
selbst nicht oder täuschen sich über ihren Zustand, und eine unheil- 
bare Krankheit wird mit Opiaten gesänftigt. 

Für den gräflichen Unternehmer ist gleich der erste Artikel 
und vielleicht dieser allein wichtig: die Bergordnung des Grafen 
von 1518 wird auch von den Arbeitern offiziell anerkannt^, und 
jeder einzelne Arbeiter auf sie vereidigt. Dieser Eid sowie die 
Einregistrierung der Arbeiter in eine Liste bedeutete immer die 
Aufrichtung der Herrschaft über Untertanen, die Bindung an die 
HeiTschaft, Auslieferung an die Obrigkeit, der Arbeiter wird Dienst- 
mann der Herrschaft. Um diesen Preis kann sich der Graf milde 
und soziale Gefühle leisten, besonders wenn sie in Wirkhchkeit 
ihn nichts kosten. Im übrigen zeigt das Joachimsthaler Recht in 
allem die charakteristischen Zeichen kapitalistisch gestalteten Arbeits- 
rechts. Wenn auch schon (wie Zycha, ältestes Bergrecht S. 105 £f. 
annimmt) vom Ende des zwölften Jahrhunderts an die Gewerkschaften 



32 Rechtsgrundlagen. 

nicht mehr bloße Produktivgenossenschaften von Arbeitern, sondern 
bereits gemischte kapitahstische Assoziationen waren, so hat sich 
doch erst vom fünfzehnten Jahrhundert an der kapitalistische Lohn- 
arbeiter als Klasse, und zwar als deklassierte Klasse, mit eigenem, 
von den Beamten und sonstigen Bergbewohnern getrenntem Recht, 
ausgebildet, und in Joachimsthal ist diese Entwicklung vollendet 
worden. 

Im einzelnen gesehen: schon im Ton unterscheiden sich die 
Konstitutionen, etwa als Beispiel mittelalterlichen von dem Joachims- 
thaler, dem „modernen" Recht. Man spürt sozusagen aus jedem 
Wort, daß hier ein anderer Wind weht. Kurz, knapp und präzise 
ist die Arbeitsordnung, der der Arbeiter sich fügen muß, straff die 
DiszipUn, verschwenden sind die blühenden Redensarten, keine 
Weisheitssprüche und moralischen oder philosophischen Reflexionen 
sind in den dürren Text wie Arabesken eingefügt, es ist ganz gleich, 
ob der Arbeiter die Bestimmungen begreift oder nicht, sie gelten 
einfach, sozusagen an sich^. Es ist eben ein anderer Mensch, an 
den sich in beiden Fällen das Recht wendet ; dort ein freier Mann, 
vielleicht der erste freie Arbeiter des Mittelalters, wohlgemut, 
lebensfroh, kühn — hier aber breitet sich schon die schwere Hand 
des Herrn und die noch schwerere des Kapitals wie eine unsicht- 
bare Wolke über ihn, die ihn später ersticken wird, schon scheint 
ihm keine Sonne , schon fristet er sein Dasein im Dunkeln. Daß 
der Arbeiter in der neueren Zeit eigentlich zwei Herren dient : den 
Gewerken und den Grundherren und von den Folgen dieses Ver- 
hältnisses war schon die Rede. Das Arbeitsverhältnis ist nun- 
mehr im Vergleich zu früher (vierwöchentlicher Arbeitskontrakt) 
ein kürzeres, es dauert eine Woche. Um die Intensität der Arbeit 
zu steigern, wird jetzt das mittelalterliche Zeitlohnsystem durch die 
früher unzulässige Gedingearbeit, die Akkordarbeit, ersetzt, aller- 
dings, dem Zweck entsprechend, auf unfündige Zechen beschränkt^. 
Sie ist die Nachfolgerin der alten Lehenschaft der freien Arbeiter. 
Auf fündigen Zechen sollte nach der Joachimsthaler Bergordnung 
(Artikel 32) ohne besondere Ver willigung des Bergmeisters nicht 
im Gedinge gearbeitet werden. Bei der Gedingearbeit aber war 
der gew^öhnliche Zeitlohn als gesetzlicher Minimallohn festgesetzt. 
Für die Lohnbestimmung war im Mittelalter der sowohl dem 
kanonischen Recht als der natürlichen Vernunft entsprechende 
Grundsatz des justum pretium maßgebend : die Arbeiter oder Armen 
sollen von ihrem Lohn leben können. Die Konstitutionen sagen 
ausdrücklich: Immo eciam esse debet con^d'»'^'Mo pietatis, ut 



Das Recht der Bergarbeiter und seine Wandlung. 33 

pauperibus laborantibus tale precium computetur, de quo valeant 
sustentari, ne propter defectum alimentorum , necesse cogantur, 
rapere alinea et utique alimentorum administracio defectiva familiäres 
fures efficit et latrones^. Diese Norm hat eine große Elastizität 
und gestattet eine weitgehende Anpassung an die jeweils vor- 
handenen Verhältnisse, w^omit nicht gesagt sein soll, daß nun tat- 
sächlich im Mittelalter große Lohnschwankungen vorgekommen seien, 
da vielmehr durch das Herkommen in allen Verhältnissen eine 
große Stabilität und verhältnismäßige wirtschaftliche Sekurität 
herrschte. An die Stelle dieser Lohnmaxime tritt jetzt im modernen 
Rechte das rationale Taxprinzip, das schon früher für den Beamten 
gegolten hatte, auch für den Arbeiter, das eine starre, aber künst- 
liche Ordnung schafft, an Stelle der Elastizität das stabile, mecha- 
nische Gleichgewicht setzt, das den Lohn nicht als Ertrag der 
Arbeit, sondern als deren berechenbare Kosten faßt und dem 
Arbeiter, der einstmals um der Sicherheit des Lebens willen sich 
in die Hörigkeit des Kapitals begeben hatte, jetzt wieder die eigene 
Sorge für seine Erhaltung aufbürdet. Er weiß jetzt zwar, woran er 
ist und womit er zu rechnen hat — aber er muß eben selbst zu- 
sehen, wie er sich davon erhalte. Er, der um das Linsengericht 
des Lohnes seine ökonomische Freiheit, und nicht bloß diese, seine 
Selbstbestimmung über sein wirtschaftliches Schicksal dem Kapital 
verkauft hatte, wird jetzt diesem Schicksal, allem Wetter und Wind 
erst recht überlassen, denn der gleiche Lohn bedeutet natürlich 
bei ständig sich wandelnden Verhältnissen keine Sicherheit, sondern 
höchste Unsicherheit des Lebens. Alle drei Bergordnungen von 
Joachimsthal von 1518, 1541 und 1548 bestimmen als Wochenlohn 
für einen Häuer bei voller Arbeit zwölf weiße Groschen und sagen 
ausdrücklich, daß die Steiger nicht eigenmächtig den Arbeitern 
einen Lohn normieren dürfen^. Zwölf weiße Groschen oder 
V2 Gulden: wieviel oder wie wenig konnte man in diesem Zeit- 
alter der Wertrevolution damit ausrichten? Streng ist das Truck- 
verbot in jeglicher Form. Hatten schon die Konstitutionen die 
Bezahlung des Lohnes mit Erzen statt mit Geld auf die unständigen, 
nur zeitweise beschäftigten Arbeiter eingeschränkt, so verbietet das 
Joachimsthaler Recht die Naturallöhnung ganz und gar und führt 
die wöchentHche Geldlöhnung ein und bestimmt auch die Münz- 
sorten, in denen gezahlt werden darf^. Den Beamten wird der 
Verkauf von Lebensmitteln an die Arbeiter und der Gewinn aus 
dem Wechsel bei der Löhnung streng untersagt u. a. m. Aber 
einerseits sind fy, ewig wiederholten Verbote nur ein Beweis, daß 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 3 



34 Rechtsgrundlagen. 

sie immer wieder übertreten wurden, anderseits ist der Truck unter 
gemssen Verhältnissen primitiver Verkehrstechnik keine notwendig 
antisoziale Form der Löhnung. In den böhmischen Ländern war 
Truck in jeder Form verboten, im gleichzeitigen alpenländischen 
Bergrecht aber bestand ein gesetzlich geregelter Truck, die Pfenn- 
wertwirtschaft, d. h. die Überlassung von Waren an Geldlohnes statt 
(z. B. Ferdinands Bergordnung von 1553, Art. 140/42). 

Auch Bestimmungen über die Arbeitszeit, die als ausschließ- 
lich und eminent soziale Maßregeln gedeutet werden könnten, lassen 
sich, wie ich glaube, auch anders, nämlich als kapitalistische Not- 
wendigkeiten auffassen. Das Kuttenberger Recht des Mittelalters 
teilte den Tag in zwei Tag- und Nachtschichten zu je vier Stunden. 
In Joachimsthal und seither allgemein hat sich der Arbeitstag von 
drei Schichten zu acht Stunden (von 4 Uhr morgens an gerechnet) 
eingebürgert mit der besonderen Bestimmung, daß da, wo nur zwei 
Schichten gearbeitet würde, die Nachtschicht auszufallen habe. 
Zwei Schichten hintereinander zu arbeiten, ist dem Bergarbeiter 
seit den Konstitutionen: ne deficiat in labore — verboten. Von 
diesem allgemeinen Verbot wurde in Joachimsthal nur nach dem 
großen Aufstand von 1525 zeitweise Abstand genommen. Aber 
gerade diese Bestimmung scheint mir in der neueren Zeit weniger 
ein Symptom stark sozialer Gesinnung als vielmehr schwach ent- 
wickelter kapitalistischer Technik zu sein, denn wenn der Betrieb 
kontinuierlich und zwar arbeitsintensiv sein soll, muß sich die Zeit 
sozusagen nach den Bedürfnissen der lebendigen Arbeit richten, 
anders hingegen, wenn an Stelle des Menschen die Maschine tritt, 
der Betrieb kapitalintensiv wird, dann muß sich die Arbeit nach 
den Bedürfnissen der „Zeit", bzw. da der Betrieb in kapitalistischer 
Wirtschaft zeitlos oder zeitlich unbegrenzt ist, nach den Bedürf- 
nissen des Kapitals richten. In verschiedenen Wirtschaftsformen 
hat eben die „Zeit" verschiedene Funktion und wird anders ge wertet. 

Aber auch die Organisation der Bergarbeiter in der von der 
weiteren Berggemeinde gesonderten Knappschaft, welche das neue 
Recht als Erbe des mittelalterlichen übernehmen mußte, wurde, 
wenn man sie schon nicht abschaffen konnte, da sie zu fest mit 
den Berggewohnheiten verbunden war, doch umgeformt und un- 
schädUch gemacht. Im Mittelalter hatte diese Organisation, soweit 
sie überhaupt fest war, humane, kirchliche, religiöse Zwecke: die 
Pietät gegen verstorbene Mitglieder der „Brüderschaft" durch gemein- 
same Beiträge und Veranstaltungen lebendig zu erhalten und zu 
pflegen. Jetzt aber fingen die Verbände an, einen wirtschaftlichen 



Das Recht der Bergarbeiter und seine Wandlung. 35 

Inhalt zu bekommen und mußten darum ungefährlich gemacht 
werden. Sie ermöglichten Streiks und erstarkten anderseits durch 
diese. Und so bestimmten die Joachimsthaler Zusatzartikel von 
1525 bezüglich der Knappschaft (Art. 28) : die Knappschaft hat das 
Recht, Älteste, wie anher geschehen, zu wählen, und zwar vier 
Angesessene und vier Nichtangesessene (vier von den gelernten, 
ständigen Arbeitern, vier von den nicht gelernten Taglöhnern), die 
der Herrschaft zur Bestätigung und Beeidigung vorzustellen sind. 
Aber um künftigen Aufständen vorzubeugen oder wenigstens sie 
wirtschaftlich riskant zu machen, wird der Knappschaft die Ver- 
mögensverwaltung teilweise entzogen und dem Stadtrat mit über- 
tragen, der überhaupt eine Art Bewachung der Knappschaft zu 
üben hat (Art. 29 f.). Die zweite und dritte Joachimsthaler Berg- 
ordnung beseitigen vollends die freie Wahl der Ältesten'^. 

Sehr eingehend beschäftigte sich der Oppersdorfsche Reform- 
entwurf mit dem Knappschaftswesen und es lohnt, die Tendenzen 
der Entwicklung hierin zu kennzeichnen. In Kuttenberg scheint 
seit langem jede einzelne Arbeiterkategorie ihre Ältesten (und 
zwar die Häuer 6 , die Haspler 2 , die Treiber 2 , die Schmelzer 4 
und die Schlichmacher 2, im ganzen also 16, von denen wiederum 
12 im Rate sitzen und der Gemeinde vorstehen) gehabt zu haben, 
und diese in der Zeit des Bergbaues weniger eine Interessen- 
vertretung der Bergleute als vielmehr eine Art (sittenrichterliche) 
Aufsichts- und Zensurbehörde gewesen zu sein; es wird ihnen zur 
strengen Pflicht gemacht, „das gemeine gesündl in einem gutten 
Ehrbaren vnd Gottes fürchtigen Wandl" zu erhalten, sie sollen sie 
bei jeder Zusammenkunft zur Ehrbarkeit und zu gottgefälligem 
Leben und zu fleißigem Kirchenbesuche anhalten, mindestens einmal 
im Jahre die „Gemeinde", der sie als Älteste vorstehen, zusammen- 
rufen usw. Jeder der irgendwie zur Knappschaft gehört oder mit 
ihr in Beziehung steht, soll verpflichtet sein, Mitglied der Gesell- 
schaft zu werden. Die Knappschaft hat also zunftartigen Charakter, 
und zwar ist sie eine Art königlich privilegierte Zwangsgenossen- 
schaft unter Vorstehern, die von der Bergbehörde bestellt sind. 
Damit ist auch auf den königlichen Bergwerken die Arbeiterorgani- 
sation zu einem gefügigen Instrument in der Hand des Bergherrn 
geworden. Wer in die Gesellschaft, „darunter er seine Nahrung 
führt", nicht eintritt, gebe damit zu verstehen, „daß er in keiner 
gutten Ordnung vnder der Obrigkeit zu stehen, sondern in einem 
eigenen Willen zu leben gedenket". Um solchen Verächter der 
Gesellschaft soll sich der Älteste nicht kümmern, sich seiner in 

8* 



36 Rechtsgrundlagen. 

keiner Not annehmen, noch ihm Hilfe leisten, und wenn möglicli, 
ihn nirgend befördern: er ist geächtet. Über alle Mitglieder aber 
sind die Ältesten und die Gemeinde verpflichtet, ihre schützende 
Hand zu halten: „als über einen eingelübdten ghed". Die Ältesten 
sind für alle Knappschaftsangelegenheiten erste Instanz. Die Ältesten 
der Haspler und Treiber sollen alle 14 Tage einmal Sonntag früh, 
wenn das Arbeitsvolk im „Kauen beim Schmehler" (d. h. also im 
Wirtshaus) beisammen ist, inspizieren und nachfragen, ob zwischen 
dem Schmeler als dem Lebensmittellieferanten und den Knechten 
alles in Ordnung sei. Die Ältesten haben ferner richterliche Be- 
fugnis in Bagatellsachen, ausgenommen eigentliche Bergwerks- 
angelegenheiten, die vor die zuständige Behörde gehören. 

Alle im königlichen Bergwerk beschäftigten Arbeiter und Hand- 
werker sind als königliche Untertanen von den städtischen Zünften 
und Pflichten befreit und begnadet. Der Reformentwurf sagt dann 
auch, daß alle Handwerker, die sich in der Nähe des Bergwerks 
niederlassen und dem allgemeinen Bedarf dienen, z. B. Schmiede 
oder Wagner mit den Schmieden und Wagnern der Stadt verglichen 
und Zunft haben sollen, die Bergschmiede aber oder die Wagner 
vom Berge sind davon befreit, ,,dann Wir als ein König zu Böheim 
habens wol Macht, die Unsz vor anderen dienen, befreyen und 
begnaden." 

Das Vermögen der Knappschaft, aus eigenen, Büchsenpfennige ge- 
nannten Beiträgen und Beisteuern der Arbeitgeber bestehend, diente 
hauptsächlich Unterstützungszwecken. Das Joachimsthaler Recht 
ordnete das Unterstützungswesen so , daß die Unfallunterstützung 
vom Ai'beitgeber allein, die Invaliditätsunterstützung aus den 
Büchsenpfennigen der Arbeiter bestritten wurde. Bei Körper- 
beschädigung der Arbeiter haftete der Arbeitgeber insbesondere 
für „Arztgeld'' und hatte den Lohn durch acht, in Zubußzechen 
durch vier Wochen weiterzuzalüen (vgl. I. Joach. B.O. 105, IL 84, 
n. 85). Außerdem kamen verschiedene Fonds (Freikuxen, Quatember- 
geld) den Arbeitern, wenn auch nicht ausschließhch, so doch zum 
Teil zugute 1^ 

Dies genüge zur Charakterisierung der Wandlungen des Arbeits- 
rechts. Nun wäre ja wohl denkbar, daß diese Verschlechterung 
ihres Rechts, diese Mundtotmachung mit einer Verbesseiiing ihrer 
wirtschaftlichen Lage Hand in Hand gegangen sei, die es ihnen 
erlaubt hätte, auf jene Vorrechte kein großes Gewicht zu legen 
und sich gewisse rechtliche Schranken gegen übermütige Auflehnung 
gefallen zu lassen^'. Aber das ist mit nichten der Fall, sondern 



Die Bergstadt und ihr Recht. 37 

dieses Recht gilt für eine, wie wir sehen werden, auch im wirt- 
schaftlichen Widerstand gelähmte Arbeiterschaft. Hier genüge die 
Andeutung: wie früher die Beteiligung der ländhchen Bevölkerung 
am Bergbau eine Besserung ihrer Lage als Untertanen bewirkt 
hatte, so bedeutet jetzt die Angleichung der Bergleute an die 
untertänige Bauernschaft eine dementsprechende Verschlechterung 
ihrer gesamten Position. 

Die Bergstadt und ihr Recht. 

Von den das Bergwesen unmittelbar beeinflussenden und seine 
Entwicklung maßgebend bestimmenden Gewalten haben wir zuletzt 
noch die Bergstadt, die Organisation der Berggemeinde als städti- 
sches Gemeinwesen, zu betrachten. Ihr Wesen und Recht werden 
wir vielleicht am besten unter dem Gesichtspunkt begi'eifen, daß 
wir die Bergstädte, sowohl die königlichen als die ständischen, als 
Kolonien landes- und nationalitätsfremder Einwanderer fassen. Dies 
bedeutet einerseits von vornherein größere Freiheit, nicht nur dem 
platten Lande, sondern auch allen anderen Städten gegenüber, und 
zweitens, wie es scheint, größere Widerstandsfähigkeit, Zähigkeit 
und höchste Verantwortung dieser expatriierten gegenüber den 
autochthonen Volksteilen. Eine solche landesfremde Kolonie war 
Iglau, wo die vermutlich bajuvarischen Einwanderer schon eine 
Niederlassung holländischer Kaufleute vorfanden, mit der sie ver- 
schmolzen. So verdankten Kuttenberg und Joachimsthal ijir Empor- 
kommen den landesfremden Siedlern. Alle diese Städte hatten 
schon im Entstehen etwas Künstliches, Angelegtes, waren Zweck- 
verbände und dadurch in der Gestaltung ihrer Lebensbedingungen 
freier, mehi' auf sich selbst gestellt als andere Gemeinwesen. Sie 
sind frühzeitig rationale Gebilde, bei denen der Zufall und die Will- 
kür der universalhistorischen Kräfte eine geringere Rolle spielten 
als überall sonst. Der gleiche Zweck, der die Menschen damals 
noch nicht aus Genossen zu Feinden machte, und die Gleichartigkeit 
der Menschen in fremdem Lande mußten von Anfang an diesen Ge- 
meinden ein großes Maß von Einheitlichkeit, Geschlossenheit und 
Sicherheit geben. Die Einwanderer brachten sich gewissermaßen 
ihr eigenes Recht mit oder es wurde ihnen zugestanden, es sich 
selbst zu schaffen nach ihren eigenen Zwecken. So genossen sie 
der „Freiheit" als der ihnen naturgemäßen Atmosphäre, in der sie 
wachsen konnten und w^aren nicht bloß aus der Jurisdiktion eines 
Grundherrn entlassene Gemeinschaften, sondern rechtlich privilegierte 



38 Eechtsgrundlagen. 

Wirtschafts- und Kulturzentren, in denen ein überaus liberales Wirt- 
schaftsreclit herrschte: Erwerbsfreiheit unter Lebenden und von 
Todes wegen, Verkehrsfreiheit jeder Art, Steuerfreiheit usw., und 
ihre Abhängigkeit war nicht die von einem starren abstrakten 
„System", sondern die lebensvolle Beziehung zu einer Person und 
lebendigen Macht, sei es der des Königs oder eines regalherr- 
Uchen GrundheiTn. Diese Rechtstellung bedeutet einen ungeheueren 
Vorsprung vor den anderen Gemeinwesen , ein Monopol , nicht so 
sehr auf das allgemeine Recht als vielmehr auf die Freiheit vom 
Recht, und die Bergstädte haben gezeigt, was sich mit solcher Frei- 
heit anfangen ließ. Dabei aber werden wir doch, wie mir scheint, 
einen Unterschied konstatieren müssen zwischen den alten könig- 
lichen Bergstädten (wie Kuttenberg, Iglau) und den neu empor- 
gekommenen, zwischen jenen „organisch" gewachsenen, die ein 
Mittelalter hatten, und am Beginn der neuen Zeit, beim Eintritt, der 
universalhistorischen ökonomischen Veränderungen auf mehrere 
hundert Jahre Geschichte zurückblicken konnten, und diesen neuen, 
in ihrer Entwicklung treibhausartigen Anlagen, die wie Joachims- 
thal, über Nacht sozusagen aus dem Boden geschossen, in ihrem 
ganzen Habitus etwas Traditionsloses, „Amerikanisches" haben. 
Jene waren Teilnehmer großer Geschicke und Veränderungen, diese 
aber mußten sich erst ihr Schicksal und ihre geschichtliche Stellung 
schaffen durch das , was sie wurden. Gemeinsam ist beiden die 
Behandlung des Bergbaues als öffentliche kommunale Angelegenheit : 
Bürger und Bergleute, cives und montani, waren ja wohl ursprüng- 
lich in der handwerklichen Periode des Bergbaues identisch, und 
auch als das gewerkschaftliche, ortsfremde Kapital vordrang, lag 
den Gewerken daran, Bürger zu werden, weil die oberste Rechts- 
setzung für den Berg in den Händen der Stadt, d. h. des Stadtrats, 
unter dem Vorsitz des landesherrlichen Richters ruhte, und der Ge- 
werke nur im Stadtrat und durch diesen als Bürger seine Inter- 
essen vertreten konnte. So wurden die Gewerken Bürger, und die 
Bürger wieder behandelten den Bergbau als städtische Angelegen- 
heit, die Stadt hatte auch durch ihre Schöffen Anteil an der Ver- 
waltung und in den zwei Bürgerlehen Anteil am Ertrag des Berg- 
baues. 

Mit dem Wachstum der Bergstädte und der Zunahme ihres 
Reichtmns wurden die Beziehungen zwischen Stadt und Berg, 
zwischen Kommune und Wirtschaft von selbst immer zahlreicher 
und enger und ihr Streben nach völliger Selbständigkeit immer 
weitergehend. Das Schwinden der königlichen RealherrUchkeit kam 



Die Bergstadt und ihr Recht. 39 

in den königlichen Bergstädten der Kommune zugute. Seit der 
Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts einsetzend und anknüpfend an 
die seit jeher anerkannte Mitwirkung der Stadtschöffen bei Ver- 
leihungen und ihr Richteramt im Berggericht endete diese Ent- 
wicklung damit , daß sich Bürgermeister und Rat der königlichen 
Bergstädte als Obrigkeit auch in reinen Bergsachen etablierten, die 
Rechtsprechung über die Bergleute ergriffen und zum Teil die un- 
mittelbar regalherrliche Verwaltung verdi'ängten , die im wesent- 
lichen zu einer Aufsicht herabsank. Jetzt wurde die Verleihung 
Sache der Stadt, und schließlich übernahm sie den Bergbau vom 
König in eigene Regie (wie in Kuttenberg), um, w^enn schon nicht 
am Berge, so doch an den mit ihm zusammenhängenden Erwerbs- 
quellen einen Gewinn zu haben. Diese Kommunalisierung des 
Berggerichts aber, die eine Verstadtlichung der ganzen Bergwerks- 
verwaltung nach sich zog, scheint zu schweren Mißhelligkeiten 
zwischen der Bergarbeiterbevölkerung und der Stadt geführt zu 
haben, die freilich mehr wirtschaftlichen Hintergrund hatten, wenn 
sie auch rechtliche Kompetenzfi'agen (Teilnahme an der Spital- 
verwaltung u. ähnl.) zum Vorwand nahmen. 

Etwas anders scheint die Entwicklung in den grundhen'lichen 
Bergstädten vor sich gegangen zu sein. Diese genossen w^ohl nie 
ein solches Maß von Unabhängigkeit wie die königlichen Bergstädte, 
sondern die Beziehungen zu ihrem Herrn waren viel engere und 
seine Herrschaft viel strenger, ganz besonders an der Wende vom 
fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert, die in Böhmen charak- 
terisiert ist als das Zeitalter der heftigsten Kämpfe des Adels gegen 
die Städte, die er, wie es ihm gleichzeitig oder kurz vorher mit 
den Bauern gelungen war, in volle Untertänigkeit herabdrücken 
wollte. Nach seiner Ansicht und Absicht waren die Bewohner der 
könighchen Städte geradeso Untertanen und Hörige des Königs wie die 
der Herrenstädte und Städtchen Adelsuntertanen waren. Gleichwohl 
verbot schon das eigenste Interesse der Grundherren, den Bergstädten 
in der Entfaltung ihres Innenlebens, ihrer Kultur, irgendwelche Be- 
schränkung aufzuerlegen, und so hat sich denn in ihnen, wenn sie 
der Kampf um ihr Recht auch erschöpfte, eine neue von der adeligen 
verschiedene bürgerÜche und Massenkultur angesetzt und gedieh 
hier in diesem Boden, wo alle einzelnen Ansätze und Bestrebungen 
sogleich von einem lebhaften Gemeingefühl ergriffen und organisiert 
wurden, zu einer Blüte, die vielleicht nur Zeit gebraucht hätte, um 
völlig und schön auszureifen. 



40 



Kuttenberg und Joachimsthal. 

jjie Blütezeit des königlichen Bergbaues in Böhmen fällt in 
das Mittelalter; in jenen ritterlichen Zeiten hießen die Bergwerke 
der Krone Kleinod und waren wie die Damen „gefälHg" und „höf- 
lich". Um ihretwegen entbrannten blutige Fehden zwischen den 
Großen der Erde und verbreitete sich der Ruhm des Landes ^ Ein 
geheimnisvoller Zauber, etwas Anbetungswürdiges umgab sie. Sie 
waren die unterirdischen Schatzkammern der Könige, die Staats- 
sparkassen, ein nie versagender Rentenfond, aus denen die Könige 
ihren und ihres Hofes Unterhalt bestritten. Noch von König 
Wladislaw im fünfzehnten Jahrhundert heißt es, daß er sow^ohl für 
seinen Hausbedarf als auch für seine sonstigen Ausgaben beinahe 
ausschließlich auf Kuttenberg angewiesen war, das er wie seine 
Handkasse behandelte und jede kleinere und größere Ausgabe darauf 
basierte 2. Aber die hochberühmte Kuttenberg, die erste Bergstadt 
und zweitangesehenste Stadt im Lande überhaupt, ließ gegen Ende 
des Mittelalters in ihrer Ergiebigkeit nach; die Hussitenkriege 
vollends brachten ihr unüberwindHchen Schaden, und die Geschichte 
des Bergwerks in der neueren Ära ist nur mehr die Geschichte 
des mühsam aufgehaltenen Verfalls. Das Sinken Kuttenbergs aber 
ist begleitet von der Entdeckung und dem Aufblühen Joachims- 
thals im Nordwesten des Landes, dessen Geschichte, in eine kurze 
Zeitspanne zusammengedrängt, alle Mächte und Ohnmächte der Zeit 
am Werke sieht, und eben darum, weil die die Zeit beherrschen- 
den Kräfte hier wie auf einer Schaubühne beobachtet werden 
können, typisch ist. Doch inhaltsreich genug ist diese Geschichte, 
und zusammen mit der Kuttenbergs möchte sie ein anschauliches 
Bild der damaUgen „Großindustrie" geben. 

Kuttenbergs Geschichte in der neueren Zeit ist rasch erzählt. 
Seine Blüte und sein Aufstieg gehören dem Mittelalter an; aber 
da immer und überall und gar beim Bergbau alles Gute und Frucht- 
bare in der Stille gedeiht, so haben wir von dieser Blütezeit noch 



Kuttenberg und Joachimsthal. 4J 

viel weniger Kenntnis als von dem Verfall, den wir überall „doku- 
mentarisch" beglaubigen und beweisen können, und Graf Sternberg 
hat ganz Recht zu sagen, daß mit König Ferdinands I. Regierung 
die Geschichte der böhmischen Bergwerke eigentlich erst anfange, 
sich als eine Geschichte zu gestalten und es nur schade sei, daß 
die gute Zeit für den Bergbau bereits vorüber war (I, 96). Mag 
immerhin durch die Unbestimmtheit und das Dunkel der voran- 
Hegenden Epoche vieles vergrößert und übertrieben und anderseits 
durch die Überfülle der Verordnungen, Regulative und Klagen der 
Verfall schlimmer scheinen als er in der Tat gewesen ist, so war 
doch jetzt gerade die volkswirtschaftHche Notwendigkeit und der 
Bedarf an Edelmetall viel größer als je im Mittelalter, und versagte 
das Bergwesen gerade in dem Moment der Geschichte , als man 
seiner am dringendsten bedurfte. Die nationalistische religiöse Be- 
wegung hat den königlichen Bergbau wohl nie ganz unterdrückt. 
Er scheint nie völlig stille gestanden zu sein; mit dem sechzehnten 
Jahrhundert, dem geldbedürftigen und geldgierigen, begann der 
Betrieb wieder intensiver zu werden. Intensiv war aber nur und 
bedeutete hauptsächlich nur den Wunsch und die Begier nach Geld 
oder nach Metall, der Betrieb selbst blieb, in unserer Sprache zu 
reden, Raubbau, geregelter Raubbau, gemildert durch die Unfähig- 
keit der Technik. Aber der Verfall war nicht aufzuhalten ; zahllos 
sind die Kommissionen, die uns anmuten wie Entdeckungsfahrten, 
um die Mißstände, die Gründe des dauernden Mißerfolges auf- 
zufinden, und immer gleich die mehr oder minder ehrlich gemeinten 
Ergebnisse und Vorschläge zu ihrer Behebung, und am gleich- 
artigsten der schließHche Erfolg: es bleibt beim alten. Die Könige, 
teils aus Interesse, Pflichttreue und Liebhaberei, ließen sich die 
Fördei-ung des Bergbaues angelegen sein — vergebens ; endlich im 
Jahre 1615 beantragt der König beim Landtag, das königliche 
Bergwerk, das er mit eigenen Mitteln nicht mehr halten und doch 
nicht ganz fallen lassen wollte , zu verpachten. In zehn Jahren 
hätte der Verlust 805 368 Schock meißnische Groschen betragen. 
Dieser Antrag wurde zehn Jahre später zum Beschluß erhoben 
und unter Kaiser Ferdinand IL die königlichen Bergwerke von 
Kuttenberg gemäß Vertrag vom 9. Juli 1625 an die Gemeinde 
Kuttenberg verpachtet. Der Vertrag, auf zehn Jahre lautend, ist 
sehr günstig für die Stadt, die schon durch die Nebenbestimmungen 
auf ihre Kosten kommen konnte, gleichviel, ob der Bergwerksbetrieb 
rentierte oder nicht. Die wesentlichen Punkte dieses Vertrages 
sind folgende^: 



42 Kuttenberg und Joachirasthal. 

1. Die Stadt übernimmt das sämtliche Bergwesen (mit Aus- 
schluß des Silberkaufs und Münzschlags) auf 10 Jahi-e und verspricht, 
den Bergbau auf eigene Kosten zu führen und zu vermehren, die 
dazu nötigen Gebäude zu erhalten, aber auch alles, was sie in- 
ventarisch übernommen, seinerzeit im Status quo wieder zurück- 
zustellen und in Streitsachen an das königliche Bergamt zu re- 
kurrieren. 

2. Sie macht sich verbindlich, nach sechs Freimonaten von 
allem produzierten Silber die zehnte Mark als Bergzehent ab- 
zuführen. 

3. Sie soll schuldig sein, alles Bergsilber gegen 9 Taler die 
Mark in das königliche Münzamt abzuliefern und zu bestimmten 
Tagen die Kiese und Erze von den Parteien einzulösen und nach 
der Erzkauftaxe zu bezalilen. 

4. Sie verpflichtet sich, das ganze Schmelzw^esen zu über- 
nehmen und seinerzeit in Geld oder Natura zurückzustellen, auch 
alle Gebäude in baulichem Zustande zu erhalten. 

5. Auf gleiche Art wird ihr der ganze Holzhandel und die 
Instandhaltung der Klausen, Rechen, Archen usw. übertragen, das 
Holz in den Reichenauer Wäldern w4rd sie auf ihre Unkosten hauen 
und flößen lassen und nach einem Freijahr 3 Kreuzer von der 
Klafter zahlen. 

6. Die Kommune übernimmt auch die Vorräte von Blei, Holz, 
Kohlen und Unschlitt und wird sie seinerzeit vrieder in natura 
übergeben oder für das Fehlende zahlen: für den Zentner Blei 
5 Vi Reichstaler oder 7 fl. 52 kr., für die Klafter Klöppelholz 2 fl. 
30 kr., die Truhe Kohle 51^2 kr. und den Stein-Unsclilitt 4 fl. 20 ki-. 

7. Die Amtsleute, welche die Stadt bei den Bergleuten an- 
stellen wird, sollen dem Kaiser und der Stadt verpflichtet sein. 

Dagegen verspricht ihnen der Kaiser: 

1. Die Aufrechterhaltung und Beschützung der Stadt Kutten- 
berg in allen ihren Privilegien, Freiheiten, Statutenordnungen so- 
wolil in politischen Sachen als im Bergwesen und der Ausübung 
aller bürgerUchen Gewerbe und Nahrungen. 

2. Wiedereinräumung des Bräuhauses mit allen VoiTäten, der 
Stadtmauten, des Salz- und Eigenhandels. 

3. Restituiei-ung einiger früher von der Stadt, später von den 
Jesuiten innegehabter Dörfer. 

4. Nachsicht aller Steuern, Kontributionen, Bier- und Wein- 
auflagen wie in allen übrigen Bergstädten, desgleichen Verschonung 
von Einquartieiningen, Durchzügen von Kriegsvolk und Musterungen. 



Kuttenberg und Joachimsthal. 43 

5. Der Bürgerschaft wird erlaubt, sich zu dem Bergbau ein 
eigenes Einkommen zu bilden, doch nur soviel, als der Verlag und 
der Bergbau erfordert. Die Rechnung darüber soll jährlich zweimal 
in Gegenwart des königlichen Verwesers, des Rates und der Bürger- 
schaft verhört werden. 

6. Zollfreie Ausfuhr des gesaigerten Kupfers ins Ausland 
während dreier Jahre v^ird gestattet. 

7. Dem in Kuttenberg in eigenen Häusern oder in der Miete 
wohnenden Adel soll kein Verkauf solcher Gegenstände , welche 
zur Bergnotdurft gehören, erlaubt sein, und, falls sie mit den Zu- 
bußen, welche auf die Häuser ausgeschrieben werden, zurückbleiben, 
sollen die Adeligen gebührlich zur Bezahlung kompelliert werden. 

8. Allen Bergbauenden ohne Unterschied wird die Freizügig- 
keit zugesichert, ebenso denen, die ab intestato in eine Erbschaft 
eintreten, die Ausfolgung derselben versprochen. 

9. Sollen alle Gewerken, Bergleute und Einwohner nach den 
älteren Bergfreiheiten zu keinem anderen Gericht zitiert oder zu- 
gezogen werden als demjenigen, dem sie herkömmlich unterstehen ; 
doch darf keiner Partei das beneficium appellationis beschränkt 
werden ; in betreff der Bergleute und Inwohner, sofern es auf Zeug- 
nisse ankommt, wird auf den Bergwerksvergleich von 1575 ver- 
vriesen. 

10. ZolKreie Einführung aller Viktualien und Bergwerksbedürf- 
nisse, sowohl an der Grenze als auch im Lande. 

11. Einige Artikel über Begünstigung der Holzflößerei und Ge- 
währung des Bergholzes aus den Reservatwäldern. 

12. Befreiung von Schadenersatzpflicht beim Eintritt von 
Elementarereignissen und bei höherer Gewalt. 

13. Versprechen der raschen Behandlung und Fördening aller 
Bergwerksangelegenheiten, mit denen sie sich an die böhmische 
Hofkammer oder an den Kaiser selbst wenden. — 

Das Bergw^erk Joachimsthal hat, wie alle Bergwerke, seinen 
Mythus, aber keinen poetischen oder religiösen mehi* wie Kutten- 
berg und andere mittelalterhche Bergstädte, sondern, dem Geist der 
Zeit entsprechend, einen viel nüchterneren : seine Geschichte beginnt 
mit einer Urkundenfälschung. Eine im sechzehnten oder siebzehnten 
Jahrhundert fabrizierte, an alle Untertanen des heiligen römischen 
Reiches gerichtete Urkunde wird in das Jahr 1437 zurückdatiert 
und darin von Kaiser Sigismund seinem lieben , getreuen Kanzler 
Caspar Schlick, Grafen zu Passaun (Bassano), dessen Bruder und 



44 Kuttenberg und Joachimsthal. 

ihren Erben und Nachkommen das Recht der Münzprägung für das 
ganze römische Reich und alle einzelnen Länder verliehen, damit 
die neu entdeckten und mit vielen Kosten gebauten Bergvv^erke in 
St. Michaelsberg und St. Joachimsthal sich besser rentieren mögen *. 
Das Bergwerk von Joachimsthal, früher Conradsgrün genannt, kam 
aber erst, wie wir wissen, 79 Jahre später, nämhch 1516 in Auf- 
nahme '^. Seine Entstehungsgeschichte ist ^\^chtig. Nach den besten 
Quellen scheint es sich um einen reinen Zufall zu handeln. Schon 
lange war in der bewaldeten Umgebung (von Meißnern und Schlacken- 
werthern) geschürft und Erz gefunden worden. Diese Versuche 
aber verschollen während der Kriege des fünfzehnten Jahrhunderts. 
Als einst der Besitzer der Herrschaft Schlacken werth, Graf Stephan 
Schlick, in Karlsbad weilte und von dem Bergbau auf seiner HeiT- 
schaft hörte, reiste er mit dem Grafen Alexander von Leisnik, Heim 
Wolf von Schönberg und Hans Thumshim dahin und nahm die 
Grube auf dem Schottenberge, der ältesten Fundstätte, wieder auf 
und erhielt bald Ausbeute. Da in der Umgebung bereits ein Anna- 
berg und Josephsdorf bestand, nannte man das Tal, um die heilige 
Familie zu ergänzen, St. Joachimsthal. Soweit Mathesius in seiner 
Sarepta^. Der Bergbau zeigte sich sehr bald schon in den oberen 
Mitteln ergiebig. Die Gruben brachten schon im ersten und zweiten 
Jahr Ausbeute. Das lockte viele Gewerken an, worauf der Graf 
Schuck beschloß, eine Bergstadt zu bauen. Zu diesem Zweck 
mußten erst die Grundeigentümer von Conradsgrün, die Brüder 
von Haslau ausgekauft werden'^, was auch gelang, indem man sie 
an dem Erzbau interessierte. Alsbald ließ Graf Schlick, ohne viel 
zu fragen mit welchem Recht, in dem neuen Ort eine Münze er- 
richten und erteilte der noch nicht einmal fertig gebauten Stadt 
Joachimsthal eine Bergordnung nach sächsischem Muster (1518)^. 
Überhaupt waren die Schlicke von jeher ein gewalttätiges und 
revolutionäres Geschlecht^. Im Jahre 1471 hatten sie sich kurzer- 
hand von Böhmen losgesagt und unter den Schutz des Herzogs 
von Sachsen gestellt, und in der Feste Ellbogen verteidigten sie 
sich gegen das von den Ständen entsandte Heer (1505), mußten 
sich aber , da sie der Herzog von Sachsen im Stich ließ , ergeben 
und w^urden samt ihren Gütern der Krone Böhmens wieder unter- 
worfen ^^. 

Wer waren diese Schlicke, woher stammen sie, die Begründer 
der ersten Industriedynastie in Böhmen ? Der Ahnherr ihrer Herrhch- 
keit und Macht ist jener berühmte Caspar Schhck (ca. 1400 — 1449), 
der unter drei Herrschern : Sigismund, Albrecht II. und Friedrich HI. 



Kuttenberg und Joaehimsthal. 45 

Kanzler war, einer der hervorragendsten Männer und vielleicht der 
bedeutendste Staatsmann seiner Zeit. Das Geschlecht der Sclilicke 
stammt mit großer Wahrscheinlichkeit^^ aus dem Vogtlande und 
wanderte gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts ins Egerland 
nach Böhmen ein. Ein Zweig der Familie hat sich in Wunsiedel, 
der andere in Eger niedergelassen. Hier in Eger lebte der Vater 
Caspars mit Namen Heinrich Schlick, ein ehrsamer Kaufmann, Tuch- 
händler ^^ und Zollpächter, zugleich Mitglied der beiden städtischen 
Verwaltungskörper, des Rates und der äußeren Gemein. Als Caspars 
Mutter ^vurde die längste Zeit Constantia, Tochter des Grafen von 
Colallto, angesehen, indes ist neuerdings festgestellt, daß auch die 
Mutter bloß eine ehrsame Egerer Bürgerin gewesen ist und Caspar 
Schlick, seiner bürgerlichen Herkunft sich schämend, später diesen 
Adel der Mutter hinzuerfunden hat. Ob er in Bologna studierte, 
ist ungewiß , aber nicht sehr wahrscheinlich. Seine Karriere ist 
fabeDiaft, so daß Eberhard Windecke, der Chronist des Zeitalters 
Sigismunds ausrufen konnte: „und gehört iemand das eins burgers 
sun zu Dutschen landen so mechtig worden?" In der Tat war er 
der erste Kanzler bürgerlicher Herkunft und der erste Laie , der 
diese Stellung erreichte. Mit ihm nahm bei dem Zerfall des Lehens- 
wesens das „moderne" Beamtentum auch auf dem höchsten Reichs- 
amt, das ihm zugänglich war, Platz. Dieses Beamtentum aber ist 
nicht mit dem , was wir heute kennen , zu verwechseln , sondern 
trug noch alle Tugenden und Untugenden der Zeit und des Standes, 
aus dem es hervorgegangen, an sich ^^. Geboren dürfte Schlick um 
das Jahr 1395 sein; 1416 tritt er als Schreiber in die Kanzlei Kaiser 
Sigismunds ein und wurde in dem Kanzleidienst von dem Agramer 
Bischof Eberhard unterwiesen; 1422 wird er in den Reichsfreiherrn- 
stand erhoben mit dem Rechte, in sein Wappen das seiner Mutter 
Constantia, Gräfin von Colallto, aufzunehmen, 1430 Vizekanzler und 
begleitet den Kaiser nach Italien. Am 31. Mai 1433 wird er in 
Rom zum ersten Kanzler ernannt und mit seinem Bruder Matthäus 
zum Ritter geschlagen. Schon vorher, 1431, hatte er vom König 
Burg und Stadt Passano erhalten und wurde am 30. Oktober 1437 
zum Reichsgrafen von Bassano erhoben, wonach er immer Graf von 
Passaun heißt. Zu dieser Erhebung gaben die Kurfürsten ihren 
Willebrief. Im Jahre 1437 heiratete er Agnes, die Tochter des 
Herzogs von Oels-Kosel. Im gleichen Jahre starb sein Gönner Kaiser 
Sigismund, der letzte Luxemburger. Auch unter seinem Nachfolger 
Albreclit von Österreich, dessen Verheiratung mit Elisabeth, der 
Tochter Sigismunds, zum Teil Caspars Werk war, blieb er in Gunst 



46 Kuttenberg und Joachimsthal. 

und Amt und lenkte auch unter dessen Nachfolger, Friedrich III., 
die Reichsgeschäfte, bis er dem Treiben seiner Gegner und den 
Schwächen seines Charakters erlag. Im Jahre 1448 erfolgte sein 
Sturz, 1449 starb er und wurde neben seiner Gemahlin in der 
Karmeliterkirche zu Wien begraben. Er hatte einen Sohn, der 
aber dem Vater bald im Tode folgte, und eine Tochter, die mit 
einem der Schwarzenberge vermählt war. 

Aeneas Sylvius, sein „nützlicher Freund, der mehr als der 
ehrliche zu gefallen pflegt", schildert ihn in seiner Historia Bohemica 
cap. 53 wie folgt ^"^i „Unter diesen war der erste Caspar Schlick, 
Sohn einer italienischen Mutter aus dem Geschlechte der Grafen 
von ColaUto im Gebiete von Treviso und eines deutschen Vaters, 
Sprößling der Familie Lazan in Franken, gewandten Geistes, an- 
genehmer Beredsamkeit, ein Verehrer der Wissenschaften, zu allem, 
was immer er unternahm , wie geschaffen. Ihn haben Glück und 
Tüchtigkeit so emporgehoben, daß, was früher unerhört geblieben, 
er dreier aufeinanderfolgender Kaiser Kanzler war und einer von 
den Fürsten Schlesiens sich nicht weigerte, ihm seine Tochter zur 
Frau zu geben. Sigismund verlieh ihm Eger und Ellbogen und 
andere Städte in Franken, Albrecht in Ungarn Holitsch und Weiß- 
kirchen, Friedrich III. Grätz in Österreich. In der Tat war er ein 
erfinderischer Geist von seltener Herzensgüte, wodurch er befähigt 
wurde, bei so vielen, ihrem Charakter nach ganz verschiedenen 
Kaisern in gleicher Gunst zu bleiben. Wir (Aeneas Sylvius) genossen 
seiner Freundschaft am Hofe Kaiser Friedrichs, und was vrir er- 
reichten und was wir wissen, wie gering es auch sei, erlangten 
wir durch seinen Beistand. Die Zuwendung des Bistums Triest, 
womit die übrigen Würden ihren Anfang nahmen, hat er zunächst 
veranlaßt. " 

Sein Äußeres beschreibt Aeneas Silvius in den Briefen ^^: „Non 
eminentis staturae, sed letae grataeque habitudinis, illustribus ocuhs 
magis ad gratiam tumescentibus caeteris membris non sine quadam 
decoris natura correspondentibus." 

Überschauen wir die ganze Lebensgeschichte dieses außer- 
ordentlichen Mannes, so werden wir nicht zögern, in ihm einen von 
den zu nördhchen Barbaren, zu den lurchi Tedesclii, verschlagenen 
Renaissancemenschen zu sehen, jenen Typus des modernen Menschen, 
wie er sich vorbereitete mit all seinen sogenannten Glanz- und 
Schattenseiten : ehrgeizig, gebildet, gewandt, beweglich, schmiegsam, 
schlau, auf den eigenen Vorteil und den Glanz des Hauses bedacht, 
ungeheuer habgierig und gevdssenlos bis zum Verbrechen, und dabei 



Kuttenberg und Joaehimsthal. ^ 

doch immer mit dem Stich ins Kleinbürgerliche und dem Gei*uch 
eines Tuchmachersohnes aus der Judengasse in Eger, wo seine 
Wiege stand. 

Bestärkt werden wir in dieser Auffassung, wenn wir uns von der 
Geschichte seines äußeren Lebens, der seines Vermögens, worin ja 
das Menschliche, Allzu menschliche viel heller in die Erscheinung 
tritt, zuwenden. Der Wille zur Macht durch Erwerb von Reichtum 
und der Wille zum Reichtum mittels Verwertung der Macht : Zweck 
und Mittel gehen hier durcheinander und fördern sich gegenseitig. 
Daß er als Kanzler (wie Bacon) bestechlich war und seine amt- 
liche Stellung und den Einfluß, den er hatte, in den Dienst seiner 
Privatinteressen stellte, ist nur ein Zeichen der Konsequenz in der 
Verfolgung seiner Ziele; naivste Protektion seiner Brüder, Geld- 
geschenke, die er sich zahlen ließ, sind dessen Beweise. Der Rat 
von Venedig weist seinen Gesandten unterm 29. November 1433 
an: Scientes quantum dominus Caspar Schlick cancellarius suae 
serenitatis pro nobis et nostris negotiis operatus est et quantum 
nobis afficitur quantumque gratus est imperiah maiestati ... so 
sollen sie ihm 1000 Dukaten versprechen, um ihn für die venezianische 
Sache zu gewinnen ^^, und bald ist es eine „Ehrung" der Nürnberger 
von 40 und 150 fl. und bald ein schwedischer Hengst, womit man 
sich seine Gunst erkauft. 

So begabt hat er sich im Laufe seiner Amtszeit ein ungeheueres 
Vermögen erschmeichelt, erlistet, ertrotzt, erstohlen und die dauern- 
den Grundlagen für den Reichtum seines Hauses gelegt. Bei der 
Verschacherung des alten Reichsguts hat er ein schönes Stück Beute 
gemacht. Wo immer sich die Gelegenheit bot, eine gute Erwerbung 
zu machen, da griff Caspar Schlick zu. Entweder ließ er sich mit 
einem freigewordenen Reichslehen belehnen oder er borgte dem 
stets geldbedürftigen Kaiser Geld und ließ sich dafür Reichsgüter 
verpfänden oder Schenkungen machen. Oft behielt er diese nicht 
lange, sondern verkaufte sie bald weiter; auch dazu erhielt er die 
Zustimmung Sigismunds leicht. Gelang es ihm nicht, einen An- 
spruch durchzuführen, so sorgte er dafür, daß er entschädigt wurde. 
Seine Besitzungen lagen weit zerstreut: im Egerland, am Rhein, 
im Elsaß, im Allgäu, in Italien, — überall suchte er etwas zu er- 
haschen ^'^. 

Für uns am wichtigsten sind die Erwerbungen im Egerland, die 
auch die dauerndsten und solidesten waren. Nach und nach wiu-de 
ein großer Teil des westhchen und nördlichen Böhmens Schlickscher 
Familienbesitz. Im Jahre 1434 verpfändete der Kaiser dem Kanzler 



48 Kuttenberg und Joachimsthal. 

für 11900 ö. die Städte EllbogeD , Schlackenwert, Schloß Engels- 
berg, die Schebnitzer Güter, das Gut zu Achtenstädt. Das Schloß 
Seeberg gibt er ihm zu unbeschränktem Besitz. 1435 verlieh der 
Kaiser dem Caspar und Matthäus Schlick erbeigentümlich das Gut 
Falkenau, 1437 schenkte er dem Kanzler und dessen Erben das 
Gut Lichtenstädt im Allgäuer Kreis, das er vom Kloster Tepl 
gekauft hatte, mit allen Gerechtsamen und Gerechtigkeiten und 
Befreiung des Gutes von allen Lasten und Pflichten. Das war eine 
überaus wertvolle Schenkung, die sich die Schlicke in der Folge 
von Albrecht und der Königin Elisabeth bestätigen ließen. Im 
selben Jahre bekam er noch das Schloß Schöneck im Voigtlande. 
1439 erhielt Caspar Schhck für 300 Schock böhmischer Groschen 
die Burggrafschaft von Eger auf Lebenszeit verpfändet und ließ sie 
meist durch seine Brüder ausüben. Am Rhein ist es die Aue bei 
Nackenheim in der Gegend von Mainz, dann der Knoblochshof in 
Frankfurt, ein Reichslehen, Haus und Hof am Goldgießen zu Straß- 
burg, das Dorf Niederhausbergen bei Straßburg, Schloß Blicksberg 
im Elsaß, die Feste Limburg bei Sasbach, die Feste Schauenburg 
im AUgäu u. a. m. , mit denen Caspar Schlick teils belehnt , teils 
beschenkt wurde. In Italien bekam er Burg und Stadt Passano 
für sich und seine Nachfolger und das Schloß Vigonium in der 
Provinz Pavia, in Ungarn Weißkirchen usw. Vor Wallenstein ^^ 
dürfte wohl kein böhmischer Adeliger eine solche Besitzmasse an- 
gehäuft und in einer Hand vereinigt haben. Und damit der Ver- 
gleich nicht hinke : zweimal hat Caspar Schlick den Versuch gemacht, 
eine landesherrliche Stellung zu begründen, in die Reihe der Landes- 
herren einzurücken. Das erstemal, als er sich ganz widerrechtlich 
im August 1437 mit dem gräflich Toggenburgschen Erbe, den Herr- 
schaften Toggenburg, Beifort, Davos und Prätigau belehnen heß ^"', 
und das zweitemal, als er Erbe und Nachfolger der Fürsten zu 
Wenden, Güstrow und Waren, eines Zweigs des Mecklenburgischen 
Fürstenhauses, zu werden wünschte. Aber trotz des besten Willens 
des Kaisers mußte in beiden Fällen SchUck gerechteren und näheren 
Ansprüchen weichen. 

Nun aber ist der Mißbrauch der öffentHchen Amtsgewalt zu 
Privatzwecken zu allen und gar in diesen Zeiten sinkender und 
werdender Gestaltung üblich gewesen ^o, und die Akkumulierung 
großer adeliger Vermögen auf diesem Wege hat außer für den 
Moralisten der Geschichte nichts Überraschendes. Wie aber, wenn 
dieser Adel selbst, der so viele Ungerechtigkeiten legitimierte, ein 
Mißbrauch und eine unberechtigte Anmaßung ist? Aeneas Sylvius, 



Kuttenberg und Joachimsthal, 49 

der seinen Freund Caspar Schlick zum Helden eines Liebesromans 
gemacht hat, ist absichtlich oder unabsichtlich so boshaft, diesem 
Helden noch folgendes Urteil über den Adel seiner Zeit in den 
Mund zu legen: „Lieber Mariano! Es gibt viele Abstufungen im 
Adel, und ich bin überzeugt, wenn du nach dem Ursprung des 
Adels da und dort forschest, du findest Keinen oder doch nur sehr 
wenige, die ihren Adel nicht irgendeiner jämmerlichen Handlungs- 
weise verdanken. Zunächst gelten doch die als vornehme Leute, 
die reich sind. Reichtum aber geht selten mit Anständigkeit Hand 
in Hand, und es ist klar, daß also Vornehmheit einen unlauteren 
Ursprung hat. Der wurde durch Wucher reich, jener durch Brand- 
schatzung, ein dritter durch Verrat und der da durch Giftmischerei, 
jener durch Erbschleicherei. Dieser bereicherte sich durch Ehebruch, 
andere wieder durch Lügenhaftigkeit ; manche machen mit ihrer 
Frau ein Geschäft, manche mit ihren Kindern und viele helfen sich 
durch Meuchelmord. Selten hat einer sein Vermögen auf anständige 
Weise erworben, und niemand wird reich, als wer in allen Wassern 
gewaschen ist. Die Leute scharren Reichtümer zusammen und 
fragen nicht, woher sie kommen, sondern nur, wie viel zusammen- 
kommt, und allen paßt der Vers: .Woher du's hast, darnach fragt 
niemand, nur haben mußt du's.' Wenn nun aber das Faß gefüllt 
ist, dann möchte man den Adel haben. Auf diese Art stellt er also 
nichts anderes vor, als die Belohnung von Gemeinheiten. Auch 
meine Vorfahren gelten als Adelige, doch das besticht mich nicht. 
Meine Väter dürften nicht besser gewesen sein als andere , und 
einzig das entschuldigt sie , daß das alte Geschichten sind und 
niemand mehr die schändlichsten weiß. Ich glaube, nur der ist 
wahrhaft adelig, der anständig handelt ^^" 

Das ist wie ein Spiegel, aus dem uns Caspar Schlicks Bild 
entgegenblickt; er ist keine Ausnahme von der Regel, sondern 
unter den panis quaestores et auri corrassores, die ihr Unwesen 
am Hofe trieben , nur der Verwegenste , Klügste und Schlaueste. 
Neuere sehr verdienstvolle Untersuchungen ^^ haben die auch einem 
historischen Laien auftauchende Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit 
zur Gewißheit erhoben , daß sehr viele und die wichtigsten Ur- 
kunden, welche die Rechtsgrundlagen für die Schlickschen Würden 
und Titel und einen Teil ihrer Besitztümer bilden, von dem Kanzler 
selbst gefälscht und fabriziert sind. Caspar Schlick war in der 
Tat ein Großunternehmer in Fälschungen und einer der größten 
Falsifikatoren aller Zeiten. Während in älteren Kanzleifälschungen 
Diplome vergangener Zeit hergestellt wurden, der Auftraggeber die 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 4 



50 Kuttenberg und Joachimsthal. 

im Urkundenschreiben bewanderte Kanzleikraft benutzte, ohne die 
juridischen Beglaubigungsmittel der Kanzlei in Anspruch zu nehmen, 
ist Schlick kühner: er läßt unechte Urkunden seiner eigenen Zeit 
herstellen, die in der Kanzlei, der er vorstand, geschrieben, gefertigt, 
gesiegelt und zum Teil auch registriert wurden. Es ist ein ganzes 
Netz von systematisch betriebenen Dokumentenfälschungen, die das 
äußerste M«ß an Ehrgeiz und Energie des Willens als Motive voraus- 
setzen — Dante kennt seine Leute und seine Zeit, wenn er nicht 
müde wird, in den gehässigsten Worten von solchen Ehrgeizlingen 
und Habgierigen zu sprechen — und anderseits eine Geistesgegenwart 
und wieder Umständlichkeit des Apparats, wie sie nur ganz großen 
Verbrechernaturen eigen ist. Wie klug, wenn der Kanzler zwei 
Tage nach dem Tode seines Kaisers sich eine Urkunde ausstellen 
läßt, worin ihm bestätigt wird, daß alle ihm anvertrauten Siegel 
uud Stempel an dem Tage des Datums der Urkunde in der St. Nikolaus- 
kirche zu Znaim nach der Messe auf dem Altar durch einen Gold- 
schmied zerbrochen wurden, ein einzigartiger Vorgang fürwahr in der 
Geschichte der Fälschungen I Caspar Schlick, der Sohn schlichter 
Bürgersleute, empfand, zu Macht und Ansehen gelangt, das Be'dürfnis, 
sich selbst zu erhöhen. Auch darin ist er so recht der moderne Mensch. 
Im Mittelalter war man adelig geboren und verdankte seinem Status 
seine Stellung, der moderne Mensch ist ein Selfmademan, er ist 
tüchtig (virtuoso), fähig und gibt seiner Position, die er sich errungen, 
in die er nicht hineingeboren ist, den letzten Glanz, indem er sich 
adelt. Caspar Schlick also erfindet sich selbst eine adelige Mutter und 
läßt deren Sippe dem Kaiser auf einer Reise vorgestellt werden, er 
macht sich selbst und seine Brüder zu Freiherm und Grafen, er 
erdichtet, daß ihm der Kaiser Passano geschenkt hat und er schreibt 
sich selbst das Privileg eines Münzrechts, das mit dem kaiserlichen 
konkurriert. So umgibt er seine Person mit einem Mythus, der 
an die Gründungssagen der Städte erinnert. Seine Lebensarbeit 
hat ihm seine Phantasie — und die braucht der Unternehmer — 
nicht verkümmern lassen. Er ist ein Dichter, der sein eigenes 
Leben poetisiert ^^. Wie zu jenen Ansprüchen einer unbedingten 
alle anderen umfassenden irdischen Gewalt, die das Papsttum erhob, 
nicht bloß das Dogma in seiner scholastisch-hierarchischen Aus- 
bildung, sondern auch jene gigantische Fiktion einer auf zahllosen 
erdichteten Dokumenten aufgebauten Geschichte gehört, so sind 
auch hier Mittel und Zweck untrennbar und in eins verbunden. 

Pennrich hat 22 der wichtigsten Urkunden untersucht und ist 
zu dem Ergebnis gekommen, daß von diesen 22 Urkunden 12 offen- 



Kuttenberg und Joachimsthal. ^\ 

kundige Fälschungen, 4 wahrscheinliche Fälschungen, 5 wahr- 
scheinlich echt und eine nicht zu entscheiden ist, und zu einem 
ähnlichen Ergebnis kommt Dvofäk, dem die Originaldokumente vor- 
lagen^*. Von diesen gefälschten Urkunden ist eine der auch für 
den Fälscher selbst bedeutungsvollsten diejenige , mit der das 
Privilegium des Münzrechts für Joachimsthal legitimiert werden soll. — 
Unter den günstigsten Auspizien nahm Graf Stephan Schlick, 
der Nachkomme Caspars, mit seinen Teilliabern im Jahre 1516 den 
Bergbau in Joachimsthal auf. Alle Welt jammerte gerade über die 
Verteuerung des Lebens, die sich besonders in den Jahren 1516 — 22 
in einem Hochstand der Warenpreise fühlbar machte ^^. Noch hatte 
die Flutwelle aus Eldorado jene abgelegenen Gebiete nicht erreicht, 
da öffnete sich von neuem die heimische Erde und versprach den 
steigenden Ansprüchen auf Wohlleben erquickende Befriedigung. 
1516 fiel die erste Ausbeute, 1517 betrug sie schon 11997 Taler, 
1518 bereits 61 530 fl., und schon hatte man begonnen, Talergroschen 
nach sächsischer Art- zu prägen ^^. Wie haben wir uns die Stellung 
des „Unternehmers" zu denken, w^ie insbesondere kamen die Schhcke 
dazu, in Joachimsthal eine Münze zu errichten? Nach Eröffnung 
des Bergwerks waren die Nürnberger Patrizier Hanns Nützel und 
Jacob Welser die Silberkäufer von Joachimsthal. Sie streckten das 
Betriebskapital, insbesondere das zur Entlohnung der Knappschaft 
nötige Geld (den „Lohnfond") vor und leisteten 1518 den Schlicken 
einen Vorschuß von 34000 fl. auf den Zehent. Der Preis, den sie 
für das Silber zahlten: 8 fl. 15 kr. für eine Mark Silber (wovon, 
8 fl. die Gewerken, 15 kr. die Schlicke erhielten), war den Berg- 
baueigentümern bald zu gering, und die Schlicke trachteten also 
nach vorteilhafterer Verwertung ihres Silbers. Dazu kam, daß die 
Kaufleute, im Welthandel stehend und nach Weltwerten rechnend, 
ihre Zahlungen in dem kuranten Geld des Großhandelsverkehrs, in 
„rheinischen Gulden", leisteten und der Mangel an Kleingeld als- 
bald Teuerung der Lebensmittel und Unzufriedenheit der Arbeiter 
erzeugte. Die Schlicke als Bergwerkseigentümer arbeiteten also 
eigentlich (aus Kapitalmangel) für diese Händler, die, ohne sich 
mit der Betriebsführung zu beschweren, doch als Kapitallieferanten 
und Abnehmer der Bergwerksprodukte einen entscheidenden Ein- 
fluß auf das Bergwerk hatten. Der vielen Querelen müde, oder 
weil sie für ihr Kapital in der damaligen Konjunktur bessere Anlage- 
möglichkeiten wußten, gaben die Nürnberger das Vorschußgeschäft 
auf und forderten ihr Geld in der Höhe von 40 000 fl. zurück. 
Die Grafen Schlick verpflichteten sich in einem Vergleich, diese 

4* 



52 Kuttenberg und Joachimsthal. 

Vorschüsse in drei Jahresraten zurückzuzahlen und faßten auf 
Anraten ihres Berghauptmanns von Könritz, um sich der Bevor- 
mundung durch den Handel zu entziehen, den Entschluß, in Joachims- 
thal eine Münze zu errichten, das gewonnene Silber also im eigenen 
Betrieb weiter zu verarbeiten^'^. Ohne viel Skrupel fängt man 
1519 — 20 an zu prägen und sucht nachträglich dieses Unternehmen 
von allen Behörden (König und Landtag) legalisieren zu lassen. 

Der Unternehmungstypus ist also folgender : A hat eine Münze 
errichtet, d. h. er besitzt eine Berechtsame, eine Rentenquelle, die 
er auf verschiedene Weise ausnützen kann. Wie er dazu gekommen 
ist? Im Anfang war die Tat, die Gewalt. A verwertet sie „kapita- 
listisch" ; er macht Kapital daraus, indem er sie verpachtet, indem 
er andere (B , C , D , E , Gewerken) daran arbeiten läßt. Diese 
müssen ihm den Zehent (Bruttosteuer) ihrer Arbeit abliefern. Damit 
bekommt er schon 10 ^/o vom Bruttoertrag. Mit diesen 10 % be- 
streitet er eventuell die Unkosten des Betriebs und kauft den 
anderen (B, C, D, E) ihren Arbeitsertrag ab, (indem er wiederum 
ein Recht geltend macht, wonach sie verpflichtet sind, ihre Erträg- 
nisse gegen Bezahlung in seine Münzstätte abzuliefern). Und aus 
diesen so gekauften Erträgen macht er Geld, vermünzt es (meder 
kraft eines Rechts, das er vom Staat erhalten oder sich usurpiert 
hat) und entlohnt die Gewerken mit seinem selbstfabrizierten Geld 
(das Geld ist hier Naturallohn). Dabei macht er nun wieder einen 
Gewinn. Gewalt, Unrecht, Macht und Recht, Berechtigung, Ver- 
trag gehen hier ungeschieden durcheinander. Man könnte sagen, 
auf dieser Stufe ist die kapitalistische Produktion nichts anderes 
als das Recht des Unrechts oder das Recht der Macht. Der Graf 
sagte sich also : Ich, Graf Schlick, habe ein Bergregal, meine Vor- 
fahren haben es im Dienst des Königs sich verdient oder er- 
schmeichelt oder erlistet, gleichviel, wer fragt danach. Alles sclii-eit 
nach Gold und Silber. Wer ein Bergwerk hat, muß, wenn er ge- 
schickt ist, reich werden. Wie fange ich's an? Ich muß von den 
Händlern und Bankiers und vom Staate lernen, aus Geld mehr 
Geld und aus nichts Geld zu machen. Das eine kann ich vom 
Staate, das andere vom Händler lernen. Ich erbaue eine Bergstadt, 
gebe ihr ein eigenes : m e i n Recht — dazu bin ich adeliger Grund- 
herr — gebe ihr Freiheiten, die mich nichts kosten und mir fremde 
Kapitalisten, Leute anderen Rechts, Ausländer herbeilocken. Zum 
Bau und zur Einrichtung des Unternehmens brauche ich fremdes 
Kapital. Das nehme ich aufi und habe zugleich den regelmäßigen 
Absatz des Silbers gesichert. In einem, zwei Jahren ist alles im 



Kuttenberg und Joachimsthal. 53 

Gange. Die Stollen sind fündig, immer mehr Leute kommen in 
das Goldmacherdorf, das schon sehr bald städtisch aussieht. Nun 
aber kommt das Neue. Der Graf ist mit dem Zehent, der Rente, 
auch dann , wenn sie wächst , nicht zufrieden und empfindet die 
Bevormundung durch den Handel lästig. Das Ganze muß rund 
werden, ins eigene Gleichgewicht kommen, sich selbst erhalten, 
keines Antriebes von außen her bedürfen, nicht Stoß und Rück- 
stoß, sondern ewige, kontinuierliche, in sich selbst geschlossene 
Bewegung werden. Was tut der Graf? Ich baue mir eine Münze, 
sagt er sich, ich werde selbst Geld machen. Eigentlich habe ich 
nicht das geringste Recht dazu, aber dem Mutigen gehört die Welt. 
Was kümmert mich der König, wenn ich mich selbst zu einem 
Könige machen kann? Vor die vollendete Tatsache gestellt wird 
man ihr Recht schon anerkennen. Und er baut sich eine Münze 
genau nach dem Vorbilde der sächsischen Herzöge und des Königs 
von Böhmen und läßt Münzen mit seinem Bilde schlagen. Man 
prägt doppelte und einfache Talergroschen (Gew. 580 g und 290 g), 
ferner Halbe- und Vierteltalergroschen (Gew. 145 g und 125 g). 
Jetzt schließt sich der Gang zum Kreise mit vollendeter Runde. 
Mit dem Zehent, der, eine Bmttosteuer , mit der Ergiebigkeit der 
Bergwerke wächst — eine richtige Usurpation des Mehrwerts — mit 
diesem Zehent handelt er den Gewerken die Erze ab, bringt sie 
in die eigene Schmelze und von da in die Münze und prägt sie zu 
wunderschönen Joachimstalern aus , mit denen er dann seine Mit- 
arbeiter zu bezahlen geruht. Diese merken gar nicht, daß sie mit 
ihrer Arbeit und ihrem Kapital dem Grafen als Kapitalsklaven 
fronen. Er aber hat nur seine Rechte und etwas von seinem 
Gi-undbesitz in das Unternehmen hineingesteckt und sich weiter 
nicht damit beschmutzt. In der Differenz zwischen dem Geldwert, 
gemessen an seiner Kaufkraft den Gewerken gegenüber, und dem 
Einkaufspreis der Metalle besteht sein Unternehmungsgewinn, in 
der Akkumulation von Reichtümern und Macht der Lohn seiner 
Fähigkeiten als Unternehmer. Damit beginnt der Unternehmer, 
dies ist sein Ziel : die mrtschafthche Verwertung seines Eigentums 
nach natürlichen Gesetzen, die Emanzipation der Wirtschaft aus 
ihrer Gebundenheit durch Herkommen, Staat, Religion usw., ihre 
Autonomie. Und darum läßt er sich selbst staatUche Hoheitsrechte 
delegieren oder vielmehr er usurpiert sie. Nicht allgemeine Berg- 
freiheit von Königs Gnaden, auch nicht die Beleihung mit dem 
Regal, die Regalhen-lichkeit, genügt diesem Streben, sondern das 
Münzrecht, d. h. die unbeschränkte, durch kein Monopol gehemmte 



54 Kuttenberg und Joachimsthal. 

Freiheit der Weiterverarbeitung des Rohmaterials ist nötig. Man 
will Einfluß üben auf die Wert- und Preisbildung, von der man zu 
ahnen begann, daß sie vom Staate nicht gemacht werden könne. 
Man wollte nicht mehr länger die Dupe des Staates sein, sondern 
sich als Organ einer autonomen Gesetzlichkeit der Wirtschaft, die 
der staatlichen Gesetzgebung unerreichbar blieb, fühlen. 

Nun aber kam es darauf an, die Zustimmung der Stände und des 
Königs einzuholen. Die Schlicke suchten daher schon im Jahre 1519 
Empfehlungen an den König und beifällige Stimmen bei den Ständen 
und dies um so mehr , als die böhmischen Landrechte bereits die 
Grafen Schlick aufgefordert hatten, sich mit ihren Privilegien zu 
legitimieren, daß ihnen der Bezug des Zehents zustehe, den sie jedoch 
auch in diesem Fall nicht, wie es bisher geschehen war, außer 
Landes verkaufen durften^®. Zunächst erreichten die Schlicke bei 
den Ständen soviel, daß 1520 ein Landtagsschluß zustande kam, wo- 
nach den Grafen Schlick gestattet wurde, stets zwei Teile Taler und 
Guldengroschen und einen Teil böhmische Groschen auszumünzen 
und mit des Königs Bild und Umschrift und auf der Rückseite mit 
dem Schlickschen Wappen zu versehen, jedoch den Berechtsamen 
der Krone Böhmen und des Königs unbeschadet ^^. Damit nicht zu- 
frieden, versuchten sie es mit einer großartigen Bestechung der 
obersten Landesbeamten, ohne aber vorläufig ihr Ziel, ein Münzrecht 
für alle Silbererze, zu erreichen ^^ 

Auch sonst hatten sie mit Schwierigkeiten aller Art zu kämpfen. 
Zwistigkeiten in der FamiUe über die Erbfolge, das Belehnungs- 
recht und den Bergbau arteten in einen bösen Rechtshandel aus, 
wodurch man erst auf die zweifelhaften Privilegien aufmerksam 
wurde. Sodann erhob sich, getragen von der Stimmung Karl- 
städtischen Protestantismus' , das Bergvolk in zwei gefährlichen 
Aufständen, 1517 und 1524 — 25, und erging sich in Plünderungen, 
um, wie der Pöbel sagte, das heilige Evangelium zu handhaben ; und 
der größten Schwierigkeit von allen : einer neuen politischen Situa- 
tion sahen sich die kühnen Schlicke gegenüber. Mit Ferdinands I. 
Thronbesteigung beginnt, so kann man sagen, ein neues Zeitalter. 
Der Kampf zwischen Königsrecht und Gnmdherrenrecht, zwischen 
Königtum und Feudahtät, zwischen Staatsbetrieb und Privat- 
unternehmung spitzte sich aufs äußerste zu einem Kampf um die 
Existenz zu, und endigte, wenigstens in Joachimsthal, mit der Ver- 
staatlichung der Bergwerke, die sich in zwei Etappen vollzog. 
Ferdinand griff die Sache gleich beim richtigen Ende an. Er rügte 
den Beschluß der Stände von 1520 wegen Überlassung der Münze 



Kuttenberg und Joachimsthal. 55 

an die Schlicke, womit in der Tat ein unveräußerliches Ki'onrecht, 
in dieser Zeit zumal von größter wirtschaftlicher Bedeutung, aus 
der Hand gegeben worden war. Nach längeren und höchst auf- 
regenden Verhandlungen schloß der König am 13. September 1528 
mit den Grafen Hieronynms und Lorenz Sclüick in ihrem und der 
noch unmündigen Kinder der Grafen Stephan und Heinrich Namen 
einen immerhin für die Schlicke noch günstigen Vergleich: die 
Münze wird den Schlicken entzogen und verstaatlicht, „doch in 
Rücksicht der vielen Verdienste der Grafen Schlick und der vielen 
für sie geschehenen Empfehlungen'' w^erden ihnen einige besondere 
Vorteile ^^ eingeräumt : 

1. Der Silber verkauf und die Münzung samt allem daraus hervor- 
gehenden Nutzen bleiben freilich unbedingt dem Könige; 

2. die Verwaltung der Münze soll den Grafen SchHck als könig- 
heben Verwesern überlassen werden; 

3. die von dem Könige zu bestellenden Beamten sind dem Könige 
allein verpflichtet, der Zehentener und Silberbrenner auch 
den Grafen Schlick, können aber von dem Könige abgesetzt 
werden ; 

4. alles zu Joachimsthal gemachte Silber soll in die Münze ab- 
gehefert und nach dem vorgeschriebenen Korn vermünzt 
werden. Aus besonderer Gnade werden dem Grafen Schlick 
von der gemünzten Mark Silbers 3 weiße Groschen auf zehn 
Jahre bewilligt; 

5. der Zehent, der den Grafen Schlick verbleibt, soll ebenfalls 
in die Münze gebracht, doch, bloß mit Abzug der Prägekosten, 
der ganze Nutzen ihnen durch zwei Jahre gelassen werden 
(schon 1530 wurde er auf weitere 25 Jahre verlängert) ; nebst 
den oben ausgesprochenen 3 weißen Groschen erhalten sie für 
die Folge noch drei weitere, solange der Zehent in ihrer Ge- 
walt bleibt, zugesprochen. 

Dieser Vergleich sollte für den momentanen Umfang des Berg- 
werks gelten. UnwillkürÜch fragt man: wer steckt hinter dem 
König, daß er so unerschrocken aufzutreten wagt, welche Macht 
hat ihm da ihi-e Hilfe angeboten? Wir wissen es nicht, vielleicht 
aber veiTät es uns eine ganz unscheinbare Bemerkung. Während 
nämlich die Schhcke und ihre zahlreichen Gönner dem König 
Ferdinand nachreisen, um einen gUmpf liehen Vertrag zu en-eichen, 
antwortet der König immer schärfer und befiehlt plötzhch den 
Schhcken, „daß sie mit denen Fuckern auf 50 m R einen Silber 
kauff treffen und das wöchentliche Auslohnen mit kleinem Geld 



5(5 Kuttenberg und Joachimsthal. 

aus den Zehend verlegen, deme auch ohnwiedersprechlicli folge 
leisten sollen" ^^. In der Tat, das ist so recht Fuggersche Art, dieses 
Leisetreten, dieses im Hintergi-unde der Dinge bleiben, unbemerkt 
aber höchst wirksam. Waren nicht sie es, die in dieser Zeit dem 
entstehenden Protestantismus Hindernisse bereiteten, weil sie für 
ihren aus dem Geldverkehr zwischen Rom und Deutschland ent- 
springenden Vorteil fürchteten, geschah es nicht auf ihre Kosten, 
daß Dr. Eck Luther entgegentrat und in jener Disputation zu 
Bologna den Wucher verteidigte, waren sie nicht die Urheber der 
Bulle Leos X. gegen Luther ?^^ 

Sehen wü- uns den eben behandelten Vertrag nach seiner wirt- 
schaftlichen Relevanz etwas näher an. Er bedeutet die Mediati- 
sierung der Schlicke als kapitalistischer Großunternehmer und die 
Rückverwandlung in bloße grundherrliche Rentenbezieher. Die 
Einheit des ökonomischen und betriebstechnischen Organismus wird 
durchbrochen und ein „gemischter" Betrieb eingerichtet in dem 
Sinne, daß nunmehr an ein und demselben Standort zwei, ja drei 
Parteien mit teilweise stark divergierenden Interessen gegeneinander 
konkurrieren : der König als Inhaber der Münze, die Grafen Schlick 
als Bergwerksunternehmer und Grundherren und dazu königliche 
Münzverweser und schließlich die zum Teil landesfremden Gewerken. 
Es ist klar, daß aus dieser wirtschaftlichen und betriebstechnischen 
Zersplitterung, aus der Unsicherheit der Rechtsbefugnisse und ihrer 
Grenzen sich dauernd Zwistigkeiten und Unstimmigkeiten ergeben 
mußten, die auf die Exaktheit und Ergiebigkeit des Betriebs selbst 
ihre Rückwirkungen übten. Der Staatsbetrieb mit seinen eigenen 
Interessen und der Privatbetrieb konnten sich auf die Dauer nicht 
nebeneinander vertragen und nicht zu einer Interessen- und Wirt- 
schaftsgemeinschaft zusammenwachsen. Aus der Unternehmung 
mit ihrer Dynamik und Elastizität wurde ein lokales Nebeneinander 
stabiler, schematisch geregelter Mechanismen, der Kreis wieder auf- 
gelöst, die lebensvolle Einheit zerstört. 

Die Eröffnung der Ausmünzung im Namen König Ferdinands I. 
erfolgte zu Beginn des Quartals Luciä 1528; den Schlicken blieb 
also nur das Eigentum an den Bergwerken. Das konnte man ihnen 
(vorläufig) nicht rauben, und sie suchten es aufs Beste zu ad- 
ministrieren, aber die Weiterverarbeitung des gewonnenen Silbers 
zu Geld wurde ihnen ganz und gar entzogen. Alles produzierte 
Silber sollte jetzt in die königliche Münzstätte wandern, über die 
die Schlicke eine Art Oberaufsicht erhielten, ohne daß sie auf die 
Münzbeamten, die königHch waren, Einfluß üben konnten. Schon 



Kuttenberg und Joachimsthal. 57 

diese mehrfache Beamtenhierarchie, gräflicher und königHcher und 
gräfHch-königUcher Beamten gab Anlaß zu nie endigenden Miß- 
helligkeiten, die überdies vielfach konfessionell gefärbt und national 
verbittert waren. Die SchUcke empfingen von der Vermünzung 
des Silbers eine Gnadengabe von 3 weißen Groschen von jeder 
Mark Silber auf zehn Jahre. Damit sollten sie wohl auch an der 
redlichen Abliefemng aller Ei'ze interessiert werden. Der Zehent, 
der den Grafen als Berg Werkseigentümern gehört, verbleibt ihnen, 
er wird ihnen in der königKchen Münzstätte in schwere Gulden 
ausgeprägt und sie können nach Belieben darüber verfügen, ihn 
auch außer Landes verkaufen. Die Zehentkasse ist die eigenthche 
Betriebskasse, aus der die sämthchen Kosten bestritten w^erden. 
Darunter befinden sich auch die Verzinsung und Rückzahlung der 
aus Augsburg, Nürnberg, Leipzig usw. aufgenommenen Schuld- 
kapitalien. Die Hälfte von dem ihnen zufallenden Silber mußten 
sie kontraktmäßig an ihre Gläubiger nach Schlackenwald ab- 
liefern ^*. 

Immerhin, der Vertrag machte die Schlicke aus reichen Herren, 
die sie damals schon waren, nicht zu armen, sondern zu reicheren. 
Nach einer Münzamtsrechnung vom Jahre 1536 — 38 wii'd die Silber- 
ablösung in Joachimsthal auf einen Dm-chschnitt von 40 000 Mark 
angenommen. Darnach berechnet sich der Gewinn der Schlicke 
wie folgt: 

L 4000 Mark als Zehent, über den sie frei verfügen, 
2. aus jeder Mark werden 8^/4 Taler gemünzt, ergibt von 
36000 Mark 315 000 Stück; davon erhält der König als Aus- 
beute ungefähr 165000; es verbleiben also 15 000 Stück zur 
Ablohnung und Bestreitung aller Unkosten beim Bergbau, die 
in k 1 e i n e r Münze gezahlt w^erden. Dabei machen die SchHcke 
noch einen ansehnlichen Kursgewinn. Sie übernehmen diese 
15 000 Stück im wahren Werte von 25 weißen Groschen 
pro Stück und geben sie in kleineren Münzen zu 30 Groschen 
aus, wobei sie also 6 Groschen am Stück , folglich 37 500 fl. 
gewinnen; ferner bekommen sie noch 3 weiße Groschen von 
jeder Mark eingeHeferten Silbers, macht 5000 fl. Ihre Ein- 
nahmen beziffern sich also in Summa auf 196500 fl. brutto. 

Die Einnahmen der königlichen Münzstätte in Joachimsthal 
wurden nicht wieder „produktiv" angelegt, sondern waren Erwerbs- 
einkünfte, mit denen die wichtigsten Staatsausgaben bestritten 
irden (vgl. später). 



58 Kuttenberg und Joachimsthal. 

Die Beamten des Königs suchten die Schlicke auf jede Weise 
zu drangsalieren. Die Grafen wollten, wozu sie das Recht hatten, 
lp41 eine neue erweiterte und verbesserte Bergordnung für Joachims- 
thal erlassen. Die Hofkammer hetzte den König zum Widerstand und 
rechnete ihm vor, daß die Grafen Schlicke in vierzehn Quartalen eine 
Summe von 30780 fl. bezogen hätten. Der König möge keine guten 
Taler mehr, sondern nur Groschen und geringe Münze in Joachims- 
thal prägen. Da würden die Grafen Schlick schon mürbe werden. 
Im Jahre 1542 wird von der Hofkammer die neu projektierte Berg- 
ordnung der Schlicke als höchst gefährlich, das Bergwerk zerstörend, 
die Gewerken vertreibend, geschildert. Der König schickt eine 
Reformationskommission ab, die Schlicke erheben Protest, es kommt 
zum Prozeß, dessen Ausgang durch das antidynastische Verhalten 
der Sclilicke in den ereignisreichen Jahren 1547 — 1548 mitbestimmt 
war, die Schlicke verlieren ihre Bergwerke an den König — und 
die projektierte gefährUche Bergordnung wird 1548 im Namen des 
Königs publiziert und galt durch mehrere Jahrhunderte. 

Die Verstaatlichung wäre nicht so einfach gewesen, wenn nicht 
die böhmischen Umnihen dazu gekommen wären, die dem König 
den Anlaß zu ausgiebigen Konfiskationen boten. Schon warf die 
Gegenreformation ihre dunklen Schatten voraus und zeigte im kleinen 
und einzelnen, was siebzig Jahre später im großen und schlimmsten 
erfolgen sollte. In einem Revers aus dem Jahre 1545 wird erklärt, 
der König habe zwar das Recht, den ganzen Ellbogener Kreis samt 
aUen Nutzungen einzuziehen^^, habe sich aber zu einem Vergleich 
bewegen lassen, vermöge dessen künftig den Schlicken zwar der 
Nutzgenuß als Pfandinhabern verbleiben solle, das Eigentum und 
die Oberherrschaft über alle Lehensleute aber dem Könige zufalle, 
auch alle ihre Schlösser dem Könige und seinen Befehlshabern ge- 
öffnet bleiben. 

„Auch soUen vielgedachter Majestät, ihren Erben und Nach- 
folgern, alle Bergwerke von allen Metallen, so im Ellbogenschen 
Kreise, auch auf allen geistlichen und weltHchen Lehen und allen 
anderen Zugehörungen desselben Kreises, wie sie mit Namen ge- 
nannt werden, desgleichen jede Bergwerke, so jetzo da sind und 
künftig gefunden werden möchten, samt dem, was von den Berg- 
werken abhängig ist, oder zur Erbauung derselben noth und dienlich 
wäre, mit allen Nutzungen und Genüssen als Zehent, Silberkauf, 
Münze, Erbkuxen, Beholzung, Wasserflüssen und allem Andern, auch 
der obrigkeitlichen Bothmässigkeit und Regierung, nichts aus- 
genommen, frei zustehen, und die Grafen Schlick, ihre Erben und 



Kuttenberg und Joachimsthal. 59 

Nachkommen mit solchen Bergwerken, Regierung und Fürsehung 
derselben garnichts zu tun noch zu schaffen haben, sondern alle 
Fürsehung, Nutzung und Verordnung der Bergwerke seiner Majestät 
gebühren und zustehen ; wenn sie je etwas dagegen unternehmen, 
so sollten sie der ganzen Begnadigung mit dem Ellbogener Kreise 
und des Pfandschillings verlustig seyn. ..." Dieser sehr radikale 
Revers zeigt vielleicht am besten die Absichten des Königs und 
bis wohin es eine mächtige, unabhängige Staatsgewalt hätte bringen 
können. Aber zu diesem äußersten Schritt durfte der König nicht 
ohne Gefährdung des Landes schreiten; denn die reichbegüterten 
Schlicke, an der äußersten Grenze des Landes wohnend und immer 
schon zu Abfall bereit und streitlustig, würden sich solche schmähliche 
Bedingungen, auch wenn sie die Gnade des Königs verwirkt hatten, 
nicht gefallen lassen. Wie die kriegerischen Instinkte einer früheren 
Zeit ein Asyl in dem Reiche der Wirtschaft fanden und alte Con- 
dottieri Unternehmer geworden waren, so glich ein Bergwerk immer 
mehr oder weniger einem bewaffneten Heerlager, die Bergleute 
fühlten sich gewissermaßen als unterirdische Soldaten, die, wenn 
es sein mußte, ihrem Herrn als Reisige gegen seine irdischen Feinde 
ins Feld folgten, wovon sie in Joachimsthal bald eine starke Probe 
ablegten ^^. Zunächst stellte der König noch im selben Jahre 1545 
den Brüdern und Vettern Lorenz, Heinrich, Caspar, Hieronymus, 
Moritz und den Söhnen des Grafen Hieronymus, Joachim und 
Sebastian, und den Söhnen des Lorenz, Johann Christoph und 
Sebastian und ihren Kindern den Joachimsthaler Zehent von 
allen Metallen samt der Erlaubnis, ihn bis 1555 frei zu ver- 
kaufen und die Erbkuxe zurück und erlaubte ihnen auch, ihre 
übrigen Baue auf Eisen in diesem Bezirk fortzuführen. Zwei 
Jahre später, 1547, wurden diese Ansprüche der Grafen Albrecht 
und Hieronymus auf den Zehent und andere Privilegien für die 
Summe von 49 800 Talern (ä 30 weiße Groschen) abgelöst und statt 
der Barzahlung dem Grafen das Kloster Dubrylug in der Lausitz 
pfandweise überlassen. An dem Ständekrieg gegen den König von 
Böhmen im Jahre 1546/1547 waren Joachimsthal und die Grafen 
Schlick hervorragend beteiligt; nunmehr erfolgte eine gründliche 
Konfiskation des riesigen Schlickschen Güterbesitzes und die Be- 
strafung Joachimsthals. Sie verloren alle ihre Privilegien, und damit 
schließt die Geschichte Joachimsthals als Schlicksches Unternehmen. 
Es ist nicht mehr genau zu entscheiden, ob das Sinken und 
der Verfall des Bergwerks in Joachimsthal, der fast gleichzeitig 
mit der Depossedierung der Schlicke eintrat, die Folge dieser De- 



(30 Kuttenberg und Joachimsthal. 

possedierung, das post hoc ein propter hoc gewesen sei, oder ob 
er aus natürlichen und technischen Gründen unabwendbar und viel- 
leicht von den früheren Besitzern vorausgesehen, sie in ihrem 
Widerstand gegen die Verstaatlichung erlahmen ließ. Tatsache ist, 
daß die Bergwerke in den Händen des Staates zu einer crux wurden, 
die Klagen und Unzufriedenheiten nicht mehr verstummten. Stemberg 
ist geneigt, die Hauptschuld dem Zuströmen bergfremder Leute zu- 
zuschreiben, die, durch den reichen Ertrag angelockt, den Berg von 
allen Seiten angriffen, planlos bearbeiteten und bei der Unzahl von 
Arbeitern (etwa 8000 Menschen) und bei ungenügender Aufsicht viele 
Gänge, die nie wieder aufgebracht werden konnten, verbauten. Aber 
was spricht sich auch hierin anderes aus, als daß mit dem Aus- 
scheiden der Schlicke das Unternehmen der einheitlichen, zentralen, 
von einer Absicht getragenen Leitung entbehrte und ein habgieriger 
„mittelständischer" Kleinbetrieb unter staatlicher Patronanz die 
Berge devastieren imd berauben durfte? 

Der Staat führte sich in Joachimsthal damit ein, daß er der 
Stadt unterm 10. Oktober 1547 die ihr kurz vorher genommenen 
Privilegien in neuer Form zurückgab (die alten Freiheiten und 
monopolistischen Privilegien des Gewerbes, des Handels, des Ver- 
kehrs, der Steuer), aber alle diese Freiheiten sind jetzt von des 
Königs Gnaden, und der königliche Berghauptmann ist der oberste 
Stadtgott, dem der Magistrat und die ganze Bürgerschaft untersteht. 
Diese Scheinautonomie und Freiheit in Ketten führten in der Folge 
zu zahllosen Streitigkeiten und nie endenden Kämpfen, die ihrer- 
seits zum Verfall der Bergwerke beigetragen haben. Dazu kam 
ein anderer Widerstreit, der zwischen der Bergstadt und der Or- 
ganisation des Bergvolks, das sich nie einbürgern lassen, sondern 
dem König direkt unterstehen woUte. Die Stadt wird immer ärmer, 
sie hat eine erdrückende Schuldenlast und wendet sich in ihrer 
Not an den König um Anleihen ^^. Der König kommt ihr mit Hilfen 
entgegen, dann aber verbauen sie nur diese Hilfen und nichts vom 
eigenen Vermögen. Schließlich sind keine fremden Gewerken mehr 
da, und nun werden immer die gleichen Vorschläge erstattet, wie das 
ausländische Kapital am Bergbau wieder interessiert werden könnte — 
aber alle diese wohlgemeinten und zum Teil sachlich richtigen Maß- 
regeln halten den Verfall nicht auf. 

Fragen wir gleich hier nach den weiteren Scliicksalen der Schlicke, 
mit deren Geschichte die der böhmischen Industrie unlöslich ver- 
knüpft ist I Nach den sehr umfangreichen Konfiskationen und Besitz- 



Kuttenberg und Joachimsthal. gj 

änderungen des Jahres 1547 bleiben sie immer noch große Güter- 
besitzer, aber als industrielle Unternehmer waren sie auf Pension 
gesetzt, manche von ihnen kehrten in die Staatsbeamtenkarriere 
zurück, von der sie ausgegangen waren, ihre Einnahmen wurden 
vielleicht garnicht einmal viel geringer, aber die Art der Zusammen- 
setzung und Gewinnung war total geändert : an die Stelle des Profits 
war die Rente , das Zehentrecht , getreten. Allerdings war die 
Familie stark zersplittert und unter ihren einzelnen Mitgliedern 
herrschte nicht immer volle Harmonie. Insbesondere ergaben sich 
wegen der Zehentberechtigung mit dem König und seinen Beamten 
zahlreiche Mißhelligkeiten ^^. Ein Graf Wolf Schlick, Besitzer von 
Falkenau, der beim König in Ungnade gefallen war und von 
Joachimsthal einen Zehentanteil zu beziehen hatte, erhielt 1553 und 
1557 neuerdings für sich und seine Erben den ihm nach dem ur- 
sprünglichen Familienvertrag gebührenden Zehent von Joachimsthal 
auf weitere zehn Jahre zugesprochen ; ihm und dem Grafen Joachim 
Schlick, königlichem Rate und deutschem Lehenshauptmanne, wurde 
gestattet, die von dem 1547 eingetretenen Lehensverhältnis befreite 
Herrschaft Schlackenwerth zu verkaufen, jedoch mit Reservierung 
unterirdischer Schätze sämtlicher Bergwerke und des dazu nötigen 
Holzbedarfs. Auch die von Kaiser Sigismund dem Kanzler Caspar 
Schlick geschenkte Herrschaft Lichtenstädt wurde zurückerstattet. 
Einige Male hören wir noch, daß den Schlicken das Recht der freien 
Ausfuhr ihres Silberzehents verlängert wurde; schließlich aber 
scheint dieser Zehent immer weniger wert geworden zu sein, denn 
unterm 7. März 1595 bieten die Schlicke ihn dem König um 2000 
Taler an (Sternberg, S. 407). 

Zu hohem Ansehen kam die Familie erst wieder, als sie sich 
dem Katholizismus ergab und an der Gegenreformation teilnahm. 
Heinrich Schlick, kaiserlicher Generalfeldmarschall und seit 1624 
Herr von Plan, ein eifriger Katholik, aber wohlwollender Herr, er- 
hielt von der Krone sogar das alte Münzprivilegium zurück ^^, aber 
die Bergwerke lieferten nicht genug Silber, und der größte Teil des 
Münzmetalls mußte angekauft werden. Ein neues Zeitalter war an- 
gebrochen. Heinrich Schlick lebte als Präsident des Hofkriegsrats 
teils in Wien, teils in Regensburg. Sein Hofstaat verschlang große 
Geldsummen, und da die Güter in Kriegsjahren nicht viel trugen, 
mußte Schuld auf Schuld gehäuft werden. Auch er hatte ein 
großes Interesse an Gold und Silber, aber nicht im Schoß der Erde 
vmrde es gesucht, sondern die Alchimie sollte es beschaffen. An 
die Stelle des werktätigen Interesses an den Bergwerken war die 



62 Kuttenberg und Joachimsthal. 

Liebhaberei, anstelle der produktiven Imagination des Unternehmers 
die vom Geldhunger gespeiste Illusion getreten. Das mangelnde 
Metall, das der Schoß der Erde versagte, sollte der Adept Chaos 
künstlich herstellen. Dafür wurden keine Ausgaben gescheut '*^. 

Der Sohn dieses Grafen, dessen Redlichkeit, Tatkraft und Ge- 
dächtnis gerühmt werden, war bei dem Tode seines Vaters Novize 
im Karthäuserkloster zu Löwen. Eben hatte Franz Ernst noch dem 
Kaiser seinen Entschluß bekannt gegeben, auf das väterliche Erbe 
zu verzichten und seine Schwester Sidonie in die väterlichen Be- 
sitzungen einführen zu lassen, da änderte sich plötzlich sein Sinn, er 
trat aus dem Orden aus und nahm die Zügel der Regierung in die 
Hand. Vergebens mühte er sich, der schwierigen Verhältnisse, die 
sein Vater ihm hinterlassen hatte, Herr zu werden. Er mußte zuletzt 
den Besitz, den seine Familie 148 Jahre innegehabt hatte, an den 
Grafen Johann Joachim von Sinzendorf verkaufen. Das Schlicksche 
Münzprivileg erlosch erst zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts 
infolge Nichtausübung. 

Den höchsten Ruhm aber verdankte das Geschlecht der SchKcke 
einer Frau: Katharina Gräfin Schlick, die seit 1582 mit Melchior 
von Rädern, dem Herrn von Reichenberg und Friedland vermählt, 
als Vormünderin ihres in Heidelberg studierenden Sohnes Christoph 
eine gesegnete Herrschaft führte. Unter ihrer Regierung hat Reichen- 
berg bis auf unsere Tage seine höchste Blüte erreicht. Sie war 
die eigentliche Begründerin des Wohlstandes der Stadt und ist 
durch das tragische Geschick, das sie und ihren Sohn als treue 
Protestanten traf, kein bloßer Schatten der Vergangenheit, sondern 
eine ungemein lebendige, allem menschlichen Erleben nahestehende 
Persönlichkeit. Wenn es erlaubt wäre, schöpferische Individuali- 
täten so miteinander in Vergleich zu stellen, wie ihre Leistungen und 
die Bedingungen, aus denen sie erwachsen, so könnte man sagen, 
daß ähnlich, wie der Wohlfahrtsstaat des achtzehnten Jahrhunderts 
das Rüstzeug seiner Politik von den Städten und Grundherren ent- 
lehnte, so auch eine Maria Theresia ihre Vorläuferin in Katharina 
von Rädern als Herrscherin gehabt habe. — 



Wie im Norden und Nordwesten des Landes die Schlicke, so 
trieben im Süden und Südwesten die Rosenberge den EdelmetaU- 
bergbau im großen, aber in anderer Form und nach anderen Grund- 
sätzen wie jene. Zwar sind wir über die weit zersplitterten und 
mannigfaltigen Unternehmungen dieses Geschlechts nicht gut orien- 



Kutten berg und Joaehimsthal. 03 

tiert, da die Frauenberger, Wittingauer und Ki-ummauer Archive 
noch ganz iinausgebeutet sind, aber soviel läßt sich sagen, daß 
bei den Rosenbergen die Bergbaiiindustrie nicht so sehr Zentrum 
einer eigenen Unternehmung, sondern Adnex des landwirtschaft- 
lichen Großbetriebs w^ar, daß der „indirekte" Nutzen dem „direkten" 
vorgezogen wurde und die Bergwerke nur zur Vergrößerung der 
landwirtschaftlichen Rente beizutragen hatten. Als Beweis hierfür 
möchte ich die überaus liberalen Bergordnungen der Rosenberge, 
die weit ausgedehnten Freiheiten, mit denen sie ihre Gewerken 
begnadeten, anführen, worin sie sich wieder nach der Iglauer, noch 
nach der Wenzelslaischen, noch Joachimsthaler Berggesötzgebung, 
sondern nach den eigenen Bedürfnissen richteten'*^. Sie gewährten 
den Gewerken, um die Baulust zu fördern, mehrjährige Zehent- 
befreiung, dann stillschweigend, seit 1555 ausdrückliche Befreiung 
von Erb-, Kirchen- und Gemeindekuxen, freie Benutzung der Schlacke, 
und — was besonders wichtig ist — freien Verkauf der Metalle. Auch 
der Naturalzehent scheint frühzeitig dort in Geld pauschaliert und 
abgelöst worden zu sein; 1527 finden wir, daß statt des zehnten 
Kübels Erz ein Jahreszins von 1800 fl., den Gulden zu 56 Kreuzern 
gerechnet, auf 14tägige Aufkündigung bedungen wird (Sternberg I, 
S. 224). Nach der allgemeinen Bergfreiheit auf das ganze Bergwerk 
in Krummau von 1530, welche im Schloß Krummau öffentlich an- 
geschlagen wurde, sind die Abgaben an die Kammer nach fünf 
Freijahren nach dem Erzgehalt reguliert. Im Zentner ein Lot haltende 
Erze zahlen einen kleinen Groschen, dreilotige 5 Groschen, und 
von einer Mark Silber 15 fl. Der Verkehr mit den Metallen bleibt 
den Gewerken frei; sollte jedoch eine Münze aufgerichtet w^erden 
oder die Herrschaft sonst des Metalls bedürfen, so soll es ihr um 
den gemeinen Verkaufspreis überlassen werden. Schließlich werden 
Schurfprämien , ebenfalls nach dem Silbergehalt , ausgeworfen *^. 
Über die Rentabilität dieser Industriepolitik, die von der Schlickschen 
typisch verschieden ist, sind wir sehr ungenau untenichtet, mehrere 
Andeutungen der Quellen aber sprechen dafür, daß die Rosenberge 
selbst dabei sehr gut fuhren *^. Auch über ihre eigene MitbeteiUgung 
am Bergbau wissen wir nicht viel, sondern nur, daß sie sich ander- 
weitig als Gewerken beteiligten. Die Rosenberge scheinen darin 
das Prinzip gehabt zu haben, sich überall da finanziell und industriell 
zu beteiligen, wo ein Bergwerk in Not und Stocken geraten war. 
So in Rudolf Stadt, so auch in Ratibof-itz, so auch in den Bergwerken 
von Elischau und Welhartitz. Dieses Bergwerk war in den zwanziger 
Jahren des sechzehnten Jahrhunderts in Aufnahme gekommen. Ein 



64 Kuttenberg und Joachimsthal. 

Herr Peter Cyl von Swoyschitz hatte für diesen Bau eine Bergbau- 
freiheit erwirkt, scheint aber nicht genügendes Kapital besessen zu 
haben, um sie nutzbringend zu verwerten und übergab daher die 
Verwaltung seinem Nachbarn, Johann von Rosenberg, Grandprior 
der Maltheser zu Strakonitz, unter folgenden Bedingungen : Einsetzung 
eines gemeinschaftlichen Berghauptmanns ; die vier Erbkuxen sollten 
für Swoysche frei gebaut werden, wogegen er das Holz aus seinen 
Wäldern lieferte; die Bergamtsleute haben die Rosenberge zu be- 
solden, dagegen die Quatembergelder und Zubußen einzunehmen. 
Zehent- und Silbereinlösung sollen sie in gleichen Teilen genießen, 
Hüttenkost und Geldverlag (also die Betriebskosten) zu gleichen 
Teilen tragen, jedoch so, daß immer Einer nach dem Anderen, 
quartalweise wechselnd, das Silber und andere Metalle in seiner 
Kammer auf Verrechnung zu nachheriger Ausgleichung einnimmt. 
Rosenberg aber arbeitete wiederum nicht mit eigenem Kapital, 
sondern mit diesem Vertrage in der Hand, errichtete er seinerseits 
1528 mit dem Elischauer Berghauptmann und einem Klattauer Bürger 
einen Gesellschafts- oder Gewerkvertrag zu gemeinschaftlichem Bau 
und gleichteiliger Nutznießung des Elischauer Bergwerks und gleich - 
teiliger Bezahlung an Sw^oysche von Welhartitz auf Elischau für 
eine auf vier Jahre zinsbar abgekaufte Hütte. Bald darauf starb 
Johann von Rosenberg und sein Erbe Jobst schloß, da sich mit 
dem anderen Vertragsteile einige Anstände ergaben, einen Vergleich 
(1532), in welchem er statt des halben Zehents und Silberkaufs 
von dem verflossenen Quartal Trinita tis an bis Viti 1533 1700 fl. 
und wegen einer strittigen Forderung 200 fl. anbot. Kurz vor Ab- 
lauf der Zeit, für welche die Bergfreiheit Sw^oysches, lautete, starb 
auch dieser, und König Ferdinand machte Anstalten, das Bergwerk 
für die Krone einzuziehen. Die Rosenberge suchten das vergeblich 
zu hindern. Ferdinand wußte, was ihm gebühre, und das Bergwerk 
wurde mit großer Eile eingezogen. Es erhob sich nämlich ein anderer 
Adeliger. Low von Ro2mital, mit Ansprüchen auf dieses Bergwerk, 
das ihm von dem Besitzer der Bergbaufreiheit Swoysche zediert 
oder verkauft worden sei ; der König ließ sich ein Rechtsgutachten 
erstatten, worin ausgeführt wird, daß nach Landesbrauch keine Berg- 
freiheit verkauft werden könne, sondern nach Verlauf der bestimmten 
Zeit dem Könige anheimfalle. Solche eingekaufte Freiheiten hätten 
also keinen Wert, seien nichtig. Aber auch nach der Besitzergreifung 
der Bergw^erke durch den König hörten die Rechtsstreitigkeiten 
zwischen den Rosenbergen, dem Könige und den Erben von Swoysche, 
den nunmehrigen Giiindeigentümern, nicht auf inid schädigten das 



Kuttenberg und Joachimsthal. (55 

Bergwerk ; die Rosenberge bekamen gegen ein Gelddarlehen an den 
König den Erzverkauf auf weitere sechs Jahre übertragen. — 

Auch in Bergreichenstein scheinen die Rosenberge zeitweise 
die Silbereinlösung gehabt zu haben, wenigstens finden sich für die 
Jahre 1536 — 1543 die Rechnungen hierfür unter jenen der Rosen- 
berge (Sternberg I, S. 254). 

Das Budweiser Bergwerk wurde im Jahre 1547 entdeckt^*. 
Der Bergbau benötigte aber dort größere Anlagekapitalien und 
konnte ohne gewisse notwendige Investitionen nicht fruchtbringend 
weiterbetrieben werden. Es wird daher am 25. März 1584 ein Ver- 
trag geschlossen zwischen Wilhelm, Regierer des Hauses Rosen- 
berg, Obristburggrafen in Prag, Peter Wok von Rosenberg auf Bechin, 
königlichem Rat und Kreishauptmann, Adam von Neuhaus, damaligem 
Besitzer von Frauenberg, Franz A. von Prinzenstein auf Neuhaus, 
Jaroslaw Libsteinsky von Kolowrat auf Petersburg, Hauptmann der 
Niederlassung, Johann Kinsky von Chinitz auf Zasmuk und Elischau, 
Hans Hölzel von Sternschein, lauter Großgrundbesitzern also einer- 
seits, dann den Gewerken von Abraham und fünf Brüdern am Wesser, 
Brotter und Flurer Gebirge des Budweiser Bergwerks anderseits, 
vermöge dessen obengenannte Herren zur Wiederherstellung und 
Erhebung des zum Teil erliegenden BergAverks und vorzüghch zur 
Forttreibung des tiefen St. Elias-Stollens der (bestehenden) Ge- 
werkschaft beigetreten sind. Es werden dieser neuen Gew^erk- 
schaft 61 Kuxen (die Hälfte also) mit aUem Zubehör zediert, 
wogegen sich die genannten Herren vei-pflichten, den Elias-Erb- 
stollen bis auf den fündigen Wesserzug auf eigene Kosten ohne Ent- 
gelt vonseiten der alten Gewerken unverzüglich fortzutreiben und 
zu erhalten. Wenn ein neuer Gang entdeckt würde, so sollte dieser 
der ganzen Gewerkschaft gehören. Inzwischen aber erhob Kaiser 
RudoK das Bergdorf, das bis 250 Häuser zählte, zu einer Bergstadt 
unter dem Namen Kaiser Rudolfstadt und begnadete sie mit den 
übrigen Freiheiten der Bergstädte. 



falz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 



m 



Die privat-, national- und weltwirtschaft- 
liche Bedeutung der böhmischen Berg- 
werke. 



h ür das Verständnis aller weiteren Ausführungen ist es un- 
erläßlich, daß wir uns auf den Boden der Statistik begeben und 
eine exakte, ziffernmäßige Anschauung über die aus den böhmischen 
Bergwerken geförderten Metallmengen und die Größe der Werte, 
die sie repräsentieren, gewinnen. Denn von hier aus entscheidet 
sich, was die Bergwerke in privat wirtschaftlicher Hinsicht bedeuten, 
was sie den Beteiligten „einbringen", sodann aber auch, welche 
Stelle sie innerhalb der Gesamtwirtschaft — soweit es eine solche 
gab — einnehmen, sei es einer „nationalen" oder „internationalen", 
bzw. ob und inwiefern sie zur Begründung solcher gesamtwirtschaft- 
licher Bildungen beigetragen haben. Jedenfalls gilt es, die Ver- 
bindung herzustellen zwischen der rein lokalen oder territorialen 
Angelegenheit und den Bewegungen der großen Welt, dem Gesamt- 
leben, ist die Stelle zu bestimmen, wo der nationale Metallstrom 
in das Weltmeer des Goldes und Silbers einmündet. 

Die Ermittlung des wirklichen Ertrags irgendeines einzelnen 
Bergwerks bildet nun geradezu unüberwindliche Schwierigkeiten, 
weil bloß Bruchstücke von Rechnungen vorhanden sind und diese 
sonderbarerweise bald nur nach Brandstücken, bald nach den 
reduzierten Werten des darin enthaltenen Feinsilbers geführt wurden, 
welches nach Vorschrift 15 Lot, 3 Q. und 3 Denar sein sollte, 
wobei jedoch nach erhobener Pi'obe Überbrand oder Defizit nach 
Befund kompensiert worden und diese Umstände nicht immer 
genau angegeben sind {Sternberg I, S. 245). Bei Joachimstlial 
wiederum, das deshalb ein so ausgezeichnetes Studienobjekt wäre, 
weil sich seine ganze Geschichte , Entdeckung , Blüte und Verfall 
in einem einzigen Jahrhundert abspielt, fehlt es (bisher wenigstens; 
an den Zehentrechnungen, auf Grund deren der Bruttoertrag festzu- 



Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. (37 

stellen wäre. So ist man überall mehr oder weniger auf Vermutungen 
und Kombinationen angewiesen, und die Ziffern haben einen nur 
größeren oder geringeren Wahrscheinlichkeitswert. 

Den Ertrag des Kuttenberger Bergwerks, das von 1240 — 60 
durch 380 Jahre in ununterbrochenem Bau stand, berechnet Graf 
Sternberg auf jährlich 26000 Mark (40 000 Mark unter Wenzel II. 
während der Blütezeit, 18000 Mark während der 80 Jahre, wo der 
Bau gestört war), im ganzen auf 8 440 000 Mark oder 168 800000 fl. 
C. M. (das sind mnd 354,48 Millionen Kronen). 

Dem radikalen , reUgiös und national gefärbten Zelotismus der 
Hussiten fiel das Bergwerk zum Opfer und wurde zerstört. Aber 
Kaiser Sigismund gelang es, die Deutschen und Katholiken in diese 
Trutzburg des Hussitismus wieder einzuführen und die zwei Parteien, 
die alte deutsche und die jetzt herrschende tschechische, in der 
Stadt auszusöhnen und zur gemeinsamen Beförderung des Bergbaues 
zu bestimmend Das war 1437. Im Jahre 1468 bildeten die Er- 
trägnisse Kuttenbergs noch die Haupteinnahmequelle der königlichen 
Kammer und waren wieder in großem Flor. Ihr Ertrag wurde im 
Durchschnitt auf 2000 Mark wöchentlich, oder in gemünztem Geld 
auf 13 000 böhmische Gulden geschätzt, was für ein Jahr etwa 
135000 Mark oder 676 000 damaliger oder 2 700000 fl. ö. W. ^ aus- 
macht (=^ 5,4 — 6,8 Millionen Kronen). 

Der Ertrag der Bergwerke von Tabor, Ratibofitz und Hlasowa 
im Taborer Kreise wird von 1515—1610 berechnet auf 96 000 Mark 
oder 1 920 000 fl. C. M. (ungefähr 4 Mill. Kronen), jener von Budweis 
und Rudolfstadt 1547—1618 auf 200 000 Mark oder 4 000000 fl.'^ 
(uugefähr 8,5 Mill. Kronen). Der Ertrag des Piibramer Bergwerks, 
das erst Mitte des sechzehnten Jahrhunderts aufgenommen wurde, 
von 1553 — 74, auf 10 648 Mark, im Durchschnitt von 23 Jahren also 
413 Mark pro Jahr (Sternberg II, S. 64). Am wichtigsten sind aber 
doch nun die Joachimsthaler Ziffern, die Sternberg auf Grund der 
Chronik von Matthesius, des Originalteilungsbuchs des Joachims- 
thaler Bergwerks und eines Originalrezeßregisters über das Quartal 
Crucis 1517 zusammengestellt hat. 

Die Ausbeuten in der Schlickschen Ära betrugen danach: 
I. Dezennium 1516—1525: 842419 Taler 
IL „ 1526—1535: 1494336 „ 

III. „ 1536—1545: 820243 „ 

Summa: 3166 998 Taler 
(9V4 Taler auf die feine Mark gerechnet). 



(38 Die privat-, national- ii. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

Die Ausbeuten unter königlichem Besitz: 

I. Dezennium von 1545—1554: 584499 Taler 
II. „ „ 1555-1564: 464529 „ 

III. „ „ 1565—1574: 240 327 „ 

letztes Triennium „ 1574—1577 : 52474 „ 

Summa : 1 341 729 Taler. 
Hauptsumme von 1516 — 1577: 4508 727 Taler, 

„ 1578—1594: ca. 169325 „ 
(etwa 35726557 fl. 34 kr. CM. oder ungefähr 75 Mill. Kronen) ^ ^ «. 

Es ergibt sich aus diesen Zahlen, daß die höchste Blütezeit 
des Joachimsthaler Bergbaues in die Jahre 1533—35 fiel, und es 
bestanden damals 914 Zechen (davon rund 200 Ausbeutezechen und 
700 Verbau- und Zubußezechen, wobei Sternberg auf eine Zubuß- 
zeche 377/100 Freibau- und Zubußezechen rechnet). In seiner Blüte- 
zeit war also der Bergbau in massenhafte Kleinbetriebe zersplittert. 
Die angeführten Summen stellen den zur Verteilung an die Kux- 
besitzer gelangenden Betrag vor, also den Reinertrag nach Abzug 
aller Kosten, der Bergkost, Hüttenkost, des StoUenneuntels , des 
Zehents. Diese Ausbeute, dieses Produktionsergebnis hat nun ein 
vollständig geregeltes Schicksal. Sein Lebensweg ist ihm ein für 
allemal durch Gesetz und Recht vorgeschrieben. Umwege kann 
es nur widerrechtlich einschlagen. Das was die Arbeiter mit ihren 
Schichtmeistern, Steigern usw. gefördert haben, ist Eigentum der 
Gewerkschaft, dieser bestimmten Kapitalassoziation. Davon wird 
natürlich ein gewisser Teil gestohlen, beiseite gebracht, über die 
nahe Grenze geschmuggelt, aber die Gewerkschaft ist durchaus nicht 
frei, wie sie über ihr Produkt, das gefundene Erz, verfügen will. 
Sie kann es vor allem (wenigstens im sechzehnten Jahrhundert) de 
jure nicht frei verkaufen , sondern muß es dem Staate , bzw. den 
Bergherren einliefern. Die weiteren Vorgänge kann man sich nun 
so vorstellen: jede Gewerkschaft bringt ihr Erz in die königliche 
Schmelzhütte , hier wird es gewogen , auf den Gehalt geprüft, ge- 
schmolzen und die Gewerkschaft mit dem je nach dem Feingehalt 
der Erze gesetzlich normierten Einlösungspreis erkannt. Aus den 
Erzen werden dann in der Münzstätte Münzen nach bestimmtem 
Fuß geprägt. Es wird also der Gewerkschaft ein gewisser Geld- 
betrag als Bruttoausbeute gutgeschrieben. Davon ^vird aber al)- 
gezogen und die Gewerkschaft belastet: 

1. mit dem Zehenf^, 

2. mit sämtlichen Vorkosten des Bergbaues (Löhne, 



I 



Die privat-, national- ii. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 69 

Gehälter, Futtermittel, Geschenke usw.) und der 
Hüttenkost, 
3. mit dem Stollenneuntel usw. 
Nach Abzug aller dieser Unkosten stellt der Rest die gewerkschaft- 
liche Ausbeute oder Dividende dar, die zur Auszahlung gelangt und 
die die Gewerken untereinander nach der Zahl ihrer Bergteile oder 
Kuxe unter sich verteilen. Vier Kuxe sind sogenannte „Freikuxe". 
Sie bedeuten gewissermaßen das Dankopfer an Plutus, oder christ- 
lich gesprochen, sie sind der „Lohn" der reichen Tugend an 
die Amiut, das Anlagekapital der Frömmigkeit, sie werden für 
das Spital, für die Kirche usw. verbaut (das sind sozialpolitische 
Lasten). 

Charakteristisch für diesen frühen Industriekapitalismus (auch 
in privaten Händen) ist also nicht, wie man zu denken geneigt 
wäre, die freie Konkurrenz, sondern im Gegenteil : das Monopol mit 
Limitierung der Gewinnchancen für das Industriekapital; hierin 
zeigt sich noch die Erdgebundenheit des Kapitals, das gewisser- 
maßen mit schwachen Fittichen an der Erde klebt, das Organische 
seines Daseins, die Primitivität. Das Kapital der Gewerkschaft 
kann nicht durch Vergrößerung, rascheren Umlauf usw. ertrags- 
reicher gemacht werden, seine Bahn ist ihm vorgezeichnet, überall 
stößt es an fremde Schranken, die seine Lebensentfaltung hemmen. 
Seine Ergiebigkeit, seine Produktivität ist Sache des Zufalls, des 
Glücks, steht in Gottes Hand, der den Bergsegen verleiht und ver- 
weigert. Welch mächtiger Anknüpfungspunkt für das wirtschaft- 
hche an das religiöse Interesse I Die ganze pietistische Innerlichkeit 
und alle werktätige Frömmigkeit findet hier in diesem realistischen 
Interesse nicht ihre letzte Erklärung, aber doch gevrissermaßen ihre 
dauernde Rechtfertigung vor sich selbst. 

So sind die Gewinnchancen für das im Bergbau arbeitende 
Kapital einerseits zu klein, als daß sich das Weltkapital mit aller 
Wucht auf die Ausbeutung der Gruben gestürzt hätte, anderseits 
ist das Risiko zu groß, als daß die kleinen Ersparnisse mit sicherer 
Aussicht auf Erfolg produktiv im Bergbau hätten angelegt werden 
können. Darum auch die immer wiederholten Klagen, daß mit 
armen Gewerken im Bergbau nichts anzufangen sei und die Reichen 
entweder andere vorteilhafte Anlagen aufsuchen oder sich ganz und 
gar zurückziehen. So war es hauptsächlich das überschüssige 
Kapital großer Häuser, meist von Familienunternehmungen, ins- 
besondere von großen Handelsherren, das gemäß dem Gesetz des 
Handelskapitals, überall einzudringen wo eine Lücke ist, die 



70 Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

Verwertungsgelegenheiten zu häufen und dadurch die einzelnen 
Risiken gegen einander abzuschwächen — dieses überschüssige 
Kapital der großen Handelshäuser war es vornehmlich, das in den 
böhmischen Bergbau sich wagte. 

So also tritt neben einheimisches, grundherrliches, bürgerliches, 
und — wie die diesbezüglichen Verbote aus dem sechzehnten 
Jahrhundert zeigen — in Kuttenberg auch bäuerliches, das land- 
fremde Handels- und Bankkapital. NamentHch an der Gründung 
von Joachimsthal war Fuggersches Kapital beteiligt. Aber auch 
später finden wir in den Bergstädten immer wieder ausländisches 
Kapital , freilich in Böhmen mehr als Kredit- , denn als Anlage- 
kapital, und es wäre interessant, festzustellen, aus welchen Gründen 
sich das fremde Kapital, zum Unterschied von Tirol etwa, wo die 
Fugger zeitweise den ganzen Erzbergbau beherrschten, in Böhmen 
von einer direkten Beteiligung zurückhielt. Vielleicht war es der 
oben erwähnte und von jeher starke regalistische Einschlag, der 
dem Fremden nicht genug Bewegungsfreiheit ließ, der jeden ab- 
wesenden Ge werken zwang, einen bevollmächtigten Faktor am Orte 
der Unternehmung zu halten, vielleicht die größere Schwierigkeit 
des Abbaues und Unsicherheit des Ertrags der böhmischen Berg- 
werke, auf die Matthesius gelegentlich hinweist, vielleicht ein ge- 
wisser nationaler Widerstand selbst, der hierfür ausschlaggebend 
war; vielleicht aber bot den Geldgebern die indirekte Beteiligung 
am Bergwerksertrag als Kreditoren einen genügenden und sogar 
weniger riskanten Ersatz. So hören wir, daß in Joachimsthal das 
zur Dotierung der Zehentkasse notwendige Kapital (der Verlag), 
das namentlich den Lohn- nnd Gehaltszahlungen diente, anfangs 
von den Grafen Schlick in Augsburg, Nürnberg und Leipzig auf- 
genommen wurde. Je reicher die Ausbeuten, um so größer die 
Entlöhnungen und demgemäß die Schuld. Die SchUcke mußten 
gelegentlich die Hälfte ihres Silberertrags an ihre Gläubiger nach 
Schlackenwald abliefern und kamen durch Entziehung des Münzrechts 
späterhin in mancherlei Verlegenheiten , die sie jedoch bei ihrem 
bedeutenden Gesamtvermögen zu überwinden wußten (Sternberg I, 
S. 329). Daß der MünzheiT mit Anweisungen auf die Münze zahlte, 
war etwas sehr GewöhnHches. Wenn das Münzhaus in Joachimsthal 
(1530) wegen FeuergefährUchkeit und Baufälligkeit renoviert werden 
soll, so müssen außer dem König auch die Augsburger Fugger ihre 
Zustimmung geben, da ihnen das Einkommen aus der Joachims- 
thaler Münze zugewiesen war ^. Eben dieselben hatten gegen eine 
Anweisung auf Joachimsthal die Schulden der Königin Anna über- 



Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 71 

nommen und für ins Feld gestellte Mannschaft jedes Quartal 4000 fl. 
zu beziehen. 

Da wo die Gewerken das Recht des freien Erzverkaufs hatten, 
wie z. B. zeitweise im Zinnbergbau oder in manchen privaten 
Bergbauunternehmungen, wie bei den Rosenbergen, da konnten 
sie „spekulieren", mit dem Weltmarkt rechnen usw. Bei den staat- 
lichen Betrieben oder auch bei den Schlickschen Unternehmungen 
war das ausgeschlossen. Der Staat, bzw. der König verdiente, 
abgesehen davon, daß er stets Mitgewerke war, noch am Zehent, 
ferner den Schlagschatz bei der Münzprägung, dann an der Holz- 
Üeferung aus den Wäldern, aber die so gewonnenen Erträge zer- 
splitterten sich hundertfältig nach allen Seiten, je nach den ver- 
schiedenen Regierungsbedürfnissen. Dem Bergbau kam nicht alles, 
vielleicht das Wenigste zugute. 

Diese festgefügte Erwerbsordnung, die ja schließlich auf die 
Übermacht königlicher oder gi-undherrlicher Gewalt über das im 
Lande arbeitende Kapital hinaus Hef, haben die Schlicke zuerst 
durchbrochen, aber nicht durch Anwendung oder Entdeckung irgend- 
eines völlig neuen Prinzips, sondern indem sie die staatliche Industrie- 
pohtik mit der der großen Privathandelshäuser verbanden und ihre 
Unternehmungen zu völlig in sich geschlossenen und lebenskräftigen 
Organisationen auszugestalten suchten. Auch sie hatten ja Gewerken 
und mußten mit ihnen teilen, aber sie hatten die Münze, ver- 
werteten also das Produkt im eigenen Betriebe, sie hatten die 
Wälder, sie konnten auch Naturalien liefern usw., und die Über- 
schüsse akkumulierten sich bei ihnen und gestatteten nach Beheben 
Wiederanlage und Wiederverwertung im Betrieb oder Erweiterung 
des Operationsfeldes. 

Auch von diesem Standpunkt aus gesehen haben, wovon später 
ausdrücklich die Rede sein wird, die Räubereien, Unterschleife, 
Betrügereien der Beamten nichts Verwunderliches mehr. Überall 
und allenthalben gehen ja der Periode des regulären Profits un- 
meßbare Zeiten des irregulären, des Beutemachens, des Gelegenheits- 
gewinns voraus, wovon jenem Wort Gewinn oder Profit ewig das 
Anrüchige verbleiben wird. Es bestand gewissermaßen ein still- 
schweigendes Übereinkommen zwischen Ausbeutern und aus- 
gebeuteten Beamten und Gewerken, einander die Ruchlosigkeiten 
nicht übelzunehmen, sie gegenseitig anzuerkennen, auch dann, 
wenn durch einen Rollenwechsel der Beamte von heute der Ge- 
werke von morgen würde. So fest waren ja die Klassen und 
„Bemfe" noch nicht, daß die Schranken, die den einen vom andeni 



72 Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

trennten, iinübersteigbar gewesen wären. Man stahl in aller Herzens- 
einfalt ohne Aplomb und ließ sich bestehlen ohne Bitterkeit und 
Pathos, wenn nur wenigstens etwas übrigblieb. 

Welche Bedeutung kommt, so fragen wir nunmehr, dieser böh- 
mischen Edelmetallproduktion innerhalb der Weltproduktion an 
Edelmetallen zu, w^e hat sie die Geldzirkulation vermehrt und mit 
welchen Folgen? Die Beantwortung dieser Frage führt uns ziem- 
lich weit abseits von der reinen Industriegeschichte ; das liegt 
aber eben daran , daß hier an diesen Punkten der primären Geld- 
bzw. Kapitalproduktion die Industriegeschichte weltbedeutsam wird ^. 

Wenn ich mir nun gerade hier die größte Beschränkung auf- 
erlege und darauf verzichte, in diese intricate Materie allzu tief 
einzudringen — was ohne eine außerordentlich weitgehende Weg- 
säuberung und kritische Vorarbeit nicht möglich wäre — so ge- 
schieht es hauptsächlich aus dem Grunde, um nicht von vornherein 
den Anschein zu erwecken , als wollte ich die Metall- oder Münz- 
geschichte eines Landes mit seiner Geldgeschichte (bzw. der Kauf- 
kraft des Geldes) und diese mit der Geschichte der Preise oder 
gar seiner Wirtschaftsgeschichte identifizieren. So also mögen ohne 
jede vorgefaßte Theorie die Tatsachen für sich selbst sprechen. 

Im Mittelalter und noch im ersten Viertel des sechzehnten 
Jahrhunderts war Deutschland die Hauptquelle der Silberproduk- 
tion in Europa und somit der damaligen Wirtschaftswelt, und 
Böhmen eine der reichsten Produktionstätten im deutschen Reiche ^^. 
Die Hussitenkriege des fünfzehnten Jahrhunderts hatten wie auf 
das ganze Wirtschaftsleben, so auch auf den einst reichen Bergbau 
Böhmens zerstörend gewirkt; nach ihrer Beendigung erfreute er 
sich einer zwar kurzen, aber intensiven Nachblüte am Ende des 
fünfzehnten und zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts, um dann 
im siebzehnten Jahrhundert ebenso intensiv zu verfallen. Näher 
zugesehen (vgl. die Tabellen I u. II im Anhang) ist die Edelmetall- 
produktion am stärksten von 1500 — 1545, sinkt dann, und zwar 
schon in einer Zeit, als die Gesamtproduktion Deutschlands noch 
steigt, allmählich bis 1(300, hebt sich noch einmal um 1620 (immer 
vorausgesetzt, daß die Produktionsziffern richtig sind) und versiegt 
dann fast völlig. Von einem universalwirtschaftlichen Standpunkt 
aus erscheint uns auch die reiche Förderung des sechzehnten Jahr- 
hunderts mehr als der glänzende Abschluß einer lange vorangehen- 
den Entwicklung oder der glänzende Anfang eines nahenden Endes 
und ist bedingt sowohl durch eigene natürliche Produktionsvorteile 



Die privat-, national- u, Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 73 

als mehr noch durch eine den Edelmetallen überaus günstige Welt- 
konjunktur, die zum Raubbau anreizen mußte, dessen Wirkungen 
sich eben in dem plötzlichen und fast vollständigen Versiegen der 
reichen Metallströme zeigten. Blüte und Verfall tragen die Spuren 
einer nicht durch technische Erfindungen und verbesserte Organi- 
sation gesteigerten Produktivität, sondern einer forcierten, auf rasche 
Ausnützung der günstigen Konjunktur gerichteten Produktion, und 
lassen den krankhalten Wettbev^^erb alter halberschöpfter Fundstätten 
mit neuen, eben erst erschlossenen mächtigen Metallagern erkennen, 
wobei es natürlich nicht zweifelhaft sein konnte, wer unterliegen 
mußte. Aus den Tabellen ergibt sich ein Parallelismus der Bewegungen 
zwischen der gesamtdeutschen im Verhältnis zur europäischen, 
und der böhmischen im Verhältnis zur gesamtdeutschen Silber- 
produktion, den man wohl so erklären muß, daß beide (die gesamt- 
deutsche wie die böhmische Silberproduktion) von einer und der- 
selben Ursache getragen werden: der günstigen wirtschaftlichen 
Konjunktur für Edelmetalle. Es lassen sich zwar zwischen den 
einzelnen Produktionsstätten Unterschiede nachweisen; so z. B. 
war — wenigstens in der beobachteten Periode — der sächsische 
Silberbergbau nicht so intensiv wie der böhmische , aber er ver- 
siegte auch nicht so rasch wde dieser; etwas Ähnliches ist beim 
Tiroler Bergbau der Fall, aber es besteht im ganzen dieser Einklang 
der Bewegungen des böhmischen mit dem europäischen Silber- 
bergbau durch den gesamtdeutschen. 

Nun will ja eine starke Edelmetallproduktion nicht viel be- 
deuten in einer Zeit, die (wie das Mittelalter) vorwiegend natural- 
wirtschaftlich orientiert war und in der die Repräsentanten der 
Geldwirtschaft wie die Großkaufleute oder etwa die päpstliche 
Finanzkammer mehr weltwirtschaftliche als nationalwirtschaftliche 
Interessen hatten; aber sie gewann Bedeutung in dem Zeitpunkt, 
als die alte Wirtschaftsverfassung gesprengt und der Geldverkehr 
das Zentrum der staatlichen Finanz- wie der privaten Erwerbs- 
wirtschaft wurde, als dem wirtschaftlichen Handeln und Denken 
neue Bahnen sich eröffneten, als die Welt sich sozusagen ver- 
doppelte und überall ein starker Bedarf nach Geld sich äußerte. 
Das sechzehnte Jahrhundert ist für diese Wendung das bedeutsamste ; 
man nennt es das Jahrhundert der Preisrevolution. Aber es ist 
schwer, auch nur eine von den zahlreichen Fragen, die es dem 
Forscher stellt, befriedigend und eindeutig zu lösen. Die Tatsachen 
sind besser bekannt als ihre Begründung, eben weil sie eine Mannig- 
faltigkeit von Deutungen zulassen. Die Schwierigkeiten sind — 



74 I^ie privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

wenn man annimmt, daß die Fakta wirklich einwandfrei fest- 
stehen — prinzipieller Natur. Zunächst einmal die psychologische 
Schwierigkeit, sich von der Vorstellung zu befreien, als ob der 
Besitz oder die Verfügung über Metallmengen als solche schon 
Geld bedeute und Einfluß auf die Preise äußern müsse. Ein Silber- 
bergwerk ist noch keine Geldquelle, Silber noch nicht Geld und 
mehr Silber noch nicht einer Warenpreissteigerung gleichzusetzen. 
Dies gilt ebensowohl für die Vergangenheit wie für die Gegenwart. 
Mit dieser ersten Schwierigkeit zusammenhängend, ja eigentlich 
nur eine andere Seite dieser ist die zweite , daß Änderungen der 
Metallproduktion und Geldwertänderungen verschieden wirken je 
nach dem Milieu, auf das sie treffen; andere Reaktionen auslösen 
je nach der Gesamtheit der Tatsachenkomplexe, zu denen sie hinzu- 
treten, andere also in einer vorwiegend naturalwirtschaftlich auf- 
gebauten und agrarischen Wir tschafts Verfassung als in einer geld- 
wirtschaftlich und städtisch-merkantilistisch orientierten, andere in 
einem Lande, dessen Regierung eine selbständige Geld- und Wirt- 
schaftspolitik verfolgt als da, wo sich die Wii-tschaftspolitik in eine 
Pohtik einzelner Klassen und Interessentengruppen zersplittert und 
der höheren zusammenfassenden Einheit entbehrt, andere in einem 
Lande, das im Zentrum des Weltverkehrs steht als in einem 
autarkisch sich abschließenden Wirtschaftsgebiet, andere in einer 
Zeit, die am Gelde oder Geldstoffe sozusagen erst rechnen und 
werten lernte als in einer Zeit, deren Wertvorstellungen so subtil 
sind , daß sie des Geldstoffes ganz entbehren kann , und ohne an 
eine Substanz sich zu binden, mittels eines Netzes höchst geist- 
voller, exakt arbeitender Verkehrsmittel die Wertseele, wie man 
sagen könnte, durch die ganze Welt in Bewegung setzt. 

Und diese Verschiedenheit der Wirkungen aus einer und der- 
selben Ursache (z. B. Geldfülle) und der Gleichheit der Wirkung 
(z. B. Preissteigerung) aus verschiedenen Ursachen erklärt sich 
wiederum daraus, daß Geldwert und Preise beide nur Symptome 
oder Phänomene einer ihnen zugrundeliegenden, lebendigen Realität 
sind, die sie widerspiegeln und welche das eigentlich bewegende 
und konstitutive Element des Wirtschaftslebens bildet und selbst 
wieder aus vielen elementaren Faktoren zusammengesetzt ist. Geld- 
wert und Preise sprechen so eine sehr beredte Sprache, aber un- 
endlich vieldeutig und orakelhaft und nur dem verständlich, der 
die bunte Mannigfaltigkeit der Tatsachen kennt, deren zusammen- 
fassender Ausdruck sie jeweils sind. Dies ist einer der vielen 
Gründe , warum es bedenklich scheint , über Geldwert und Preis- 



Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 75 

ändeningen in einem ganzen Jahrhundert und für ein ganzes großes 
Gebiet zu urteilen und gar für eine Zeit, deren Eigentümlichkeit 
gerade darin besteht, daß sie nur wirtschaftliche Mikrokosmen, kleine 
und kleinste Wirtschaftseinheiten gekannt hat, wenn auch ihre 
politischen Ambitionen ins Grenzenlose gingen. Und was ist im 
günstigsten Falle das Ziel, das eine solche Fragestellung nach den 
ursächlichen Beziehungen zwischen Änderungen von Metallmengen 
und den schicksalsschweren Änderungen von Preisen en-eichen 
kann? Je länger man sich in die Geschichte der Preise einerseits, 
des Geldes anderseits vertieft, um so stärker wird man in der 
Überzeugung gefestigt, daß die Beziehungen zwischen beiden höchst 
locker und fast sekundär sind, daß es nie gelingen kann, irgend- 
eine Preisveränderung mit Sicherheit aus einer numismatischen 
Änderung zu „erklären", dieser kausal zuzuschreiben, was hundert- 
fältig anders bedingt sein kann. Das hängt damit zusammen, daß 
— und dies Ergebnis verdanken wir der neuen Wertlehre — 
eben der Preis, diese scheinbar objektivste wirtschaftliche Instanz 
ein im Grunde subjektives , in der Psyche verankertes Phänomen 
ist, und wie alles Psychologische, Seelische im letzten Grunde von 
der einfachen Kausalrelation nicht umfaßt wird. 

W^as wir also tun können, um die Bedeutung des Zuströmens 
neuer Edelmetallmassen in den Welt- und Landesverkehr zu 
beleuchten, besteht darin, daß wir — mit Verzicht auf eine ein- 
deutige Kausalerklärung — die „Symptome" aufzeigen, indem 
wir jenes Faktum messen an den Zuständlichkeiten und Ver- 
änderungen des permanenten Lebens, indem wir einfach vom werden- 
den Reichtum und aufsteigenden Leben und vom gewordenen Reich- 
tum und vom sinkenden Leben erzählen. So mündet jede Ge- 
schichte der Preise schließKch in eine universal gefaßte Wirtschafts- 
geschichte. Ich lasse mich auch hier nicht auf die Frage ein, ob 
die staatliche oder die naturale Theorie des Geldes „richtig" sei, 
für den Wirtschaftshistoriker haben sie beide nur heuristischen 
Wert und gar leicht, allerdings um den Preis der GeschichtHchkeit, 
ließen sich die Daten nach der einen oder anderen Theorie aus- 
richten. Sind die zahllosen Edikte und Ordonnanzen der Könige 
im Laufe der Jahrhunderte ein Zeichen, wie sehr der Staat auf 
das Geldwesen Einfluß nahm und sich für fähig und befugt hielt, 
es zu regeln, so ist eben ihre Zahllosigkeit und dauernde Wieder- 
kehr ein Beweis für die Fruchtlosigkeit dieses Bemühens und dafür, 
daß der Geldwert wie jeder volkswirtschaftliche Wert noch anderen 
Mächten und Gesetzen unterliegt als den vom Staat ihm vor- 



76 l^ie privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

geschriebenen, d. h. nicht bloß rechtlichen, sondern eben wirtschaft- 
lichen Gesetzen. — 

Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts begann das starke 
aktive Interesse an der Wiederbelebung des Bergwesens ; man prägte 
um die Wende des Jahrhunderts ziemlich stark in Kuttenberg, 
aber nur kleine Münze: Pfennige, Heller, Groschen ^^ Im Jahre 
1511 wurden 

an Hellern 9400 Schock, 45 Groschen, 3V2 Pfennige, 
„ weißen Pfennigen 24439 Schock, 45 Gr. 3V2 Pfg., 
„ Weißgi'oschen . . 958 „ 34 „ 5V2 „ 
alles nach böhmischer Währung gerechnet, ausgemünzte^. (Siehe 
die Münztabellen im Anhang.) 

Das sechzehnte Jahrhundert war allenthalben ein gold- und 
silberhungriges, aber alle die alten und teilweise neu aufgekommenen 
Bergwerke förderten nicht soviel wie man gebraucht hätte, und ihr 
Abbau konnte nur solange rentieren , als die Produktionskosten 
niedrig, der Silberpreis relativ hoch stand. Es heißt dann auch 
schon zu Ferdinands I. Zeiten, daß er bei seinem Regierungsantritt 
die meisten Bergwerke Böhmens in einem sehr schlechten Zustande 
vorgefunden habe und am Ende seiner Regierung auch Kuttenberg 
in Verfall geraten sei. Als Gründe für den Rückgang des Berg- 
wesens werden allgemeine politische Schäden und Mängel der Be- 
triebsorganisation und mißliche soziale Verhältnisse angeführt: die 
hussitischen Verheerungen, die Religionsspaltungen und ihre Folgen, 
die Auswanderung der Bergleute nach Meißen und dem Harz, das 
Unvermögen und die Abnahme der Gewerken, der Mangel an flüssigem 
Kapital und hauptsächlich die Untätigkeit der beiden Könige 
Wladislaw und Ludwig. Zur Durchführung seiner münz- und geld- 
politischen Pläne brauchte Ferdinand die Verfügung und Kontrolle 
über die Bergwerke und ging, wie wir wissen, mit zäher Energie 
konsequent vor. Sein Bestreben richtete sich insbesondere darauf, 
sich das Ankaufsmonopol für Edelmetalle zu sichern und den Edel- 
metallhandel zu regeln und zu kontrollieren. Zu diesem Zwecke 
schaffte er im Jahre 1559 die Erzkäufer ab'^ und verordnete be- 
zügUch der Metalleinlösung : wenn auf einem Bergw^erk sich einiger 
Vorrat an Gold und Silber aufgespeichert hat, soll es dem Oberst- 
münzmeister gemeldet und dieser Vorrat vom Münzmeister eingelöst 
werden. Wenn der Münzmeister es nicht tut, so kann der Grund- 
hen* oder Ge werke das vori'ätige Silber anderswohin verkaufen, 
aber mit dem Vorbehalt, daß der Überschuß des Erlöses über 7 rh. fl., 
14 Groschen (3 Pfg. böhmisch für die Mark, der königlichen Kammer 



Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 77 

zufällt. So war die „Verstaatlichung" des Edelmetallhandels wenigstens 
prinzipiell begründet, nun ging der König weiter. Joachimsthal wurde 
eingezogen. Aber erst wenn alle Machtmittel in seiner Hand waren, 
konnte sich darauf eine staatliche Münzpolitik aufbauen. 

Jedoch die Verstaatlichung gereichte den Unternehmungen 
selbst nicht zum Segen. Sei es, daß sie zu einer Zeit erfolgte, 
als die Ergiebigkeit der Glauben schon nachgelassen hatte, sei es 
aber auch, daß eben die staatliche Regie eine Verschlechterung der 
Betriebsführung zur Folge hatte, die Blütezeit war vorüber. Zwei 
Tatsachenreihen von schwerwiegender Bedeutung treffen um die 
Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zusammen und akkumulieren 
ihre den böhmischen Bergbau schädigenden Wirkungen. Erstens 
die rein technische Tatsache , daß nach einer Periode des Raub- 
baues die Ergiebigkeit der böhmischen Gruben plötzKch nachließ, 
das andere ist, daß um dieselbe Zeit der Zufluß an Edelmetallen 
aus den neu entdeckten überseeischen und rücksichtslos aus- 
gebeuteten Gi-uben seine weltumwälzenden Wirkungen zu äußern 
begann. Das Gesetz vom abnehmenden Ertrage erneuerte, nach- 
dem es vielleicht zu Beginn des Mittelalters die Siedelung der 
europäischen Menschheit endgültig bestimmt hatte, jetzt an der 
Schwelle der neuen Zeit zum zweiten Male seine weltgeschichtliche 
Potenz und trug jedenfalls mit dazu bei . die Wert- und Preis- 
vorstellungen der europäischen Menschheit zu revolutionieren. Soviel 
steht fest, daß das sechzehnte Jahrhundert ein Jahi'hundert steigen- 
der Preise war. mag auch das Ausmaß, die Intensität und Be- 
gründung dieser Tatsachen strittig sein. Kurz und vorläufig gesagt, 
mußten folgende Momente die Tendenz einer allgemeinen Preis- 
steigerung hervorrufen: 

1. die steigenden Metallausbeuten, 2. die Überfüllung des Landes 
mit geringwertigen, meist landesfremden Scheidemünzen und gleich- 
zeitig damit der Verlust des nationalen Silbers an das Ausland 
durch Ausfuhr, Krieg, Schmuggel usw. ; entgegengewirkt wurde dieser 
Tendenz durch die geringe Verbreitung der Geldwirtschaft im oder 
besser auf dem Lande. 

Die Bergleute aber waren „städtische" Arbeiter, d. h. sie lebten 
an den einzigen Orten , wo Geldwirtschaft heiTSchte ; sie mußten 
also die Preissteigei-ung der Waren in ihrer Lebenshaltung spüren. 
Einen Beweis für diese Zusammenhänge finden wir in der schon 
oben erwähnten Eingabe der böhmischen Stände an Ferdinand I. 
vom Jahre 1531 betreffend das Joachimsthaler Münzrecht. Darin 
wird u. a. geklagt, daß der Joachimsthaler Groschen weit über 



78 i^ie privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

seinen inneren Wert gegenüber den verschiedenen, in das Land ein- 
geführten ausländischen Münzen gestiegen sei, „daß er diejenige 
Zahl böhmischer Münzen, für welche er angerechnet wird, niemal 
werth gewesen, auch noch bis jetzt nicht werth ist." Aber den 
Gewerken und Bergleuten in Joachimsthal werde noch heutigentags 
— also noch zu einer Zeit, wo alle Werte sich verschoben hatten . — 
der Taler nicht höher als für 24 böhmische Groschen an Weiß- 
pfennigen angerechnet. Daraus folgt, daß wenn die Bergarbeiter 
ihren Lohn in entwerteter Valuta zum alten Nominalwert erhielten, 
die Kaufkraft ihres Lohnes sich bedeutend verschlechtert haben 
mußte. Sie bekommen wie ehedem 168 Weißpfennige für einen 
Taler; mit diesen 168 Weißpfennigen aber konnten sie, da mittler- 
weile die Preise gestiegen waren, nicht mehr dasselbe kaufen wie 
früher. 

Diese Verschlechterung der Lebenshaltung zusammen mit den 
konfessionell unbefriedigenden Verhältnissen bildeten offenbar ein 
starkes Motiv zur AbwandeiTing. Die Bergwerkeigentümer aber 
waren angesichts einer veränderten allgemeinen Konjunktur außer- 
stande, entsprechende Abhilfe zu schaffen. Der allgemeine Geld- 
mangel zu Ende des 15. Jahrhunderts hatte den stärksten Antrieb 
zur Wiederaufnahme des Bergbaues gebildet, das 16. Jahrhundert 
begann als ein wirtschaftlich reges und friedliches, es wurde Geld zu 
privatwirtschaftUchen und Staats wirtschaftlichen Zwecken gebraucht, 
der Bergbau war lohnend. Nun aber kam die überseeische (Metall) 
Konkun-enz und befriedigte nicht nur den Geldbedarf, sondern ent- 
wertete das Geld : es stiegen die Warenpreise, entsprechend die 
Produktionskosten, auch die des Bergbaues, die Metallpreise aber 
blieben dieselben oder fielen, der böhmische Bergbau mußte unren- 
tabel werden. Es wird noch zu prüfen sein, ob man in Böhmen 
von einer Preis „revolution" sprechen kann; es dürfte sich wahr- 
scheinlich herausstellen, daß die Entwicklung und Änderung der 
Wertverhältnisse hierzulande friedsamer sich vollzog, einmal des- 
halb, weil Böhmen eben doch einen nationalen Fond an Edelmetall 
besaß, der zur Deckung des Geldbedarfs zunächst herangezogen 
werden konnte und zweitens weitab von den Zentren wii-tschaft- 
licher Betriebsamkeit und Unternehmungslust lag. Man wird bei 
Betrachtung dieser Fakta stark an die Agrarkrisis der siebziger Jahre 
des 19. Jahrhunderts erinnert. Beidemal kam das Übel von Amerika 
und machte sich in der gleichen Form geltend: steigende Produk- 
tionskosten bei sinkenden Preisen und Arbeitermangel. Aber ähnlich 
wie Böhmen keine eigentliche Agrarkrisis (aber auch keine vorher- 



Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 79 

gehende glänzende landwirtschaftliche Konjunktur) hatte, da alle 
weltbewegenden Antriebe hier nm* als abgeschwächte Wellen zur 
Wirkung kommen, so dürfte es auch im 16. Jahrhundert keine 
eigentliche Preiskrisis gehabt haben. Mehr noch gleichen die 
böhmischen Zustände den gleichzeitigen spanischen ; eine merkwürdige 
Ähnlichkeit des Ablaufs der Phänomene findet statt, die auf eine 
Ähnlichkeit des ganzen wirtschaftlichen Milieus, auf eine Wesens- 
verwandheit der treibenden Kräfte hier und dort hinzudeuten 
scheint. Vielleicht aber ist Spaniens Geschichte selbst typisch 
für die geld reichen Länder mit bestimmter Bevölkerungs- 
gliederung und Anlage der Menschen am Wendepunkt von Natural- 
und Geldwirtschaft. 

Hier wie dort ist charakteristisch der effektive Geldmangel bei 
ständig und reichlich fließenden Geldquellen und damit in Verbin- 
dung ein Hochstand der Preise (der allerdings wie ^\ar zu zeigen 
hoffen, in Böhmen nicht so extrem war wie in Spanien),, und man 
ist geneigt, hier wie dort den Edelmetallreichtum als Ursache 
des chronischen Geldmangels und eines Zurückbleibens der Ent- 
wicklung der nationalen Produktivkräfte anzusprechen. „Schlecht 
stimmt", sagt Colmeiro ^*, „die allgemeine Teuerung der Unterhalts- 
mittel und der Arbeit überein mit dem Mangel an Gold und Silber, 
der das verblutete Spanien zugunsten der übrigen europäischen 
Staaten traf. Wenn die Ausländer das Geld wegschwemmten, ohne 
eine Spur von Gold und Silber im Lande zu lassen, wenn in den 
Orten des Inneren sich kaum grobes Silber sehen ließ, wenn Spanien 
weniger Geld im Umlauf hatte als die Völker, die keine Minen 
besaßen, deren Industrie aber blühte, wenn, um es kurz zu sagen, 
die Dukaten und Kronen, die in Sevilla geschlagen w^urden, und 
die Pesos von Mexiko und Lima nach Holland, Frankreich, England, 
Genua, Florenz und Venedig gingen und nach Peru und Indien 
auswanderten und vordrangen bis in die äußersten Winkel Japans 
und Chinas, wie konnte es wahr sein, daß Amerikas Edelmetalle 
durch eben ihren Überfluß nur den Schatten unserer Landwirt- 
schaft, unserer Industrie, unseres Handels und unserer Bevölkerung 
hätten treffen können und größere Verheerungen anrichteten wie 
die Pest?" 

Was hier an Tatsachen angeführt wird, gilt mit entsprechender 
Abschwächung und Änderung adäquat auch für Böhmen. Diese 
Gleichheit der Wirkungen entspringt aber diesmal nicht bloß einer 
obei-flächlichen und äußerlichen Ähnlichkeit der Ursachen, sondern 
hier spannen uralte Mächte von gleicher Art den gleichen Faden 



gO Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

des Geschehens. Dort wie hier walteten Herrscher gleichen Blutes 
und gleicher Gesinnung über die Geschicke ihrer Völker. Ein 
transzendentales katholisches Gottesreich w^ollten sie bauen und 
nicht weniger als die ganze Welt war das würdige Gefäß ihres 
religiös-politischen Willens. Ein großartiger Imperialismus, nicht 
ohne die gewisse Beschränktheit und Engherzigkeit, die alle Pläne 
dieser Art charakterisieren, beseelte die Besten dieser Hen-scher. 
Immer sollte eine nationale und konfessionelle Politik gewisser- 
maßen die Plattform ihrer Pläne bilden. Das Stammland mußte 
die Kosten für die kühnen Unternehmungen tragen und von da aus 
sollte sich der Sieg der christlich-katholischen Idee durchsetzen. 
Aber über ihren großen Plänen verloren sie ihre irdischen Reiche 
ohne das himmlische zu gewinnen. Ihre Länder verarmten, und 
es kamen (im 17. Jahrhundert) nicht die geldreichen Staaten: nicht 
Spanien und nicht Böhmen oder Deutschland empor — die sanken 
vielmehr zur Bedeutungslosigkeit — , sondern die metallarmen Länder : 
Holland, Frankreich, England wuchsen sich zu Weltmächten aus, 
und als ob die Geschichte eine Lehre bestätigen wollte, die von 
klugen Kaufleuten der Zeit ausgesprochen worden w^ar (Josiah Tucker), 
daß Gold und Silber an sich nutzlos sind, wenn sie nicht die 
produktiven Kräfte des Volkes zur Entfaltung bringen: Österreich 
und speziell Böhmen kamen gerade damals in die Höhe, als der 
Edelmetallbergbau versiegte (Karl VI., Maria Theresia). Nicht 
daß jedesmal das eine die Ursache des anderen sein müßte, aber 
ein gewisser Zusammenhang zwischen Edelmetallfülle und geringer 
Produktivität der nationalen Wirtschaft, wie ihn besonders Hume 
konstatierte, ist nicht zu leugnen. 

Die starke Vorliebe der Fürsten für den Bergbau und seine 
Fördenmg über die Zeit möglicher Rentabihtät hinaus sind nun 
doch wohl symptomatisch, negativ für den Geldmangel, d. h. Mangel 
an gutem Geld, positiv für das intensive Geldbedürfnis der Zeit. 
Nicht als ob nun die Geldwirtschaft plötzlich in die Tiefen des 
Yolkes gedrungen und das ganze Wirtschaftsleben ergriffen hätte 
— herrschte doch noch viel später Naturalwirtschaft in weitem Um- 
fang oder eine Verbindung von Naturalwirtschaft mit Geld Wirtschaft ; 
aber in den zentralen Stellen des Wirtschaftslebens, also bei der 
Landesregierung und bei den Domänen, machte sich damals das Be- 
dürfnis nach Geld als Verkehrsmittel wie auch insbesondere als 
Machtmittel sehr lebhaft geltend. Es scheint die Zeit (etwa von 
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis ins 17. Jahrhundert 
hinein) von einer krankhaften Sucht nach Geld erfüllt, die an die 



Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. JJergwerke. S\ 

großen Volksleidenschaften der religiösen Wanderzüge oder der 
evangelischen Armut erinnern. Es ist kein Zufall, daß die Blüte- 
zeit der Alchimie in Böhmen (wie übrigens gerade wieder auch in 
Spanien mit der Geldnot) mit dem Nachlassen des böhmischen Berg- 
baues zusammenfiel. Und Böhmen ist als das Eldorado der Alchimisten 
bekannt. Zu einer Zeit, wo etwa die holländischen Kaufleute 
Geographie studierten und die Waren der Welt von Land zu Land 
führten, zogen sich die böhmischen Barone in die düstere Kühle 
ihrer Laboratorien zurück, und vergeudeten über ihren Versuchen 
Zeit und Vermögen. Aber nicht nur die Großen des Landes trieben 
die geheimnisvollen Künste, auch die Bürger und Beamten waren 
von der Krankheit erfaßt und gerade die Bergwerke waren Haupt- 
sitze der Alchimisten, und von jedem Bergbeamten war als sicher 
anzunehmen, daß er die hermetische Wissenschaft pflege. So hatte 
Comenius recht, wenn er schrieb : „ich sehe hier jene, welche Gold 
und langes Leben durch die Flammen zu gewinnen trachten, aber 
Beides in den Flammen verlieren" ^^. 

Nicht allein die Forcierung des Bergbaues, die Pflege der 
Alchimie, noch andere Maßnahmen deuten in der gleichen Richtung 
der unbegrenzten Wertschätzung des Metallgeldes. Hierher gehören 
die Geldausfuhrverbote, vielleicht die universalste wirtschaftspolitische 
Maßregel der Geschichte. Gewiß spielen da noch andere Motive 
mit: das Streben nach Konservierung der nationalen Währung als 
Ausdruck eines zentralen, einheitlichen Wirtschaftsorganismus, 
nach* Unabhängigkeit vom Ausland in jeder Beziehung u. a., 
aber im Wesentlichen ist es doch wohl die Wertschätzung des 
Geldes in seiner Edelmetallform, die immer und überall zu diesem, 
von unserem Standpunkte aus zwar naiven, aber damals durchaus 
begreiflichen und vielleicht einzig wirksamen Mittel hindrängte. 
Hier, in dieser praktischen Wertschätzung des Geldes liegen, w^enn 
nicht alles täuscht, die Ursprünge jener Gedankenreihen, denen 
später der Merkantilismus theoretischen Ausdruck gegeben hat. 
Wir sagen heute, der Merkantilismus habe die Bedeutung des Geldes 
überschätzt. Dies ist richtig, wenn wir seine Anschauungen mit 
den Erfahrungen unserer Zeit oder vielleicht auch nur mit denen 
seiner eigenen Zeit zusammenhalten. Denn schon zur Blütezeit 
der merkantilistischen Theorie war das Leben über sie hinaus zu 
einer Praxis der Entfaltung der nationalen Produktivkräfte fort- 
geschritten und die Wertschätzung des Metallgeldes als einziger 
oder vorwiegender Macht- und Reichtumsquelle war veraltet. Aber 
der Merkantilismus schöpfte seinen Gedankengehalt, was das Geld 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 6 




32 Die privat-, national- u. Weltwirtschaft!. Bedeutung d. böhm. Bergwerke. 

betrifft, aus einer vor ihm liegenden, älteren Epoche, als die pro- 
duktiven Energien noch schlummerten und die Akkumulation von 
Geld in der Tat anfing, Reichtum, Verfügungsgewalt, Herrscher- 
macht zu bedeuten. Er bedeutet die nötige Konzentration der 
Volkskräfte vor ihrer Entwickelung, das Ansammeln der Kraft vor 
dem Wagnis der Teilnahme am Weltverkehr. Der spätere Merkan- 
tilismus übt die Praxis des do ut des, aber vorher antwortete er 
auf die Frage, wde Nationen reich werden : durch Sparen von barem 
Geld. Es ist die Zeit der nationalen Fondsbildung, die in ihren 
Denkoperationen von festen Bestandmassen ausgeht, die Zeit der 
mechanistischen Wirtschafts- und Weltanschauung. Das was der 
Merkantilismus vom Gelde denkt, ist nicht ein Neues, nicht der 
Anfang eines neuen Systems, sondern ein Stück Mittelalter, das er 
mit in die neue Zeit hinübergenommen hat, ein Stück, das zusammen 
mit der nationalen Versorgungspolitik im wesentlichen die Wirt- 
schaftspolitik des Mittelalters ausmacht. 



83 



Das Leben der Bergstädte 

(mit besonderer Berücksichtigung von Joachimsthal). 



In den Rahmen, der durch das Recht und die sonstigen wirt- 
schaftlichen und sozialen Grundbedingungen gesteckt ist, gilt es 
nunmehr, ein Bild des bewegten Lebens selbst einzuzeichnen, wie 
es sich in all seiner Mannigfaltigkeit und wechselvollen Dynamik 
in den Bergstädten, diesen kapitaHstischen Oasen innerhalb einer 
Wüste traditionell gebundener Wirtschaftsweise, abgespielt hat und 
ihr Schicksal bestimmte. Bisher war fast durchaus von Grenzen 
und Schranken die Rede, innerhalb deren die Möglichkeiten wirken 
konnten. Nunmehr wollen wir von der Peripherie aus ins Zentrum 
selbst vordringen. 

Mehrere Ausgangspunkte bieten sich dar. Man könnte wieder 
auf den Gedanken kommen, die Preise als wirtschaftHche Orakel 
zu befragen und die Geschichte des wirtschaftHchen Lebens und 
Geschehens an jene stummen und doch so beredten Ziffernreihen 
anzuknüpfen, Transformationen des Lebens in die starre Sprache 
der Zahlen, hinter denen doch das Schicksal webt. Ohne uns auf 
den Boden der ökonomischen Geschichtsdeutung zu stellen, erinnern 
w^r doch notwendig daran, daß in den Preisen und ihrem Wechsel 
die Änderungen der gesellschaftlichen Produktivkräfte — das Wort 
im weitesten Sinne gefaßt — in die Erscheinung treten und, da 
der Preis dasjenige gesellschaftliche Phänomen ist, durch welches 
das ökonomische Fatum des Einzelnen mit dem einer Gesamtheit 
am dichtesten und unmittelbarsten zusammenhängt, eine ideale Ge- 
schichte der Preise eine Geschichte des gesellschaftHchen Lebens 
selbst wäre, wie etwa eine Geschichte der Fieberkurven die Ge- 
schichte einer Krankheit ist. So könnte man vorgehen; bedauer- 
hcherweise aber lassen uns die Quellen, die wir benutzen konnten, 
im Stiche. Unser Material bietet für eine Geschichte der Preise 
in den Bergstädten so gut wie nichts und fast ebenso wenig die 
[Arbeiten, die sich mit der allgemeinen Geschichte des Bergbaues 



34 Das Leben der Bergstädte. 

in Böhmen beschäftigen. So wählen wir einen anderen Weg und 
versuchen aus Bruchstücken ein Bild zu rekonstruieren oder ein 
Mosaik zusammenzusetzen, nicht ohne Zuhilfenahme der Phantasie, 
wenn die Quellen schweigen und versagen, darum auch ohne An- 
spruch auf absolute Exaktheit, wenn auch nicht auf innere geschicht- 
liche Wahrheit. Für Joachimsthal sind wir noch am besten ge- 
stellt; da besitzen wir in Matthesius, dem Prediger und Lehrer, 
einen Führer von bewährtem Verständnis und guter Zuverlässigkeit. 
Er, gleichsam der gute Geist der Berggemeinde und ihr redendes 
Gewissen, entwirft in seinen Werken^ ein Kulturbild von seltener 
Anschaulichkeit und anerkennenswerter Größe des Gesichtsfeldes. 
Er hat den weiten Blick, der über die Grenzen seines Berufes und 
Landes hinausdringend, das rege Leben der Zeit in seinen vielfachen 
Spiegelungen einfängt, fühlt sich in lebendigem ununterbrochenem 
Zusammenhang und als aktives Mitglied der ganzen deutschen Kultur- 
gemeinschaft, die damals nicht bloß Traum zu bleiben schien, ein 
Mann kräftigen Willens, starker Tatkraft, Geistlicher, doch nicht 
Fanatiker, mit tiefem Verständnis für die Bedürfnisse der Wirklich- 
keit und Sinn für die Praxis des Lebens, wie Luther selbst dem 
Bergwesen wähl- und berufsverwandt und daher voll besonderer 
Teilnahme und Eindrucksfähigkeit dafür. Was wir außer den Berg- 
ordnungen an Literatur über die anderen Bergstädte besitzen, ist 
aus viel späterer Zeit und nicht entfernt so wertvoll^. 

Gehen wir von der Bevölkerung aus, die sich um die Berg- 
werke drängt. Wer waren diese Leute, die, vom diabolus öconomicus 
beherrscht, durch ihr bloßes Dasein Städte wie aus dem Boden 
stampften? In Joachimsthal können wir das verfolgen. Im Jahre 1516 
sind nur ein paar armselige Hütten da, ums Jahr 1530 arbeiten in 
den Zechen über 4000 Arbeiter, die Gesamtbevölkerung wird leicht 
das Doppelte betragen haben. Alles was wir über Gründung und 
Aufschwung der Stadt gehört haben, erinnert lebhaft an die ameri- 
kanischen Gold- und Silberbergstädte : die fluktuierende Bevölkerung, 
ihre Zusammensetzung aus Frommen und Abenteurern, aus Gott- 
suchern und Glücksrittern^, ihre einerseits über das gewöhnliche 
Niveau steigende , anderseits darunter sinkende Moralität gehört 
dazu. Aus Matthesius Predigten lernen wir diese bunt zu- 
sammengewürfelte , zum großen Teil landes- und glaubensfremde 
Bevölkeiimg, einen echten Kolonistenstaat im rauhen Sudetenwinkel, 
am besten kennen. „Wenn ich meine Pfarrkinder mit anderen 
vergleiche", schreibt er gelegentlich, „weiß ich keine frömmeren" 
und er lobt ihre Opferfreudigkeit für Kirche und Stadt, ihre Pietät, 



Das Leben der Bergstädte. g5 

Dankbarkeit und Geduld. Häufiger aber als dieses Lob sind die 
wiederholten Anspielungen und Klagen über die schlemmenden, 
sorglosen und geldverprassenden Arbeiter "*, über die Unehrlichkeit 
der Gewerken^ und die betrügerischen Kaufleute. Er eifert wider 
das „teglische volsauffen vnd schlampampen" und rät zur Sparsam- 
keit für die Zeit, wenn die Bergwerke nachlassen und das Alter 
droht. In krasser Unterschiedlichkeit werden uns zwei Arten von 
Menschen wie zwei verschiedene Rassen vorgeführt, wobei sich 
nicht mit Sicherheit sagen läßt, welche von den beiden, ob die 
Starken im Glauben und der Mühsal oder die Starken in der Tat 
und im Wollen die für die neue Zeit Charakteristischen, Führenden, 
die Zukunft Beherrschenden waren, ob diese „modernen" oder die 
altmodischen Menschen der Zeit ihr Gepräge aufdrückten. Jeden- 
falls aber hat damals durch den Dämon Reichtum die geistige Ein- 
heithchkeit und Gleichartigkeit der mittelalterlichen Gesellschaft 
ihren tiefsten Riß bekommen. Die Renaissance des Glaubens, zu- 
gleich Verinnerlichung und Befreiung, ist nur eine Seite einer 
Renaissance des ganzen Menschen, die Vertiefung, aber auch Lockenmg 
der verpflichtenden Bande bedeutet, ein Prozeß, der sich nur zu 
oft nicht im einzelnen Individuum, sondern innerhalb ganzer Ge- 
sellschaftsklassen vollzieht. Ward die Joachimsthaler Berggemeinde 
zu einer wirklichen Gemeinde durch das Band tiefen religiösen 
Gefühls, durch die Gemeinsamkeit eines neuen Glaubens und Kultus, 
so ist anderseits für die „mißverstandene" Freiheit neben den 
gröberen Formen des bäuerlichen Kommunismus sehr bezeichnend 
die Lockerung und Verwilderung der Ehe in eben dieser Gemeinde, 
die wohl mit der protestantischen Wertung der Ehe überhaupt zu- 
sammenhängt. Da ist es eine der chronistischen Aufzeichnung 
würdige Tatsache, wenn in einem Jahre keine strittige Ehesache 
vor den Pfarrherrn kommt *^, und da dürfen sich Leute ihres Ehe- 
bruchs laut rühmen ^. Dieser Differenzierung des inneren Menschen 
entsprach nun im Äußeren die weitreichende Klassenbildung und 
Scheidung: Unternehmer, Beamte und ein „klassenbewußter" Lohn- 
arbeiterstand. Von den Arbeitern war schon die Rede. Zwischen 
ihnen und der unternehmenden Gewerkschaft stand ein zahlreiches 
Heer von Beamten, teils vom König selbst, teils von den Gewerken 
im Einverständnis mit der Behörde bestellt. In Kuttenberg waren 
zeitweise fast ebensoviele Beamte (nur um 4 weniger) als Arbeiter. 
Man darf nun nicht annehmen, daß diese Beamten hervorragende 
technische oder kommerzielle Sachverständige, lauter bergkundige 
Leute gewesen seien. Vielfach waren es ganz gewöhnliche Menschen, 



86 Das Leben der Bergstädte. 

die eine Beamtenstelle als Sinekure betrachteten und benutzten. 
Von ihrer Bildung können wir uns einen Begriff machen, wenn wir 
hören, daß der sechsund vierzigste Artikel der Joach. B.-O. von 1541 
ausdrücklich vorschreibt, ein Schichtmeister (also der leitende kommer- 
zielle Beamte), der nicht schreiben könne, müsse das Schi-eibergeld 
aus seinem Lohn bezahlen, oder wenn ein Kommissionsbericht des 
Oberstmünz- und Bergmeisters Grafen Pötting an Karl VI. erwähnt, 
daß im ganzen Königreich von allen Bergmeistern einzige zwei vom 
Leder seien, die übrigen, so heißt es, waren Tischler und Schneider 
und die meisten Bäcker und Wirte. In Eyle z. B. , welches zu 
dieser Zeit mit 3000 Mann wieder belegt war, wurde der Musikant 
Martin Bartosch zum Bergmeister gewählt, und da das Bergvolk 
sich schämte, unter dem Mann zu dienen, vor dessen Geige es 
tanzte, zog es samt Weib und Kindern ab und ließ den Bau auf^. 
Wie lebte nun diese ganze zahlreiche Bevölkerung ? Die dauernde 
Sicherung des notwendigen Lebensunterhalts für diese Bevölkei*ungs- 
menge war bei den unentwickelten Verkehrs- und Produktions- 
verhältnissen ein Problem von allgemeinem Interesse und von 
ständiger Sorge der regierenden Gewalten. Wie überall in den 
Städten, war auch in der neueren Zeit die Sorge um Erhaltung 
eines niedrigen , regelmäßigen Preisstandes der Waren eine der 
vornehmsten Aufgaben der städtischen und auch der königUchen 
Administration. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt,, 
daß in den Bergorten die Preise der Lebensmittel dauernd hoch- 
standen und jede Steigerung hier besonders empfindlich wirkte. 
Verschiedene Umstände mußten zu dieser Konstellation zusammen- 
wirken: einmal die dichte Bevölkei-ung in einer relativ armen, un- 
fruchtbaren Gegend '^ dann ihre gesteigerte Kaufki'aft, da sie an 
der Quelle und Produktionsstätte des Geldes selbst saßen und 
schheßHch überhaupt die Intensität des ganzen Wirtschaftslebens 
an diesen wenigen Punkten im Lande. Die preissteigernde Wirkung 
des Edelmetallbergbaues hebt z. B. treffend die erste Flugschrift 
über den sächsischen Münzstreit hervor ^*^. Da heißt es: „Dadurch 
(durch den Bergbau auf Edelmetall) mehrte sich auch die Be- 
völkerung hierzulande merklich und der Wert der Güter und das 
Einkommen des Adels stieg zusehends. Denn wo viel Menschen 
da sind, da findet sich Absatz für Waren, da kann der Adel aus 
seiner Viehzucht Gewinn ziehen, die Fische aus seinen Teichen 
verwerten, Weizen, Korn, Gerste und Hafer zu befriedigendem Preise 
verkaufen, da bekommt sein Holz, Stroh und Heu rechten Wert. 
Der Bürger kann sein Bier verschenken, kann sein Tuch, seine 



Das Leben der ßergstädte. 87 

Röcke und Schuhe, Hufeisen, Schlösser, Bänder, Sporen, Schwerter, 
Messer, Gürtel, Beutel, Taschen, Ti-uhen, Kasten, Fässer und Fäßchen 
an den Mann bringen für gutes Geld. Es können auch Bäcker und 
Fleischer und alle anderen Handwerker ihr Gewerbe mit größerem 
Vorteil betreiben und der Bauer seinen Acker mit mehr Erfolg 
nutzen." 

Insbesondere scheint die Besteuerung der Getränke zugunsten 
der Stadt preisverteuernd gewirkt zu haben. Der König schaffte 
sie einfach ab, ohne zu ahnen, daß ihm eben diese so verpönten 
Tranksteuergefälle im siebzehnten Jahrhundert die Mittel zur Fort- 
erhaltung des Bergbaues liefern würden. Die Einnahmen daraus 
wurden ausschließlich für den Bergbau reserviert und immer wieder 
Kontrolle geübt, um zu verhüten, daß die Bergstädte diese Steuern 
zu anderen als zu ernsten Bergbauzwecken verwendeten ^ ^ Solche 
Auflagen waren die Anlässe der chronischen Konflikte zwischen 
Stadt und Knappschaft, von denen in Matthesius Predigten so oft die 
Rede ist, und wohl mehr eine Folge als die Ursache des Nieder- 
gangs der Bergwerke, als welche sie dem Prediger in leicht be- 
greiflicher ümkehrung erscheinend^- Das Bergvolk beschwerte sich 
beim König über die ihm ungünstige Kommunalpolitik, es müsse 
ungerechte Beiträge für das Spital leisten, ohne in dessen Verwal- 
tung etwas hineinreden zu dürfen, die Abzahlung der Stadtschulden 
durch Ungelt und Fleischaufschlag laste hauptsächlich auf ihnen, 
den armen Bergleuten, der reiche Kaufmann, Eisen- und Messer- 
händler, der auch von ihnen Gewinn hätte, trage nicht mehr dazu 
bei als sie (gemäß der kopfsteuerartigen Wirkung dieser Auflagen), 
die Seifensieder verbrauchten eine Menge Unschlitt usw. 

Entgegengewirkt konnte der Preissteigerung werden dm-ch die 
Konkurrenz der Verkäufer, die aber nie stark gewesen sein wird, 
da sie mehr zu gemeinsamem Vorgehen als zu gegenseitigem Wett- 
bewerb geneigt waren, ferner durch die Eigenproduktion eines Teils 
des Lebensbedarfs durch die Bergleute selbst und schließlich durch 
die Verwaltungsmaßnahmen der öffentUchen Körperschaften. Diese 
städtische Wirtschaftspolitik konnte sich nur erhalten, wenn sie 
sich von sozialen Motiven, vom „Gemeinnutz" leiten ließ; wo private 
Erwerbsinteressen herrschten, wurde andere Politik getrieben. Von 
zwei Gedanken ist im sechzehnten Jahrhundert die städtische Nahinings- 
mittelpolitik beheiTScht : Sicherung ausreichender Nahi'ung zu wohl- 
feilem Preise (Versorgungspolitik), und Schutz der heimischen Produk- 
tion (Privilegierungs- und Schutzzollpolitik). Die Mittel dieser Politik, 
deren Berechtigung überhaupt nicht bezweifelt wurde, waren mannig- 



38 i^as Leben der Bergstädte. 

fache, vornehmlich die Akkumulation von Getreidevorräten und ihre 
Magazinierung, die Freiheit der Einfuhr bei gleichzeitiger Ausfuhr- 
beschränkung, die Monopolisierung der Produktion und des Ver- 
schleißes verschiedener Produkte usw. So also ließen sich die Stadt- 
verwaltungen die Nahi-ungsmittelbeschaffung angelegen sein. Das 
natürliche Bezugsgebiet für den Lebensmittelbedarf war wohl die 
nächste Umgebung der Bergstädte ; es wäre interessant, ist aber 
aussichtslos zu bestimmen, inwiefern die Distanz vom Bezugsorte, 
dem Konsumtionszentrum, die Preisbildung mit beeinflußte. Mangels 
zuverlässiger Daten sind wir auf bloße Vermutungen angewiesen. 
Immerhin wird man annehmen dürfen, daß bei den ungenügenden 
und unzuverlässigen Verkehrsmitteln ein Bezug der schwer trans- 
portablen Lebensmittel aus großen Entfernungen ausgeschlossen 
war. Hier ist das Stillschweigen der Quellen wirkhch ein nicht 
Gegebensein. Ein solcher Bezug war überdies bei der, wenn auch 
sehr geringen, so doch immerhin vorhandenen Eigenproduktion und 
der städtischen Getreidehandels- und Magazinierungspolitik über- 
flüssig. Der Gesichtspunkt besserer Verwertung der überschüssigen 
Getreideproduktion durch Verkauf an die Bergstädte trat beim Groß- 
grundbesitz erst später (im siebzehnten Jahrhundert) mehr in den 
Vordergrund. Bei dem Zustand der landwirtschaftlichen Produktion 
im sechzehnten Jahrhundert waren eben, namentlich bei der Aus- 
bildung der Gutswdrtschaft mit ihren großen Dimensionen, keine 
bedeutenden verkaufsbereiten Überschüsse vorhanden. Ganz konnten 
die Bergstädte übrigens ihren Lebensmittelbedarf doch nicht selbst 
decken, aber die Einfuhr fremder Waren war von Staats wegen 
reguliert und geordnet. 

Als gewöhnhche Nahrung der Bergleute, ihre Wochentagskost 
sozusagen, die ihre Lebenshaltung andeutet, werden uns gelegentlich 
genannt: Käse und Brot, eine alte Berghenne, Kraut und Rüben ^^. 
Wir hören ferner von Joachimsthal, daß der Wirt im Ratskeller 
Freibergisches und Rakonitzer Bier schenken dürfe. Die Einfuhr 
Schlackenwerther Biers zur privaten Konsumtion wird allgemein 
gestattet, nicht aber der Verschleiß. Die Bäcker werden, wenn sie 
einmal im Jahr zu wenig Brot backen, damit gestraft, daß die Ein- 
fuhr fremden Brotes zugelassen wird. Fremdes Vieh darf in die 
Stadt, muß aber da geschlachtet werden. Eine regelmäßige und 
dauernde Einfuhi* findet in den Artikeln statt, die im Lande über- 
haupt nicht gewonnen werden, z. B. Salz. Dieses bezieht Joachims- 
thal aus Halle, Kuttenberg, vornehmlich aus Österreich über Budweis. 
Wir hören gelegentHch von einem weitgehenden Interesse der Stadt 



Das Leben der Bergstädte. 39 

Halle an Joacliinisthal, da diese Stadt „ein eigen stollen in disen 
Bergwerck getrieben vnd redlich mit uns gebawet vnnd angehalten" ^^. 
Alles dies vollzog sich unter unmittelbarer Aufsicht und Beteiligung 
der Stadt als Verwaltungsbehörde. Folgerichtig entwickelte sich 
aus dieser Ali Bevoraiundung nicht bloß ein Produktions-, sondern 
in gewisser Hinsicht auch ein Konsumtionszwang, ja selbst die 
physische und moralische Lebensordnung des einzelnen konnte von 
diesem Standpunkt aus weder unberücksichtigt noch unbeeinflußt 
bleiben, es gab gar kein Gebiet innerhalb des bürgerlichen Lebens, 
das ganz privat und diskret hätte sein dürfen. Wenn die Stadt 
sich gewissermaßen mit einer Ernähningspflicht gegenüber ihren 
Einwohnern belastete, dann mußte sie auch das Recht haben, alle 
Bezirke des äußeren Daseins ihren Zwecken Untertan zu machen. 
Diese Universalität der städtischen Wirtschaftsgewalt erinnert an 
die politische Universalität der antiken PoKs, nur war eben diese 
keine derart wirtschaftliche, sondern mehr eine politisch interessierte 
Bürgerzwangsgemeinschaft. 

Von der Lebensweise der bergstädtischen Bevölkerung können 
wir weiter ein anschauliches Bild aus dem Verzeichnis der Artikel 
gewinnen, die beim Eingang in die Städte zollpflichtig waren. In 
dem Mauttarif für Kuttenberg vom Jahre 1489 finden sich unter 
anderen folgende Waren genannt: welsches, niederländisches und 
gewöhnliches Tuch, gefärbte wohlfeile Tücher, Wolle, Baumwolle, 
Feigen, Mandeln, griechische und welsche Weine, Rosinen, Oel, 
Seife, Leinwand, Battist, Barchent, Ochsen, Pferde, Kühe, Schafe, 
Borstenvieh, Käse, Kirschen, Pflaumen, Honig, welsche Nüsse, ge- 
döiTtes Obst, Hechte, Karpfen, Hausen, gesalzene Lachse, ungesalzene 
Lachse, ungesalzene Aale, Halbfische und Heringe, getrocknete Fische, 
verschiedene Sorten Biere, Talg, Wachs, Stahl, Eisen, ungarisches 
Kupfer, Sensen, Pflugscharen, Reifen und Schienen, Sicheln, Vieh- 
häute und Gerberlohe. Von all diesen Waren konnte die Stadt 
einen Zoll erheben. Wir sehen daraus zugleich, daß die ursprüng- 
liche Zollfreiheit der Bergstadt aus fiskalischen Rücksichten durch- 
brochen war, freilich nicht gleiclimäßig, da der Herren- und Ritter- 
stand in seinen Zollprivilegien geschützt bleibt. AUes was zu dessen 
eigenem Gebrauch durch die Stadt geführt oder getrieben wird, 
soU zollfi-ei passieren. Die Aufhebung der einmal gewährten Privi- 
legien mußte in Zeiten, die eine Gewerbe- und Handelsfreiheit eben 
nur als Ausnahme, die behördliche Reguliening aber als den Normal- 
zustand kannten, noch viel stärker wirken als etwa heute der Über- 
gang vom Freihandel zum Schutzzollsystem, da mit der Entziehung 



90 Das Leben der Bergstädte. 

der Privilegien ein wichtiger Anreiz zur intensiven Entfaltung von 
Handel und Gewerbe in den Bergstädten wegfiel. Es konnte besten- 
falls der einmal erreichte Standard erhalten, aber eine Höherbildung 
kaum erzielt werden ^^. 

Desgleichen geht aus dem Zollverzeichnis hervor, daß man mit 
der Verarbeitung der Rohprodukte im Lande noch nicht weit ge- 
kommen war. Tücher werden aus dem Auslande gekauft, Blei aus 
Polen, das in Kuttenberg gewonnene Kupfer wurde zur Saigerung 
nach Nürnberg geschickt und ungarisches Kupfer eingeführt. Der 
Handel mit dem Kuttenberger Garkupfer war ein einträgliches 
Privilegium Nürnberger und Münchener Kaufleute ^^. Die Errichtung 
einer Kupfersaigerung in Kuttenberg selbst, oft geplant und dringend 
geheischt, scheiterte. Noch im Jahre 1548 wird die Kupfersaigerung 
in Kuttenberg an die Ebner in Nürnberg gegen einen prompt zu 
erlegenden Pfandschilling von 5000 fl., den Gulden zu 14 Batzen 
oder 24 Weißgroschen gerechnet, auf sieben Jahre verpachtet mit 
Vorbehalt einer zweijährigen Aufkündigung ^'^. 

Wir haben nun sehr deutliche Zeugnisse, daß der Reichtum in 
den Bergstädten die Entfaltung eines üppigen Luxus zur Folge 
hatte, den Religion und Regierung vergebHch in die durch die Sitte 
gebotenen Schranken zu weisen suchten. In den Bergstädten führte 
eben die Mühsal der Arbeit zunächst nicht zur heroischen Entsagung 
oder gar Verzweiflung, sondern zu einer Zügellosigkeit, in der sich 
deutlich das Fieber und die Hast des Lebens, die Aufregung aller 
Instinkte in dem aus mittelalterlichem Schlaf zur Erkenntnis eben 
erst erwachten Menschen widerspiegeln. Kraß scheint der Kleider- 
luxus gewesen zu sein, ein untrügliches Kennzeichen des Parvenü- 
reichtums ^^. Matthesius wird fast nie so heftig als da, wo er gegen 
das üppige Protzentum eifert ^^. Er beklagt diesen Luxus um der 
Sittenverderbnis willen, die er mit sich bringt und prophezeit ein 
trauriges Ende den Leuten, die „jederman besebelt vnnd gebrennet, 
damit die jren pracht haben hinausführen können". Zalilreich sind 
die Luxusgesetze des Rats, namentlich die Gesetze, welche bei 
Festen und Hochzeiten die Zahl der Gäste und Gerichte regeln, 
und ebenso zahlreich die Strafen für ihre Überschreitungen ^o. 

Es konnte nicht anders sein, als daß die eigentümlichen Be- 
dingungen, unter denen die Bergstädte lebten und sich entwickelten, 
schon zuzeiten aufsteigender Konjunktur auf die verschiedenen Be- 
völkeiningsklassen verschiedene Rückwirkungen üben mußten. Blicken 
wir zunächst auf die Arbeiterverhältnisse. Es wurde schon betont, 
daß wir es beim böhmischen Bergbau des sechzehnten Jahrhunderts 



Das Leben der Bergstädte. 9| 

mit dem kapitalistischen Arbeitsverhältnis zu tun haben, mit einem 
freien Arbeitsvertragsrecht, dessen Härten durch ein soziales Arbeiter- 
recht gemildert wurden. Mit dem neuen Arbeitsverhältnis war 
nun, wie die größere Gerechtigkeit, so auch die härtere Grausam- 
keit, und es ist klar, daß alle Schwierigkeiten der Unternehmungen 
zunächst auf die Bergarbeiter als den Ort des geringsten Wider- 
stands übergewälzt worden sind. Die Andening der Produktions- 
verhältnisse gegenüber dem Mittelalter ist charakterisiert durch die 
Kurzfristigkeit des Arbeitsvertrags, der eine Lösung allezeit ge- 
stattete und in dem Durchdringen des reinen Zeitlohnsystems, das 
(^wenigstens gesetzlich) an die Stelle der ursprünglichen Ertrags- 
quotenlöhnung (in Erzteilen), dann des Akkordlohns mit Zeitlohn 
als Minimalgrenze trat. Die Lehnerschaft, der letzte Rest des 
Arbeiterunternehmertums, ward immer seltener und verschwand 
schließlich ganz. In Böhmen und speziell wieder in Joachimsthal 
scheint das neue Arbeiterrecht weiter fortgeschritten , radikaler 
durchgeführt worden zu sein als anderswo. Während wir z. B. 
vom Tiroler Erzbergbau hören, daß im fünfzehnten und sechzehnten 
Jahrhundert ein im großen Maßstabe geführtes Lohntrucksystem 
herrscht und die Gewerkschaften gewissermaßen als Großeinkaufs- 
genossenschaften sich etablierten und einen Pfennwerthandel trieben, 
wird in Böhmen immer wieder statuiert, daß der ganze Lohn jedes 
Arbeiters in Bargeld zu bezahlen sei. Nun sind wir keineswegs 
so sehr Sklaven moderner Vorstellungsreihen und Erfahrungstat- 
sachen, daß wir in jedem Truck unbedingt etwas Verwerfliches, 
Reaktionäres, im Übergang zum reinen Geldlohnsystem unbedingt 
Fortschritt und Besserung erblicken. Vielmehr kann in einem 
Lande mit geringen natürlichen Ressourcen wie Tirol bei unent- 
wickelter Organisation des Handels , geringen Kenntnissen der 
Arbeiter ein gerecht gehandhabter Truck sehr günstig wh-ken, 
aber bei der dem Trucksystem innewohnenden Tendenz zum Miß- 
brauch ist der reine Geldlohn das gerechtere, erzieherisch wirkende, 
wenn auch zunächst vielleicht härtere und unbequemere Verfahren. 
Matthesius sagt: „Par gelt ist lachender Kauff. Also macht es einen 
arbeiter lustig, wenn er seines liedlons gewiß ist, vnnd gott spricht 
^ein segen darzu , da man trewen arbeitem nichts abbricht , auff- 
schlegt oder abwessert, oder mit böser vnnd verlegner wahr ab- 
lohnet". Über die eigentliche Bedeutung des Trucksystems im 
einzelnen erfahren wir z. B. : die Hammerwerksarbeiter von Eisen- 
erz in Steiermark bezogen nach der Kapitulation von 1625 aus- 
schließlich Gedinglohn (beim böhmischen Bergbau, wie schon er- 



92 i^as Leben der Bergstädte. 

wähnt , auf fündigen Zechen verboten) , standen aber zugleich in 
Proviantfassung zu einem festen Satz. Die Proviant- oder Pfenn- 
wertHeferung hatte für das Arbeiterwesen überhaupt die größte 
Bedeutung. Wenn durch anderthalb Jahrhunderte nach Gründung 
der Hauptgewerkschaft die Löhne fast gleichblieben, so hegt das 
daran, daß die meisten gewerkschaftlichen Arbeiter in „Fassung" 
standen und ein bestimmtes, auf den Lohn anzurechnendes Maß 
Weizen, Korn oder Schmalz zu festem, ohne Rücksicht auf Preis- 
schwankungen stets gleichem Preise, wie er 1625 „kapituliert" 
worden war, geliefert erhielten. Alle vier Wochen wurde die 
Raitung vorgenommen und der Verdienst über den bezogenen Proviant 
als Freigeld ausbezahlt (so noch Mitte des neunzehnten Jahr- 
hunderts) ^^ 

Es leuchtet nun ohne weiteres ein, daß ein gleichbleibender 
Geldlohn bei Fortfall der gewerkschaftlichen Naturallöhnung , wie 
dies für Böhmen im sechzehnten Jahrhundert anzunehmen ist, eine 
ganz andere Bedeutung, besonders in Zeiten der Teuerung, die nicht 
zu vermeiden waren, haben mußte als in Tirol, wo der Geldlohn 
gewissermaßen nur Ergänzungslohn war. Die „freien" Lohnarbeiter 
sind also den Änderungen der Wirtschaftsverhältnisse schütz- und 
widerstandslos preisgegeben, und dies um so mehr, je stärker der 
Gmndsatz der Stabilität, der Konstanz, der „Satzung" festzuhalten 
gesucht wurde. Die Bestimmungen des Lohnes waren schon seit 
dem fünfzehnten Jahrhundert zu einer Angelegenheit der Berg- 
behörde geworden, und das vorher nur für die Beamten geltende 
Taxprinzip wurde nun auch für den Zeitlohn der Arbeiter maß- 
gebend. Grundlagen für die Bemessung deS Zeitlohns scheinen 
ehemals die Erhaltungskosten eines Arbeiters gewesen zu sein, und 
das Gedinggeld war sein Mehrverdienst. So heißt es z. B. in der 
Schneeberger Bergordnung von 1479 § 13 ^^ : „Man sol einen iglichen 
hewr alle wochen eines he wrs Ion gebin , davon er sein ent- 
haldung haben möge. So er aber sein gedinge ulfgefarn had, 
unnd das gedinge abgenommen wirdt, sol der Schichtmeister . . . 
dem hewr, einen oder mehr, sovil der am gedinge ist . . . reichen 
und geben ir Ion, was sie am gedinge erübrigt haben ..." 

Nun aber änderten sich im sechzehnten Jahrhundert die Er- 
haltungskosten und es bestand zumindest die Tendenz der Abschaffung 
der Akkordarbeit. Gleichzeitig aber suchte man den Geldlohn zu 
stabihsieren. In Joachimsthal hatte ein Häuer nach den Berg- 
ordnungen von 1518, 1541 und 1548: wöchenthch 12 weiße Groschen 
oder V2 Taler. Diese 12 weißen Groschen bedeuten in den drei 



Das Leben der Bergstädte. 93 

Jahren (nach Voigt berechnet) 1470, 1416 und 1018 Gramm Silber. 
Dies sind die Änderungen des Münzgehalts während dieser Periode. 
Die Schwankungen in den Lebensmittelpreisen während des gleichen 
Zeitraumes werden wir noch kennen lernen; sie waren jedenfalls 
nicht geringer. Wir sehen also, daß der Arbeiter durch den reinen 
Geldlohn sich in einer ungünstigen Position befand. Es hat mit 
dieser Tatsache nichts zu tun die andere, daß besonders schwere 
und unangenehme Arbeit höher entlohnt zu werden pflegte ^^. Eine 
Abstufung des Lohnes nach der Arbeitsleistung findet sich auch 
bei den Münzarbeitern, wobei interessant ist, daß die gleichen 
Arbeitsleistungen von den verschiedenen Münzstätten des Landes 
verschieden hoch gelohnt werden. Den wahren Grund dieser Lohn- 
differenzierung habe ich bisher nicht ermitteln können , vielleicht 
ist es das in den größeren Städten teuerere Leben, das einen etwas 
höheren Lohn in Prag und Budweis rechtfertigte. Eine Erhebungs- 
kommission von 1574 beantragt folgende Stücklohnsätze für die 
Münzer 2* : 

in Kuttenberg von I7V2 Mark Talerguß, 

„ 13^/8 „ Weißgroschenguß, 
„ 11^/3 „ Weißpfennigen, je 1 Taler; 
in den anderen Münzstätten: 

von 14 Mark Talerguß in Prag, Joachimsthal oder Budweiß, 
„ 8V2 Mark Weißgroschenguß in Joachimsthal, 
„ 8 „ „ „ Prag u. Budweis, 

„ 5V4 „ Weißpfennigen ,, Joachimsthal, 
„ 5 ,, „ „ Prag u. Budweis, je 1 Tal er. 

Die Löhne wurden dann im Jahre 1584 für Joachimsthal, 1593 
für Kuttenberg wie folgt reguliert ^^: 

in Joachimsthal: für 14 Mark Taler Erfurter Gewicht ^^, 
„ 8^/2 Mark Weißgroschen, 
„ 5^/2 „ kleine Groschen (60 Stück = 
1 Taler) und Weißpfennigen 
(7 Stück = 1 Weißgroschen); je 
1 Taler zu 30 weißen Groschen; 
in Kuttenberg: für Taler per Mark 12 Weißpfennige, 

., Weißgroschen per Mark 16 Weißpfennige, 
„ kleine Groschen per Mark 18 „ 

„ kleine Pfennige per Mark 21 „ 

Diese Münzerlohnregulierung scheint der Abschluß von Dis- 
kussionen über die Lohnfrage gewesen zu sein, die das ganze sech- 



94 l)as Leben der Bergstädte. 

zehnte Jahrhundert hindurch währten. Ferdinand I. hatte sich 
mit der Frage der Münzerlöhne eingehend beschäftigt^^. Er erließ 
eine detaillierte Bestimmung der Münzerlöhne für alle Sorten, um 
die Münzstände gegen die Einsprüche der Münzgesellen zu schützen ^^. 
Bald nach dem Regiei*ungsan tritt MaximiUans II. brachten die 
Kuttenberger Münzgesellen und Münzknappen wie übHch die Bitte 
um Bestätigung ihrer Privilegien vor und suchten bald darauf um 
eine Lohnerhöhung an, die wiederholt urgiert wurde. Um für eine 
sämtliche Münzstätten Böhmens umfassende Klarstellung der Frage 
Zeit zu gewinnen, genehmigt Maximilian IL ddo. Speyer 25. Juni 
1570 den Münzern und Prägern in Kuttenberg eine Ergötzlichkeit 
von 100 fi. rh. mit der Weisung, daß sie die endgültige Erledigung 
ihres Ansuchens abzuAvarten haben ^^. Ein weiteres Zugeständnis, 
welches der Kaiser ddo. Speyer 30. XL 1570 den deutschen Berg- 
leuten und Münzarbeitern zu Kuttenberg gewährte, war, daß er 
ihnen zu den 15 Schock Groschen böhmisch, welche sie jährlich 
zur Erhaltung ihrer Kirche, Pfarrhofs und Prädikanten und zur 
Förderung des Gottesdienstes bezogen, auf Widerruf noch weitere 
15 Groschen böhmisch jährlich aus dem Münzgefälle daselbst 
anwies ^^ 

Bei diesen Bewegungen der Beamten können wir sehen, was 
bei dem stumm dienenden Heer der Arbeiter nicht so direkt mög- 
lich ist, wie die traditionelle Art der Lebensweise bei gleichbleiben- 
dem Lohn, aber stark veränderten Preis- und Wirtschaftsverhält- 
nissen nicht mehr aufrecht erhalten w^erden konnte. Es muß auch 
darauf hingewiesen werden, daß die Stücklöhnung selbst, die den 
Beamten von der Prosperität der Unternehmung abhängig machte 
und bei günstigem Stand ein treffliches System gewesen war, bei 
nachlassendem Ertrag der Bergwerke und steigenden Unterhalts- 
kosten seine Lage zu einer sehr prekären machte. Wenn die Zahl 
der Bergarbeiter sich verringerte, die Münzprägung zeitweise wegen 
zu hoher Einlösungspreise eingestellt werden mußte ^^ die Ein- 
tragungen in die Bergbücher vermieden, gleichzeitig aber das Leben 
immer teuerer wurde, mußte der Beamte auf jede Weise sich zu 
helfen suchen. Nahm man ja auf ihn bei den verschiedenen Regu- 
lierungen keine Rücksicht ; so leichtfertig man fi-üher in der Schaffung 
zahlreicher Beamtenstellen gewesen zu sein scheint, so hart ging 
man beim Umschwung in der Reduzierung und Entlassung vor. 
Alle die verschiedenen Untersuchungskommissionen beantragten 
eine starke Reduzierung der Beamten, um die Produktionskosten 
zu verringern. Die Gehälter wurden in manchen Fällen zur Hälfte 



Das Leben der Bergstädte. 95 

herabgesetzt in einer Zeit, wo die Lebensmittel von Jahr zu Jahr 
stiegen ^2. Dadurch waren die Beamten notgedrungen technisch 
reaktionär und sträubten sich gegen jede Betriebsneuerung, die sie 
überflüssig gemacht hätte. So wurden sächsische Bergbeamte, die 
auf Wunsch des Kaisers die Verhältnisse in Kuttenberg unter- 
suchten, wegen ihres Antrags, die Göpel mit Wasser zu treiben 
und 300 Pferde abzuschaffen , vertrieben. Dadurch wären ja die 
Beamten um ihren Verdienst beim Hafereinkauf gekommen ^^. Auch 
gegen die Neuerungen bei der Münze, z. B. gegen die Walzen- 
prägung, erhob sich heftige Opposition^*. 

Das Prinzip produktiver Betriebsorganisation, nicht mehr 
Arbeiter und Beamten einzustellen als zur Bewältigung der Werk- 
leistung erforderlich und zweckmäfäig ist, diese aber gut zu lohnen, 
dieses Prinzip scheint im sechzehnten Jahrhundert in Böhmen noch 
nicht erkannt worden zu sein ^^. Zwar hatte Matthesius gepredigt : 
„Was man an trewen Arbeitern vnnd dienern erspart, das geht an 
galgen vnn man findt auch dest weniger trewes gesind, weil die 
Herrn offtmals eben untrew sein, vnn Ionen jren trewen gesinde, 
wie die weit pflegt zu Ionen" ^^, aber damit war er ein Prediger 
in der Wüste. 

Nun wäre sicher das reine Geldlohnsystem immerhin erträglich 
und vielleicht sogar weniger drückend gewesen, wenn es eben — 
rein und den Intentionen des Gesetzgebers entsprechend durch- 
geführt worden wäre. Davon aber kann keine Rede sein; es 
heiTSchte vielmehr trotz dessen was Rechtens war, ein ausgebreitetes 
Trucksystem, um so verwerflicher, als es nur aus Mißbräuchen 
herauswuchs und vom Eigennutz sich nährte. Zunächst ist zu er- 
wähnen, daß sich der reine Geldlohn vielfach als undurchführ- 
bar erwies, weil es — zumal bei Eröffnung einer neuen Unter- 
nehmung und sodann seit der Minderergiebigkeit der Zechen — 
am nötigen Bargeld fehlte. Man blieb also den Arbeitern den 
Lohn schuldig, und Sternberg erblickt darin, daß „die Gewerken, 
die alle voll Schulden waren, die Bergleute nicht ordentlich ab- 
lohnten", das Hauptübel, an dem z. B. der Schlackenwalder Zinn- 
bergbau krankte. Auf den fiskalischen Gruben stand es in dieser 
Beziehung damals nicht besser. In einem Schreiben (von 1586) an 
die Zehentamtleute von Schlacken wald rügt der Kaiser, „daß, statt 
die Gewerken nach der Reformation anzuhalten, ihre Bergleute zu 
bezahlen, sogar die Arbeiter auf den königl. Zechen nicht aus- 
gezahlt würden und 700 Taler zu fordern hätten" ^^. Neben dieser 
Form der brutalen Lohnverweigerung existierten aber die zwei 



96 Das Leben der Bergstädte. 

schlimmen Formen des Waren- inid des Münztnicks in ihrer ganzen 
Unverschämtheit und Gehässigkeit. Den Beamten, denen die Ge- 
werken wie die übrige Betriebsführung so auch die Lohnzahlung 
überlassen hatten , bot sich hierbei ein zu bequemer Gewinn , als 
daß sie nicht versucht hätten, ihn auf alle Weise nutzbar zu machen. 
Sie scheinen die Arbeiter in jeglicher Weise geprellt zu haben, 
indem sie ihnen Waren (Lebensmittel, Bergbauutensilien usw.) 
direkt lieferten, oder indem sie die Ai'beiter zwangsweise in Kost 
nahmen, oder indem sie ihnen statt des guten Geldes, das sie als 
Lohnsumme aus dem Zehentamt empfingen, schlechte Münze von 
verminderter Kaufkraft oder mit starkem Disagio anhängten. Die 
wiederholten Verbote dieser Praktiken sind ebensosehr Beweise 
von der Hartnäckigkeit dieses Übels wie von der Fruchtlosigkeit 
der staatlichen Regulierungen und der Zuchtlosigkeit der Beamten. 
Die Joachimsthaler Bergordnung von 1525 schreibt bezüglich der 
Entlohnung vor: „der Lohn solle von dato an die nächsten zwei 
Jahre aus dem Zehenten gereicht werden, und zwar Va in Joachims- 
thaler Münze , ^/s in weißen böhmischen Pfennigen , nach Ablauf 
der zwei Jahre halb mit Talermünze und mit weißen Pfennigen". 
Der Artikel 49 der Bergordnung von 1541 bestimmt wieder: „es 
sollen die Schichtmeister in Anwesenheit ihrer Steiger allen 
Arbeitern und Handwerkern für ihre Arbeitsverrichtungen auf den 
Zechen mit guter Münze und keinem anderen Gelde, auch nicht 
mit Waren lohnen, und jedermann den Lohn persönlich einhändigen." 
Der Artikel 13 der Joachimsthaler Bergordnung von 1525 bestimmt: 
„Kein Schichtmeister oder Steiger soll den Arbeiter noch Häuer 
nötigen oder sonst irgendwie einen Druck auf ihn ausüben, weder 
die Kost bei ihm zu nehmen, weder sein noch eines anderen Bier 
zu trinken, und kein Arbeiter soll deswegen weder an- noch ab- 
gelegt werden bei bestimmter Strafandrohung." Der Artikel 44 
der Bergordnung von 1541 wiederholt diese Bestimmung in noch 
strengerer Fassung und verbietet Steigern und Schichtmeistern 
überhaupt, auf den Zechen Bier zu verschenken oder Kostgeher zu 
halten. Der Artikel der Bergordnung von 1525 verpflichtet die 
Obrigkeit, darauf zu sehen, daß die Unschlittverkäufer ihre Preise 
im Verhältnis zu ihrem Einkaufspreise herstellen, sich mit einem 
ziemlichen Gewinn begnügen, damit hinfort das beschwerliche 
Steigen der Preise aufhöre (^wird in der Bergordnung von 1541 
wiederholt). Bezüglich der notwendigen Betriebsmittel heißt es in 
der Joachimsthaler Bergordnung von 1541 : Die Schichtmeister 
sollen alle Utensilien zugunsten der Gewerken ohne Eigennutz 



Das Leben der Bergstädte. 97 

„auffs nechste, als es zu bekommen möglich ist" bestellen und 
kaufen ; ferner : wir wollen auch hiermit allen Schichtmeistern und 
Steigern den Fürkauf mit ünschHtt, Eisen, Seilen und allen anderen 
Utensilien bei Dienstesentlassung und Vermeidung der allerhöchsten 
Ungnade verboten haben. Alle diese Bestimmungen wurden in 
die Bergordnungen nicht aufgenommen, ohne daß zahlreiche Auf- 
stände, Unruhen, Klagen der Beteihgten vorhergegangen wären, die 
ja freilich von der Stimmung der Zeit getragen, deren immer 
wiederkehrendes Motiv aber die Willkür und Ungerechtigkeit der 
Beamten waren. Der staatliche Apparat arbeitete immer noch 
langsam genug. Schon 1551 beantragte eine Untersuchungskom- 
mission für Kuttenberg die Abschaffung der zwölf Schmeller^^, bei 
denen die Arbeiter die Kost nahmen und die sie um ihren Lohn 
brachten. Statt der 15 Personen , welche den Ankauf aller Be- 
dürfnisse zu besorgen hatten, solle ein Schichtmeister und ein Gegen- 
schreiber aufgenommen werden. Ein ordentlicher Obermarstaller möge 
mit dem Schichtmeister den ganzen Bedarf einkaufen und in die 
gemeinsame Rechnung aufnehmen. Im Jahre 1567 wiederholt eine 
andere Untersuchungskommission den Antrag auf Abschaffung der 
Schmeller in Kuttenberg ^^. 

Was nützte das weitherzigste und sozial aufgeklärteste Berg- 
arbeiterrecht : die gesetzhche sieben- oder achtstündige Arbeitszeit, 
das Verbot von Doppelschichten, die Alters- und Krankenversicherung, 
die Anerkennung der Bergarbeiterorganisation, eine weitgehende 
Koalitionsfreiheit, die selbst in politisch unsicheren Zeiten kaum je 
angetastet wurde — was nützten alle diese Gesetze , wenn ihre 
Ausführung Beamten anvertraut war, die alle guten Intentionen 
des Gesetzgebers in ihr Gegenteil verkehrten? Es ist mir eben 
darum zweifelhaft genug, ob die Übernahme der Bergwerke durch 
den Staat für die Bergarbeiterverhältnisse eine wirklich fühlbare 
Besserung bedeutet hat. Das Bergarbeiterrecht konnte bei der 
UnZuverlässigkeit der Beamten, dem Mangel an wirksamer Kon- 
trolle gar nicht anders als sehr freisinnig sein, zumal in Zeiten 
geringer Ergiebigkeit, wenn anders die Arbeiterschaft bei gutem 
Mute und im Lande bleiben sollte. Ging ja die Liberalität des 
Gesetzgebers noch weiter, sie blieb — wenigstens im sech- 
zehnten Jahrhundert — noch wirksam auf Gebieten, in denen er 
sonst keine Konzessionen kannte und wo man ein sacrificio dell' 
intelletto am allerwenigsten erwartet — die religiöse Duldsamkeit 
Ferdinands I. hat selbst Matthesius überrascht und ihn zu dem Aus- 
ruf veranlaßt: Plutus ist unser Retter I Mit all dem soll das Ver- 
salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 7 



98 l^as Leben der Bergstädte. 

dienst des Staates, daß er sich von Anfang an um das Wohl des 
Arbeiters kümmerte und ihn nach seinen Kräften, die leider nur 
zu oft versagten, schützte, durchaus nicht geschmälert werden. Es 
wird hier nur davon gesprochen, wie diese Gesetze wirksam wurden 
und wie hier vielfach die Einsicht dessen, was nötig gewesen wäre, 
dem praktischen Vermögen, das als notwendig Erkannte auch durch- 
zuführen vorauseilte. Übrigens war für den Staat ein konstanter, 
gesicherter und darum inihiger Arbeiterstand noch aus einem anderen 
Grunde wünschenswert, ja notwendig: um der Maxime stabiler 
Geschäftspolitik willen. Denn diese zielte (ähnlich wie die offiziell 
proklamierte moderner Riesenbetriebe) auf Stabilität, Dauer, nor- 
males Gleichgewicht, möglichste Langfristigkeit aller Preise und 
Verträge , mehr auf die Vermeidung und Umgehung , als auf die 
Ausnutzung von Konjunkturen. Mit all diesen „Satzungen", den 
zahllosen Vorschriften aller Art sollte ein Normalzustand erreicht 
werden, so daß jeder Beamte in jedem Augenblick und jeder Situa- 
tion gegenüber wissen mochte, was zu tun sei. Die charakteristischen 
Zeichen des Staatsbetriebs, SchwerfäUigkeit und verminderte An- 
passungsfähigkeit, mußten schon damals dazu führen, aus der Not 
eine Tugend zu machen. Darum vereidigte der Staat nicht nur 
die Beamten, sondern auch die Arbeiter darauf, daß sie mit ihrem 
gesetzten Lohn zufrieden seien und durchaus nicht mehr verlangten, 
verbot er ausdrücklich, daß der gesetzHch festgesetzte Lohn über- 
schritten würde. Aus diesem seinem eigenen Interesse ergab sich 
seine Stellung: gleichweit entfernt von dem Grundherrn, den Ge- 
werken und den Arbeitern. Der Staat suchte wirklich über den 
Parteien zu stehen. 

Wie aber, wenn bei solchen unvermeidlichen und sozusagen 
naturwüchsigen Schwierigkeiten, Spannungen, Nöten, die Grundlagen 
der Existenz bedroht wurden, die Säulen dieses Lebens zu wanken 
begannen? War nicht alle Zuversicht, alle Gewißheit, aller Lebens- 
mut dieser zahlreichen, doch eigentlich geschichtslosen und unseß- 
haften Menschenmenge daran geknüpft, daß der Boden, den sie 
durchwühlten, unerschöpfliche Schätze in seinem Inneren berge, 
und lebte nicht in jedem Einzelnen dieser beschwerten Menschen 
die Illusion von künftigem Reichtum und Glanz, um dessen willen 
er schon aUe Plage, wie hart sie auch sei, auf sich nehmen wollte ? 
Wie nun aber, wenn dies alles sich als trügerisch herausstellte? 

Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts begann die all- 
gemeine Lage des böhmischen Bergbaues schwierig, ja geradezu 
tragisch zu werden, die Gruben in Joachimsthal versagen. Unterm 



Das Leben der Bergstädte. 99 

25. August 1547 schreibt Mattliesius an seinen Freund Eber in 
Wittenberg : Metalla frigent. Intra paucos dies aderunt commissarii 
regii deliberantes, qui medicina ferri possit aegrotantibus metallis. 
Cum autem turba medicorum et Caesarem et (quod is in argutia 
nietum belli finxerat) successorem Petri perdiderit, oramus ut deus 
ipse sit medicus noster . . .", und unterm 12. Oktober 1549 an 
Melanchthon : „In his sudetis nunc etiam metalla ruunt in deterius. 
Nam quae venae olim erant feraces auri et argenti, nunc plumbum 
et ferrum ferunt". 

Auf ihn, den unermüdlichen Prediger des Gottvertrauens und 
der Demut, die noch auf Erden ilu'en Lohn findet, mußte dieser 
x4bfall der Bergwerke besonders tief wirken; wie eine persönliche 
Angelegenheit, ein Zürnen des Herrn, der sich von seinem Diener 
wendet, ein Vertrauensmißbrauch seines Gottes, mußte ihm das 
Versiegen der wunderbaren Erzadern erscheinen. Und so klagt er 
jetzt „ex valle miseriainim et lachrymarum" : magna hie ego inopia 
metalla frigent, annona est cara, lues grassari incipit, multis amicis 
orbor . . . (17. Mai 1562). 

Und während hier der Bergsegen ausbleibt, und harter Mühsal 
der Erfolg sich versagt, bricht das Erz in anderen fernen Gegenden 
der Welt umso reicher, beginnt von fernen Gestaden ein Strom 
von edlen Metallen über die Welt sich zu wälzen, vergrößert 
die Schwierigkeiten und macht sie sozusagen endgültig unheilbar. 
Jener erschütternde Zwiespalt, daß der heißbegehrte Reichtum das 
Dasein erschwert, die Mühsal vermehrt, wird leichter ertragen, 
wenn er als ein unendlicher Prozeß, als eine nie versagende Quelle 
handgreiflich vor Augen Hegt. Aber wehe, wenn Einsatz an Leben 
und Gewinn an Glück ungleich verteilt sind, wenn die Mühe dem 
Einen, dem Anderen der Erfolg zufällt! Damals nun handelte es 
sich um eine geographische Ungleichheit, welche freilich auch eine 
soziale innerhalb der Gesellschaft involvierte. Aber was man zu- 
nächst zu spüren bekam (ohne daß freilich die Allgemeinheit Ein- 
sicht in den Sachverhalt gehabt hätte) , war die Allgewalt, das 
Elementarische des ökonomischen Gesetzes, daß im rauhen Sudeten- 
winkel die Menschen vergeblich die Erde durchwühlten und sich 
plagten, während in den fernen Ländern unter südHchem Himmel 
das glänzende Gold und Silber reichlich zu Tage traten, und je reicher 
und müheloser, je billiger es dort drüben gewonnen wurde, umso 
erfolgloser mußte alles Bemühen hier bleiben. Wie hätten solche 
Wandlungen innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit nicht den tiefsten 
Kern lebensmutiger Menschen ergreifen und ihnen ganz neue Aspekte 

7* 



IQQ Das Leben der Bergstädte. 

des Daseins eröffnen sollen? Als ob die ganze Welt ein ungeheures, 
in sich verbundenes Lebewesen sei, und was an einer Stelle auf 
ihr geschieht, ja was unter der Erde sich zuträgt, in seinen Wirkungen 
sich fühlbar macht an allen anderen: so mußte dem geläuterten 
Blick das, was sich hier zutrug, erscheinen. Stieg drüben die Aus- 
beute an Gold und Silber, so mußte sie hier zurückgehen kraft 
einer Gesetzmässigkeit, die man zwar noch nicht durchschaute, aber 
als wirksam vor Augen hatte. Die böhmischen Gruben befanden 
sich infolge ihrer Minderergiebigkeit in einem schwergetragenen 
Notstande, und auf dem Umwege über die Produktionskosten sickerte 
der in fernen Ländern rauschende Metallstrom noch in die ver- 
lassenen Täler der böhmischen Gebirge durch. Gleich dem Erd- 
beben, das auf tausende Meilen noch ein Zittern der Erde hervor- 
ruft, wirkte die Gold- und Silberentwertung, oder richtiger das 
Steigen aller Preise dazu mit, den Niedergang des böhmischen Berg- 
baues zu beschleunigen. Vielleicht wäre es nämlich schon der da- 
maligen Technik möglich gewesen, die schwierigeren Baue zu be- 
wältigen und ein besseres Schmelzverfahren einzuführen, wenn eben 
Kosten und Preis oder Wert des Produktes in besserem Einklang 
gestanden wären. Jene aber stiegen und diese blieben gleich. Im 
Jahre 1601 und 1602 z. B. betrugen die sämtlichen Einkünfte von 
Joachimsthal 5500 Taler, die Ausgaben aber 5770 Taler; da über- 
dies 39418 3/4 fl. Schulden auf Joachimsthal angewiesen waren, 
die mit 1821 Talern 36 Groschen verzinst w^erden mußten, ergab 
sich ein Defizit von 2092 Talern in einem Jahr*^. Darauf wird 1603 
eine Kommission ernannt. In ihrem über 200 Bogen umfassenden 
Bericht wird zum wiederholten Male als eine der Ursachen des 
Verfalls das Mißverhältnis zwischen Einlösungspreis und Kosten 
angegeben. Von 10 Mark Silber müsse 1 Mark als Zehent, 1 Mark 
als Stollenneuntel gegeben werden ; bleiben den Gewerken 8 Mark, 
die nicht höher als zu 6V2 fl. eingelöst werden. Davon soll der 
Gewerke alle Arbeit, Eisen, Unschlitt usw. um höhere Preise als 
sonst bezahlen. Man rät, den Einlösungspreis um 1 fl. zu er- 
höhen. Schon vorher, 1594, war dieMünzstätte in Joachimsthal 
aufgehoben und nach Prag verlegt w^orden. Darüber war die Stadt, 
die mit gutem Grund darin die offizielle Bestätigung der Unrentabihtät 
des Bergbaues sah, sehr bestürzt. Der Stadtrat richtet in dieser 
Angelegenheit ein Schreiben an den Kaiser und weist auf die 
schlimmen wirtschaftlichen und moralischen Folgen hin, die dieser 
Schritt für die Kommune haben müsse *^ „Es ist ohnediess ein 
armseliges Wesen allhier, da wir kein Gewerbe noch Nahrung, auch 



Das Leben der Bergstädte. 101 

kein Getreide, noch Feldgebäude haben, wie etwa auf anderen 
Bergstädten, sondern alle unsere Hoffnung und Nahrung steht auf 
dem Segen und Wohlstand des lieben Bergwerks. Sollte nun dieses 
edle und weit berühmte Bergwerk so ohnedieß der Zeit schwer- 
licher gebaut werden (da Gott gnädig lang vor sei) noch mehreres 
aus der gleichen Verursachung und Transverierung der Münze 
vollends gar abritzen und erliegen, so würde in Kürze der Garaus 
mit uns armen Untertanen gemacht und aus dieser kaiserlich freien 
weit berühmten Bergstadt gar ein armer Bergflecken, wo nicht gar 
ein Dorf oder Conradsgrün werden, auch die schöne Polizei und 
christliche Kommune gar zergehen und zerfallen müssen" *^. Diese 
Verhältnisse hatten einen Rückzug des ausländischen Kapitals not- 
w^endig zur Folge. Die maßgebenden Stellen waren sich darüber 
klar. In der Instruktion Rudolfs II. an die große Untersuchungs- 
kommission von 1586, deren Präsident Wilhelm von Rosenberg und 
Krummau ist, wird mit beweglichen Worten auf die große Bedeu- 
tung der Beteiligung ausländischen Kapitals am ausländischen Bergbau 
hingewiesen *^ ; die Kommission möge alle Mittel erwägen, wie der 
fremde ausländische Bergmann und Ge werke baulustig werde: „aint- 
weder mit Zusambensetzung in gesellschafft oder durch andere 
Mittel wiedemmb hertzugebracht". Wenn etwa Mißbrauch der 
Bergordnung und des Bergrechts, Unfleiß oder Benachteiligung durch 
die Beamten die Ursachen seien, so möge sofort gute Ordnung ge- 
schaffen werden. Die Kommissionsmitglieder sollen zu diesem Zweck 
sich von der Haushaltung und Regierung bei jedem Bergwerk über- 
zeugen, über Zahl und Art der ehemaligen Gewerkschaften und 
Betriebsweise sich erkundigen, ausfragen, was die Gewerken zum 
Aufgeben ihrer Bergteile bewogen habe usw. 

Eine erhebliche Verbesserung des Bergbaubetriebs wäre wohl 
durch eine umfassende Zentralisation und Kombination des Berg- 
werksbesitzes, also eine Zusammenfassung der immer noch kleinen 
Betriebe in einige starke Großunternehmungen möglich gewesen. 
Neben den monopolistischen Staatsbetrieb hätte ein monopolistischer 
Gewerkenbesitz treten müssen, eine Mediatisierung der zahlreichen 
armen Gewerkschaften wäre nötig gewesen. Dieser Tendenz aber 
wirkte die traditionelle Habsburgische Berggesetzgebung entgegen, 
die nicht nur den Arbeiter, sondern auch den kleinen GcAverken 
schützte, also sozial, auch mittelständisch, in unserem Sinn Avirkte. 
Sie ging davon aus, daß dem kleinen Mann die Entdeckung der 
Fundorte zu verdanken und er daher in seiner Fortexistenz zu schützen 
sei. Beispiele für diese Absicht des Gesetzgebers gibt es genug. 



102 Das Leben der Bergstädte. 

So berichtet ein kaiserliches Reskript Rudolfs II. an den Berg- 
hauptmann von Joachimsthal aus dem Jahre 1591 : trotz wieder- 
holter Mandate komme es vor, daß etliche mit 80 Belehnungen im 
Bergbuch stehen, welche sie nicht allein „mit khainer oder gar 
geringen handarbeit peulichen erhalten, sondern deren khaines ge- 
bührlichen verrecessen, oder ainiche Ambtsgebuer noch Quatember- 
gelt davon erlegen lassen sollen, dardurch anderen Gewergkhen und 
Bergleuten, die gerne paueten und Ir hail versuchen weiten, das 
veldt gespert, und solch fumemen zu khainer vermerung, sondern 
zu größerer Verwüstung und Verderb unsers Bergkhwerchs geraichen 
thuet" **. Die Folge dieses und wiederholter Reskripte ist, daß 
der Berghauptmann von Joachimsthal am 24. April 1593 an alle 
Gewerken und Lehnerschaften, die in und um Joachimsthal Silber- 
bergbau treiben, ein Mandat erläßt, worin er nochmals darauf hin- 
weist, daß viele Zechen und Gebäude nicht gebaut, sondern ge- 
sperrt, dadurch die Baulust gehemmt und der Fiskus geschädigt 
würde. Er gibt ihnen eine Frist bis Ende Juni, nach deren Ablauf 
solche nicht gebaute Zechen und Gebäude ohne w^eiteres ins Freie 
fallen würden'*'^. So wurden durch die Gesetzgebung alle Bestre- 
bungen, die wenigstens als Ansätze zu einer „horizontalen Betriebs- 
kombination" angesehen werden können, von vornherein unter- 
drückt '^*^. Ebenso w^enig wie diese Sperrung wurde eine größere 
als die durch das Bergrecht normierte erstmalige Belehnung ge- 
stattet. Im Jahre 1607 ergeht ein kaiserliches Reski-ipt, wonach 
einer Gewerkschaft außer im Falle einer Zusammenschlagung mehrerer 
Gewerkschaften oder aus anderen Ursachen, die nicht umgangen 
werden können, nicht mehr als eine Fundgrube mit den beiden 
nächsten Massen verliehen werden dürfen *'^. In seinem Bestreben, 
die Intensität des Bergbaubetriebs zu heben, glaubte der Gesetz- 
geber dies nur durch Vermehmng, nicht aber durch Vermindemng 
der beteiligten Unternehmer erreichen zu können, weil ihm eben 
noch immer die alte Arbeitsgenossenschaft der Gewerken mehr be- 
deutete als das unsichtbare Wirken der abstrakten Kapitalassoziation 
und er darauf sah, daß allezeit neben den einzelnen Unternehmern 
großen Stils „andere arme Bergkleutt neben ihnen auch fortkommen" *^. 
Nun hätte ja fi-eiUch bei dem Mangel an einheimischem bürger- 
lichen Kapital die Preisgabe der kleinen Gewerken eine Preisgabe 
der Bergwerke an die großen Gmndherrn bedeutet, was noch weniger 
den Intentionen des obersten Landesherra entsprach, wenn auch 
im siebzehnten Jahrhundert das offizielle Programm der obersten 
Bergbehörde dahin lautete, daß nicht nur die königlichen, sondern 



Das Leben der Bergstädte. 103 

ebenso sehr die ständischen Bergwerke in Flor und Aufnahme ge- 
bracht und ihnen alle Förderung zuteil werden sollte. Wo aus- 
nahmsweise von Anfang an nur wenig Gewerken waren, oder auch 
auf den grundherrlichen Unternehmungen hat sich der Betrieb, wenn 
auch nicht unberührt von den allgemein ungünstigen Verhältnissen, 
doch besser forterhalten als anderswo. Der Grundherr zog, wo seine 
Mittel nicht reichten, sogleich fremdes Kapital heran und teilte mit 
dem Fremden entweder den rohen Bergwerks ertrag oder überließ 
ihm die Weiterverarbeitung oder gestattete ihm, manchmal auch 
widerrechtlich, den freien Verkauf aller Metalle ins Ausland"*^. 

Wie äufserte sich diese Situation im Leben der Bergstädte? 
Diese befanden sich seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts 
in einer schweren Finanzkrise. Sie hatten im Hinbhck auf den 
reichen Bergsegen fortwährend Schulden gemacht und das Geld 
produktiv verwertet, vielfach und wiederholt mußten sie für Schulden 
des Landesherrn Bürgschaft leisten oder einfach die Schuld über- 
nehmen. Als jetzt die Bergwerke nachließen, kamen sie in Zahlungs- 
schwierigkeiten und so auch in einen Konflikt der Pflichten zwischen 
ihrer traditionellen Versorgungs- und Konsumentenpolitik und einer 
fiskalischen, die mehr das finanzielle und das Produzenteninteresse 
berücksichtigte. Der Staat, als die soziale Instanz, stellte sich auf 
Seiten der Konsumenten, ohne freilich etwas zur Erleichterung der 
Städte zu tun-^^. Die Städte suchten die altgeübte und durch 
Privilegien geschützte Handelsfreiheit einzuschränken, fremde Zu- 
fuhren abzuhalten, indirekte Steuern auf die Lebensmittel teils ein- 
zuführen, teils zu erhöhen, in der vollen Absicht, eine Verteuerung 
der Lebensmittel zu bewirken und so ihre Einnahmen zu vermehren. 
Die Handelspolitik, die sie trieben, war also protektionistisch und 
mit dem Finahzinteresse motiviert. 

Zunächst stiegen die Preise der Lebensmittel, das Leben wurde 
teurer und teurer. Wir verzeichnen zunächst einige Preise nach 
Matthesius' und Seltenreichs Chronik von Joachimsthal ^ ^ : 
1538: Teuerung im Thal, galt ein Strich Korn vier Gulden Müntz 

(Matthesius), 
1543: 1 Strich Weizen 2 Gulden, 1 Strich Korn 16 Sg. 
1544: 1 „ „27 Sg., 1 Strich Korn 22 Sg. 

1544 (am Tag Andrae) : 1 Strich Weizen 1 Th. 6 Sg., 1 Strich 

Korn 1 Th. 
1545: 1 Strich Weizen 1 fl. 12 Sg., 1 Strich Korn 26 Sg. 
1547 : 1 „ „1 Th. 7 Sg., 1 Strich Korn 27 Sg. 



104 ^^as Leben der Bergstädte. 

1549: 1 Strich Weizen 1 fl. 14 Sg., 1 Strich Korn 25 Sg. 
1550: 1 „ „1 Th. 6 Sg., 1 Strich Korn 1 Th. 4 Sg. 

1552: 1 „ „ (28. Juni) 2 fl. 15 Sg., 1 Strich Korn 2 fl. 

4 Sg. 
1553: 1 „ „ 2 fl. 1 Sg., 1 Strich Korn 40 Sg. 

1560: 1 „ „ 2 fl. 4 Sg., 1 Strich Korn 1 fl. 22 Sg. 

1562 : eine große Theuerung (Matthesius). 
1567 : geschwinde Theuerung (Matthesius). 
1571 : 1 Strich Weizen 5 fl., 1 Strich Korn 5 fl. 
1574: andauernde Theuerung. 

1577: fruchtbares Jahr: Weizen 32 Sg., 1 Strich Korn 1 fl. 
1578: Weizen 38 Sg., 1 Strich Korn 30 Sg. 
1579: Dieses Jahr ist eine unversehentHche geschwindte teuerung 

am getraidt hopfen Und Maltz eingefallen. Umb Fastnacht 

Anfang des SOsten Jahrs gegolten: 
Waitz 3 fl. 6 Sg., Korn 3 fl. 3 Sg. 

Haber 1 fl. , ein Strich Hopfen 5 fl. , Maltz und Hopfen 
94 fl. (?). 
1580: abermals schnelle Teuerung vom teuflisch Wuchern. 
1581 : abermals grosse Teuerung und Sterben. 
1583: Korn und Weizen 2 Th., hernach anfangs 84 zu 4 fl. 4 Sg. 

und Malz auf 106 fl. gestiegen. 
1584 : ein trefflich schöner Sommer und Herbst. 
1585 : grosses Regenwetter, ist Wein und andere Frucht verdorben, 

auch an manchen Orten großes Sterben. 
1586: Teuerung in Wein und Getreide, 3 fl. Korn und Weizen. 
1587 : abermals Teuerung. 
1588: ziemlichen Kauffs. 

Die Preissteigerungen mußten in Joachimsthal, dem größeren 
Gebietsumfang , der dichten Bevölkemng und der geringen Frucht- 
barkeit der Gegend entsprechend, besonders empfindlich wirken. 
Im Jahre 1573 ergeht ein Getreidemandat für Joachimsthal, Schlacken- 
wald, Schönfeld und andere umliegende Bergstädte ^^, worin auf 
die mangelhafte Befolgung der bisherigen Vorschriften über biüige 
Preisbildung des Getreides und der Viktualien, sowie auf die Gesell- 
schaften, die sich zum Aufkauf und zur Verteuerung des Getreides 
bilden, hingewiesen wird. Manche unternähmen es auch, so vnrd 
ausgeführt, die Zufuhr von Getreide außerhalb des Wochenmarktes 
zu hindern, was ebenfalls mit zur Verstärkung der jetzt herrschenden 
großen Teuerung beitrage. Es wird daher ein allgemeiner Befehl 
erlassen: „Damit sie nit allein die Profiant an Getreid und anderen 



Das Leben der Bergstädte. 105 

Viktualien bemeldten vnsern ßergkhstedten in pillichen vnd leid- 
lichen werd one beschwerliche vnd ungepuerliche Übersatzung und 
Vertheueining gewißlich zuefueren lassen, sondern auch den sched- 
lichen Furkauf bey ihnen nit gestatten, Noch vil weniger solches 
für sich selbst thuen." Dieses Mandat wurde noch öfter wieder- 
holt und die Verordnungen gegen die Fürkäufer bis ins neunzehnte 
Jahrhundert hinein fortgeschleppt. Ganz allgemein statuierte der 
Bergwerksvergleich von 1575, der von da an als Norm galt, daß 
alle Bergwerksutensilien und Viktualien, die zu Wasser und Land 
den Bergwerken aus der Fremde oder aus dem Inland zugeführt 
würden, ohne alle Behinderung durch die Grundherren als Boden- 
eigentümer und auch von Ständen und von dem Fiskus maut- 
und zollfrei durchgelassen werden sollten, auch sei der Fürkauf in 
den Bergstädten Privatpersonen bei Strafe verboten, nur der Rat 
möge trachten, jederzeit einen Vorrat an Viktualien zu haben. Dieser 
Verordnung gemäß wurde in Joachimsthal im Jahre 1580 vom Rate 
beschlossen, einen kommunalen Getreidekauf einzurichten und einen 
beeideten Getreidekäufer anzustellen^^. Dieser 1580 beschlossene 
Kornkauf wurde aber erst 1582 durch freiwillige Kontribution einiger 
vornehmer Bürger gegen gebührliche Zinsen mit Bewilligung des 
Königs und der böhmischen Kammer ins Werk gesetzt. Im Jahre 
1584 finden wir einen Beschluß des ehrsamen Rates bei dem edlen 
gestrengen Christoph Vitzthum von und auf Clösterlin und von 
Schönberg gegen gebührliche Hauptverschreibung 300 Strich Ge- 
treide, halb Weizen und halb Korn neuer Ernte, den Scheffel um 
2 Thaler 6 Sg. gegen Selbstabholung und bare Bezahlung auf Galli 
künftigen Jahres (1587) aufzunehmen. Ebenso wird beschlossen, 
bei Herrn Vitzthums Bruder 300 Scheffel aufzunehmen, mit deren 
Abnahme zu Weihnachten begonnen werden soll und die auf Weih- 
nachten 1587 zu bezahlen sind. Aus dem Jahre 1601 liegt eine 
Konsultation vor, der Getreidekauf möchte besser und mit größerem 
Nutzen der Gemeinde bestellt werden. Es beschließen die an- 
wesenden Ratspersonen absente consule einen ansehnlichen Vorrat 
von Korn und Gerste auf die Mühle und das Malzhaus zu schaffen, 
wozu bestimmte Gelder flüssig gemacht und überdies eine Anleihe 
aufgenommen werden soll. Dieser Beschluß muß sofort ins Werk 
gesetzt werden, da keine wohlfeileren Zeiten, sondern ein Aufschlag 
des Getreides zu gewärtigen sei usw. ^*. Da die Behörden der 
Stadt gewohnt sind, mit einem fixen, nicht sehi- und jedenfalls nicht 
rasch vermehrbaren Fond von Konsumtibilien zu rechnen, müssen 
sich die Bürger in Zeiten der Teuerung Vorschriften über die Zahl 



106 Das Leben der Bergstädte. 

der Gäste, die sie zu Tisch laden sowie über die Zahl der aufzu- 
tischenden Gerichte gefallen lassen, und die Chronik ist voll von 
Straffällen wegen Überschreitung der behördlich genehmigten Gäste- 
oder Gängezahl. So griff die Stadt in alle Einzelheiten auch des 
Privatlebens mit ihrer Polizeiverwaltung ein, und sie hat gewiß 
auch, wenn nicht auf anderem Wege, so doch wenigstens durch die 
Gewerbepolitik selbst die Bevölkerungsbewegung, ihre Vermehrung 
und Verminderung in ziemlich empfindlicher Weise kontrolliert. 
Wenn diese Versorgungs- und Konsumentenpolitik der Städte im 
Laufe der Zeiten laxer gehandhabt wurde und ihren gemeinnützigen 
Geist nicht durchaus bewahrte, so gab sie doch die Stadt auch in 
schHmmen Zeiten nicht auf. Wie der König immer ein sozial ge- 
sinnter Arbeitgeber, so blieb die Stadt dauernd eine sozial gesinnte 
Nahrungsspenderin. 

Das Getreide wurde in den städtischen Mühlen vermählen, 
auch der Müller kaufte für die Stadt Getreide. Der städtische 
Mühlherr gibt dem Müller von Woche zu Woche Geld zum Ein- 
kauf, weil die Bauern und Fuhrleute kleiner Quantitäten halber 
der Bezahlung wegen zum Mühlherrn nicht heraufgehen. Der Müller 
muß dem Mühlherrn wöchentlich einmal anzeigen, von wem, von wo 
und wie teuer er das Getreide gekauft hat (ex 1591). 

Aus dem Mehl wird das Brot, entweder in Privatbetrieben 
oder in der kommunalen Bäckerei, hergestellt; auch im ersteren 
Falle unterliegt seine Fabrikation und der Verkauf der fortgesetzten 
Kontrolle der städtischen Behörde. Von einer Gewerbefreiheit im 
heutigen Sinn ist keine Rede; 1561 beschließt der Rat, man solle 
den Bäckern keine Geldvorschüsse zum Mehleinkauf geben, wenn 
nicht das Handwerk für jeden Bürgschaft leistet. Im Jahre 1595 
wird konstatiert: obwohl der Beschluß vom Jahre 1561 wegen der 
Verweigerung von Geldvorschüssen an die Bäcker sich als gut er- 
wiesen habe, so beschließt der Rat dennoch in Ansehung der Un- 
vermögenheit vieler Bäcker ihnen Geldvorschüsse zu bewilligen, 
doch nicht mehr als 21 fl. , mit der Bedingung, daß sie nur des 
Rats Getreide kaufen, widrigenfalls sie für jeden Strich 2 wg. 
zahlen müssen. Im Jahre 1589 wird beschlossen, zum Besten der 
Bürger und Bergleute gemeine Backöfen bauen zu lassen, einen in 
der Ratsmühle und einen im Marstall. Dazu wird eine Frauens- 
person verordnet, welche mit dem Backen gut umgehen kann. Ein 
jeder Bürger und Kaufmann kann dort um einen leidlichen Zins 
Brot backen. 

Der Preis des Brotes wurde durch Taxen geregelt (Gewichts- 



Das Leben der Bergstädte. 107 

taxe), das Gewicht kontrolliert (das Brot wird aufgezählt), die zu- 
lässigen Sorten vorgeschrieben. In Teuerungsjahren werden die 
feineren Gebäcksarten verboten ^^. Aber die strenge Polizei ver- 
sagte gerade in den Jahren, wo sie am nötigsten war, in den Not- 
Standsjahren ; da mußte eine laxere Handhabung gestattet werden ^®. 

Ähnlich wie bei dem Brot ist es beim Fleisch. Das Vieh, das 
einmal in die Stadt getrieben worden ist, muß im städtischen Vieh- 
hof zur Schlachtung kommen''^, das Fleisch wird in den Fleisch- 
bänken nach der vom Rate festgesetzten Taxe verkauft. Am Vor- 
abend vor Weihnachten, Ostern und Pfingsten dürfen die Fleischer 
ohne Taxe verkaufen, doch die Leute nicht übersetzen bei Ver- 
lust dieser Freiheit (Beschluß ex 1580) ^^. Der Preis des Fleisches 
bewegt sich ziemlich konstant zwischen 5 und 7 Pfennigen pro 1 Pfund. 
Ersatz des Fleisches bot die Fischnahrung, deren Preise ebenfalls 
amtlich dekretiert waren ^^. 

Auffallend ist die starke Preissteigerung der tierischen Neben- 
produkte, sowohl des Fetts und Unschlitts, die zum Geleuchte, der 
Haut und des Leders, die zu den Bulgen in den Bergwerken ver- 
wendet wurden, als auch der Nahrungsmittel Butter und Käse^^. 
Unterm 19. September 1589 wird beschlossen, daß fortan die fremden 
Gerber, die in Joachimsthal Felle oder Häute kaufen, für 1 Schock 
Schaffelle 3 wg. , desgleichen von Kalbfellen und von einer jeden 
Haut 1 böhmischen Groschen dem Rate geben sollen, „aus diesen 
Ursachen , damit notturfts leder hier bleibe , daß unsere Gerber 
anderswo dergleichen auch zahlen müßten, und sollen die Fleischer 
den hiesigen Gerbern die Felle in leidlichem Kauf zuvor anbieten 
und nicht heimlich mit fremden kontrahieren bei eines Rats Strafe". 
Häufig wird Mangel und Teuerung von Butter und Käse konstatiert, 
die Ausfuhr dieser Produkte verboten, die Preise erhöht. Die Preise 
von Butter und Käse sind höher als die Fleischpreise. 

Nicht anders stand es um die gleiche Zeit in Kuttenberg, im 
Osten des Landes. Wiederholt wurde auch hier der Vorkauf ver- 
boten *^^ und dem in Kuttenberg regierenden obersten Münzmeister 
besondere Vollmacht in der Obsorge für billige Lebensmittel und 
andere Bergwerksnotdurft erteilt. In der königlichen und böhmisch- 
ständischen Instruktion und Ordnung zur Untersuchung aller Berg- 
werke in dem Königreich Böhmen aus dem Jahre 1586^^ heißt es 
bezüglich der Proviantordnung : es sei wiederholt vorgebracht worden, 
daß die Bergleute bisher allerhand Proviant, Viktualien, das „Hebe 
Traitt" und sonstige beim Bergbaubetrieb nötigen Waren unter 
großen Schwierigkeiten und Hemmnissen bekommen könnten, auch 



108 Das Leben der Bergstädte. 

seien alle diese Waren durch den verderblichen Fürkauf vielfach 
verteuert worden. „Weil aber auch solche furnemben nur über 
den armen Man geet, der seiner schweren vnnd geferlichen arbait 
halben, ain bilUches mitleiden empfinden solde, So sollen sich dem- 
nach vnnsere Räth vnnd Commissari silcher sperr vnnd verpotz 
der freyen Zuefur, Sonderlich aber des bedringten vorkliauffs halben, 
durch wen, vnnd an welchem ort es beschehen, vnnd noch be- 
schicht, alles fleiss erkhundigen, vnnd darauf beradtschlagen, was 
für Mittel vnnd weeg fueglich lurtzunemben , Damit dem Armen 
hulffdurfftigen Perckhman in erzaigung der victualien, nit allain 
khaine sperr, hinterung oder einhält beschehe. Er der Perckhman, 
angeregte Proviant vnnd Perckwerchs-Notturfften von Jedes Landt- 
sässen oder Inwohners vnnderthanen in wolfaillen leidlichen khauff 
bekhumen, und haben muege, Sonndern auch die schädliche Eigen 
Nutzigkhait, auf khaufferey vnnd Verteuerung des Proviants, ric 
billich abgestelt werde, Das geraichet vnnd gelannget baide den 
Armen leutten zu nutz vnd pesserung, die Perckhwerch aber werden 
desto williger besucht, treulicher gearbeitet, vnnd ist sich von allen 
Taillen grossers vnd merern segens zuegetrössten vnd zuversehen". 
Die allgemeinen Maximen einer Preispolitik erfahren für Kutten- 
berg in derselben Instruktion eine nähere Ausführung ^^. Es wird 
darin schon auf die Versorgung der Bergwerke mit selbstgebauten 
landwirtschaftlichen Produkten hingewiesen. In der Tat mußte die 
landwirtschaftliche Eigenproduktion bei steigenden Preisen eine er- 
höhte Bedeutung gewinnen, die Güter als Produktionszentren nicht 
nur des unmittelbaren Selbstbedarfes, sondern auch von verkäuf- 
lichen Überschüssen einer anderen Wertschätzung unterHegen, und 
tatsächlich bahnte sich eine solche Ende des sechzehnten Jahr- 
hunderts an, die nur durch die gewaltigen Ereignisse des dreißig- 
jährigen Krieges eine Unterbrechung erfahren zu haben scheint. 
Der Boden wert stieg, teils als Folge der allgemeinen Preissteigerung, 
teils wegen der besonderen Teuerung der Bodenfrüchte, aber auch 
wegen des Nachlassens der industriellen Konjunktur und wegen 
der Urbarmachung größerer Strecken als Ackerland, die vielleicht 
ihrerseits wieder nur durch die steigende Tendenz des Boden wei-ts 
ermöglicht wurde und infolge intensiveren Feldbaues. Jedenfalls 
erlangte die Grundrente, die im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts 
im Vergleich zum Unternehmergewinn aus Bergwerken in den 
Hintergrund getreten war, wieder eine hervorragende Stellung. In 
einer königlichen Instruktion an die böhmische Kammer aus dem 
Jahre 1592 vrird angeordnet^*, daß die königlichen Herrschaften und 



Das Leben der ßergstädte. IQC) 

Güter, die den Bergwerken mit Proviant, Holz, Wasser, Weg und 
Steg und sonstwie dienen können, nicht verkauft oder verpfändet 
werden sollen, es mögen vielmehr nach und nach die schon ver- 
kauften oder verpfändeten, soviel immer möglich, wieder freigemacht 
und in gutem Stand erhalten werden. 

Sehen wir in den Süden des Landes. In Budweis bestand von 
der Begründung des Bergwerks an (1547) dauernder Streit zwischen 
der Stadt und dem Berge wegen des Lebensmittelhandels. Im 
Jahre 1550, also kurz nach Eröffnung des Bergwerks wird ent- 
schieden, daß der Wein- und Bierschank sowie die Ausübung anderer 
Gewerbe auf dem Berge zwar gestattet sei, doch sollten die Materialien 
in der Stadt gekauft werden. Damit war schon der Keim zu künf- 
tigen Unruhen gegeben. Da auf dem Berge alles teurer werden mußte 
als in der Stadt, gingen die Bergleute jeden Sonnabend und Sonntag 
in die Stadt zum wohlfeileren und besseren Trank, versäumten die 
Arbeit und richteten allerlei Unheil an. Infolgedessen wird unterm 
11. Februar 1559 der Wein- und Bierschank auf dem Berge frei- 
gegeben ^^. Das alte Privilegium der Stadt Budweis, welches diese 
unter ganz anderen Verhältnissen von König Johann erhalten hatte, 
daß auf eine Meile Wegs um die Stadt niemand sonst Bier schenken 
dürfe, konnte auf ein königliches neu aufgekommenes Bergwerk 
keine Anwendung finden ; auch stand es dem Könige frei, in seinem 
Kammergut nach den Verhältnissen der Zeit einige Abänderungen 
zu treffen. 1561 werden diese Bestimmungen vom Könige modi- 
fiziert. Der Knappschaft soll jeder Schank erlaubt sein, doch müssen 
die Getränke in der Stadt Budweis fässerweise gekauft werden 
und zwar zu einem leidlichen Preise, damit keine Teuerung einzu- 
treten brauchte. Vorher, 1560, war schon ein Mandat erlassen 
worden, womit den Budweiser Bergleuten auf ihr Ersuchen die Be- 
zugsfreiheit ihrer Lebensmittel zugestanden wird; sie mögen sie 
dort kaufen, wo sie am billigsten zu haben seien ^*'. Im Jahre 1570 
wird das Budweiser Bergwerk von einer Wasserkatastrophe bedroht. 
Eine Untersuchungskommission wird abgeschickt. Die Bergleute 
geben als Grund, warum die Wasser so sehr aufgegangen seien, an, 
daß infolge technischer Schwierigkeiten die Ausbeute so gering 
gewesen sei, daß die armen Bergleute bei der großen Teuerung das 
Leben nicht mehr hätten fristen können, über 400 Bergleute wären 
davongelaufen, um anderswo Nahrung zu finden, man habe das Wasser 
nicht mehr bewältigen können. Im selben Jahre noch erläßt 
Maximilian ein Mandat, wonach die Bergleute von Budweis vriederum 
die Erlaubnis erhalten, ihren Proviant kaufen zu können, wo sie 



110 Das Leben der Bergstädte. 

ihn am billigsten bekommen und nicht mehr auf die Stadt Budweis 
allein angewiesen sind ^^ Es wird konstatiert, daß wegen mangelnder 
Getreidezufuhr ein großer Brotmangel eingetreten sei, der die Berg- 
leute zum Wegzug veranlaßt habe ; die Wasser steigen weiter, und 
eine neue Untersuchungskommission von 1572 berichtet, daß wiederum 
viele Knappen wegen der anhaltenden Teuerung das Weite gesucht 
hätten ^^. 

Die Teuerung, von der hier die Rede ist, bezog sich nicht bloß 
auf die nötigsten Lebensmittel, sondern auch auf alle Artikel, die 
zu dem Bergbau in Beziehung standen; so wurde schon 1549 das 
Seifensieden für Joachimsthal verboten, weil man das Unschlitt und 
Fett für die Bergwerke brauchte. Dieses Verbot scheint nicht ge- 
wirkt zu haben; denn 1559 finden wir (bei Seltenreich) ein Ver- 
bot des Rats an die Seifensieder, im Umkreis von sieben Meilen 
vom Tal Unschlitt aufzukaufen, bis im Tal wieder Unschlitt zu be- 
kommen und die Knappschaft damit genügend versehen sei. Im 
Jahre 1595 und 159G verordnet der Rat, die Fleischer sollten das 
rohe Unschlitt alsbald dem Kutter zeigen, damit nichts entwendet 
werde bei Verlust des Handwerks und Meidung des Tals. Das 
ausgelassene Unschlitt sei alles in die Wage zu liefern und der 
Knappschaft um 2 fl. zu überlassen. Die Seifensieder sollten wenig 
Seife sieden und nur in loco verkaufen, mit dem übrigen InsHcht 
dem Bergwerk aushelfen und fortan bis Jakobi 1595 je drei Wochen 
einer nach dem anderen das Seifenhandwerk allein treiben. Im 
Jahre 1596 wird das Seifensieden allen Lichtziehern, Seifensiedern 
und Fleischern auf Befehl des Oberamts bei Verlust der Ware und 
anderer ernster Strafen gänzlich verboten. Alles Unschlitt ist um 
2 fl. in die Wage zu liefern bei Verlust des Handwerks; 1570 wird 
ein allgemeines Ausfuhrverbot für Talg erlassen*'®. Im Jahre 158(5 
ergeht ein Mandat Rudolfs IL an die Hauptleute zu Pardubitz, 
Chlumec, an die Städte Kolin, Böhmisch Brod, Nimburg und Bidschow 
des Inhalts, daß die Ausfuhr von Hanf und Werg wegen der durch 
Vorkauf bewirkten Teuerung der Stricke für das Kuttenberger Berg- 
werk verboten sei, die Händler werden namentlich aufgeführt, der 
Vorkauf ihnen untersagt und befohlen, ihre Waren nach Kutten- 
berg zu liefern. Diese Ausfuhrverbote, die auf eine Preisermäßigung 
und günstigere Produktionskosten abzielen, sind nicht ohne weiteres 
mit anderen Ausfuhrverboten z. B. verschiedener Metalle, in eine 
Linie zu stellen, wo außer einer günstigen Preiskonstellation noch 
andere handeis- und gewerbepolitische Erwägungen mitspielten. 

Diese Erschwerung des Lebens mußte wiederum verschiedene 



Das Leben der Bergstädte. 111 

Wirkungen haben. Durch die Preissteigerung der landwirtschaft- 
lichen Produkte gewannen zunächst die Produzenten und Verkäufer 
eben dieser, also die Großgrandbesitzer und Händler. Deren Pro- 
duktionskosten hatten sich nicht geändert; sie verdienten daher 
an der allgemeinen Preissteigerung. Die Gewerkenunternehmer 
hingegen erlitten Einbuße, einmal weil die Ergiebigkeit der Berg- 
werke nachließ, sodann wegen der allgemeinen Preissteigerung. 
Wenn sie noch kapitalkräftig gewesen wären I Das aber waren die 
wenigsten, erblickt ja Sternberg in der Armut der Gewerken einen 
Hauptgrund für das Sinken der Böhmischen Bergwerke. Der Berg- 
werksvergleich von 1575 sprach von der Verschuldung der städtischen 
Gewerken an die Kapitalbesitzer des Landes und empfahl den Kapita- 
listen große Vorsicht in der Gewährung von Darlehen an solche un- 
vermögende Unternehmer ^^. Die Klagen derGew^erken über steigende 
Produktionskosten und ungenügende Verkaufspreise ihres Pro- 
dukts (Silbereinlösung) sind seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts 
ständig'^. In der Bergwerksreformation für Joachimsthal vom 
Jahre 1549, die das Ergebnis der Beratungen und Diskussionen auf 
einem allgemeinen Gewerkentag gewesen zu sein scheint, wird der 
Silbereinlösungspreis erhöht und für zwanzig Jahre festgelegt, nicht 
ohne daß der König bemerkt, er habe sich nur aus Gnade dazu be- 
wegen lassen, trotzdem benachbarte Regalherren bei ebenso großen 
Produktionskosten den Gewerken keinen höheren Silbereinlösungs- 
preis zugestanden hätten, sondern nur „damit die Gewerken vnsern 
sondere Gnad und Naigung, die wir Zu Inen haben vnd tugen, vnd 
daß wir nicht so viel unsern Nutz als die erhaltung vnnserer Ge- 
werkschafften vnd Mannschafften Ansehen, spuren mugen." 

Am härtesten freilich wurden wiederum die Arbeiter betroffen ; 
ein Rückgang ihrer Lebenshaltung mußte unabwendbar eintreten, 
da ihr Lohn nicht nur nicht mit der Preissteigerung der Lebens- 
mittel Schritt hielt, sondern vielmehr wo es anging (z. B. in 
Schlackenwald) reduziert wurde und das Trucksystem in allen seinen 
Formen fortwucherte. Ein Ausgleich gegen die Verschlechterung 
der Lebensverhältnisse war nur durch widergesetzliche Verlängerung 
der Arbeitszeit zu erzielen. Da der Hauer mit dem Lohn für eine 
Schicht seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdiente, wurde nun 
„ain lange Zeit heer zwo schichten zufaren zuegelassen". 



112 



Die Ursachen des Mif5erfolges der 
böhmischen Bergbaupolitik des sech- 
zehnten Jahrhunderts. 



Dem Versuche, die Gründe des Niedergangs und endlichen 
Verfalls der böhmischen Bergwerke allgemein zu bestimmen, be- 
gegnet die Schwierigkeit, daß jedes Bergwerk sich in einer be- 
sonderen, eximierten Lage befand, so als ob heute jede Fabrik eines 
Industriezweiges ihr eigenes Statut und Recht hätte. Waren doch 
die Privilegien, die jede Bergstadt für sich besaß, und die ebenso 
viele Individualisierungs versuche und damit Schwierigkeiten be- 
deuten, das Haupthindernis für eine allgemeine, das ganze Land 
umfassende Bergordnung. Heute wird irgendein Erwerbszweig in 
eine bestimmte Erwerbsordnung sozusagen hineingeboren, die sein 
unabänderliches Milieu ist, mit dem er zu rechnen hat, und die 
als eine Schranke bestimmt, ob er existieren kann oder nicht. 
Damals aber, als der wirtschaftliche Erwerb noch kein so selbst- 
verständlicher und noch viel w^eniger , der einzige Selbstzweck war, 
mußte jeder Unternehmer sich mit seiner eigenen Erwerbsordnung 
wie mit einer Schutzmauer umgeben, die Existenzbedingungen be- 
stimmten und schufen sich die Erwerbsordnung, ja diese war gar 
nichts anderes als die Regelung der Existenzbedingungen; heute 
aber bestimmt die allgemeine Erwerbsordnung, unter welchen Be- 
dingungen ein Erwerbszweig noch, gut oder gar nicht existieren kann. 

Gleichwohl geschieht den Tatsachen keine Gewalt, wenn man 
aus dem Bedürfnis nach Systematik den Versuch wagt, folgende 
Gesichtspunkte anzuführen : 

1. Allgemein wirtschaf tliche , der Konjunktur angehörige Um- 
stände , die , vom Willen und Können des Betroffenen unabhängig, 
sich durchsetzen. Der Kuttenberger Bergbau versagte zu einer 
Zeit, als der Bedarf nach Geld sehr groß war; just in diesen Mo- 
ment fällt die Entdeckung und das rasche intensive Aufblühen von 
Joachimsthal. Dabei scheint es mir, als ob es weniger ein tat- 



Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. 113 

Sächlicher Mangel oder eine Vermindei*ung des existierenden Edel- 
metallbestandes, als vielmehr die ungeheure neu erwachte Lust am 
Reich- und Reicherwerden gewesen sei, die diese stark steigende 
Nachfrage bedang. Die gesteigerte Kaufkraft des Geldes aber, seine 
Werterhöhung also, konnte, wie ich glaube, innerhalb des uns be- 
schäftigenden Untersuchungsgebiets ihre volle Wirkung mitnichten 
ausüben, und zwar aus mehreren Gründen: 

a) Sie ist eine weltwirtschaftliche Tatsache und traf daher die 
böhmische Bergwerksindustrie nur insofern, als diese mit dem Welt- 
markt und dem Weltgeschehen verknüpft war. Diese Verknüpfung 
aber ist zunächst im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine 
lockere, schon aus natürlichen geographischen Gründen, mehr noch 
aber als Ergebnis bewußter Absichtlichkeit. War doch die Tendenz 
der großgrundherrlichen Betriebe mehr oder weniger eine Abschnürung 
vom Weltgeschehen, eine Reaktion gegen die Weltwirtschaft, ein 
Versuch, einen wirtschaftlichen autonomen Kosmos für sich zu 
bilden, lebensfähige und sich selbst genügende vornehme Organi- 
sationen und Betriebe zu schaffen. Daher die Zusammenlegung 
der Betriebe und ihre Aneinanderfügung oder vielmehr Durch- 
dringung und das Streben, von der Erzeugung der gewöhnlichen 
Nahrungsmittel bis zur Geldproduktion alles in sich selbst zu machen. 

b) Dazu kommt, daß die Preisbildung in jener Zeit noch streng 
traditionell und unfrei war, Änderungen hauptsächlich durch die 
Zahl der Leute, durch Zusammenströmen vieler Menschen auf einen 
beschränkten Platz bedingt wurden. 

c) Und vollends die staatlichen Betriebe waren gar nicht rein 
profitwirtschaftlich, kapitalistisch orientiert, sondern cameralistisch, 
fiskaUsch. Ihre Direktive ward ihnen nicht durch das Ziel der 
Gewinnung von Überschüssen, sondern durch die Bedürfnisse der 
Finanzen gegeben. 

So möchte ich glauben, daß die Schwierigkeiten, die sich im 
Laufe des sechzehnten Jahrhunderts und von da ab immer empfind- 
licher geltend machten, doch weniger von außen kommende als viel- 
mehr durch das Leben und die Gesetzmäßigkeit dieser Wirtschafts - 
Organismen selbst bedingt gewesen seien. Oder vorsichtiger, daß 
diese inneren Schwierigkeiten als ErkläiTingsgründe für den Nieder- 
gang der Bergwerke ausreichen würden, während vielleicht die 
weltwirtschaftUche Situation diesen Niedergang nur beschleunigte, 
bzw. zu einem unheilbaren machte. Gewiß, Wert und Preis der 
Edelmetalle sind im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts überall 
bedeutend gesunken, d. h. eine allgemeine Preissteigerung hätte 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 8 



114 Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. 

als Folge oder als Wirkung dieser Wertverminderung der Edel- 
metalle auch ohne spezielle Gründe schließlich Platz greifen müssen. 
Wichtiger aber ist für unsere Bergwerke, daß die Verteuerung der 
Produktionskosten primär und das Kennzeichen ist, der Maßstab, 
woran sich nicht nur die Geldwertverminderung, sondern auch die 
Substanzwertminderung der Bergwerke selbst bemißt. Jene Geld- 
wertminderung, das Sinken der Kaufkraft des Geldes, ist die Folge 
eines vermehrten Edelmetallangebots auf dem Weltmarkt. Die 
Steigerung der Produktionskosten auf den böhmischen Bergwerken 
geht mit einer Verminderung der Ergiebigkeit der Gruben parallel 
und ist zum Teil mit ihr identisch. Sie besteht in der großen 
Schwierigkeit des Abbaues, einem Rarerwerden des Holzes infolge 
ungeregelter Forstwirtschaft im Inland, steigenden Blei-, Kupfer-, 
also Hilfsstoffpreisen im Auslande. Fast alle Hilfsstoffe und nötigen 
Utensilien fand der Bergbau im Inlande vor, ohne an den „Welt- 
markt" appellieren zu müssen, ja sogar an fest bestimmten limi- 
tierten Standorten, sodaß für ihn die Frage eines anderweitigen 
Bezuges, die anderweitige Beschaffungsmöglichkeit nur in wenigen 
Fällen in Betracht kam. Jedes Bergwerk hatte seine Reservat- 
wälder, seine Transportgelegenheiten zu Wasser und zu Lande, ja 
auch seine Arbeiter und den gleichartigen Bezug der gewöhnlichen 
Lebensmittel ; nur die Schmelzmetalle , wie Blei usw. und Luxus- 
artikel wie Wein, wurden von weither aus dem Auslande bezogen, 
sodaß die Unruhen und Störungen des Weltgeschehens hier nur 
mehr mit abgeschwächter Stoßla-aft einwirken konnten. Und auch 
als der Staat das Streben der ersten großen Privatunternehmer, 
die langwierige und starre Statik der staatlichen Wirtschaftsfühning 
zu durchbrechen und an ihrer statt die Dynamik in sich lebens- 
voller Organismen zu setzen, vereitelt hatte, wirkte die Unangepaßt- 
heit an eine der staatlichen Regelung überlegene, in sich selbst 
bedingte Welt mehr den Untergang beschleunigend als ihn ver- 
schuldend. Mit dem Nachlassen der Ergiebigkeit aus natürlichen 
und, wie wir sehen werden, betriebstechnischen Gründen und dem 
Steigen der Produktionskosten zog sich das ausländische Kapital, 
das in den böhmischen Silberbergwerken arbeitete, und wodurch 
diese am stärksten mit dem Weltgeschehen zusammenhingen, all- 
mählich zurück, weil es keine genügende Verzinsung und Sicherung 
fand. Dieses fremde Kapital aus Nürnberg, Augsburg, Leipzig usw. 
hatte die Bergwerke bei ihrem Aufkommen befruchtet und unter- 
stützt, jetzt bei ihrem Rückgang entzog es sich ihnen und ließ sie 
im Stiche. Hätten wir eine Übersicht über die Größe dieses aus- 



Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. II5 

ländischen Kapitals und seine Wirkungen, so würden wir darin wie 
in einem Spiegel das Urteil der Welt über die damalige böhmische 
Industrie lesen. 

Die Produktionskostensteigerung, die vielfach in den Doku- 
menten als Ursache des Niedergangs der Bergwerke angeführt wird, 
machte sich besonders fühlbar als Mangel an Holz infolge syste- 
matischer Devastierung der Wälder. In der Schrift „Gangraena 
Metallica in Hermunduris" des Christian Melzer (1685 oder 1687) 
wird der Holzmangel als einer der stärksten Gründe für die Ab- 
nahme des sächsischen und böhmischen Bergbaues angeführt und 
vorausgesagt, daß die Zinnbergwerke und besonders „die holz- 
fressenden Eisen-, Berg- und Hammerwerke" eben deswegen mit 
der Zeit eingehen müßten und auf den Meißnischen Gebirgen es 
eher an Holz, denn an Metallen mangele. In Joachimsthal ist es 
vornehmlich Maximilian II. , der außerordentliche Maßregeln gegen 
die Holzverwüstung in den Joachimsthaler Wäldern für nötig hielt. 
Es wurde unter anderem befohlen, die Glashütten im ganzen Lande 
abzuschaffen, die Eisenhütten hätten sich mit Windbrüchen und 
faulem Holz zu begnügen, das Pechein sei zu verbieten, die neue 
Waldordnung würde demnächst erfolgen. Sternberg begleitet diese 
Waldordnung, die ebensowenig nützte wie alle anderen Vorschriften, 
mit der Bemerkung, die Hofkammer habe sich wohl nicht träumen 
lassen, daß die Glasfabrikatur dereinst mehr Geld ins Land bringen 
werde als die Silberbergwerke trügend 

Zu diesen Schwierigkeiten aus der Konjunktur kommen 
2. Mängel aus der Betriebsführung, und zwar im speziellen: 
a) der Technik. Das Betriebssystem war und blieb der Raub- 
bau. Es wird nur das nächste gegen den Tag angehauen, die 
Tiefsten überhaupt nicht gebaut, die Gruben mit Berg verstürzt usw. 
Diese technischen Schwierigkeiten waren zum Teil bedingt durch 
die geologische Struktur des Landes, derzufolge das Risiko bei 
dem böhmischen Bergbau größer war als anderswo. Matthesius 
spricht gelegentlich von den schwierigeren Produktionsbedingungen 
der Joachimsthaler gegenüber anderen Bergwerksunternehmungen, 
z. B. Sarepta XL, S. 127: „Saltz ist je eine gute Gottes gäbe wie 
bergkwerck; allein die bronnen verseyhen nit, da dürffen die ge- 
wercken nichts drauff wagen, wie wir arme Bergleut thun müssen. 
Freybergische und Tyrolische bergkwerck, da arme oder geringe 
ertz brechen, die bleiben auch bestendiger. Aber wie es bey uns 
reiche und derbe ertz hat, so ligen die schetze nur niedrig, vnd 
die ertz scheiden sich wider ab, darumb muß man stetig nach 

8* 



Xl(3 Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. ßergbaupolitik des 16. Jahrh. 

newen zügen trachten, stoln treiben vnd sincken , biss Gott seine 
milde Hand aufftut, vnd lesst ertz trieffen in unser genge". 

Der Raubbau, den man in den Bergwerken (wie in den Wäldern) 
trieb, war sowohl Grund als Folge der sich mehrenden Schwierig- 
keiten, hatte aber die Tendenz, die Kapitalbedürftigkeit, woran der 
Bergbau litt, noch zu verstärken. Er erklärt sich nicht bloß aus 
der allgemeinen volkswirtschaftlichen Erscheinung, daß bei steigen- 
dem Metallpreis eine Anspannung des Edelmetallbergbaues im Inter- 
esse der Produzenten liegt ^ ; sondern dieser sozusagen naturwüchsige 
und selbstverständliche Raubbau wurde noch verstärkt durch den 
Stand der damaligen Technik, d. h. durch ihre Hilflosigkeit, tiefer 
liegende Erze rationell abzubauen und durch die nie ganz sicheren 
politischen Verhältnisse. Bei einer Technik, die zur Bewältigung ihrer 
Aufgaben fast nur Menschen und Pferde hatte, die beide durch 
Kriege und Fehden dem Bergbau entzogen werden konnten, mußte 
der Abbau beschleunigt werden. In jener Zeit, sagt Sternberg, 
konnte nichts als Raubbau in den Bergen getrieben werden, weil 
niemand wußte, wie lange er bauen würde. Alle obersten Metalle, 
die am leichtesten zu erreichen waren , wurden angegriffen , und 
eben dadurch ist es in später Zeit so schwierig geworden, sich in 
den alten Bauen auszukennen^. 

Übrigens war das sechzehnte Jahrhundert ein Zeitalter tech- 
nischer Neuerungen und Erfindungen, die, wie es scheint, haupt- 
sächlich in Tirol ersonnen, auf dem Umweg über Meißen schließ- 
lich auch in Böhmen — trotz der technisch reaktionär gesinnten 
Beamten — eingeführt wurden. Der Stollenbau, Einrichtungen zur 
Bewältigung des Grubenwassers, zur Einführung frischer Luft in 
die immer tiefer werdenden Gruben , zahlreiche Wasserkünste, 
nainentlich auch die Verbesserungen der Münzprägung (Walzen- 
prägung, die von Tirol aus nach Spanien importiert wurde und der 
österreichischen Technik große Ehre eintrug) zählen hierher. Man 
findet die Neuerungen bei Agricola im einzelnen beschrieben. Die 
ratio dieser Bestrebungen: VerbilHgung, Beschleunigung und Er- 
leichterung der Arbeit wird von Matthesius in seiner lapidaren Art 
ausgedrückt (Sarepta 12): „Bergkarbeit ist ein Rossarbeit, vnd 
mancher hebt an schweren berg vnd wasserhaspel , das er nicht 
allein Blut aus wirfft, sondern zeucht offt auch den Halss gar daran 
abe, da er Mutternacket ein gantzen tag stehen, vnd das wasser 
halten, vnn sein gesetzt schiebt auffaren muß. Nu ist das auch 
ein gnade und gäbe Gottes, das Gott auch den sawren nasenschweiss 
von der Sünde wegen menschlichem geschlecht auffgeseylet, dennoch 



Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. II7 

mit nützlichen instrumenten vnd künsten lindert, vnd spannet ein 
ross an der leut statt, vnd lesset durch Wasser, wind vnd fewer, 
wasser vnd berg auss den tieffsten mit schoenen künsten heben 
vnd treiben, damit die unkost auch geringert, vnd die ver- 
borgenen schetze dest ehe können ersuncken vnd offenbar werden." 
Und dass man wieder anfing, dem menschlichen Geist gegenüber 
dem Herkommen etwas zuzutrauen, zeigt der Satz: „Vil Hend 
machen leichte werck sagt man, aber feine Koepffe machen auch 
leichte werck vnd ersparen vil unkost." 

Sehr kümmerlich entwickelt und rückständig scheint das Schmelz- 
verfahren gewiesen zu sein. Immerzu werden neue Versuche einer 
besseren ergiebigeren Technik manchmal 50 Jahre hindurch fort- 
gesetzt, ohne daß man auch nur ein exaktes Urteil darüber hatte, 
welches Verfahren und um wieviel es rationeller sei als ein anderes. 
Bald sind die zehnlötigen Silber noch unrentabel, bald wieder wird 
das Schmelzen ganz geringhaltiger Erze empfohlen, um wenigstens 
den Häuern Nahrung zu bieten. Von Kuttenberg hören wir ge- 
legentlich, daß ein wöchentUcher Verlust von 70 Mark Silber am 
Schmelzmaterial zu verzeichnen sei. Immer wieder durften Adepten 
ihre geheimen Künste in den königlichen Schmelzhütten versuchen, 
die Sachverständigen aber, die wirklich Betriebsverbesserungen an- 
rieten, wie z. B. den Antrieb der Maschinen mit Wasser statt mit 
Pferden, waren, wie die Beamten Augusts von Sachsen, die der 
König sich vom Kurfürsten als Gutachter erbeten hatte, am Leben 
bedroht uud mußten flüchten*. 

b) Mängel des Staatsbetriebes. Die Betriebsführung des Staates 
war schon damals ungemein schleppend, langwierig, schwerfällig. 
Die Art, wie die Untersuchungskommissionen gebildet und instruiert 
w^erden, w^e die Verteilung der Geschäfte an die Beamten geschieht, 
der ganze Instanzenzug, dies alles zeigt, daß die Normen der Betriebs- 
führung nur für stabile Verhältnisse und zwar den Kleinbetrieb 
berechnet und angepaßt sind und notwendig in einer völlig ge- 
änderten Wirtschaftslage, deren Lebensprinzip die Bewegtheit und 
Spontaneität ist, versagen müssen. In all dem ist das sogenannte 
Direktionsprinzip, wie es bis in die Mitte des neunzehnten Jahr- 
hunderts geherrscht hat, der direkte Nachfolger dieser mittelalter- 
lichen Ordnungen, nur daß es späterhin rein bürokratisch gehand- 
habt wurde, damals aber noch der Berggemeinde, der Organisation 
der Bergarbeiterschaft ein Einfluß auf die Verwaltung, Recht- 
setzung und Rechtsprechung zustand". Und wie die Technik nicht 
wissenschaftlich und exakt, so war auch die Organisation der Be- 



118 Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. 

triebe nicht rationell. Oft wird über eine Überfüllung mit Beamten 
geklagt, die, wenn man sie braucht, doch nicht zu finden seien. 
Zu einer Zeit, wo es in Kuttenberg schon sehr schlecht ging und 
Kommission auf Kommission folgt, zählt ein Bericht von 1551 nicht 
weniger als 343 Beamte auf und schlägt eine bedeutende Reduktion 
vor. Wenn dann die Bergwerke immer weiter zurückgingen, kürzte 
man den Beamten die Gehälter und legte endlich ihre Stellen zu- 
sammen. 

Am schwerwiegendsten aber sind nach meiner Ansicht 
c) die Mängel und das Versagen der Personen. Zahllos sind 
die Klagen über UnredHchkeit und Unfähigkeit der Beamten, und 
die Aufzählung aller vorkommenden Mißbräuche und Verstöße 
gegen die „Beamtenmoral" wäre eine Arbeit für sich. Ein L^bel- 
stand noch aus der Zeit des Mittelalters her blieb es, daß aus 
fiskalischen Gründen manche Ämter käuflich waren, wie z. B. 
das einträgliche Richteramt in Kuttenberg, andere erblich w4e 
z. B. das Silberprägeramt ebendaselbst. Erst der große Zentrali- 
sator Ferdinand I. versuchte hierin Wandel zu schaffen. Aber auch 
er wie seine Nachfolger konnten nicht hindern, daß die Beamten 
am Bergbau auch als Gewerken teilnahmen, ihr „Amt" also mit 
dem „Handwerk" vermengten und so eine Zwitterstellung innehatten. 
Sehr zähe hingen sie an dieser Berechtigung, Bergteile zu besitzen 
und mit zu bauen. Als ihnen dies in einer neuen Bergordnung 
und Instruktion verwehrt werden sollte, demonstrierten sie dagegen, 
und selbst der Oberstmünzmeister W. von Oppersdorf widerrät 
diese Neuheit, Aveil die Bergbeamten erklärt hätten, daß sie lieber 
ihre Amtsstellen als ihre Bergteile verlassen wollten und es doch 
ein Verlust wäre, wenn die bergkundigen Leute sich entfernten und 
fremde des Berges unkundige an ihre Stelle kämen ^. In dieser 
Stellung als Unternehmer intrigierten die Beamten gegen die fremden 
Gewerken, indem sie willkürlich und ohne Not die Zubußen steigerten 
und auf ihre Kinder und Frauen schreiben ließen. Eine von den 
vielen beliebten Einnahmequellen für die Beamten war die Aus- 
zahlung der fälligen Gelder in schlechter, minderwertiger ausländischer 
Münze. Die königlichen Münzen waren gutes Geld, die Beamten aber 
verwendeten zur Auszahlung schlechtes, minderwertiges, das gute 
wanderte aus, die Valutadifferenz steckten sie ein. Als Joachims- 
thal noch den SchHcken gehörte, rieten die Beamten dem Könige, 
um die Grafen mürbe zu machen, in Joachimsthal nur schlechte 
Sorten zu prägen. Nachdem es aber verstaatlicht war, packten sie 
den König bei der Ehre und suchten ihn zu bewegen, nur schönes, 



Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. HQ 

gutes Geld zu prägen — aus leicht ersichtlichen Gründen. Viel 
Anlaß zu Betrügereien und Unredlichkeiten bieten die Einkäufe der 
Futterartikel für die Pferde, sodann aber insbesondere die Bleierz- 
kontrakte. Das Blei wurde zu hohen Preisen in großen Massen aus 
dem Auslande bezogen und wurde, obwohl es in der Nähe der Berg- 
werke in Böhmen selbst reichlich vorhanden und die Verbrauchsstätten 
nur wenige Meilen von den Fundstätten entfernt waren, ins Aus- 
land verkauft. Bei einer Inventuraufnahme fanden sich in Joachims- 
thal Vorräte an Goslarer und Beuthener Blei für acht Jahre vor. 
In Kuttenberg werden Kontrakte auf 1000 Zentner Goslarisches Blei 
geschlossen. Der Herzog Heinrich Julius von Braunschweig und 
Lüneburg fordert wiederholt vergebUch die Zahlung für geliefertes 
Blei, und ähnlich wie mit dem Blei steht es mit Kupfer, mit 
Hafer usw. Noch andere Klagen sind es, wodurch die reichen Ge- 
werken, besonders des Auslands, vom böhmischen Bergbau, wenigstens 
auf Silber, abgeschreckt werden. Der Einlösungspreis für das von 
den Gewerken abzuliefernde Silber war zeitweise nicht in Über- 
einstimmung mit dem Weltmarktpreis. Um nur ein Beispiel zu 
erwähnen: mittels Abschieds vom 8. November 1549^ wird der Ein- 
lösungspreis für die Mark Silber um 12 Groschen auf 8 fl. rh. für 
zwanzig Jahre erhöht, und durch die neue Begnadigung und Refor- 
mation des königlichen Bergwerks in St. Joachimsthal aus dem 
Jahre 1557 die Ablösung wiederum auf 7 Tlr., 12 wg. guter Münze 
bestimmt. Darüber beklagten sich sämtliche 101 Joachimsthaler 
Gewerken, die sich auf der Leipziger Messe versammelt hatten. 
Es waren sämtlich Ausländer : Bürger aus Erfurt, Halle, Magdeburg, 
Nürnberg. Man schickte eine Deputation nach Prag und ließ um 
Wiederherstellung des status quo ante ansuchen. Die Bezahlung 
in guter Münze könne die Verminderung des Nennwerts und die 
Erhöhung des Bleies nicht kompensieren, es gäbe viele Zubuße- 
zechen, denen jener Vorteil garnicht zugute käme, und in keinem 
Falle betrüge dieser so viel, als sie durch Verminderung des Erz- 
kaufpreises und Erhöhung des Bleipreises verlören. Bei dieser 
Gelegenheit erfahren wir auch, daß der Pfalzgraf Heinrich bei Rhein 
und Pfalzgraf Philipp Bergteile in Joachimsthal und Gottesgab, in 
Platten, Plan, Schlackenwald, Marienberg und Freiberg besaßen 
und mehrere lOÖO Thaler wegen der Unredlichkeit ihrer Bevoll- 
mächtigten in Joachimsthal gefährdet waren. Dem darniederliegenden 
Bergbau gewährt der König Hilfen, diese aber werden unredlich 
verwendet, bald verbauen die Gewerken nur mehr die Hilfen und 
nichts vom eigenen Kapital. Schließlich ziehen sich die Fremden 



120 i^ie Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrb. 

zurück und nun werden immerzu Vorschläge erstattet, wie man 
das ausländische Kapital wieder am Bergbau in Böhmen interessieren 
könne. Durch Erteilen über Gebühr langer Fristen und durch die 
Kuxkränzier sei das Joachimsthaler Bergwerk in Ven-uf geraten. 
Der neue Berghauptmann rät, man müsse den fremden Ge werken 
den freien Verkauf ihres erbauten Silbers ins Ausland gestatten 
und die Stadt und die Beamten zwingen, den zehnten Teil der 
Besoldung zu verbauen. Die Stadt hat aber nichts als Schulden 
und den Beamten hat man die Gehälter gekürzt. Es kam schließlich 
soweit, daß nach der Demission Wilhelms von Oppersdorf der König 
niemanden aus dem Herren- und Ritterstand fand, der die Stelle 
eines Münzmeisters annehmen wollte ; der Adel wich aus, und der 
Hofmeister Kozel schrieb (1585) an den König, er bitte untertänig 
um eine Amtsinstruktion oder um Befreiung von der Hofmeister- 
stelle, da er bei keiner Wirtschaft, wo er von Jugend auf gedient, 
solche Unordnung gesehen habe als bei der Bergwirtschaft Kutten- 
berg, die so nicht weiter bestehen könne. Es müsse ein Ende 
nehmen, sei es wie es wolle. Er möchte lieber jeden noch so ge- 
ringen Dienst bekleiden, als der Unordnung bei dem Handel noch 
länger zusehen^. Der König scheint auch, obwohl er dem Kozel 
Geld schuldig war, seinem Gesuch in Gnaden willfahrt zu haben. 
Nimmt man noch die ungünstige Art der Besteuerung der Berg- 
werke durch den Zehent, eine brutal wirkende Bruttosteuer, hinzu, 
ferner die zahlreichen Kompetenzstreitigkeiten und Konflikte zwischen 
Stadt und Berghauptmannschaft einerseits, zwischen Stadt und or- 
ganisierter Arbeiterschaft anderseits mit ihren tief sozial verbitternd 
wirkenden Einflüssen, so wird man doch ein ungefähr anschauliches 
Bild vom Niedergang der staatlichen Bergwerke haben. — 

Fast immer aber waren es Reibungen und Hemmungen durch 
die Personen, die den Betrieb störten und die eine glatte, klaglose 
Betriebsführung unmöglich machten. Und da dieser Widerstand 
sich auch auf die Privatunternehmungen erstreckt, so wirken diese 
personalen Mängel wie Naturnotwendigkeiten und unabänderlich. 
Sie sind eine naturale Gegebenheit wie die Ergiebigkeit und Uner- 
giebigkeit der Berge. 

Wenn wir bei dieser Analyse des Verfalls der Bergwerke immer 
wdeder personalen Mängeln eine so weitreichende Bedeutung 
einräumen mußten, wenn die besten und bestgemeinten Maßregeln 
an den Qualitäten der Exekutivorgane immer wieder scheiterten, 
so fragen wir uns von unserem heutigen Standpunkt aus mit Recht, 
ob es denn damals gar keine anständigen, guten Beamten gegeben 



Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. J3ergbaiipolitik des 16. Jahrh. 121 

habe? Sternberg meint, die Schule, aus welcher die Bergbeamten 
hervorgingen, sei durch lange Verwahrlosung, großen Mangel an 
Kenntnissen und noch weit größeren an Moralität so sehr gesunken, 
daß ungeachtet des regsten Willens des Souveräns und ungeachtet 
aller aufgebotenen Mittel und auf einander folgender Kommissionen 
und Reformationen nicht mehr recht geholfen werden konnte ^, 
Man muß aber weitergehen und auf die Neuheit der Forderungen, 
die damit gestellt wurden, reflektieren'^. In der Tat: es ist ein 
neues, geradezu paradoxes und durch alle Erfahrung widerlegtes 
Prinzip, daß man durch Moralität, Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit, 
Anständigkeit in der Wirtschaftsführung vorwärts komme und 
schließlich auch bequemer fahre. Noch war die Wirtschaftsmaschine 
in nördhchen Breitegraden, wie Avir den neuen Wirtschaftsmenschen, 
den gerechten Bürger, definieren können, nicht erfunden; es mußte 
erst der ganze Kosmos der bürgerlichen Moral ausgebildet, und was 
noch mehr ist, auf ein ihr scheinbar inadäquates Gebiet, auf das 
der Wirtschaft, das Reich des Kampfes, des Vorteils und des Über- 
vorteilens angewendet werden, es mußten erst die Begriffe der 
„Gewissenhaftigkeit", der „Pflicht", der Würde unsichtbarer Ab- 
strakta, wie Staat, Amt, Beruf lebendig geworden, die Ideale der 
persönlichen Tüchtigkeit, der Freudigkeit, der Hingabe, der Lust 
am Spiel, der Treue gegen den Herrn, kurz die Skala der Empfindungen 
von Mensch zu Mensch, von Person zu Person verdrängt, und die 
Abstraktionskraft die breiten Volksschichten, auf deren Mitwirkung 
und nicht bloß Abhängigkeit es jetzt ankam, durchdrungen haben, 
ehe der neue Apparat, der Wirtschaftsautomat, ungestört, exakt 
funktionieren konnte, und es dauerte Jahrhunderte lang und gelang 
eigentlich erst unserem — ach, wie gut! — dieses Ziel in idealer 
Vollkommenheit zu erreichen. 

Dieser neue Menschenschlag, der da geboren wird, muß ein 
rechnender und berechenbarer sein. So wie man oder gerade weil 
man in den Reformationen und Instruktionen darauf ausging, „Kosten" 
zu ersparen — man rechnete, bilanzierte, erwog, d. h. man fing an, 
rationell zu denken — so suchte man auch nach kenntnisreichen 
und ehrlichen Beamten. Wann, in welcher früheren Zeit hätten 
solche Eigenschaften den Vorzug gehabt vor dem Adel der Herkunft 
oder dem Recht der Erblichkeit, ja wären auch nur als besonders 
wertvolle Qualitäten gewürdigt worden? Jetzt aber kommen die 
„Kenntnisse", die man nach mehr und weniger beurteilen kann 
und die „EhrHchkeit", die am wenigsten daneben gehen läßt, also 
die Rentabilität des Menschen, zu Ehren. Überall der gleiche Ge- 



122 l^ie Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. 

danke; der Mensch wird gewertet wegen seiner „sachlichen" Quali- 
täten, und sachUche Qualitäten sind solche, die den gewünschten 
Erfolg, den Zweck (gute rentable Wirtschaftsführung) am besten, 
schnellsten, vollkommensten erreichen. So muß der wirtschaftliche, 
industriöse Mensch als Normaltypus erst geboren werden; und so- 
fort beginnt die Auslese in bestimmter Richtung zu wirken, er muß 
nach einer gewissen Rangordnung der Werte herangezüchtet werden, 
und der heutige Beamte und Geschäftsmann sind, wie schließUch 
auch der Unternehmer, in gewisser Hinsicht späte Produkte einer, 
man möchte sagen, künstlichen Züchtung nach ganz bestimmten 
selektiven Merkmalen, Menschen, denen gewisse Organe fehlen, 
während andere überwuchern. Generationen und Generationen, 
Jahrhunderte und Jahrhunderte haben sich Mühe gegeben, ein solches 
Kunstprodukt von dieser StabiUtät und vertrauenerweckenden Be- 
rechenbarkeit des Wesens auf den Weltmarkt zu bringen und die 
Erde mit solchen bienenhaften Maschinen zu bevölkern. Aus mehr- 
fachen Gründen war es leichter, politische Staatsbeamte als Wirt- 
schaftsbeamte zu haben. Zunächst kamen für beide Zwecke vielfach 
verschiedene Menschenklassen in Betracht, dort die mit der Tradition 
ihrer Ahnen beladenen und gerüsteten, hier meist traditionslose 
und ahnungslose Emporkömmlinge; sodann aber eignete sich der 
politische Dienst immer noch mehr, schematisch, nach einer fixen 
Norm behandelt zu werden als die Wirtschaft. Dort war ein tiber 
gang von Stabilität zu Stabilität, von Gleichgewicht zu Gleich 
gewicht, sei es ohne Krisen, öfter aber mit Krisen d. h. Krieg, Auf 
stand, die an und für sich regellos verlaufen; die Wirtschaft aber 
war immer viel mehr das Reich des Dynamischen, des Gleitenden 
der unmerklichen und schlüpfrigen Übergänge, die nicht so sehr 
nach Rezepten sich richtete. 

Dieser neue Mensch wird dann im siebzehnten Jahrhundert 
seine philosophische Weihe und die ganze Dignität eines durch 
das feinste Sieb philosophischer Begriffe Geläuterten erhalten. So 
mußte neben den Unternehmer, den neuen Menschen, der alles 
kann, was er will, der Beamte treten, der nur will, was er soll 
und neben diesen der Arbeiter, der nur soll, was er muß. Denn 
auch der Arbeiter mußte erst herangezüchtet werden. Auch seine 
Umschaffung aus dem Krieger, Bauern, Vagabunden usw. zur Arbeits- 
maschine ist nicht leicht. Von dem Beamten unterscheidet er sich 
vielleicht hauptsächlich dadurch, daß diese Maschine ihren Antrieb 
aus sich selbst oder von einem transzendenten, abstrakten, unsicht- 
baren Organ, dem es doch aus eigener Initiative die persönliche 



Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. 123 

Sanktion erteilt hat, empfängt, während der Arbeiter einem fremden 
Antrieb willenlos und klaglos gehorchen muß. Nicht immer und 
zu allen Zeiten war der Bergmann jener stille und geduldige, in 
sich gekehrte, philosophisch resignierende, vom Hauch der Poesie 
umflossene Arbeiter, der „verkehrte Astrologe'', als welchen ihn 
uns die dichterische Verklärung der Vorzeit und die Wirklichkeit 
späterer Zeitläufte zeigt. Von Natur aus und anfänglich scheinen 
die Bergleute vielmehr ein gar trotziges, unruhiges, kriegerisch ge- 
sinntes und durch den Widerstand der Materie gestähltes Volk ge- 
wesen zu sein ^^ Besonders die Bergschmiede genießen den Ruf 
als ewige Ruhestörer, von ihnen heißt es in den Konstitutionen, 
daß sie durch die Bergordnung aus unnützen Unruhestiftern zu nütz- 
Hchen Mitgliedern der Berggemeinde gewandelt werden sollen. 
Wie also wurden sie aus unruhigen und unberechenbaren zu fried- 
fertigen, sicheren Leuten? Das Kapital zunächst, so zeigten wir 
schon, hat sie eingefangen und ihnen den wichtigsten Stachel zu 
Neuerungen sanft aus der Seele gezogen; aber in einer allgemein 
fieberhaft auf Gewinn ausgehenden Zeit mußten doch wieder Rück- 
fälle in ein früheres „vorzivilisatorisches" Leben kommen, und das 
Kapital selbst hätte wohl kaum seine Wirkungen so sicher üben 
können, wären die Seelen nicht dafür empfangsbereit gewesen. 

Vielleicht ist an dieser Stelle eine allgemeine Bemerkung nicht 
unangebracht. Nicht nur die verschiedenen Berufe als solche : der 
Dichter, der Musiker, der Gelehrte, der Philosoph, der HeiHge, 
sondern auch schon die verschiedenen Werkverrichtungen und ein- 
zelnen Arbeitsarten erzeugen — abgesehen von den besonderen 
Bedingungen, unter denen die Arbeit vollzogen wird — und be- 
günstigen an sich teils gleichartige, teils aber ganz differente 
Gefühls- und Empfindungskomplexe. Der Gefülilswert der Arbeits- 
arten ist verschieden an sich, am augenscheinUchsten und deut- 
lichsten sichtbar vielleicht an den Eigenheiten der Leute, die sie 
treiben, sei es an ihrer Physiognomie, sei es — und noch mehr — 
an ihrer geistigen, inneren Haltung. Jede Arbeit prägt sich ge- 
wissermaßen eine Seele oder formt sie wenigstens nach sich. Ein 
Landwirt sieht anders aus als ein Töpfer, ein Bergmann anders 
als ein Porzellanmaler und ist ein anderer Mensch, gleichviel ob er 
den Beruf gewählt hat, weil er anders ist, oder anders ist, weil er 
dieses Geschäft treibt. Diese Attraktion gewisser Berufe für gewisse 
Menschen geht sehr weit. Welche geheimnisvolle Kraft ist es, so 
fragt Balzac einmal, die todsicher den Sohn den Beruf des Vaters 
ei-greifen und sich bewähren oder auch nicht bewähren läßt? — , 



124 l^ie Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. 

und er hat völlig Recht auch für unsere Zeit, wenn er meint, 
daß man die verschiedenen Berufe noch nicht genügend studiert 
hat 12 

Aber die Begründung steht hier nicht in Frage, sondern lediglich 
die Tatsache, daß Berufe und Arbeitsarten menschen- und typen- 
bildend sind. Hiervon ausgehend sei ein Blick auf die Beziehung 
der Bergarbeit zur Religiosität als einem innerHchsten Seelenzustande 
geworfen. Zunächst erscheint die Bergarbeit — wie möglicherweise 
alle Wirtschaftsarbeit an einem zu bewältigenden Arbeitsgegenstand — 
als ein Kriegsuntemehmen, der Berg als Gegner, der gewältigt, 
überwunden werden muß (vgl. die zahlreichen Bergsagen und 
-Märchen). Dafür finden sich selbst in den früheren Gesetzgebungen 
Spuren, und darum tritt das Bergvolk früher als rauh, kriegerisch, 
üppig, exaltierend auf. Nun aber können wir eine zunehmende 
Verinnerlichung und zwar Religiosität mit abnehmendem Bergsegen 
verfolgen. Ist das eine zufällige Erscheinung, oder lassen sich 
plausible psychologische Gründe dafür aufzeigen ? Der Bergbau teilt 
mit der Landwirtschaft die Unsicherheit des Erfolgs, aber das Risiko 
ist ein viel größeres, wie anderseits auch der Erfolg und die Arbeit 
gefährlicher und beschwerlicher sind. Dadurch wird die Psyche in einer 
dauernd intensiven Spannung gehalten ; es gehört ein großes Maß von 
Vertrauen, von Zutrauen, kurz — von Gläubigkeit dazu, die Arbeit 
aufzunehmen und, wenn auch erfolglos, sie fortzusetzen. Der Schatz- 
gräber, der die Erde aufwühlt, um schließUch ein Stück gerodetes 
Land mit Feldfrüchten zu bebauen, ist keine bloße Erfindung der 
Poesie. Die Hoffnung, die goldene Illusion ist das treibende und 
leitende Motiv des Arbeiters. Die Gefühlsmomente nun, bzw. die 
psychischen Erlebnisse, die im religiösen Glauben wach sind, be- 
seelen auch die Bergarbeit. Es ist vielleicht ein und dieselbe 
psychische Konstellation, die zum Glauben an Gott und seine Wunder- 
kraft und zur Hoffnung auf Arbeitserfolg hinleitet, und die beiden 
Zielpunkte verschmelzen miteinander und verstärken sich gegen- 
seitig. Wenn Paulus (Hebr. Kap. XL, 1. Vers) lehrt : „Est fides 
sperandarum substantia rerum, argumentum non apparentium " , 
so paßt diese Definition sowohl für den religiösen wie für den Glauben 
an einen müliselig zu erringenden unsichtbaren Arbeitserfolg. Und 
spricht man nicht von dem Glauben selbst als von einem Schatz 
der vielen und besonders der geistigen Armen? Die hoffnungsvolle 
Gläubigkeit nun, der Ki-edit zugunsten der Gottheit nahm zu und 
hatte sich zu bewähren in dem Maße, als der Ertrag der Berge 
geringer wurde und ausblieb, und er war schwächer in den guten 



Die Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupoiitik des 16. Jahrh. 125 

Zeiten. Daher hören wir immer von Aufständen, Ausschreitungen, 
Revolten nicht wenn es den Bergleuten schlecht, sondern gerade 
wenn es ihnen gut ging. Mit der Zeit aber verwandelte sich der 
frohgemute Glaube an den göttlichen Bergsegen in Resignation und 
Verzicht, und aus dem trotzigen Gesellen, der er einst gewesen, 
wurde der stille Bergmann, wie ihn uns Novalis in seinem Heinrich 
von Ofterdingen schildert ^^. 

Es wäre Gegenstand einer eigenen Untersuchung, inwieweit 
die Ausbreitung der böhmischen Brüder^* und ihrer Lehre am Ende 
des fünfzehnten und zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts dem 
Adel in Böhmen nicht nur die Verknechtung der bäuerlichen Be- 
völkerung erleichterte, sondern auch zur Entwickelung eines kapitalis- 
tischen Lohnarbeiterstandes mit den ilim eigentümlichen Gesinnungen 
und des Kapitalismus überhaupt als einer die Geburtsunterschiede 
aufhebenden und nivelherenden Wirtschaftsweise mit beigetragen 
hat. Auch wenn wir keine exakten ziifernmäßigen Belege über die 
Verbreitung dieser von ihren Gegnern mit dem Spottnamen „Pik- 
harden = Brüderchen" benannten Sekte beibringen können — 
schwanken ja die Angaben zwischen 11 000 und 70000 Anhängern — 
und uns nur auf so allgemeine Nachrichten verlassen müssen wie 
die, daß um 1500 fast in jeder Stadt, ja in jedem Dorfe Brüder 
wohnten, so dürfen wir doch auf die geistige und innere Zusammen- 
gehörigkeit der Mühseligen und Beladenen, die in den Gruben 
arbeiteten, mit dem Christentum der Brüder ^^ hinweisen. In 
der Tat: die Religion der Brüder ist ein Christentum des dritten 
und vierten Standes, der Stillen im Lande und Demütigen ^^, der 
Widerstandslosen weil Widerstandsunfähigen, die das Leiden und 
Gehorchen, aber nicht das Befehlen und Wollen mit der Dignität 
des GöttHchen umgaben. Düster und schwermütig wie ein Herbst- 
tag auf dem Lande, wo sie entstand, ist diese Religion. Kann auch 
die Welt ohne das Gesetz des Schwertes nicht bestehen, so sollen 
doch die Gläubigen der Welt und ihrer Macht entsagen und nur 
auf das Gesetz der Liebe sehen, das keine Rache kennt und Böses 
mit Gutem vergilt. Peter Chelcickys Schüler wollten sich keiner 
öffentlichen Gewalt und keines Eidschwurs bedienen, keine Beamten 
und Richter sein, sich auf keinerlei Weise an weltlicher Macht und 
Weisheit beteiligen, alle Ungerechtigkeiten demütig und geduldig 
ertragen, nicht Böses mit Bösem vergelten und keine Rache üben, 
nicht murren noch fluchen. Christus wollten sie ähnlich sein, der 
sich selbst mit dem Schaf verglich, welches demütig, sanft und frei 
von Rachsucht ist, und als er zu Tode geführt wurde, gleich einem 



126 I^iß Ursachen des Mißerfolges der böhm. Bergbaupolitik des 16. Jahrh. 

Schafe nicht den Mund öffnete, sondern sich ans Kreuz schlagen 
ließ, ohne ein Wort zu sprechen ^^. Dieses im Gegensatz zu den 
Taboriten, der kriegerischen Kirche, unkriegerische, antiritterliche, 
passive Christentum, das wie bekannt dem Lutherischen Pro- 
testantismus als ein treuer Johannes in Böhmen die Wege ebnete, 
hat, wenn es auch indirekt zur Verknechtung seiner Bekenner bei- 
trug, doch anderseits die Würde des Menschen im Menschen aner- 
kannt und besser gewertet als eine andere Kirche. Es war hberal 
und demokratisch und vielleicht deshalb gerade den Machthabern 
der Zeit so außerordentlich unsympathisch. Die Glieder der Unität, 
mochten sie auch nach göttlichem Gebote und tatsächlicher Lage 
Hörige und Knechte sein, fühlten sich doch alle als Kinder eines 
Vaters im Himmel und als „Brüder" *^, gleichviel ob einer reich 
oder arm, HeiT oder Knecht war. Die wechselseitige persönliche 
Teilnahme und Unterstützung aller Bekenner der Unität ohne Unter- 
schied des Standes waren nicht minder hervoiTagende Merkmale als 
ihre Frömmigkeit, Betriebsamkeit und Ordnung in allen ihren welt- 
lichen Verhältnissen und Schuldigkeiten ^^. 



127 



Die Bergwerke und die Staatsfinanzen. 



Um ein rundes Bild von der volkswii*tschaftlichen Bedeutung 
des Edelmetallbergbaues an der Wende des Mittelalters und der 
Neuzeit, um insbesondere einen festen Maßstab für die Beurteilung 
der staatlichen Bergbaupolitik des sechzehnten Jahrhunderts zu ge- 
winnen, wäre es unbedingt nötig, die Stellung des Bergwesens 
innerhalb der Staatswirtschaft, seinen Beitrag zu den Finanzen und 
zum Staatshaushalt ziffernmäßig exakt zu kennen. Jedem solchen 
Versuche aber stehen bisher und vielleicht endgültig unüberwind- 
liche Schwierigkeiten entgegen. Nicht nur ist die Finanzgeschichte 
von Länderkonglomeraten wie die österreichische Monarchie, der 
am wenigsten erforschte und systematisch zu behandelnde Teil der 
Staatengeschichte , es kommt dazu , daß bei der Ungeschiedenheit 
von Fiskus und Aerarium, von staatlicher und königHcher Finanz- 
wirtschaft bis in die neuere Zeit hinein und infolge des Mangels einer 
eigentlichen Finanz Verwaltung, deren eine Aufgabe in der Kontrolle 
der Finanzgebahrung liegt, die Bergwerke mit ihren Erträgnissen 
in der Gesamtmasse der königlichen Einkünfte ununterscheidbar 
verschwinden. Unsere fast einzige Quelle sind also einige dürftige 
Notizen, die sich merkwürdig genug in den Relationen der venezia- 
nischen Gesandten finden, einer Quelle, wenn auch glaubwürdig 
im ganzen, so doch von höchster problematischer Zuverlässigkeit 
im einzelnen. So sind wir auch hier wie an manchen anderen 
Stellen genötigt, die Konstruktion und die Phantasie zu Hilfe zu 
rufen, wo das Material versagt. Sicher ist, daß im Staatshaushalt 
des Mittelalters, soweit von einem solchen die Rede sein kann, 
die Bergwerke unter den regelmäßigen Einkünften der Könige, 
wenn nicht überhaupt, so sicherlich mit die hervon*agendste Stelle 
einnehmen ^ ; es gab kaum eine größere Ausgabe in Geld, die nicht 
aus den Erträgnissen der königUchen Bergwerke als der eigent- 
lichen Hauskasse bestritten oder auf sie angewiesen wurde, sie 
waren mit Recht die Kleinodien der Krone genannt und als schier 



X28 I^iß Bergwerke und die Staatsfinanzen. 

unerschöpfliche Reichtum- und Machtquelle gehütet. Auch kann 
es kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Bergwerke zur Ent- 
faltung der Geld Wirtschaft mit beigetragen haben, nicht vielleicht 
so sehr, daß sie spontan das Bedürfnis nach Geld erzeugten, als 
vielmehr dadurch, daß sie das Denken und Rechnen in Geld an- 
regten und förderten; denn durch die Verfügung über die Berg- 
werke und über die Münze hatte der Staat gewissermaßen seine 
Hand direkt auf die Geldproduktion gelegt. Wenn er Geld brauchte, 
lag es bei ihm, es zu „produzieren", nicht so es zu heischen oder 
durch künstliche und sinnvolle Mittel an sich zu locken, dazu fehlte 
ihm noch die Virtuosität, die nur aus einer intimen Kenntnis aller 
Möglichkeiten, die sich im Geldwesen verbergen, fließt. So sehen 
wir denn auch den mittelalterlichen Staat in jeder Not und Ver- 
legenheit seine Zuflucht bei den Bergwerken suchen, und noch im 
fünfzehnten Jahrhundert waren bei der hartnäckigen Weigerung 
der böhmischen Stände , Steuern zu bezahlen , die Silberbergwerke 
Kuttenbergs die Hauptquelle der Einkünfte der könighchen Kammer; 
und wenn wir auch über ihren Ertrag nicht weiter unterrichtet 
sind , so wissen wir doch , daß sie nicht hinreichten , um ein der 
Macht des türkischen Gegners gewachsenes Söldnerheer zu erhalten. 
Nach altem Landesgesetz war in Böhmen und Mähren jeder Ein- 
wohner nur verbunden, auf des Königs Befehl zur Verteidigung 
des Vaterlandes mit eigenen Waffen und auf eigene Kosten aus- 
zuziehen, jedoch nicht länger als 4 — 6 Wochen im Felde aus- 
zuharren^. Am Ausgang des Mittelalters war Böhmen hauptsäch- 
lich durch die Religionskriege ganz erschöpft, und König Georg 
von Podiebrad starb mit großen Schulden , die auch seine Familie 
belasteten. 

Mit der Entstehung dessen , was wir eine geregelte Geldwirt- 
schaft zu nennen pflegen, wird, soviel können wir wohl weiter 
behaupten, der Beitrag des Bergbaues zum Staatshaushalt immer 
unwichtiger. Geregelte Geld Wirtschaft ist freilich etwas ganz 
anderes als geregelte Edelmetallproduktion, auch als staatliche Geld- 
gesetzgebung ; entsteht ja geregelte Geldwirtschaft just da, wo es 
keine Gold- und Silberbergwerke gibt, wie z. B. bei der päpstlichen 
Kammer. Wenn dann noch das Steuerprinzip als regelmäßige Staats- 
einrichtung anerkannt, das Steuerzahlen aus einer Ausnahme zur 
Regel und schließlich zur selbstverständlichen Pflicht geworden 
ist — die gi'ößte universalhistorische Umwälzung auf staats- 
finanziellem Gebiet mit unerhörten Konsequenzen im einzelnen — 
dann wird es für das Leben des Staates verhältnismäßig gleich- 



Die Bergwerke und die Staatsfinanzen. 129 

gültig, woher das Geld kommt, das er braucht, wenn er es nm- 
überhaupt bekommt , und er könnte sich sogar erlauben , die Pro- 
duktionsstätten der Edelmetalle aus der Hand zu geben, wenn er 
sich eben auf die Steuern, auf ein allgemeines Staatsbewußtsein 
im Gegensatz zum Standesbewußtsein, auf ein Gemeingefühl im 
Gegensatz zum Privatinteresse rückhaltlos verlassen dürfte. Bevor 
aber der Steuergedanke sich durchsetzt, sind die Einkünfte aus den 
Bergwerken, wie schon im Altertum der Verfasser des zweiten 
Buches der Ökonomik sie nennt, weil niemand darunter leidet, die 
schönsten der politischen Staatswirtschaft. 

Die Finanzgeschichte der neueren Zeit aber ist die Geschichte 
des allmähligen Durchdringens des Steuergedankens, und je mehr 
sich dieser festsetzte und das Ungewöhnliche, das ihm seit den 
ältesten Zeiten anhaftete, der Makel der Unfreiheit, mit dem er 
unlöslich verbunden schien, abschi'umpfte, um so mehr mußte und 
konnte der Staat aus der aktiven wirtschaftlichen Betätigung sich 
lösen; denn die Allgemeinheit der Besteuerung, die Steuer als 
Pflicht, konnte nur durchgesetzt werden um das Opfer der Pensio- 
nierung des Staates, seines Ausscheidens als aktiven Gesellschafters 
aus der großen Wirtschaftsfirma und seiner Verwandlung in einen 
pensionsberechtigten Rentner. Dem Staate die Steuer, die Wirt- 
schaft dem Bürger — so könnte man diese Wandlung formulieren. 
Das Hinauswachsen also der staatlichen Bedürfnisse über die Er- 
tragseinkünfte, über die Bergw^erke, Domänen, Zolleinkünfte usw., 
die Unmöglichkeit, die neuen politischen Aufgaben aus eigenen 
Mitteln zu bestreiten, führten zur Emanzipation der Privatwirtschaft 
von der Staatswirtschaft, machten den Staat aus einem aktiven 
Gesellschaftsteilhaber zu einem bloßen Aufsichtsrat und zogen in 
weiterer Folge selbst eine Änderung seiner wirtschaftspolitischen 
Ansichten nach sich. Solange er selbst einer und der größte Wirt- 
schafter war, sah er darauf, daß alles im Lande bleibe und kon- 
sumiert werde, nichts herausgehe oder wenigstens durch Ausfuhr- 
zölle beschwert und belastet werde. In ihm mußte sich alles 
zentralisieren. Jetzt aber, wo er auf die Ü^berschüsse der Privat- 
wirtschaften angewiesen wurde , sah er darauf , daß nur möglichst 
viele solche Überschüsse da seien und beförderte die Warenausfuhr, 
da er sie als ein Mittel zur Überschußproduktion und Geldvermehrung 
kennen lernte. In bezug auf das Geld behielt er die alte Versorgungs- 
poUtik, den Konsumentenstandpunkt, bei, in bezug auf Waren aber 
stellte er sich auf den tauschwirtschaftlichen Standpunkt des 
Merkantilismus. 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 9 



130 I^iß Bergwerke und die Staatsfinanzen. 

Als Ferdinand I. die drei großen Ländergebiete von Österreich, 
Böhmen und Ungarn mit ihren Nebenländern vereinigte und sie 
zu einer staatlichen Einheit zu verschmelzen suchte , da hing , ab- 
gesehen von der äußeren Gefahr, die sie verbunden hatte, ihr 
Zusammenw^achsen von nichts so sehr ab, wie daß sie, mit einem 
gemeinsamen Staatsbewußtsein sich erfüllend, dem Herrscher eine 
geregelte Finanzwirtschaft ermögHchten, und diese wiederum konnte 
nicht mehr wie im Mittelalter iln*en Rückhalt in den Erträgnissen 
der Domänen und Regalien finden, auch nicht in der Kreditbenützung 
durch Verpfändung dieser Betriebseinkünfte oder wie im Alter- 
tum in der Verpachtung der Bergwerke an Unternehmer, sondern 
nur in der Heranziehung der Gesamtheit zur Steuerleistung. In 
seiner Instruktion von 1527 an die böhmische Raitkammer beklagt 
Ferdinand die Vergeudung des Kammerguts durch seine Vorgänger, 
daß „unser als eines Kunigs zu Behaim ordinari camergut hoch 
verpfendt, versetzt, verkumbert" ist und er „desselben wenig und 
clainscheinig fi-ei, sondern alles in främder band und gewaltsam 
befunden". Auch die Regalien, die Bergwerke, die Fischteiche, die 
Dazien, „so man in Böhmen Ungelt nennt", die Mauten, Zölle, wie 
die Weingärten trügen infolge ihrer Vernachlässigung wenig oder 
garnichts ein^. Wie sehr er selbst auch die Bedürfnisse der Zeit 
kannte und energisch vertrat, so hatte er doch in seinen Be- 
strebungen, die Kammergüter wieder an die Krone zu bringen und 
die Finanz Wirtschaft zu zentralisieren, wenig oder gar keinen Erfolg. 
Die Verpfändungen und Verschuldungen wuchsen noch stärker als 
die Steuerfälligkeit, und die einzelnen Länder bewahrten sich von 
1526 — 1618 auf finanziellem Gebiete eine hervorragende Selbständig- 
keit und entwickelten sich ein jedes auf Grund seiner ihm eigen- 
tümlichen ständischen und sozialen Verhältnisse. Erst vom Dreißig- 
jährigen Kriege an änderte sich dies wesentlich ; die absolute Macht 
des Königtums brachte in die Finanzverwaltung eine bedeutende 
Gleichmäßigkeit und ließ die Finanzgeschichte der Länder mit der 
Reichsfinanzgeschichte zusammenfließen. Ferdinand oder vielmehr 
den Türken und ihrer imperialistischen Politik gelang es, den Steuer- 
gedanken in Österreich-Ungarn einwurzeln zu lassen und allgemein 
zu machen ; aber am Ende seiner langen, von mühevoUen Versuchen 
einer Verwaltungsreform erfüllten Regierung war Ferdinand doch im 
Defizit. Seine jährlichen Gesamteinnahmen bezifferten sich auf etwa 
97000 fl. aus den böhmischen Ländern und etwa 40000 fl. aus Ungarn. 
Die gesamten Jahresausgaben für den Hofhalt beziffern zwei 
venezianische Berichte (1549 und 1563) auf 1 365000 fl. bzw. 1 835000 fl. 



Die Bergwerke und die Staatsfinanzen. \^\ 

Die Einkünfte aus den Bergwerken nun gehörten mit denen 
aus den königlichen Gütern , den Grenzzöllen , den üngelten , dem 
Erbbiergroschen, dem Salzregal und den städtischen Kammerzinsen 
zu dem ordentlichen, d. h. der ständischen Bewilligung nicht unter- 
liegenden Einkommen, im Gegensatz zu den Steuern, dem außer- 
ordentlichen Einkommen. Wieviel aber dieses ordentliche Ein- 
konnnen zum Staatshaushalt beitrug, darüber wissen wir gar nichts, 
außer daß es viel weniger war als das Steuereinkommen. So gut 
wir verhältnismäßig über dieses letztere (insbes. durch Gindely) 
unterrichtet sind , so dürftig sind die Notizen über jenes , die sich 
in den venezianischen Gesandtschaftsberichten zerstreut finden. 
Außer von seinen Erbländern bezieht Ferdinand gar keine ordent- 
lichen Einnahmen, bemerkt Tiepolo 1532 ^ Von den Einkünften 
Böhmens sagt Cavalli 1543^, hat der König jetzt nichts als das 
Ungelt an den Toren von Prag, das jährlich ungefähr 100 000 fl. 
abwerfen kann, die Bergwerke, die zwar anderen verpfändet sind, 
aber der Münze Nutzen bringen und 20 — 30 000 fi. , welche die 
Kammer infolge Heimfalls oder infolge der Entdeckung neuer 
Bergwerke einnimmt. L. Mocenigo meldet 1559, das ordentliche 
Einkommen von den Bergwerken könnte 400 000 Taler betragen, 
aber die Spesen seien so groß, daß sie viel weniger einbrächten als 
sie soUten^. Die Abgaben von den Burgen und die Einnahmen 
von den Fischteichen und Herrschaften seien verpfändet. Die 
ordentlichen Einnahmen, heißt es 1563, w^elche ungefähr 500 000 Thlr. 
betragen, sind alle verpfändet mit Ausnahme einiger Burgen, die 
sich der Kaiser für die Jagd vorbehalten hat und die beiläufig 
28 000 Thlr. abwerfen. Die Einkünfte der Nebenländer in der Höhe 
von ungefähr 30 000 Thlr. seien alle verpfändet und es bleibe nur 
die in Böhmen gelegene Herrschaft Fardubitz , die kürzhch um 
20000 Pfund böhmischer Groschen vom Lande gekauft und dem 
König Maximilian geschenkt worden sei und deren Einkünfte 
250 000 betragen '^. Bezüglich der Bergwerke klagt Ferdinand selbst 
gelegentlich, daß sich die Einkünfte daraus jährlich kaum auf 
20—30 000 Schock böhmischer Groschen (ä 2 Thlr. oder 2V2 fl.) 
belaufen, und daß der ganze Betrag auf Instanderhaltung verwendet 
werden müsse, sodaß der reine Überschuß gleich Null sei. Wenn 
man die gesamten ordentlichen Einnahmen des Königs, die von 
der ständischen Bewilligung abhingen, auf jährlich 150 — 200000 fl. 
anschlägt — und höher wird man in Böhmen nicht gehen dürfen — 
so folgt daraus, daß vom Rentabilitätsstandpunkt oder vom staats- 
finanziellen Standpunkt aus die staatlichen oder königlichen Berg- 



X32 I^iö Bergwerke und die Staatsfinanzen. 

werke ihre ausschlaggebende Bedeutung für den Staatshaushalt 
verloren hatten. 

Wo aber liegt dann die innere ratio für die staatliche Berg- 
baupolitik? Wie kam es, daß der Staat, bzw. der König, den 
Tendenzen der Zeit entgegen, so eifersüchtig und zäh an der staat- 
lichen Betriebsführung, an der selbständigen Ausübung des Regals 
festhielt und gerade im Edelmetallbergbau ? War er blind dagegen, 
daß andere indirekte Verwertungsweisen ihm größeren materiellen 
Erfolg gebracht hätten als das Regal, das er weder kraftvoll zu 
behaupten noch endgültig preiszugeben fähig schien? Man könnte 
auf den Gedanken kommen, daß bei dem Mangel an Kredit, an 
sozusagen freischwebendem abstrakten Vertrauen in die Gesellschafts- 
und Staatsorganisation, die Bergwerke als hypothekarisches Pfand 
für jede finanzielle Transaktion nötig gewesen seien. Aber auch 
dies ist keine ausreichende Begründung der Staatspolitik mit ihren 
beiden charakteristischen Tendenzen, einmal der ßetriebskombina- 
tion und anderseits der Überlassung des Bergbaues an private 
herrschaftliche Unternehmungen. Die Erklärung liegt auf einem 
anderen Gebiete. Wir müssen etwas weiter ausgreifen. 

Die meisten Darstellungen des Bergrechts konstatieren für das 
sechzehnte Jahrhundert in Böhmen die Preisgabe der staatlichen 
Hoheitsrechte und Initiative und die Überlassung des Bergwesens 
an die ständischen feudalen Gewalten und heben im Gegensatz 
dazu z. B. die sächsische Bergbaupolitik hervor, die auf eine Ver- 
stärkung des staatlichen Einflusses hinzielte. Mir aber scheint diese 
Ansicht, daß „die böhmische Bergbaupolitik . . . das Heil des 
Bergwesens in dessen Auslieferung an Grundherren und Städte 
sah" ^, einseitig und stark übertrieben. Sie paßt jedenfalls nicht für 
die Zeit Ferdinands I., der vielleicht hier und da zuviel Energie in 
der gewaltsamen Verstaatlichung, d. h. Konfiskation privater Unter- 
nehmungen entwickelte, zuviel deshalb, weil die Verstaatlichung in 
einem Zeitpunkt erfolgte, als die Ergiebigkeit der Bergwerke schon 
nachgelassen hatte und sodann, weil es ihm an dem nötigen Kapital 
zur rationellen Fortführung der konfiszierten Unternehmungen fehlte. 
Aber auch seine Nachfolger waren keineswegs solche Schatten- 
herrscher, wie sie jene Darstellung voraussetzt. Von diesem Stand- 
punkt aus gesehen bedeutet das Ferdinandeische Zeitalter nur eine 
kurze Episode in der dauernden Tendenz der Gesamtentwicklung, 
die darauf hinausging, den Staat aus dem Wirtschaftsleben hinaus- 
zudrängen. Eine Episode bedeutet das sechzehnte Jahrhundert 
allerdings für den Bergbau, aber in einem andern Sinn : es ist eine 



Die Bergwerke und die Staatsfinanzen. 133 

kurze intensive Nachblüte des Bergbaues nach den Stürmen der 
Hussiten und vor den Wm-en des dreißigjährigen Krieges, aber der 
Einfluß des Staates auf das Bergwesen scheint mir ebenso weit 
hinter jenen Anfang zurückzureichen, wie über dieses Ende sich 
hinauszuerstrecken. Richtiger ist es vielleicht, in den beiden Berg- 
werksvergleichen, die ja freilich als eine Machtminderung des Staates 
anzusehen sind, nicht eine unbedingte Abdankung des Staates zu- 
gunsten der Grundherren zu erbhcken, sondern vielmehr eine Be- 
teihgung der Grnndherren am materiellen Ertrage, um die sich der 
Staat einen ideellen Gewinn erkauft: die Autonomie der Gesetz- 
gebung in Bergsachen, die Wahrung seiner idealen Hoheitsrechte. 
Entwickelte ja die Hofkammer noch km'z vor Abschluß des ersten 
Bergwerksvergleichs den Grundsatz, daß für alle Opfer, welche die 
Könige dem Lande gebracht, ihnen sämtliche Bergwerke eigen- 
tümlich gehören sollten; die Einräumung des vierten Teils des 
Zehents für die GiTindherren bedeute schon eine große Gnade. Wenn 
nun auch diese Ansicht keinen praktischen Erfolg hatte, wofür eben 
der Vergleich Beweis ist, so ist sie doch symptomatisch dafür, daß 
der Staat keineswegs gesonnen war, sich den Grundherren rückhaltlos 
auszuliefern. Freilich war die ideelle Herrschergewalt ohne die 
materielle Fundieiiing realer Machtmittel nicht viel nutz, dies zeigte 
sich sowohl in der laxen Handhabung der staathchen Gesetze gegen 
Ende des sechzehnten Jahrhunderts wie auch in der Unergiebigkeit 
und dem Verlust des fiskalischen Bergbaues zu einer Zeit, wo der 
private noch emporblühte. Dies aber hängt mit den verschiedenen 
Grundsätzen zusammen, nach denen hier und dort gearbeitet w^urde. 
Die Wirtschaftsprinzipien und die Geschäftspolitik in den privaten 
und in den staathchen Unternehmungen waren keineswegs identisch. 
Der Staat arbeitete hin auf die größtmögUche direkte Ertrags- 
nutzung der Bergwerke , die Grundherren auf die größtmögliche 
indirekte. Für den Staat kam es also darauf an, in kurzer Zeit 
möglichst viel Edelmetall zu gewannen; für die Grundhen-en waren 
die Bergw^erke nur ein Glied in einem Vermögensorganismus, ein 
Mittel, ihren Gesamtbezitz möglichst nutz- und fruchtbringend zu 
verwerten. Sie hatten zwar auch das Interesse an möglichst großen 
Geldüberschüssen, aber es war ihnen relativ gleich, wie sie diese 
erlangten, und sie verzichteten eventuell auf das Ertragsmaximum 
aus ihren Bergw^erken, wenn sie durch dichte und steuerkräftige 
Population mit einem großen Konsum an Lebensmitteln, die sie 
ihnen [lieferten, dasselbe oder noch mehr gewannen. Diese Ver- 
schiedenheit der Zwecke hier und dort bedang notw^endig eine ver- 



134 Die Bergwerke und die Staatsfinanzen. 

schiedene Gesetzgebung; der Staat mußte notgedrungen — sogar 
wider seinen eigenen Grundsatz — eine stark exklusive Handels- 
und Gewerbepolitik treiben, hatte auch auf altererbte Rechte der 
Städte Rücksicht zu nehmen, während die Stände sich einen viel 
größeren Liberalismus gestatten konnten. Daher erließ der Staat 
je nach dem Bedürfnis Ausfuhrverbote der Edelmetalle, Einfuhr- 
verbote (auf Zinn), unterdrückte neu aufkommende Industrien (Glas- 
hütten, niedere Metalle), während der Grundherr zugleich als Förderer 
der Gewerbe- und Handelsfreiheit auftritt (vgl. die Rosenbergische 
Gesetzgebung für Südböhmen). 

Sternberg verurteilt diese staatliche BergbaupoHtik und sieht 
in ihr wiedei*um einen Hauptgrund des raschen Niedergangs des 
böhmischen Bergbaues. Wenn ich ihn recht verstehe, so hätte nach 
seiner Meinung anstelle der fiskalischen und sozialen Bergbaupolitik 
eine mehr individualistische und aufgeklärt merkantilistische treten 
müssen. Der Staat hätte die private Betriebsamkeit sich voll ent- 
falten lassen und nicht in der Hinwegbesteuerung der Bergwerks- 
rente, sondern in der größten Entfaltung des ganzen mit dem Berg- 
wesen verbundenen Wirtschaftslebens seinen Gewinn suchen sollen. 
Mit dieser Ansicht hat Sternberg sicherlich in manchem Recht, 
namentlich die Unterdrückung des aussichtsvollen Bergbaues auf 
die unedlen Metalle aus forstpolitischen Gründen war, wie wir noch 
zeigen werden, ein großer Schaden. Diese weitsichtige Politik hatte 
den Fehler, nicht weitsichtig genug zu sein. Aber Sternberg übersieht 
doch, wie mir scheint (und damit kommen wir auf unsere oben be- 
rührte Frage zurück), das eminente und spezifische Interesse, das 
der Staat als M ü n z h e r r an dem Bergbau hatte. Ein Verständnis 
der staalichen Bergbaupolitik ohne Berücksichtigung seiner Münz- 
politik scheint mir nicht möglich. Der Grundherr ist ein Unter- 
nehmer, der seinen Gesamtbesitz gut zu verwerten sucht, der König 
aber ist der Herr des Geldes, und die Bergwerke sind die Quelle 
seiner Macht und die Basis seines Rechts. Von liier aus werden 
wir die Industriepolitik des Staates betrachten und wird uns die 
Konzentrationsbewegung des staatlichen Bergbaues im sechzehnten 
Jahrhundert nochmals in besonderem Lichte erscheinen". 

Für den Staat kam es darauf an, möglichst viel Münzmetall 
zu möglichst günstigen Bedingungen zu erhalten und das gewonnene 
möglichst hoch auszubringen. Wollte er das Geldwesen beherrschen, 
so konnte er das })ei den unentwickelten Verkehrsverhältnissen 
und dem Mangel anderweitiger Beschaffungsgelegenheit nur durch 
BeheiTSchung der ganzen Bergwerksproduktion, das Endprodukt 



Die Bergwerke und die Staatsfinanzen. I35 

Geld teilte den vorhergehenden Produkten und Produktionsstadien 
ihren endgültigen Wert zu, bestimmte das Wertniveau der Roh- 
produkte und Halbfabrikate. Nun aber war das sechzehnte Jahr- 
hundert zweifellos eine Zeit sinkenden Geldwerts oder steigender 
Geldproduktionskosten. Das Streben des Staats mußte, da er mit 
dem Preise des Geldes nicht beliebig folgen konnte, darauf hinaus- 
gehen, die Gesamtkosten auf einem mögUchst stabilen Niveau zu 
erhalten. Diesem Zwecke diente unter anderen die Betriebs- 
kombination. Sie lag vielfach sowohl im Interesse der Gewerken 
Avie des Staates selbst. Erstens die Ausschaltung des Zwischen- 
handels, der Erzkäufer, und die Errichtung eigener fiskalischer Kauf- 
stellen für Erze war gewiß in vielen Fällen auch den armen Ge- 
werken und Häuern erwünscht. Die Kartelle der privaten Erz- 
käufer drückten jedenfalls die Preise, behandelten die Gewerken 
ungleich, betrogen sie. Das schreckte sicherlich viele vom Bergbau 
ab ; namentlich ärmere Leute, die nicht warten konnten, bis sie eine 
günstige Verkaufskonjunktur treffen würden, erhielten durch den staat- 
lichen Erzkauf eine sichere, konstante und ehrliche Absatzgelegen- 
heit, der zuliebe sie gern auf den höchsten Preis verzichtet haben 
werden. Zu verwundern bleibt nur, daß die Erzkäufer nicht selbst 
die Gruben in die Hand bekamen und die Gewerken auskauften und 
dies umso mehr, als mit zunehmender Kapitalintensität des Berg- 
baubetriebs (im Gegensatz zu heute) der kapitalki'äftige Zwischen- 
handel eine bevorzugte Stellung erlangte. Die Weitei'verarbeitung 
des Goldes und Silbers hatte sich der Staat allein vorbehalten und 
darum dauernd ein Aasfuhrverbot auf die Metalle gelegt. Bei anderen 
Metallen, die er kaufte, kontrahierte er sofort weiter, so z. B. beim 
Schlaggen wald er Zinn ^". 

Mit dem Erzkauf allein kontrolHerte aber der Staat noch nicht 
den ganzen Produktionsprozeß ; dazu brauchte er eben die Verfügung 
über die Wälder (die damaligen Kohlenwerke) und die Schmelz- 
hütten. Beides sicherte er sich in ausreichendem Maße. Auch die 
GrundheiTen suchten möglichst viele Teile des ganzen Produktions- 
prozesses an sich zu bringen, zu kontrollieren, aber für sie empfing 
nicht ein jeder einzelne Teil seinen Wert und seine endgültige Be- 
deutung vom Endprodukt (Münze) her, sondern es fügten sich die 
einzelnen Unternehmungen ziemlich gleichwertig als Gheder eines 
übergeordneten Organismus der landwii-tschaftlich - industriellen 
Gesamtunternehmung ein. Die Vorteile, die mit dieser Kombination 
erzielt wurden, waren ja gewiß in beiden Fällen vielfach die gleichen, 
aber der innere Sinn war, wie mir scheint, hier und dort ver- 



136 ^^iö Bergwerke und die Staatsfinanzen. 

schieden. Man könnte den Unterschied auch etwa so ausdrücken: 
der Staat hat das Interesse, die einzelnen Teile des Gesamt- 
produktionsprozesses unter seine Kontrolle zu bringen, sich zum 
Trustherrn des ganzen Berg- und Hüttenwesens zu entwickeln, der 
Grundherr ist von vornherein ein Trustherr in sich selber. Mit 
der Betriebskombination w^ar auch eine Verbesserung der Betriebs- 
administration vielfach möglich und durch die ungünstige Lage der 
Werke geradezu gefordert. Die Beamtenregulierungen und -Zu- 
sammenlegungen, die der Fiskus in dieser Absicht einführte, haben 
aber wohl mehr geschadet als genützt. Auch Standortsverbesserungen 
gestattete unter Umständen diese Betriebsvereinigung, so z. B. wenn 
die Schmelzhütten an die Elbe verlegt wurden, um die Transport- 
kosten des Holzes von dem FloMiafen bis zur Schmelzhütte zu er- 
sparen ^^ 



137 



Die Bergbauindustrie und die neuere 
Naturwissenschaft. 



Wir haben uns daran gewöhnt, Wissenschaft und Wirtschaft 
als unlöslich miteinander verknüpft zu betrachten, unter Wissenschaft 
die „exakte" Naturwissenschaft, deutlicher noch eine mechanistische 
Betrachtung des Weltganzen und unter Wirtschaft das kapitalistische 
System als eine besondere und zwar ökonomisch exakte Technik 
des Wirtschaftens , den universalen ökonomischen Mechanismus 
oder mechanistischen PanÖkonomismus zu verstehen. Ja wir pflegen 
noch weiter zu gehen und stellen mit Berufung auf das neunzehnte 
Jahrhundert im Gegensatz zur Antike, die Athene, die gewappnete 
Weisheit, aus dem Haupte des Zeus geboren sein läßt, das ursprüng- 
liche Verhältnis so dar, als ob die Wissenschaft die Wirtschaft aus 
sich erzeuge, als ob sie unmittelbar lebensspendend wäre ; deutlicher : 
wir sagen, die Wissenschaft schaffe die Technik und aus den 
Laboratorien, den Brutstätten kunstvoller Weisheit, seien die großen 
Errungenschaften unseres Zeitalters hervorgegangen, der gesegnete 
Bund der Wissenschaft mit der Wirtschaft habe uns die Kräfte und 
Fähigkeiten vervielfacht und kein Jahrhundert habe so sehr wie 
das neunzehnte der Ansicht Bacons, der die wissenschaftliche Praxis 
eines Jahrhunderts in die Sprache der Logik kleidete, Recht ge- 
geben, daß es das wahre und rechte Ziel der Wissenschaft sei, das 
menschhche Leben mit neuen Erfindungen und Mitteln zu bereichern 
und aus der mangelnden Erkenntnis dieses Zieles die langsame Ent- 
wicklung der Naturwissenschaften sich erkläre. 

Die Logik, die innere Berechtigung jener Konstruktion steht 
hier ebensowenig zur Erörterung wie die Diskussion dieser Baco- 
nischen Meinung. Nur darauf allein sei hingedeutet, daß allerdings 
die Verbindung zwischen moderner Naturwissenschaft und KapitaHs- 
mus auf einer Wahlverwandtschaft beider beruht, indem beide mit 
den gleichen geistigen Elementen operieren, eine gleichartige Struktur 
und Textur des Geistes voraussetzen, die gleiche Formung des 
Geistes in verschiedenem Material bedeuten. Und ebensowenig wie 



138 I^iß Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 

jener behauptete Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Wirt- 
schaft ein bloßer Irrtum , ein zufälliger , auf Mißverständnis des 
wahren Sachverhalts beruhender Denkfehler ist, ebensowenig zu- 
fällig ist die Tatsache, dafs das sechzehnte Jahrhundert in gleicher 
Weise die erste Grofsindustrie und die moderne Naturwissenschaft 
entstehen läßt. 

Gehen wir aber bis zu den geschichtUchen Ursprüngen zurück, 
so verschiebt sich freilich die Ätiologie, der Zusammenhang zwischen 
Wissenschaft und Wirtschaft, den beiden dauerbarsten Neu- 
schöpfungen des schöpferischen Zeitalters der Renaissance. Damals 
gab es keine Laboratorien, in denen die „reine Wissenschaft" — selbst 
erst eine sehr spätgeborene Idee — ihre Heimstätten aufschlagen 
konnte, und was die alchimistischen Werkstätten betrifft, so waren 
sie nicht auf einen wissenschaftlichen als vielmehr wirtschaftlichen 
Zweck aus. Damals gab es überhaupt keine Wissenschaft in dem 
uns geläufigen Sinn, sondern just die Wirtschaftsbetriebe der Zeit 
wurden zur großen und einzigen Lehrwerkstätte, wo die Natur selbst 
erst als ein Gegenstand der Betrachtung entdeckt wurde — unter 
den Entdeckungen des Zeitalters der Entdeckungen vielleicht die 
größte. Hier in den Bergwerken entzündete sich der wissen- 
schaftliche Geist und bildeten sich im tägUchen Anschauen einer 
geschäftigen Betriebsamkeit die zweckmäßigen wissenschaftlichen 
Methoden und hatten sich in steter Praxis immer neu zu bewähren, 
bis sie in ihi'er höchsten Verfeinerung als Werkzeug zur Beherrschung 
der Natur, des Lebens selbst, geeignet wurden. So erscheint in 
geschichtlicher Beleuchtung dasjenige, was das neunzehnte Jahr- 
hundert der Wissenschaft und wissenschaftlichen Technik verdankt, 
wäe die verspätete Rückzahlung einer Dankesschuld, wie das späte 
Lehrgeld an den alten Meister, wde die Tilgung eines zur Erhaltung 
eines zarten Geschöpfes aufgebrauchten Kapitals. Und wenn Ranke 
gelegentlich meint, es müßte ein herrliches Werk sein, wenn einmal 
die Teilnahme, welche die Deutschen an der Fortbildung der Wissen- 
schaften überhaupt genommen haben, im Lichte der europäischen 
Entwicklung jedes Jahrhunderts mit gerechter Würdigung dargestellt 
werden könnte: „Zu einer allgemeinen Geschichte der Nation ist 
es eigentlich unentbehrlich", so ist es vielleicht nicht weniger not- 
wendig, einmal darauf hinzuweisen, wieviel die sich entwickehide 
Wissenschaft überhaupt dem geschäftigen Leben des Alltags, den 
Praktiken und Erfahrungen und der schUchten Weisheit um ihr 
Brot besorgter Menschen und Menschlein verdankt. An den Berg- 
werken haben alle Musen ihren Sitz aufgesclilagen, mit den Metallen 



Die Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 139 

und Erzen wurde aus den Tiefen der Erde auch die neue Wissen- 
schaft ans Licht gebracht. Die Berggeister, die guten wie die 
neckischen, verließen die Welt und an ihre Stelle trat der Geist 
der Kritik; dahin ist das mythische Zeitalter des Wissens — die 
Virtuosität der Erfahi-ung, die Wissenschaft als Instrument mit dem 
ganzen Ernst, der ganzen Freudigkeit und der ganzen Zuversicht 
der Jugendlichkeit zieht aus, die Welt zu erobern. Aus dem mysti- 
schen Halbdunkel, in welchem das Mittelalter die Summe seiner 
spitzen Weisheit gefangen hielt, löste sich allmählich, auf einem 
anderen geistigen Fundament, einem neuen Erkenntnisprinzip ruhend, 
ein neues wissenschaftliches Weltbild in anschaulicher Klarheit und 
Breite, wie aus dem Dunkel des handwerklichen Kleinbetriebs all- 
mählich und sehr vermittelt sich die Produktionsstätten der kapita- 
listischen Großbetriebe herauslösten. Gegenüber der mittelalter- 
lichen Einheitlichkeit des Lebens, die wie die Himmelsrose alle 
menschlichen und göttlichen Kräfte in sich verschließt, bedeutet 
dieser neue Aufbau der Welt die „Entfaltung" ins Breite, Massen- 
hafte, die Projizierung des Geistes in das Weltgeschehen. Dieses 
neue Prinzip aber, das sich mit Vehemenz Bahn bricht, ist das der 
Erfahrung, der auf Beobachtung des Lebens gegründeten Er- 
fahrung, dem die Spekulation, das kontemplative Versenken in die 
Dinge, weichen muß. Nur wenige Momente seien hervorgehoben, 
um die geistesgeschichtliche Bedeutung der Erfahrung, sowohl für 
die Wissenschaft als für die Wirtschaft zu charakterisieren: 

1. Das Prinzip der Erfahrung ist praktisch, auf den Nutzen 
gerichtet, ökonomisch. Es beginnt damit die Wertung des Reich- 
tums an Kenntnissen mit Rücksicht auf ihre praktische Verwert- 
barkeit, die Akkumulation, die Kapitalisierung des Wissens; die 
Extensität des Geistes entfaltet sich zugleich mit der Erweiterung 
des geographischen Gesichtskreises. Bisher, so klagen die Vertreter 
der neuen Lehre übereinstimmend, sei die Erkenntnis des vor aller 
Augen Liegenden, des SinnfälHgen vernachlässigt worden, die ver- 
schiedenen Arten der Lebewesen, das was auf und unter der Erde 
geschieht und erzeugt wird, sei uns bisher verborgen geblieben; 
eben darum hätten wir uns bisher solcher Naturschöpfungen nicht 
zum eigenen Nutzen bedienen können ^ Hinter den unmittelbar 
praktischen Zweck des Wissens, die secundae causae, tritt jetzt die 
Erklärung aus letzten Ursachen, die prima causa zurück. Diese 
Erklärungen, besonders die theologisch-dogmatische, sind gut für die 
Sonntage und stillen Stunden, zunächst aber will man sich jetzt in 
der Welt zurechtfinden, die Natur „beherrschen", wie man sie wirt- 



140 Die ßergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 

schaftlich ohne irgendwelche Grenzsetzung ausbeutet, das Wort 
„Fortschritt" mit dem ganzen verhängnisvollen Schwergewicht seiner 
Bedeutung beginnt eine lebendig wirksame Kraft zu werden. An 
Stelle der Einordnung alles Wissens unter den politisch- ethischen 
Gesichtspunkt, wie etw^a im Römertum, an Stelle des mittelalter- 
lichen ad majorem dei gloriam tritt jetzt als Leitmotiv alles Wissens : 
ad majorem hominis utilitatem^. 

2. Das neue Prinzip der Erfahrung ist zugleich ein bürger- 
liches, noch deutlicher ein demoki-atisches, in den Städten und für 
Städter, von Praktikern und für praktische Zwecke ausgebildet und 
berechnet. Die Erfahrung ist, wieder Baconisch gesprochen, ein 
Idol des Marktes. „Es gibt auch Idole, welche eine Folge der 
gegenseitigen Berührung und Gemeinschaft des menschUchen Ge- 
schlechts sind, und die ich wegen des Verkehrs und der Verbin- 
dung der Menschen die Idole des Marktes nenne. Denn die Menschen 
gesellen sich zu einander vermittels der Rede; aber die Worte 
werden den Dingen nach der Auffassung der Menge beigelegt. ..." 
Was so die Gelehrten an neuem Wissen zutage förderten, es fand 
seine Resonanz, sein Publikum in den betriebsamen Städten, in den 
Organisationen bürgerlichen Gemeingeistes und wirtschaftlicher Ge- 
schäftigkeit. Hier war Teilnahme, Interessiertheit einer Gesamtheit 
an den Forschungen eines Einzelnen, zugleich Freiheit vom Dogma- 
tismus, hier auch lebendige Kiitik und Skepsis, der nicht unbrauch- 
bare Gelahrtheit und grüblerischer Tief sinn, sondern unmittelbar 
zweckdienliche und sinnlich beweisbare Erkenntnis frommte und 
imponierte. Der Wunsch, sich gegenseitig zu überzeugen und über- 
zeugen zu lassen, mußte notwendig die stillschweigende Überein- 
kunft hervoiTufen, nichts als die Resultate der Beobachtung und 
Rechnung gelten zu lassen. Es bildet sich die Wahrheit für alle, 
die gesellige, sozialisierende, lehrbare Wahrheit, die für alle bereit 
steht, aber von jedem einzelnen für sich „angeeignet", bewältigt 
werden muß ^, im Gegensatz zur versteckten Wahrheit des Mystizismus, 
die eine Wahrheit für den einzelnen ist, der sie erschaut, erlebt; 
und mag solche Demokratisierung des Wissens gegenüber der aristo- 
kratischen Selbstgenügsamkeit des mittelalterlichen Forschers mit 
einer Gesamtdepression des Geistesniveaus einhergehen, so steigert 
sie doch anderseits die Verantwortlichkeit des Gelehrten, der jetzt, 
indem er aus dem Leben für das Leben schöpft, eine gewichtige 
öffentliche Person, der Apostel und Schatzhalter der materiellen 
Interessen einer Gesamtheit wurde. Dieses Wissen erhält nun auch 
alsbald die ethisch-religiöse Weihe, wird Pflicht, und schon bricht 



Die Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft, 1^1 

der Gedanke durch, daß der Erfolg im äußeren Leben, das Glück 
im Beruf der göttliche Lohn für die Bewährung, für die ökonomischen 
Tugenden des Fleißes, der Redlichkeit, Willensstärke und — des 
Wissens sei; der Reiche oder Glückliche sei der im Berufe Be- 
wälu-te, sein Reichtum und Glück sei die Krönung der Tugend und 
Weisheit, jeder sei so seines Glückes eigner Schmied, unter Glück 
das Wohlergehen, die breite Behaglichkeit verstanden — wiederum 
ein recht bürgerlicher und neuzeithcher Gedanke*. 

Und 3. begründet die Erfahining wie die Einheit der Technik 
so die Unendlichkeit der Wissenschaft, das Wissen ohne Ende, denn 
die Fragen, die an die Natur gestellt werden können, sind unzähl- 
bar, „je länger man der nachsucht, je länger sie einem nachzusuchen 
verursacht". Indem man die Natur mit der Erfahrung begreifen 
will, macht man das Wissen aus einem Sein zu einem Prozeß, dessen 
Ende im Unendlichen liegt, genau wie das für die Wirtschaft adäquat 
der Kapitalismus leistet, der die Wirtschaft ohne Ende, die Zeit- 
losigkeit des Wirtschaftens selbst ist. Und wenn so kein Ende 
mehr abzusehen ist, so heißt das, daß beide, Wissenschaft und 
Wirtschaft, „Selbstzwecke" geworden sind, da sie eben keinen End- 
punkt außer sich mehr haben, dem sie zustreben, sie sind so nicht 
mehr Adnexe des Lebens, sondern dieses setzt sich aus solchen 
rationalen Gebilden zusammen. 

4. Sodann aber ist das neue Prinzip antiautoritär; die neue 
Wissenschaft lehnt sich auf gegen die Tradition sowohl der Antike 
wie des Mittelalters und traut sich selbst das Größte und Schwierigste 
zu, die Wahrheit von sich aus zu finden. Zahlreich und immer 
wiederkehrend sind die Meinungsäußerungen, daß die Griechen in 
den beschreibenden und erklärenden Naturwissenschaften nicht das 
Höchste geleistet, daß die Römer die Griechen nur ausgeschrieben, 
die Araber mit Avicenna an der Spitze teils nicht mehr verstanden, 
teils nicht bekannt genug sind und Albertus Magnus, der mittel- 
alterliche Repräsentant des Naturwissens, Spekulation und Erfahrung, 
Dichtung und Wissenschaft durcheinander gemengt habe^. 

Aber nur allgemach vollzog sich die Emanzipation der modernen 
Wissenschaft von dem mittelalterlichen Geiste und ohne den Makel 
des Parvenütums. Denn die Vertreter und Lehrer der neuen Auf- 
fassung von der Natur waren — wenn auch Männer der Praxis 
und des Lebens — gebildet, durchtränkt und beladen mit der Weis- 
heit der Jahrhunderte — wir stehen im Zeitalter des Humanismus — 
ohne ihre Knechte zu sein, und in ihren Interessen wie in ihren 
Fähigkeiten von jener erstaunlichen Vielseitigkeit und Versatilität, 



142 Die ßergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 

die dem neuzeitlichen Spezialistentum immer mehr abhanden ge- 
kommen ist ^. Diese Anknüpfungen an das Gegebene, diese Reverenz 
vor der Geschichtlichkeit, zeigt sich in einer Unlust zur Polemik 
und zum radikalen Bruch mit der Tradition, der z. B. den feinsten 
Geistern dieses Zeitalters, den christlichen Humanisten, verwehrte, 
sich der Reformation anzuschließen, worin sie, mehr Patrizier als 
Aristokraten des Geistes, Demagogie w^itterten (Erasmus, Agricola, 
Paracelsus) '^. 

Bezieht sich das auf die formale Seite , so ist doch auch 
der Inhalt der neuen Lehre sehr verschieden von der Art von 
Wissen, mit der wir die Vorstellung exakter Wissenschaft im be- 
sonderen zu verbinden pflegen und scheint uns „Aufgeklärten" von 
heute oder ehegestern als bloße romantische Naturphilosophie^. 
Noch war nämlich jener radikale Schnitt durch den Kosmos nicht 
gezogen, wodurch das Weltganze in zwei Hälften, eine lebendige, 
Averdende, organische und eine tote, unveränderliche, anorganische 
Hälfte zerfiel, noch ist das Leben eins, und alles lebt, west, atmet, 
wächst und vergeht, auch die Steine und Metalle sind gespeist von 
der geheimnisvollen Lebenskraft oder Gott, noch wohnt in jedem 
Teil und Teilchen der Materie die Seele, seine Seele, hat jedes 
Ding seine eigene, ihm vom Schöpfer verliehene Würde und birgt 
sein eigenes Geheimnis. Erst das neunzehnte Jahrhundert tat hier 
den letzten Schritt, zog alles Weltgeschehen vom Himmel auf die 
Erde herab, sperrte es in Zahlen und Maße ein, lehrte die Unver- 
änderlichkeit von Kraft und Stoff und leugnete, daß unter der Sonne 
etwas Neues entstehen könne. Durch das Prinzip von der Erhal- 
tung der Energie ist die „Lebenskraft" überflüssig gemacht, die 
Natur ein Ganzes von quantitativer Unveränderlichkeit, aber auch 
von unveränderlicher Quantität. Damit ist der Kosmos übersehbar 
und berechenbar geworden und die Verbindung zwischen den Natur- 
wissenschaften hergestellt. Während früher auch die „toten" Sub- 
stanzen leben, wachsen, sich miteinander verbinden, sind nunmehr 
auch die lebenden nur Kraftaufspeicherungen, Energiequantitäten ^, 
die Natur selbst wirkt im großen Maßstab nach dem ökonomischen 
Prinzip, das ökonomische Prinzip ist ein Naturgesetz: dies ist die 
späte Konsequenz der Lehren, die in ihren Anfängen im sechzehnten 
Jahrhundert, von dem Duft der Religiosität umwoben, noch scham- 
haft und zaghaft auftraten. 

Diese wenigen Bemerkungen allgemeiner Art sind nunmehr 
durch einige Beispiele zu beleben, und wie von selbst richtet sich 
der Blick auf einen der Väter der neueren Naturwissenschaft, den 



Die Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 143 

Begründer der wissenschaftlichen Mineralogie, Berg- und Hütten- 
kunde, Georg Agricola (1494 — 1555), den Stadtarzt von Joachimsthal 
und späteren Stadtarzt und Bürgermeister von Chemnitz, der die 
liier angedeuteten einzelnen Züge v^ie in einem Spiegel gesammelt 
in sich vereinigt. Von seinen berühmtesten Zeitgenossen schon, 
und wahrlich nicht geringen, wegen seiner profunden Gelehrsamkeit 
und der Neuheit seines Bhckes bewundert, erntete er von Goethe 
das Lob^^: „Eine tüchtige und wohl um sich herschauende Natur, 
dabei Kenner des Altertums, gebildet durch die alten Sprachen, 
sich bequem und anmutig darin ausdrückend ... so bewundern 
wir ihn noch jetzt in seinen Werken, welche den ganzen Kreis des 
alten und neuen Bergbaues, alter und neuer Erz- und Steinkunde 
umfassen und uns als ein köstliches Geschenk vorliegen" ^^ Der 
ehemalige Lehrer des Griechischen und Rektor der Gelehrtenschule 
von Zwickau, der sich erst in reiferen Jahren dem ärztlichen Beruf 
zuwandte, hat uns über die Beweggründe, die ihn veranlaßten, sich 
gleich nach Beendigung seiner Studien in einer Bergstadt, einem 
Industriezentrum also, anzusiedeln, nicht im Unklaren gelassen. Er 
spottet (wie sein großer Zeitgenosse Paracelsus) über die geringe 
wissenschaftliche Einsicht seiner ärztlichen Berufsgenossen, welche 
täglich gelehrte Fachausdrücke, lateinische und griechische Rezepte 
im Munde führen, deren Sinn sie nicht verstünden. So sei die 
Anwendung und Wirkung von Heilmitteln aus dem Mineralreich, 
deren sich die Alten mit ausgezeichnetem Erfolge bedienten, nicht 
mehr bekannt. Der Wunsch, diese Lücke im Wissen und der Kunst 
der Aerzte auszufüllen und das, was die Alten gewußt hätten, für 
seine Zeit wieder zu beleben, zu den alten Namen die Dinge wieder- 
zufinden, sei der Hauptgrund gewesen, der ihn in die Sudeten, die 
zur Zeit reichsten Metallfundstätten Europas, geführt habe ^^. Dieser 
praktische Gesichtspunkt, die Wissenschaft durch ihre Verbindung 
mit dem tätigen Leben zu bereichern und anderseits diesem durch 
wissenschaftliche Einsicht zu nützen, diese Förderungsmaxime und 
Arbeitsteilung, die im Laufe der Zeit so erstaunliche Resultate ge- 
zeitigt hat, war für ihn bei allen seinen Bestrebungen ausschlag- 
gebend ^^, und so sehr blieb er sich dieser engen Verknüpfung der 
Praxis mit der Wissenschaft — die ganze Wissenschaft nichts als 
eine große „Arbeitshypothese" — bewußt, daß die feinsten Geister 
der Zeit, ein Erasmus z. B., die nicht ganz unbegründete Befürch- 
tung äußerten, es könnte das Wissen durch seine Berührung mit den 
Alltäglichkeiten zu erdhaft werden, in eine neue Dienstbarkeit der 
Wirtschaft geraten, nachdem es sich kaum noch aus den mittel- 



144 I^iß Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 

alterlichen Gebundenheiten befreit hatte, und den Zug ins Hohe und 
Große verlieren ^*. Die Neuheit der Aufgabe mußte überdies einen 
lebendig wirksamen Geist reizen, denn hier war nicht aus Büchern 
zu lernen, sondern alles erst neu zu entdecken: Griechen, Römer, 
Araber, nicht ein Kanon, bei dem man sich zu beruhigen, sondern 
eine Stufe, die man zu überwanden hatte. Und so wie er, der nie 
Polemik um ihrer selbst wallen trieb ^^, sprachen alle großen Natur- 
forscher der Zeit, von dem radikalen Paracelsus, der übrigens seine 
Schule in den Schwazer Bergwerken in Tirol durchgemacht hatte, 
bis auf Baco, der es der Ehrerbietung vor dem Altertum zuschrieb, 
daß die Menschen wie durch einen mächtigen Zauber im wissen- 
schaftlichen Fortschritt aufgehalten worden seien. 

Diese Stellung einerseits der Praxis, anderseits der Wissen- 
schaft gegenüber mündete in die Forderung ihrer größtmöglichen 
gegenseitigen Extensität, Durchdringung und wechselseitigen Be- 
herrschung: der Gelehrte sei ein universaler Praktiker, wie der 
Praktiker ein universaler Gelehrter. Für das Ideal des Gelehrten 
der Zeit ist Agricola selbst die Verkörperung, er, der zugleich klassisch 
gebildeter Humanist und Pädagoge, ausübender Arzt, Mineraloge 
und berg- und hüttenkundiger Gelehrter, Bürgermeister, Politikei- 
und Literat war, in allen Tätigkeiten und Stellungen sich geschickt 
bewegte und erfolgreich bewährte. Wie er sich den idealen Prak- 
tiker, etwa den „modernen" Unternehmer oder richtigen Bergmann 
denkt, zeigt er, indem er angibt, welche Eigenschaften und Wissen 
Schäften ein solcher haben muß^^. Man vergleiche diese harten 
soliden realistischen Forderungen mit dem Tugendspiegel der Kon 
stitutionen aus der Blütezeit des Mittelalters, um den ganzen Ab 
stand und die Neuheit der Zeitlage zu ermessen. An ganz andere 
sozusagen mehr äußerliche, meßbare, ökonomische Qualitäten des 
Menschen wird da appelliert. 

Wie aber dieser utilitarische Standpunkt nicht hinderte, daß 
die Lehre sich in elegantem Gewände präsentierte — das Elementar- 
buch der europäischen Mineralogie, der Bermannus, ist in der liebens- 
würdigen Form des Dialogs mit vollendeter Urbanität im Ausdiiick 
und in der ganzen Haltung geschrieben — so bekunden die Theoreme 
der neuen Wissenschaft selbst noch ein durchaus zartes und intimes 
Verhältnis zur Natur, deren Betrachtung ihm „der Seelen süßeste 
und anmutigste Speise" ist. Man braucht nur einige Elemente 
dieser Lehre Agricolas oder vielleicht noch besser nach seinem 
PopularisatorMatthesius, mit der deutlicher Anspielung auf Agricola ^' 
sie dem Volke, dem sie ja entstammt, mundgerecht zu machen sucht, 



Die Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. ^45 

zusammenzustellen, um das Lebendige, Frische, Unmittelbare dieses 
Verhältnisses zu empfinden. 

In der Erde entstehen und wachsen allerlei edle und gemeine 
Steine neben mancherlei köstlichen und heilsamen Bergsäften, ver- 
schiedenen Bergarten, Erzen und reinen Metallen. Zu den Erd- 
und Bergsäften gehören : Bernstein, Kampher, Petroleum, Erdwachs, 
Salz, Alaun, Kupferwasser usw. Was in Gängen bricht oder liegt 
und kein Metall bei sich hat, heißt eine metallische oder minerische 
taube oder leere Bergart ; was gut und gültig ist und Metalle führt, 
heißt Erz. Metalle (Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, Wismuth, 
Quecksilber und Spießglas) sind „irdische Leibe, auß Staub und 
feuchten und feinsten dünsten, so die natürliche hitze auß der erden 
oder felden zusammenzeucht, oder die auß dem gestein in die genge 
prodement, von gott geschaffen werden" ^^. Sie entstehen aus den 
Urelementen Quecksilber und Schwefel ^^. „Mehr wissen wir nicht 
nach der Schrifft und aus der vernunfft von der materia und forma 
vnd causis metallorum zu reden, denn das sie Gott aus erd und 
Wasser durchs feuer zusammenschmelzet vnd durch die kelten sie 
lifern und gestehen lesset". Hier ist eine Grenze der natürlichen 
Vernunft und der Erfahrung ''^*^. Aber folgende 3 Sätze, meinte 
Matthesius, ließen sich beweisen: 

1. daß die Bergarten und Erze noch heutigen Tags nicht allein 
im unverschrotenen Felde, sondern auch da, wo ein Feld verfahren 
ist, wachsen; 

2. daß die Bergarten und Erze mit der Zeit durch natürhche 
Wirkung in andere, bessere verwandelt und transsubstanziert 
werden, bis sie gediegen oder zu ihi-em Stillstand und ihrer Voll- 
kommenheit gelangt sind^^ und, 

3. worüber aber nicht alle Gelehrten einig seien, daß ein Erz 
oder Metall, das zu seinem Stillstand und Vollkommenheit gelangt, 
so es nicht verschroten oder weggehauen wird, mit der Zeit von 
der natürlichen Hitze der Erde wieder aufgelöst und verzehrt 
wird. Diese Ansichten sind nicht etwa eine Erfindung der Gelehrten, 
sondern bei den praktischen Bergleuten gang und gäbe und durch 
die tägliche Erfahrung erhärtet. — Unter den sieben Punkten, die 
nach Agricolas Bergwerksbuch ein Bergmann, ehe er zu schürfen 
beginnt, wohl zu beachten hat, ist das „Geschlecht des Orts" (ob 
bergächtig, bühelig, talächtig, feldächtig) der erste und wichtigste. 
Die anderen sind: die Gestalt des Ortes, das Wasser, der Weg, 
die Gesundheit, der Herr oder die Ge werken und der Nachbar 2^. 
Die Versteinerungen, die man bisher als Naturspiele oder als un- 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 10 



146 I^'G Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 

vollkommene Äußerungen einer im Erdinneren wirkenden bildsamen 
Kraft angesehen hatte, sind für Agricola, lange ehe sie als die 
wichtigsten Zeugen der Sintflut erschienen, Überreste von Organismen, 
gebildet durch einen eigenen Steinsaft, der am meisten im Wasser 
enthalten sei^^. 

Die Dokimasie, die Technik, die Erze zu schmelzen und die 
Metalle rein auszubringen, von Agricola in den letzten Büchern, 
besonders im siebenten „de re metallica" in Wort und Bild an- 
schaulich und so vollständig vorgebracht, daß sie bis zum Ende des 
achtzehnten Jahrhunderts keinen Zuwachs erhalten hat^*, erfreute 
sich in Böhmen, wo man immer neue Schmelzmethoden ersann und 
immer andere Adepten ihre verheißungsvollen Experimente vor- 
nehmen ließ, um dem Rückgang der Bergwerke zu steuern, einer 
besonders intensiven Pflege, durch keinen mehr als durch den aus 
Sachsen stammenden böhmischen Oberbergmeister Lazarus Erker 
(f 1593), über dessen nähere Lebensumstände merkwürdig wenig 
bekannt ist, der uns aber in der Bergwerksgeschichte des sech- 
zehnten Jahrhunderts als erfahrener Sachverständiger wiederholt 
entgegentritt und von dem Sternberg urteilt, daß er so ziemlich 
der kenntnisreichste und einsichtsvollste Beobachter unter allen 
Bergmeistern gewesen sei, die er aus den Akten kennen gelernt 
habe^^. Seine „Beschreibung aller fürnehmsten mineralischen Erz- 
und Bergwerksarten, wie dieselbigen und eine jede insonderheit 
irer Natur und eigensehafft nach, auf alle Metalen probirt und im 
kleinen fewer sollen versucht werden usw. 1574" war ein beliebtes 
oft nachgedrucktes und noch öfter ausgeschriebenes Werk^^. Kein 
Titel ist für den Stand und die Art des Wissens der Zeit so be- 
zeichnend wie der Name dieser Wissenschaft der ., Probierkunst". 
Ausgangspunkt und Endziel waren ein Können, ein praktischer 
Zweck: die Erze mit dem geringstmöglichen Verlust zu schmelzen 
und rein herzustellen; die Methode, die Technik mehr ein Tasten 
und Probieren , mehr eine Sammlung von Erfahrungen , mehr ein 
Kennen als ein Können, ein BeheiTSchen der Natur durch Einsicht 
in die Gründe. „Die Probierkunst", so leitet Erker sein Werk ein, 
„ist eine gar heiTÜche alte und nützliche Kunst, vor langer Zeit 
durch die Alchimie wie alle anderen Feuerarbeiten erfunden, durch 
die man nicht allein eines jeden Erzes und Bergart Natur, welche 
Metalle darin enthalten sind, erfahren kann, sondern es lehrt diese 
Kunst auch ein jedes Metall an sich selbst erforschen", die Zu- 
sammensetzung, wie sie zu scheiden und die Metalle rein dar« 
zustellen seien. Die Züge, die wir als allgemein bezeichnend für 



Die Bergbauiudustrie und die neuere Naturwissenschaft. ]47 

das Wissen der Zeit hervorgehoben haben, eignen auch Erker : das 
Hinausgehen über alle Autoritäten, das Hinweisen auf den Wohl- 
fahrtszweck der Wissenschaft^^, nur daß bei ihm, der durchaus 
Mann der Praxis und des Lebens ist, die bloße Spekulation in noch 
geringerem Ansehen stand als bei den Gelehrten und Humanisten. 
Alles was zwischen den beiden Endpolen der Erklärung : Erfahrung 
einerseits und Gott als die erste Schöpferkraft anderseits, liegt 
— die „mancherly opiniones und Gedancken der Philosophen und 
Naturkundigen ^S — ist für ihn wenig wert und nutz^^. 

Das siebzehnte Jahrhundert, das vielleicht mit noch mehr Recht 
als das neunzehnte den Namen des naturwissenschaftlichen, des 
heroischen oder klassischen Zeitalters der Naturwissenschaften, ver- 
dient, hat, auf die Frührenaissance des sechzehnten Jahrhunderts 
folgend, die ihm von diesem tiberlieferten Ansätze zu einer vollen 
Entfaltung gebracht. Es hat sich zum Begriff der reinen Wissen- 
schaft durchgerungen, die ihren Standpunkt über der Wirklichkeit 
und ihren Zweck allein in sich hat, zur Idee der vollen Souveränität 
der auf die Vernunft gegründeten Wissenschaft, die in ihrem uni- 
versalen Bereich autonom herrscht. Indem man der Natur ihr 
Geheimnis ablauscht, in ihr Wesen eindringt, die Ursachen der Er- 
scheinungen und ihre Verknüpfungen entwirrt, hofft man sie jetzt 
wissenschaftlich beherrschen und dem Willen und den Zwecken des 
Menschen dienstbar machen zu können. Das Werkzeug „Wissen- 
schaft" wird selbstherrhch, gebärdet sich produktiv und schöpferisch. 
Ein einziger Dukaten, so heißt es jetzt wohl, auf künstlichem Wege 
hergestellt, sei mächtiger als eines Kaisers ganze Schatzkammer. 
„Denn kein Kaiser könne sich rühmen, er habe nur einen einzigen 
Dukaten, der sich beliebig vervielfältigen und multiplizieren lasse, 
an einem jeden Ort, Stand und Beschaffung ohne auswendige Hilfe 
oder der Untertanen Beschwernis oder anderer ungewisser Sachen 
Mitunterlaufung". Daher jetzt der Nachdruck, der in allem auf die 
Theorie und die richtige Theorie gelegt wird. „Dann alles Werck, 
ohne die Theoria ist ungewiß, und die Theoria ohne Praxi liegt 
eben an diesem Fieber. Doch muß die Theoria vor der Übung und 
Praxis hergehen. Dann ehe du was thuest, ist vonnöthen, daß du 
mssest, was du thuest, dann der Wille gehet vor der That her, 
der Verstand vor dem Willen "2». 

Wenn das naturwissenschaftliche Denken aus dem Anschauen 
des tätigen Wirtschaftslebens seine erste Nahrung und Ki*aft zog, 
so wird es jetzt, mündig geworden, dieses Wirtschaftsleben selbst 
mit seinen Gnmdsätzen begreifen und beherrschen und mit der 

10* 



148 I^i^ Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 

richtigen Theorie versorgen wollen, und wie die Naturforscher des 
sechzehnten Jahrhunderts aus der praktischen Schule der Wirtschaft 
hervorgingen, so werden die ersten wissenschaftlichen Wirtschafts- 
gelehrten praktische Naturforscher sein. Das sechzehnte Jahrhundert 
sah aus dem Bergwesen die Mineralogie, die Oryktologie, die Metall- 
urgie mit ihren Zweigen, die Jatrochemie entstehen, das siebzehnte 
Jahrhundert bringt die kräftigsten Ansätze zur Entwicklung einer 
wissenschaftlichen Chemie, die bis auf Lavoisier unverändert ge- 
blieben ist. Es genügt, statt eines Programms nur den einen Namen 
Johann Joachim Becher zu nennen. War auch eins von den Zielen 
dieses vielstrebenden und vielerfahrenen Mannes die künstliche Ver- 
wandlung der Metalle und ihre „Entelechie" die Herstellung des 
vollkommensten, dem sie zustreben, des Goldes, also alchimistisch, 
so zeigte er sich doch von der nackten Goldsucht fern und bewahrte 
den Ernst und die Würde des wissenschaftlichen Forschers, indem 
er der Alchimie selbst — wie vorher schon Paracelsus — einen 
rein wissenschaftlichen Zweck vindizierte. Nicht Gold, sondern 
Weisheit habe er seinem Fürsten zu bieten, wie er sich in seinem 
barocken Stil ausdrückt: „Dann es ist ein großer Unterschied 
zwischen Besitzung des Goldes vnd der Erkäntniß der güldenen 
Natur, Theile und Zeugung ^^ . . ., dann die falschen Chymisten 
suchen das Gold, die Philosophen aber die Wissenschaft, die allem 
Golde vorzuziehen." Er verschmäht die „Gold-Poeten" als Publikum, 
die „ohngefere fälle, als der Sachen Naturkundige Wissenschaft 
verlangen" ^^ Jetzt erfuhren auch die methodischen Grundsätze 
der Wissenschaft, die Technik des Erkennens, die Kunstlehre des 
naturwissenschaftlichen Denkens eine Bereicherung und Vertiefung, 
sozusagen ihren ernsten Selbständigkeitswert, indem man sich nicht 
mehr auf das einzige große unterirdische „Laboratorium der Natur" 
verließ, sondern das wissenschaftliche, systematische, kunstvolle 
Experimentieren, das „oberirdische Laboratorium der Kunst" als 
Erkenntnismittel zu Hilfe nahm, dem Grundsatz gemäß, zuerst müßte 
man die Natur erkennen und dann sie durch die Kunst untersuchen ^^i 
ja jener schroff abweisende Standpunkt gegenüber der Alchimie 
war selbst nur ein Kampf gegen die Methode des Arbeitens, gegen 
das dilettantenhafte Herumtappen, gegen die unwissenschaftliche 
Behandlung, nicht gegen die Unwissenschaftlichkeit und Frucht- 
losigkeit des Problems selbst. Denn derselbe Becher, der die 
Alchimisten verspottet, glaubt an die Umwandlung der Metalle und 
behandelt diese vornehmlich in seinem „Experimentum chymicum 
novum" oder „neue chymische Prob" (1680), worin er u. a. de- 



Die Bergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. I49 

moiistriei-t, „wie auß dem gemainen Kaimen, nemliche deme, darauß 
Zigel gebrennt werden, und auß einer jedweden Fetten, gleich von 
Thieren, oder Kräuterwerck : zum Exempel auß dem Leinöhl, ohne 
einige andere Materien innerhalb 4 Stunden auf die einfältigste 
Manipulation mit Hülff der Natur, Handgriffen der Kunst, ein wahres 
und rechterbornes Metall als Eisen oder ein anderes in einer wohl- 
mercklichen Menge, heraus zu bringen." 

Wie nun der alchimistische Wahn und die irrigen Grundvoraus- 
setzungen keineswegs wissenschaftlich bloß unfruchtbar waren — 
nach Becher seien der Alchimie die Erfindung des Schießpulvers, 
der Glasmachekunst, die Tintenfabrikation, das Seifensieden, die 
Farbenherstellung usw. zu verdanken (er hätte noch die Erfindung 
des Phosphors durch Brandt und Kunkel erwähnen können) — so 
ist daran zu erinnern, daß die damals entwickelten Methoden für 
diesen Zweig der Naturwissenschaft bis zum heutigen Tage herrschend 
geblieben sind, und Becher selbst hat seine großen Verdienste um 
die Naturwissenschaft, wäre es auch nur, daß er als Erster die 
Mineralien nach ihren chemischen Verhältnissen einteilte und schon 
für ihn die Mineralogie das war, als was sie Berzelius definierte, 
die Chemie der natürlich vorkommenden Verbindungen und daß er 
mit Stahl zusammen die Phlogiston-Theorie begründete, die erst 
durch Lavoisiers Gastheorie abgelöst wurde ^^. 

So ist es gewiß kein Zufall, daß Becher als chemicus et me- 
tallurgus peritissimus , der er sein wollte, zugleich einer der Be- 
gründer des Merkantilismus wurde, jenes ersten europäischen staats- 
und gesellschaftswissenschaftlichen Systems, das mit seinen aus der 
Erfahrung abstrahierten Grundsätzen die europäischen Staaten, ins- 
besondere die Territorialfürstentümer beherrschte. Wenn Merkantilis- 
mus als methodische Staatskunst, als Politik darin gipfelte, dem 
Staate sowohl unmittelbar und direkt durch Ausnutzung seiner 
natürlichen Reichtumsquellen, hauptsächlich aber indirekt, mittelbar, 
durch Handlung und Gewerbe, durch Belebung und Entfaltung der 
^vu*tschaftlichen Energie an allen Punkten das hauptsächliche Macht- 
mittel: Geld zu schaffen, so gleicht er darin der neuen Wissenschaft 
der Chemie , der Naturwissenschaft überhaupt , die auf dem Um- 
wege über die wissenschaftliche Einsicht in das Wesen der Dinge 
(und der Ausschaltung des Zufalls) zu ihrer Beherrschung führte, 
statt wie die Alchimie auf die Herstellung von Gold loszusteuern 
und dem Zufall das Gelingen zu überlassen. 

Bedingung für beide aber, ihren höchsten Zweck zu erreichen, 
ist die intuitive Auffassung von der Natur als dem durch Gesetze 



150 ^^^ ßergbauindustrie und die neuere Naturwissenschaft. 

geordneten dauernden Zusammenhang der Dinge und vom Staate als 
einem natürlichen Organismus ^*. Die gleiche der Vernunft zugäng- 
liche Ordnung muß in der Natur wie im Staate herrschen, sonst 
sind beide mit Gesetzen ja nicht beherrschbar. Welcher Art dieser 
Zusammenhang ist, wie die Gesetze zu formulieren sind, ist eine 
sekundäre Frage gegenüber der Grundanschauung, daß ein universaler 
rationaler Zusammenhang das Leben in allen Einzelgestaltungen 
beherrscht und bindet. Die Merkantilisten nahmen bekanntlich ein 
statisches Gleichgewicht zwischen einzelnen Naturki'äften und fixen 
Bestandmassen an, die Physiokraten zuerst (und zwar Quesnay, der 
wieder Arzt ist) konzipierten die Idee eines kontinuierlichen Pro- 
zesses im Gesellschaftsleben und knüpften an das Bild des von 
Hervey entdeckten Blutkreislaufes an, das aber für sie mehr als 
bloß Bild war, denn für sie war das wirtschaftliche Geschehen der 
Lebensprozeß eines biologischen Wesens, der Gesellschaft^^. 



151 



Künstlerische und religiöse Kultur. 

Um die Kulturbilanz der böhmischen Bergbauindustrie des 
sechzehnten Jahrhunderts zu schließen, müssen wir einen noch so 
flüchtigen, noch so dilettantenhaften Blick in die Gebiete der 
Religion und Dichtung werfen, in denen der Kultursaldo, der reine 
Überschuß an positivem Lebensgefühl und universalen Werten in 
Erscheinung tritt, in die Welt also, um derentwillen, wenn der naive 
Menschenverstand recht hat, alles andere da zu sein scheint. Was be- 
deutet der neu entstehende Industriekapitalismus für die höchsten 
geistigen Kapazitäten, bis zu welchem Gipfel führt die Entwicklung 
empor, wer sind die Dichter, Seher und Lehrer der Zeit ? Es scheint 
mir nicht zu bezweifeln, daß gegenüber der vorangehenden Zeit des 
Mittelalters die im sechzehnten Jahrhundert eintretende oder zum 
Abschluß kommende Verbürgerlichung des Lebens, die Bildung 
einer bürgerlichen, städtischen, ökonomischen Interessentengesell- 
schaft, eine Herabminderung der künstlerischen Potenz, vor allem 
eine Abschwächung der poetischen Imagination und ihres Wertes 
bedeutet hat. Nicht als ob in diesem Zeitalter der erwachenden 
Panökonomisierung nicht alle „Gattungen" der Dichtung vertreten 
gewesen wären, aber sie traten auf in solcher Vermummung und 
Verkleidung, daß man hinter der Maske, die doch nur eine Form- 
losigkeit ist, nur schwer die Sache, die Dichtung, die Kunst erkennt. 
Das Publikum, die Gesellschaft, noch deutlicher das Bürgertum, 
hatte doch bloß Sinn für das ihm Gemäße, seinen Interessen und 
seinem Wesen Verwandte, und so war das Zeitalter nur in einigen Be- 
langen schöpferisch, wenn es sich auch in allen hergebrachten Formen 
und Gattungen bewegte und sie benutzte, ohne sich eigentlich darauf 
zu verstehen: nur im lehrhaft Erbaulichen und im Liede, sowohl 
im religiösen wie dem profanen Volksliede, leistete es Bedeutsames 
und bleibend Wertvolles. 

Was im sechzehnten Jahrhundert in Böhmen an deutscher 
Literatur entstand, war städtisch und zwar fast vornehmlich, ja fast 



152 Künstlerische und religiöse Kultur. 

ausschließlich, bergstädtisch ; die Industriezentren Joachimsthal im 
Norden, Budweis im Süden, daneben noch Eger, sind geistige Kultur- 
mittelpunkte, die Trinität von Schulmeister, Pfarrer und Dichter in 
einer Person ist für alle diese Orte und die ganze Zeit charakte- 
ristisch und gibt den literarischen Produkten selbst ihre Signatur. 
Dazu kommt noch der poetische Vagant, der aber meist auch nur 
ein Spießbürger ist und das epische Element vertritt, unter dessen 
derben Fingern und ewig durstiger Kehle das höfische Ritterepos 
zur minutiösen Schilderung berühmter Schützenfeste w^ird^ wie jenes 
Joachimsthaler, das seinen begeisterten Sänger in Hans Lutz fand, 
der sich die Mühe nahm, von Augsburg bis Joachimsthal zu reisen \ 
um dieses Fest würdig zu besingen. Überhaupt wird jetzt die 
„poetische" Schilderung von Tagesereignissen im gereimten Zeitungs- 
stil oder im Bänkelsängerton zur stehenden Literaturgattung, aber 
auch die politischen Ereignisse, insbesondere die Türkengefahr, 
geben den stubenhockenden Poeten Stoff zu dichterischen Ergüssen. 
Die Bühne vollends ward zum Katheder, auf dem an bevorzugten 
Tagen des Jahres mit großer Naturtreue in der Szenerie und Sprache 
dem Volke die bürgerliche Moral und Klugheit im antikischen Ge- 
wände des Terenz oder in moderner allegorischer und satirischer 
Dichtung mit viel Derbheit gepredigt wurde, während die feineren 
Instinkte und das mit der Art der Beschäftigung der Bergleute 
unmittelbar gegebene Bedürfnis nach Vertiefung und Verinnerlichung 
des Lebens seine Heimstätte auf der protestantischen Kanzel fand, 
die mit dem Alltag einen Bund schloß, der wie eine Interessen- 
gemeinschaft aussieht: der unendlich ferne Gott wird etwas mehr 
in die irdische Nähe und Atmosphäre gerückt, dafür erhält das 
tätige Leben etwas von der göttlichen Weihe und Verklärung; das 
scheint das Geheimnis des Erfolges der protestantischen Kirche in 
jenen verlassenen Gebieten des Erzgebirges gewesen zu sein, auf 
das sich niemand so gut verstand wie Matthesius. 

Am unmittelbarsten und deutlichsten kündet sich die Seele 
dieses Bergvolks im Liede, das ein Lied für das Volk, ein von ihm 
gesungenes Lied ist, sei es ein geistliches, Kirchen- oder ein welt- 
liches Arbeitslied , die beide , so verschieden in ihrem Gehalt , ur- 
sprünglich wie mir scheint, aus ein- und demselben Born entspringen 
und gespeist werden : dem musikalischen Bedürfnis des Volkes, dem 
ihm eingeborenen Willen, eine Zuständlichkeit, eine Gefühlsspannung 
in Tönen auszudrücken, wobei der Text, das Wort das verhältnis- 
mäßig Nebensächliche ist ; denn das Lied wird aus der musikalischen 
Leidenschaft der Seele geboren. KirchenUed und Volkslied behandeln 



Künstlerische und religiöse Kultur. 15B 

die Ballade des inneren und des äußeren Lebens des Volkes und 
finden in den Bergorten des Erzgebirges, insbesondere in Joachims- 
thal, lebhafte Pflege. 

Wenn es auch richtig ist, daß durch die Reformation die Lite- 
ratur zu einer nationalen Angelegenheit wurde und, von einem 
mächtigen Impuls getragen, die Standesunterschiede zurücktraten, 
so bezieht sich das wolil mehr auf die passive Empfänglichkeit und 
Aufnahme, als auf das Schaffen selbst; denn unter den Dichtern 
der Zeit sehen wir von allen Ständen nur den Adel nicht vertreten. 
Dieser lebte vom Volke geschieden, in einer Welt für sich und 
schuf sich seine eigenen Paradiese. Teils war er politisch und 
kriegerisch absorbiert, teils stellte er seine ungeheueren akkumu- 
lierten Energien der Wirtschaft zur Verfügung oder brach vielmehr 
in diese erobernd ein, teils verhielt er sich der Kunst gegenüber, 
nicht der banalen und banausischen inländischen, sondern der der 
großen Welt gegenüber als reisender und studierender Edelmann 
genießend (Lobkowitz), teils ganz passiv, bis er seinen Über- 
schwang und sein exzentrisches Lebensgefühl, seinen Machtwillen 
in den großartigen Bauten seiner Schlösser und städtischen Paläste, 
an denen Böhmen nicht ärmer ist als irgendein von der Aristokratie 
beherrschtes Land, formte und den ihm adäquaten Ausdruck verlieh. 

Von den literarischen Produkten, die nachweisbar in den erz- 
gebirgischen Bergstädten entstanden sind, seien vorerst die Lieder 
genannt, von denen 103 als „Bergreihen" ^ gesammelt und in drei 
Teilen, von 1531 angefangen, fast das ganze Jahrhundert in immer 
wiederholten Auflagen erschienen und verbreitet wurden^. Es sind 
Lieder der Arbeit und Lieder der Muße von Arbeitern, in denen 
dem Bergvolk seine Beschäftigung, seine Lebensweise, sein Schicksal 
gegenständlich geworden ist. Die Skala der Gefühle in diesen 
Liedern ist nicht eben reich und die Erwartungen und Fordemngen, 
die ans Leben gestellt werden, nicht gerade hoch. Singt der Berg- 
mann des sechzehnten Jahrhunderts von Liebe, so hört man die 
Manier und Weise des adeligen Minnesängers heraus, die in diesem 
Munde sich nicht gut ausnehmen; er gibt sich übermütig, sorglos, 
ist epikuräisch gestimmt, denkt nur an das Heute, läßt den lieben 
Gott für sich sorgen, spottet als privilegierter Stand über Bauer 
und Bürger*, oder aber er wendet seine Gedanken dem höheren 
Unsichtbaren zu, sein Beruf verklärt sich ihm, oder vielmehr das 
Göttliche und Himmlische umfaßt er im Bilde seines Berufs, der 
Himmel ist das idealste Bergwerk; dann wieder fühlt er sich be- 
haglich in der Atmosphäre der Bürgerlichkeit, schimpft über 



254 Künstlerische und religiöse Kultur. 

Schlemmer, Wucherer und Warenfälscher; am ureigensten und so- 
zusagen recht bei sich ist er in derben Sauf- und Raufliedern und 
in denen zarter religiöser Regungen, die zahlreicher zu werden 
scheinen, je trauriger das Los der Arbeiter und das Schicksal des 
Bergbaues sich gestaltete, bis endlich die Gesangesfreudigkeit ver- 
siegte und der ehemalige Bergmann als böhmischer Musikant mit 
Geige oder Trompete in die Welt zog. 

Die religiöse Erregung der Zeit schuf sich ihren eigentlich 
poetischen Ausdruck und organisierte ihn sozusagen in dem Kirchen- 
liede , das seiner Natur nach nicht für den einzelnen , sondern für 
die ganze Gemeinde gehörte, deren religiöse Stimmung es verlautet. 
Böhmen war für diese Art von Kunst wie prädisponiert ; nicht nur, 
daß bei der ungemeinen Empfänglichkeit für religiöse Probleme das 
Kirchenhed alsbald zum poetischen Programm der verschiedenen 
religiösen Parteien, zum poetischen Dogma wurde, so besaß das 
Land in den Liedern der böhmischen Brüder einen Grundstock 
wertvoller poetischer Erzeugnisse, an die das neue protestantische 
leicht anknüpfen konnte. Diese Brüderlieder waren aus tiefer Not 
und Bedrängnis entstanden , Lieder von um ihres Glaubens willen 
Verfolgten, aus Qual und Leiden als ihrem Mutterboden entrangen 
sich die Gesänge dieser Sektierer wie Seufzer der geängstigten 
Brust. Wie nun einst zur Zeit der Hussiten die nationale Idee in 
den Dienst und das Interesse der religiösen eingespannt wurde, 
so verstand es der Protestantismus, in diesen eben erst der Kultur 
erschlossenen Gegenden durch liebevolles Eingehen, fast Ein- 
schmeicheln in das Leben des Volkes in allen seinen Bezügen, in 
alle seine Freuden und Leiden und durch weise Ausnutzung alles 
dessen was dieses Leben bot, Eroberung für sich zu machen. 
Er war hier tatsächlich ein Volksbedürfnis oder befriedigte ein 
solches. Durch die Predigt des Matthesius bekam die tägliche Berufs- 
arbeit etwas Geheihgtes, die Arbeit erscheint als Gottesdienst, der 
Gottesdienst selbst aber nicht als eine Flucht aus der Welt, sondern 
als ein Hineintragen göttlichen Geistes in die Welt des Alltags, 
der dadurch ganz und gar verklärt wird. Diese Stimmung und 
dieser Geist beseelen auch das protestantische Kirchenlied. Je 
schlechter die Zeiten, je schlimmer das Los der Arbeiter, um so 
inniger klammert sich die Hoffnung an das Göttliche, vertieft sich 
der religiöse Glaube, stärkt sich die Zuversicht. Dieses Zusammen- 
hangs waren sich die Dichter selbst allezeit bewußt: das Kirchen- 
lied hatte einen „höheren" Zweck und mußte doch immer volks- 
tümlich, dem Volke aus der Seele geschaffen sein. So benutzten 



Künstlerische und religiöse Kultur. 155 

sie also den alten Schatz an volkstümlichen Melodien, die Gassen- 
hauer, Buhl-, Trink- und Rauflieder und legten ihnen einen neuen, 
heiligen Text zugrunde. Aus dem gleichen Motiv, das in alter Zeit 
Otfried bei seiner Evangelienharmonie bestimmt, daß der obscoenus 
laicorum cantus verstumme und Luther sein Wittenberger Gesang- 
büchlein der Jugend widmet, „da mit sie der bul lieder vnd fleysch- 
Uchen gesenge los werde, vnd an der statt ettwas heylsames lernete, 
vnd also das gut mit lust, wie den iungen gepürt, eyngienge", aus 
eben diesem Motiv dichtete und komponierte der Joachimsthaler 
Kantor Nikolaus Hermann, neben Luther unstreitig der bedeutendste 
Kirchenliederdichter. Seine Lieder wurden noch lange nach seinem 
Tode von den Kindern, denen sie gehörten, auf den Gassen ge- 
sungen, \delleicht weil sie ursprünglich Gassenhauer waren ^. Seine 
musikalische Bedeutung aber ist doch so groß, daß von ihm aus 
eine gerade Linie der Entwicklung bis zu Johann Sebastian Bach 
führt ^' Er stammt aus Altdorf bei Nürnberg , lebte , wirkte und 
starb (1561) in Joachimsthal als Freund und Amtsgenosse des 
Matthesius: ein biederer Mann, das Muster aller poetischer Spieß- 
bürger, wie sie bis 1870 und später noch in Deutschland an allen 
warmen Öfen hockten, den die Wohltätigkeit zweier Edelleute in 
den Stand setzte, seine alten Tage mit Dichten zuzubringen, wenn 
ihn das Zipperlein, woran er Htt, nicht quälte '^. 

Die Jugend ist für ihn das idealste Publikum, in Dichtung und 
Musik sieht er die besten Mittel, erzieherisch auf die Jugend ein- 
zuwirken, vielleicht war sie auch das einzige ideale Publikum der 
Zeit, denn die Begeisterung für Luther und seine Tat, für die 
Reformation und ihre reinigenden und befreienden Wirkungen 
dauerte nicht lange und ging beim niederen Volke nicht tief. Der 
Musik bedarf er, damit die Gesänge sich dem Gedächtnis besser 
einprägen. Denn „die tegliche erfarung bezeugt es, das alles, was 
in gesang verfasset wird, leichtlicher zu lernen vnd besser zu be- 
halten ist, denn was man sonst lieset vnd höret" ^. Gern verweilte 
er bei den Erzählungen des alten und neuen Testaments, die eine 
Fundgrube des Trostes und voll guter Lelu-en für aUe Situationen 
des Lebens seien, „vnd in Sonderheit weil wir Bergkleut für andern 
offt trostes bedürffen, dieweil wir so gar ein ungewisse und un- 
beständige Narung haben, dergleichen man in allen Gewerben und 
Handtierungen kaum findet; jtzt reich, bald arm, also das wir 
schlechts vnserm Herrn Gott müssen in die hende sehen und uff 
seine gute warten." 

Auch dramatische Schaustellungen sowohl geistlichen wie weit- 



156 Künstlerische und religiöse Kultur. 

liehen Inhalts spielen in der Sozialpädagogik der Zeit, der protestan- 
tischen und dann insbesondere der jesuitischen, eine große Rolle. 
Sie sind von Schulmeistern und Geistlichen in Szene gesetzt und 
erheben keinen Anspruch, als reine Kunst gewertet zu werden. 
Seit Luther und Melanchthon^ die Aufführung von Komödien zu 
pädagogischen Zwecken befürwortet hatten, scheinen sie ein unent- 
behrliches Requisit der anschauhchen Unterrichtsmethode zu sein. 

Von Dramatikern, die dem hier geschilderten Kulturmilieu ent- 
stammen, erwähnen wir nur Clemens Stephani aus Buchau (f 1592), 
der den größten Teil seines Lebens in Eger verbrachte und sich als 
Übersetzer der Andria von Terenz besonders durch eine gewisse 
Feinfühligkeit in der Behandlung der Sprache und Anpassung des 
Textes an die Bedürfnisse seines Publikums hervortat, überdies 
historische und satirisch- allegorische Schauspiele dichtete ^^. 

In Joachimsthal ist ferner der Dramatiker Johannes Krüginger 
geboren, der im Deutschen Reiche wirkte (f 1571) ^^ Aus Matthesius 
wissen wir, daß an der Joachimsthaler Lateinschule des öfteren 
Dramen des Sophokles und Aristophanes in griechischer Sprache 
aufgeführt wurden. 

In allen praktischen Künsten, die mit dem Beruf des Berg- 
manns zusammenhingen, wie z. B. in der Stempelschneidekunst und 
in anderen Kleinkünsten wurde von ganzen Geschlechtern (Enderlein) 
wie von einzelnen viel Köstliches und Gutes geleistet ^^. 



157 



Der Bergbau auf niedere Metalle. 



^ur gleichen Zeit, als der Bergbau auf edle Metalle dahin- 
siechte und allmählich mythisch wurde, kamen die sogenannten 
niederen Metalle empor, welche die Grundlage wurden für die Ent- 
wicklung sowohl der Eisen- wie der chemischen Großindustrie und 
des Kohlenbergbaues. Der König scheidet aus der großen Wirt- 
schaftsgemeinschaft als produktiver und aktiver Teilhaber aus und 
überläßt das Feld anderen, den ständischen und insbesondere grund- 
herrHchen Gewalten. So kann man, was da sich vollzieht, symbo- 
lisch deuten. Ganz klar liegen die Rechtsverhältnisse nicht. Ob- 
wohl durch die beiden Bergwerksverträge von 1525 und 1575 — 
und im besonderen durch den zweiten — und sicherlich vorher 
schon durch die Praxis die Aufschließung und Ausbeutung der 
Fundlagerstätten, also die eigentliche Unternehmungstätigkeit, in 
private Hände gelegt worden war, scheinen die Könige dennoch 
das Regal auch für die niederen Metalle geltend gemacht zu haben. 
Aber seine Bedeutung war, wie mich dünkt, hier lediglich fiskalisch, 
und die königliche Ingerenz äußerte sich auf diesem Gebiete im 
wesentlichen in Steuer- und handelspolitischen Maßregeln. Dieser 
formale, inhaltsarme Sinn des Regals, des obersten Rechtstitels für 
eine staatliche Finanz- und Handelspolitik, wird ganz besonders bei 
einem Mineral deutlich, das in Böhmen, Mähren und Schlesien gar 
nicht gefunden, aber dennoch notwendig gebraucht wird, beim Salz, 
bezüglich dessen der zweite Bergwerksvergleich die Regalität für 
alle Zeiten ausspricht, in deren Namen dann wenigstens, wie man 
sehen wird , der Salz h a n d e 1 , d. h. die Salz einfuhr, und der 
Verschleiß von Staats wegen geregelt wurde. 

Sprechen wir zunächst vom 

Eisen. 

Nicht die Furche des Pfluges, sondern die Bahn des Schwertes 
ist es, die das silberne Zeitalter beendigend ein ehernes heraufführt, 



X58 ^G^ Bergbau auf niedere Metalle. 

und der jetzt beginnende Siegeszug des Eisens über die Welt ist 
kein friedlicher, kein „werteschaffender", nicht der „produktiven", 
sondern ein „wertezerstörender", der destruktiven Konsumtion ver- 
dankter. Nicht so sehr durch die stärkere Nachfrage nach Eisen- 
instrumenten und Maschinen etwa gerade für den bestehenden 
Bergbau, sondern vielmehr durch den Bedarf nach Geschützen und 
Rüstungen, nach Kriegswerkzeug aller Art ist diese Konjunktur 
bedingt^. Le canon a tue la feodalite, sagt Napoleon und das gilt 
recht allgemein. 

Die Bedingungen für die Entwicklung einer Eisenindustrie 
waren in Böhmen von vornherein günstig: Erze und Brennmaterial 
in großen Mengen und örtlich beieinander gelagert, bilhge Arbeits- 
kräfte, bestehend aus den in den Silberbergwerken überflüssig ge- 
wordenen Arbeitern und aus ländlichen Untertanen, die private 
Initiative ungebrochen und nicht gelähmt durch ein Regal oder die 
ausgesprochene Tendenz zum Staatsmonopol. Hatte sich doch eine 
Art von Teilung der Erde zwischen Kaiser und Grundherren an- 
gebahnt, indem jener alle Edelmetallbergwerke in seinen Besitz 
oder wenigstens unter seine Kontrolle zu bekommen trachtete und 
dafür den Grundherren und anderen Leuten die unedlen Metalle 
überließ. Ja der Kaiser begünstigte die Entstehung von Eisenberg- 
werken auf seinen Gründen so wenig, daß er sie vielmehr wegen 
der befürchteten Holzverschwendnng zu hindern suchte. Den Groß- 
grundbesitzern aber boten gerade die Eisenhammerwerke eine 
lohnende Verwertung ihres Holzes, und sie schufen eine Hütten- 
industrie um der Holzverwertung willen. Dies ist so charakteristisch 
für Böhmen, daß man in dieser Tatsache den ganzen Unterschied 
zwischen österreichischer (organischer) und deutscher (rationaler) 
Eisenindustrie, welch letzterer es um die Herstellung der größt- 
mögUchen Menge des kaufwürdigsten Eisens zu tun sei, formulieren 
zu können vermeinte^. Aber der steigende Eisenbedarf und die 
bessere Holzverwertung waren nicht die einzigen Quellen, aus 
denen den Gutsherren neue Gewinne winkten. Sie erkannten bald 
die werterhöhende und wertschöpferische Bedeutung einer In- 
dustrie für ihren ganzen landwirtschaftlichen Betrieb : für den Preis 
der erbauten Früchte, für die Zinse auch anderweitig brauchbarer 
Untertanen, für die Bodenrente, für den Güterpreis usw. Überdies 
war auch keine Konkurrenz aus der neuen Welt wie beim Silber 
zu erwarten, da der amerikanische Kontinent ja noch von Locke ^ 
als bar von Eisen betrachtet wurde. Fehlte also nur — und nicht 
einmal immer — das nötige Kapital, das freilich für die Eisen- 



Eisen. 159 

Industrie schon damals den wichtigsten Faktor bedeutete. Dieses 
aber stellten zur Not reiche Bürger oder Ausländer, natürlich nicht 
ohne Privilegien*. Diese Tatsache nun, daß bei der Eisenindustrie 
von vornherein das Kapital eine große Rolle spielte , und daß der 
Staat hier nicht in das freie Spiel der Kräfte eingriff, bewirkte, 
daß hier keine solche Besitzzersplitterung stattfand wie beim Silber- 
bergbau. An der Eisenindustrie waren entweder einzelne private 
Unternehmer oder Großgrundbesitzer oder der Staat beteihgt. 
Schließlich blieben in Böhmen nur die zwei letzteren als Besitzer 
sämtlicher Produktionsmittel übrig, während die Einzelunternehmer 
verdrängt wurden, so daß am Ende — wieder ein charakteristischer 
Unterschied gegenüber der Entwicklung in Deutschland — ^/s der ge- 
samten Betriebe in Händen des Staates, ^/s im Besitz großer Grund- 
herren oder auch Kommunen und Gewerkschaften sich befanden^. 
Wir können den Gang der Entwicklung am besten an der Ge- 
schichte eines einzelnen Eisenbergwerkes verfolgen: obwohl unser 
Material sehr lückenhaft ist und nur in der Rekonstruktion der Ver- 
hältnisse aus den in den Berggesetzen vorfindlichen Daten besteht, 
veranschaulicht es doch die Grundzüge und die Tendenz der Gesamt- 
entwicklung hinlänglich. Wir wählen eine fiskalische Unternehmung 
in Preßnitz und Weipert zum Gegenstand der Betrachtung. 
Beide sind eigentlich Silberbergwerksstädte mit alter autochthoner 
Eisenverarbeitung, die mit dem Rückgang des Silberbergbaues an 
Bedeutung zunahm. Preßnitz ist eine alte Bergstadt, die in den 
Hussitenkriegen zerstört wurde und erst im sechzehnten Jahrhundert 
bei der aufsteigenden Silberkonjunktur wieder emporkam; Weipert 
verdankt seine Entstehung erst dem baulustigen sechzehnten Jahr- 
hundert und wurde erst 1607 zur Stadt erhoben. Aber an beiden 
Orten müssen schon von Anfang an Eisenhämmer bestanden haben, 
die den Leuten dauernd Beschäftigung boten. So heißt es in einem 
Bericht über Preßnitz: „Nachdem aber 26 Hämmer vmb die 
Presnitz zu der Zeit (seiner Zerstörung durch die Hussiten) gewest, 
wie dann die Hammerstädt, so noch vor äugen anzeigen; haben 
sich die Leute mehr auf Eisenstein dann uff Silber Bergwerk 
befliest" ® ; und von Weipert hören wir, daß 1550 (also noch lange 
bevor es eine Stadt wurde) das dortige Eisenbergwerk von Paul 
Spindler ^ aus Magdeburg betrieben worden sei. Preßnitz gehörte 
jedenfalls mit zu dem Bezirke, für den 1459 dem Niklas Lobkowitz 
auf Hassenstein von Georg von Podiebrad eine weitgehende Berg- 
freiheit erteilt wurde ^. Bei dieser Familie blieben die Bergwerke 
bis 1545, als sie Ferdinand I. den Lobkowitzen abkaufte und ver- 



1(50 Der Bergbau auf niedere Metalle. 

staatliclite, just wieder in dem Augenblicke, als sie schon bedeutend 
nachgelassen hatten und dauernd Zubuße zu leisten war. Die 
Zechen lieferten kein Silber mehr, es wurden Eisenbergwerke er- 
richtet, als deren Pächter und Hammerwerksbesitzer wieder die 
Lobkowitze erscheinen ^. 15(i4 finden wir ein Verbot der Holz- 
ausfuhr aus den Preßnitzer Wäldern nach Sachsen ^ ^ und es ist die 
Rede von „den Eisenhammer, so auf berurten Waiden zuerbauen 
zugelaßt wurden". Der Fiskus legte also immer nur auf den Silber- 
bergbau Wert, und überließ die Eisenwerke privater Betriebsamkeit, 
ohne den Unternehmern besondere Privilegien zu erteilen". Der 
Krieg scheint den Bergbaubetrieb in Preßnitz gelähmt zu haben; 
gegen Ende desselben, 1644, finden wir ein neues Bergwerk in 
Preßnitz erwähnt, dessen Alleininhaber Benedikt Schmidt ist. Da 
aber dem Kaiser der Abbau nicht rasch genug vor sich geht und 
es nach seiner Meinung jetzt darauf ankam, erst wieder einmal viel 
Geld unter die Leute zu bringen, so soll nunmehr eine Vielheit von 
(kleinen) Unternehmern zum Bergbaubetrieb eingeladen werden. 
Gleichzeitig (1644) wird ein Ausfuhrverbot für Eisenstein erlassen, 
das aber noch im selben Jahr wieder aufgehoben wird mit der 
Weisung, strenge acht zu haben, daß unter dem Vorwand der 
Eisensteinausfuhr keine silberhaltigen Erze hinausgelassen werden ^^. 
Im Jahre 1667 wurde dem Kardinal Quidobald von Thun, Erzbischof 
von Salzburg, die königliche Herrschaft Preßnitz pfandweise eingeräumt, 
dabei aber blieben die in diesen Herrschaften liegenden Bergstädte 
als Preßnitz, W^eipert, Sebastiansberg, Sonnenberg reservierte^. 
Am Ende des Jahrhunderts (1693) haben sich die Bergverhältnisse 
konsolidiert und wir stehen einer geordneten staatlichen Eisen- 
industrie gegenüber, die das charakteristische Merkmal der privaten 
Unternehmungen der Zeit trägt: Glied eines landwirtschaftlich- 
industriellen Unternehmungsorganismus zu sein. Aus dem Schema 
einer Instruktion für die leitenden Werksbeamten (Schichtmeister) 
können wir uns die Anordnung und Organisation der Betriebe re- 
konstruieren, und weil eben diese Instruktion Schema, Formular 
ist, so erhellen daraus auch die dauernden leitenden Gesichtspunkte 
für die Betriebs- und Geschäftsführung. 

Zentrum der ganzen Unternehmung ist das „Amt", d. h. die 
Werke sind Appendices oder Glieder der königlichen Herrschaft, 
die von Preßnitz aus dirigiert werden. Der Herrschaftsverwalter 
in Preßnitz ist der oberste Beamte, dem die leitenden Werkbeamten 
(die Schichtmeister) unterstehen und dem sie an den Amtstagen 
über alle Vorfälle Bericht erstatten. Rings um Preßnitz liegen die 



EiseD. iQi 

gewerkschaftlichen Eisensteinzechen und die in herrschaftlicher, 
d. h. königlicher Regie betriebenen Hammerwerke zu Schmiedeberg, 
Sonnenberg, Christofhammer und ein Blechhammerwerk in Unter- 
Weipert ^*. Alle diese lokal getrennten Unternehmungen gehören 
zu einem politisch und wirtschaftlich autonomen , sich selbst mit 
allem versorgenden Unternehmungsorganismus ; vom Brennmaterial, 
das die herrschaftlich-königlichen Wälder, und den Lebensmitteln, 
die die Landwirtschaft liefern, und dem Rohmaterial, dem Eisen- 
stein, angefangen, bis zum Halb- und Ganzfabrikat, den Blechtafeln 
oder Eisenzangen, vollzieht sich die Produktion in einer einzigen 
Großunternehmung, bleibt alles in einer Hand. 

Das rohe Erz kaufen die Schichtmeister von den Eisenstein- 
zechen ^^. Die Erze werden nun in die Hammerwerke geführt ; 
auf diesen stehen eine Anzahl verschiedener Gebäude : Hochöfen, 
Stabhütten, Kohlhäuser, Mahlmühlen und Wohnungen und dazu 
gehören verschiedene Arb^iterkategorien als: Hochofenarbeiter, 
Hammerschmiede, Holzhacker, Köhler und Einführer, Eisenstein- 
fuhrleute, Zimmerleute. Hier nun werden die Erze geschmolzen 
und geschmiedet und zwar sollen aus jedem Zentner (140 Pfund) 
rohen Eisens „Ordinari 2V2 Waag gebräuchlichen Gewichts (da doch 
hier landes nach ein ziembliches mehr darüber außgeschmidtet, vnd 
geliefert wirdt) gut wohl ausgefrischtes Eisen gegeben werden." 
Jeder Waag wird um 2 fl. angeschlagen. Das Schmiedeeisen soll zu 
des Amtes Disposition geliefert werden, und der Rentschreiber hat 
sich um dessen Verkauf zu bekümmern. Die Weiterverarbeitung 
findet in dem Blechhammerwerk zu Unter- Weipert statt, das eben- 
falls von einem besonderen Schichtmeister geleitet wird. Dort sind 
die Blechmeister, Ziehner (Verzinner), Frischer, Kohlmesser und 
wieder Fuhrleute. Das rohe Gußeisen wird ausgefrischt, das 
gefrischte ausgeschmiedet, ins Zinnhaus gebracht, verzinnt und in 
Fässern aufbewahrt. Aus einem Zentner (ä 140 Pfund) Roheisen 
oder brauchbarem Gießwerk sollen 112 Pfund gefrischtes Eisen, und 
dazu sollen P/2 — 2 Kübel Kohlen verwendet werden. Folgende 
Preise sind angesetzt (1652): 

1 Zentner Roheisen ä 140 Pfund wird bezahlt mit 1 fl. 58 h., 
1 „ brauchbares Gießwerk „ „ „ 2 „ 30 „ ; 

der Frischer erhält von 1 Zentner gefrischten Eisens 2 ggr. oder 7 kr. 
3 d. Der Blechmeister hat zu liefern : aus 20 Zentnern gefrischten 
Eisens Nürnberger Gewichts (20 X 140 Pfd. = 2800 Pfd.) 30 Schock 
dünne Eisen, jedes von 120 Blatt, von jedem Schock werden ihm 
3 Stürtz oder 6 Blatt „vom Zühner einzulegen passirt" . . . Der 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 11 



162 Der Bergbau auf niedere Metalle. 

Blechmeister hat an den Schichtmeister zu bezahlen für 1 Zentner 
= 100 Pfd. gefrischtes Eisen 1 fl. 45 kr., für 1 Schock Kübel Kohlen 
15 fl. 45 kr. 1« Der Zinner soll monatlich 40—60 „ Vaßl" von 300 Blatt 
einschlagen „und von 40 Väßeln 8 Strich Khorn, 4 str. zur Paitz in 
vblichen v^erth ä 3 fl. 45 kr. vnd 4 str. zuer Brödung wie es von 
ambt der billigkeit nach taxirt v^^irdt" annehmen. Zu 40 Fässern 
ä 300 Blatt soll der Zinner 4 Stein Inslicht nehmen und jeden mit 
3 fl. 45 kr. bezahlen. Zu 40 Faß Blech werden ihm passiert: 
8 Zentner Zinn ä 100 Pfund Nürnberger Gewicht und es soll 1 Zentner 
Zinn ä 100 Pfund mit 24 — 25 Taler, „nachdem es steigend und 
fallenden werth ist, bezahlt werden, id est 36 fl." 

Man sieht, die Vorstände der einzelnen Werkabteilungen werden 
wie selbständige Handwerker behandelt, die gewissermaßen die be- 
treffende Betriebsabteilung gepachtet hatten ^^, sie stellten auch die 
notwendigen Gesellen und teilweise die Betriebsmittel. Der Ver- 
kehr von Werk zu Werk geschah durch eigene oder gemietete 
Fuhren. Am bequemsten boten sich dazu die Untertanen, da hatte 
man wenigstens eine ständige Truppe von billigen Frachtern. Für 
die Zufuhr von Roheisen oder Gießwerk vom St. Christof hammer, 
Schmidberg oder anderwärts nach dem Blechhammerwerke in 
W^eipert sind für die Untertanen pro Zentner 1 kr. 3 ^ Fuhrlohn 
gesatzt. 

Das Amt, d. h. der landwirtschaftliche Betrieb liefert an die 
Industrialwerke die nötigen Lebensmittel und Utensilien. Der Geist, 
in dem jetzt diese Versorgung geschieht, ist ganz deutlich zwie- 
spältig; einerseits wird die sozialpolitische Gesinnung beibehalten, 
aber nicht mehr ganz reii^, sondern danebenher geht ein starkes 
finanzielles oder fiskalisches Interesse, das oft ganz jenes erstere 
in den Schatten stellt. Es sind nicht mehr die idealen Gesichts- 
punkte und Tendenzen der Berggesetze, sondern diese vermischen 
sich mit den reinen Erwerbsinteressen der Gutsherrschaft. So zum 
Beispiel wird dem Schichtmeister aufgetragen, darauf zu sehen, daß 
die Arbeiter über ihren Verdienst hinaus keine Schulden machen, 
widrigenfalls der Schichtmeister haftbar sei, anderseits aber soll der 
Schichtmeister auch „dahin befließen sein, auf daß die arbeither an 
Bestimbter Zeith, vnd zwar alle 4 Wochen Ihren verdienten Lohn, 
ohne aufenthalt, vnd abbruch empfangen vnd nicht verbunden sein 
sollen, an wahren etwas tewerer anzunehmen, allermaßen hiemit 
iedesmahl bei straff 10 Rthl. dem Schichtmeister verbothen wirdt, 
mit Getraidt, Kram- vnd andern wahren zu handien, es werdte ihme 
dan an Getraidt, Khaeß. Putter vnd Krauth zu Ihro Keyserlichen 




Mayestet Nutzen von Anibts wegen etwas zu versielbern, hingeschaltt, 
w^ie bereiths üblich, vnd eingeMhret ist". 

Nach Weipert liefert das Amt Zinn, Inslicht, Kupfer ins Zinn- 
haus, ferner Bargeld, Roheisen, Bier, Getreide, Butter, Käse, Sauer- 
kraut u. dgl. Natürlich ist für diesen komplizierten, ineinander- 
greifenden Betriebsorganismus eine genaue Buchführung und Ver- 
rechnung von Zweig zu Zweig unerläßliche Notwendigkeit. Es wird 
denn auch darauf strenge gesehen und diesbezügliche detaillierte Vor- 
schriften werden erlassen. Dem Schichtmeister wird anbefohlen, „daß 
Er das zu diesen Plechhammer benöthigte Bier, Brodt, Waitzen, Khom, 
Gersten, Habern, ArbeifBcn (Erbsen), Butter, Kaeß, Kraudt vnd waß 
alda erkaufft vnd gebawet wirdt, bey dem Ambt, vnd der Plech 
Schmidt, Ziehner, vnd alle andere arbeithen, wieder bei Ihm in üblichen 
werth annehmen , vnd nicht aigennutziger weiß darüber schlagen 
solle; Jedesmahl bey Straff 10 Rthl." — Alle 14 Tage solle Lohn- 
tag und alle vier Wochen Rechnungstag gehalten werden ; sehr be- 
zeichnend ist der Grund dieser Vorschrift: „damit Beym Werck 
mehr Bier aufgehe." Auf dem Blechhammerwerk befindet sich ein 
herrschaftliches Wirtshaus, in dem herrschaftliches Bier geschenkt 
wird, ferner eine Fleischbank, die einem Fleischer um 17 fl. jähr- 
lichen Zins verpachtet ist. Der Schichtmeister soll auf gute Qualität 
und mäßige Fleischpreise sehen. — Von den Schichtmeistern, den 
leitenden Beamten , wird viel verlangt , man appellierte an ihre 
fachmännische Tüchtigkeit wie an hohe menschliche Qualitäten. 
Sie haben aber keine große selbständige Initiative, selbst das Recht 
der Aufnahme und Entlassung von Arbeitei-n steht dem Amte zu. 
Sie sollen gottesf ürchtig , nüchtern, ehrlich, getreu, fleißig, der 
Obrigkeit gehorsam sein, durch ein erbauliches Leben den Arbeitern 
(,, maßen dieselben außer dessen ein rauhes Volck") mit gutem Bei- 
spiel vorangehen, „mit denenselben zu Verkleinerung seines Respect 
sich nicht zu gemain machen vnd gegen mäniglich sich dergestalt 
zuverhalten, wie er von andern gehalten werden will". Selbst- 
redend muß er katholisch sein und soll keine konfessionell gemischte 
Arbeiterschaft dulden ^^. 

Eine ähnliche Entwickhnig wie die Eisenhütten scheinen die 
Bleierzhütten genommen zu haben. Blei war im sechzehnten Jahr- 
hundert als Schmelzmaterial stark gebraucht und wurde — wie wir 
hörten — auch aus dem Ausland stark eingeführt. Mit dem Nach- 
lassen der Edelmetallbergwerke traten andere Verwendungsarten in 
den Vordergrund, namentlich wurde Bleierz zum Glasieren von Töpfer- 
w^aren gebraucht (vgl. Schmidt IV, S. 520). Den Erzkauf hatten 

11* 



164 Der Bergbau auf niedere Metalle. 

anfangs Private über, im 17. Jahrhundert aber war er fiskalisch 
(vgl. Sternberg I, S. 429 ff.). Der königliche Erzkaufverwalter in 
Bleistadt hatte sich um den Verkauf der Bleierze zu kümmern, er 
soll mit den in- und ausländischen Handelsleuten und deren Faktoren, 
besonders aber mit den ältesten Zunftmeistern des Töpferhandwerks 
in den Städten Kaufkontrakte abschließen. Diese unterliegen der 
Bestätigung des Joachimsthaler Oberamtsverwalters. (Vgl. auch die 
ausführliche Instruktion für den Bleierzkaufsverwalter von Bleistadt 
ex lü99 bei Schmidt IV, S. 287 f.) 

Die Feudalisierung der Industrie bedeutete zuerst einen Fort- 
schritt höchstens in der Betriebsorganisation, keineswegs aber in 
der Technik der Betriebe oder in der sozialen Fürsorge ; dazu hatte 
sie zu wenig Zeit , um sich stark genug einzubürgern , denn der 
dreißigjährige Krieg hat die kräftigen Ansätze zu einer Großindustrie 
in Böhmen zerstört, und erst Ende des siebzehnten Jahrhunderts 
kann man überhaupt wieder von einem geregelten Wirtschaftsleben 
ih Böhmen sprechen. Seit dieser Zeit aber ist- so ziemlich alles, was 
es an Industrie in Böhmen gibt, in den Händen des Großgrund- 
besitzes oder irgendwie mit ihm verknüpft; der Staat als Unter- 
nehmer ist ausgeschaltet und begnügt sich fortan mit der Rolle 
des weisen Ratgebers, der durch Wort und Gesetz, nicht mehr 
durch die Tat wirkt. 

Eine grundherrliche Bergfreiheit aus dem siebzehnten Jahr- 
hundert unterscheidet sich nicht sehr wesentlich von früheren Be- 
freiungen dieser Art; aber die grundherrliche Unternehmung hatte 
den Vorzug, daß sie wegen des lokal begrenzten Umfangs das für 
einen speziellen Fall und Ort jeweils Nötige rasch und passend 
herausfinden und anordnen konnte, während der staatliche Bergbau 
eine gewisse allgemeine Gleichförmigkeit und Schabionisierung ein- 
halten mußte und wollte. 

Betrachten wir die Bergfreiheiten eines der größten böhmischen 
Magnaten aus dem Jahre 1625, der seine universale Begabung auch 
in diesen, einen sehr praktischen Sinn verratenden Bestimmungen 
bewährte, die Bergordnung und Bergfreiheiten Albrecht Waldsteins, 
Herzogs zu Friedland, für seine Bergwerke zu Hohenelbe, Starken- 
berg, Arnau usw. (Schmidt IV, S. 394 ff.) ^^. Es wird ihm berichtet, 
daß die Erze von den Bergwerken über schlechte Wege und durch 
steinige Gebirge zwei starke Meilen bis nach Hohenelbe zum 
Schmelzen gebracht werden müssen; er genehmigt also, daß die 
Ge werken bei dem Bergwerk eine neue Schmelzhütte erbauen und 
vollständig einrichten (er selbst tut es nicht!), „damit künfftieg Die 



Eisen. 1(55 

grossen Unckosten ersparet, Und neben den guten Erczten, Auch 
die gering haltigen wo bießhero umbsonst hiengangen, mit Nutz 
Verschmelzt werden koennen." Es hat sich ferner die Notwendig- 
keit herausgestellt, einen Erzkauf einzurichten. Für die Herrschaft 
selbst ist er damals aber zu unrentabel gewesen. „Ob Unß nun 
Zwar bevohr tuende solchen selbst zue fführen, Dieser handel aber, 
Wie wir Vernehmen nichts Annders, alß die Schmelcz Und Seiger 
Arbeit betrifft, so fuer Unns nicht sein will, Unnd aber Armen 
Gewercken Unnd Bergleuthen hierdurch gedient werde, Damitt sie 
kuenfftig die gewonnenen Erzt Unnd Berg Arten Zue ihrer Unter- 
haltung alle Wochen Inn kauff geben, Unnd zue gelt machen 
können", .... so gestattet er anderen Leuten, einen Erzkauf zu 
errichten und davon den Zehend in Empfang zu nehmen. Er fördert 
die Kolonisierung seiner Arbeiter dadurch, daß er die Erwerbung 
zinsbarer Bauerngüter durch vermögliche Gewerken begünstigt und 
ihnen ein bequemes, sicheres Besitzrecht einräumt. 

Ob freilich die Fixierung der Zinse eingehalten und diese nicht 
vielmehr von der Herrschaft beim Nachlassen des Bergbaus und 
Besserung der landwirtschaftlichen Konjunktur willkürlich erhöht 
worden sind, ist zumindest zweifelhaft. Analoge Beispiele aus der 
Zeit — ich erwähne nur den Bauernaufstand vom Jahre 1630 just 
auf einer Wald steinischen Herrschaft — gäbe es genug. — Gegen- 
über dieser Politik der Grundherren, denen es um die Kolonisierung 
ihrer Gebiete nach den Verlusten des Krieges und um die Schaffung 
eines rechtlich und faktisch abhängigen Untertanenstandes zu tun 
war, mußte die staatliche Forstpolitik, die man als chronische Holz- 
angst, d. h. Angst vor Holzmangel charakterisieren kann, die Be- 
siedelung geradezu erschweren. Die staatlichen Forstverordnungen 
verboten, namentlich in den Reservatwäldern, das Holzfällen über 
das für die Bergwerke unbedingt notwendige Maß hinaus, das 
Liegenlassen des Waldbodens zu Feld und Wiese, ja auch das 
Bauen mit Holz sollte erschwert und der Steinbau gefördert werden ; 
keinerlei Weiderechte im Walde werden verstattet, nur die ganz 
armen Bergleute hatten einen Anspruch auf Weideland ^^ 

Die böhmische Eisenindustrie bewahrte die Grundlagen , auf 
denen sie beruhte und die Organisation, die sie sich im Verlaufe 
des siebzehnten Jahrhunderts gegeben hatte bis ins letzte Drittel 
des neunzehnten Jahrhunderts, damit auch die Basis ihrer Kalku- 
lation bezüglich Produktionskosten, Gewinn und Fabrikatpreis. 
Dieser lange stationäre Zustand einer Industrie, die heute tiberall 
— soll man sagen noch — die technisch und wirtschaftlich vor- 



X()t) Der Bergbau auf niedere Metalle. 

geschrittenste ist, bleibt in der Tat bezeichnend für ihren Ursprung 
aus einem landwirtschaftlich - forstwirtschaftlichen Nebengewerbe 
des festgeschlossenen Gutsorganismus und die dadurch bedingte 
teilweise Unabhängigkeit von der Marktkonjunktur, an deren Auf- 
stieg sie automatisch teilnahm, gegen deren Rückgang sie in sich 
selbst eine Versicherung bildete. 

Ein Vergleich dessen, was soeben über Preßnitz aus dem sieb- 
zehnten Jahrhundert berichtet wurde, mit einer Beschreibung der 
Fürst Fürstenbergschen Montan- und Hüttenwerksunternehmungen 
in Böhmen aus dem Jahre 1873 (Manuskript) wird uns über die 
geringen Veränderungen innerhalb eines Zeitraums von 200 Jahren 
belehren. Das Vorhandensein reicher Erzlager bildet die Basis der 
Unternehmungen und die großen Wälder geben die Mittel zur Ver- 
arbeitung; während in England schon seit Mitte des achtzehnten 
Jahrhundert die Koksfeuerung eingeführt ist und nach und nach 
Belgien, Frankreich und Deutschland die kostspielige Holzkohlen- 
roheisenerzeugung aufgegeben hatten, besteht sie bei den Fürsten- 
bergischen Werken in Böhmen bis 1871; erst in diesem Zeitpunkt 
beginnt der Umwandlungsprozeß zur Kokstechnik. Der Bericht der 
Berg- und Hüttenverwaltung sagt darüber: „Die Verhüttung der 
Erze geschah bisher mittels der in eigener Regie erzeugten Holz- 
kohle , und in dieser Richtung bildete die Eisenindustrie einen 
wesentlichen Ertragsfaktor der fürstlichen Forstwirtschaft. Da aber 
durch den fortschreitenden Ausbau eines rationellen Bahnnetzes 
durch neugeschaffene Industrialien und Bauten und durch Er- 
weiterung des Absatzgebietes für Holz andere, rentablere Ver- 
wertungswege für dieses eröffnet wurden, als es bisher die Eisen- 
industrie war, so wird für diese die Verwendung des teueren 
Holzes in ökonomischer Hinsicht eine Unmöglichkeit." Dabei ist 
zu erwähnen, daß es staatlicherseits keineswegs an Aufmunterung 
zu technischen Fortschritten, namentlich zur Steinkohlenverwendung, 
fehlte. Schon 1716 befiehlt Karl VI., die böhmische Kammer möge 
mit der neugeschaffenen Merkantilkommission die Verwendungs- 
möglichkeiten der Steinkohle beratschlagen : „und Wir gerne seheten, 
wann dieses Werk befördert und dessen Nutzbahrkeit der oeconomiae 
denen Landes Inwohnern demonstrieret würde 2*", und ein Jahr 
später (1717) wird in einem kaiserlichen Reskript direkt auf die 
Möglichkeit der Steinkohlenverwendung bei den Hochöfen hin- 
gewiesen ^^ und auch ein Verzeichnis aller Herrschaften und Güter, 
auf denen Steinkohlen gegraben werden könnte vom Kaiser ver- 
langt. Trotzdem blieb die böhmische Eisenindustrie eine Wirtschaft 



Eisen. 1 ß7 

aus dem Vollen, eine Rohmaterialproduktion, auch hier wieder ein 
Wuchern mit dem von der Natur anvertrauten Pfunde, das wir 
schon zu verschiedenen Malen für das Wirtschaftsleben dieses 
Landes als charakteristische Eigentümlichkeit aufgezeigt haben. 
Mischler wird daher im großen ganzen Recht haben, wenn er 
(a. a. O. S. 602) den Unterschied zwischen der österreichischen, 
speziell böhmischen Eisenindustrie und der deutschen so ausdrückt : 
„Was hier (in Österreich) der glückliche Zustand allein aufwiegt, 
daß die Hüttenwerke in den Händen reicher Grundbesitzer sind, 
die auf ihren Gütern Erz, oft Steinkohlen, meistens aber un- 
erschöpfliche Holzvorräte und zahlreiche , anderweitig nicht zu be- 
schäftigende Arbeitskräfte besitzen , das muß in den meisten 
deutschen Hüttengegenden Kunst , Ausdauer , rastlose Sorge auf 
Vervollkommnung des technischen und wirtschaftlichen Betriebes 
und größerer Unternehmungsgeist ersetzen." 

Der merkantilistische Staat zwar wirkte — wie gesagt — mit 
den ihm eigenen Mitteln der Belehrung und Aneiferung und 
pekuniären Begünstigung ebensowohl auf die Entstehung neuer wie 
auf die Verbesserung der vorhandenen Unternehmungen hin. Ver- 
schiedene Edikte konstatieren, daß „bey dem allseitig noch immer 
steigenden Consumo der Eisenwaaren, vnd auch ad extra so glück- 
lich bestehenden Eisenverschleiß" die Errichtung und Vermehrung 
der Eisenfabriken nötig sei, um den ganzen Bedarf der Erbstaaten 
mit inländischem Eisen zu decken. Es ergeht insbesondere an das 
böhmische Gubernium der Auftrag, „womit auch dortlandes sonder- 
lich die von den Graf Buquoyschen gegen Oesterreich gelegenen 
böhmischen Herrschaften angegebene Eisen - Erzeugung erhoben 
werde ^^." Die Ausfuhr böhmischen Eisens wird durch Zoll- 
ermäßigungen begünstigt, die Abwanderung der Eisen-, Blech- und 
Stahlarbeiter brutal verhindert^*. Aber alle diese Mittel waren 
nicht stark genug, um die in der Geschlossenheit der autonomen 
Gutsherrschaft liegende Tendenz zur Stabilität zu überwinden; sie, 
zunächst für den eigenen Bedarf produzierend und schon gedeckt 
durch die bessere Holzverwertung, hatte es nicht unbedingt nötig, 
für den Markt zu schaffen und sich auf weitabliegende Plätze zu 
begeben , wozu erst wieder die nötigen Verkehi'swege hätten her- 
gestellt werden müssen. Zwar ist nicht zu leugnen, daß die Holz- 
vervvertung bei der Eisenindustrie von selbst auf eine pfleghche 
und rationelle Forstwirtschaft hindrängte , aber anderseits hat sie 
eben darum die bestmögliche und stärkere Bewertung der Erz- 
lager — vielleicht muß man sagen glücklicherweise — gehindert; 



l(jg Der Bergbau auf niedere Metalle. 

denn das Verhältnis zwischen den vorhandenen Erzschätzen und 
der zur Verhüttung kommenden Menge bheb bis zur Einführung der 
Rostfeuerung ein sehr kleines und erst von da ab beginnt die 
Massenproduktion in der Erz Verarbeitung. In gleicher Richtung 
wirkte im neunzehnten Jahrhundert der Schutz durch Einfuhrzölle, 
den die österreichische Eisenindustrie gegen die Konkurrenz des 
Auslandes genoß und der nicht als unwichtigster Grund für ihre 
Rückständigkeit anzusprechen ist. Die hohen Zölle verteuerten 
die Eisenpreise wieder (damit wurde die Holzfeuerung profitabler), 
schränkten aber die Nachfrage ein und erhielten Technik und Be- 
triebsorganisation stationär. Rücksichten auf die bessere Qualität 
des mit Holz anstatt mit Koks verhütteten Eisens haben sicherlich 
nur zum geringsten Teile zur Beibehaltung der alten Technik mit- 
gewirkt. Mischler faßt seine diesbezüglichen Ausführungen zu- 
sammen, indem er (S. 599 f.) sagt: „Lastet auf dem deutschen 
Hüttengewerbe die übergewaltige fremde Konkurrenz und schließt 
die Beschränkung der Absatzgebiete die Unmöglichkeit ein, den 
Betrieb auf seine mögliche Höhe zu erheben, so ist in Österreich 
der stationäre Zustand der Absatz Verhältnisse die Ursache des nur 
langsam sich erweiternden Betriebs. Um jeden Hüttenbezirk 
schließt sich der Absatzkreis ab, und nur selten treten die Hütten 
des benachbarten Kronlandes , nie aber fremde Werke , mit ihren 
Erzeugnissen in denselben hinein. In diesem Umstände liegt haupt- 
sächlich der verhältnismäßig geringe Fortschritt in Anwendung der 
Steinkohle, die eben in ihren Folgen eine starke Mitwerbung, Er- 
mäßigung der Preise , hierdurch ^Erweiterung der Nachfrage und 
durch sie schwunghaften Betrieb zur Folge haben werden. Das 
hieraus entspringende Durchbrechen der hergebrachten Absatzkreise 
ist dann der wirksamste Sporn zur möglichst vollständigen Benutzung 
der den einzelnen Hüttenwerken zu Gebote stehenden Naturschätze, 
Kapital- und Arbeitskräfte. Bis jetzt (1852) vermag das Ausland 
nicht die in den hohen Tarifsätzen liegenden Schranken zu über- 
steigen und so zum wirtschaftlicheren Betrieb zu mahnen." 

Betrachten wir nunmehr die Fürstenbergschen Betriebe im 
Jahre 1873 näher. 

1. Eisenerze werden in Kruschnahora und Nucic gefunden; sie 
sind von verschiedener qualitativer Zusammensetzung, daher un- 
gleichwertig und enthalten 33 — 53 ^/o Eisen und verschiedene 
Mengen von Kieselsäure. Gemeinschaftlich verhüttet ermöglichen 
sie die Herstellung verschiedener Roheisensorten auch mit schlechtem 
Koks. „Der Besitz dieser beiden, in ihrer chemischen Beschaffen- 



Eiseu. 1()9 

heit sich gegenseitig ergänzenden Erzvorkommnisse gibt der fürst- 
lichen Roheisenindustrie einen großen Vorsprung vor sämtlichen 
anderen Roheisenerzeugern in Böhmen." Die Eisensteinförderung 

betrug 

1870: 900 000 ZoUzentner, 

1871: 1,100 000 

1872: 1,200 000 
Die bis zu dieser Zeit aufgeschlossenen Erzlager lassen auf ein 
Erzquantum von 175 Millionen Zollzentner schließen. „Die mög- 
liche Förderung in Kruschnahora kann auf 1 Million Zollzentner 
und in Nucic (Tagbau) auf ein beliebiges, jährliches Quantum ge- 
schätzt werden." 

Die Erze werden in folgenden Holzkohlenhochöfenwerken ver- 
hüttet : 

a) Leontinenhütte bei Nischburg in zwei Hochöfen; die Ent- 
fernungen von den Erzlagerstätten beträgt 3V2 bzw. V2 Meile. 
Das Gebläse, Erzbrecher, Gichtenaufzug und Dreherei werden von 
Turbinen betrieben. Als Reserve dient eine stationäre Dampf- 
maschine. Die Roheisenproduktion beträgt 100 000 Zollzentner. 
Das Roheisen wird ausschließlich in den Puddelhütten zu Alt- 
hütten und Rostok verpuddelt. 

b) Neu-Joachimsthal mit zwei Hochöfen älterer Konstruktion; 
die Entfernung von Nucic beträgt 4 Meilen, Kruschnahora ist in 
unmittelbarer Nähe. Die Triebkraft für die Gebläsemaschine Uefert 
ein aus einem Teiche gespeistes Wasserrad. 

Die Produktion beträgt: 

28 000 Zollzentner Roheisen, 
17 000 „ Gußware. 

Das Roheisen wird in der Walzhütte zu Rostok verpuddelt, die 
Gußware wird teils nach Prag, teils nach der eigenen Maschinen- 
werkstätte in Althütten abgesetzt. Die Guß wäre besteht meistens 
aus Maschinenguß. Außer dem Guß direkt aus dem Hochofen 
produziert man in zwei Kupolöfen 1700 Zentner Gußwerk durch 
Umschmelzen von Gießereiroheisen. 

c) Karlshütte bei Beraun mit zwei Hochöfen. Entfernung von 
den Erzen 2V2 Meilen. Die Gebläsemaschine wird durch ein eisernes 
Wasserrad, die Steinbrecher und Pochwerke mittels Turbinen be- 
trieben. Die Jahresproduktion: 

70 OOO Zentner Roheisen 
und 30 000 „ Gußware. 



170 I^cr Bergbau auf niedere Metalle. 

Das Roheisen wird an die Walzwerke in Bfas und Althütten ver- 
kauft, und die Gußware nach Prag und Pilsen abgesetzt. Der Guß 
ist Kommerzguß und Röhrenguß. 

d) Carl Emilshütte zu Königshof bei Beraun. 

„Dieses Hochofenwerk hat den Zweck, die Erze der fürstlichen 
Gruben mittels Koks zu verschmelzen , den eingetretenen Ausfall 
an Holzkohlenroheisen zu decken und die fürstlichen Eisenraffinerie- 
werke durch Unabhängigkeit vom Roheisenmarkte in ihrer Existenz 
zu sichern." 

Die Anlage besteht 1873 aus einem Kokshochofen, zu dem im 
Jahre 1874 ein zweiter kommt. Die Leistungsfähigkeit der im 
Betrieb befindlichen Hochöfen ist 140 000 Zollzentner, der neue 
wird 300 000 Zentner liefern. Sämtliches erzeugte Roheisen wird 
an die fürstlichen Walzwerke in Althütten, Bfas und Rostok ge- 
liefert und daselbst in Puddelöfen verarbeitet. Man beabsichtigt 
auch eine neue große, modern ausgestattete Gießerei zu errichten. 
Der nötige Koks wird teils aus Kokezcan, teils aus Waidenburg in 
Oberschlesien bezogen. Der Waldenburger Koks ist um so viel 
besser als der Kokezaner, daß man pro Zeiteinheit doppelt soviel 
mit ersterem produzieren kann wie mit letzterem. Die Hochofen- 
anlage Carl Emilshütte ist bis auf das Vierfache ihrer momentanen 
Ausdehnung erweiterungsfähig. Die Entfernung von Nucic beträgt 
2V2 Meilen, von Kruschnahora ^/2 Meile. 

Das in den genannten Hütten produzierte Roheisen wird in 
den Walzhütten Althütten bei Beraun, Bfas bei Pilsen, Rostok bei 
Püglitz verpuddelt. Die Produktionsfähigkeit dieser Walzwerke ist 
folgende : 

1. Althütten erzeugt: 

40 000 Zentner Kesselbleche, 
15 000 „ Industrialeisen, 
40 000 „ Kommerz- und 
40 000 „ Feineisen, 

Zusammen 135 UOO Zentner. 

Mit der Walzhütte ist eine größere Maschinenfabrik verbunden 
(in Opocnco), die hauptsächlich den Bau von Wassermotoren und 
Blecharbeiten für Brauereieinrichtungen als Spezialität betreibt. 

2. Bras produziert 00 000 Zentner Schmiedeeisen und Feineisen. 

3. Rostok erzeugt als Spezialität Walzdraht bis zu 4 mm Stärke 
und Feinblech von 5 mm abwärts : Die Leistungsfähigkeit der Hütte 



Alaun und Vitriol. 17| 

ist 50 000 Zentner Walzdraht und Feineisen 

und 20 000 „ Feinblech. 

Insgesammt werden also jährlich 280 OOU Zentner Walzprodukte 
erzeugt. 

Auf den Hütten sind Steinkohlen in Verwendung; sie werden 
teils von Rakonitz und Radnitz angekauft, teils von eigenen Kohlen- 
zechen in Miröschan und Ploskov geliefert. 

Alaun und Vitriol. 

Im Mittelalter wurden Alaun und Vitriol nur im Orient und 
auf den griechischen Inseln, hauptsächlich in Cypern (daher „cypri- 
sches" Vitriol), erzeugt; die Venetianer hatten das Welthandels- 
monopol in diesen Metallen. Nach der Eroberung Cyperns durch 
die Türken wanderte die Vitriolfabrikation nach Apulien aus und 
verbreitete sich von dort aus, nicht ohne daß die Alchimie, jene 
wundersame Neigung und Fähigkeit, in jedem Objekte eine lebendige 
geheimnisvolle Kraft zu entdecken, dabei ihren universalpädagogischen 
Einfluß nahm. In Böhmen fand sich das für die Alaun- und Vitriol- 
fabrikation nötige Material in großer Fülle und Güte. Schon 1470 
bewilligte König Wenzel dem Unterhofmarschall Valentin am Dorfe 
Preilep (Pf ilep) auf Gold, Silber und besonders auf Alaun zu bauen ^^. 
Um das Jahr 1490 sollen die ersten Alaunsieder aus Rom nach 
Böhmen gekommen sein. Die damaligen Betriebe waren klein und 
sehr zersplittert und wurden namentlich von den Haushälterinnen 
besorgt. In der Folge aber entstanden im Lande an mehreren 
Stellen größere Siedereien, welche den italienischen Alaun nach und 
nach ganz verdrängten. 

Eine der ältesten scheint die bei Komotau gewesen zu sein^^, 
das früher dem Templerorden und dann den Herren von Weitmühl 
gehörte. Zu ihrer Zeit soll das Alaunwerk aufgekommen und von 
ihnen 1558 die ersten Privilegien erhalten haben. Der Gewerkschaft 
wurden das anfangs bei Oberndorf entdeckte und dann alle noch 
in Zukunft aufkommenden Alaun- und Vitriolwerke (aber nur dieses 
Metall), mit Ausnahme aller übrigen, verliehen: Obrigkeit, Gericht 
und Lehen, vier Erbkuxe, der Zehent und Vorkauf blieben dem 
Grundherrn vorbehalten, der dafür den eventuellen Schaden, der 
durch die Alaungebäude entstünde, den betroffenen Gemeinden ver- 
güten sollte. Diese Privilegien wurden vom damahgen Erzherzog 
Ferdinand, als nachmaligen Besitzer, unterm 6. Januar 1564 be- 
stätigt, aber mit der Ausnahme, daß die vorher dem Grundherrn 



172 1^61- Bergbau auf niedere Metalle. 

obliegenden Entschädigungen die Gewerkschaft selbst zu tragen ver- 
pflichtet sein sollte. 

Ein anderes Fabrikationszentrum war Kuttenberg, das Vitriol- 
laugen in Überfülle hatte, die lange Zeit als nutzlos weggegossen 
wurden. Christof von Gendorf, vielleicht der eifrigste Bergmann 
seiner Zeit, scheint als erster Alaun und Vitriol in Kuttenberg 
fabriziert zu haben. Er erhielt eine Bergfreiheit, aber nur für kurze 
Frist und ohne jede Begnadigung, mit der nichts anzufangen war. 
Also wandte er sich von Kuttenberg gegen Kaaden, entdeckte oder 
übernahm vielmehr die Alaunwerke von Schachowitz, auf die ihm. 
der König 1544 eine ausgedehnte Bergfreiheit erteilte. Die Scliacho- 
witzer Bergwerke zeigten sich bald so ergiebig, daß der Alaunpreis 
im Lande fiel und auch der Kuttenberger Alaun billiger verkauft 
werden mußte. Das war dem König ungelegen. Er verständigte 
sich mit Gendorf und übernahm von ihm das Bergwerk in Schachowitz 
samt dem Verschleiß und errichtete im Teinhof in Prag eine Nieder- 
lage, wo der Alaun zum bisherigen Importpreise: 1 Zentner Alaun 
um 10 fl. 15 Groschen, 1 Zentner Vitriol um 3 V/4 fl., loko Fabrik 
Schachowitz um 10, bzw. 3 fl. verkauft wurde. 

Darauf erfolgte unterm 25. X. 1549 ein Verbot, Alaun und 
Vitriol aus dem Auslande einzuführen ^^. Mit der Begründung, daß 
Böhmen nunmehr ebenso guten wenn nicht besseren Alaun habe 
wie das Ausland und dem Könige und Landesfürsten das Regal an 
den Alaunbergwerken zur Mehrung seines Kammerguts zustehe, 
wird das staatliche Verkaufs- und Handelsmonopol eingeführt. 
Dieses Verbot wird unterm 24. X. 1551 schon zum drittenmale 
wiederholt, wie ja auch um die gleiche Zeit (20. X. 1550, ferner 
1551, 1554, 1556) die Zinneinfuhr nach Böhmen und der Handel 
mit ausländischem Zinn strenge verboten war, „dieweil dann für 
sich selbst pillichen, daß wir unsere Perkkwerch und Metallen, jn 
unsern selbst Lannden, selber neben unseren underthanen am 
pessten als wir zu schaffen wissen , geniessen , und durch andere 
Frembde ausländische Metall, oder auch dieselben noch unser selbst 
underthanen mit nichte gehindert, gesperrt, oder zu nachtail ge- 
fuert werden." 

Der Staatsbetrieb scheint aber in Schachowitz nicht prosperiert 
zu haben; Gendorf übernahm für 25 751 Thaler das Bergwerk 
wieder vom König. Gleichzeitig wird ein Einfuhrverbot für alle 
Länder und auf 20 Jahre erlassen, insolange Gendorf mit seiner 
Fabrikation den Bedürfnissen des Landes genüge leisten könne. 
Auch erhält er das Monopol des Urins in allen Städten zu seiner 



Alaun und Vitriol. 173 

Fabrikation, wogegen er sich von jedem Zentner Alaun V2 fl. an den 
König abzugeben verpflichtet. Im Jahre 1557 wird ein neues Man- 
dat erlassen, das Einfuhrverbot wiederholt, aber da im Jahre vorher 
kein spanischer Vitriol nach Antwerpen gekommen war und dadurch 
die Preise in Deutschland hoch standen, auch die Einfuhr insolange 
verboten, bis alle Gewerbe (insbesondere die Textilge werbe , Hut- 
macher u. s. f.) mit genügenden Vorräten versehen seien 2^. — 
Zwischen 1540 und 1580 entstanden im Innern des Landes zahlreiche 
Alaun- und Vitriolwerke 2'*, auch hier in Kuttenberg wurde die 
Fabrikation wieder aufgenommen und dem Inhaber (Matthias Türsch) 
eine neue Bergfreiheit erteilt. Die meisten Gewerken, die auf den 
Gründen des Adels solche Manufakturen anlegten, waren aus Deutsch- 
land, insbesondere aus Sachsen. Auf den königlichen Gründen aber 
stand es mifslich: erstens wurde darüber geklagt, daß beim Rück- 
gang des Edelmetallausbeutens viele Knappen in die Alaunwerke 
davonliefen, weil sie da besser gelohnt würden, sodann aber wirkte 
die Furcht vor Holzmangel hemniend. Deshalb bedang man sich 
bei der Konzessionierung dieser Gewerbe in Kuttenberg, daß die 
Gewerken in einem Umkreis von drei Stunden von der Stadt kein 
Holz kaufen durften. Besonders ängstlich war Kaiser Rudolf; in 
der Bergordnung für die Grafschaft Glatz von 1578 machte er die 
Errichtung solcher Manufakturen, Eisen inbegriffen, von der speziellen 
Erlaubnis des böhmischen Obristmünzmeisters abhängig, und in der 
Instruktion an die Kommissäre der Berg Werkvisitation von 1586^^ 
wurde ausdrücklick hervorgehoben, daß wegen der großen Zahl der 
Eisen-, Alaun- und Vitriolwerke im Lande, die viel Holz verbrauchten, 
zu besorgen sei, daß künftig den edlen Gold- und Silberbergwerken 
durch Abödung des Holzes großer Mangel entstehen möchte. Es 
sei darum anzutragen, wie solchen unmäßigen Verödungen der Ge- 
hölze zum Besten des Landes gewehrt werden könnte. Es wurden 
also die Bergwerke auf den Königlichen Gründen eingeschränkt, ohne 
Erfolg für die Hebung der Gold- und Silberproduktion, indes die 
Stände auf ihren Besitzungen, durch die beiden Bergwerkverträge ge- 
sichert, aus solchen Betrieben Gewinn zogen, bis der dreißigjährige 
Krieg dieser Entwicklung ein vorläufiges Ende setzte. 

Der Kohlenbergbau. 

Die Holzangst war es vornehmlich, welche in Böhmen zur Ver- 
wertung der Kohle und zur Entwicklung des Kohlenbergbaues ge- 
führt hat. Der Gebrauch der Kohle hat sich im kontinentalen 



174 I^ör Bergbau auf niedere Metalle. 

Europa — im Unterschied zu England und Schottland, wo er schon 
im 13. Jahrhundert bekannt war — sehr spät eingebürgert; noch 
1520 mußte die Pariser medizinische Fakultät ein Gutachten über 
die vermeintliche Schädlichkeit des Steinkohlenfeuers abgeben. In 
Böhmen war die Verwendung der Kohle zu Brennzwecken zwar 
nicht unbekannt, doch nicht geschätzt und nur zu Versuchszwecken 
benutzt. Die erste bergrechtliche Verleihung auf „Steinkohle" (der 
Unterschied zwischen Steinkohle und Braunkohle wurde überhaupt 
nicht gemacht) erfolgte an Boguslaw Felix von Lobkowitz und 
Hassenstein, Berghauptmann in Joachimsthal, unterm 1. IV. 1550 ^^ 
Es heißt darin, daß Lobkowitz und etliche seiner Mitgewerken zum 
erstenmale in Böhmen ein Steinkohlenbergwerk entdeckt hätten 
und es zu bearbeiten planten. In der Erwägung, daß solches Berg- 
werk den holzarmen und bedürftigen Saazer, Leitmeritzer und 
Schlauer Kreisen nützlich und auch der Königlichen Kammer ein- 
träglich sein könne, wird ihm eine weitgehende Befreiung und 
Begnadigung gewährt, unter anderem auch concediert, daß wo 
immer der Beliehene oder seine Mitgewerken in den drei Kreisen 
ein Bergwerk entdeckten, niemand sonst auf 3000 Prager Ellen 
weit ein ähnliches Bergwerk betreiben dürfe. Ob Lobkowitz im 
Besitz dieser sehr weitgehenden Bergfreiheit wirklich etwas zur 
Erschließung der Kohle unternommen habe, davon haben wir keine 
Kunde. Aber wenn wir auch nichts über die Verwendung der 
Kohle als Brennstoff wissen, so fing man doch bald an, sie zur 
Fabrikation des Vitriols zu gebrauchen. Auf der Herrschaft Rad- 
nitz des Grafen Czernin im Pilsener Kreise hatten Leipziger und 
Prager Gewerken zwischen 1570 und 1580 ein Steinkohlenlager 
angegriffen und vornehmlich zur Vitriolerzeugung benutzt. Die 
Braunkohle bürgerte sich als Feuerungsmaterial rascher ein als die 
Steinkohle, weil deren Fundlagerstätten in schon damals gewerb- 
reichen Gegenden lagen, die höhere Holzpreise hatten. Anfangs 
des 17. Jahrhunderts finden wir schon größere Fortschritte; König 
Matthias erteilte für Hans Weidlich , der auf den Gründen des 
Stiftes Osseg und der Stadt Brüx, bei Klostergrab und dem Dorfe 
Habern Steinkohlen (d. h. Braunkohlen) entdeckt und durch Ein- 
richtung künstlicher Öfen mit Ersparnis des Holzes bei Steinkohlen- 
feuerung Alaun- und andere Siedewerke befördert, Schwefel ge- 
trieben, Kalk gebrannt, auch Zimmer geheizt hatte, auf des Kaisers 
und der böhmischen Kammer Gründen ein Privilegium exclusivum 
für 15 Jahre und mit sechsjähriger Zehentbefreiung. 

Nach dem dreißigjährigen Kriege wurden erst wieder um die 



Der Kohlenbergbau. 175 

Mitte des 18. Jahrhunderts Mutungen auf Kohle vorgenommen, 
die in der Umgegend von Teplitz und Thurnitz einen größeren Um- 
fang erreichten. Auch hier ging der Raubbau einem systematisch 
geordneten Abbau voraus. Die meisten Schächte wurden als Tagbaue 
betrieben, bis die zunehmenden technischen Schv^ierigkeiten des 
Abbaues und die größeren Wassermassen auch hier den Bergbau 
unrentabel machten, umso früher, als die Klarkohle, die einen 
großen Bruchteil der Gesamtförderung betrug, unverkäufhch bHeb 
und als Düngemittel verwendet werden mußte ^^. Noch im Jahre 
1780 wußte der berühmte Peithner von der bei Aussig gefundenen 
Steinkohle nichts merkwürdigeres zu berichten, als daß sie sich 
leicht mit dem Hobel bearbeiten lasse und kleinere Tischlerarbeiten 
daraus verfertigt werden^^. Erst vom Jahre 1830 angefangen hat 
der Kohlenhandel von Deutschland (Magdeburg) her eingreifend 
Anlaß zu einem intensiveren Abbau der Kohlenflötze in Böhmen 
gegeben, und der Handel war es auch, der den böhmischen Kohlen- 
bergbau finanziert hat. 

Es ist wie eine Bestätigung des Dichterwortes, daß die Menschen 
wie von geheimnisvollen Kräften immer wieder zu den alten 
Stätten ihrer Betriebsamkeit zurückgeleitet werden, auch wenn alle 
Spuren ihrer Tätigkeit längst verwischt sind, wenn wir sehen, wie 
alle die eben genannten Stellen, auf denen im 16. Jahrhundert die 
Alaun-, Vitriol- und Kohlenproduktion betrieben wurde, am Ende 
des 18. und im Laufe des 19. Jahrhunderts zu Standorten einer 
Großuntemehmung wurden, deren Organe oder Teile sie bilden. 
Ein technisch-wirtschaftlicher Gesamtprozeß entfaltet und organisiert 
sich nach den beiden rationalen Gesichtspunkten: Ausbeutung vor- 
handener Naturschätze unter höchster (wirtschaftlicher) Zweck- 
mäßigkeit. So entstanden, von dem genialen Blick eines Unter- 
nehmers zusammengefügt, die ehemals J. D. Starckschen Berg- 
und Mineral werke ^*. Der Gründer der Firma J. D. Starck, der 
Sohn eines Branntweinbrenners und Krämers, selbst früher Baum- 
wollweber ^^, begann seine Tätigkeit auf chemischem Gebiete in 
Böhmen mit der Errichtung einer Alaunhütte in Silberbach (1792). 
Das Rohprodukt zur Alaunerzeugung, den Vitriolstein, kaufte er in 
Altsattel. Altsattel, zur gräflich Nostitzschen Herrschaft Falkenau 
gehörig, war eine solche alte Produktionsstätte von Vitriol. Peithner 
erwähnt die Altsattler Schwefelhütten, außerdem Alaun- und Vitriol- 
bergwerke, in denen man hin und wieder auch Steinkohle finde ^^. 

Um der Gefalir des Holzmangels zu begegnen, führte Starck 
die Kohlenfeuerung ein und kaufte 1804 das Braunkohlenbergwerk 



176 Der Bergbau auf niedere Metalle. 

Davidsthal bei Falkenau und errichtete daselbst eine Alaunfabrik 
mit Braunkohlenfeuerung. Zur gleichen Zeit erwarb er das Mineral- 
werk Hormitz im Pilsener Kreis, das bis dahin nur kümmerlich 
gearbeitet hatte und sicherte sich damit auch das Rohprodukt, den 
Vitriolstein. Auch hier wurde anfangs mit Holz, dann mit Kohle 
gefeuert. Darauf folgte der Ankauf von Thonlagern und die Anlage 
einer Töpferei zur Herstellung der zur Produktion und zum Ver- 
sand nötigen Gefäße. Dadurch wurde man vom Bezug Walden- 
burger Thon waren unabhängig und brachte überdies gelernte Ar- 
beiter ins Land. Im Jahre 1816 erwarb Starck die Kuxe der 
Mineralwerke von Altsattel und Littmitz, an denen er vorher nur 
als Gewerke beteiligt war und verbesserte den Betrieb der Schwefel- 
und Vitriolerzeugung. Die Preise dieser Mineralprodukte sanken ganz 
außerordentlich: während in den neunziger Jahren des 18. Jahr- 
hunderts der Preis des rauchenden Vitriolöls noch 80 fl. C. M. 
betrug, stand er 1831 auf 8 fl. und noch tiefer. In rascher Folge 
wurden den bestehenden eine Reihe neuer chemischer Betriebs- 
zweige angegliedert. Um dem Stein- und Braunkohlenbergbau durch 
größeren Kohlenverbrauch einen rascheren Aufschwung zu geben, 
wurden um die Mitte des 19. Jahrhunderts vier Glasfabriken er- 
richtet und die zur Glasfabrikation nötigen Materialien den eigenen 
Gruben und Fabriken entnommen. Seit der Eröffnung der Eisen- 
bahnen erhielten freilich die Kohlen eine viel bessere Verwertung. 
Nunmehr war es nicht nötig, um der Kohlenverwendung willen 
eigene Industrien ins Leben zu rufen, sondern die Fabriken mußten 
sich fortab mit den Abfällen, die früher zu Dungzwecken verwendet 
worden, begnügen, während die guten Sorten ihren Weg in die 
weite Welt fanden. 

Seit 1885 sind die Starckschen Werke eine Aktiengesellschaft 
mit einem Kapital, das ursprünglich 3 600000 fl. betrug und im 
Jahre 1891 auf 10 800 000 Kronen erhöht wurde. Durch die be- 
kannten chemischen Umwälzungen am Ende des 19. Jahrhunderts 
wurden alle bisherigen Produktionsmethoden dieser Werke geändert 
und die ganze Fabrikation auf eine neue Basis gestellt. 

Salz. 

Zu den vom Bergrecht erfaßten und geregelten Materien gehört 
auch die Gewinnung, bzw. der Verkauf des Salzes. In der neueren 
Zeit ist das Salz immer ein vorbehaltenes Mineral, ja das einzige 
Regal, welches der König stets allein praktizierte und auch dann 
nicht weiter verlieh, als die Stände im zweiten Bergwerksvergleich 



Salz. 177 

das Recht auf die niederen Metalle erhielten. Denn der Vertrag 
vom Jahre 1575 bestimmt hinsichtlich des Salzes, daß es für immer 
landesfürstliches Regal bleiben, dem Grundherrn aber der zehnte Teil 
des Nutzens überlassen werden solle. Die besondere und exzep- 
tionelle Bedeutung, die dem Salze de jure eingeräumt und in den 
bezüglichen Petiten immer wiederholt wird, die rechtliche Regali- 
tät, ist zugleich eine tatsächliche, volkswirtschaftlich relevante des- 
wegen, weil Salz nahezu das einzige Mineral ist, welches in Böhmen, 
Mähren und Schlesien nicht gewonnen wird. Das Regal bezieht 
sich also auf ein unbedingt notwendiges Genußgut, dessen Bedarf 
zur Gänze durch Zufuhr aus anderen Ländern gedeckt werden 
muß ; mit anderen Worten : es ist die Rechtfertigung für ein staat- 
liches Monopol, das durch die natürlichen und wirtschaftlichen 
Bedingungen gegeben war. Der älteste Zustand scheint dies freilich 
nicht gewesen zu sein, sondern das Resultat einer langen Ent- 
wicklung, die zum Monopol hindrängte. Ursprünglich war Salz, 
wie es scheint, kein Regal, sondern als notwendiges Bedürfnis jedem 
gegönnt, wo er es fand^^, und noch im 13. und 14. Jahrhundert 
mißlangen Versuche der Landesherrn, die Salzwerke an sich zu 
ziehen ^^. Es wird uns berichtet, daß die Böhmen im 15. Jahr- 
hundert von sich rühmten, ihre Nachbarn könnten ohne böhmisches Ge- 
treide nicht leben, alle umliegenden Landschaften nährten sich von 
dem in Böhmen gewachsenen Getreide und Fette, wofür die Böhmen 
leicht Salz und andere unentbehrliche Artikel erhielten. Meinten 
ihre Feinde, sie im Verlaufe langer Kriege durch Abschneiden der 
Salzzufuhr zugrunde zu richten, so dachten die Böhmen in der 
höchsten Not daran, ihre Gefangenen mit Salz loszukaufen, vrie es 
ja allbekannt sei, daß ihnen ihre Gefangenen nicht nur Salz, son- 
dern auch Pfeffer, Safran und andere überseeische Waren geliefert 
hätten. Früher hätten die Städte Salz gekauft, jetzt hätten sie 
es durch Abgedinge unentgeltlich und die Bauern müßten es teuer 
bezahlen. Obwohl den Deutschen viele zeitlichen Strafen auferlegt 
seien, damit sie kein Salz nach Böhmen ließen, gäben sie es den- 
noch im Tausche für Getreide, dessen Mangel schon manchen aus- 
zuwandern gezwungen habe. Empfänden die Böhmen auch großen 
Mangel an Salz, so sei andererseits in Meißen an der Grenze das 
Getreide so teuer, daß wegen des Notschreies der armen Leute der 
päpstliche Legat für einige Zeit gestattet hätte, Getreide für Salz 
einzutauschen. Da die wiederholten Bannflüche aus Rom jeden 
Handel mit den böhmischen Ketzern verdammten und die Ausfuhr 
von Getreide und anderen Feldfrüchten aus Böhmen hinderten, 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 12 



178 Der Bergbau auf niedere Metalle. 

erlaubte der böhmische Landtag nur solchen ausländischen Fuhren, 
Schiffen und Lasttieren, welche mit Landungen fremder Erzeugnisse 
und namentlich mit Salz ins Land kamen, sich hier wieder mit 
Getreide und anderen böhmischen Waren zu befrachtend^. 

Mit Ferdinands I. Regierungsantritt trat zugunsten der Salz- 
werke, welche er ungemein erweiterte**^, die fiskalische Rücksicht 
in den Vordergrund. Seit alters wurde das Salz hauptsächlich auf 
zwei Wegen nach Böhmen eingeführt*^: 1. aus Sachsen (Meißen) 
zu Wasser nach Leitmeritz, Aussig, Melnik und 2. sodann auf 
dem Landwege aus den Alpenländern über Passau nach Prachatitz. 
Prachatitz war eine alte Lagerstätte und Stapelplatz für das bay- 
rische Salz. In Prachatitz waren wie in Passau *^ alle vermögenden 
Bürger Salzhändler, alle hatten Salzniederlagen und Salzfulu-en, 
auch gab es da seit frühen Zeiten eine Salzniederlage der Ge- 
meinde und nach dem alten Sprichwort: „Korn umb Saltz" durften 
die böhmischen Fuhrleute nicht leer nach Passau kommen, sondern 
mußten Getreide, Butter und andere Viktualien mitbringen. Ein 
ganzer Sagenkreis knüpft sich an diesen bayrisch - österreichisch- 
böhmischen Salzpfad. Auf einem dritten Wege über das Erzgebirge 
aus Halle her versorgte sich der Norden des Landes mit den nötigen 
Mengen *^, wofür dann wieder Hallenser Bürger sich am böhmischen 
Erzbergbau beteiligten **. 

Bis zum Jahre 1548 blieb der private Salzhandel ungestört; 
in diesem Jahre errichtete Ferdinand I. in Mauthausen und Bud- 
weis zwei Niederlagen für Gmundener Salz, bald darauf die Salz- 
niederlage in Moldauthein. Der Kaiser monopolisierte den Salz- 
handel, konzentrierte ihn für Böhmen in Moldauthein und Budweis, 
verbot die Zufuhr fremden, nichtkaiserlichen Salzes unter Androhung 
schwerer Strafen*^ und sperrte den Prachatitzern Furten und 
Brücken. Von da an haben wir in Böhmen ein staatliches oder 
zunächst vielmehr ein kaiserliches Salzhandelsmonopol. Die Maß- 
regel war im wesentlichen fiskalisch gedacht, in dem Monopol 
hatte der Kaiser die Möglichkeit, seine österreichischen Salzberg- 
werke rentabel zu machen und weiters noch eine bequeme Be- 
steuerungsquelle. Motiviert wurde sie ja meist mit „gemeinnützigen" 
Gründen. Das kaiserliche Salz sei „wie wissentlich grösser und an 
der guete besser als das frembde Saltz" *", weshalb man behörd- 
licherseits hofft, es werde allgemein lieber genommen werden als 
das fremde. Man muß einräumen, daß Ferdinand I. und seine Nach- 
folger es sich angelegen sein ließen, das Monopol nicht nur ein- 
träglich, sondern auch möglichst wenig lästig und gehässig zu 



Salz. 179 

machen. Zunächst wurde für ausreichende Mengen und bequeme 
Zufuhr Sorge getragen. Der Kaiser erklärt, er könne mit seinem 
Gmundener und Halbstädter Salz nicht nur die österreichischen 
Länder, sondern auch Böhmen, Mähren und Schlesien bequem ver- 
sorgen. Das Salz wird von Gmunden bis Mauthausen und Linz 
auf dem Wasser, von dort nach Freistadt und Böhmisch • Budweis 
mit Fuhrwerk und von da wieder auf der Moldau nach Moldauthein 
und Prag transportiert und in den kaiserlichen Salzhäusern ver- 
kauft. Ton Freistadt in Oberösterreich, dem alten Stapelorte ^*, 
kam das Salz seit undenklichen Zeiten auf zwei Wegen nach 
Böhmen ^^: zur rechten Hand nach Lichtenau, Paßberg, Zetwing, 
Beneschau, Schweinitz, Wittingen, Strobnitz oder Gratzen, und zur 
linken Hand durch Reinbach, Kerschbaum, Unterhaid, Gäplitz 
(Kapplitz), Welschin, Steinkirchen und Budweis. Auf diesen Straßen 
hatten die Freistädter ein Handelsmonopol, besonders für Salz. 
Die Budweiser sperrten den Freistädtern die Straße zur rechten 
Hand gegen Wittingau und drängten so die Fuhrleute von der 
rechten Straße ab auf die Straße links nach Budweis zu. Die& 
erzw^ungene Stapelrecht veranlaßte späterhin Kaiser Matthias, gegen 
die Budweiser einzuschreiten. Um das Salz von Budweis aus be- 
quem nach Prag zu befördern, betrieb Ferdinand I. die Schiffbar- 
machung und Regulierung der Moldau*^ aufs eifrigste und schuf 
für die damalige Zeit großartig zu nennende Verkehrsanlagen auf 
der Moldau : Dämme und Schleusen, deren Bewachung und Instand- 
haltung er den anliegenden Gewerbe- und Handeltreibenden, be- 
sonders den Müllern, übertrug. Wer auf der Moldau Güter w^ie 
Getreide, Holz, Butter, Fische usw. transportierte, war verpflichtet^ 
eine ebenso große Ladung Salz gegen bare und prompte Bezahlung 
nach Prag mitzunehmen, um dem Mangel dort abzuhelfen ^^. Dieses 
Gebot der obligatorischen Salzladungen mußte immerzu wiederholt 
werden, was darauf hindeutet, daß es ebenso Avirkungslos blieb wie 
die entsprechenden Befehle , die Verkehrseinrichtungen auf der 
Moldau in gutem Stand halten. Die Müller scheinen schon damals 
„kanalfeindliche" Verkelursreaktionäre gewesen zu sein und statt die 
dem leichteren Verkehr dienenden Institutionen unbefohlen in ihren 
Schutz zu nehmen, erhöhten sie (offenbar w^ohl auch um genügend 
Wasser zum Betrieb zu haben) die Wehren und Schleusen so, daS 
die Passage gefährlich wurde, die Transportgüter ins Wasser fielen 
und das Salz unbrauchbar wurde ^^ 

Es gibt viele Gründe für die Annahme, daß das Salzmonopol 
trotz des besten W^illens der Behörden bald nach seiner Einführung 

12* 



180 I^Gr Bergbau auf niedere Metalle. 

als drückend empfunden wurde. Die Händler und Fuhrleute 
brachten dem strengen Verbote entgegen mit Umgehung der Zoll- 
stätten auf Seitenwegen fremdes Salz ins Land und führten Getreide 
aus den Dörfern als Gegenladung aus. Dadurch entgingen der 
königlichen Kammer bedeutende Einnahmen. Auch von Schotten, 
Niederländern, Italienern ist bereits (1571) die Rede, die den armen 
Leuten untüchtige und unverzollte Waren aufdrängen und dadurch 
die heimischen Kaufleute, welche gute und verzollte (aber haupt- 
sächHch verzollte I) Waren führen, in ärgerliche Not bringen ^^. Es 
ergeht ein strenges Verbot, Salz und andere Waren in anderen 
Orten als den kaiserlichen Lagerstätten abzuladen. 

Solange es einen freien Salzhandel gab, war der Preis des 
Salzes als eines unentbehrlichen Gutes, das noch dazu im Inland 
nicht erzeugt wurde, hoch und schwankend ^^ ; nach Einführung des 
Monopols war der Preis zwar auch hoch, ja wahrscheinlich noch 
höher, aber man trachtete ihn stetig und überall gleich zu erhalten. 
Zwar wurde in späterer Zeit die Einführung des Salzmonopols 
damit motiviert, daß man durch Beseitigung des freien Handels den 
armen Mann von den beschwerlichen Steigerungen und Klagen 
darüber befreien wollte. Aber das war eine Rechtfertigung ex post, 
die nur dazu diente , die Herrschaften und Obrigkeiten und ihre 
Beamten von einem unzulässigen eigennützigen Salzhandel mit über- 
mäßigen Preissteigerungen abzuschrecken. In Wirklichkeit war aber die 
Einführung des Salzmonopols von einer Preissteigerung des aus- 
ländischen Salzes — wahrscheinlich als Folge einer inländischen Preis- 
erhöhung — begleitet^*. Kurz nach der Dekretierung des Salzmonopols 
erhöhen die Passauer die Salzpreise. Sie motivieren den Preis- 
aufschlag mit einem angeblichen Mangel an Faßholz und Faßreifen 
in Salzburg. Die Scheibe (Sloup, Säule) Salz wird von 16 wg. auf 
20 wg. erhöht. Die neubestellten, unter dem Schutz des Passauer 
Bischofs stehenden „Salzherren" kommen überein, die Prachatitzer 
Salzkäufer zugunsten der bayerischen Salzhändler zu beschränken. 
Der böhmische Landtag von ij67 klagt über die Salzteuerung und 
schreibt sie den neuen Lagerstätten und der Beseitigung der alten 
Handelswege zu. Kaiser Maximilian erläßt ein Mandat an die 
Gmundener Beamten (1575), sie hätten längstens jedes Vierteljahr 
über die Teuerung des Salzes in den österreichischen Städten Bericht 
zu erstatten ; er werde danach die Preise in den böhmischen Salz- 
lagerstädten regulieren, damit die Bevölkerung nicht beschwert 
werde ''^•^. Im Jahre 1581 kostet ein Faß kaiserliches Salz schon 
42 gr. 3 /i^, vorher sogar 49 weiße Groschen. 



Salz. 181 

Den Beschwerden der Untertanen über das Salzmonopol suchte 
der Kaiser abzuhelfen , indem er — so weit es sich eben mit 
den finanziellen Interessen vertrug — durch „sozialpolitische" Maß- 
nahmen seine Härten milderte; überhaupt beruht die ganze Salz- 
gesetzgebung auf einem Kompromiß zwischen dem volkswirtschaft- 
lichen und sozialpolitischen und dem finanziellen und fiskalischen 
Interesse. Ein durchgehender Einheitspreis im ganzen Lande und 
die Zollfreiheit waren die Mittel, wodurch das Monopol annehmbar 
werden sollte. Mit Patent vom Jahre 1631 wird für alle Erbkönig- 
reiche und Länder verordnet, es solle künftig der kleine „Khueffel" 
Salz allenthalben und überall um 16 kr. verkauft und vom Salz „als 
einer liben Gottes Gab, vnd Uns allein zuständigen Landesfürst- 
lichen Regal" keine Maut, außer der gewöhnlichen Roß- oder Wagen- 
maut erhoben werden. 

Es wurde also die Verbilligung des Salzes oder besser die Ver- 
hinderung weiterer Preiserhöhung auf die Inhaber privater Mauten 
übergewälzt. Von einer wirklichen Preisermäßigung konnte keine 
Rede sein ; im Gegenteil, es stellten sich weitere Preiserhöhungen 
als unabweisliche staatsfinanzielle Notwendigkeiten heraus. Der 
Kaiser, wohl wissend, daß Preiserhöhungen bei einem so unent- 
behrlichen Lebensmittel den einzelnen Haushalt empfindlich treffen 
und eben dadurch gehässig sind, findet sich bewogen, sie aus- 
führlich zu begründen. Schwere unerschwingliche Kriegslasten 
einerseits, höhere Produktions- und Transportkosten anderseits 
werden gelegentKch als Gründe angeführt ^*^. Es wird gar nicht 
die Gefällsvermehrung abgewartet, sondern eine Anleihe auf- 
genommen und die Salzeinnahmen verpfändet. Der Kaiser beruft 
sich auch darauf, daß die Salzgefälle oftmals von seinen Vorfahren 
in gemeinwirtschaftlicher Weise zum Nutzen des Gemeinwesens 
verwendet worden seien. Wie in Mähren war es in Böhmen. 
Die zahlreichen Salzpatente scheinen ganz wirkungslos gewesen zu 
sein, jedes spätere beruft sich auf alle vorhergehenden ; der Hoch- 
stand der Preise machte den Schmuggel stets rentabel. Das 
Patent von 1704^" führt u. a. an, daß von 60 OuO Scheiben oder 
Strichen bayrischen Salzes, die nach Böhmen jährlich eingeführt 
werden, kaum 4 oder 5000 zur zollamtlichen Anmeldung gelangen. 
Die lästigen Salzvisitationen kommen auf, und überall in den Häusern, 
auch in den Wohnungen von Obrigkeiten, wo nur der geringste Arg- 
wohn der Benutzung fremden Salzes besteht, wird nachgespürt. Der 
Preis des Gmundener Großkufensalzes soll im ganzen Lande Böhmen 
nicht höher als fl. sein, der Handelsgewinn der Obrigkeiten, die 



132 ^er Bergbau auf niedere Metalle. 

dasselbe im Detail verkaufen, wird limitiert auf 80, höchstens aber 
45 kr. von einer Kufe über die Zurechnung der darauf gehenden 
Transportspesen, das ergäbe also einen Preis von 9^/2 — 9*/4 fl. Nun 
aber waren die Salzeinnahmen wie in Mähren so auch in Böhmen 
verpfändet, und es wurde daher „zur abzahlung der bei diesen welt- 
kündigen Necessitaeten auffgenommenen großen Anticipationen" auf 
jede Kufe noch ein Aufschlag von 1 fl. 18 kr. gestattet, das ergibt 
also außer dem Fuhrlohn einen Preis von 10 fl. 48 kr. bzw. 11 fl. 3 kr. 
für die Großkufe. Da das Gmundener Salz mit einem Steuerzuschlag 
belastet ist, muß das fremde Salz, soweit seine Einfuhr gestattet 
wird, einen äquivalenten Zoll entrichten. Es wurde also bestimmt 
(1704), daß „ein Strich oder Kuffen Sächsischen Saltzes an den 
Oränzen 6 fl. 3 kr.", eine bayrische Scheibe aber, „wann die freie 
Einfuhr wiederum gestattet w4rd", 5 fl. 43 kr. entrichten solP^. 
Zur Einfuhr fremden Salzes war eine besondere Genehmigung nötig, 
und der dazu Befugte mußte monatlich, längstens halbjährig der 
Salzkommission sein Konsumtionsquantum liquidieren. Dieses Quan- 
tum hatte er entweder aus einer kaiserlichen Legstatt zu erkaufen 
oder aber die schuldige Grenzgebühr zu entrichten. 

Alle diese Maßregeln genügten noch nicht, um die eine Tendenz 
des Monopols: den im ganzen Lande gleichmäßigen Preis zu ver- 
wirklichen, und diese Ungleichheit der Preise bleibt eigentlich das 
Gehässige des Monopols. Mag schon ein monopolisierter Artikel, 
auch wenn er zum notwendigen Lebensbedarf gehört, teurer ver- 
kauft werden, als es „gerecht", als es den Produktions- und Be- 
schaffungsmöglichkeiten entsprechend ist, wenn nur wenigstens der 
eine gleichviel zahlt wie der andere und keine Ausnahmen zu- 
gelassen werden — wobei freilich übersehen wird, daß ein gleicher 
Preis in diesem Falle keineswegs eine gleiche Belastung bedeutet — , 
so kommt die Ungerechtigkeit oder sagen wir : Unrationalität des 
Monopols weniger zum allgemeinen Bewußtsein. Anders aber, wenn 
das Monopol durchbrochen wird, der eine billiger, der andere teurer 
sich versorgt. Dieses war nun, wie es scheint, beim Salzmonopol 
in Böhmen immer der Fall. Das Patent von 1706 enthält darüber 
ausführliche und bewegliche Klage, die wir, weil auch unter anderem 
Gesichtspunkt merkwürdig, näher beleuchten. Es hätten einige 
Herrschaften und Obrigkeiten, den pflichtmäßigen Gehorsam ihrem 
Eigennutz hintansetzend, durch den fortgesetzt betriebenen Privat- 
handel mit fremdem Salz nicht nur — und da begegnen wir schon, 
wie wir sagen möchten, einem k. k. privilegierten Merkantilismus — 
„das Geldt aus dem Land in anderer - Theils feindtlich - gesinnter 



Salz. 183 

Fürsten Hände geliffert" ^^, sondern auch die änderen Untertanen, 
die vorschriftgemäß das im Verhältnis zum fremden teurere kaiserl. 
Salz bezögen, geschädigt. Nicht genug daran, hätten sie das wohl- 
feil erkaufte fremde Salz zu höherem Preis ihren Untertanen und 
Nebenständen weiter verkauft und sich so durch eine Monopol- 
rente bereichert. Dadurch entstünde bei den Gehorsamen eine 
„disconsolation, an sich selbsten aber eine Ungleichheit unter 
sonst gleichen Insassen und Unterthanen eines königlichen Reichs, 
so der natürlichen Billigkeit gemaeß einerley Last tragen, und 
auch einerley Nutzen und Emolumenta genüssen sollen ^^\" Hier 
tritt uns in den Motivierungen der geänderte Geist der Zeiten ent- 
gegen. Es wird nicht mehr von dem Entgang an Einnahmen der 
königlichen Kammer gesprochen — dieser engherzig privatwirt- 
schaftliche Standpunkt entsprach nicht mehr einer geläuterten Ein- 
sicht — sondern von dem Schaden, den die Gesamtwirtschaft durch 
Ausfuhr des Geldes ins Ausland erleidet und von der Ungerechtig- 
keit ungleicher Behandlung an sich gleicher und gleich belasteter 
Untertanen. Merkantilismus und Naturrecht aber werden doch nicht 
eben so sehr als anerkannte nationalökonomische und ethische 
Wahrheiten wie als sanktionierende Verbrämungen für eine mit 
unzulässigen Mitteln erstrebte und mißglückte staatsfinanzielle Maß- 
regel verwendet. 

Man geht weiter und schafft neue, zum Teil nützliche Ein- 
richtungen. Von der Begrenzung des Handelsgewinns beim Weiter- 
verkauf des Salzes wurde schon gesprochen. Die Herrschaften 
durften (wenigstens in Mähren) die Untertanen nicht zwingen, das 
nötige Salz nur bei ihnen zu nehmen, sie konnten es an den be- 
quemer gelegenen Legestätten holen. Weiter wird den Herrschaften 
verboten, ihren Untertanen einen Salzzins in irgendeiner Form auf- 
zuerlegen oder den Kleinverschleiß des Salzes an Juden zu ver- 
arrendieren. Weil das bisher übliche Kufenmaß häufig ungleich 
war, wird ein gleiches Maß eingeführt ; von da an wird in Böhmen 
das Salz in Fässern (Vässeln) ausgegeben , deren jedes zwei 
Zentner Wiener Gewicht, wie die vormaligen Kufen, halten 
soll und ein solches Faß mit 10 fl. 18 kr. verkauft ^^ Die Leg- 
stätten werden vermehrt und so angeordnet, daß die Entfernungen 
zwischen Niederlage und Konsumtionsort überall möglichst gleich 
sind, so daß auch der am entferntesten wohnende Untertan nicht 
weiter als 6—8 Meilen zu fahren hat. Man sieht, überall hat das 
Monopol die Tendenz, sich selbst durch eine Ausgleichung aller Be- 
dingimgen, durch „Gerechtigkeit" möglich zu machen. Solche Lege- 



184 



Der Bergbau auf niedere Metalle. 



statten werden eingerichtet in Schüttenhofen, Prachatitz, Pilsen, 
Luditz, Joachimsthal, Brüx, Eger. 

Nun aber bleibt die drückende Last der Zwangskonsumtion, 
die übrigens nicht spezifisch österreichisch, sondern bei bestehendem 
Monopol allgemein üblich ist. Trotz der schweren Strafen, die auf 
die Einschwärzung fremden Salzes gesetzt waren: mindestens das 
Vierfache des Wertes des eingeführten Quantums , zwangsweise 
Einziehung des Schmugglers zum Militär usf., wurde weiter ge- 
schmuggelt. Das Gesetz unterscheidet bereits „schwarze" oder 
Einschwärzungskreise , die fremdes Salz einführen, und „weiße", 
die Gmundener beziehen. Eine Salzkonsumtionskommission hatte ab 
experientia den Bedarf der schwarzen und weißen Kreise wie folgt 
ermittelt : 

schwarze Kreise: 



der Leitmeritzer . 


18 000 Kufen 


oder Vässl 


„ Saazer . . . 


12 000 


3J 


J5 T) 


„ Elbogner . . . 


3 600 


» 


5? 55 


„ Pilsener. . . . 


16 000 


„ 


., 


„ Prachiner . . . 


11 000 


„ 


55 » 


„ Rakonitzer . . . 


2 200 


;i 


•5 '5 


„ Schlauer . . 


5 000 


}j 


5J 55 


„ Podberder . . . 


3 500 


,^ 


•5 55 


,. Egerische Distrik 


t 2 000 


'5 


n 't 


weiß 


B Kreise: 






das Prager Revier 


. 4 750 Kufen 


oder Vässl 


der Moldauer Kreis 


. 3 OUO 


n 


55 55 


„ Kaurzimer . . 


7 300 


n 


55 51 


„ Bechiner . . 


. 18 750 




55 n 


„ Cziaslauer . . 


. 8 9ü0 


75 


n r> 


„ Chrudimer . . 


. 8 000 




55 n 


„ Königgrätzer . 


. 24 500 


,, 


55 55 


„ Bunzlauer . . 


15 000 «2 




55 55 



Diese ermittelte Gesamtkonsumtion wurde durch Speziallisten 
unter die in jedem Kreise liegenden Herrschaften und Städte sub- 
repartiert und durch Beamte rektifiziert. Jede Herrschaft, Ort und 
Stadt war verpflichtet, das ermittelte, auf sie fallende Konsumtions- 
quantum aus einer ihr beliebenden kaiserlichen Legstatt abzu- 
nehmen und sich am Ende des Jahres bei der Behörde durch amt- 
liche Palleten über den Bezug auszuweisen. Es ist dies eine eigen- 
tümliche Form der Erhebung einer indirekten Steuer, darin 



Salz. 185 

bestehend, daß der Steuerpflichtige nicht zu einer einseitigen 
Geldleistung verhalten, sondern ihm dagegen ein notwendiges 
Gemeingut geliefert wird. Der Obrigkeit, die das Salz bezieht, 
wird der Weiterverkauf an die einzelnen Konsumenten mit Berück- 
sichtigung der gesetzlichen Vorschriften über den Preisaufschlag 
überlassen. 

Im Jahre 1748 wurde zvdschen der Kaiserin Maria Theresia 
und den böhmischen Ständen (wie vorher schon in Mähren) ein 
Vertrag geschlossen, wonach die böhmischen Stände den Salzverlag 
auf zehn Jahre übernahmen. Es war dies oftenbar eine landes- 
finanzielle Operation und bedeutete , daß die Stände der Kaiserin 
einen Vorschuß auf die künftigen Salzeinnahmen geleistet hatten. 
Die Stände übernahmen jährlich 24 OOU Faß (Vassel) auf zehn Jahre ; 
der Preis wurde von 5 fl. 39 kr. pro Faß um 1 fl. 50 kr. auf 7 fl. 30 kr. 
(eigentlich 7 fl. 29 kr.) erhöht; jedes Faß genau ein Zentner netto 
haltend. Das ist der Engrospreis, zu dem jeder das Salz in Fässern 
beziehen kann, im kleinen soll es um 3 kr. das Seidel verkauft 
werden. Die Salzkon skription bleibt bestehen. 

Den Verschleiß des Salzes an die einzelnen Konsumenten (und 
Privatwirtschaften) übernahmen auf dem Lande die Herrschaften, 
in den Städten die Stadtbehörde. Am Ende des fünfzehnten Jahr- 
hunderts beginnt die Kommunalisierung des Salzhandels, der Ver- 
kauf des Salzes durch eigene städtische Beamte in eigenen Lokalen ^^. 
Am größten war' der Prager Salzhandel. Die Prager verlegten das 
kaiserliche Salz in Budweis jährlich mit neun und noch mehr 
Tausend Gulden; im Jahre 1614 zahlten sie im voraus 16 000 fl. rh. 
und erhielten dafür ungefähr 4000 Faß Gmundener Salz. Aber das 
städtische Monopol wurde ebenso wie das staatliche häufig um- 
gangen, es wiederholen sich immer wieder die Klagen über die Ver- 
käufer und Fuhrleute, die in den Dörfern Salz abladen und ver- 
kaufen. Oft mußten die (untertänigen) Städte ihren Herrschaften 
den Salzbedarf gratis ü*berlassen. Zeitweise waren die Einnahmen 
der Städte aus dem Salzverkauf nicht unbeträchtlich. In Königin- 
hof betrug an der Wende vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahr- 
hundert die jährliche Einnahme im Durchschnitt 16 y?; in Mies 
1550 der Bruttoertrag 120 ß m., der Reingewinn 44 jö* 39 gr. m. 
In den beiden Prager Städten (Alt- und Neustadt) 1527 der Gewinn 
136 ß 55 gr., zwei Jahre vorher hatten die Turnauer Salzherren 
eine Einnahme von 105 ß 16 gr. 1595 stellte sich die Turnauer 
Salzrechnung folgendermaßen: 



186 Der Bergbau auf niedere Metalle. 

Ausgabe für Salz 728 jö" 15 gr. 

verkauftes Quantum .... 219 Faß 

der Obrigkeit an Zins ... 13 „ 

den Magistratsbehörden und dem 

Diener 21 ,, 

dem Pfarrer 1 „ 

Verkaufspreis per Faß 2 ß 20—30 gr. 
Erlös 740 ß 59 gr., Gewinn 19 ß 43 gr. '>^ 

Im siebzehnten Jahrhundert verpachteten die Städte zumeist 
den „Salzkasten", z. B. Kozlau verlangte 1638 vom Pächter für jedes 
verkaufte Faß Salz 15 kr. in die Gemeindekasse. Auch Joachims- 
thal verpachtete seinen Salzkasten. Am 27. November 1035 wird 
beschlossen, den Salzkasten dem Hans Fischer gegen jährlich 45 fl. 
pachtweise unter der Bedingung zu überlassen, daß er auch den 
Bergflecken Abertham mit Salz versieht. Das Ungeld hat Fischer 
je und alle Zeit am gehörigen Ort abzuführen. Sollte der Rat das 
Ungeld von der gnädigen Obrigkeit erhalten, soll mit Fischer ein 
neuer Kontrakt geschlossen werden (Ratsprotokoll) ^^. 



187 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter 
der Gegenreformation. 



Der dreißigjährige Krieg beendigte oder beschleunigte vielmehr 
eine wirtschaftliche Entwicklung, die ohne ihn, wenn auch vielleicht 
langsamer, ebenso oder ähnlich verlaufen wäre. Eine umfassende 
Schilderung der Einwirkungen des Krieges selbst auf die Wirtschafts- 
verhältnisse Böhmens erübrigt sich einmal deshalb, weil sie aus 
anderen Darstellungen sattsam bekannt ist und sodann, weil sie 
implicite in den vorangehenden Ausführungen mit enthalten ist. 
Nur einige für den Bergbau besonders bedeutungsvolle Tatsachen 
sollen hier zusammengefaßt werden. Die Zerstörungen von Kapital 
in jeglicher Form, der Anlage- wie der Betriebsmittel, der Mangel 
an Geld, die damit zusammenhängenden Münzverschlechterungen 
und die Rückkehr zur partiellen Naturalwirtschaft, der Arbeiter- 
mangel infolge verstärkter Sterblichkeit, freiwilliger und erzwungener 
Abwanderung und nicht zum wenigsten die krasse Disziplinlosig- 
keit und Mißachtung dessen was rechtens war: all dies mußte auf 
den Bergbau um so destruktiver wirken, als dieser konstanter, un- 
unterbrochener Arbeit, technischer Fürsorge und einer gesicherten 
Betriebsordnung seiner Natur nach bedarf, und ein Aussetzen und 
Ruhenlassen hier nicht bloß Entgang an Gewinn, sondern vielmehr 
eine technische Verschlechterung der Anlagen bedeutet. Darum 
brauchte auch jene oft bemerkte und behandelte spontane Aktivität, 
welche sich nach Kriegsläuften allenthalben im Wirtschaftsleben der 
Völker regt, längere Zeit als auf anderen Gebieten, um eine sicht- 
bare Wiederbelebung des Bergbaues herbeizuführen. Der Kapital- 
mangel mußte die Folge haben, daß der staatliche Bergbau in noch 
stärkere Abhängigkeit vom fremden Kapital geriet; wenn es über- 
haupt eine charakteristische Erscheinung für den Bergbau des sech- 
zehnten und siebzehnten Jahrhunderts ist, daß er (im Unterschied 
zu der heutigen Montangroßindustrie wenigstens in Deutschland) in 



188 Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 

starker Abhängigkeit vom Handelskapital als seiner bedeutendsten 
Kreditquelle lebte und die Gewerkenunternehmer vielfach nur als 
Faktoren der Händler erscheinen, so muß sich jetzt diese Dienstbar- 
keit (natürlich nicht ohne Gegenkonzessionen) noch verstärkt haben. 
Die Bergarbeiter aber, die von jeher zu den beweglichsten Elementen 
der Bevölkerung gehörten, v^^urden durch die Kriegsereignisse 
vollends dem Bergbau abspenstig gemacht und wanderten teils 
freiwillig ab, teils wurden sie dazu gezwungen. Denn wdr leben 
in der Zeit der Gegenreformation. Zwar ging man anfangs gelinde 
vor, wenigstens scheint der Kaiser sehr vorsichtig gewesen zu sein, 
der Statthalter aber war päpstlicher als der Kaiser. Wir haben 
ein Mandat Ferdinands H. aus dem Jahre 1625, welches besagt, 
daß die Bergverwandten und Bergstädte nicht zum katholischen 
Glauben gezwungen werden dürfen. In den nordwestböhmischen 
Bergstädten sollen auf besonderes Ansuchen wie auch aus anderen 
erheblichen Ursachen „die Gewerkhen, Fergkhleuth, Purger vnd In- 
wohner khaineswegs durch Versagung der Sepulturn, Copulationen 
vnd Kindts Tauffen noch sonsten (außer eines Jedwedem gueten 
willen) Zu dem heyligen Catholischen Glauben, noch zur Zeit, biß 
sy Zuvor darinen durch wahre Catholische Priester w^ol vnterwiesen 
worden, nicht gezwungen werden" ^. Der Erzbischof von Prag möge 
mustergültige Priester in die Gegenden setzen, um die Bevölkerung 
in der katholischen Religion zu unterweisen und auf die rechten 
Wege zu bringen. Aber so milde verfuhr man nicht lange ; mit 
der Dauer und Heftigkeit des Krieges verwandelte sich die ver- 
nünftige Toleranz in eine erbitterte Intoleranz. 

Bald beginnen die Drangsalierungen und Schikanen; die Rats- 
protokollbücher von Joachimsthal bringen hierüber manche Daten und 
man ahnt, welche Verbitterung, welches Leid und Seelenqualen hinter 
diesen nüchternen Tatsachenberichten sich verbergen. Am 9. Januar 
lö31 werden 14 Personen religionis causa auf Befehl des Oberamts auf 
das Rathaus gefordert ; man zweifelt aber, daß sie parieren werden. 
Für diesen Fall, als die Männer nicht gehorchen, soUen die Weiber 
vorgefordert werden. Allen Handwerkern wird 14 Tage Bedenk- 
zeit gegeben, ob sie katholisch werden wollen. 1632 wird befohlen, 
niemand zum Brauen zuzulassen, er sei denn katholisch; 1650 er- 
geht ein kaiserliches Mandat an den Oberamts Verwalter in Joachims- 
thal, alle nichtkatholischen Beamten — welchen Ranges immer — 
aus dem Dienste zu entlassen und mit anderen, der katholischen 
Religion angehörenden, zu ersetzen^. Eine Instruktion von 1680 
befiehlt, daß sich weder in Joachimsthal noch in anderen Berg- 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter der GegenreformatioD. Ig9 

Städten ein Nichtkatholischer seßhaft machen, viel weniger des 
Ratsstuhles fähig sein solle, die ausländischen Gewerken dürfen 
weiter bauen, soferne sie katholische Faktoren oder Schichtmeister 
und katholische Arbeiter halten^. So w^urde jetzt das Prinzip der 
Toleranz, das man bisher immer aus wirtschaftlichen Gründen auf- 
rechterhalten hatte, und von dem nur gegen die Juden - aber 
ebenfalls aus wirtschaftlichen Gründen — stets eine Ausnahme ge- 
macht worden war, aus rein konfessionellen Gründen aufgegeben, 
wenn man auch hier und da den Vorwand gebrauchte, die Berg- 
werke seien durch die schlechte Arbeit der nichtkatholischen Berg- 
leute ruiniert worden. 

Man hat sich daran gewöhnt, dieses Zeitalter der Gegen- 
reformation als eines der unheilvollsten der Geschichte anzusehen 
und die Habsburger speziell als die verantwortlichen Schuldträger 
mit dem Verdammungsurteil der Weltgeschichte zu belasten. Kein 
Zweifel, daß hier der schwächste Punkt zumindest ihrer Wirtschafts- 
politik liegt, aber je offenkundiger sie — allerdings wieder einem 
idealen Prinzip zuliebe — ihre bisherigen guten Traditionen ver- 
leugneten, um so stärker muß man doch betonen, daß sie anderseits 
auch in den schlimmsten Zeiten ihres hoheitsvollen Berufes als 
oberste Regalherren und der daraus abgeleiteten sozialen Pflichten 
nicht vergaßen und den armen und bedrückten Bergleuten treue 
Schutzherren geblieben sind. Sie mögen nicht alle große Herrscher 
und noch weniger bedeutende Menschen gewesen sein — als Berg- 
herren haben sie sich durch die Jahrhunderte bewährt und ihre 
soziale Gesinnung kann noch viel späteren Zeiten vorbildlich sein. 
Diese Stellungnahme zugunsten der Arbeiter ist um so höher an- 
zuschlagen, je ärger die Verwilderung und allgemeine Disziplinlosig- 
keit waren, die durch und während des dreißigjährigen Krieges im 
Bergrecht einrissen. Alle Mißbräuche, welche eine dreihundertjährige 
Entwicklung gezeitigt hatte, traten jetzt kumulativ auf. Dies be- 
zieht sich namentlich auf die betrügerischen Vorgänge bei der Lohn- 
zahlung, aber auch bei den Geschäftsabschlüssen. Ungemein zahl- 
reich sind die Klagen über Truck in jeder Form. Die Schichtmeister 
lohnen die Arbeiter nicht selbst, sondern überlassen das ihren 
Frauen ; sie zahlen nicht mit dem Geld, das sie von den Gewerken 
empfangen, sondern „schieben Ir böses erlöstes Biergeld anstatt 
desselben den Armen Leutten ein". Die Gewerken klagen über 
allzu hohe Löhne der jugendlichen Arbeiter ; es wird bestimmt, daß 
die Löhne nach Person und Art der Arbeit von den Amtleuten fest- 
gesetzt w-erden sollen. Die Amtleute und Arbeiter klagen ihrerseits 



190 Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 

Über die Gewerken ; statt mit barem Geld lohnen sie mit schlechtem 
Getreide, verdorbener Butter und Käse, Schuhen, Strümpfen, Tuch 
und anderen minderwertigen Waren, die sie den Arbeitern zu un- 
gebührlichem Werte aufdrängen. Die Gewerken entschuldigen sich 
mit dem Mangel an Verlag und schlechtem Absatz ihrer Ware 
(Zinn); es zeigt sich aber, daß sie auch mutwillig die Arbeiter be- 
trügen. Es wird größte Strenge gegen solche säumige Gewerken 
vorgeschrieben. Namentlich das „böse Geld", die minderwertigen 
Münzen schädigten den Arbeiter*. Die Einfuhr des schlechten 
Geldes wird dargestellt als Folge der umfänglichen Zinngeschäfte; 
dieses wie überhaupt die niederen Metalle stiegen im (Silber-)Preise. 
Durch die Preissteigerung verloren diejenigen Gewerken, welche 
mit Nürnberger und anderen Kaufleuten langfristige Zinnlieferungs- 
kontrakte abgeschlossen hatten. Sie suchten also auf jede Weise 
sich von ihren Verpflichtungen zu befreien^. Auch gegen diese 
Mißbrauche tritt der Gesetzgeber auf, um den guten Ruf der böh- 
mischen Bergwerke zu wahren. Schließlich schärft er den Städten 
wiederholt ein, eine „gesunde", wahrhaft soziale Kommunalpolitik 
zu betreiben und die dafür maßgebenden, altbewährten Grundsätze 
zu befolgen^ '. 

Worin nun aber das siebzehnte Jahrhundert — das Jahrhundert 
der größten geistigen wie physischen Energieentfaltung, das Jahr- 
hundert der großen Tat in jeglichem Sinne — auch im Kleinen 
auf dem Gebiete des Bergbaues und der Industrie überhaupt seine 
Schöpferkraft erwies, das ist einmal die Ausbildung einer geordneten 
Rechnungs- und Buchführung als einer Grundlage ökonomisch- 
rationeller Betriebführung, und das ist weiter — ich möchte nicht 
sagen, die neue Auffassung vom, wohl aber die neue Schulung für 
den Beamten. Wenn hier behauptet wird, das Jahrhundert sei in 
diesen Dingen schöpferisch gewesen , so will das nicht heißen , es 
seien diese Forderungen jetzt erst entdeckt worden, sondern nur, 
daß der Gang der Entwicklung ihnen eine ganz andere Notwendig- 
keit für die Praxis gegeben hat als früher, so daß dem rückwärts- 
blickenden Beobachter gerade das als das Neue, als der bleibende 
Niederschlag, als das Erbe dieses Jahrhunderts an die folgenden 
erscheint. In der Tat haben diese Reformen, so bedeutungsvoll 
sie für den Augenblick waren, doch ihren wahren Wert erst in der 
Zukunft erwiesen. 

Was den ersten Punkt betrifft : Vorschriften und Verordnungen 
über genaue Rechnungsführung bei den Bergwerken finden sich 
auch im sechzehnten Jahrhundert und namentlich die Instruktionen 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. IQl 

an die verschiedenen Untersuchungskommissionen enthalten dies- 
bezügliche Formulierungen; aber wie armselig und dürftig nehmen 
sie sich aus gegenüber den Vorschriften des siebzehnten Jahr- 
hunderts. Hier sieht man — mögen auch die Vorschriften nicht 
voll wirksam gewesen und an der Unehrlichkeit und Unfähigkeit 
der Beamten gescheitert sein — daß die Probleme erfaßt waren, 
daß man einen ganzen Betrieb mit allen Einzelheiten übersah, 
nicht mehr ins Blinde und aus dem Vollen, sondern geleitet von 
rationellen Grundsätzen wirtschaften wollte. Es ist dies wieder ein 
Zeichen, wie stark doch schon trotz aller Rückbildungen in rohere 
Zustände gerade im siebzehnten Jahrhundert die Geldwirtschaft in 
die Köpfe und das Leben der Menschen eingedrungen war. Man 
wünschte jetzt, trotzdem oder gerade weil man mit kombinierten 
Betrieben arbeitete, die Rentabilität jedes einzelnen Zweigs kennen 
zu lernen und diese für jede Aktion aussschlaggebend sein zu 
lassen; und da der Rückgang des Bergbaues nun nicht mehr auf- 
zuhalten war, die landwirtschaftliche Produktion aber eine für die 
Bevölkerung gleichbleibende und für neue Industrien steigende Be- 
deutung gewann, so sind es gerade die mit ihr zusammenhängenden 
Zweige, die jetzt in den Betriebsrechnungen der Industrie eine 
Rolle spielen. Es wird verlangt, daß nicht mehr Pferde auf den 
Bergwerken gehalten werden, als notwendig und wirtschaftlich 
lohnend ist; wo die Pferdehaltung sehr teuer, soll womöglich die 
mechanische Wasserkraft die tierische Leistung ersetzen ; die Holz- 
und Kohlenrechnung, die Transportspesen vom Wald zum Werk 
sollen genau kalkuliert werden ^. 

Ein anderes freilich ist es, die richtigen Grundsätze der Be- 
triebsführung zu kennen, ein anderes wieder, sie auszuführen. 
Wenn nun auch, wie wohl nicht bezweifelt werden kann, hier die 
Erkenntnis der Praxis weit vorauseilte, so lassen sich doch einige 
Maßregeln und Tatsachen anführen, daß jene Grundsätze schon 
damals nicht einflußlos auf die Praxis geblieben sind. Hierher 
möchte ich schon jenen Pachtvertrag des Kaisers mit der Stadt 
Kuttenberg rechnen, der das alte Kleinod der Krone der Stadt 
überläßt, ferner die gesetzliche Begünstigung der Akkord(Geding)- 
löhnung im siebzehnten Jahrhundert, während im sechzehnten 
Jahrhundert doch die Zeitlöhnung vorherrschend geblieben zu sein 
scheint. 

Weil der Beamte, so etwa wird ausgeführt, nicht überall in 
der Grube zugleich sein kann und die Arbeiter dann nicht ge- 
nügend kontrolliert sind, soll der Münzmeister dahin sehen, „daß 



192 I^er böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 

dem Arbeither eine Claffter vmb die andere nach gestalt des ge- 
steins auf solche weiß weder Uns noch dem Arbeiter einige Ver- 
kürzung beschehen kann, in rechtmäßiges geding gegeben werde", 
und weiter in dem kaiserlichen Reskript an die böhmische Kammer 
aus dem Jahre 1666 (: „was zur Emporbringung des böhmischen 
Bergbaues zu veranlassen sei" ; Schmidt IV, S. 568) wird eben diese 
Akkordlöhnung auch der Huntstößer und Truhenläufer als „eine 
wirthschafft vnd Zu desto mehrerer befürderung der arbeith zeraichis 
Zu seyn" angesehen, „vnd weilen an dergleichen leuthen ein großer 
mangel erscheinet, daß hiezu auf denen Hungrischen bergstätten 
taugliche persohnen beygebracht werden, welche die zu Bergreichen- 
stein erscheinende goltgli ige in einem guthen baw bringen, vnd aufif 
Hungrische manier angreiffen thäten" ^ . . . 

Man konnte jetzt die Akkordiöhnung um so eher befürworten, 
als ein Raubbau, wie im Jahrhundert zuvor, auf den erschöpften 
böhmischen Gruben nicht mehr zu befürchten stand. 

FreiHch verführte das jetzt überall dominierende Prinzip der 
fiskalischen Sparsamkeit zu unglücklichen Verordnungen, wie der: 
ein tüchtiger Beamter müsse immer darauf sehen, „waß Ihre Kayserl. 
Mayestet zum besten gereichet, in ein vnd andern die Belohnung 
verringert, keines weeges aber erhöhet [werde]" (vgl. Schmidt V, 
S. 218 u. 254) oder zu der lähmenden Holzangst, die noch 1682 die 
Errichtung von Glashütten auf Königlichen Gründen verhinderte *^. 

Und nun zu dem zweiten, der veränderten Stellung der Be- 
amten im Wirtschaftsbetriebe 1 Die „Satzung", d. h. die ins Minutiöse 
gehende Beamteninstruktion, deren Absicht dahin geht, eine Dogmatik 
der Betriebsführung zu sein, so daß überhaupt kein Fall denkbar 
wäre, der den Beamten ratlos träfe, diese kodifizierte Erfahrung der 
hundertjährigen Betriebsführung erfährt eine Fortentwicklung bis zu 
dem Punkt, wo sie unzulänglich wird und daher einer Ergänzung 
durch andere Gesichtspunkte bedarf. Gewiß : je vielgestaltiger und 
schwieriger die Aufgaben, um so weniger konnte der Beamte einer 
festen Richtschnur entbehren, aber in eben dem Maße sah er sich 
vor neue Probleme und vor eigene Entscheidungen gestellt. Für 
solche Fälle hatten zwar schon früher immer die Instruktionen 
einen Passus, daß der Beamte durch Eid und Pflicht gebunden sei, 
das nach bestem Wissen und Gewissen für die Unternehmung oder 
für seinen Arbeitgeber Vorteilhafte zu tun. Aber dieser Passus 
gewann jetzt und gerade jetzt in den schwierigen Zeiten eine 
größere aktuelle Bedeutung. „Alldieweilen dann nicht müglich 
einem Jeden was er thun oder lassen soll vorzuschreiben, sondern 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gregenreformation. 193 

Ihnc seine Pflicht vnd gewißen dessen viel mehr erinnern sollen, 
Alß will sich mehr wohlgedacht Oberamt beneben den Andern Irer 
Kayserlichen Maiestet Ambtsleuthen vnd herrn Gewercken zu Inen 
sembtlichen vnd einen jeden insonderheit versehen. Sie werden 
dieselben Ire Pflicht vnd Aidt in gutter Acht nehmen, Vnd nicht 
allein diesen Inen vorgeschriebenen vnd vorgelesenen Artickeln treu- 
lich und fleißig nachkhommen sondern auch in allen Andern wo 
sie Irer Kayserlichen Majestet vnd der Herrn Gwercken Nuz vnd 
fromen befordern können, an Inen nichts erwiedern lassen ..." 

So stehts in der Schlaggenwald er Arbeits- und Gedingordnung 
vom Jahre 1(322 und ähnlich in fast allen Instruktionen an die 
Beamten. Der Regalherr oder Arbeitgeber appelliert also nicht 
bloß an die knechtische Tugend des Gehorsams, sondern auch und 
noch mehr an die intellektuellen und moralischen Qualitäten des 
frei sich entschließenden Mannes. 

Aber wieder ist hier zu unterscheiden zwischen den Intentionen 
des Gesetzgebers und der Wirklichkeit des Lebens. Die Klagen 
über unredliche Beamte sind im 17. Jahrhundert nicht seltener als 
früher und wenn wir aus diesem siebzehnten und im achtzehnten 
Jahrhundert immer wieder an den unredlichen und betrügerischen 
Güterbeamten auf den böhmischen Herrschaften erinnert werden 
und ihn anschaulich geschildert vor Augen sehen, dann werden 
wir uns zu erinnern haben, daß die Untugenden des Beamtentums 
zu allen Zeiten mehr Schule gemacht haben, als seine Tugenden, 
und diese überhaupt nicht von den guten Vorschriften des Gesetz- 
gebers abhängen, sondern — frivol gesprochen — ihren Sitz in 
einem vollen Magen haben. Zu gleicher Zeit nämlich, als der Ge- 
setzgeber an die Leistung der Bergbaubeamten erhöhte Ansprüche 
stellte, verkürzte er ihren Gehalt und ließ sie die rückläufige Kon- 
junktur am frühesten spüren; das siebzehnte Jahrhundert wird im 
böhmischen Bergbau eingeleitet mit einer Zusammenlegung der Be- 
amtenstellen und einer Reduzierung ihres Gehalts. 

Welche Motive hierbei ausschlaggebend waren, lesen wir in 
einer Reformation des Berg- und Einnehmeramts in Joachimsthal 
aus dem Jahre 1604 (vgl. Schmidt IV, S. 233 ff.) : 

„Wie auch viel Jahr hero unsere Joachimbsthalische Pergk- 
werch abgenommen, das ist Euch vnnd menniglich genugsamb be. 
wüßt, also das auch dieselben gefeil nit so viel ertragen, das davon 
vnnsere dienst vnnd Ambtleuth Ihrer besoldung völlig vergnügt 
werden mügen, daher wir verursacht nit allain thailß Ambter, weill 
die Verrichtung bey iezigen Stanndt gering zusamen schlagen, 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 13 



194 I^cr böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation, 

sonndern auch die besoldung etwas Zu messigen vnnd Ein- 
zuziehen." 

Es ist nur folgerichtig, wenn aus der Tendenz des Bergherrn, 
die Ungunst der Konjunktur auf die Beamten abzuwälzen, keine 
Besserung, sondern womöglich eine Verschlechterung ihrer Qualitäten 
hervorging, weil eben die Forderungen des Gesetzgebers mit seinen 
Leistungen in einem unheilvollen Widerspruch standen. Es ist die 
Maxime, die in späteren Zeiten für die Lohnarbeiterschaft sich 
einbürgerte, hier für die Beamten angenommen: daß der Beamte 
am besten arbeiten werde, wenn er hungere, am schlechtesten, 
wenn er satt sei. Denn abgesehen von der Gehaltverkürzung 
sollte der Beamte de lege am Bergbau nicht beteiligt sein, wo- 
durch sein ideales Interesse an den Unternehmungen mit seinem 
persönlichen Vorteil in direkten Gegensatz geriet. Ein Joachims- 
thaler Mandat Maximilians vom Jahre 1573 (siehe Schmidt III, 
S. 238 ff.) führt in großer Breite die Gründe an, welche für ein 
allgemeines Verbot der Beteiligung aller Bergbeamten am Berg- 
bau, nicht bloß der mit richterHchen Funktionen betrauten, an- 
zuführen sind, erkennt aber an, daß es augenblicklich unmöglich 
sein werde, dieses Verbot durchzuführen. Hauptsächlich spricht 
der Argwohn ausländischer Gewerke gegen die Mitbeteiligung der 
Beamten, aber auch der Kaiser fürchtet für sich, „wo sich also 
die Ambtleuthe in das Perckhwerch Pawen verlieben, vnnd dar- 
mit beladen. Das sy etwo merers demselben außwartten , als 
vnnserm dienst beywohnen, dardurch vns dann etwo zu nachteill 
was verabsaumbt vnnd verwarlost werden möchte". Auf das An- 
sinnen, daß in Zukunft die Bergbeamten keine Bergteile mehr be- 
sitzen sollten, erklärten die Kuttenberger Beamten 1582, „daß sie 
lieber ihre Amtsstellen als ihre Bergteile verlassen wollen, und es 
doch ein Verlust für das Bergwerk wäre, wenn diejenigen, welche 
die besten Kenntnisse von den Bergwerken besitzen, sich entfernen, 
und Fremde, des Berges Unkundige, an ihre Stelle kämen". Es 
wäre in der meißnischen Bergordnung aus dem Jahre 1554 Artikel 5 
ebenfalls verboten worden, Bergteile zu halten; es hätten sich 
aber Se. kurfürstl. Gnaden bewogen gefunden, in einer Erklärung 
dieses 5. Artikels vom 23. April 1571 diesen dahin abzuändern: 
„daß hinführo die Bergamtleute keine Zechen muthen, auch keine 
ganzen oder halben Schichten bauen sollen, sie mögen aber bis auf 
weiteres einzelne Kuxen von Anderen kaufen, oder sonst redlicher 
Weise an sich bringen; sollte aber eine Zeche, an der sie Theil 
haben, streitig werden, so sollen die Beamten keiner Handlung 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. I«l5 

darüber beiwohnen, viel weniger darin eine Weisung thun" (Stern- 
berg I, S. 143 f.). Und als man IGOo wieder einmal den Ursachen 
des Verfalls Joachimsthals nachspürte und auf Mittel der Besserung 
sann, da wurde unter anderem vorgeschlagen : „wie schon mehrfach 
geschehen, die Herren Stände, die Reichen im In- und Auslande 
zum Bergbaue in Joachimsthal aufzurufen und die Beamten und 
die Stadt zu zwingen, den zehnten Teil der Besoldungen zu ver- 
bauen". Ein Gegenvorschlag aber lautet dahin, die Beamtenstellen 
zusammenzuschlagen und die Besoldungen zu vermindern — und 
dieser scheint denn auch sieghaft gewesen zu sein. Natürlich halfen 
sich die Beamten wie sie konnten ; sei es, daß sie ihre Frauen ins 
Treffen schickten und unter ihrem Namen Bergbau trieben (wie oft 
in Joachimsthal) , sei es durch Bier- und Weinschank und andere 
Gewerbe im Nebenamt, sei es, daß sie sich da, wo ihr Gehalt in 
einer Relation zur Anzahl der Arbeiter stand, den zur Aufrecht- 
haltung ihres gewohnten Standard nötigen Gehalt sicherten. 

Zu derselben Zeit also, da der Staat für seine Zwecke an die 
optimale Leistungsfähigkeit des Beamten appellierte, ließ er ihn in 
materieller Hinsicht im Stiche ; kein Wunder also, wenn der Beamte 
versagte und die staatlichen Zwecke nicht eben zu den seinen machte. 
Beides aber: die selbständige Initiative des Beamten einerseits, 
die ökonomische Rationalität als Maxime des Handelns anderseits 
sind die Schule für die Heranbildung des Kameralisten des angehen- 
den siebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts. Und daß diese 
beiden Fortschritte sich gleichzeitig mit dem Niedergang der Berg- 
werke, ja aus ihnen entwickeln, daß gerade dieser Niedergang den 
ökonomischen Sinn zur Entwicklung bringt, ist nur wieder ein Schul- 
beispiel für jenes ökonomische Paradoxon, daß Armut den Reichtum 
gebiert, daß erst beim Versiegen der natürlichen Reichtumsquellen 
die wirtschaftliche Energie und Selbsttätigkeit sich bewähren und 
Kräfte entbunden werden, die im Gegensatz zu den rohen Trieben 
der mühelosen Okkupierung der natürlichen Gaben durch ihre Nach- 
haltigkeit und Konstanz ein Volk erst das Wirtschaften lehren. Dies 
aber ist wieder nur der Prozeß, wie sich der Naturzustand der 
Wirtschaft in die „Wirtschaftskultur" wandelt, die getragen und ge- 
schaffen ist von den intellektuellen Kräften der Menschen und der 
Intensität ihrer Arbeit. — 

Die Weltpolitik, die das Haus Habsburg im siebzehnten Jahr- 
hundert in großem Stile betrieb, kostete viel Geld und war nur 
durchzuführen, wenn die Herrscher auf dauernd fließende Reichtums- 
quellen rechnen konnten. Je mehr nun die Bergwerke, die alte 

13* 



196 I^er böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 

Haus- und Schatzkammer der Könige, und die übrigen Regalien 
versagten, um so dringender wurde die Sorge für die Erschließung 
neuer Einkünfte. Diese Konstellation führte zu der Ausbildung 
des staatlichen Steuer- und Finanzwesens. Die Finanzpolitik trat 
jetzt in den Vordergrund des königlichen und kaiserlichen Interesses ; 
die überragende Bedeutung des Finanzinteresses aber nennen wir 
Fiskalismus. Nichts vermag die traditionelle Neigung der Kaiser 
zum Bergbau besser zu illustrieren, als dafs vor ihr das neue, 
drängende, staatspolitische Finanzinteresse zurücktreten mußte ; die 
Bergstädte blieben kraft ihrer alten Privilegien von den eingeführten 
Steuern befreit, vielmehr es wurden — dem Prinzip der Zeit gemäß, 
wonach die Steuereinkünfte möglichst konkreten Zwecken zugewendet 
werden ^^ — die Steuereinkünfte der Bergstädte zur Erhebung und 
Förderung ihres Bergbaus bestimmt. Im Jahre 1626 befreit eine 
königliche Verordnung die Kommune und Bürgerschaft der wirklich 
bauenden Bergstädte (d. h. derjenigen Städte Böhmens, „welche 
wirklich die Bergkwerch bawen") vom Weintatz und von den Bier- 
gefällen, eine Verordnung des Statthalters auch noch vom Salz- 
und Ochsenungeld (^2 Taler pro Stück) (siehe Schmidt IV, S. 397 ff.). 
Die Steuerbefreiung wird hergeleitet aus den Privilegien der Berg- 
städte, begründet mit ihrer Armut und hat den Sinn, die Lust am 
Bergbau zu fördern. Da der Bergbaubetrieb stets bares Geld braucht, 
will man es den Städten nicht in Form der Steuern entziehen. Im 
Jahre 1627 schon hebt der König die Befreiung vom Salz- und Ochsen- 
ungeld auf, da diese an der Grenze erhoben werden und eine Steuer- 
befreiung leicht mißbraucht werden kann, hingegen gesteht er die 
Steuerfreiheit von Bier und Wein zu und bestimmt außerdem, daß 
das inländische, zur Schlachtung in die Bergstädte gehende Vieh keine 
Gebühr mehr zu zahlen brauche. Diese Steuerbefreiung hat aber 
offenbar nicht den gewünschten Erfolg der Bergbauförderung gehabt. 
Der König sieht seine direkten Einnahmen aus den Bergwerken 
immer mehr abnehmen und auf die indirekten aus den Steuern hat 
er verzichtet. Er erläßt daher 1628 ein strenges Mandat, worin er 
den Bergstädten die Steuerbefreiungen zu entziehen droht, falls sie 
den Bergbau nicht emsiger und erfolgreicher trieben (Schmidt IV, 
S. 407). Der König verlangt genauen Bericht und Rechnung über 
Art und Nutzen des Bergbaues: „sintemahl Wir ferner nicht zu- 
lassen wollen, daß die Bergwerck nur pro forma zu Defendiv Be- 
mäntlung der Berg Freyheiten mit etlich wenigen vnerfahmen 
Personen obenhin gebauet oder verlegt, sondern effective zu Er- 
haltung eines Nutzens Bestritten werden sollen." Die Bemühungen, 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. ]97 

den Bergbau nicht eingehen zu lassen, wurden auch während des 
Krieges fortgesetzt und diesem Zwecke bestimmte Gefälle zu- 
gewiesen. So z. B. ist für notwendig erachtet worden, den tiefen 
Erbstollen Maria Magdalena in Kuttenberg weiter zu bauen; Ferdi- 
nand III. widmet für diese Arbeiten die Akzisengelder, die die Stadt 
Kuttenberg laut Vertrag für die Erhaltung ihrer Bergfreiheit und Ver- 
schonung von der allgemeinen Landeskontiibution zu leisten schuldig 
ist. Zwei könighche, kollegial wirkende Beamte, der Einnehmer 
und Gegenhänder, sollen die Steuer einkassieren und alle Ausgaben 
daraus bestreiten ; da aber die Einhebung immerhin mit Schwierig- 
keiten . verbunden ist , so wird verordnet , daß die zwei jüngsten 
Meister jeder Zunft die Steuer einsammeln und den königlichen 
Beamten beistellen. Diejenigen Gewerbsleute und Einwohner, die 
keiner Zunft angehören, zahlen die Steuern direkt dem Einnehmer 
diejenigen Standespersonen aber, welche in Kuttenberg Wohnhäuser 
haben, sollen ebenfalls verbunden sein, von ihren bürgerlichen 
Wohnhäusern die „angelegte Quota", wöchentlich oder monatUch, 
„williglich vnd gebürlich" an den Zehentner zu entrichten. Der 
säumige Schuldner wird mit strengen Strafen (Sperrung der Werk- 
stätte) bedroht. Da von der allgemeinen Wein- und Biersteuer- 
befreiung der Bergstädte auch solche Vorteil zogen, welche sich den Bau 
der Bergwerke gar nicht angelegen sein ließen, entschließt sich der 
Kaiser auf Anraten des Obersten Münzmeister Ulrich Adam Poppel 
V. Lobkowitz zu einer neuen Einhebungs- und Verteilungsart dieser 
Gefälle. Laut Bericht von 1640 (Schmidt IV, S. 425 u. 430) sollen 
künftig der Weintatz und die Tranksteuer nicht durch den Stadt- 
rat, sondern durch einen kaiserlichen Einnehmer unter Aufsicht 
des Primus eingefordert werden ; die allgemeine Befreiung der Berg- 
städte von diesen Gefällen wird unterbrochen, indem künftighin 
die , nicht bauenden Bergstädte die vollen Getränkesteuern zahlen 
und aus diesen Einnahmen die Fortbauenden Unterstützung er- 
halten sollen, m. a. W. die Getränkesteuern in den Bergstädten 
werden verstaatlicht und als Fond zur Unterstützung des Bergbaus 
verwendet. 

Die Bergstädte waren nicht nur von den Getränkesteuern be- 
freit, sondern auch meistenteils von den Kontributionen, worunter 
alle Leistungen des Landes in Geld oder Natura für die Unter- 
haltung der Truppen zu verstehen sind. Diese Exemtion nun war 
in den Kriegszeiten um so schwieriger aufrecht zu erhalten, je 
drückender sie auf den übrigen Steuerzahlern lasteten. Es wurden 
daher zeitweise auch die Bergstädte zu Kontributionsleistungen 



198 ^6^' böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 

herangezogen, aber während die Stände diese Steuer allgemein auch 
auf die Bergstädte ausgedehnt wissen wollten, suchte der Kaiser sie 
bei ihrer Freiheit zu erhalten. 1640 hatte er in die erbetene Kon- 
tributionsbefreiung nicht einzuwilligen vermocht, ihnen aber ver- 
sprochen, sie nach der bevorstehenden Reform der Tranksteuer im 
Sinne durchgehender Gleichheit künftig in den „ordinari con- 
tributionen" und Anlagen zu bedenken (vgl. ib. IV, S. 430) und 
schon 1(543 befohlen, die böhmische Kammer möge wiederholt in 
Erwägung ziehen und allen Fleiß und Eifer vorkehren, „damit 
wo nit alle insgemein, doch wenigstens die Stadt Kuttenberg, 
St. Joachimsthal, Eyl- und Bergreichenstein, soviel die möglichkeit 
ieczigen Zuestandes deß Königreichs Bohemen zueläßet, mit denen 
Contributionen und Kriegsbürden verschonet bleiben möchten". 
Mit dieser kaiserlichen Finanzpolitik aber waren die böhmischen 
Stände nicht einverstanden. Sie versagten allgemein die Aus- 
dehnung der Kontributionspflicht auch auf die Bergstädte. Der 
Kaiser antwortete auf ihr Gutachten ausführlich in einem Reskript 
vom Jahre 1644 (siehe Schmidt IV, S. 443 ff.). Er weist auf den 
tatsächlichen Zustand hin, daß die Bergstädte, obwohl zeitweise 
kontributionspflichtig , mit ihren Steuern in Rückstande gebHeben 
seien, „ausser waß etwa Ihre Dörfler vnd Landgüetter betrifft" . . ., 
und daß sich die Kontributionsfreiheit juristisch w^ie ökonomisch 
verteidigen lasse. Juristisch: es bestehe gewissermaßen ein Ver- 
trag, wonach die Bergstädte für die Befreiung von der Kontribution 
die Bergwerke fortbauen und mit barem Geld verlegen müssen. 
Ökonomisch : dieser Verlag der Bergwerke mit barem Gelde bringe 
dem Lande Nutzen, .,daß nit allein Jährlich ein Namhafftes an 
Silber Vermünczet, Und Unter die Leutte gebracht, sondern auch 
bloß für Unterschiedtliche mineralien , so den Außländern , sogar 
auch in ferne Länder verhandelt würden, etUch Tonnen Goldes an 
Gelt vnd Früchten ins Königreich Jährlich eingeführet würden 
(merkantilistischer Gesichtspunkt!), welches alles aber entfallen, 
Und auß den Händen gehen würde, wann den Berg Städten Über 
den Verlag noch mehrere Landtbürden aufgedrungen werden soUten, 
zumahln es mit dem Bergkwerckh diese wissentliche bewandtnuß 
hat, daß darinnen leichtlich waß Versehen Und waß in ethch wenig 
Tagen daran Versäumet wirdt, in Viel langen Jahren nicht wider- 
umb reparirt Unnd Zustand gebracht werden köndte" . . . Der 
Kaiser ordnet an, daß bis zu einem neuen Entscheid der böhmischen 
Stände in dieser Sache die Bergstädte — mit Ausnahme ihrer unter- 
tänigen Dorfschaften — weiterhin nicht nur von wirklicher Ein- 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 199 

quartieriing , sondern auch von der Kontributionsleistung befreit 
sein sollen. 

Die Bestrebungen zur Hebung des Bergbaues wurden nach 
Beendigung des Krieges um so eifriger fortgesetzt; für den Kaiser 
stand fest, daß die Steuerfreiheit trotz aller Anfechtungen aufrecht 
erhalten werden müsse. Leopold setzt diese Politik fort; die 
Kontributionen sollen zwar erhoben, aber nicht zu Kriegszwecken, 
sondern zum Bergbau (ähnlich wie die Getränkesteuern) verwendet 
werden. Die Bergstädte waren also jetzt zwar prinzipiell zahlungs- 
pflichtig, praktisch aber wurde von der Steuerexemtion ausgiebig 
Gebrauch gemacht. Man befreite die Bergstädte für gewisse 
Zeit nur unter bestimmten Bedingungen von der Kontributions- 
pflicht. Bergreichenstein z. B. wird 1676 auf acht Jahre von der 
Kontribution befreit mit der Bestimmung, daß es diese aus der 
künftigen Ausbeute nachzuzahlen verpflichtet sei. Im Jahre 3685 
wird diese Kontributionsfreiheit auf weitere fünf Jahre verlängert ; 
außer dem Kontributionskontingent werde die Stadt künftig auch 
Zehent und Münzschlagschatz an den Kaiser zu leisten haben (vgl. 
Schmidt V, S. 75 u. 184). Ein anderes Beispiel: 1684 w^aren die 
vier Bergstädte St. Joachimsthal, Bleistatt, Platten und Gottsgab 
von allen Kameral- und Militärkontributionen auf fünf Jahre befreit 
worden; 1689 wird diese Exemtion auf weitere drei Jahre ver- 
längert mit dem Beding, daß sie ihre Kontributionsquote im Berg- 
bau nützlich anlegen und ordentlich verrechnen; 1695 wird den 
genannten vier Bergstädten die Exemtion von der Kameral-, 
Türken- und Kopfsteuer auf w^ eitere drei Jahre verlängert, das 
gleiche Benefizium den fünf inkorporierten Bergstädten Preßnitz, 
St. Sebastiansberg, Sonnenberg, Weipert und Böhmisch- Wiesenthal 
zugestanden, letzteren mit der Auflage, ihre Kontributionsrückstände 
im Betrage von 2227 fl. 43 kr. 2^8 4 nach und nach abzuzahlen. 
1701 findet abermals eine Verlängerung der Exemtion auf drei 
Jahre unter den gleichen Bedingungen statt (ib. V, S. 316 f.), der 
Schuldrest solle eingefordert w^erden; 1703 werden diesen Berg- 
städten die seit 1698 rückständigen onera publica nachgelassen und 
noch für die künftigen zehn Jahre die Befreiung von allen Militär- und 
Cameral Contribuendis unter der Bedingung erteilt, daß die Städte 
diese Steuern ordentlich verbauen und darüber Rechnung legen 
(ib. V, S. 383 ff.). In dem letzterwähnten Reskript vom Jahre 1703 
beruft sich der König darauf, daß sich die Steuerbefreiungen schon 
bezahlt gemacht hätten, da „der Jährliche Nutzen, welcher Unß 
ohne die occasionaliter geniessende hier Tatz-Trancksteuer. Zoll- 



200 ^cr böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 

undt Saltzgefälle von denen Bergwercken zu guetem kommet, die 
auf Sye bergstätte annuc repartirende Steuer contingentien vber- 
steiget." In der Tat lieferten gerade die Getränkeabgaben die 
sicheren und dauernden Einnahmen, die der Kaiser brauchte. Auf 
dem Landtage von 1(551/52 war es zu einem ernsten Versuch ge- 
kommen, die onera publica in eine gottgefällige Gleichheit zu 
bringen. In die Zeit zwischen 1(340 und 70 fällt die Ausbildung 
der Getränkesteuern , wie wir sie als feste Ordnung in den In- 
struktionen an die Einnehmer vorfinden. 

Grundsätzlich wurden von Wein und Bier in den königlichen 
Bergstädten bestimmte Abgaben erhoben, aber wieder mit zahl- 
reichen Ausnahmebestimmungen. Die königlichen Städte Budweis 
und Pilsen z. B. waren durch Landesordnung von der Biersteuer 
befreit, Kuttenberg wieder zahlte einen niedrigeren als den nor- 
malen Satz für das Bier. Der kaiserliche Einnehmer, der der 
böhmischen Kammer und dem Oberstmünzmeister unterstand, nahm 
die Getränkesteuern in Empfang und verrechnete sie. 

Die Biersteuer hat folgende Ordnung: Jeder Bürger oder wer 
sonst in der Stadt zu brauen berechtigt ist, muß, bevor das 
Gebräu beginnt, dem Einnehmer ansagen, wie viel viereimerige 
Fässer Prager Maß jedes Gebräu Braun- oder Weißbier haben werde, 
Namen und Tag und Faßanzahl werden verzeichnet und dem 
Brauenden eine Polette ausgestellt. Wer mehr braut als er ansagt, 
wird streng bestraft. Die Steuer ist eine Fabrikatsteuer und be- 
trägt im allgemeinen 1 fl. pro Faß oder 15 kr. pro Prager Eimer. 
Vom Lande oder fremdes in die Stadt zum Ausschank eingeführtes 
Bier zahlt die gleiche Steuer. In Kuttenberg ist 1689 nicht mehr 
bloß ein einzelner Beamter, sondern ein Einnehmer und ein Gegen- 
händler, die kollegial wirken, angestellt. Die Kuttenberger erzeugen 
auf ein ganzes Gebräu 33 viereimerige Fässer Bier, sollten also 
eigentUch 33 X 1 fl. =: 33 fl. an gewöhnlicher Tranksteuer zahlen. 
Sie haben aber das Privileg, nur 28 Faß a 45 kr., das macht 21 fl. rh., 
im ganzen versteuern zu müssen. Das Privileg der niedrigeren 
Taxe beruht auf einem Vergleich vom Jahre 16(38. Die Differenz 
der Faßanzahl erklärt sich so : das 29. Faß wird gerechnet als Be- 
zahlung für den Stadtbediensteten, das 30. Faß ist als Deputatbier 
steuerfrei, die übrigen drei Faß aber sind Schwendung beim Ein- 
füllen. Fremdes Bier und Wein durften nur gegen schriftliche Er- 
laubniszettel des Einnehmers eingeführt und ebenfalls gegen aus- 
drückliche Erlaubnis von den Schrötern abgeladen werden. Von 



Der böhmische Bergbau im Zeitalter der Gegenreformation. 201 

der Biersteuer ist niemand befreit als die in Kuttenberg residieren- 
den Jesuiten und andere Standespersonen. 

Weinsteuer. Von jedem Eimer fremden oder böhmischen Weins 
von 32 Bünden böhmisches Maß werden 4 Pfund oder das Äqui- 
valent in Geld nach dem Ausschankpreis (also eine Schanksteuer) 
erhoben. Vor dem Anzapfen jedes Fasses muß die Erlaubnis des 
Einnehmers eingeholt werden, dieser muß visieren, wieviel Eimer 
jedes Faß enthält und innerhalb 14 Tagen die Taxe einnehmen. 

In Budweis ist für die Weinsteuer 1682 ebenfalls wie später 
in Kuttenberg eine kollegiale Behörde (Einnehmer und Gegen- 
händler) vorhanden. Die Schanksteuer beträgt von jedem Eimer 
per 32 Pint Prager Maß vier Pint Wein in Geld nach dem Verkaufs- 
preis. Die Einfuhr und Einlagerung sowie das Anzapfen des Weins 
werden strenge überwacht. Der Kommune Kuttenberg wird überdies 
noch ein kommunales Ungeld von dem eingeführten Wein zu- 
gestanden. Bürger oder einheimische Fuhrleute zahlen 7 kr. per 
Eimer , fremde 14 kr. , außerdem von jedem Faß per 10 oder 7 
Gebinden, das zum Ausschank gemeldet wird, jedesmal V2 Pint, 
von kleineren Gebinden aber ein Seidel für die Schöpfmeister, das- 
selbe Quantum auch für Steuereinnehmer und Gegenhändler in 
natura. 

Die Einnahmen aus diesen Getränkesteuern samt den von den 
Städten geleisteten Beihülfen werden ausschließlich zur Fortsetzung 
des Bergbaues in den Bergstädten und zur Bestreitung der daraus 
erwachsenden Kosten gewidmet ^^. Alle Rechnungen und Berichte 
sind von den Steuerbeamten, auch in den tschechischen Städten, 
in deutscher Sprache abzufassen. 



202 



Das böhmische Bergwesen im Zeitalter 
der Aufklärung. 

Wir haben die böhmische Bergbaugeschichte bis zum acht- 
zehnten Jahrhundert gebracht; es obliegt uns nun, sie in dieses 
Jahrhundert hinein weiterzuverfolgen, zu untersuchen, was dieses 
Zeitalter aus seinem Geiste Neues hinzubrachte oder wie es Vor- 
handenes vollendete, inwieweit es schöpferisch wirksam war oder 
die Hinterlassenschaft der früheren Zeiten in seinem Sinne um- 
bildete, förderte, abbrach. In ihm akkumulieren sich alle Leistungen 
der voraushegenden Zeiten wie zu einem Gesamtresultat zum letzten- 
male vor der technischen und wirtschaftlich-sozialen Revolution, die 
mit dem neunzehnten Jahrhundert anhebt und mit dem zwanzigsten 
noch nicht beendigt ist. Das achtzehnte Jahrhundert ist ein gesetz- 
freudiges auf allen Gebieten, das die Gesetzmacherei, man möchte 
sagen, um ihrer selbst willen betrieb. Wo früher „Arbeit" geleistet 
werden mußte, da wurde jetzt über die Arbeit reflektiert, ihre 
Ordnung und Bestimmung festgesetzt und die potentiellen Energien, 
die dem Staate zur Verfügung standen, angespannt, zunächst nicht 
um neue Arbeits- und Leistungsquellen zu schaffen, sondern die 
alten , zum großen Teil versiegenden , in einen festen Rahmen zu 
fassen, gewissermaßen sie dadurch eben vor dem Zerfall und Unter- 
gang zu konservieren. Nicht als ob das achtzehnte Jahrhundert 
keine selbständige Initiative auf wirtschaftlichem Gebiet entfaltet 
hätte, im Gegenteil, es war — vom Staate aus gesehen — eines 
der rührigsten und geschäftigsten aller Zeitalter, aber der Eifer der 
Herrscher und einzelner ihnen nachahmender Individuen steckte 
nur wenige an, und die bestgemeinte Gesetzgebung des ganzen Jahr- 
hunderts änderte noch nicht soviel als die Einführung einer einzigen 
Maschine in irgend einem Industriezweig. Nun war ja der Bergbau 
ein Gebiet, um das sich die Gesetzgebung, wie wir wissen, seit je 
sehr stark gekümmert hat, aber nie häuften sich die Mandate, Ver- 
ordnungen, Dekrete so sehr als in diesem achtzehnten Jahrhundert, 



Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 203 

als es eigentlich einen böhmischen Metallbergbau nicht mehr und 
den Steinkohlenbergbau noch nicht gab. Die Gesetzgebung der Zeit 
selbst behandelt den Reichtum und die Blüte des böhmischen Berg- 
baues schon als historisches Faktum, dessen man sich „aus denen 
alten Geschichten'' erinnert und des „auch aller Orten in großer 
Anzahl vorhandene Merkmale" Zeugen sind^ Als Ursachen, welche 
den Niedergang der zum Teil noch mit guten Erzanbrüchen ver- 
sehenen Bergwerke verschuldet haben, erscheinen dem Gesetz- 
geber : innerliche Unruhen, Kriegs- und Sterbensläufe, Geldklemme, 
Mißjahre und andere widrige und mißliche Zeitumstände; diese 
hätten gemacht, daß die Bergwerke „durch geflissentliche Versetz-, 
Verstürz-, Verheerung- auch zum Teil durch tödtliche Ausrott-, 
Verjag- und eigentliche Emigrierung deren Gewerken und Berg- 
leuten in Verfall gerathen" seien. Alle von der früheren und der 
jetzigen Regierung getroffenen Maßnahmen zur Hebung des Berg- 
baues haben nicht vermocht, die einmal vorhandene Bergbauunlust 
zu überwinden , und so traurig und aussichtslos müssen, die Ver- 
hältnisse gewesen sein, daß der Bergbau, weit entfernt die Be- 
wohner des Landes und Auslandes anzulocken, vielmehr sie ab- 
schreckte. Dies wird deutlich , wenn mr uns — worauf noch zu- 
rückzukommen sein wird — die Stellungnahme der privaten Unter- 
nehmer, hauptsächlich der Grundherren, zum Bergbau vergegen- 
wärtigen, die sich im achtzehnten Jahrhundert zur Errichtung neuer 
Bergwerke durchaus ablehnend verhielten. Das eben zitierte Patent 
zählt alle die Maßnahmen zur Förderung des Bergbaues auf, um 
schließlich zu konstatieren, daß „die auf das allgemeine Empor- 
kommen ermelter Böhmischen Bergwerken abgezielte Hoffnung den 
gewünschten Erfolg nicht vollkommen nach sich gezogen" habe. 
Diese Abneigung gegen den Bergbau schreibt der Gesetzgeber nicht 
einer geflissentlichen Hintansetzung des kaiserlichen und allge- 
meinen volkswirtschaftlichen hinter das eigene privatwirtschaftliche 
Interesse zu, sondern — und das ist das Bezeichnende und ganz 
im Geiste des aufklärerischen achtzehnten Jahrhunderts — dem 
Umstände, „daß die Bergwerkswissenschaften in diesem König- 
reich, und anderen Unseren benachbarten Erbländern zur Zeit noch 
nicht in sattsamer Vollkommenheit excolliret worden seynd ; Mithin, 
weilen denen mehristen davon einen hinlänglichen Unterricht zu 
überkommen zeithero die Gelegenheit ermanglet hat, sich die 
wenigsten von einer so wichtig- und gemeinnützigen Sach einen 
rechtschaffenen Begiiff machen können." Was später das neun- 
zehnte Jahrhundert als seine große Leistung vollbringt: die Ver- 



204 Jöäs böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

bindung der exakten Wissenschaft mit dem Wirtschaftsleben und 
die Neuordnung und Umgestaltung beider, das bereitet das acht- 
zehnte Jahrhundert kräftig vor; nicht bloß die Tugend und das 
sittliche Verhalten, sondern auch das ökonomisch - rationelle Ver- 
fahren, dies Verfolgen des privaten Interesses sind Sache des 
Wissens, eines praktischen Wissens, und darin unterscheidet sich 
die Wissenschaft des achtzehnten Jahrhunderts von der des sieb- 
zehnten — einem mathematischen Zeitalter, das selbst noch in 
seinen religiösen Disputen und geistigen Turnieren einem gewissen 
geometrischen Geiste huldigte — daß sie nicht um ihrer selbst 
willen betrieben, sondern eine aufklärerische, stoffsammelnde und 
verwertende, eine recht eigentlich neugierige ist. Es wurden also 
Bergbauschulen in Böhmen errichtet, nach Schemnitzer Muster, 
wie denn überhaupt die Einrichtungen der ungarischen Bergwerke 
jetzt stark beispielgebend wurden. Schon 1716 wurde von Karl VI. 
die Errichtung einer Bergschule befohlen; das war aber nur ein 
schwacher Anfang ; es sollten von Zeit zu Zeit „4 Berg-Discipl" 
beim Bergamt aufgenommen , unterhalten und instruiert werden, 
wobei folgender Lehrgang vorgeschrieben war: ''U Jahre in einer 
guten Bergschule , ^U Jahr zur Bereisung und Besichtigung sämt- 
licher (böhmischer) Bergstädte, das dritte Jahr war für die Be- 
reisung der ungarischen, sächsischen, lüneburgischen Bergstädte 
bestimmt. Im Jahre 1724 wird Bericht über die Erfolge ein- 
gefordert^, 1731 wird befohlen, daß die aufzunehmenden Bergschüler 
stets zu beeiden seien. Eine sehr ausführliche Instiniktion aus dem 
Jahre 1733 für diese kaiserlichen Bergscholaren zeigt uns die im 
Laufe der Zeit gewachsenen Ansprüche an ihre Kenntnisse und 
Leistungsfähigkeit. 

Einen höheren Schwung aber bekam die Sache erst durch 
Maria Theresia. Sie vermehrte die Zahl der sogenannten Berg- 
praktikanten auf sechs, erteilte ihnen Stipendien von je 100 — 150 fl. 
und bestimmte, sie sollten eine praktisch-technische Ausbildung ge- 
nießen und nicht mit Schreibereien oder anderen Nebenarbeiten 
distrahiert werden; jährlich sollten sie ein Examen ablegen. Sie 
bestimmte ferner u. a., junge, in der Feldmeßkunst schon erfahrene 
Leute seien auf Kosten des Ärars nach Baden -Durlach zu schicken, 
um die Lehre der Forstkunst zur Verbesserung der Bergwerks- 
waldungen zu erlernen^. Sie tat endlich einen bedeutenden Schritt 
mit ihrem Patent vom 10. März 1763. 

In Prag wird eine theoretische Lehrkanzel der gesamten 
Bergwerkswissenschaften errichtet, um gründlich gebildete Berg- 



Das bölimische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 205 

beaiiite zu erziehen und zugleich festgesetzt, daß keiner zu einer 
landesfürstlichen Bedienstung anzunehmen ist, der nicht diese 
Wissenschaften mit gutem Erfolg absolviert hat*. Als Unterrichts- 
gegenstände waren vorgeschrieben: allgemeine Naturlehre, Ge- 
schichte des Mineralreichs (Geologie und Mineralogie, „auf die 
Weise einer unterii'dischen Physique . . . vorgelesen"); dann die 
wirkliche Bergbaukunst oder Markscheide Wissenschaft aus geo- 
metrisch-, mechanisch-, statisch-, hydrostatischen Grundsätzen er- 
klärt, endhch die Berg-, Staats-, Rechts- als allgemeine Berg- 
rechtslehre mit mögHchster Kombinierung der dahin einschlagenden 
Reichskonstitutionen , Landesverträgen , Bergordnungen , Reforma- 
tionen, Freiheiten, Statuten und Bergwerksgebräuchen in einer 
systematischen Ordnung, „natürlich alles in deutscher Sprache"; 
außerdem wurde eine Instrumenten-Modellsammlung und Mineralien- 
sammlung anzulegen und praktische Übungen im Freien durch- 
zuführen befohlen. Der Kursus war öffentlich und jedem schon 
gereiften Manne frei und unentgeltlich zugänglich, auch Privat- 
kollegien für Standespersonen konnten die Lehrer halten. Erster 
Professor war Thaddaeus Peithner, dem wir u. a. auch eine Ge- 
schichte des böhmischen Bergbaues verdanken. 

Den Geist des achtzehnten Jahrhunderts sehen wir dann zu- 
nächst am Wirken in der Lust am Verwalten, bei der Organisierung 
und Systematisierung von Ämtern, der Freude am Einrichten und 
WiederVerschwindenlassen von Behörden. Man w^ar sozusagen ver- 
ordnungsgläubig und vertraute dem legalen Imperativ ; man wünschte 
eine rasche und gute Verwaltung und hielt die Zentralisation der 
Ämter für den besten Weg dazu, „zumahlen nun ganz ohn wider- 
redlich, daß, gleich wie Alles, also führnemlich eine Frucht bringen 
sollende Berg-Wercks-Öconomie von einführ end-guter Ordnung ab- 
hanget, womit denen von denen Oberen an ihre Subalternen er- 
lasenden Befehlen, und Dienst - Verfügungen ein genau und ge- 
schwinder Vollzug geleistet werde*'' ^." Nun hatte ja gerade das 
Bergwerk eine traditionelle Ordnung und Ämterorganisation; diese 
aber mußte jetzt den höheren Bedürfnissen der Verwaltung ent- 
sprechend umgebildet werden. Dabei tritt — wie mir scheint — 
das persönliche Moment stark in den Vordergrund, indem einzelnen 
bewährten und autoritären Persönlichkeiten zuliebe Ämter ein- 
gerichtet und ihnen angepaßt wurden. Karl VI. errichtete 1714 
bei Restaurierung der Kaiserlichen Hofkammer „für die in Berg- 
werk- und Münzwesen vorfallenden Negotia Cameralia wie aU andere 
dergleichen Materien eine eigene Berg- und Münzwesens-Deputations- 



206 I^as böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

Hauptkommission", Maria Theresia bildete 1743 zur Besorgung der 
Cameralia eine aus den von Karl VI. hinterlassen en Kammerräten 
zusammengesetzte „interims Cameraladministration" offenbar als 
Provisorium, denn schon 1747 wird (mit K. Rescript vom 21. August 
1747) die oberste Leitung des Münz- und Bergwesens sowohl hin- 
sichtlich der Direktion als auch der Kassaführung und des Rechnungs- 
wesens von der Hofkammer getrennt und dem Münz- und Berg- 
wesens • Direktions - Hof kollegium übertragen und gleichzeitig eine 
eigene Münz- und Bergwesens-Hofbuchhalterei errichtet. Im Jahre 
1750 wird eine weitere Zuteilung der Verwaltungsmaterien ge- 
troffen: das königliche oberste Münz- und Bergmeisteramt wird in 
allen das Bergwesen angehenden Angelegenheiten dem Münz- und 
Bergwesens - Direktions - Hofkollegium , in Justizsachen dem könig- 
lichen böhmischen größeren Landrechte, in dem oeconomico, politico 
und der Ratsbestellung der Bergstädte der königlichen böhmischen 
Kammer untergeordnet; das politicum des Münzwesens wird von 
der königlichen böhmischen Kammer und das particulare der- 
selben von dem königlichen böhmischen obersten Münz- und Berg- 
meisteramte respiziert '^. Das oberste Münz- und Bergmeisteramt 
in Böhmen war lange Zeit provisorisch nur mit einem Verwalter 
besetzt; dieses Provisorium wurde 1755 aufgehoben und Graf von 
Pachta zum wirklichen Obrist-Münzmeister des Königreichs Böhmen 
ernannt. Unter seinen Befugnissen vereinigte er alle Rechte und 
Obhegenheiten sämtlicher früherer obersten Münzmeister, dazu noch 
die der böhmischen Kammer in re monetaria et montanistica , die 
Oberaufsicht über die Bergstädte (Ratserneuerung, Ökonomie- und 
Polizei wesen, bergstädtische Jurisdiktionen) und reservierten Wal- 
dungen, ferner die Direktion des Prager Münzamtes und unterstand 
nur dem kaiserlich- königlichen Münz- und Bergwesens Direktions- 
Hofkollegium. Im Jahre 1757 geschieht wieder eine Veränderung: 
die oberste Leitung des Münz- und Bergwesens wird dem Directorio 
in publicis et cameralibus übergeben und bei diesem Direktorium 
für das Berg- und Münzwesen eine eigene Hofkommission gebildet, 
die aber schon ein Jahr später aufgehoben wird , worauf die Be- 
sorgung ihrer Agenden die Ministerial - Banco - Deputation , auch 
Commerzien Direktorii Praesident, übernimmt'^. Der Instanzenzug 
war nun dieser: die Berichte über wichtige Berg- und Münzamts- 
Sachen, die eine rasche Disposition erheischten und keinen Auf- 
schub duldeten, gingen durch das Obrist-Münz- und Bergmeisteramt 
unmittelbar an die Hofkammer (der außer dem böhmischen Münz- 
und Bergmeisteramt auch das Niederungarische Obristkammergrafen- 



Das böliniischo, JJergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 207 

amt und die Banatische Bergdirektion unterstehen), die übrigen 
Berichte und Protokolle aber, die nun über die laufenden Angelegen- 
heiten oder „einige mit dem Politico Oeconomico et Civili ver- 
mischte Sachen Betreffen" waren durch das böhmische Gubernium 
zu leiten und von diesem im Beisein des Obrist- Münz- und Berg- 
meisters aufs schleunigste zu erledigen ; Böhmen aber machte inso- 
fern von den anderen Ijändern (Mähren und Schlesien) eine berg- 
gesetzliche Ausnahme , als die tatsächhche oberste Bergwerksleitung 
einem einzigen Manne unterstand : dem kaiserlich-königlichen wirk- 
lichen Geheimen und Konferenzrat, wie auch Ministerial-Banco- 
Deputations-Präsidenten Herrn Philipp Grafen von Kinsky (von dem 
noch an anderer Stelle die Rede sein wird), und erst 1784 wird 
Böhmen mit den anderen Ländern auf gleichen Fuß gesetzt und 
dem Münz- und Bergwesens Direktions-Hofkollegium das gesamte 
Bergwesen in Böhmen untergeordnet^. 

Die allgemeine Bergbaupolitik des achtzehnten Jahrhunderts 
in Böhmen knüpfte überall an die vorhandenen guten Traditionen 
an; die gesetzlichen Grundlagen, auf die sie sich immer wieder be- 
rief, waren die B erg Werksvergleich e , die Verordnungen von 1579 
und 1585 für Kuttenberg, und die Kuttenbergische Bergwerks- 
reformierung Rudolfs II. von 1604. Was sie erzielen wollte , war 
eine Neubelebung und Emporbringung des alten Bergbaues ^^, 
und diesem Zwecke dienten die verschiedenen neuen und alten 
Mittel der Förderung: die wissenschaftliche Schulung der Be- 
amten, die Modernisierung der Verwaltung, außerdem die vielfachen 
zum Teil schon bekannten direkten Aushilfen, Unterstützungen 
und Befreiungen. Auch im achtzehnten Jahrhundert blieben die 
zwölf königlichen Bergstädte Joachimsthal, Gottesgab, Platten 
Bleistadt, Preßnitz, Sebastiansberg, Sonnenberg, Weipert, Böhraisch- 
Wiesenthal, Schlaggenwald, Schönfeld und Lauterbach, dazu noch 
Eule von den (Militär- und Kameral) Kontributionen befreit; das 
auf sie entfallende Repartitionsquantum wurde ihnen überlassen 
mit der Verpflichtung, diese Beträge im Bergbau zu verwenden, 
jährlich Rechnung zu legen und em Drittel der Ausbeute jährlich 
zu einem künftigen Werkfonds zurückzulegen ^^ Diese Privilegien 
wurden immer von zehn zu zehn Jahren erteilt. Ferner wurden den 
Grenzstädten die Tranksteuergefälle wie bisher überlassen und die 
Finanzpolitik der speziellen Steuerwidmung und Bindung von Steuer- 
geldern fortgesetzt ^^. 

Die wirklichen Bergarbeiter wurden von der Verpflichtung zum 
MiUtärdienste befreit und die Bergstädte konnten ihr Rekruten- 



208 ^^s böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

kontingent durch eine Reluction von 40 fl. pro Mann ablösen *^. 
Daneben appellierte aber der Staat doch auch stark an die private 
Unternehmungslust und wollte nicht mehr das ganze Risiko allein 
tragen, nicht mehr allein ausschlaggebend sein und allein das 
Monopol im Bergbau v^ie einstens besitzen. Zwar ließ die Kaiserin 
verkünden, sie wolle, um die Baulust zu befördern, bei neuentdeckten 
Bergwerken mit den Privatleuten drei, vier oder auch mehrere 
Kuxe mitbauen und den Arbeitern , die in ihren Mußestunden 
schürften, wird versprochen, daß sie bei Anlegung eines ordent- 
lichen Baues auf ihrer Fundstätte fünf Freikuxe und eine Extra- 
belohnung erhalten sollen, eine Instruktion aus dem Jahre 1718 
aber belehrte den böhmischen Kammerpräsidenten^*, daß neu- 
eröffnete Bergwerke zwar auf ärarische Kosten mit Bau zu be- 
legen seien, aber im allgemeinen möge die böhmische Kammer in 
solchen Fällen dahin antragen, „daß hierzu new gewerckschafften 
gestiffet- und erzielet werden." Diese mögen dann mit Privilegien 
(Exemptionen vom Zehenten, der Urbaren) für eine genügende 
Anzahl von Jahren bedacht und ihnen auch sonst jeder mögliche 
Vorschub und Protektion zuteil werden. 

Nun scheint aber, wie schon erwähnt, die private Baulust eine 
sehr geringe gewesen zu sein, ja es bestand ein offenkundiger 
Widerstreit zwischen der BergbaupoUtik der Regierung und der der 
ständischen Grundherren. Diese waren nämlich keineswegs Enthu- 
siasten einer Förderung des Bergbaues auf ihren Gründen, weil sie 
durch das freie Schurfrecht Schaden erlitten, und die Mutungen 
nur zu oft keinen Erfolg hatten. Die Regierung aber wollte 
prinzipiell das freie Schurfrecht aufrecht erhalten. Die erwähnte 
Instruktion führt aus, daß es oft vorkomme, daß Grundherrschaften 
nicht allein ihren Untertanen unter Androhung schwerer Strafe 
verbieten, die in ihren Territorien befindlichen Erzanbrüche zu 
entdecken , sondern auch diejenigen , welche auf ihren Gründen 
Bergwerke aufzunehmen und darauf zu muten gewillt sind , durch 
allerlei Mittel und Wege abhalten, und sogar die, welche schon 
viel Geld in den Bergbau verwendet, durch allerlei in den Weg 
gelegte Hindernisse und mit Gewalt zu vertreiben sich unterfangen ; 
deshalb soll diese Verletzung des Bergrechts und der Bergwerks- 
vergleiche keineswegs gestattet werden und die böhmische Kammer 
jeden einzelnen solchen Fall zur Anzeige bringen. Um aber ander- 
seits den Grundeigentümer vor Mißbrauch des freien Schurfrechts 
zu bewahren, soll im FaUe mutwiUiger Schädigung vollständiger 
Schadenersatz geleistet werden. Die Gesetzgebung schützte auch 



Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung, 209 

immer noch den entlaufenen Untertan vor seiner Obrigkeit, wenn 
er Bergarbeiter wurde — Bergluft macht frei — und hinderte, um 
ihre Zwecke zu erreichen, die Auswanderung der Eisenarbeiter durch 
Einziehung zum Militär und die der Stahl- und Blecharbeiter 
ebenso wie die der Damast- und Drillichweber durch Androhung 
von Leib- und Lebensstrafe ^•^. Schheßlich arbeitete sie noch mit 
einigen „großen Mitteln", um ihr Ziel einer Renaissance des Berg- 
baues im Lande zu erreichen. Dazu gehörte zunächst die Zehent- 
befreiung, sodann der fiskalische (staatliche) Erzkauf mit dem 
Schmelz wesen. 

Was die erstere betrifft, so wurde schon 1719 und 1725 auf 
Vorschlag des Oberberg- und Münzverwalters Joh. Franz Lauer, 
der sich dabei auf die sogenannte Landbergordnung Rudolfs II. 
und die Rudolfinische alte Kuttenberger Ordnung berief, für die 
im Rezeß bauenden Gewerken die Befreiung vom halben Silber- 
zehent und von zwei Erbkuxen für die Dauer des Rezeßbaues an- 
geordnet; 1755 gewährte eine neue Verordnung den auf landes- 
fürstlichen Territorien bauenden Gewerken für die Dauer des Rezeß- 
baues Nachlaß des halben Zehents, den auf landständischen bauenden 
von ein Viertel Zehent (da der Kaiser von diesen Territorien ja 
im ganzen nur die Hälfte des Zehents empfing, während er die 
anderen schon längst den Grundherren abgetreten hatte). Der Kaiser 
begünstigt auch die selbstschmelzenden Gewerken bei Berechnung 
ihrer Zehentschuldigkeit und verzichtet schließlich auf zwei von 
den ihm gebührenden vier Erb- und Holzkuxen solange die Aus- 
beute von 1 Kux nicht wenigstens 1 fl. beträgt (die zwei Kirchen- 
und Schulkuxe sollen aus religiösen Motiven gleichsam als Gottes- 
tribut weiter abgeführt werden) (vgl. ib. VI, S. 500 ff.). Natürlich waren 
gegen den Mißbrauch solcher Vergünstigungen strenge Kontroll- 
maßregeln notwendig, und es ist gar kein Zweifel, daß sie trotz 
dieser mißbräuchlich ausgenutzt wurden. Aber man achtete den 
Entgang an unmittelbarem Gewinn gering im Vergleich zu den Vor- 
teilen , die man sich aus einem kräftigen Emporblühen des Berg- 
baues versprach. Maria Theresia setzte darum diese Politik fort, 
wieder mit dem ihr eigentümlichen Zug für das Große und Ganze. 
Es soll, so verordnete sie z. B. unterm 21. Februar 1765^^, in der 
Prager Zeitung eine allgemeine Kundmachung erscheinen, daß die 
Kaiserin allen in- und ausländischen Gewerken, welche in Böhmen 
entweder ein neues oder sonst ein freiliegendes Bergwerk zu er- 
heben oder wieder anzugreifen entschlossen seien, für die Dauer des 
Rezeßbaues der ganze Zehent (offenbar solchen , die auf landes- 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 14 



210 I^as böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

fürstlichen Territorien bauen) bzw. der halbe Zehent (von den auf 
ständischem Boden Bauenden) von allen Metallen und Mineralien 
gänzlich nachgesehen werden, ferner dürfe auch den Gewerken, welche 
ihre Zechen schon längere Zeit betrieben, sofern sie noch im Rezeß 
seien, der halbe bzw. viertel Zehent gegen besonderes Ansuchen 
gestundet werden. Für jeden einzelnen Fall und für besondere 
Umstände — das Prinzip der speziellen Protektion dringt auch 
hier ein — sind Gnadenhilfen in Aussicht gestellt. Die Grund- 
herren werden wieder ermahnt, wie früher dem Bergbau jede nur 
mögliche Förderung angedeihen zu lassen, eine ausführliche periodische 
Berichterstattung über den Stand des Bergbaues im allgemeinen 
und die Lage der einzelnen Bergwerke wird angeordnet. 

Ärarischer Erzkauf und ärarisches Schmelzwerk waren in 
Böhmen im achtzehnten Jahrhundert dauernd die Regel ; sie wui'den 
teils (wie in Kuttenberg) damit motiviert, daß die Gewerken aus 
Mangel an Verlag die gewonnenen Erze nicht selbst schmelzen 
lassen könnten, teils (wie in Joachimsthal) damit, daß den Gewerken 
der Vorteil geboten werden solle, auch die armen und geringhaltigen 
Erze zur Einlieferung und Schmelze zu bringen. Daß daneben der 
Fiskus auch ein recht gutes Geschäft machte, wurde zwar nicht 
erwähnt, scheint aber doch Tatsache gewesen zu sein. Die böh- 
mische Kammerverordnung an das Oberamt zu Joachimsthal vom 
Jahre 1729, also kurze Zeit nach Einführung oder Erneuerung des 
ärarischen Erzkaufes, enthält eine ausführliche Auseinandersetzung 
zwischen Fiskus und Gewerken über die Beschwerden dieser und die 
Vorteile des ärarischen Erzkaufes. Beim Joachimsthaler Erzkauf 
haben sich verschiedene Anstände und Schwierigkeiten ergeben: 
1. die Gewerken beschwerten sich darüber, daß die eingelieferten 
Erze nach dem Leipziger Gewicht ä 110 Pfund übernommen, der 
Silbergehalt ihnen aber nur von 100 Pfund berechnet und bezahlt 
würde. Dies gab Anlaß, die behördliche Einlösungstaxe zu korri- 
gieren, indem von den achtlötigen Erzen angefangen, die Erze pro 
Lot um 2 kr. höher als bei Einführung des Silberkaufs bezahlt 
wurden. 2. Die ärarischen Schmelzwerke für Nordwestböhmen sind 
in St. Joachimsthal konzentriert; der Vorteil dieser Konzentration 
liegt nach der Meinung der Behörde in der Mischung und Be- 
Schickung vielfach zusammengesetzter, qualitativ verschiedener Erze ; 
dadurch aber glauben sich die in anderen Bezirken (Weipert, 
Pressnitz) bauenden Gewerken wegen des Fuhrlohnes beschwert 
und wollen, daß das Ärar (wie beim Salz) auch noch die Transport- 
spesen vom Werk bis zur Eizeinlösungsstelle (Schmelzhütte) trage. 



Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 211 

Der Fiskus findet diese Forderung ungerecht : er weist darauf hin, 
daß die Ge werken bei privaten Schmelzunternehmungen überhaupt 
Erze unter 8 Loth nicht liefern könnten, sondern als unbrauchbar 
auf die Halden stürzen müßten, vom Ärar erhielten sie dagegen 
schon einlötiges Erz bezahlt (einlötiges Silber mit 23 kr. 1 den.), 
der Fuhrlohn dagegen mache höchstens 10 kr. pro Zentner aus. 
Die Übernahme der Transportspesen zu Lasten des Fiskus sei 
wirtschaftlich unmöglich und technisch undurchführbar. 3. Die 
Gewerken halten die bestehende Einlösungstaxe für zu niedrig und 
beweisen dies mit dem großen Nutzen, den der Fiskus beim 
Schmelz werk erzielt. Der Fiskus weist dagegen darauf hin , daß 
es nicht in seiner Absicht liege, durch den Erzkauf einen Gewinn 
zu suchen, sondern einzig und allein, den Gewerkschaften auf- 
zuhelfen und ihi'en Bergbau zu befördern. Gegen eine Erhöhung 
der Taxe sprächen gewichtige Gründe: a) das Fundament des 
ganzen Erzkaufs sei allein der Grubensegen und das Hüttenglück; 
wenn nun etwa dauernd geringhaltige (unter 12 lötige) Erze ge- 
liefert würden , müßte der Erzkauf notwendig eingehen , dadurch 
aber würde der ganze nordw^estböhmische Bergbau vollends auf- 
hören, die bestehenden Gebäude nutzlos werden und der Allgemein- 
heit sowohl als auch dem Kaiserlichen Regal ein großer Schaden 
zugefügt ; b) der Überschuß an dem Erzkauf sei nicht der geringen 
Taxe, sondern anderen Ursachen verdankt, und werde dazu ver- 
wendet, die Gebäude bauhaft zu erhalten und die Einrichtungen 
derartig zu vervollkommnen, daß Erze aller (auch schlechter) Quali- 
täten angenommen werden könnten; c) ein Vergleich der jetzigen 
Taxe mit de)' früheren aus dem Jahre 1589 ^' zeige , daß diese 
viel niedriger gewesen sei, besonders wenn man bedenke, daß die 
jetzige Taxe nicht nach der Wiener, sondern nach der Kölner 
Mark rechne, die im Münzamt mit 17 fl. 24 kr. fein bezahlt werde 
und weiter erwäge, daß alle Produktionskosten steigen, da die Zu- 
fuhr des Holzes und der Kohlen aus immer größeren Entfernungen 
geschähe und teurer w^erde, das Wascheisen und andere Materialien 
in der Nähe abnähmen und ebenso wie das Blei dauernd hoch im 
Preis stünden. Bei dem befolgten Grundsatze , die geringhaltigen 
Erze etwas höher, die reicheren etwas niedriger einzulösen, so daß 
der Abbruch bei den höheren mit dem Verluste bei den niederen 
sich kompensiere , könnten die Gewerken gut bestehen , da die 
reicheren Erze weniger Unkosten erforderten. Bei Berücksichtigung 
aller dieser Umstände sollte sich eigentlich der Einlösungspreis be- 
ständig ändern und sei gar kein stabiles Gleichgewicht zu erzielen. 

14* 



21"^ Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

Die Taxe aber gewähre den Gewerken den Vorteil sicherer Kalkulation, 
da sie im Voraus wüßten, was sie für ihre Erze bekommen würden 
trotz der sich ändernden Produktions- und Preisverhältnisse. Dabei 
seien speziell die Joachimsthaler Erze von schlechter Qualität und 
würden trotzdem höher bezahlt als die besseren sächsischen Erze. 
Der vermeintliche große Oberschuß aus dem Schmelzwerke ergebe 
sich also nicht aus einer zu geringen Taxe, sondern — und das 
ist bezeichnend für die Auffassung vom Nutzen gemischter und 
kombinierter Betriebe — er würde sofort verschwinden, „wann 
nicht andere Adminicula und industrialia, welche wohl ein General 
Erztkauff, bei Einlösung verschiedener Erzten, aber kein particular 
Gewerkschafft haben kann, accessorie sich ergeben thäten". Dieser 
Überschuß sei dem Kaiser um so weniger zu mißgönnen, als ja die 
Gewerken die Befreiung von zwei Erbkuxen und des Stollenneuntels 
und andere Benefizien erhalten hätten. Auch sei dieser Überschuß 
ein durchaus unsicherer Gewinn, weil die eingelieferten Bergarten 
und Erze sich fortwährend änderten und immer andere Schmelz- 
verfahren beanspruchten. Der Kaiser erklärte also, eine Erhöhung 
der Taxe nicht gewähren zu können, um so weniger, als die Ge- 
werken bei privatem Schmelzbetrieb größeren Schaden, als sie beim 
ärarischen zu haben vermeinten, tragen würden ; denn wenn sie auch 
bei Einlieferung reicherer Erze etwas mehr gewönnen, müßten sie 
durch die Weigerung der Übernahme der zahlreichen geringhaltigen 
um so mehr verlieren, außerdem seien sie jetzt hinsichtlich des 
Absatzes ihrer Produkte ganz sicher, bekämen bare Bezahlung noch 
dazu im voraus, was alles beim privaten Schmelzwesen wegfallen 
w^ürde. Schließlich gewährt der Kaiser dennoch eine Taxerhöhung. 
Der Einlösungspreis des Silbers scheint eben in der Tat dauernd 
zu niedrig gewesen zu sein, denn schon 1751 wird der Preis des 
in das Münzamt zu Prag einzuliefernden Brandsilbers pro Mark 
Wiener Gewicht von 21 fl. 15 kr. auf 22 11. 25 kr. erhöht, ferner 
dem Obersten Münz- und Bergmeister von Böhmen aufgetragen, 
einen Vorschlag nach Wien zu erstatten, um wieviel den Ge- 
werken bei dem Generalerzkauf pro Loth Feinsilber über den be- 
stehenden Preis zuzulegen sei, „um selbe zum Bergbau so mehr 
aufzufrischen", inzv^dschen solle bis auf weitere Resolution der 
Einlösungspreis pro Loth Feinsilber Wiener Gewichts um 3 kr. 
erhöht werden ^^. — 

Die Ansätze einer kräftigen Förderung der Montanindustrie 
durch Maria Theresia wurden schon gelegentlich der Besprechung 
der Eisenindustrie erwähnt; zwar zu Anfang des Jahrhunderts 



Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 213 

wirkte die traditionelle Angst vor der Holznot als Hemmung 
und immer noch lauteten die Instruktionen an die Beamten 
dahin , ohne allerhöchste Genehmigung sei die Errichtung eines 
neuen Eisen-, Alaun- oder Vitriolbergwerks nicht gestattet, „ab- 
gesehen, daß nicht allein eine mörkliche Verschwendung des 
Holtzes daraus entstehet, sondern auch ein schlechter Nutz Unsers 
Cammer-Guts halber da bey zu gewarthen", und auch neue Glas- 
hütten wollte man auf landesfürstlichen Territorien nicht aufkommen 
lassen. Aber der unbezwingbare Optimismus, der das Zeitalter 
Maria Theresias und nicht zum wenigsten die Kaiserin selbst aus- 
zeichnet und seither zur wirksamsten und vielleicht notwendigsten 
politischen Tugend in Österreich geworden ist, setzte sich, ein 
großes Ziel im Auge, über diese Bedenken hinweg — nicht leicht- 
sinnig, wird man sagen dürfen, denn man suchte die Verwendung 
von Steinkohle und Torf anstatt des Holzes durch Prämien zu be- 
fördern. Die Kaiserin überlegte auch, ob sie die im Laufe der 
Kriege zerstörten Verkehrseinrichtungen zur Beförderung des 
Trautenauer Holzes auf der Elbe nach Kuttenberg wieder herstellen 
solle, kam aber zu dem Resultat, daß man unter den jetzigen 
Umständen das für Kuttenberg nötige Holz aus dem eigens zu 
diesem Zwecke gekauften Gut Hodkow und aus den umliegenden 
Heri'schaftswaldungen mit fast geringeren Unkosten erkaufen könne. 
So also unterstützte sie die bestehenden und neu aufkommenden 
Eisenwerke, verbot die Auswanderung der Metallarbeiter, gewährte 
Mauterleichterungen und zielte insbesondere dahin, das gewonnene 
Roherz im Inlande zu verarbeiten ^^. 

Sie sorgte auch für den Absatz der ärarischen Bergwerks- 
produkte; 1759 wurde das schon bestehende Kupferamt restauriert, 
das Merkantile von dem Kamerale gänzlich getrennt, indem das 
Kassawesen von dem Kupferamt, welches von nun an den Titel 
k. k. Kupfer-, Quecksilber- und Bergwerkshauptkassa führte, ferner- 
hin verwaltet, der Verschleiß des Kupfers, Quecksilbers und anderer 
Bergwerksprodukte aber durch die neu errichtete k. k. Bergwerks- 
produktenverschleißdirektion besorgt wurde. Neben der Eisen- war 
es besonders die Kupferindustrie, deren Förderung Maria Theresia 
sich angelegen sein ließ. Um den „Nahrungsverdienst der getreuen 
Unterthanen" zu erweitern, wird für Kupferhämmer und die Weiter- 
verarbeitung von Kupfermetall eine weitgehende Gewerbefreiheit in 
Böhmen eingeführte^: 

1. Jeder kann fortan auf seinem eigenen Grund und Boden 
oder im Einverständnis mit dem Eigentümer einen oder mehrere 



214 D^s böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

Kupferhämmer herstellen und in Betrieb setzen; dem entgegen- 
stehende Privilegien sind aufgehoben. 

2. Ebenso ist jedermann befugt, Kupferschmieden, Draht- 
ziehereien, Werkstätten zur Verarbeitung des Kupfers in GeschiiT, 
Draht, Nägel und andere Gerätschaften anzulegen, diese mit Zünf- 
tigen oder Unzünftigen, Fremden oder Inländern betreiben zu lassen, 
ohne daß eine Zunft oder Meisterschaft dagegen Einwendungen 
machen dürfe, weil solche Werkstätten als Fabriken, „folgsam ledig- 
lich von dem Commerciali sowie in Hinkunft das ganze Mittel der 
Kupfer- Arbeiter und Hammer-Meister von selben abzuhängen haben." 

3. Solche unzünftige Leute dürfen sich auch auf dem Lande 
oder in kleinen Landstädten niederlassen, und ihre Produktion mit 
oder ohne Gehilfen treiben und ihre Erzeugnisse zu Hause und auf 
Jahrmärkten ungehindert verkaufen. 

4. Denjenigen, welche Kupferhämmer zu emchten gedenken, 
soll das Kupfer in Platten aus der Wiener Niederlage zu 346 fl. 
der Wiener Zentner franko geHefert werden. Würden aber kaiser- 
liche Kupferhämmer in einer dazu wohlgelegenen Stadt oder einem 
Nachbarbezirk errichtet, so werde man eine bequeme Niederlage 
für den Kupferbezug errichten. 

5. Für jeden Zentner erbländischen Kupfers, welches in Ge- 
schirr, Draht, Nägel oder anderen Gerätschaften in einem Erblande 
verarbeitet worden, desgleichen für jeden Zentner erbländischen 
Messings und Kompositionsware, wenn das eine und die andere in 
fremde Länder eingefülui: und die Ausfuhr genügend amtlich be- 
glaubigt würde, soll eine Prämie von 4 fl. aus der Bergwerks- 
produktenverschleißcassa erfolgen ^^ 



Wie in allem, so knüpfte, seiner „sozialpolitischen" Mission 
sich erinnernd, der Bergfiskus des achtzehnten Jahrhunderts auch 
in seiner Arbeiter- und Beamtenpolitik an die Tradition an, die 
ja gerade auf diesem Gebiete sehr ins allgemeine Bewußtsein über- 
gegangen war und schon darum niemals ganz verleugnet werden konnte, 
auch wenn man nicht eine Neubelebung des ganzen Bergbaues sich 
zum Ziel gesetzt hätte. Aber freilich: der Geist, der jetzt die 
soziale Gesetzgebung durchwehte, war ein anderer als fi-üher ; nicht 
ungestraft war man durch das harte siebzehnte Jahrhundert ge- 
gangen, das den Wert des Menschen unter Null sinken ließ, und 
mochte jetzt den Arbeiter fast nicht mehr so als freien Christen- 
menschen denn nur als Produktionsfaktor, als Kostenelement, als 



Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 215 

Passiviim bei einei- auf intensive Produktion gerichteten Tätigkeit 
kennen. So bedeutete jetzt die Tradition und die gleiche traditio- 
nelle milde Gesinnung doch einen neuen Geist: eine egoistische, 
privat wirtschaftlich orientierte WohlfahrtspoHtik. Der Arbeiter 
hatte fortab nur mehr die Wahl: erblicher Untertan irgendeines 
Gnmdherrn oder freier, aber kärgUch gelohnter Arbeiter des Berg- 
fiskus zu sein; es ist schwer zu entscheiden, welches Los 
das drückendere war. Zwar scheint Böhmen im Vergleich zu 
anderen Erbländern, z. ß. zur Lage der Arbeiter im Salzkammer- 
gute, durch den Reichtum an natürlichen Hilfsquellen eine günstige 
Ausnahme gebildet zu haben; überdies war ja hier der Fiskus 
nicht in der angenehmen Lage, auf bedeutende Betriebserfolge 
hinweisen zu können und mußte sich die Beschaffung einer aus- 
reichenden Zahl von guten Arbeitern angelegen sein lassen. Immer- 
hin werden wir kaum fehlgehen, wenn wir konstatieren, daß die 
Lage der Bergarbeiter auch in Böhmen im achtzehnten Jahrhundert 
drückend genug und bei der sich stets verteuernden Lebenshaltung 
wenig hoffnungsvoll gewesen ist. Wenn der Fiskus im Salzkammer- 
gute den Arbeitern trotz günstigen Betriebserfolges geringe Löhne 
zahlte, so tat er ein Gleiches in Böhmen vielleicht deshalb, weil 
der Bergsegen ausblieb. Jedenfalls kann man aus der staatlichen 
Lohnpolitik jener Zeiten keinen Schluß darauf ziehen, ob die Löhne 
bei günstigem oder ungünstigem Ertrag der fiskalischen Betriebe 
die Tendenz zu steigen haben. Viel eher wird man im Hinblick 
auf das allgemeine Streben nach einem Gleichgemchte aller staat- 
lichen Einrichtungen bei dem Fiskus eine Tendenz annehmen dürfen, 
die Löhne dauernd auf einem gleichen niedrigen Niveau zu halten, 
und in den Fällen, wo sich das eherne Lohngesetz in einer starken 
Verschlechterung der Lebenshaltung wirksam zeigt, durch allerlei 
Zuschüsse und Aushilfen Erleichterung und Erweiterung des Lebens- 
spielraums zu schaffen. Jedenfalls werden wir begreifen, daß die 
Lust der Arbeiter zu arbeiten ebenso gering geworden war als die 
Lust der Gewerken zu bauen. Wie anders wären sonst die ver- 
schiedenen Maßregeln zur Gewinnung und Festhaltung von Arbeitern 
zu erklären? Daß entlaufene Untertanen auf den Bergwerken ein 
Asyl fanden, wurde schon erwähnt ; für die wirklichen Bergarbeiter 
in den Bergstädten wurde das Privileg der Befreiung vom Militär- 
dienste wiederholt und die Auswandernng wiederum zu verhindern 
gesucht. Daß sie steuerfrei waren, kann man ja wohl aus der 
faktischen Unmöglichkeit einer Steuerleistung erklären, immerhin war 
*es ein Zugeständnis, daß (1759) bei Einführung einer allgemeinen 



210 Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

Besoldungssteuer von 2^/o für die Gehalte unter 4000 fl. und einer 
5^/oigen von den höheren, die Wochen- und Taglohnungen und Be- 
soldungen der Bergleute, welche jährlich 182 fl. nicht überstiegen, 
von dem Steuerabzug befreit wurden ^^. Die Akkordlöhnung wurde 
wie früher fortgesetzt, die zum Bergbau nötigen Betriebskapitalien, 
also insbesondere das Lohn- und Besoldungskapital Ueferten auch jetzt 
noch zumeist die Getränkesteuern ^^. Redliche Lohnzahlung in barem 
Geld wird wieder eingeschärft, insbesondere auch, daß die bereits 
verdienten Löhne genau bezahlt werden, weil „eines Theils die 
bessere, auch wohlfeilere Subsistenz des ohnedeme armen Gruben 
Volcks, anderen Theils aber eine auf ein Drittel bei dem Geding 
calculirte Ersparung hievon abhänget^*". Auch mit der Viehhaltung 
der Bergleute scheint man es jetzt wieder weniger rigoros ge- 
nommen zu haben; der Berghofmeister von Kuttenberg kann im 
Einvernehmen mit den anderen Bergbeamten dem einen oder 
anderen in Zechenhäusern auf dem Bergwerk lebenden Steiger die 
Haltung von ein oder zwei Kühen ohne irgendjemandes Schädigung 
erlauben, hingegen ist die Haltung von Rindern, Schw^einen, Hunden 
und Hühnervieh in den Zechenhäusern, wo die Arbeiter sich täglich 
vor der Einfahrt zum Gebet versammeln, aus Reinlichkeitsrück- 
sichten verboten ^'^. Dem gleichen Zwecke der Anlockung von Berg- 
leuten diente offenbar die Sorge um verunglückte und verstorbene 
Bergleute und ihre Hinterbliebenen. Maria Theresia verordnete 
27(32 26^ es solle ein Provisionsnormale entworfen und darin der- 
jenigen Münz- und Bergarbeiter gedacht werden, die eine gesund- 
heitsschädliche oder lebensgefährliche Arbeit zu verrichten hätten. 
Bis zur Etablierung eines Witwen- und Waiseninstituts sollte die 
Regel gelten, daß jene Witwen, deren Männer eines natürlichen 
Todes gestorben waren, mit dem Betrage des Jahresgehaltes des 
Mannes abgefertigt, die Witwen der im Dienste Vei*unglückten mit 
dem Drittel des Soldes begnadet werden ^^. Ein Pensionsnormale 
von 1771^^ bestimmt: die regelmäßige Pension (Erhöhung der nor- 
malen Pension ist in einzelnen Fällen möglich) für ehie Witwe mit 
1 — 2 Kindern beträgt Va von der Besoldung des Mannes, den Kindern 
gebührt ^12 der mütterlichen Pension vom Sterbetage der Mutter 
bis zur Volljährigkeit oder ihrer Versorgung oder bis zur hinläng- 
hchen Besserung ihrer Umstände durch Erbschaft, Schenkung usw. — 
Wenn heute darüber ein gelehrter Streit besteht, ob die moderne 
Arbeiterversicherung als wirkUche Versicherung anzusehen sei, so 
ist zu sagen, daß die Vorläufer der modernen Arbeiterschutz - 
und Versicherungsgesetzgebung nur als Wohltätigkeitsinstitut und 



Das böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 217 

nicht als ein zweiseitiges Rechtsgeschäft gedacht und gehandhabt 
wurden. 

Der Geist der Sozialpolitik des achtzehnten Jahrhunderts wird 
sich uns erst ganz enthüllen, wenn wir die bisher besprochenen 
Maßnahmen im Zusammenhange mit der staatlichen Lebensmittel- 
politik in den Bergstädten betrachten. Es wird sich zeigen, daß 
diese Sozialpolitik ein Kompromiß bedeutet zwischen dem sozial- 
politischen und dem reinen Produktionsinteresse, und daß jenes 
diesem bereits untergeordnet wird. So haben denn alle diese Maß- 
regeln jene bekannte Zweideutigkeit und ein Janusgesicht, das uns 
von den Wohltätigkeitseinrichtungen unserer modernen Fabrik- 
feudalität so wohl vertraut ist. Man hegt und pflegt die Arbeiter- 
klasse, nicht sowohl aus christlichen oder irgendwelchen „höheren" 
Motiven, sondern zu dem Zwecke, um sich eine allzeit getreue, ab- 
hängige und schließlich billige Arbeiterschaft zu sichern. So scheint 
es im achtzehnten Jahrhundert auch gewesen zu sein; wir hören 
nie von einer Lohnerhöhung, wohl aber oft von Maßnahmen des 
Fiskus, den Arbeitern wohlfeile Nahrung zu sichern und dies offen- 
bar zu dem Zweke , um eine Lohnerhöhung zu vermeiden. Diese 
Nahrungsmittelpolitik wm-de verbunden mit einer kommunalen 
Sozialpolitik, über die noch einiges zu sagen ist. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die finanziellen Kalamitäten 
der Bergstädte, die im siebzehnten Jahrhundert begonnen hatten, 
chronisch wurden und zu einer immer ärgeren Verarmung der Städte 
führten. Alle Steuernachlässe, Kontributionsbefreiungen und Privi- 
legien konnten diesen Kommunen, die ihr Haus auf Gold und Silber 
gebaut hatten, keinen Ersatz für den mangelnden Bergsegen ge- 
währen. Sie gerieten in eine immer drückendere Schuldenlast, und 
schließlich mußte man sie in der Freiheit, Schulden zu machen, be- 
schränken; die Kaiserin verordnete, daß die von den königlichen Berg- 
städten bis zum Jahre 1753 inklusive ohne Konsens aufgenommenen 
Passivkapitalien gültig seien, künftighin aber den städtischen Ma- 
gistraten und Gemeindevorstehern unter keinerlei Vorwand gestattet 
werde, weder neue Schulden zu kontrahieren, noch einige Realitäten 
zu erkaufen oder die vorhandenen städtischen Corpora zu veräußern, 
es wäre denn vorher ein eigener Konsens erwirkt worden. 

Aber der fehlende Bergsegen erklärt nicht alles; vielmehr 
weisen viele Anzeichen darauf hin, daß die Gemeindewirtschaft in 
den Bergstädten schlecht und eigennützig gewesen sei, und die Ver- 
armung nicht ohne eigene Schuld geschah^'. Um also diese berg- 
städtische Kommunal Verwaltung zu bessern und steuerkräftig zu 



218 I^as böhmische Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 

machen, überhaupt die Bergbaulust und -fähigkeit zu erhöhen, wird 
dem obersten Berg- und Münzadministrator auch die Obsorge über 
die städtische Verwaltung bei den Bergstädten aufgetragen ; er soll 
bei den jährlich stattfindenden zweimaligen Visitationen aller Berg- 
werke auch immer die Gemeindewirtschaft untersuchen, allerdings 
darf er ohne der obersten Instanz, der böhmischen Kammer, Zu- 
stimmung und Erlaubnis keine Neuerungen von selbst einführen. 
Maria Theresia setzte diese Politik kräftig fort ; sie befahl, die Berg- 
werke fleißig zu visitieren und darauf zu sehen, „damit nicht so- 
viel auf die Burg er in denen Bergstädten, als auf die Heuer- 
schafft Bedacht genommen, und in Ansehung der Letzteren die 
bey anderen Bergwerken mit guter Ordnung Bestehende Anord- 
nung der Bruderlade eingeführet werde", und den bergstädtischen 
Magistraten im besonderen, die das Wirtschaftliche nicht genug 
eifrig betreiben , sondern es den anderen Agenden hintansetzten, 
legte sie ans Herz „die Commerzialien als das zweite Objektum 
Deliberationis gleich nach denen Juridicis vor der Hand zu nehmen", 
da „das wohl deren Innwohnern und derenselben Nahrungs-Standt 
von dem Aufnahm nutzlicher Gewerben und Professionen furnehmb- 
lich abhangen thue" . . . Indem aber Maria Theresia zugleich die 
Autonomie und Freiheit der Bergstädte achtete und als Grundlage 
einer intensiven Bergbaupolitik erhalten wissen w^ollte, befahl sie 
dem Obersten Münz- und Bergmeister (Gi'afen v. Pachta) als seine 
erste Obliegenheit die Sorge um die gute Führung des schon be- 
stehenden Bergbaues und dessen mögliche Erw^eiterung , also das 
Produktionsinteresse, „die Jurisdiction und der Bergstädten Oekonomie- 
Sachen aber nur als eine Folge der ersteren Haupt-AemtUchen Ob- 
liegenheit" anzusehen. 

Die Kaiserin hatte freilich offenbar überhaupt kein rechtes 
Vertrauen zu der Geschicklichkeit und Uneigennützigkeit der berg- 
städtischen Wirtschaftsführung, und als eine Freundin des Systems, 
jeden Betrieb an den intensivst arbeitenden und besten Wii-t ge- 
langen zu lassen, befürwortete sie wie auf anderen Gebieten (vgl. 
das Raabsche System der Güterverpachtung) die Verpachtung der 
städtischen Privatbetriebe. Wie mangelhaft ein solcher städti- 
scher Betrieb schon im siebzehnten Jahrhundert geführt wurde, er- 
sehen war aus dem Bericht über die Ökonomie des städtischen 
Spitals in Joachimsthal ^^ und werden mehr noch bei Besprechung 
des städtischen Brauhauses hören. In einem diesbezüglichen Dekret 
vom 19. Februar 1752 wird folgendes ausgeführt: die Erfahnmg 
habe ergeben, wie unverläßlich und schlecht sowohl die eigenen 



Das böhmiselH^ Bergwesen im Zeitalter der Aufklärung. 219 

königlichen und landesfürstlichen Herrschaften und verschiedene 
andere Gefälle wie auch die Communitaets-Güter und Einkünfte 
bei den königlichen und landesfürstlichen Städten in eigener Regie 
verwaltet würden und wie nötig es sei, auf Mittel und Wege 
zu denken, damit die eigenen Einkünfte, aber auch die der Städte 
aus diesen Gütern und Ertragsquellen sich besserten. Zur Er- 
reichung dieser Absicht findet sich die Kaiserin bewogen, die 
eigenen landesfürstlichen Herrschaften und andere bisher unter 
eigener Administration stehenden Güter zu verpachten und 
wünscht, daß ein gleiches bei den königlichen und landesfürstlichen 
Städten in allen deutschen Erbländern geschehe, „mithin außer 
denen Steuer- und Bergwerkhen alles, und jedes, es betreffe nun 
die eigene Stadt- gefalle, die Bräuhäuser oder Landes Würtschaften, 
und andere dergleichen Corpora licitando verpachtet werden sollen" 
(VI, S. 445). Obwohl nun zwar anderseits die Erfahmng bestätige, 
daß die Pächter oft die Güter ruinierten, die Wälder aushauten, die 
Gebäude zugiiinde gehen ließen, die Felder aussaugten, die Untertanen 
über Gebühi- anstrengten und endlich verschiedene Abzüge von den 
Pachtsummen zu ersinnen pflegten, so könne man doch allen diesen 
Übelständen in den zu en-ichtenden Pachtkontrakten größtenteils vor- 
beugen, indem man genaue und detaillierte Bestimmungen über die 
zu beobachtende Feld-, Forst-, Teichwirtschaft, Gebäudenutzung u. ä. 
treffe , die Waldheger in des Eigentümers Eid behalte , ferner die 
Pächter zu genauer Beobachtung des bestehenden Urbars oder zur 
Anlegung eines neuen Urbars verpflichte. Um zu einer solchen Ver- 
pachtung schreiten zu können sei notwendig: 1. behufs Stabili- 
sierung des Pachtquantums den Durchschnitt aus den sechsjährigen 
Rechnungen zu ziehen (es wird offenbar noch Dreifelderwirtschaft 
zugrunde gelegt) und daraus die wirklichen Nutzungen zu ermitteln, 
die Pachtdauer auf sechs Jahre und mit einem Vorpachtrecht des 
bisherigen Pächters festzusetzen und 2. einen dreimonatlichen ter- 
minus ad licitandum zu bestimmen, während dessen die Pacht- 
lustigen die betreffenden Realitäten und Güter in Augenschein 
nehmen und untersuchen könnten. 



220 



Der Verfall der Bergstadt. 



J e schlechter es den Bergstädten wirtschaftlich ging \ je ärmer 
sie wurden, umsomehr lebten sie sich in eine wirtschaftliche Eng- 
herzigkeit und Furcht ein , und was als sozialpolitisches Ideal be- 
gonnen hatte: die Regelung des gesamten Tauschverkehrs zum 
Besten der Gesamtheit, artete aus und endete als Egoismus, als 
Schikane, als Neid. Man wollte jedem seinen Nahiningsspielraura 
sichern, aber alle sollten gleich arm und träge bleiben. Sie pochten 
auf ihre alten Rechte, ohne etwas zu ihrer wirksamen Belebung 
und tatkräftigen Benutzung tun zu können oder zu wollen, sie 
stemmten sich gegen das Neue und Hervorragende und wünschten 
alles auf einem sehr mäßigen Durchschnittsniveau zu erhalten. So 
gerieten sie in ein immer lästiger und unangenehmer empfundenes 
Spießbürgertum hinein, aus dem sie von Zeit zu Zeit ein gestrenges 
Kaiserliches oder oberbergamtliches Dekret zu ihrer Pflicht zurück- 
rief. Dabei können die kommunalen Mißstände ebensowohl Ursache 
wie Wirkung jener extremen Politik der Regelung gewesen sein; 
worüber das Volk, die Gemeinde, hauptsächlich klagte, war fort- 
gesetzt Teuerung des Lebens. Nun sollte man meinen, daß mit 
dem Rückgang der Einwohnerzahl, der zweifellos infolge des Nieder- 
ganges des Bergbaues und der konfessionellen Wirtschaftspolitik 
stattfand, die Preise der Konsumtibilien gesunken seien. Dem aber 
war nicht so ; gewiß unter anderem auch deshalb, weil das allgemeine 
Preisniveau im siebzehnten Jahrhundert ein Sinken verhinderte, 
aber auch gemäß der alten Erfahrung, die hier auf engem Gebiete 
wirksam gewesen zu sein scheint, daß Abnahme der Konsumenten- 
ziffer an sich noch nicht Ermäßigung der Lebensmittelpreise be- 
deutet, ebensowenig wie eine Zunahme eine Preissteigerung; es 
überwiegt vielmehr an einem und demselben Orte häufig die durch 
eine Zunahme der Konsumentenzahl bedingte Vergrößerung der 
Produktionsenergie weitaus die Verteuerung, die aus der bloßen 
Volksvermehrung sich ergeben würde. 



Der Verfall der Bergstadt. 221 

Die Mittel, mit denen die städtische Nahrungsmittelpolitik als 
innere Handels- und Gewerbepolitik arbeitete, um niedrige Preise 
zu erzielen, waren die alten, vom Mittelalter übernommenen, die 
als spezifische Heilmittel für alle Fälle galten, nur aber in den ge- 
änderten Verhältnissen nicht sehr erfolgreich gewirkt zu haben 
scheinen. Zunächst die Öffentlichkeit des Handels mit Lebens- 
mitteln, teils als Qualitätsgarantie, teils aus finanziellem Interesse, 
teils zur Hinderung des immer als schädlich weil preisverteuernd 
angesehenen Zwischenhandels , des Fürkaufs. Diese unbedingte 
Ausschaltung des Zwischenhandels, der direkte Verkehr zwischen 
Produzenten und Konsumenten war eine Hauptaufgabe der Stadt 
und des Bergamtes. Um sie leichter zu erreichen, die Preise 
stabil und niedrig zu halten, trat die Stadt, indem sie sich mit den 
Konsumenteninteressen identifizierte, als Vertreterin der (gleich- 
artigen) Konsumentengemeinschaft an die Stelle des einzelnen 
kaufenden Konsumenten den Produzenten gegenüber und organi- 
sierte so für viele Produkte einen städtischen Eigenhandel. Die 
Kommunalisierung verschiedener Erwerbszweige war die radikalste 
Maßregel; in den anderen Fällen aber behielt sie sich die oberste 
Regelung und Aufsicht des Handels- und Gewerbebetriebes vor. 
Sie machte die einzelnen Erwerbstätigen oder ihre Zünfte gewisser- 
maßen zu Beamten; diese treten überhaupt nur als Mandatare 
einer öffentlich-rechtlichen Funktion auf, insbesondere beim Lebens- 
mittelgewerbe tritt der Amtscharakter der Zunft deutlich in Er- 
scheinung. Die Stadt gab die Betriebsvorschriften, sie bestimmte 
die Details des Verkaufs, stellte die Produktionswerkstätten bei 
(städtische Backöfen), sie verordnete die Preise und Taxen für fast 
alle in der Stadt benötigten Produkte, und speziell in Böhmen 
scheinen sich wegen der Geschlossenheit des Wirtschaftsgebietes 
die Taxvorschriften länger erhalten zu haben als anderswo. Sie 
normierte ebenso die Arbeitslöhne für die städtischen Arbeiter und 
Handwerker, und daß sie — wenigstens im sechzehnten Jahr- 
hnndert, teilweise aber auch darüber hinaus — Konsumtions- 
vorschriften erließ, ward schon an früheren Stellen erwähnt. 

Monopole suchte sie zu verhindern , sich selbst aber nahm 
sie, wie es scheint, davon aus, sie schützte und bevorzugte 
natürlich die städtischen und einheimischen Gewerbetreibenden 
vor den fremden und trieb im siebzehnten Jahrhundert kräftig 
jene wohlbekannte schikanöse Zunftpolitik zur Unterdrückung neu 
entstehender Konkurrenz, sie hinderte oder erschwerte die Nieder- 
lassung für gewisse Bevölkerungsklassen wie die Juden und den Adel. 



222 ö'^'* Verfall der Bergstadt. 

Die Öffentlichkeit und Kontrolle des Marktes bezog sich auf 
alle Lebensmittel: Brot, Fleisch, Getreide usw. mußten öffentlich 
feilgehalten werden und durften, einmal in die Stadt gebracht, nicht 
unverkauft heraus. 

Sehen wir zu den einzelnen Produkten. 
a) Getreide. 

In Kuttenberg, das im Vergleich mit Joachimsthal in fruchtbarer 
Gegend liegt, scheint im achtzehnten Jahrhundert weder ein kom- 
munaler noch ein bergamtlicher Getreidehandel existiert zu haben ; 
die Polizei beschränkte sich hier darauf, eine sogenannte Markt- 
freiheit zu erzwingen, d. h. den Getreide- und Viktualienverkauf in 
den Gassen und vor den Toren zu verbieten und darauf zu halten, 
daß alle Waren mehrere Stunden lang auf offenem Markte feil- 
geboten wurden. Für Brot, Bier und andere Viktualien, dann für 
Fleisch, Unschlitt, Lichter und Seife (welch letztere in Joachimsthal 
von Staats wegen gehandelt wurden) bestanden Taxen, die in beiden 
Landessprachen kundgemacht wurden ; fleißige Visitation der Bäcker, 
die das Brot vor den Berg- und Münzbeamten aufzuziehen hatten, 
und andere Maßregeln waren vorgeschrieben, um den Arbeitern und 
Bergleuten Viktualien, Getränke und andere Bedarfsgegenstände in 
ausreichender Menge und zu billigem Preise zu verschaffen und 
Übervorteilung und Erschwerung zu verhüten. Falls „aus Einer der 
Magistrats eigensinniger Stützigkeith oder der Rathsmänner Eigen- 
nutz" diese Vorschriften mißachtet wurden, so werde man — 
droht die Behörde - - den ganzen Lebensmittelbedarf anderswoher 
einführen. 

Eine andere Organisation hatte der Lebensmittelmarkt in den 
Bergstädten Schlaggenwald und Schönfeld. Hier w^urde aus den 
Brückengeldern der Knappschaft ein öffenthches Getreidemagazin 
errichtet und der seit Jahren eingeschlafene Wochenmarkt unter 
folgenden Normen wieder ins Leben gerufen^. 

1. Der Magistrat muß ein Haus als Getreidemagazin beistellen 
(im unteren Stock desselben war die Schule und die Wohnung des 
Schulbedienten!), es auf Gemeindekosten in sicherem und brauch- 
barem Stand halten, wofür die Knappschaft jährlich einen Zins an 
die Bürgerschaft zahlt. 

2. Der Magistrat für die Gemeinde und das Bergamt für die 
Knappschaft tragen zum Ankauf des Getreides je die Hälfte bei 
und haben an Gewinn und Verlust den gleichen Anteil. 



Der Verfall der Bergstadt. 223 

3. Von jedem Strich an einen Bürger oder Bergmann ver- 
kauften Getreides dürfen in wohlfeilen oder teuren Zeiten nicht 
mehr als 6 kr. (oder Q^'o?) Nutzen genommen werden^. 

4. Weiterverkauf dieses Getreides, „Hecklerey damit zu treiben" 
ist verboten ; weil aber der Wochenmarkt dazu da ist, daß Jeder- 
mann frei kaufen kann, was er will, so wird jedem Bürger und 
Bergmann gestattet, an solchen Markttagen früh morgens bis 10 Uhr 
zum Bedarf seines Eigenkonsums zu kaufen, aber Zwischenhandel 
zu treiben ist verboten. 

5. Damit nun der Getreidehandel durch Kreditierungen nicht 
ins Stocken gerate und uneinbringliche Reste sich ansammeln, so 
darf niemandem kreditiert, sondern nur gegen bar abgegeben 
werden. — 

Wieder anders war es in Joachimsthal. Dort bestand , wie 
schon erwähnt, die Einrichtung des Werkfonds aus dem zurück- 
behaltenen Ausbeutedrittel. Diesbezüglich war auf Vorschlag von 
Lauers 1717 bestimmt worden, das ein Drittel der Ausbeute, die 
auf die von der Gemeinde betriebenen Zechen entfällt, auf Zins 
angelegt, die übrigen zwei Drittel aber unter die Bürgerschaft aus- 
geteilt werden sollten; von den Zinsen dieses aufgesi)eicherten 
Fonds waren bestimmungsgemäß die Kaiserlichen Abgaben und 
Kontributionen zu bestreiten, auch ferner neue Bergwerke ohne 
Beschwer für die Bürgerschaft ausfindig zu machen und der Berg- 
bau zu befördern. Nun erschien es zweckmäßig, diesen Fonds, 
der, wie ein Hofkammerdekret aus dem Jahre 1724 meint (vgl. 
Schmidt VI, § 148 f.), bei dem steigenden Bergsegen schon eine 
ansehnliche Höhe erreicht haben müsse, bei momentaner Wohl- 
feilheit der Lebensmittel ganz oder teilweise zum Ankauf einer 
ergiebigen Quantität Getreide zu verwenden, diese in einem Magazin 
aufzustapeln und von Zeit zu Zeit den Einwohnern von Joachims- 
thal und dem Bergvolk ihren Bedarf zu einem proportionierten 
Preise zu überlassen, „wodurch nicht allein der in diesen Gebürgen 
sich schon öffters geeußerten großen Noth und abgang, sondern 
auch der Theuerung und Wucherung deren Getraid Handlern ge- 
steuret : dem gemeinen Mann hilffliche hand gebotten, und obschon 
Miß wachs sich eraignen, dennoch das Getraid in Leidendlichen 
pretio erhalten werden könte". 

Ob freilich diese Magazine ihren Zweck erreichten, in Notzeiten 
den Arbeitern sichere und billige Nahiung zur Verfügung zu stellen, 
erscheint uns nach dem, was wir über solche Einrichtungen aus anderen 
Ländern und Gegenden wissen, zumindest zweifelhaft. Ja selbst 



224 Der Vorfall der Bergstadt. 

aus Joachimsthal hören wir, daß sich im Jahre 1771 (einem Not- 
standsjahre) das Bergvolk um einen Vorschuß für das Bruderladen- 
Getreide magazin zum Ankauf von Getreide und Abvrehr einer sonst 
unvermeidlichen Hungersnot nach Wien wandte. Es wurde an die 
Bergwerks- Administrationshauptkasse die Verordnung erlassen (siehe 
Hofkammerdekret 23. November 1771, ib. VH, 462 ff.), „womit selbe 
einen Vorschuß von 10 000 fl. zu Bestreittung des völligen Getraid 
Einkaufs alsogleich an die dortige Bergwerks Gasse übermache" ; 
diese Antizipationen waren bis Ende 1772 ganz sicher abzuführen 
und darauf zu sehen, daß nur das Bergvolk, nicht auch die Bürger 
oder Handwerker aus dem Brudcrladen-Getreidemagazin sich ver- 
sorgten. Überdies wird genaue Buchführung wiederum eingeschärft. 

Man kann diese Art Nahrungsmittelpolitik als soziale Für- 
sorgepolitik ansehen , es liegt aber ebenso nahe , sie als Mittel 
fiskalischer Lohnpolitik zu betrachten, in den Getreidevorschüssen 
eine Ergänzung eines ungenügenden Geldlohnes und in der ganzen 
Veranstaltung ein Mittel, um Lohnsteigerungen zu umgehen, finden. 
Freilich braucht diese Politik nicht so kraß gewesen zu sein, wie 
sie der Staat im Salzkammergute übte (wenn Kramäfs Darstellung 
richtig ist), immerhin scheint der Staat bei dem intensiven Produk- 
tionsinteresse Wert darauf gelegt zu haben, eine Geldlohnerhöhung, 
die immer die Tendenz hat, chronisch zu werden, zu vermeiden 
und lieber mit Getreide und Naturalien abzuhelfen, wobei er — 
selbst wenn er daran verlor — immer noch billiger wegkam als 
mit einer auch nur geringfügigen Geldlohnsteigerung*. 

Nach dem Preise des Getreides, insbesondere des Roggens, 
richteten sich die Mehl- und Brotpreise. Bei ihrem Streben nach 
einer minutiösen Regelung des gesamten Tauschwesens mußte sich 
die Stadt eine genaue Kenntnis der jeweils vorhandenen Vorräte 
verschaffen, wie sie auch die Masse der Bedürfnisse genau zu 
kennen hatte. Hieraus und aus ihren Akziseninteressen erklären 
sich manche sonst unverständliche Vorschriften: die Bäcker z. B. 
durften zu keinem Strich Getreide zurichten, es habe denn zuvor 
der Müller gemetzt, die Metzen und das Getreide auf das Kerbholz 
aufgeschnitten. Oder: wenn Bäcker abladen, sind sie bei Verlust 
des Handwerks schuldig, es anzusagen. Nur der Müller darf 
metzen usw. ^. Für das Getreide bestand der Mühlzwang in der 
städtischen Ratsmühle, das Brot selbst wurde nach Taxen ver- 
kauft. Diese Taxen hatten, wie der Gesetzgeber sagt, den Zweck, 
klare und berechenbare Verhältnisse zu schaffen. Es wußte der 
bauende Ge werke, wie er „den Bergarbeither nach der nothwendig- 




Der Verfall der Bergstadt. 225 

keit belohnen, als auch nicht minder der Arbeither seine Zehrungs- 
notdurft und übriges Haushalten ordinieren und anstellen möchte". 
Die Brotbackordnung setzte die Skala fest, nach der die Brotpreise 
bei sich ändernden Getreidepreisen modifiziert wurden, und ferner 
bestand für Weizenbrot (Semmel) eine Gewichts-, für Roggenbrot 
(Schwarzbrot) eine Preistaxe. Wenn der Strich Weizen nach 
Prager Maß 3 fl. 30 kr. „im allgemeinen Preiss wäre" (dies deutet 
auf einen einheitlichen und gleichen Preis für das ganze Land oder 
wenigstens ein ganzes Gebiet), so soll eine wohlausgebackene Ein- 
kreuzer-Semmel 10 Loth im Gewicht halten und je nach dem ver- 
schiedenen Weizenpreise ändert sich das Gewicht des Brotes. Beim 
Roggenbrot hingegen wurde auf Gewichtskonstanz gesehen; jeder 
Laib ausgebackenes reines Kornbrot hätte immer sechs Prager 
Pfund zu halten; aus 1 Strich Korn brachte der Bäcker 24 Laib 
Brot aus (das Durchschnittsgewicht eines Strichs [hl] Korns war 
also damals 144 Pfund); davon durfte der Bäcker sich 12 kr. Mahl- 
und Backkosten abziehen, worauf je nach dem Roggenpreis der 
Brotpreis normiert wurde (er scheint von 3 kr. bei einem Roggen- 
preis von 1 fl. 12 kr. bis 7 kr. bei einem Preis von 2 fl. 48 kr. 
geschwankt zu haben). 

Die Joachim sthaler Bäcker scheinen für den Bedarf der ganzen 
Stadt nicht ausgereicht zu haben, man verkaufte in Joachimsthal 
zum großen Mißvergnügen der städtischen Meister auch fremdes 
(Schlacken werther) Brot. 

Auch der Butterhandel wurde in Joachimsthal um diese Zeit 
in eigener städtischer Regie oder doch unter städtischer Beteiligung 
geführt, nachdem die früheren Preissteigerungen und die Butternot 
wohl mit durch einen Export der dortigen Butter nach Sachsen 
und Bayern veranlaßt worden waren ^. Am wahrscheinlichsten ist, 
daß der Rat eine Buttereinkäuferin für die Stadt bestellte. 

Wie die anderen Lebensmittel, so unterlag auch die Fleisch- 
nahrung der amtlichen Regulierung. Alles Vieh, das in die Bergstadt 
getrieben wurde, gelangte im städtischen Kuttelhof zur Schlachtung 
und zum Verkauf ; der private Viehhandel wurde ebenso zu unter- 
drücken gesucht wie der private Getreidehandel. Auffallend und 
speziell für die böhmische Fleischordnung charakteristisch sind die 
in den Ratsbüchern sich vorfindenden Spezifikationen aller Fleisch- 
sorten und die ins Detail gehenden Preisbestimmungen. Der be- 
hördliche „Fleischschätzer" erfreute sich natürlich keiner besonderen 
Beliebtheit bei der Fleischerzunft und hat oft über Ungehorsam, 
über Verspottung seiner Person und seines Amtes zu klagen. 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 15 



226 l^er Verfall der Bergstadt. 

b) Das städtische Brauwesen war, obwohl ein radizi ertes 
Gewerbe, anderseits doch auch halbamtHch organisiert; alle Be- 
triebsvorschriften und alle Preise, vom Rohmaterial angefangen 
bis zum Detailpreis des Bieres wurden vom Magistrat bestimmt, 
und der Bräuer, der den Bürgern das Bier braute, war fast ebenso 
sehr städtischer Beamter wie in privaten Diensten stehender 
Künstler, wie der Müller, der Bäcker usw. Strenge wurde auf die 
Qualität und Erhaltung des Renommees gesehen, das Bier als 
Qualitätsprodukt erfreute sich ganz besonderer Aufmerksamkeit der 
städtischen Behörden. Freilich war, wie wir aus dem folgenden 
sehen werden, die Ordnung nicht zum besten bestellt, und gleich 
den anderen städtischen Unternehmungen ging auch das Brauwesen 
im siebzehnten Jahrhundert stark zurück; man half sich, um auf 
die Kosten zu kommen , wie es scheint , fortgesetzt mit Ver- 
schlechterung der Quahtät, da eine brutale Preiserhöhung bei 
solchen Genußmitteln, die zwar nicht zu den unentbehrlichen aber 
gewöhnten gehören , sozial noch gehässiger zu wirken pflegt , als 
die der Güter erster Ordnung und der Verzicht auf den gewohnten 
Konsum als Verschlechterung der sozialen Position, als ein Herab- 
sinken aus einer einmal erreichten Lebenshaltung empfunden wird. 

Wir orientieren uns über die hier herrschenden Verhältnisse 
am besten aus einer Beschwerdeschrift, die im Jahre 1611 dem 
Oberberghauptmann von den Ältesten und Jüngsten der Knappschaft 
mit der Bitte um Abhilfe vorgelegt wurde. Man klagt über die 
herrschende Teuerung; mancher arme Hausvater, dem die liebe 
Sonne eher als das liebe Brot ins Haus komme, könne mit seinem 
VV^eib und Kindern sich des lieben Brots nicht genug verschaffen 
und müsse nicht nur an Brot, sondern auch an Trank Mangel leiden. 
Das Malz, welches früher 100 fl. gekostet (wohl 20 Striche als 
Quantum zu einem Gebräu sind gemeint), sei auf 112 fl. gestiegen. 
Das Malz sei auch an Körnern und Mehl viel reicher und besser 
gewesen, so daß man früher 20 Faß Bier gießen konnte und die 
Kanne Bier um 24 Pfg. zu kaufen war. Jetzt sei Malz an Korn 
und Mehl gering, es werde gute und geringe Gerste zum Malzen 
untereinander verkauft, so daß es nur geringes Bier ergäbe. Auch 
die Unkosten an Geld, wie das Brauzeichengeld für den Rat. die 
Löhne auf der Mühle, im Bräuhaus, für Büttner und Binder seien 
allzu hoch gesteigert worden. Das Ungeld oder Brauzeichengeld, 
welches anfänglich 2Vl> fl. betrug, sei nachher auf 5 fl. und vor 
etwa 30 Jahren auf 9 fl. gestiegen, wovon 4 fl. dem Rat zur Ab- 
tragung der Schulden bewilligt worden, womit es aber immer noch 



Der Verfall der ßergstadt. 227 

gute Wege habe. Auf der Mühle wollten der Müller. Mälzer, Knecht 
und die Jungen die Hände auch gesalbt haben. In den Bräuhäusern 
wollte der Braumeister und Brauknecht nebst dem gesetzlichen 
Lohne mit Essen und Trinken wohl traktiert sein, was etliche ver- 
mögliche und wohlhabende Brauweiber, um sich zu rühmen, ein- 
geführt hätten ; da der gemeine Bürger-, Berg- und Handwerksmann 
dies nicht tun könne, wendeten der Braumeister und Knecht keinen 
Fleiß an und verschwendeten übermäßig viel Holz. Auch der Binder 
und Büttner habe einen Aufschlag an Faß- und Reifstecken für 
seine Person gemacht. Ein Gebräu Bier komme, ehe es in den 
Keller gebracht werde, auf 133 fl. ^ Über 16 oder bestenfalls 
17 Fässer Bier könne man nicht gewinnen, hieraus sei zu ermessen, 
wie teuer sich ein Faß Bier stelle. Weil aber die gemeinen Bürger 
Berg- und Handwerksleute es den w^ohlhabenden Bürgern nicht 
nachmachen könnten , gleichwohl aber dem Rate Zins- , Wachs 
und Opfergeld geben müßten, so bäten sie den Herrn Hauptmann 
er solle sich mit dem Rat beratschlagen, wie in dem einen oder 
anderen einige Unkosten abgeschafft und eingestellt w^erden möchten, 
damit der Arme den Wohlhabenden auch folgen und eine kleine Steuer 
zur besseren Erhaltung seines Weibes und seiner Kinder in dieser 
teueren Zeit erlange und nicht veranlaßt würde, von seiner häuslichen 
Wohnung abzustehen und anderswo seine Besserung zu suchen. 

Der Rat, dem dieses sehr deutKche Schreiben zugestellt wurde, 
erklärt nicht etwa, die Teuerung sei „natürlich'* und man könne 
nichts dagegen tun — das wäre eine Verleugnung seiner Grund- 
sätze gewesen — , sondern er verspricht, sich gründlich zu in- 
formieren und bittet den Berghauptmann , die Amtsleute und die 
Knappschaft, da sich die Sache schriftlich nicht gut abmachen ließe, 
zu einer gemeinschaftlichen Beratung mit ihm zusammenzutreten, 
„was nachher auch geschehen ist, wobei alles so ziemlich beim Alten 
bUeb" — bemerkt das Protokoll. Immerhin erließ der Rat unter 
dem Einfluß der eben zitierten Kundgebung schon unterm 12. No- 
vember 1615 (Ratsprotokollbuch fol. 249 ff.) ein ausführliches Edikt, 
betreffend das Brauen , Biermaß und Bieryrten , das künftig maß- 
gebend sein sollte und der ganzen Gemeinde zur Kenntnis gebracht 
wurde ^. Aus den selu* zalilreiclien Produktionsvorschriften und Preis- 
ansätzen, die sich in den Ratsbüchern der Stadt Joachimsthal finden, 
geht hervor, daß nach den schwankenden Rolmiaterialpreisen der 
Bierpreis und die Qualität des Bieres verändert wurden und daß 
das Brauwesen mit seinem, wie es scheint, ständig sinkenden Nutz- 
ertrag der Stadt sehr viel zu schaffen machte. 



15 



228 Der Verfall der ßergstadt. 

c) Die Stadt verzichtete aber nicht darauf, auch sonst eine 
mehr oder weniger lebhafte Industriepolitik zu treiben und sah 
sich dazu um so mehr veranlaßt, je weniger Nutzen sie vom Berg- 
bau hatte. So wollte sie wenigstens an der Lieferung der zum Berg- 
bau nötigen Utensilien, also indirekt, als Händlerin verdienen. Das 
Schmelzwesen und der Eisenhandel, die im achtzehnten Jahrhundert 
der Fiskus an sich nahm (wie er sie schon früher im sechzehnten 
Jahrhundert inne gehabt hatte), wurden im siebzehnten Jahrhundert 
kommunal betrieben. Im Jahre 1599 baut die Stadt Joachimsthal 
eine Schmelzhütte und hofft, aus deren Ertrag die Schuldenlast 
etwas zu vermindern (Copialb. R, fol. 189 und 207), und vom 
Eisenhandel hören wir, daß die Knappschaft ihn der Stadt weg- 
nehmen wollte (vgl. Copialb R, fol. 191). Die Knappschaft bringt 
nämlich am 9. Januar 1619 beim Hauptmann eine Bittschrift ein, 
man möge ihr den Eisenhandel, den gegenwärtig der Rat inne habe, 
überlassen, da er in früherer Zeit ebenso wie der Unschlitthandel 
von der Knappschaft geführt worden sei. Der Rat, dem diese Bitt- 
schrift der Knappschaft vom Hauptmann geschickt wurde, erwidert 
darauf, daß sich in den städtischen Archiven nichts vorfinde, was 
die Behauptung der Knappschaft bestätige, wohl aber sei ihm er- 
innerlich, daß vordem der Eisenhandel weder vom Rat noch von 
der Knappschaft, sondern von der gemeinen Bürgerschaft getrieben 
und erst zu Sebald Schwartzers Zeiten und auf sein Gutachten, 
damals, als Herr Sebastian Köpfel den Hammer zu Breitenbach bei 
Platten inne hatte, von dem Rat angefangen worden sei. Könnte 
die Knappschaft nachweisen, wann und wie der Eisenhandel an sie 
gekommen und daß er sonach ihnen zugehöre , so wäre der Rat 
gerne geneigt, mit der Knappschaft einen Vergleich zu treffen, um 
so mehr, als der Nutzen daraus nur gering sei. Trotzdem wachte 
der Rat eifrig darüber, daß ihm dieser Eisenhandel nicht entgehe, 
denn am 5. März 1620 beschließt der Rat, vom Eisenhandel nicht 
zu lassen, und den Hauptmann von Sonnleuten zu ersuchen, ihn 
gegen die Knappschaft, welche das Eisengeschäft an sich ziehen 
will, in Schutz zu nehmen (Ratsprotokollbuch fol. 235 — 86). — Vom 
kommunalen Salzhandel war schon die Rede. 

Wenn es sich darum handelte, private Unternehmertätigkeit 
zu fördern, sah sich der Rat der Stadt vor einen Konflikt gestellt 
zwischen dem, was selbst er als förderlich einsehen mußte und 
seinem unverbrüchlichen Grundsatz, „Monopole" zu verhüten. Dabei 
galt ihm als Monopol schon alles, was sich über das gewöhnliche 
Niveau des Hergebrachten, über das Handwerks- und Zunftgemäße 



Der Verfall der ßergstadt. 229 

auch nur eine Stufe emporhob. Die Geschlossenheit des städtischen 
Wirtschaftskreises sollte eben kein einzelner durchbrechen. Wir 
sehen dies an dem Beispiel einer Joachimsthaler Papierfabrik. 
Adam Abt aus Meißen hat auf Joachimsthaler Grund eine Polier- 
mühle gekauft, daraus eine Papiermühle gemacht, konnte aber das 
Werk, nachdem er einige Jahre gearbeitet, wegen Kapitalmangels 
nicht fortführen. Der Rat schließt also mit dem Papierfabrikanten 
1016 einen Kontrakt folgenden Inhalts: Der Rat erbietet sich, dem 
Abt 100 fl. böhm. baar sogleich, dann von der Zeit, da das Papier- 
machen angeht, wöchentlich 10 fl. zu einem steten Verlag, die ganze 
Zeit über, so lange das Papiermachen währt, reichen zu lassen. 
Dagegen verpflichtet sich der Papiermacher mit Handschlag, alles 
Papier, das er erzeugt, es sei Klar-, Mittel-, Schreib- oder Kopial- 
papier, ebenso Makulatur (so lange der Verlag währt) in die Stadt- 
wage zu liefern und ohne des Rats Vorwissen kein Blatt ander- 
weitig zu verwenden. Der Rat verpflichtet sich weiter, 

für das gemeine, weiße Schreibpapier pro Ries 60 kr. od. 1 fl. 

für Kopialpapier 18 wg. 

für Makulatur 8 wg. 

bei der Ablieferung zu bezahlen (23. Febmar 1616, Manuale XVII, 
fol. 261). Am 20. Januar 1619 sind zu den obigen 60 kr. noch 3 kr., 
also 63 kr. für jedes Ries gemeinen Schreibpapiers bewilHgt worden. 
Abt hielt aber den Vertrag nicht ein, verkaufte heimlich das Papier 
nach auswärts, so daß der Rat nicht allein die Nachbarschaft nicht 
mit Papier versorgen konnte, sondern selbst Mangel daran hatte, 
ja sogar genötigt war, sich anderswoher Papier zu verschaffen. 
Überdies sträubte sich Abt, den Kontrakt zu erneuern, drang auf 
höhere Bezahlung des Papiers und beabsichtigte, sich einen anderen 
Verleger und Teilhaber zu suchen „und sich so eine Art Monopol zu 
schaffen." Es ergeht nun folgender Ratsentscheid: „Adam Abt 
Papiermacher, aus Ursachen, daß er das Papier heimlich verschlaisst, 
mit seiner Faulheit und Unfleiß den defectum an Papier causirt, 
mit seinem Weib und Gesindt ärgerlich gelebt, mit der Brunnerin 
begangenen Stupri sich verdächtig gemacht, vor der Zeit seinem 
andern Weib sich beigelegt oder wie er es seither vor uns im 
sitzenden Rat hat ableugnen wollen, daß er des Kindes Vater 
niemals gewesen, also mit dem unsauberen Guckuck sein eigen 
Nest bemaculiret und welches das Schwerste, die arme Unschuld 
um die hebe Tauf gebracht und was des höchststräfÜchen Be- 
ginnens mehr ist ; dann weil aus des Abten Erklärung handgreiflich 
zu verspüren, daß sein ganz intent auf ein verbotenes Monopolium 



230 Der Verfall der Bergstadt. 

gerichtet, die Dinge nämlich auf Wege zu bringen, Papiers nacli 
seinem Wohlgefallen gesteigert würde, was der ganzen 
Gemein nachteilig und keineswegs gestattet ist — so wird ihm 
von Rats wegen auferlegt: sein Mülil einem anderen tauglichen 
Meister zu verkaufen oder wir würden auf vorhergehende Taxation 
ihm einen Kaufmann schaffen, das Werk zu gemeinem Nutz, dann 
auch dem benachbarten fremden Mann zugut, das Werk anrichten 
und versehen lassen." Der Rat wendet sich an den Amtsverwalter 
Tobias Wiebl, daß er ihn in dieser Sache gegen Adam Abt, welcher 
sub 1. April 1617 eine Supplication einbrachte, schütze. Gleich- 
zeitig wird hierüber sub 29. April 1618 an die böhmische Kammer 
berichtet und um Bestätigung des dem Adam Abt gegebnen Rezesses 
gebeten, daß die Gemeinde dieses unruhigen Kopfes entledigt und 
die Mühl zum Besten des Bergwesens besser angerichtet und be- 
stellt werden möge. 

Wie aus diesem, so geht aus dem folgenden Beispiel klar her- 
vor, wie die Stadt an ihrer mittelalterlichen Handwerkerschutz- 
politik festhielt, mit wie geringem Verständnis sie den neuen 
emporkommenden Unternehmungsformen gegenüberstand; ja es ist 
fraglich, ob ihr Streben, den Bergbau in die Hand zu bekommen, 
nicht ein einziges großes Mißverständnis ihrer Fähigkeiten und 
ihrer Absichten war und zweifelhaft, ob sie selbst ein reich- 
gesegnetes Mineralfeld zu nutzen verstanden hätte. — Am 3. April 
1620 schickt der Joachimsthaler Rat ein Gnadengesuch an den 
(Winter)könig Friedrich in Prag um Schutz der Loh- und Weiß- 
gerber gegen ihre Zunftgenossen , die Weißgerber im Königreich 
Böhmen, welche zu Schaden „des freien Commerces" ein gewisses 
Monopol sich anmaßten. Aber was so vom Rate aus gesehen 
als Schutz der alten Gewerbeberechtigten und Hinderung von 
schädlichen „monopolen" erscheint, ist unter anderem Gesichts- 
punkt selbst Sicherung des Monopols der städtischen Zünfte, Unter- 
drückung neuer Konkurrenz, Verhinderung des Zuzugs fremder Er- 
werbtreibender, kurz: Bevorzugung und Monopolisierung des alten 
heimischen Handwerks, Unterdrückung des Fortschritts®. Offenbar 
fühlte der Rat, daß mit dem Emporkommen solcher neuen Formen 
seine alte Macht, die Beherrschung und Regelung des Tausch- 
verkehrs, gebrochen würde und er meinte, daß dann das Chaos 
beginne — etwas anderes konnte er sich nicht vorstellen; für das 
Emporkommen dieser neuen Formen war aber die Freiheit der 
Produktion und des Absatzes (die der Rat „Monopolium'" nannte) 
mit eine Bedingung und darum unterdrückte er (dem antimono- 



Der Verfall der Bergstadt. 231 

polistischen Zeitgeist folgend) diese, um jenes (seine autoritäre 
Wirtschaftsmacht) nicht zu verlieren. 

In diesem Zusammenhang ist nochmals auf die Hemmung einer 
regen Erwerbstätigkeit infolge der konfessionellen Niederlaß- 
bescliränkungen hinzuweisen. Die Juden blieben durch kaiserliches 
Gesetz nach wie vor von den Bergstädten ausgeschlossen — natür- 
lich bedeutete dies nicht einen wirksamen Ausschluß von Geld- 
erwerb und Geldbesitz. Zahllos sind die Mandate, die ihnen den 
Aufenthalt, „das Handeln und Vagiren", den VAn- und Durchzug in 
den Bergstädten untersagen. Nur an den Märkten scheint man die 
uralte Freiheit teilweise wieder hergestellt zu haben. Ein Mandat 
von 1661 besagt, daß man die Jaden auf den Jahr- und Wochen- 
märkten der Stadt dulden wolle, wenn sie für jeden Jahrmarkt 
30 Mark Silber und 30 Pfund Kupfer einliefern. Ebenso wie den 
Juden ging es seit der Gegenreformation den Akatholiken, die sich 
noch empfindlicher getroffen fühlen mußten, da sie bodenständige 
Handwerker und nicht umherziehende Händler w^aren. Liechten- 
stein ging unerbittlich vor, und die Stadt wagte kaum einen leisen 
Widerspruch. Bald war ihr der Abzug der Sektierer recht er- 
wünscht. Die Beschränkung der Erwerbsfreiheit bezog sich aber 
auch auf den Adel. Als z. B. 1676 Frau Maria Elisabeth v. Stein- 
pach durch den Oberbergmeister um Wiedergestattung ihres ein- 
gestellten bürgerlichen Gewerbes (Getreide- und Malzhandel) bitten 
ließ, beschloß der Rat an den Oberbergmeister zu berichten, daß 
man der Frau Steinpach als einer Adelsperson kein Bürgerrecht 
gewähren, noch weniger einen bürgerlichen Handel gestatten könne 
„wegen zu besorgender Bedrückung der Bürgerschaft, indem sie 
ethche Söhne habe". Mit dieser antiaristokratischen Politik der 
Bergstadt hat es eine eigene Bewandtnis. Schon am 22. April 1595 
(dann nochmals am 1. Juni 1595) faßt man unter Berufung auf das 
böhmische Stadtrecht den Beschluß: 

1. Grafen und Edelleuten soll forthin kein Erbe verpfändet 
noch verkauft werden, „weil die Nachbarn von ihnen bedrängt, weil 
die Weide abgehütet, ihre eckerlein ihnen abgedrücket (werden) 
und viel Zank und Unruhe gebe". 

2. Soll man auch nicht mehr verstatten, „daß jemand der Edel- 
leute oder sonst fremd Vieh darauf schlagen möge". 

3. Wird ein Verbot statuiert, eine Verpfändung oder einen 
Verkauf von Gütern anders als durch Vermittlung des Rats vor- 
zunehmen. 



232 I^er Verfall der Bergstadt. 

Dieser Ratsbeschluß wird (4. März 1604) dem Hauptmann auf 
sein Begehren mit der Bitte zugestellt, er möge es den Herren 
vom Adel, „weil es etwas scharf und in der Meinung gemacht 
ist, daß es im Rat bleiben und darüber festgehalten werde", nicht 
im Original zeigen und vorlesen. Darauf versichert der Hauptmann, 
daß er das Statut füi* sich mit seinen Motiven an die Kammer 
gelangen lassen und es verteidigen werde, er wolle, so lange ihn 
Gott und des Kaisers Majestät in diesem Amte lasse, beim Rate 
stehen ^^. 

Was sich sonst an Verdienstgelegenheiten als Ersatz für den 
unergiebigen Bergbau bot, war nicht viel : zunächst hauswirtschaft- 
liche Beschäftigungen. Ende des sechzehnten Jahrhunderts (1594?) 
wird von einem Berghauptmann und seiner Frau das Goldspinnen, 
also die Verwertung des Edelmetalls zu industriellen Zwecken, ein- 
geführt; an der Fabrikation ist der Rat beteiHgt^^ Außerdem das 
Klöppeln. Anfänglich scheint der Rat dieser Beschäftigung nicht 
gewogen gewesen zu sein. Im Jahre 1(304 werden 30 Klöppel- 
mägde aufgefordert, ihren Abschied von der Stadt zu nehmen ; jene 
unter ihnen, welche verlobt sind, sollen innerhalb dreier Monate 
heiraten, die anderen sich zu ihren Eltern begeben und wegwandern, 
in Joachimsthal wolle mau sie nicht dulden. Aber die Not machte 
diesen Erwerb zu einem immer allgemeineren und notwendigeren. 
Wenn 1620 gelegentlich über den Niedergang der Schule geklagt 
wird, so ist als Grund angegeben, daß die Gemeinde immer mehr 
zurückgehe und die Kinder schon mit sieben Jahren zum Klöppeln 
und Waschen in der Küche weggenommen w^ürden. 

Alles in allem ein armseliges, herabgekommenes Gemeinwesen, 
dürftig in seinen Mitteln, kleinlich in seiner Politik. Es war 
wirklich nicht so sehr böser Wille als ein Versagen der Kräfte, 
wenn die Stadt auch geringen Forderungen militärischer Hilfe- 
leistung nicht genügte ^^. 

Das Defizit an den nötigen Lebensmitteln scheint immer durch 
einen regen wechselseitigen Handelsverkehr mit den benachbarten 
Sachsen gedeckt worden zu sein ; Joachimsthal zog die Überschüsse 
an Getreide usw. aus dem inneren Böhmen an sich, versorgte sich 
mit seinem Bedarf und überließ den Rest an Sachsen gegen Emp- 
fang anderer Waren (Salz, eventuell Getreide). Wir haben z. B. 
einen Kammerbefehl vom 13. Januar 1623 (vgl. Aktionalbuch X), 
womit den aus Meißen kommenden Fuhrleuten bewilligt wird, 
so viel Getreide über die Grenze hinauszuführen, als sie an 
scähsischeni Salz und anderen Viktualien nach Böhmen hinein- 



Der Verfall der Bergstadt. 233 

bringen (fol. 06). Nun scheint sich eine bessere Regelung des 
wechselseitigen Handelsverkehrs zwischen der Stadt Joachimsthal und 
Sachsen als Notwendigkeit herausgestellt zu haben *^. Am 5. November 
1713 findet um 2 Uhr nachmittag in der Behausung des Kammer- 
rates und Berginspektors Johann Franz v. Lauer eine diesbezüg- 
liche Konferenz statt, bei der Vertreter der Stadt Joachimsthal und 
der sächsischen Regierung anwesend sind. Die sächsische Dele- 
gation beantragt im Namen des Königs und Kurfürsten von Sachsen, 
es solle der Handelsverkehr mit Joachimsthal und den angrenzenden 
Städten derart geführt werden, daß die sächsische Regierung „zu 
größerer Precaution des Getreides, Malz, Hopfen und anderer Vik- 
tualien eine gewisse Person unter ihrer Pflicht und Disposition 
anher bestellen, hiernächst zur Entgegennahme und Abfuhr der 
Materialien eine gewisse Anzahl hierzu besonders verpflichteter 
Fuhrleute anher verordnen und diese jedesmal mit beglaubigten 
tüchtigen Pässen versehen lassen wolle". Der Handel soll also 
zentralisiert und der staatlichen Aufsicht unterstellt werden ; der 
Faktor oder Einkäufer soll (wie dies bei den Manufakturen so 
üblich war) den Einkauf gegen bare Bezahlung besorgen und die 
Fuhrleute hinwiederum abfertigen. Von Seiten des Joachimsthaler 
Magistrats wäre dann im Verkehr in Sachsen der gleiche Vorgang 
einzuhalten. 

Nach eingehender Beratung erteilt man der sächsischen Kom- 
mission den Bescheid, daß man sich hierüber momentan nicht kate- 
gorisch erklären und zu einem endgültigen Beschluß einigen könne, 
sondern erst an die königliche Statthalterei berichten müsse und 
verweist die Kommission zur Geduld. 

Am 20. November wird im Sinne des von der sächsischen 
Kommission gestellten Antrags beschlossen, daß der Handel zwischen 
Sachsen und Böhmen auf zwei Meilen Wegs gepflegt und der Paß 
hin und her eröffnet sein solle, es kommt auch zur Errichtung der 
sächsischen Faktorei. Diese Ausfuhr von Getreide aber, obwohl 
eigentlich der Vorteil als wechselseitig gedacht war, scheint sich in 
Joachimsthal bald unangenehm fühlbar gemacht zu haben. Denn 
am 15. Januar 1714 wird ein Kreispatent publiziert, wonach ohne 
Vorzeigung eines von der böhmischen Hofkanzlei ausgestellten 
Originalpasses kein Getreide ausgeführt werden dürfe. Der Kammer- 
rat und Berginspektor Lauer wird denunziert, daß er an der Er- 
richtung der sächsischen Faktorei in Joachimsthal, die das Getreide 
aus dem Lande bringe, schuld sei. Um den Rat in dieser Ange- 
legenheit „per modum inquisitionis" einzuvernehmen , kommen am 



234 Der Verfall der ßergstadt. 

24. Januar 1714 der böhmische und sächsische Kreishauptniann 
nach Joachimsthal. Am 3. April 1714 wird ein Kreispatent publi- 
ziert, betreffend das Ansuchen des Königs von Polen und Kur- 
fürsten von Sachsen um 50 000 Strich Korn aus Böhmen (etwa 
365 Waggons, 1 Strich zu 73 kg gerechnet). Die Joachimsthaler 
Getreidehändler werden aufgefordert anzugeben, wieviel sie an Ge- 
treide vorrätig haben. — 

Im Erzgebirge wurde es stiller und stiller. Die Bergleute ver- 
zogen, die Zechen verfielen und avo einst die Hämmer dröhnten 
und die Berge vom Reigen der Knappen widerhallten, herrschte 
tödliche Ruhe. In den Bergorten aber klapperte bald die Klöppel 
der Spitzenmacherinnen und aus jedem der kleinen, blumen- 
geschmückten Fenster ertönen noch heute ihre melancholischen 
Lieder. 

Die Spitzenklöppelei und die Handschuhnäherei wurden wie 
etwa im Schwarzwald die Uhrenfabrikation die auf den Bergbau 
folgenden Ersatzindustrien. Der Staat beförderte im Gegensatz zur 
städtischen Politik die Klöppelei frühzeitig. Man schrieb Prämien 
aus für diejenigen Klöppelmacherinnen, welche die meisten Mädchen 
in der besten und feinsten Fabrikation der Spitzen unterrichten 
würden und verhieß denen, die eigene Klöppelschulen emchten 
w^ollten, einen Beitrag an Holz, Licht und Gerätschaften. Dagegen 
wurde das Gesuch der Spitzenhändler, in einer Zunft vereinigt zu 
werden, als für die Klöppelei schädlich abgewiesen und dieser 
Handel als ein freier erklärt (Hofdekret 15. Mai 1760). Im Jahre 
1767 wurde mit staatlicher Unterstützung eine private Klöppel- 
schule in Prag gegründet, in der bis zum Jahre 1773 118 Per- 
sonen von niederländischen Meisterinnen Ausbildung empfingen. 
Kaiser Franz I. hatte besondere Vorliebe für die Battistweberei 
und Spitzenerzeugung nach niederländischer Art und suchte sie 
zuerst in Wien und dann in Böhmen einheimisch zu machen, 
um, wie es heißt, dem Nationalfleiß eine neue Quelle des Er- 
werbs zu eröffnen, „und insbesondere den Töchtern aus der rück- 
sichtwürdigen Klasse der Beamten und Offiziere die Gelegenheit 
zu einem anständigen Verdienste zu verschaffen". Im Jahre 1813 
wurde die Hauptlehranstalt von Wien nach Prag verlegt und als 
Zweck dieser Anstalt ausgesprochen, daß durch sie der Unterricht 
in der Kunst, den Flachs nach Art der Niederländer zu bauen, zur 
feinen Zwirnbereitung zu präparieren, ihn so fein zu spinnen , wie 
es zu Spitzen und Battist erforderlich, ihn zu drehen und hieraus 
Spitzen aller Art, Battist und anderes zu machen, auf Staatskosten 



Der Verfall der ßergstadt. 285 

mit allem Eifer fortzusetzen. Außer der Hauptleliranstalt zu Prag 
sollten noch 16 Lehrschulen im Gebirge errichtet, unter die Direktion 
der Hauptlehranstalt gebracht und hier die in Wiea unterrichteten 
Mädchen als Lehrmeisterinnen angestellt werden. Mit diesen Lehr- 
anstalten standen ferner eine Flachsbau-, eine Flachsappreturanstalt, 
Feinspinnerei und Feinzwirnerei, eine Battistweberei und eine Bleich- 
anstalt in Verbindung, welche teils in Prag, teils in den ver- 
schiedenen Gegenden des Landes eingerichtet wurden. Alle diese 
Anstalten bestanden bis 1822 und wurden, als ihr Zweck erreicht 
war, wieder aufgelöst. 

Die Bewohner des Erzgebirges sahen im Laufe des neunzehnten 
Jahrhunderts noch genug böse Tage , und ihre traurige Lage be- 
schäftigte lange Zeit die öffentliche und private soziale Fürsorge. 
Aber die Natur, in der sie leben, scheint diesem Volke ein größere 
als die gewöhnliche Widerstandskraft verliehen zu haben. In 
unseren Tagen vollends hat der nie versagende Schoß der alten 
Erde sich wieder aufgetan und seiner Wunder größtes ans Tages- 
licht treten lassen, und niemand vermag zu sagen, welches Los 
das Schicksal als Entschädigung für viele erduldete Leiden der 
Gegend von Joachimsthal vorbehalten hat. 



236 



Die Glasindustrie. 



Grundlage der Entwicklung. 

rlat uns die Betrachtung des Bergbaues als eines zentripetalen 
Gewerbes, wie man sagen könnte, an das Innere und Innerste 
des Landes gebannt, das von dem Weltgeschehen nur leicht wie 
von einem Fernbeben berührt ward, so führt uns die Geschichte 
des Glases, das wie kein anderes Erzeugnis dem Lande Ruhm ver- 
schaffte, aus dem Dunkel seiner Wälder auf die Bühne der Welt, 
mitten in das geschäftige Treiben der großen Seestädte und über 
das Meer, lernen wir dieses Landes Anteil am Weltgeschäft und seinen 
Beitrag zu einer Weltgeschichte der Wirtschaft kennen. Wer die 
zahlreichen ausländischen Niederlassungen böhmischer Glasverkäufer 
ins Auge faßte, der blieb lebenswahr, wenn er wie Shakespeare 
das Land an die Gestade des Meeres verlegte. Denn sie haben 
ihr Vaterland gewissermaßen verdoppelt und, was ihm die Natur 
versagte, das Meer, in den Bereich ihrer erwerbenden Tätigkeit 
gezogen. 

Die Glasindustrie war und ist immer noch — freilich heute 
bei veränderter Technik der Produktion und des Verkehrs in ganz 
anderem Sinn — eine nach dem Rohstoff orientierte, gebundene 
Industrie und uralt, wie zahlreiche Funde beweisen, ihr Standort 
im Lande. Wenn wir auch schon sehr frühzeitig von Glaseni in 
Prag hören \ die 1348 der Malerbruderschaft eingegliedert wurden, 
— was darauf hindeutet, daß es sich wohl mehr um Glasmaler und 
-Künstler als um Glasmacher handelt — so hat dieses Gewerbe 
doch sein eigentümliches Gepräge als ländliches, ja man könnte 
sagen als landwirtschaftliches, empfangen und hat in den böhmischen 
Wäldern wie die Grundlage seiner Existenz, so auch seine eigent- 
Hche Heimat. Der Glasmacher geht dem Holze nach, der Holz- 
reichtum der böhmischen Wälder hat ihn angezogen, daher ist die 
Geschichte dieser Industrie als einer Waldindustrie mit der Ge- 



Grundlage der Entwicklung. 237 

schichte des Waldes und seiner Benutzung untrennbar verbunden. 
Die großen Wälder aber gehören den Grundherren des Landes, 
und so war der Glasmacher, dem nicht nur seine Tätigkeit, die 
schon der vorchristliche Orient am liebsten mit der göttlichen 
Schöpferkraft und Willkür in Vergleich stellte, sondern dem auch 
seine Lebensweise, die eines sorglosen Vaganten, der seine Sache 
auf nichts gestellt hat, etwas vom Künstlertum verlieh, ein Künstler 
von des Grundherrn Gnade. Aber im Unterscliied vom Bergmann 
des Mittelalters, der doch immer an die natürUchen Fundstätten 
des Metalls gebunden blieb, wahrte er, der sein Gewerbe recht 
eigentlich im Umherziehen betrieb und keines Kapitals außer 
seiner Geschicklichkeit bedurfte, ganz anders wie jener seine Frei- 
heit. Die Glasmacher haben etwas vom Nomaden, oder wie man 
scheinbar paradox sagen könnte, vom wandernden Bauern, und 
vielleicht sind jene zigeunerhaften Scherenschleifer, die heute noch 
im Lande umherziehen, seine nächstverwandten ökonomischen Ahnen. 
Aus dem Dunkel und der Unsicherheit eines geschichtslosen Da- 
seins tritt er ins volle Tageslicht der Geschichte erst, wenn er 
seßhaft wird. Dies aber ist Sache und die große Tat des wald- 
besitzenden Grundherrn; er fängt den unsteten Wanderer ein, 
„verlegt" ihn, macht ihn bodenständig, belastet ihn mit der Würde 
des Besitzes, indem er ihm ein Stück Land zur freien Benutzung 
anweist, ihm Jagd, Fischerei und andere Vorteile gewährt. Ja er 
geht noch weiter : der Grundherr baut selbst die Glashütten, stellt 
also das ganze Kapital und setzt den Glasmacher, einen fremd- 
ländischen Zugewanderten zumeist, als Nutznießer, als Pächter ein, 
von dem er einen jährlichen Zins empfängt. So wie im Bergbau 
die Gewerkschaft Hüttenzins für die Benutzung der vom Grund- 
herrn errichteten Schmelzhütten zahlt und für Holzlieferung, Ge- 
bäudeherstellung usw. gewisse Teile wie als Gebühren für ihn frei- 
baut, so auch hier die Jahresabgabe in Geld oder gar. in natura, 
nur daß die Verpflichtung dort als eine allgemein rechtliche galt, 
hier aber vertragsmäßig freier Übereinkunft entsprang. So nun 
wird der freie Mensch vom Kapital, das ihm als waldbesitzende 
Herrschaft entgegentritt, wiederum überlistet. Er gibt seine volle 
Freiheit hin, verkauft die Ungebundenheit seines Daseins und nimmt 
die Last und Sorge eines Besitzes auf sich ; er wird dadurch Glied 
der erwerbenden Gesellschaft, an deren Grenze er bisher gehaust 
hatte, und seine ganzen weiteren Lebensschicksale sind nun un- 
zertrennlich an diese gebunden. Bei jedem Schritt, den er fort- 
ab tut, stößt er an diese Schranke der Herrschaft, die für ihn 



238 JL)ie Glasindustrie. 

die Bedeutung naturgesetzlicher, unabänderlicher Bedingungen hat. 
Diese Entwicklung vollzog sich oder ist abgeschlossen im sech- 
zehnten Jahrhundert. Die Betriebsstätten der Glaserzeugung ver- 
schiedenen Alters sind im Lande sehr zahkeich verstreut ; fast jede 
Waldherrschaft, die ihr Holz nicht zu anderen Zwecken verwertete, 
hatte als Zentrum einen Gürtel von Glashütten um sich gelegt, 
aus denen im Laufe der Zeiten durch Angliederung der weiter 
verarbeitenden Gewerbe mit ihren Verschiedenheiten die bekannten 
böhmischen Glasindustriedistrikte mit ihren Spezialitäten hervor- 
wuchsen, die ganz spät noch ihres grundherrlichen Ursprungs sich 
bewußt blieben. Der Staat, der hier nicht wie beim Bergbau ein 
regales , oder wie beim Münzwesen ein eminent ökonomisches 
Interesse zu vertreten hatte, sah dieser Entwicklung teils un- 
beteiligt zu, teils suchte er sie da, wo die Glashütten mit den 
Bergwerken um den Wald konkurrierten, zu hemmen und de- 
kretierte kurzerhand die Abschaffung aller Glashütten im Lande 
oder verwies sie, wie die Eisenhütten, auf die wertlosesten oder 
sonst unbrauchbaren Holzbestände ^. 

Aber auch die grundherrliche Organisation des Gewerbes war, 
obgleich es sich für sie vorläufig um kein direkt nutzbares, 
pekuniär wertvolles Hoheitsrecht handelte, sondern um eine 
„Kapitalsanlage" auf sehr lange Sicht, klug und liberal genug, um 
ihm völlig freie Entwicklung zu gönnen und zog sich, nachdem 
von den Gewerbsleuten die kolonisatorische Leistung, Lichtung des 
Waldes, Anbau der Felder, Anhäufung von Siedlern, vollbracht 
war, immer mehr auf ihre bloße Verwaltungsfunktion zurück und 
verharrte den Unternehmern gegenüber in einer wohlwollenden 
Passivität ; ja sie war so wenig Hindernis einer freien Entwicklung, 
daß sie vielmehr in Zeiten mangelnden staatlichen Wirtschafts- 
rechts und auch noch viel später immer wieder gern von den 
Unternehmern aufgesucht wurde; denn mit dem Gewerbe lebend, 
hatte sie Verständnis für seine Bedürfnisse und Zwecke und ander- 
seits Macht genug, um Ordnung, Stetigkeit und Sicherheit des Be- 
triebes zu garantieren. Darum wurden Verträge und Vereinbarungen 
zwischen den Interessenten so gern unter Mitwirkung der Herr- 
schaft geschlossen und unter ihren Schutz gestellt. Erst spät, am 
Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als die große Blütezeit des 
böhmischen Glasgeschäfts schon vorüber war , entfalteten die 
Grundherrschaften auch hier eine kräftige Initiative, teils, wie 
man glauben möchte, aus einem theoretischen Interesse als über- 
zeugte Merkantilisten, teils aus einem sozialpolitisch -karitativen, 



Grundla;:;e der Entwicklung. 239 

um einer verarmenden Bevölkerung Nahrung und Erwerb zu 
schaffen , und gingen zum Eigenbetrieb , zur Gründung von 
Fabriken über. 

Dies sind die natürKchen und sozialen Bedingungen, unter 
denen sich die böhmische Glasindustrie entfaltete und zu solcher 
Blüte gelangte, daß sie im siebzehnten und achtzehnten Jahr- 
hundert nach Verdrängung der venezianischen Suprematie den Welt- 
markt fast ausschließlich und später in ehrenvoller Konkurrenz mit 
anderen beherrschte. Was sie vor der venezianischen voraus hatte, 
war der Reichtum und die Vorzüglichkeit des Rohmaterials, die 
Virtuosität in der Handhabung des Schleifrads ; was ihr fehlte, war 
der ganze Apparat des Geschäfts, der die Mittel des Staates für 
die Interessen der Wirtschaft zu benutzen gestattete und das 
Kulturmilieu, aus dem sich das venezianische Kunstgewerbe wie 
jede andere Kunstleistung organisch entfaltete. Was die böhmische 
Glasindustrie sodann vom böhmischen Bergbau, mit dem sie ver- 
wandt ist, unterscheidet, ist die große Stetigkeit und Dauerhaftig- 
keit des Betriebes — dort ist das Produkt ewig, der Betrieb aber 
kurzlebig und höchst schwankend — hier umgekehrt bei größter 
Gebrechlichkeit des Produktes eine Ewigkeit des Betriebes. Dieser 
Unterschied findet seine Ausprägung besonders in dem ganz anders- 
artigen Unternehmertum dort und hier; im Bergbau eine gewisse 
Unpersönlichkeit , ein Gesamtunternehmer, häufiger Wechsel der 
Leitung und des Eigentums; die Glasindustrie aber ist typisch re- 
präsentiert durch den bürgerlichen soliden Unternehmer, durch die 
Unternehmerdynastie, durch einen Handwerker- und Arbeitsadel, 
und nirgend so wie hier ist die Geschichte der Unternehmer die 
Geschichte der Familien. Wenn der böhmische Bergbau niemals 
seinen feudalen Ursprung und Charakter verlor und selbst noch 
die kapitalistische Gewerkschaft nur eine Unternehmung des Grund- 
herrn blieb, so war es bei der Glasindustrie gerade umgekehrt; 
hier konnten sich bäuerliche Gediegenheit und bürgerliche Ge- 
wandtheit, kurz die ökonomischen Qualitäten des Mittelstandes be- 
währen und entfalten , hier in Jahrhunderten zeigen , was an- 
geborene und vererbte Tüchtigkeit aus sich selbst heraus, 
ungehemmt von höheren Gewalten, kraft „Naturgesetzes" zu leisten 
vermag, und wenn wir hinzufügen, daß es nichts Geringes w^ar^ 
so geschieht es nicht, um zu loben, sondern um schon an dieser 
Stelle auf die Gesinnungen, erstrebten Ziele, zu bekämpfenden 
Hindemisse hinzuweisen, über die wir hier, da bürgerliche Be- 
währung sich gern selbst zu beschauen und zum eigenen wie der 



240 Die Glasindustrie. 

Nachkommen Nutzen Rechenschaft zu geben liebt, besser unter- 
richtet sind als anderswo sonst. Und dies zu betonen ist wichtig, 
weil es sich hier um eine für Böhmen exzeptionelle Er« 
scheinung handelt; denn das Land kennt den bürgerlichen Unter- 
nehmer durch mehrere Generationen, den kapitalistischen Nach- 
folger des mittelalterlichen Handwerkers, fast nur noch in diesem 
Industriezweig und wird ihn bald nur mehr noch als eine ge- 
schichtliche Erscheinung kennen, wenn auch hier die für das Land 
charakteristische unpersönliche Unternehmungsform in großem Maße 
einmal Platz greifen sollte. 

Es genügt, an dieser Stelle auf die Familie der Schürer nur 
hinzuweisen, die, im sechzehnten Jahrhundert aus Sachsen ein- 
wandernd und protestantischen Ursprungs, von ihrem Stammsitz 
Falkenau aus, der 200 Jahre im Besitz der Familie blieb, bis ins 
neunzehnte Jahrhundert hinein ganz Böhmen , wo immer nur 
schlagbare Waldungen standen, mit Glashüttenmeistern versah, und 
deren Geschichte fast identisch ist mit der Geschichte der Glas- 
industrie selbst in diesem Lande. Kennte man nicht aus der 
Familienchronik den Namen jedes einzelnen Mitgliedes dieser un- 
gemein zahlreichen Famihe, man würde leicht auf den Gedanken 
kommen, der Name Schürer sei gar keine Personen-, sondern eine 
Gattungsbezeichnung ''^. Und wie die Schürer vom Nordwesten, so 
entfalteten die Preußler vom Nordosten des Landes aus ihre koloni- 
satorische Tätigkeit in Böhmen und jenseits der Grenze in Schlesien 
und Preußen. Neben beide tritt als dritte Familie die Wanderer, 
die im Reichenberger Gebiet sich ausbreiteten. Dort hatte um 
das Jahr 1600, zu gleicher Zeit, als durch Herrn von Oppersdorf 
oder die Simifitzky Neuwelt gegründet wurde, Melchior von 
Rädern, der Herr von Reichenberg und Friedland, oder seine be- 
rühmte Gattin Katharina die erste Glashütte gebaut und damit zu 
der später berühmten Industrie von Tannwald und Gablonz den 
Grund gelegt. Um die umfangreiche und wohl privilegierte Hütte, 
mit der zugleich eine Mühle und ein Bräuhaus und sonstige Grund- 
stücke verbunden waren, hatte sich im Jahre 1604 ein ganzes Dorf 
ausgebreitet, Friedrichswaldau , mit einem ordnungsmäßigen Ge- 
richt, an dessen Sitz aber nicht wie anderwärts ein Richter oder 
Scholze, sondern ein „Hüttenmeister" steht, als deren erster Peter 
Wanderer erscheint*. 

Wie aber wäre es mögUch gewesen, daß der böhmische Glas- 
händler, in seinem Wald eines idyllischen Daseins genießend, mit 



Grundlage der Entwicklung. 241 

seinem Produkt die Welt eroberte? Wie wäre es möglich gewesen, 
daß er, der nach Erzväter Art mit seiner Familie fern dem Welt- 
getriebe ein der Erde verbundenes Dasein führte, dem geläuterten 
Geschmack jener südlichen Völker genüge» konnte, die seit Jahr- 
hunderten in einer Atmosphäre der Kunst und verfeinerten Zivili- 
sation lebten, wie hätte er auch nur jene notwendigsten, ohnehin 
nicht zahlreichen technischen Verbesserungen einführen können, 
um dauernd konkurrenzfähig zu bleiben, wie also hätte er dieses 
Wunderwerk vollbringen können ohne ein belebendes Element, das 
die Verbindung zwischen seiner Einsamkeit und der Welt her- 
stellte und ihn mit dem raffinierten Bedürfnis und dem Geschmack 
der großen Welt bekannt machte? Dieses Wunderwerk aber voll- 
bringt der Glashändler, der, sobald er einmal selbständig in Aktion 
tritt, die ganze bisherige Organisation des Gewerbes umstürzt, und 
wenn auch alles äußerlich beim alten bleibt, völlig neue Herrschafts- 
und Machtverhältnisse begründet. Er, der Händler, übernimmt die 
Stelle, die einstmals der vagierende Glasmacher besaß. Die Frei- 
heit ist sein Eigentum, sein wertvollstes Kapital, und unabhängig 
von jeder Herrschaft und jedem Grundherrn, dessen Macht an den 
Grenzen seines Eigentums endet, bringt er den Produzenten in 
eine, wenn auch nicht rechtliche, so doch viel wichtigere, tatsäch- 
liche Abhängigkeit von sich, d. h. in letzter Linie von dem Welt- 
markt. 

Wer waren diese friedlichen Eroberer und worin bestand das 
Geheimnis ihrer Erfolge? Es ist schwer, aus den entwickelten 
Zuständen und geregelten Betriebsverhältnissen des siebzehnten 
Jahrhunderts die Ursprünge wieder herzustellen. Ist der Glas- 
händler aus dem Veredelungsgewerbe hervorgegangen, aus den 
Kunsthandwerkern, die, um die Glashütten sich lagernd, berufs- 
mäßig das „Malen, Vergolden, Schneiden, Reißen" des Rohglases 
besorgten, worin ja lange Zeit der Vorzug, das Monopol des böh- 
mischen Glases bestand ? Der Glashändler (bäuerlichen Ursprungs; 
wäre also etwa der legitime oder illegitime Nachkomme des mittel- 
alterlichen Glaskünstlers, der, selbst wahrscheinlich ein vom König 
berufener Ausländer, die Kirchen und Paläste schmückte und das 
Staunen der Mitwelt, eines Aeneas Sylvius, und der Nachwelt er- 
regte. Der Handel wäre also gewissermaßen ein Degenerations- 
produkt der Kunst, der Händler ein Mensch, der nicht sein Werk, 
sondern Absatz sucht, sein „Produkt" zum Markte trägt, feilhält 
und sich dem emporkommenden Bürgertum in Geschmack und 
Haltung anpaßt. Die neue gesellschafthche Struktur hätte den 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 16 



242 J^'6 Glasindustrio. 

Künstler depossediert, ihn seiner Selbstgenügsamkeit beraubt und 
aus einem Pensionär der Höfe und Schlösser zu einem erwerbs- 
tätigen „nützlichen" Mitgliedc der Gesellschaft gemacht. Auf diese 
Weise wäre zu verstehen, daß Matthesius, der doch selbst ein 
moderner „Fortschrittmensch" war, schon 1562 (fünfzehnte Predigt 
der Sarepta), als die Neugestaltung der Wirtschaft und Gesellschaft 
noch im Werden lag, von einem krassen Verfall der Glasmacher- 
kunst sprechen kann. Er beklagt das Sinken des Geschmackniveaus, 
den Hang zum Spielerischen und Lasciven, zur Groteske und 
witzelnden Frivolität, die Materialverachtung und den Material- 
mißbrauch, die Verzerrung der Formen ins Derbnaturalistische, Er- 
scheinungen also, die fast immer mit der Verbürgerlichung, Demo- 
kratisierung der Kunst verbunden zu sein pflegen und die schon 
Plinius , der erste Gewährsmann der antiken Glasfabrikation , ge- 
legentlich rügt Die Wälschen , dies ist etwa der Tenor der Aus- 
führungen des Predigers, haben Lust und Gefallen an schönen und 
klaren Gläsern, schlicht und regelmäßig und von subtiler Arbeit. 
Da aber die Kunst nach dem Geschmack des Landes sich richten 
muß , so habe man allerlei Knöpfe , Steine und Ringlein an die 
Gläser angesetzt, damit sie etwas fester und beständiger würden, 
„und von vollen und ungeschickten Leuten dest leichter köndten 
in feusten behalten werden , daher die starcken knörtzigten oder 
knöpffichten gleser in brauch kommen sein". Nachher habe der 
Fürw^tz immer andere Novitäten erdacht, manche haben an die 
Gläser allerlei Bildwerk und Sprüche brennen lassen. Von den 
Kirchenfenstern wird gesagt, daß, solange die Herzen noch licht 
und die Kirchen finster waren, habe man die Glasfenster mit der 
Hand bemalt, jetzt würden die weißen Gläser gemein , wie man 
ja auch jetzt auf die venezianischen Gläser mit Diamanten allerlei 
Laubwerk und schöne Züge reiße. Seit kurzer Zeit habe sicli alles 
mit den Trinkgeschirren verkehrt, jedes Gefäß habe jetzt seinen 
besonderen Namen. „Denn nun macht man die unfletigen großen 
Narrengleser, die man kaumet auffheben kan" usf. Man sieht also, 
daß sich der bourgeoise Witz und der Übermut einer sich Iiehag- 
lich fühlenden deutschen Bürgerschaft, ihrer Oberschicht zumindest, 
in der Kunst äußert und den Händler ebenso nötig macht wie ihn 
fördert. 

Oder aber der Händler war ursprünglich der betriebsfremde 
Frachtführer, der mit dem akkumulierten Verfrachtungsgewinn als 
Grund- und Betriebskapital sich selbständig machte, oder aber, was 
mir am wahrscheinlichsten dünkt, einfach ein Fn niilienzugelinrisrer 



Grundlage der Entwicklung. 243 

des Glashüttenineisters , etwa einer seiner zahlreichen Söhne , der, 
mit der Krakse oder dem Schiebkarren die Landstraßen einher- 
ziehend, in den an die böhmischen Glasdistrikte angrenzenden 
Ländern, Sachsen, PreufBen, überhaupt Norddeutschland, den Absatz 
der väterlichen Hüttenprodukte besorgte. 

Wie immer mit den Ursprüngen es sich verhalten mag, die 
p]ntwicklung der Betriebsformen dieses Handels können wir genau 
verfolgen. Auf seiner ersten Stufe war er Hausierhandel, ein 
Wandern von Ort zu Ort, von Land zu Land, um den Konsumenten 
direkt aufzusuchen. Der mit seinem Handkarren umherziehende 
böhmische Glashändler muß dereinst eine ebenso bekannte und 
stehende Figur gewesen sein wie der böhmische Bergmann oder 
wie noch heutzutage der Glaser auf den Dörfern, der das Einkitten 
der Fenster besorgt. Nur Avar das Gebiet, in dem er sich bewegte, 
viel größer und unbestimmter. Nannten wir den Hüttenmeister 
einen w^andernden Bauern, so möchte der Glashändler ein w^andern- 
der Handwerker heißen. Vielleicht bestimmte der Wechsel der 
Jahreszeiten den natürlichen Rhythmus seiner Erwerbstätigkeit : im 
Sommer auf der Wanderschaft, im Winter zu Hause, um entw^eder 
selbst mit tätig zu sein oder neue Expeditionen zu rüsten. Auch 
diese Betriebsform war der Entwicklung ins Große zugänglich, teils 
durch die Anhäufung der Einzelleistungen, teils durch die räum- 
liche Ausdehnung und erreichte sozusagen ihre handwerksmäßige 
Periode, als der Glashandel zum Markt- und Meßhandel wurde. 
Weit hinaus über das ursprüngliche Versuchsfeld, die norddeutschen 
Länder, ziehen diese Händler nach Polen und in die Ostseeländer, 
nach Rußland bis Moskau und vielleicht weiter, nach Holland, 
Italien, Ungarn und Siebenbürgen, nach der Moldau und Wallachei 
bis nach Adrianopel hinab. Da genügt freilich nicht mehr der 
einzelne Schiebkarren, sondern es mietet der Händler Fuhren, die 
er mit Glas befrachtet, oder rüstet ganze Karawanen von Karren- 
führern aus. Auch die natürliche Wasserstraße des Landes, die 
Elbe, wird benützt, wenn nicht gerade Sachsen aus fiskalischem 
Interesse eine prohibitive ZollpoKtik treibt, und das Meer selbst 
ist für ihre Unternehmungslust keine Grenze. Von Stralsund segeln 
sie nach Riga, von Hamburg nach London, von Varna nach Kon- 
stantinopel; Kopenhagen und Stockholm werden besucht und über 
Archangel in w^enigen Jahren „viel hunderttausend Glas" ins Innere 
Kurlands vertrieben. Frühzeitig müssen sie mit ihren Waren an 
den Küsten von Portugal und Spanien gelandet sein, zusammen 
mit Holland den späteren Hauptemporien ihres überseeischen Ge- 

16* 



244 Die Glasindustrie. 

Schafts. Neben dem Handel und zugleich mit ihm entwickelte 
sich das Frachtgewerbe, das Fuhrwesen, zu großer selbständiger 
Blüte. Die Bauern, die sich mit der Befrachtung der Glaswaren 
befaßten, fuhren in die fernen Länder und brachten als Rückfracht 
ausländische Erzeugnisse mit. 

Wir kennen diese Periode des Wanderhandels aus der Kreybich- 
schen Reisebeschreibung (zuerst von Dr. Schlesinger in den Mitt. 
■d. V. f. D. 1870 veröffenthcht) , die uns ein anschauliches Bild 
dieses Geschäftsbetriebs gibt. Georg Franz Kreybich (geb. 1662) 
ist der Sohn eines Steinschönauer Bauern, der auch schon, sei es 
als Händler, sei es als Frachter, mit dem Glas zu tun hatte. Der 
Sohn, anfangs Glasschneider, ist mit 20 Jahren schon dem Glas- 
handel verfallen. Im Verlauf der nächsten 38 Jahre unternimmt 
er dreißig große Reisen und eine römische Pilgerfahrt und lernt 
die Welt und das Geschäft gründlich kennen. In London hat er 
Zollschikanen, die Kisten müssen oben und unten geöffnet werden, 
der Zoll ist hoch und ein Eid wird verlangt, daß die Waren in 
loco nicht mehr kosten. „Darnach haben wir 6 Wochen gesessen, 
ehe wir ein Stück verkaufet, denn es waren damals (168^<) 6 Glas- 
hütten in der Stadt (London) und machten schöner Glas, als wir 
hineinbrachten, nur daß unseres geschnitten und gemalt war. Und 
es war noch kein Glas hineinkommen, wir waren die Ersten." Als 
aber der königliche Hof einmal Glas gekauft hatte — vielleicht 
wurde es wie anderswo geschenkt, denn Geschenke und Be- 
stechungen sind die besten Türöffner — , haben die anderen Leute 
auch zu kaufen angefangen, und zuletzt haben sich die „Winklirs" 
darum geschlagen und wurde alles verkauft. Überall auf den 
Reisen hat er die Erfahrung gemacht, daß zuerst nichts, dann 
wenig, aber zu guten Preisen abgesetzt wurde. 

Je weiter ihr Handlungskreis sich erstreckte, je größer der 
Aktionsradius ihres Betriebs — und die Konkurrenz drängte zu 
stetiger Erweiterung des Betriebsfeldes — je länger und zeit- 
raubender, mit einem Wort je kapitalistischer der Produktions- 
prozeß, der Form vne dem Inhalt, dem Geist wie der Technik 
nach wurde, um so Aveniger konnte die alte Personaleinheit des 
Händlers, der Alleinbetrieb, genügen. Dazu kam, daß die Familien 
— die Glaser zeichnen sich allenthalben durch eine eminente Frucht- 
barkeit aus — immer großer wurden, und so mußten diese Um- 
stände wie von selbst zu einer Vervielfältigung und Komplizierung 
des Betriebs, zu einer Kapitalvermehrung und Beschleunigung seines 
Umschlags führen. Wo dies nicht der Fall war, schuf man künst- 



Grundlage der Entwicklung. 245 

lieh einen solchen erweiterten Familienbetrieb durch Begründung 
von Handlungsgesellscbaften, Glashandelskompanien. Der Hausierer 
differenziert sich sozusagen in seine Bestandteile: das stetige 
Element, das Familien- oder Gesellschaftshaupt, das zu Hause bleibt 
und sich mit dem Einkauf, der Verpackung der Ware, der Buch- 
führung, Berechnung befaßt, und das unstetige Wanderelement, die 
jüngeren Gesellschafter, die mit den Waren in die Ferne fahren. 
Solcher Entwicklung des Fernhandels waren die Zeitumstände an- 
fangs günstig, als mit dem sechzehnten Jahrhundert die wirtschaft- 
hche und politische Suprematie vom mittelländischen Meer an die 
Küsten des Atlantischen Ozeans wanderte. Diese Situation wußte 
der böhmische Glashändler, der ein vorzügliches Produkt hatte, 
klug zu benutzen und baute sein Glück auf den Trümmern des 
venezianischen Ruhmes. 

Die Berührung mit weit vorgeschrittenen Völkern und der 
Aufenthalt in fremden Ländern war die denkbar beste Schule für 
diese Kaufleute ; hier lernten sie den großen Apparat des Geschäfts, 
die vervollkommneten Methoden des Absatzes und der Zahlung, 
das moderne Wirtschaftsrecht kennen, hier aber auch formten und 
festigten sie ihren Charakter und imprägnierten sich mit den Eigen- 
schaften, die sie dazu befähigten, diesen Handel mit Vorteil zu 
führen. Aber auch diese vStufe des „gesellschaftlichen Faktorei- 
betriebs" war nur Übergang zur letzten und am höchsten ent- 
wickelten Form: der dauernden Niederlassung der Handelsgesell- 
schaft in fremden Ländern, zur Begründung einer Handelskolonie. 
Das entwickelte Weltgeschäft, das nicht nur für einen individuellen, 
sondern für einen ganz allgemeinen Abnehmer arbeitet, verlangt 
Allgegenwärtigkeit der Ware. Jeder muß zu jeder Zeit alles kaufen 
könnnen und bereit finden, was er will. Keine Lücke darf in dem 
Bedürfnisstand eintreten, das Gefühl des Mangels muß überbrückt 
werden , Raum und Zeit gewissermaßen eindimensional sein zu- 
gunsten einer ewigen Allgegenwart. Der Käufer soll nicht auf die 
Ware oder den Verkäufer warten müssen ; dem Wunsch muß die 
Erfüllung auf dem Fuße folgen. Anderseits gilt es, das Betätigungs- 
feld noch weiter auszudehnen , den Radius sozusagen ins Unend- 
liche zu spannen. Von der Heimat aus, dem Zentralpunkt der 
Handhmg, ist doch immer nur ein begrenzter Raum zu bearbeiten, 
die überseeischen Länder, zum Teil erst entdeckt und noch nicht 
lange in den Bereich der europäischen Wirtschaft gerückt, bedürfen 
einer anderen Betriebsform. Es vervielfältigt sich der Händler aufs 
neue, die Kompanie differenziert sich wieder und zwar in einen 



246 Die Glasindustrie. 

heimischen Teil, den Verlag, und in eine nunmehr ebenfalls seß- 
hafte ständige Niederlassung im Auslande, hauptsächlich in den 
Seestädten des atlantischen Ozeans: Lissabon, Cadix, Sevilla, Bar- 
celona usw. Der Küstensaum von St. Petersburg bis Konstantinopel 
ist mit solchen Niederlassungen bedeckt. Beide sind Teile einer 
großangelegten Gesamtunternehmung. Das böhmische Stammhaus 
besorgt w^ie früher nach Angabe und Bestellung seiner ausw^ärtigen 
Teilhaber den Einkauf, die Verpackung, führt die Verrechnung, 
empfängt die Gelder, die ausländischen Niederlassungen verkaufen 
die Waren teils im Binnenlande, teils über See. An diesen See- 
plätzen sammelten sie auch und disponierten über die Waren, 
die sie im Naturaltausch (baratto) für ihr Glas an Geldes statt 
empfingen. Hier wäre auch der Tätigkeit der Jesuiten zu gedenken, 
denen die Ausbreitung des böhmischen Glases bei den unzivilisierten 
Völkern viel zu danken haben dürfte. Wir kennen die Zuschrift 
eines Jesuiten (Michael Säbel) aus Rotterdam-^ an den Fürsten 
Schwarzenberg , vrorin wiegen eines Glashandels nach Indien Vor- 
schläge gemacht werden. Er bittet den Fürsten, der ihm schon 
einmal für seine Indier Glaskorallen geschenkt habe, um weitere 
Gaben und teilt mit, daß ein reicher Kaufmann und Freund der 
Jesuiten in Holland, Johannes van der Meulen, bereit wäre, einen 
Handel mit Böhmerwaldgläsern über den Ozean zu versuchen. Ein 
Verzeichnis belehrt darüber, welche Gläser der Antragsteller zum 
Handel nach Spanien und Indien für geeignet hält. Dargestellte 
Personen sollten in spanischer Tracht gekleidet, Inschriften in 
spanischer Sprache verfaßt sein. Als Lieblingsgegenstand der 
Wilden empfiehlt er die Darstellung der Eucharistie, die unbefleckte 
Empfängnis, die Apostel, Evangelisten, die Erzengel, die Kardinal- 
tugenden und von profanen Motiven die Elemente, die zwölf Stern- 
bilder, die Jahreszeiten, Blumen, Früchte usw. 

Bald genügte das böhmische Glas nicht , um den Betriebs- 
apparat in den Niederlassungen ausreichend und ergiebig genug zu 
beschäftigen. Die Händler müssen ihre Lager durch andere fremde 
Glassorten ergänzen. Neben dem böhmischen Glas führen sie jetzt 
auch bayerisches Tafelglas, Thüringer und englische Glaswaren, 
später auch Paderborner, Münzthaler, holländisches, belgisches, 
französisches Glas. Oder sie führen neben dem böhmischen Glas 
andere Waren böhmischen' Ursprungs , hauptsächlich Leinwand , in 
Portugal nach dem Einfuhrverbot für Glas sogar ausschließlich 
diese. In Spanien verlegte man sich nebenher auf holländische 
Tonwaren, auf Remscheider Eisen-, Nürnberger und andere Waren. 




Die Glashandelskompanien. 247 

üazu kamen noch die Artikel, die man im Tausch für Glas an- 
nahm : Tabak in Spanien, Pelzwaren und Juchten in Rußland. Die 
Handlung wird zur „Kramerei", zum Warenhaus, in dem der Käufer 
sich mit allen ausländischen und exotischen Produkten versehen 
kann , und gar bald wird von den Geschäftsinhabern die Ansicht 
vertreten , daß der Gewinn des Geschäfts ausschließlich auf dem 
Kram . der Mannigfaltigkeit der Produkte und nicht auf dem Glas 
beruhe, das vielmehr verlustbringend sei. 

In der Tat, das Geschäft wurde immer schwieriger, wir sind 
im Zeitalter der nationalen Marktbildung und Abschließung der 
nationalen Wirtschaftsgebiete. Die fremden Händler, einst der 
Könige Leibgenossen und freundwillige Steuerzahler, werden als 
fremdländische Eindringhnge, die dem Inländer das Brot wegnehmen, 
nur ungern geduldet und ihre Waren an den Grenzen besteuert. 
Durch Zölle geschützt und von böhmischen Glasmachern, die der 
Krieg aus der Heimat vertrieben, belehrt , entwickeln sich allent- 
halben technisch fortgeschrittene nationale Glasmanufakturen , die 
das böhmische Weltmonopol brachen. Die großen Kriege an der 
Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts verdeckten 
noch die Tatsachen, nach ihrer Beendigung aber war es klar, daß 
Böhmens Glashandel darniederlag. Die böhmischen Glaskompanien 
lösten sich auf oder sie verloren den Zusammenhang mit dem 
Stammsitz im Mutterlande und werden zu bloßen Kaufläden, deren 
Geschicke von der Heimat nicht mehr beeinflußt sind. Der Händler 
aber zog sich nach so vielen Schicksalen wieder in seine Heimat 
zurück und gab seinem Geschäft eine den veränderten Bedingungen 
angepaßte Organisation, in der es noch heute betrieben wird. 

Die Glashandelskompanien. 

Wir wollen nunmehr die Organisation und Verfassung dieser 
Kompanien der Glashändler aus den uns zahlreich vorliegenden 
Statuten und Verträgen sowie das innere Leben dieser Händler- 
gesellschaften kennen lernen, um auf diese Weise Einblick zu ge- 
winnen in die Kräfte und Triebe, die in diesen Gesellschaften am 
Werke waren und diese Bünde schlichter Kaufleute zusammen- 
hielten. Leider umfassen die Kontrakte nur die Zeit von der Mitte 
des achtzehnten bis in die dreißiger Jahre des neunzehnten Jahr- 
hunderts, obwohl die ersten Kompanien sich schon in den achtziger 
Jahren des siebzehnten Jahrhunderts gebildet haben dürften, so 
daß uns die Entwicklung dieser autonomen Rechtsbildung selbst 



248 i)ie Glasindustrie. 

entgeht. Aber auch ohne diese MögHchkeit ist anzunehmen, daß 
die allgemeinen Grundsätze, auf denen diese Verträge sich aufbauten, 
überall und die ganze Zeit hindurch eine große Gleichartigkeit auf- 
wiesen und vom Anfang bis zum Ende sich nahezu unverändert 
erhalten und nur die einzelnen Bestimmungen nach den sich ändernden 
wirtschaftlichen Konjunkturen Modifikationen erfahren haben. 

Diese Händlerkompanien haben sozusagen eine doppelte sozio- 
logische Funktion : sie sind einerseits Handelsgesellschaften , Er- 
werbsunternehmungen mit genau begrenztem Zweck, anderseits aber 
Lebensgenossenschaften mit einem stark ausgeprägten und indivi- 
dualisierten innerhäuslichen Leben. Ihrer rechtlichen Struktur 
nach unterscheiden sie sich von allen modernen handelsrechtlichen 
Gesellschaften ; von der offenen Handelsgesellschaft durch den 
häufigen Mangel unbeschränkter und solidarischer Haftung, von der 
stillen Gesellschaft dadurch, daß reine Geldeinlagen nur als Handels- 
darlehen zu dem üblichen Zinsfuß, nicht als Gesellschaftseinlagen 
behandelt werden, von anderen Formen der Kapitalassoziation darin, 
daß hier regelmäßig Kapital und Arbeitskraft gestellt werden 
müssen. Hierdurch wie in dem geflissentlichen Vermeiden aller 
Rechtsbeistände, der Notare und Advokaten, zeigen sich eben diese 
Gesellschaften als völlig freie und autonome Rechtsbildungen der 
Beteiligten. 

Wir besitzen ein Promemoria eines alten Glashändlers aus dem 
Anfange des neunzehnten Jahrhunderts^, worin er sich über die 
„Ansichten, Grundsätze und Eigenschaften" der böhmischen Glas- 
handlungen im Auslande ausspricht, das also gewissermaßen das 
Naturrecht oder die Ethik dieser, ja wie er meint, jeder Gesell- 
schaftsbildung überhaupt, erörtert. Der oberste Zweck, so sagt er, 
war erhöhter Wohlstand und die Mittel dazu: 

1. Geschäftskenntnis und der Verstand, durch alle erlaubten 
Mittel sich Vermögen zu erwerben. Unter Geschäftskunde ist zu 
verstehen, daß ein Händler von den verschiedenen Arbeiten so viel 
Kenntnis haben muß, um zu beurteilen, ob der Arbeiter bestehen 
kann oder nicht; 

2. Fleiß und Emsigkeit, Sparsamkeit mit gemeinem gesunden 
Menschenverstand verbunden. Sparsamkeit aber besteht nicht bloß 
im Vermeiden aller entbehrlichen Handlungsausgaben, sondern auch 
großen Aufwands in der gemeinschaftHchen häuslichen Wirtschafts- 
führung; ferner darin, daß man als Privater einem Bekannten oder 
Verwandten oder einem armen Manne einen Gulden schenken kann, 
für Kompanierechnung aber keinen Groschen schenken darf, wenn 



Die Glashandelskompanien. 249 

es nicht der allgemeine Nutzen fordert. „Gesellschaftshandlungen 
sind niemandes Privateigentum. Niemand hat dabei besondere 
Rechte, Rang oder Vorzug, als den überall bessere Kunde in der 
Sache, Eifer und Betriebsamkeit über den Dummkopf oder Ver- 
schwender gibt;" 

3. religiöse Gewissenhaftigkeit vor allem, diese als die all- 
gemeinste Voraussetzung und Existenzgrundlage jeder auf Verträge 
gegründeten Gesellschaft. 

Schon nach diesen wenigen allgemeinen Bemerkungen kennt 
man den Geist, der in diesen Bildungen herrschte. Man wird ihn 
vielleicht so charakterisieren können: strenge Durchführung des 
Äquivalenzprinzips, der Gleichwertigkeit von Leistung und Gegen- 
leistung, gemildert durch freiwillige Humanität und christliche Ge- 
sinnung, die aber, wie sie selbst eine moralische „Kapitalsanlage" 
ist, nur zugebilligt wird als Entgelt, als Zins für Leistungen im 
Dienste der Gesellschaft und unerbittliche Unterordnung aller 
privaten persönlichen Zwecke unter den geschäftlichen ; der Mensch 
mit seinen Zwecken ist wie ausgelöscht vor den Postulaten des 
Geschäfts. So z. B. entheben grundsätzlich weder Alter noch Ver- 
mögen der Gesellschafter von der Verpflichtung, für die Gesellschaft 
zu reisen oder die Verwaltung der ausländischen Niederlassungen 
zu führen, und jede andere Bestimmung ist eine Gefälligkeit, die 
mit Geldopfern erkauft werden muß. Wer nicht reisen kann oder 
will, muß entweder den höchsten Jahreslohn eines Handlungsdieners 
für seine Rechnung zahlen oder sich mit einem Kompagnon ver- 
gleichen, der die Reise für ihn macht. Die Praxis freilich scheint 
hierin doch humaner gewesen zu sein. Humane Gesinnung, die 
immer zugleich auch nützlich war, zeigte ein „wirklich aufgeklärter, 
gewissenhafter Mann'' auch in der Behandlung seiner Diener. „Bist 
du", spricht er, „so glücklich, einen Diener, einen Arbeiter zu 
finden, der deine Geschäfte gewissermaßen als sein Eigentum be- 
trachtet, seine Ehre und Existenz mit der Ehre und Dauer deines 
Wohlseins innigst verbunden achtet, besser und ungeheißen mehr 
arbeitet, dich nicht verläßt — der ist nicht dein Diener, er ist dein 
Freund, dein zweites Ich! So lange du, er lebt, ist dein ganzes 
Vermögen, Eigentum, auch das seinige," 

Dieser allgemeine Eindruck wird durch die Betrachtung des 
einzelnen verstärkt. Die zu einer Handelsgesellschaft zusammen- 
tretenden Glashändler, ursprünglich wohl meist verwandt und ver- 
schwägert, geben sich eine Verfassung durch freie Übereinkunft. 
Sie verzichten von vornherein auf die Mitwirkung gelehrter und 



250 Die Glasindustrie. 

ungelehrter Rechtsbeistände und verpflichten sich, in Streitfällen 
kein anderes Gericht als das von Berufsgenossen gewählte Schieds- 
gericht anzurufen und anzuerkennen, denn sie haben die Erfahrung 
gemacht, daß „wo Advokaten in unsere Zw^stigkeiten eingetreten 
sind, die Streitsachen auch bei dem besten Willen, dem höchsten 
Verstände, der unbescholtensten Rechtlichkeit der berufenen Rechts- 
freunde, bis zur Entscheidung durch in Unruhe verlebte Jahre — die 
kostbaren Gerichtsformen unnütz verschwendet — oft mit gänz- 
lichem Ruin beider Teile geendigt sind." Die Verträge sind in 
Böhmen geschlossen und unterzeichnet, lauten auf die ausländischen 
Niederlassungen einer ausländischen Firma, entweder für ungewisse 
Zeit, oder sie sind befristet (meist sechs Jahre). Nach Ablauf der 
Geltungsperiode werden sie erneuert oder je nach den inzwischen 
vorfallenden Begebenheiten geändert. Kein Kompagnon kann aus 
der Handlung gestoßen werden, wenn er sich vertragsmäßig be- 
trägt, keiner aber auch länger als er selbst will, festgehalten werden. 
Nur muß er seinen Austritt einige Monate vorher schriftlich an- 
melden und ist verpflichtet, bis zum Bilanztage Anteil zu behalten. 
Die Bestimmung von Anteilen beim freiwilligen Ausscheiden oder 
von Todes, [wegen geschieht nach bestimmten Grundsätzen. Das 
Gesamtvermögen der Gesellschaft wird in Waren, Mobilien, Komp- 
tanten, Aktiv- und Passivschulden bestehen. Dieses Vermögen wird 
manchmal «auch als solidarisch haftendes Kommungut erklärt und 
dem abtretenden Teilhaber sein Anteil nach dem Verhältnis seiner 
Einlage gereicht. Kurrente und unkurrente Waren werden nicht 
unterschieden. Der Einkaufspreis oder der Übernahmspreis werden 
allen Waren bei der Schätzung zugrunde gelegt. Der abgehende 
Kompagnon haftet für die ausstehenden Schulden, ebenso für die 
Passiva bis zu ihrer Tilgung mit seinem sämtlichen Eigentum und 
bis zu fünf Jahren nach dem Austritt auch für durch Elementar- 
ereignisse der Kompanie erwachsenen Schaden. Im Todesfalle 
eines Gesellschafters können dessen Erben die Auszahlung ihrer 
Erbschaft in natura oder Geld ratenweise in 5 — 15 Jahren, je nach 
Übereinkunft, verlangen. Bei sinkenden Preisen, rückgängiger oder 
stark wechselnder Konjunktur, Unsicherheit des Absatzes wurde 
später (zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts) die Anweisung 
der Waren in natura anstatt der Barablösung für die Überlebenden 
bequemer, und daher treffen sie Bestimmungen wie die, daß die 
Gesellschaft sich nicht zur baren Hinauszahlung des einem ver- 
storbenen Kompagnon gebührenden Anteils verbindet; vielmehr ist 
die Handlung nur schuldig, den Erben die Hauptbestandteile des 



Die Glashandelskompanien. 251 

Vermögens der Gesellschaft in natura nach den Preisen der letzten 
Inventur anzuweisen und zur Disposition zu stellen, oder die Erben 
müssen sich einen 15prozentigen Rabatt auf ilii-e Forderung ge- 
fallen lassen und bekommen dann bares Geld. Mit dem Tode eines 
Gesellschafters enden alle seine Rechte und Verpflichtungen, daher 
auch die Gesellschaft nicht gebunden ist — ganz anders wie bei 
den Zünften — den Sohn eines verstorbenen Gesellschafters als 
Kompagnon anzunehmen ; aber es wäre unerhört gewesen, daß ein 
brauchbarer und anständiger junger Mann nicht in die Gesellschaft 
aufgenommen worden wäre. Die Witwe und hinterlassenen Kinder 
mußten nur so lange in der Gesellschaft belassen werden, „als es 
dem Gesamtwohl der übrigen Teilhaber entspricht." Meist wurden 
sie „aus Achtung für den Verstorbenen und als Christen sich als 
Vormünder der Kinder anzunehmen", 3 — 4 Jahre mit vollem Anteil 
des verstorbenen Kompagnons in der Gesellschaft belassen, „als 
wenn der Verstorbene noch so lange am Leben und wirklich bei 
der Handlung gewesen wäre", manchmal bis zum Ablauf der (sechs- 
jährigen) Vertragsperiode und hatten dann einen Knechtlohn aus 
eigenen Mitteln zu tragen. Die Aufnahme neuer Teilhaber war an 
die allgemeine oder wenigstens die Zustimmung der Mehrheit ge- 
bunden. 

Als gemeinsame Geschäftsunkosten galten der gemeinsame 
Haushalt in den Niederlassungen, Häusermiete, Gehälter und Löhne 
der Angestellten, Landes-, städtische und Handlungssteuern, ferner 
die Arztrechnungen von Vorstehern und Bedienten für Krankheiten, 
die im Beruf ohne eigenes Verschulden erworben wurden, ebenso 
Begräbniskosten. Auch die Reisespesen von und nach Böhmen 
waren eine Gesellschaftslast, einem Handlungsdiener wurden dazu 
3 Dukaten angewiesen , einem Vorsteher , von dem angenommen 
wird, daß er immer den Grundsatz der Sparsamkeit von selbst be- 
folgt, werden keine Vorschriften gemacht; er brauchte für eine 
solche Reise in der Regel 20 — 40 fl. Konventionsmünze (ungefähr 
34, 80 — 69, 60 K.). Auf Geschäftskosten mit der Post zu reisen, war 
nur bei Alter oder körperlicher Schwäche erlaubt. Solche Reisen 
kamen höher: 10 — 12 Dukaten. Was auf diesen Reisen für Theater, 
Ausflüge, Kleider, Musik, kurz für alle menschlichen Bedürfnisse, 
ausgegeben wurde — „das sind persönhche Luxusausgaben". Kleider 
und Wäsche wurden zu Lasten des Geschäfts transportiert, w^as 
aber an Kolonialwaren wie Zucker, Kaffee, Gewürzen, Salzfischen, 
Heringen usw. die Kompagnons für ihren böhmischen Hausgebrauch 
mitführten, ging auf Privatrechnung des Betreffenden und insbesondere 



252 l)i® Glasindustrie. 

auf seine eigene Gefahr. Nur Glasmuster, Formen, „überhaupt 
was einen reinen Handlungszweck hatte" , konnte auch frei im 
Koffer mitgenommen werden. Hie und da lauten diese Bestim- 
mungen etwas freundlicher; so wurde manchmal in den Nieder- 
lassungen nicht nur der ganz unbedingt notwendige Unterhalt für 
Vorsteher und Diener von geschäftswegen bestritten, sondern man 
hatte auch Waschen, Doktor, Apotheke, Medizin, Feldscheer, Barbier 
und Perruquier frei, nur Kleidung und "Wäsche mußte sich dann 
jeder für sein eigenes Geld anschaffen. Die Reisen von dem böh- 
mischen Verlagsorte nach den Hütten hinaus durften mit Wagen 
gemacht, zurück aber mußte stets zu Fufs gegangen werden. 

Innerhalb der Kompanie wurde größtmögliche Gleichheit aller 
Teilhaber angestrebt: Gewinn und Schaden sollte gleich verteilt 
werden. Daher forderte man grundsätzlich von allen das gleiche 
Einlagekapital, was dem einen fehlte, bekam er, sofern er auf die 
gleiche Gewinnrate Anspruch machte, von den anderen zum üb- 
lichen Zinsfuße von 3— 5 ^/u dargeliehen. Der Seniorchef der Gesell- 
schaft, meist ihr Stifter oder Hauptkapitalist, pflegte, zum Reisen 
zu alt, in Böhmen den Verlag zu besorgen und erhielt für seine 
Mühe und unvermeidliche Auslagen außer seinem Anteil 1 — IV2 %o 
Provision, die bisweilen bis auf 2 ^/oo stiegen , oder ein Pauschal 
von 50 — 300 fl. rh. Aber selbst diese kleine Konzession scheint 
„zu mancher Art kleinlichem Eigenbelang , auch wohl zu einem 
prätendierten Vorrang" Anlaß gegeben zu haben und wurde ab- 
geschafft, bisweilen wurde der Verlag von den reisenden Kompagnons 
selbst betrieben und mußte jeder auf Wunsch der übrigen bereit 
sein, bald in Böhmen, bald in einer der Niederlassungen zu resi- 
dieren. Der Verleger war aber selbst gewissermaßen nur wieder 
Agent oder Kommissionär des auswärtigen Hauses und bezüglich 
des Einkaufs nach Art und Menge streng an die Bestimnmngen 
der auswärtigen Niederlassungen gebunden ohne eigene Initiative. 
Diese Bestimmungen waren nötig, weil der Geschmack nicht in 
Böhmen gemacht , sondern von der großen Welt diktiert wurde. 
Die Erfahrung hat gelehrt, so heißt es gelegentlich, welch phan- 
tastische Gebilde man da in der Heimat, besonders in Blottendorf, 
für schön findet, die dann hier im Auslande als geschmacklose 
Mißgeburten stehen bleiben. Nebengeschäfte jeglicher Art, auch 
mit Privat vermögen, Spekulationen auf Geschäftsunkosten, sind den 
Teilhabern streng verboten. Überschüssige Gelder sollen über 
Vorschlag des Vorstehers und des Buchführenden nach dessen Rat, 
wie sie am vorteilhaftesten anzulegen seien, zur Verteilung kommen, 



Die Glashandelskompanien. 258 

ein andermal lautet die Bestimmung dabin, daß der Geschäfts- 
gewinn für das erstemal zur Verstärkung des Anlagekapitals im 
Geschäft belassen, bei nächstfolgenden Abschlüssen aber den Gesell- 
schaftern die Hälfte zur freien Verfügung gestellt, die andere Hälfte 
dem Geschäftskapital zugunsten des Kontos jedes einzelnen Gesell- 
schafters verwendet werde. Neuanschaffungen und -einrichtungen 
können bis zum Betrag von 20 fl. rh. ohne weiteres, sonst nur 
mit Bewilligung sämtlicher Teilhaber vorgenommen werden. Da 
die Kompanien , wie es einmal heißt, nie zu viel Kapital , sondern 
eher zu w^enig hatten, so wurde bestimmt, daß die Entnahmen 
eines Teilhabers jährhch 4 % seiner Einlagen nicht übersteigen 
dürfen. Manchmal waren die Beträge, die ein jeder Teilhaber 
monatlich oder jährlich für sich dem Geschäft entziehen durfte, in 
absoluten Zahlen bestimmt (25 — 5ü fl. monatlich). Nur bei außer- 
ordentlichen Gelegenheiten, Bau eines Hauses, Brand, Krankheit, 
Ausstattung von Kindern konnte mit Bewilligung sämtlicher Teil- 
haber auch mehr erhoben w^erden. 

Hauptrechnung , Inventur und Bilanz wurde alle 2 , 4 oder 
Ö Jahre gemacht; dabei waren die Preisansätze für die einzelnen 
Glassorten bisw^eilen kontraktlich normiert. Es wird z. B. vor- 
geschrieben (1754 und 1761)'^ in die Inventur einzustellen: 
das glatte Hüttenhundert mit 1 fl. 12 kr. bis 1 fl. 13 ki'., 
das geschnittene „ „ 1 fl. 25 kr. bis 1 fl. 26 kr., 

große geschnittene Gattungen mit 1 fl. 27 kr. 
Das nach Lissabon zu liefernde zumeist aus großen Gattungen be- 
stehende Glas soll 2 kr. höher berechnet werden. 

Die Verträge bleiben aber nicht auf das bloß Geschäftliche 
beschränkt, sondern greifen bestimmend auf private Lebensgebiete 
über. So besteht die Vorschrift, daß keinem verheirateten Kom- 
pagnon Wohnung im gemeinschaftlichen Hause verstattet sei, sondern 
es werden ihm für Miete einer ausw^ärtigen Wohnung 200 — 300 fl. 
jährlich als Entschädigung zugestanden. Ja er darf ohne Einwilligung 
der anderen seine Famiüe nicht einmal in die auswärtige Nieder- 
lassung mitnehmen. Es wird ihm ferner verboten, im Auslande zu 
heiraten. Doch scheint es vorgekommen zu sein, daß Kompagnons 
mit freier Zustimmung, meist aber mit „abgedrungener Bewilligung" 
der sämthchen Kompagnons in fremde Etablissements eingeheiratet 
haben. In Böhmen wird in aller Regel einer Verheiratung kein 
Hindernis von den übrigen Kompagnons in den Weg gelegt, meist 
solches Vorhaben sogar gefördert. 



254 l^it3 Glasindustrie. 

Wir stehen hier an dehi Punkt, wo die Gesellschaft Lebens- 
gemeinschaft, wo der Beruf lebensbestimmend, Schicksal wird, und 
wir veranschaulichen uns diese seine Bedeutung vielleicht am 
besten, wenn wir einen dieser Glashändler auf seinem Lebenswege 
vom Anfang bis zum Ende begleiten. 

Der künftige Glashändler ist meist eins von sehr vielen Kindern, 
denn die alten Glasmeister waren kinderreich und wurden sehr alt. 
Jede Kindstaufe ist ein Familienfest. Man achtet, unter welchem 
Planeten das Kind geboren ist, und der fromme strenggläul)ige 
Hausvater verzeichnet alles getreulich mit einem Segenswunsch in 
der Familienchronik. Das Kind wächst im Hause der Eltern auf, 
in einem Orte, der nur aus Glasmachern und -Händlern besteht. 
Frühzeitig wird es mit all diesen Dingen vertraut, verrichtet wohl 
schon als Kind Handlangerdienste, sei es auch nur beim Packen 
der Kisten, die so weit übers Meer geschickt werden in die Länder, 
die es dereinst selbst bereisen soll. In der Elementarschule lernt 
der Knabe die notwendigsten Dinge, die er fürs Leben braucht; 
es besteht der Grundsatz : etwa dreijährige Schulbildung, aber lange 
praktische Lebenserfahrung. Aber schon in dieser Elementarschule 
werden ihm vom Geistlichen — z. B. in Haida von den Piaristen — 
die Elemente des Lateinischen beigebracht, damit er später um so 
leichter die fremden Sprachen erlerne, überdies werden ihm die 
Grundlagen der Handlungs Wissenschaften beigebracht. Das ist eine 
Besonderheit dieser Glaserstädte wie die humanistischen Anstalten 
in den Bergstädten. Bald ist die Schulzeit vorüber und der Enist 
des Lebens beginnt, wenn er als zehn- oder elfjähriger Knabe in 
die Welt hinausgeschickt wird , um in einer der auswärtigen 
Faktoreien als Diener einzutreten. Damit ist die entscheidende 
Stunde seines Lebens gekommen. Mit einem Felleisen, das mütter- 
hche Sorgfalt mit allem Notwendigsten versehen, der Schwungjacke, 
dem kleinen Spiegel, einem Knäuel weißen und blauen Zwirn mit 
Nähnadeln und Hosenknöpfen, einem Stück Seife und ganz zu 
Unterst als Amulett gegen die Versuchungen der Welt das Tauf- 
hemd — so ausgerüstet wird der Knabe nach Verrichtung der 
letzten Andacht einem der böhmischen Fuhrleute übergeben, der 
ihn nach der Hafenstadt bringen soll. Der Vater hat vorher schon 
mit der Handlungsfirma einen Kontrakt wegen der Aufnahme seines 
Sohnes in einer der auswärtigen Niederlagen gemacht. Der Knabe 
beginnt seine Laufbahn als Küchenjunge oder Bedienter der im 
gemeinschaftlichen Haushalt lebenden Handelsgesellschaft, aber bald 
wird sich zeigen, ob er anstellig ist und Aussicht hat, es zu einem 



Die Glashandelskompanien. 255 

Verkäufer oder Reisenden der Firma zu bringen. Er hat freie 
Wohnung und Beköstigung im Hause und daneben einen Geldlohn, 
der ihm jedoch nicht im Auslande ausbezahlt, sondern in der Heimat 
gutgeschrieben wird. Nur ein notdürftiges Taschengeld bezieht er 
und muß über seine Ausgaben genau Rechenschaft geben. Dieser 
Lohn beträgt kontraktgemäß: 

im 1. Jahre ... — fl. 48 kr. jede Woche, das Jahr 



2. „ ... 


1 fl. 


— kr. 


3. „ ... 


1 fl. 


15 kr. 


4. u. 5. Jahre 


1 fl. 


30 kr. 


6. u. 7. „ 


1 fl. 


45 kr. 



41 fl. 


3(3 kr. 


52 fl. 


— kr. 


(55 fl. 


— kr. 


56 fl. 


— kr. 


82 fl. 


— kr. 



Aber es ist kein gemächliches Leben in der Fremde , denn im 
Hause der Kaufleute herrscht ein strenger, ja asketischer Geist, es 
sind Kaufleute mit der Zucht der Mönche. Man lebt unter Klausur 
nach einer streng geregelten Hausordnung, die dem Angestellten 
keine Freiheit läßt, sich nach persönlichem Geschmack und Be- 
gabung zu bilden oder zu betätigen ; alles, die ganze Unterordnung 
des einzelnen unter einen objektiven Gesamtwillen, hat den Cha- 
rakter des Klösterlichen^, selbst die Pflege der Musik an Sonn- 
und Feiertagen, die gemeinsamen Spaziergänge, Kirchengänge und 
selbstverständHch die Ehelosigkeit. Strenge wird ihm wie übrigens 
allen zur Pflicht gemacht, sich im Auslande von jedem politischen 
oder religiösen Verein fernzuhalten. So vergehen 10^12 Jahre. 
Der junge Mann kehrt zum ersten Male aus der Fremde in die 
Heimat zurück. Statt der Schwungjacke trägt er den schwarzen 
Gehrock, statt der Kappe den Seidenhut und am schwarzen Bändchen 
die goldene Schweizer Uhr. Ja einer geht soweit, in rotseidenen 
spanischen Strümpfen in seiner böhmischen Heimat zu erscheinen. 
Seines Bleibens aber ist nicht lange. Noch einmal muß er auf 
sechs Jahre hinaus, und wenn ihm auch Gefühl und Vernunft schon 
die Tochter des Chefs begehrenswert erscheinen lassen, seine 
Prüfungszeit ist nicht vorüber. Erst nach einer dritten Reise, die 
noch einmal vier Jahre dauert, darf er heiraten. Mittlerweile ist 
unser Knabe 35 — 40 Jahre alt geworden und tritt als Teilliaber in 
eine Kompanie oder w^rd Verleger im Heimatsort. Damit endigt 
der Roman einer solchen Kaufmannsseele, deren Lebensbilanz auf 
der Sollseite mit einem Saldo schließt, der erst in einer jenseitigen 
Welt zur Ausgleichung kommen wird. Der religiöse Sinn, der von 
jeher die Glasleute charakterisierte und ihr starkes Geselligkeits- 
bedürfnis, das sich schon in der Periode des Wanderhandels im 



256 Die Glasindustrie. 

Zusammenschluß der Fuhrleute und Glashändler und später unter 
anderem in einer gern geübten Gastfreundschaft äußerte, ermög- 
lichte ihnen diese strenge und harte Zucht, unter der sie im fremden 
Lande lebten; auch sie waren direkt beeinflußt von dem Geiste 
der Herrnhuter Brüdergemeinde — ist ja Haida seiner Anlage und 
Bauart nach eine Kopie von Herrnhut — und später von den zahl- 
reichen Geheimorden, insbesondere den Freimaurern, wofür zahl- 
reiche in den Inventaren angeführte „Freimaiergläser" Zeugnis sind. 
Soll ja auch der mächtige Protektor der böhmischen Glasindustrie, 
Graf Joseph Kinsky, Freimaurer gewesen sein. Von der Werk- 
heiligkeit der Glashändler sprechen außer zahlreichen Andenken 
und Opfergaben in den heimischen Kirchen auch solche Vertrags- 
bestimmungen, worin sich die Händlerfirma freiwillig besteuert, 
von jeder aus Böhmen in Cadix ankommenden Glaskiste einen 
Gulden frommen Werken zu widmen und zwar die Hälfte in Böhmen, 
die andere Hälfte (5 Realen) in Spanien, halb den Armen und halb 
für heilige Messen. 

Die Organisation der Glasmacher. 

Wie wirkte die Organisation des Handels, so fragen wir jetzt, auf 
die heimischen Wirtschafts- und Erwerbsverhältnisse zurück? Ohne 
an dieser Stelle auf die Bedeutung des Glashandels für die nationale 
Zahlungs- und Handelsbilanz, die Ausbildung des internationalen 
Zahlungsverkehrs und Bankwesens in Böhmen einzugehen, begrenzen 
wir uns lediglich auf das Gebiet der Produktion. Es wurde schon 
hervorgehoben, daß der Handel das ganze Geschäft von sich und 
seinen Zwecken und Bedürfnissen, in letzter Linie vom Weltmarkt 
abhängig machte. Selbst der (in der Heimat residierende) Senior- 
chef des Stammhauses war beim Einkauf der Menge und Art nach 
vollständig auf die Orders der auswärtigen Teilhaber angewiesen. 
Die Initiative lag viel mehr bei der auswärtigen Niederlassung als 
bei der Produktionsstätte , die gewissermaßen nur Exekutivorgan 
des Weltgeschmackes war. Diese Mediatisierung der Produktion 
durch den Handel mußte natürlich ihre Rückwirkungen in dieser 
selbst äußern. Die Glasproduzenten, aus deren Zusammensiedelung 
große industriöse Glasmacherdörfer entstanden waren, hatten sich 
gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts, sicherlich unter Anlehnung 
an bewährte alte Muster, in Zünften zusammengeschlossen. Wie 
die Zünfte überhaupt, so hatten auch diese Organisationen zwei 
Seiten: eine fachgewerbliche und eine sozialpolitisch-bruderschaft- 



Die Organisation der Glasmacher. 257 

liehe, beide aber sind nur die konkreten Erscheinungsformen eines 
und desselben durchgehenden Lebensprinzips, der Idee der Sicher- 
heit. Die Zünfte der neueren Zeit sind die Selbstversicherungen 
der selbständig Erwerbstätigen unter grundherrlicher oder staat- 
licher Patronanz und Garantie. Was sie erstreben, ist Sicherheit 
fürs Leben und für den Tod. Sie sind zugleich religiös bestimmte 
Beerdigungsgenossenschaften und wehrhafte Gemeinden gegen die 
Wechselfälle des Schicksals, insbesondere des ökonomischen. In 
ihrer typischen Artung sind sie, wie man sagen könnte, Vertreter 
einer der händlerischen gegensätzlichen Welt- und Lebensansicht: 
nicht mit dem Leben zu gehen ist ihre Art und alle Wechselfälle, 
alles was es bietet, in den Bereich ihrer Kalkulationen zu ziehen 
und klug auszunutzen, sondern neben dem Leben her auf einem 
unbetretenen und unbetretbaren Seitenweg sich festzu pflanzen und 
zu verharren. So wie der Bauer an der Scholle klebt, so der 
Handwerker an seinem Werkzeug. Der Händler hat expansive, 
der Handwerker regressive Tendenzen. Ist er gesichert, dann leistet 
er das Beste, was er leisten kann, er ist fleißig, minutiös im Detail, 
sorgfältig, die Zeit hat keinen Eigenwert für ihn, sie ist kein Faktor 
seiner Berechnungen. Auch in anderer Beziehung besteht zwisi'.hen 
der Verfassung der Händler und der Verfassung der Handwerker 
ein schwerwiegender Unterschied. Die Händler, so sahen wir, 
geben sich ihr Recht selbst, ohne an irgend eine andere Instanz 
zu appellieren, sie sind völlig autonome Gemeinschaften, die ihre 
Verträge aus freier Übereinkunft und freiem Willen schließen. Die 
Handwerker aber empfangen ihr Recht von der Gewerbe- und 
Polizeibehörde, d. i. vom Grundherrn. Auf besonderes Ansuchen 
verleiht ihnen, seinen Untertanen, der Grundherr „aus obrigkeit- 
licher Macht und Gewalt" die Zunftstatuten und stellt sie unter 
den Schutz seiner Hauptleute und Beamten und der „autonomen" 
Stadtverwaltung. Erst mit der Durchsetzung des modernen staat- 
lichen Verwaltungssystems und der Anerkennung der wirtschaft- 
lichen Eigenzwecke des modernen Wirtschaftsstaates hörte diese 
verschiedene Rechtsstellung des Händlers und Handwerkers auf, 
indem der Staat beide in die Abhängigkeit von seinen Gesetzen 
brachte. 

Wenn wir die Entwicklung dieser Zunftstatuten, von denen 
die ältesten, die der Glasmaler und Glasschneider von Kreibitz auf 
der Herrschaft Kamnitz bis auf das Jahr 1669 zurückreichen, ver- 
folgen, so sehen wir, daß der eigentümliche, oben definierte Zunft- 
geist je länger um so folgerichtiger und reiner sich zu verwirklichen 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 17 



258 ^^iß Glasindustrie, 

strebt. Die Aufnahme als Mitglied, d. h. als Meister in die Zunft 
der „Glasmalerkunst", die das Schneiden, Vergolden und Reißen 
umfaßt, geschieht durcli Einwerbung bei den (zwei aus den Meistern 
erwählten) Zunftältesten unter Vorlegung des Geburtszeugnisses und 
der die richtige Ausbildung beglaubigenden Dokumente. Das 
Meisterstück, das ein jeder zu liefern hat und wovon uns zahl- 
reiche Exemplare in den Museen enthalten sind'', besteht in der 
Anfertigung des Reichsadlers in l'arben in anderthalb Tagen und 
in dem Entwurf einer Zeichnung der sieben freien Künste (aus 
dem Kopf), worüber dann die Meister der ganzen Zunft zu ent- 
scheiden haben. Ferner sind gewisse in Geld, Wachs, Speisen und 
Trank bestehende Leistungen zu zahlen, die von vornherein ver- 
schieden bemessen werden , je nachdem , ob es sich um einen 
Meisterssohn oder um einen anderen Bewerber handelt. Dabei 
wird von der Obrigkeit streng darauf gesehen, daß bei dem Meister- 
essen wie überhaupt bei allen Zusammenkünften, nur herrschaft- 
liches Bier getrunken werde , oder daß die Zusammenkünfte nur 
an solchen Orten stattfinden, wo herrschaftliches Bier geschenkt 
wird. 

Die Ausbildung zum zünftigen Handwerker beginnt mit der 
Lehrzeit. Der Lehrling ehrlicher Geburt muß bei dem Zunftmeister 
angesagt werden. In späterer Zeit wird keinem Meister erlaubt, 
mehr als einen Jungen zu halten. Bei der Aufnahme sind wiederum 
Geld, Wachs und Bier zu zalüen, ebenso bei Beendigung der Lehr- 
zeit. Das Lehrgeld selbst ist Gegenstand freier Vereinbarung. Für 
die Aufnahmegebühr wie für das Lehrgeld ist eine Kaution zu 
leisten, die bei Kontraktbruch verfällt. Im allgemeinen dauert die 
Lehrzeit vier Jahre, während welcher der Lehrling natürlich nichts 
für eigene Rechnung arbeiten darf. Für Meisterssöhne gelten be- 
zügUch Dauer und Gebühren Ausnahmebestimmungen, insbesondere 
genügt für die Aufnahme eines Meistersohnes ein grundherrlicher 
Konsens, der einen Gulden kostet. In späteren Statuten wird aus- 
drücklich das Verbot ausgesprochen, die Lehrzeit anderswo als im 
Bereich der Herrschaft zu verbringen, kein Untertan darf sein Kind 
in der Fremde das Glashandwerk erlernen lassen. Die Lehrzeit 
schließt mit der Ausfertigung des Lossprecliungs- oder Lehrbriefes, 
der aber natürlich an dem Untertänigkeitsverhältnis gegen die 
Herrschaft nichts ändert. Kein Meister darf dem andern das Per- 
sonal abspenstig machen oder in die verdingte Arbeit fallen. 

Nach beendigter Lehrzeit wird der Junge Geselle; er muß 
entweder ein Jahr wandern oder ebenso la"gc bei einem Meiste 



Die Organisation der Glasuiaehcr. 259 

als Geselle arbeiten; später wird die Gesellenzeit auf zwei Jahre 
ausgedehnt. Will er dann als Meister in die Innung eintreten, 
muß er „seine Liebste ansagen". Als Meister darf er nicht länger 
als vier Wochen unverheiratet arbeiten, oder aber er wird, wie 
jüngere Statuten zeigen, als Junggeselle besteuert, muß jedes Viertel- 
jahr einen Gulden zahlen und darf weder Lehrling noch Gesellen 
halten. Für Meisterssölme gelten alle diese Bestimnmngen wieder 
in gemilderter Form. Da heißt es ausdrücklich: eines Meisters 
Sohn aber, oder der sich mit eines Meisters Tochter oder Wittib 
vermählt, ist solches zu tun nicht schuldig, sondern kann Meister 
werden, wann ihm beliebt. Witwen als Erbinnen, die das Gewerbe 
ihres Mannes mit den eigenen Kindern oder Gesellen fortführen, 
sind zunftberechtigt. 

Andere Bestimmungen regeln das Zeremoniell bei den Zunft- 
Versammlungen, die Geheimhaltung der Beschlüsse, die Präsenz- 
pflicht, das Beerdigungswesen, die Opferspenden usw. Auch Ge- 
w^erbefremden ist der Einkauf in die Zunft als Beerdigungsgenossen- 
schaft mögHch. Schließlich erhält die Zunft — und das ist ^volil 
immer der Hauptgrund, warum sie sich selbst unter die grund- 
heniiche Fuchtel und Polizei gestellt hat — ein andere ausschließen- 
des, von der Herrschaft, die die Macht dazu hat, garantiertes, lokales 
Monopol für ihren Gewerbebetrieb. Als ausschließlich privilegierte 
Gewerbsleute die sie sein wollten, mußten sich die koalierten Hand- 
werker unter die jeweilige Staatsgew^alt ducken und sich an sie 
wenden. Der Händler, der sein Verdienst auf ganz andere Weise 
sucht, hatte das nicht nötig. Er vielmehr trachtete, mit der fremden 
Staatsgewalt in den Ländern, die sein Absatzgebiet waren, sich gut 
zu stellen und durch Geschenke , Steuern und Bestechungen die 
Fremidschaft der Herrscher zu erkaufen. Die Gutsherrschaft duldete 
also in ihrem Machtbereich keine nicht zünftigen Glashandwerker; 
solche „Störer" durfte die Zunft ohne weiteres aufheben, arrestieren, 
ihre Arbeit und Waren mit Beschlag belegen ; nur den (herrschaft- 
lichen) Glashüttenmeistern soll es un verwehrt bleiben, „aus gewissen 
und ehrenhaften Ursachen" jederzeit und ohne jede weitere Be- 
hindei-ung einen oder mehrere fremde Glasmaler, von w^oher immer 
«:s ihnen behebe, aufzunehmen und anzustellen. Daraus sieht man, 
daß die Herrschaft wohl immer viel aufgeklärter und fortschrittlicher 
gesinnt w^ar als die Zunft. Die monopolistischen Bestrebungen der 
Zunft wurden je länger umso krasser. Da heißt es in jüngeren 
Statuten, daß bei der Innung nicht nur die Flachmaler, sondern 
auch andere Gewerkleute ehrhcher Geburt und redlicher Kenntnisse 

17* 



260 üie Glasindustrie. 

mit grundherrlichem Konsens in die Zunft aufgenommen werden 
können, aber kein Kugelschneider und Polierer dürfe ungestraft 
mit seiner Arbeit den Glasschneidern Konkun*enz machen, und die 
Herrschaft muß wohl oder übel, von der Zunft bestimmt, eine, wie 
mir scheint, völlig imaginäre, protektionistische Handelspolitik treiben. 
Kein anderswo geschnittenes, gemaltes oder sonst verarbeitetes 
Glas solle zu Handelszwecken auf die Herrschaft gebracht, noch 
Rohglas zur Verfeinerung anderswohin ausgegeben werden. Das 
Zunftmonopol ist nicht nur ein Produktions-, sondern auch ein 
Handelsmonopol. Alles was der Händler braucht, soll ausschließ- 
lich auf dem Gebiete der Herrschaft von den zünftigen Handwerkern 
verfertigt und gekauft werden. Für den Übertretungsfall wird 
gänzliche Konfiskation der Waren und überdies eine Geldstrafe im 
doppelten Wert der Ware oder Arrest angedroht. Schließlich er- 
möglicht der Gründherr jedem Zunfthandwerker, sich von der per- 
sönlichen Dienstpflicht aus dem Untertänigkeitsverhältnis loszukaufen. 
Jeder der bei seiner Verheiratung jährlich 4 fl. in die Herrschafts- 
kasse abführt, soll von aller schuldigen Robot gänzlich frei sein, 
ebenso verzichtet der Grundherr gegen eine einmalige Zahlung von 
3 fl. für jede Tochter oder für jeden Sohn auf alle Scharwerke und 
Dienstbarkeit der Meisterskinder, Auch hierin zeigt sich, daß der 
Grundherr seinen Handwerkern mehr Freiheit zu gönnen bereit 
w^ar, als diese selbst sich zu geben wünschten oder zu gebrauchen 
verstanden. 

Als der aufgeklärte und absolutistische Staat Karls VI. und 
Maria Theresias mit seiner rationalistischen Staats- und Gesell- 
schaftstheorie und seiner stark konstruktiv angelegten Gewerbe- 
gesetzgebung die Nachfolge der grundherrschaftlichen Polizeigewalt 
antrat, übernahm er die Handwerksgesetzgebung ohne den eigent- 
lichen Zunftgeist und mit anderer Motivierung der Normen. Er, 
der auf das natürliche Gleichgewicht und die Harmonie der Inter- 
essen sowie ihre Vereinigung im gemeinen Staatswohl abzielte, 
konnte nicht dulden, daß ein Professionist zugleich zwei Arten der 
Gewerbe betreibe zum Nachteil und Abbruch der nur ein einziges 
Ausübenden ; das würde nach der Anschauung der Zeit dem Grund- 
satz der größtmöglichen Nahrung für die größtmögliche Zahl wider- 
sprochen haben. Daher beginnt jetzt die Trennung der Gewerbe 
nach einzelnen Handfertigkeiten und die Rangerhöhung des mehr 
oder weniger mechanischen Handgriffs zur Würde des Berufs. So 
also konnte nicht zugelassen werden, daß Glasschneider, Kugler, 
Schleifer und andere derartige Handwerker auch das Glasvergolden 



Soziale Verhältnisse im Glasgewerbe. 201 

in die Hand nehmen und dadurch den ohnehin zahlreichen Ver- 
goldern Verdienst und Naln*ung schmälern ; in diesen Beruf strömten 
nämlich, wie es scheint, auch ungelernte Kräfte, hauptsächlich 
Frauen und Kinder, die den verheirateten und steuerzahlenden 
Vergoldern Konkurrenz bereiteten. Die grundherrschaftliche Obrig- 
keit verwies also ^^ auf die allerhöchsten Kommerzialgeneralien und 
forderte deren strikte Innehaltung, damit insbesondere der Landes- 
kredit erhalten und im Glasgewerbe nicht gesclileudert werde. 
Jetzt also bekamen auch die Glasvergolder, vordem mit allen anderen 
in einer Zunft vereinigt, ihre eigenen Statuten, die wegen der Über- 
setzung des Gewerbes besonders vexatorisch in bezug auf Zulassung 
und Freisprechung waren. Wurde doch, obwohl, wie wir eben 
erwähnten , auch Frauen und Kinder die Kunst erlernen konnten, 
die Lehrzeit auf vier, die Gesellenzeit auf sechs Jahre festgesetzt 
und die Gebühren abnorm hoch bemessen. Da ein generelles 
Hausierverbot existierte, wurde auf dieses ausdrücklich hingewiesen ^^ 
Wenn auch der absolutistische Staat die wirtschaftHchen Grund- 
lagen der Zunftverfassung unangetastet ließ, so scheinen doch ein- 
zelne Bestimmungen dieser Zunftstatuten, wenn nicht schon dem 
Wortlaut, so doch dem Geiste der staatlichen Handwerkergesetz- 
gebung widersprochen zu haben. Den Zünften gegenüber war die 
Aufgabe des neuen Staates, formal gesehen, dieselbe wie dem Adel 
gegenüber: Einordnung, Eingliederung dieser autonomen Bildungen 
in die Staatszwecke und Erfüllung dieser inveterierten Gebilde 
mit dem staatlichen Geiste, das heißt aber Beschränkung ihrer 
Autonomie, Demokratisierung ihrer Verfassung und Brechung des 
Monopolprinzips, letzlich Negation des Zunftgedankens selbst. Seit 
den Handwerkerpatenten von 1731 und 1782 (füi* die böhmischen 
Länder vom 16. November 1731 und Nachtragspatent vom 18. Januar 
1732) war die direkte Beschränkung der Meisterzahl den Innungen 
verboten. Daher mußten sie dasselbe auf indirektem Wege durch 
Verlängerung der Gesellenzeit, Beschränkung der Lehrlingszahl, 
Erhöhung der Gebühren, Erschw^erung der Meisterprüfung usw. zu 
erreichen suchen, und eben darin waren sie im Widerspruch mit 
den Tendenzen der modernen Staatsverwaltung^^. 

Soziale Verhältnisse im Glasgewerbe. 

Bevor der kapitalistische Handel unter dem Druck der Welt- 
verhältnisse seinen zersetzenden Einfluß auf das Glasgewerbe übte 
und dieses zu einer hausindustriell oder fabriksmäßig betriebenen 



262 I^ie Glasindustrie. 

Massenproduktion entartete, scheinen die Beziehungen zwischen Ge- 
sellen und Meistern friedlich und von patriarchalischem Geist er- 
füllt gewesen zu sein. Die absolut dürftige Lage wird erst dann 
empfunden, wenn sie aufhört, eine allgemeine zu sein, oder wenn 
die Unterschiede sich ungleich verändern. Bräf hat gelegentlich 
hervorgehoben^^, daß hier die sozialen Rangstufen dicht aneinander- 
schließen ; im Glasgewerbe arbeitete eine sozial • homogene , sich 
immer aus sich selbst erneuernde und ergänzende Bevölkerung, 
die Übergänge vom Händler zum Glasmacher und Gesellen waren 
ineinander verfließend und allmählich. Jedem stand noch die 
höchste Stufe offen, und diese war nicht eben weit von der 
niedrigsten entfernt. Dazu kommt das Leben in der Waldeinsam- 
keit, das tätige Menschen wie von selbst zusammenführt und an- 
einanderschließen läßt. So mochte es seine Richtigkeit haben, 
wenn einer der bekanntesten Glashändler von dieser Zeit schrieb : 
^Auch die Glasarbeiter standen sich nicht schlecht, sie lebten ein- 
fach und hielten das Ihrige zu Rate. Es wurde nichts unnütz ver- 
geudet, wie es leider heutzutage zu bemerken ist. Und so blühten 
Wohlstand und Zufriedenheit; denn selbst in ganz honette Gesell- 
.schaften Avurden Arbeiter zugezogen, ohne daß ihnen die wohl- 
habenden Handelsleute ihren Stolz fühlen ließen." Das Glashand- 
werk überhaupt aber stand seit jeher in höherem allgemeinen An- 
sehen; es galt seit dem Mittelalter und mehr noch in Italien und 
Frankreich, wo die gentilshommes verriers eine besonders bevorzugte 
Stellung einnahmen , als in Deutschland — als vornehme Kunst, 
als ars vitraria nobilis. Mehreres mag zu dieser sozialen Wert- 
schätzung beigetragen haben ; einmal das Wunderbare des Prozesses, 
in welchem aus den unwertesten Materialien wie Sand und Asche 
ein ihnen ganz unähnliches kostbares Produkt entstand. Das Ge- 
heimnisvolle des Prozesses verlieh nun auch dem Künstler, der 
ihn beherrschte, eine spezifische Würde. Sodann aber wirkte hier 
gewiß die eigentümliche, einheitlich-organische Naturauffassung 
mit, derzufolge das Glas überhaupt als eine Art künstUchen 
imitierten Edelsteins und die Edelsteine anderseits als natürliches 
Glas angesehen wurden, wie das am deutlichsten wiederum 
Matthesius ausdrückt. Er lehrt, es gäbe zweierlei Glas: die Edel- 
steine, die in Gottes Glashütten unter der Erde wachsen, und das 
künstliche oder fabrizierte Glas, äas „Waldglaß". Das Färben des 
Glases hat den Sinn , die Illusion hervorzurufen , als hätte man 
wirkHche Edelsteine vor sich, und der Glasschnitt, diejenige Kunst- 
fertigkeit, die seit einem Jahrtausend in Vergessenheit geraten war 



Soziale Verhältnisse im Glasgew erbe. 263 

und in deren Wiederbelebung durch Caspar Lehmann (1609) der 
eigentliche kulturhistorische Wert und Ruhm des böhmischen Glases 
beruht, ist als ein Surrogat für die Bergkristallgefälie gedacht, da 
gerade zu jener Zeit italienische Edelsteinschneider in Mode kamen. 
Am Hofe Rudolfs II. haben diese welschen Künstler ungeheure 
Stücke von Bergkristall mit dem Rädchen bearbeitet; da aber das 
Material je begehrter, desto seltener wurde, die Qualität der Gläser 
sich immer besserte, lag diese Erfindung eines Surrogates gewisser- 
maßen in der Luft, und ebenso wie einst die römische Kaiserzeit 
den Edelsteinschnitt vom Onyx auf das Überfangglas anwandte, 
so ersetzte man jetzt den Bergkristall durch möglichst reines Glas ^*. 

Aber schon während der Blütezeit des böhmischen Glashandels 
warf die kommende Zeit ihre dunklen Schatten voraus, und das 
Glasmacherregulativ vom 5. Oktober 1767 , das die Arbeitsverhält- 
nisse im Glasmachergewerbe ausführlich zu regeln versuchte, ist 
der Abschluß einer, wie es scheint, nicht ganz friedlichen Bewegung 
der Gesellen gegen die Meister, in deren Verlauf sich jene mit mehr 
oder weniger Recht, jedenfalls aber nicht ohne Grund, beschwerde- 
führend an die Kaiserin wandten . die sofort eine Untersuchung 
durch die böhmischen Statthalter anordnete. Die Klagen der Ge 
seilen wurzelten offenbar letztlich in der großen Vermehrung der 
Ai'beitskräfte , die seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts unter 
staatlicher Fördeiimg im Glasmachergewerbe stattgefunden hatte 
und die bei der ersten Stockung des Geschäftes ihre mißHchen 
Folgen zeigte. Im Gegensatz zu den monopolistischen Tendenzen 
der Zünfte ging die Regieiimg von dem Grundsatze aus, daß es 
der Kommerzialgewerbe, zu denen die Glasveredelung gehörte, 
nie genug geben könne und schärfte den hierzu befugten Magistraten 
und Ortsobrigkeiten wiederholt ein, in der Behandlung und Ver- 
leihung dieser Gewerbe möglichst liberal vorzugehen. So mochten 
sich jetzt auch vielleicht viele ungelernte Arbeitskräfte , Frauen 
und Kinder und berufsfremde Zuwanderer in das Handwerk drängen 
und das gesamte Niveau der Lebenshaltung drücken. Die Gesellen 
klagten denn auch über nicht mehr und nicht weniger als eine 
Verschlechterung ihrer Gesamtposition: ihre Lage sei unsicherer, 
ihr Verdienst geringer, ihre Behandlung schlecht geworden. Die 
Hütten müßten während vieler Wochen mangels des nötigen Vor- 
rates den Betrieb einstellen, die Gesellen würden zu anderen Wirt- 
schaftsarbeiten, insbesondere Feldarbeiten während der Sommer, 
zeit gezwungen (woraus übrigens hervorgeht, daß die Glasmncher 



264 I^^® Glasindustrie. 

schon damals ansässige Grundbesitzer geworden waren), sie würden 
zu Lebrlingsarbeiten herangezogen und wie Lehrlinge mißhandelt. 
Des weiteren klagen sie über Rückgang des Lohnes. Hinsichtlich 
der Lohnverhältnisse muß man die Hüttenarbeiter des Rohglas- 
gewerbes von den Arbeitern im Raffinierungsgewerbe unterscheiden. 
Die ersteren werden in späterer Zeit zum Fabriksproletariat mit 
ausgesprochener Tradition ihrer besseren Herkunft, die letzteren 
entarten vielfach zu Hausindustriellen. Die Entlöhn ungsart für die 
Glasmacher ist seit jeher der Stücklohn mit dem „Schock" als 
Rechnungseinheit. Das Schock umfaßt, je nach den verschiedenen 
Sorten von Glas und Glasprodukten, eine verschieden große Anzahl 
von Stücken bis zu 200 Objekten, für die Rechnungseinheit ist 
ohne Rücksicht auf die darunter befaßten Objekte der Lohn gleich- 
artig. Im allgemeinen wurde im siebzehnten Jahrhundert die Hälfte 
des Verkaufspreises als Lohn gezahlt. Zusammenhängende, eine 
größere Zeitstrecke umfassende Lohntabellen sind uns nicht be- 
kannt geworden, sondern nur einzelne Notizen ^•^. So stellte sich 
1608 der Verdienst der Glasmacher durch die sechs Monate, während 
welcher die Wilhelmsberger Hütte im Betrieb war. auf 40 — 77 fl. 
samt freier Wohnung und Beheizung. Die übrigen Arbeiter bei 
der Glasfabrikation wurden meist pro Woche entlohnt. Die Schürer 
erhalten 2 fl. 30 kr., die Einwärmbuben und Glaseinbinderinnen 1 fl. 
und die Sandpocher 1 fl. 30 kr. in der Woche (1(323). Auch die 
Maler und Schleifer erhalten Stücklöhne; 1614 z. B. wurden für 
das Malen eines Wappens 17 V2 kr., für das Reißen 35 kr., für 
ganze Vergoldung eines Kandels 24 kr., für die halbe Vergoldung 
10 kr. bezahlt. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts wird ge- 
legentlich das Monatseinkommen eines Glasmachers auf 20—30 fl. 
beziffert, ja die Glasmeister, gegen die sich die Beschwerde der 
Gesellen richtet, geben 10 fl. Wochenlohn für den Gesellen an und 
räumen ein, daß der Lohnsatz jetzt (1767) gegen früher ZAvar ab- 
solut gesunken sei, daß aber die Gesellen durch Änderung der 
Technik gleich viel wie früher verdienten. In WirkHchkeit aber 
scheint der absolut gleiche oder selbst höhere Lohn infolge von 
Valutaschwankungen, die sich an den Grenzen des Landes zeigten, 
und die sich hier noch mehr als im Inneren des Landes fühlbar 
machen mußten und unter denen auch die Meister selbst gelitten 
haben mögen, anderseits aber infolge starker Bedrückung durch 
von den Meistern geübten Ti*uck in Lebensmitteln stark vermindei-te 
Kaufkraft bedeutet zu haben. Leider haben >vir auch von den 
Preisen der Lebensmittel aus den Zentralorten des böhmischen 



Soziale Verhältnisse im Glasgewerbe. 265 

Glasgewerbes vorläufig nur dürftige und keine fortlaufenden Auf- 
zeichnungen ^^. Aus all diesen Tatsachen spürt man schon die 
Labilität der kommenden Zeit, der Wende vom achtzehnten zum 
neunzehnten Jahrhundert, als alle Verhältnisse, die als stabil und 
durch eine wohlmeinende Gesetzgebung gesichert galten, plötzlich 
durch große und unabänderliche Weltereignisse in Frage gestellt 
wurden, und die Mittel der sich allklug und allgerecht gebärdenden 
Staatskunst zu versagen schienen. Als die Krisis ziemlich jäh 
hereinbrach, der Absatz stockte, der Geldwert immer tiefer sank, 
das Holz und die Lebensmittel immer teurer wurden, die Hütten 
feiern, die Arbeiter statt höherer Löhne, die sie verlangten, ent- 
lassen werden mußten, da nützten die wohlmeinenden Gesetze und 
Verordnungen nichts , hoben sich vielmehr in ilu*en Wirkungen 
gegenseitig auf. Schließlich organisierten die Arbeiter (1820) unter 
den romantischsten Umständen und trotz strenger Verbote ^^ die 
Auswanderung und zogen von Böhmen nach Preußen hinüber, die 
Zurückbleibenden aber mußten sich eine Verschärfung der Arbeits- 
ordnung gefallen lassen, und die Auswanderer selbst kehrten nach 
anderthalb Jahren wieder in die Heimat zurück, enttäuscht und 
ihre Klagen wiederholend. Erst mit der allgemeinen Verbesserung 
der Verhältnisse in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahr- 
hunderts unter gänzlich veränderten Umständen beginnt auch der 
Arbeiter sich wieder wohler und menschlicher zu fühlen. Immer 
noch haben so kritische ökonomische Lagen wie die eben erwähnte 
die daran Beteiligten gesprächig gemacht, und so kommt es, daß 
wir allenthalben über die Phasen des Niedergangs, wenigstens wie 
er sich den Betroffenen darstellte, besser unterrichtet sind als über 
die Zeiten des Aufstiegs und der Blüte, und typisch sind, wie die 
Gesinnungen imd Motive, so auch die Mittel, die zur Abhilfe ge- 
eignet angesehen werden. Zuerst und zuletzt greift man zur Selbst- 
hilfe, dann zur gegenseitigen Anklage, die einzelnen Organe eines 
Erwerbszweiges verschwören sich gegeneinander, und schließlich 
hört man den Schrei nach dem Staate. Ehe wir aber diesen ein- 
zelnen Phasen in bezug auf das böhmische Glasgewerbe nachgehen, 
wollen wir uns an diesem Wendepunkt eine ziffernmäßige Vor- 
stellung vom Umfang und der Bedeutung dieses Erwerbszweiges 
verschaffen. 



266 Die Glasindustrie. 

Statistisches. 

Einer von den nordböhmischen Glasfirmen dem Kaiser über- 
reichten Denkschrift über die Lage des böhmischen Glasgeschäftes 
aus dem Jahre 1804 oder 1805^^ entnehmen wir folgende Daten: 

Das Jahresprodukt einer jeden von den 66 in Böhmen be- 
stehenden „Glasfabriken" wird auf mindestens 80000 fl. Rohglas 
geschätzt ; das gibt ein Gesamtjahresprodukt von Rohglas im Werte 
von 1980(100 fl. 

Die Tabelle berechnet die Werterhöhung durch Raffinierung 
des Glases mit 1253 *^/o, die leicht auf 2000 ^/o gebracht werden könnte. 
Die Denkschrift legt aber bei ihren weiteren Berechnungen einen 
durchschnittlichen Raffinierungs-, Handels- und Frachtgewinn von 
nur 500 "/o des Rohglases zugrunde, so daß sich also der Handels- 
wert des Rohglases auf (1980 000 + 9900 000=) 1188U000 fl. be- 
läuft. Vorausgesetzt ist dabei ein durch Kriege, durch Unruhen oder 
Verbote ungestörter Gang des Weltgeschäftes. Aber selbst nur 
bei einem Zuschlag von 300 ^/o — um den unruhigen politischen 
und wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen — be- 
trägt der Gewinn aus der Fabrikation, Raffinierung, Handlung 
und Verfrachtung des Glases immer noch 7 920000 fl., von denen 
für etwa 5280000 fl. ins Ausland expediert wird, während der Rest 
dem inländischen Bedarfe dient. Es wird weiter angenommen, daß 
der ganze Erwerbszweig etwa 39 600 Menschen beschäftigt und 
ernährt ^^. 

Über die Einfuhr und Ausfuhr von Böhmen haben wir Detail- 
ausweise aus den Jahren 1732 und 1733. Das Glas erscheint darin 

mit folgenden Werten ^^: 

Einfuhr Ausfuhr 

1732 1733 1732 1733 

fl. kr. fl. kr. fl. kr. fl. kr. 
Olas als Trinkgläser, Tafelo, Scheiben 

usw 1416 48 1393 15 97724 55 92418 19 

Glaswaren, als Spiegel, Leucht er usw. 1357 30 1051 — 832 15 2412 15 

2774 18 2444 15 98557 10 94830 34 

Der Kommerzialinspektor Schreyer bewertet in seinem Waren- 
kabinett von 1799 die böhmische Glaserzeugung auf nur 2V 2 MilHonen, 
die Ausfuhr auf IV2 Mill. fl. ; 1776 soll es in Böhmen 64 Glashütten 
mit 1344 Glasmachern, 306 Schleifern, 231 Malern und Vergoldern, 
260 Glas- und Wappenschneidern, 496 Kuglern, 273 Glasperlen- 
schneidem gegeben haben. Nach von Kees"^ gab es 1820 78 Hütten 
mit 3821 Arbeitern. Czoernig gibt für 1841 den Wert der ge- 



Statistisches. 267 

samten österreichischen Glaserzeugung (inkl. Lombardei und Venetien ) 
mit 17 500 00U fl. C. M. an. Für 1873 schätzt Lobmeyr die öster- 
reichische Gesamtproduktion auf 22,8 Mill. fl. mit Einschluß der 
Glas-Quincaillerie, die 3 Mill. beträgt. 23 825 Personen werden um 
diese Zeit in der Glasindustrie beschäftigt angegeben, und zwar 
19 259 Männer, 3156 Fr^auen und 1410 Kinder. Das macht von der 
Gesamteinfuhr jener beiden Jahre etwa 0,08 ^/o, von der Gesamt- 
ausfuhr etwa 2^/o. Ganz gewiß sind die Exportziffern zu niedrig 
eingestellt; nach der Meinung des Herausgebers dieser Daten er- 
klärt sich die Mindereinschätzung aus der Belastung der Ausfuhr 
mit einem Wertzoll, wodurch der Schmuggel und die niedrige Wert- 
deklaration geradezu provoziert wurden. Nach einem (vor 1732 
erlassenen) Zolltarif betrugen die Zollsätze bei der Einfuhr und 
Ausfuhr : 

Fremde im Land ein- Inländisch erzeugte und 
zuführende bezahlen der- hinausgehende müssen 
malen hingegen bezahlen 

fl. kr. fl. kr. 



von 
1 Truhe 



40 
20 

35 



Glas, so durchsichtig, von 

1 fl - 1 

Glas, gemeines, von 1 fl. . -- 1 

Gläser, so zum Trinken, 

1 fl - 1 

Gläser, so nicht nach 

der Truhen angesagt 

werden, von 1 fl. . . — 1 von 1 fl. — 2 

Nach dem „Consumo-, Essito- und TransitozoU" ex anno 1737 
zahlen : 

ConsumozoU Essitozoll TransitozoU 

aus fremden aus kaiserl. 



Glas, Schmelzglas, für die 
Goldarbeiter, von 1 Pfd. 

Gläser, glatte, geschnittene 
oder geschliffene Trink- 
gläser, so in Kleinigkeiten 
^•etragen oder truhenweis 
geführt werden, wie auch 
verschiedene Glaswaren 
als Hängeleuchter u. dgl. 
von Gulden Wert . , 



Landen 


Erblanden 




fl. kr. h 


fl. kr. ^ 


fl.>r.^ ü.kr.c). 


— 2 - 


— 1 — 


— 1 — pr.Ztr. - 6 (i 



Tafelgläser von Gulden Wert 
Scheibengläser 



2 — 1 — 


8 


2)>H 10- 


3 

— 8 — 



268 l^ie Glasindustrie. 

Zu diesen Zollsätzen kamen aber noch verschiedene Neben- 
gebühren als Zettelgeld, Hufschlag, Akzidenzien, alles in allem eine 
Belastung, die nur bei andauernd gutem Geschäftsgang leicht ge- 
tragen und im Preise wieder eingebracht werden konnte 2^. 

Über die Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit der Glaslager 
der böhmischen Firmen des Auslandes im achtzehnten Jahrhundert 
unterrichten uns deren Inventare '^^ ; es ist u. a. daraus zu ersehen, 
daß neben böhmischem Glas alle möglichen Sorten fremder Glas- 
waren: Thüringer, holländische Tonwaren (Loße), englische Glas- 
arten, fremdes (französisches) in Böhmen geschliffenes und dann 
wieder ausgeführtes Glas gehandelt wurden. Leider haben wir nur 
einmalige und Inventurpreise vor uns, so daß wir die Bewegung 
der Preise selbst nicht verfolgen können ^*. Soweit überhaupt von 
einer Preis bewegungin diesem konservativen Geschäft gesprochen 
werden kann, hat diese sicherlich nicht die Grundpreise der vor- 
handenen Sorten ergriffen, sondern war durch Veränderungen in 
den Zoll- und Steuerverhältnissen und ähnlicher Kostenbestandteile 
bedingt. 

Einigermaßen besser als über die Glaspreise sind wir über 
die Geschäftsergebnisse der großen Glasfirmen aus ihren Geschäfts- 
büchern unterrichtet. So z. B. zeigen die Bilanzen der Firma 
Rautenstrauch, Hiecke, Stolle & Preißler, die von Langenau in 
Böhmen als Stammsitz vornehmlich das spanische Geschäft pflog, 
in 14 Jahi*en und 11 Monaten folgende Ergebnisse: 

Summe des 

Bilanz- Einlagen G^^winn im ^^ y^^^_ 

abschlusses Ganzen j.^j^^^^ o/^ 

fl. kr. ^ fl. kr. ^ fl. kr. ^ 
I. 9. V. 1740 bis 25. V. 

1743 11389 14 3 7751 5 — 3366 5 3 14 

IL. 25. V. 1743 bis -7. II. 

1747 :36205 46 4^2 6618 43 — 7425 16 3 30 

III. 7. II. 1747 bis 10. III. 

1751 73065 16 3 13426 50 3 19905 55 P'-z 36,2 

IV. 10. III. 1751 bis 8. IV. 

1755 82495 54 3 21173 21 3 24860 22 — 28,5 

Im Durchschnitt dieses Zeitraumes beträgt der Jahresgewinn 
also 27,35^/0. Dieser Gewinn verteilt sich in den ersten beiden 
Perioden auf je vier, in den beiden letzten auf je drei Teilhaber 
mit sehr ungleichen Einlagen. In den beiden ersten sind vier 
Teilhaber, aber nur zwei davon haben die Kapitaleinlage bei- 
gebracht. Dennoch wird der Gewinn nicht pro rata der Einlagen, 



Der Niedergang des Glasgewerbes. 269 

sondern nach der Kopfzahl verteilt. Ist er ja auch, wie die Dis- 
proportionalität zwischen Gewinnprozent und Kapital zeigt, nicht 
so sehr ein Ergebnis des Kapitalfaktors, sondern der persönlichen 
Arbeitskraft und Tätigkeit, die in den Niederlagen hauptsächlich 
von den jungen Teilhabern , die noch keine Geldeinlage stellen 
konnten, geleistet wurde. 

An die eben angeführten Daten schließen sich unmittelbar die 
der Firma Gerthner, Ostritz & Hansel, welche in Amsterdam und 
im Haag residierte und von der wir die Geschäftsergebnisse über 
einen Zeitraum von 80 Jahren und 2 Monaten, wahrscheinlich vom 
Tage der Gründung bis zu der Auflösung des Geschäftes besitzen ^^\ 
Der jährliche Gewinn beläuft sich im Durchschnitt der ganzen 
Epoche auf 18.7 <^/o. 

Der Niedergang des Glasgewerbes. 

Der radikalen Umgestaltung und Verjüngung der Glasindustrie 
infolge der technischen Neuerungen des neunzehnten Jahrhunderts, 
die ihre alten Existenzgrundlagen verschoben, ging seit dem Ende 
des achtzehnten Jahrhunderts ein langjähriges Siechtum und Ab- 
fall des Gewerbes voraus, ein Zustand, der jene Revolutionierung 
beschleunigte, die aber nur von den alten Handwerksmeistern und 
Arbeitern, kurz den untenstehenden Schichten überdauert wurde, 
w^ährend die früheren Kapitäne des Gewerbes neuen Menschen 
Platz machten. Wenn w^ir versuchen, die wichtigsten Gründe des Zu- 
sammenbruchs des alten Geschäfts und seiner Formen aufzuzählen, 
so sind wir uns bew^ußt, weder eine chronologische noch eine gra- 
duelle Reihenfolge zu geben, sondern nur einige Tatsachen, die 
uns aus der Geschichte einzelner Firmen als relevante destruktive 
Kräfte bekannt geworden sind. 

1. In erster Linie wirken die Veränderungen der weltpolitischen 
Lage und die Störungen des Weltmarkts durch die Kriege mit 
ihren Konsequenzen für die Kaufkraft der Völker. Der Abfall der 
amerikanischen Kolonien von England seit 1774 versetzte dem 
böhmischen Glashandel den ersten derben Stoß. Die Teilnahme 
Frankreichs am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg seit 1777, die 
Einmengung Spaniens seit 1779, Hollands seit 1780, sämthch 
Länder, nach denen sich der böhmische Glasexport richtete, kamen 
hinzu. Viele Kisten böhmischen Glases wurden von den Engländern 
gekapert, andere litten unter den Witterungsverhältnissen und dem 
Transport. Die Teuerung in den vom Kriege betroffenen Ländern 



270 I^i® Glasindustrie. 

machte das Geschäft vollends verlustbringend. So wird schon 1780 
aus Spanien berichtet , daß der dortige Handel kaum die Kosten 
des Lebensunterhaltes decke. Die Teuerung sei so groß, daß ein 
Strich Getreide an 20 fl. , eine Henne 2 fl. koste , die übrigen 
Lebensmittel seien proportional gestiegen. 1781 mußten die Händler 
dem Könige vier Steuern liefern — all dies drückte das Geschäft. 
Freilich boten anderseits gerade solche gefährdete Zeiten Gelegen- 
heit zu bedeutenden Zufallsgewinnen für diejenigen, welche ein 
großes Risiko übernahmen. 

2. Die veränderte Richtung der Welthandelspolitik, die Be- 
strebungen der Weltstaaten, große geschlossene nationale Wirtscliafts- 
einheiten zu bilden und die fremde Wareneinfuhr durch Zölle und 
andere Auflagen zu hemmen, kommen als weitere Erschwernisse 
hinzu. Portugal, welches bisweilen die größten Mengen böhmischen 
Glases aufgenommen hatte , war am radikalsten vorgegangen ; es 
verbot einfach die Einfuhr fremden Glases. Um den portugiesischen 
Markt nicht ganz aufzugeben, waren die böhmischen Glashändler in 
Portugal dazu übergegangen, statt des Glases mit rohen, gebleichten 
und farbigen Leinwanden, leinenen Tücheln, gebleichtem Zwirn, 
wollenen und zwirnenen Strümpfen aus Böhmen das Geschäft fort- 
zusetzen. Es entstanden nach und nach im Auslande , selbst in 
Polen, Rußland und Nordamerika, nationale Glasindustrien, <Ue 
dem böhmischen Produkt schwere Konkurrenz bereiteten. 

3. Die zeitweilige Suprematie des böhmischen Glases auf dem 
Weltmarkt scheint eine gewisse Rückständigkeit der Technik zur 
Folge gehabt zu haben. Keine von den großen Erfindungen im 
Glasgewerbe woirde in Böhmen und von Böhmen gemacht. Das 
böhmische Glas verdankt seinen Ruhm der GeschickUchkeit , mit 
der böhmische Glasmacher fremde Erfindungen auszunutzen und 
anzuwenden verstanden. Kunckel, der Erfinder des Rubinglases 
und hervon-agende Naturforscher war ein Niederländer wie Caspar 
Lehmann, der den Glasschnitt wieder zu Ehren brachte. Friedrich 
Egermann, dem das böhmische Glasgeschäft viel verdankt, bringt 
das Geheimnis der Farbentechnik aus der Meißener Porzellanfabrik, 
bessere Werkzeuge der Glasbereitung werden aus England herbei- 
geholt. Kurz alle technischen Fortschritte wurden — und sicher- 
lich hat dazu die Gewohnheit des Reisens zu Fuß mit beigetragen — 
aus der Fremde adoptiert, während anderseits die böhmischen Glas- 
maler überall als geschickte, anstellige Arbeiter bekannt und, seit 
Maria Theresia ihnen die Begünstigung der Befreiung vom Militär- 
dienst entzogen hatte, zur Auswanderung angelockt wurden. 



Der Niedergang des Glasgewerbes. 271 

4. Und zu all dem trat hinzu, daß die „vorzüglichste Eigen- 
schaft'' des böhmischen Glases, das, was neben und vielleicht noch 
mehr als seine natürlichen Qualitäten, ihm eine Monopolstellung 
verlieh: die Wohlfeilheit immer mehr schwand. Die Preise des 
Holzes und der Potasche, bis zur Revolutionierung des neunzehnten 
Jahrhunderts die beiden wichtigsten Materialien in der Glaserzeugung, 
stiegen beständig als Ursache und Wirkung zunehmender Ver- 
wendungsgelegenheiten , so daß zu Beginn des neunzehnten Jahr- 
hunderts (1804) die böhmischen Glashändler über die „täglich 
steigenden böhmischen Glaspreise" klagten und von der erfolgreichen 
Konkurrenzierung des böhmischen Glases durch das wohlfeilere 
französische auf dem Weltmarkt sprachen ^^. Insbesondere ver- 
langten sie ein Ausfuhrverbot für Potasche, die auch zu Bleich- 
zwecken in der aufstrebenden Textilindustrie Verwendung fand 
und schon früher mit einem Ausfuhrzoll von anfänglich V2 fl., 
später 1 fl. belegt war. 

Der Handel war noch immer am geschmeidigsten und an- 
passungsfähigsten; er löste die enge Verbindung mit dem Stamm- 
hause und ging zu anderen Waren über, nach denen große Nach- 
frage herrschte. Oder aber er suchte möglichst viel von dem bunten 
Lager abzustoßen, das Kapital, das ein großes, wohlassortiertes Lager 
dauernd festlegte und verschlang, zu vermindern, nur wenige, stets 
gangbare Sorten zu führen, da es Maxime eines klugen Kaufmanns 
sei, „mit geringen Mitteln sich den größtmöglichen Gewinn zu ver- 
schaffen." Die Geschäftsüberschüsse sollten nunmehr statt wieder 
im Geschäft investiert zur Akkumulation eines Reservefonds für 
das Alter und unvorhergesehene Fälle verwendet werden. Der An- 
kauf von Häusern, Staatsobligationen, Pfandbriefen auf kurrente 
Waren oder Hypotheken wird empfohlen, woraus man schon das 
Ruhebedürfnis und die Liquidationslust der alten saturierten Händler 
erkennen kann. Auch sie kamen mit der Zeit nicht mehr mit. 
Bei dieser Lage der Dinge häuften sich natürlich die Klagen und 
Beschwerden der vom Niedergang Betroffenen. Immer waren es 
nun dieselben Argumente, mit denen sie in zahlreichen Denk- 
schriften Eindruck zu machen suchten : erstens der beständige Hin- 
weis auf die reine Aktivität des Glashandels, da die ganze Produk- 
tion vom Beginn bis zur Fertigstellung des genußreifen Produkts 
zum Unterschied von der Textilindustrie im Inlande mit inländischen 
Materialien geschehe , so daß ein reiner Aktivsaldo aus der Glas- 
ausfuhr resultierte. Sodann wird als Vorzug die vergleichsweise 
bessere Lebenshaltung und Steuerfähigkeit der Glasmacher gegenüber 



272 Die Glasindustrie, 

denen des Textilge werbes und die ruhmvolle Geschichte dieses 
Erwerbszweiges angeführt. Vielfach sind es auch die gleichen Klagen, 
die sich noch vor dem Niedergang des Handels seit Anfang des 
achtzehnten Jahrhunderts durch hundert Jahre mit zäher Beständig- 
keit wiederholen. Vor allem beschwerten sich die Händler über 
den ruinösen Wettbewerb von selten in das Handwerk oder viel- 
mehr in den Handel pfuschender, berufsfremder Abenteurer, über 
„jene Vagirere und liederliches Gesindl, welche unbesonnener 
Weis' sich in Hanthierung eindringen . . .", Glaswaren vom Ver- 
leger auf Kredit nehmen, es durch den Frachter lombardieren lassen, 
als „merkantilistische Don-Quixotte" es im Ausland verschleudern 
und als schiffbrüchige Bankerotteure in die Heimat zurückkehren 
oder sich in der Fremde als Betriebsleiter anwerben lassen , sehr 
zum Schaden des Renommees der Ware und des reellen Geschäfts. 
Dies ist ein Hauptübelstand, der sich frühzeitig im böhmischen 
Glashandel bemerkbar gemacht zu haben scheint, aber nichts 
charakterisiert so deutlich den verschiedenen Geist, der zur Zeit 
des blühenden Geschäfts und zur Zeit des Niedergangs die Händler- 
schaft beseelte als die verschiedenen Mittel, mit denen zu ver- 
schiedenen Zeiten gegen dieses Übel angekämpft wurde. Im 
Jahre 1715 helfen sich die Händler selbst. Am 10. Oktober dieses 
Jahres schließen die in Portugal stehenden Negozianten und Glas- 
händler der vier hauptsächlich in Betracht kommenden HeiTSchaften, 
von der Erwägung ausgehend, daß die Gesellschaftsbildung über- 
haupt nur durch „gewisse Statuten , Artikul und Gesetze ihren 
Anfang genommen" und dadurch in Blüte erhalten worden sei, eine 
Konföderation, der sich auch die Giasverlöger anschließen. Sie 
verpflichten sich unter Verpfändung ihrer ganzen wirtschaftlichen 
Reputation und unter Androhung des völligen Boykotts im Falle 
des Zuwiderhandelns zur Einhaltung aller Vertragsbestimmungen 
und stellen diese, da sie keine Straf exekutive durchführen können, 
freiwillig unter den Schutz ihrer Gutsherrschaften, indem sie um 
Genehmhaltung und Konfirmation dieser Statuten bei den vier 
Herrschaften ansuchen. In diesem Vertrag nun kommen sie überein, 
daß jeder nach Portugal oder „Algabrien" exportierende Glashändler 
bei der Ausfuhr der Waren sich dem Statut der Konföderation aus- 
drücklich unterwerfe und eine Bestätigung darüber mitbringe. Bei 
seiner Ankunft im Bestimmungslande trägt er sich wieder in das 
Statutenbuch ein und empfängt dafür alle für ihn wichtigen In- 
formationen. Der Verkauf des Glases an Hausierer wird streng 
untersagt bei 10(1 Reichstaler Strafe. UnverkäufHche Waren über- 



Der Niedergang des Glasgewerbes. 273 

nimmt die Gesellschaft für eigene Rechnung, um so den Markt 
nicht überführen zu lassen und die Preise zu halten. Notleidenden 
Händlern leistet sie Vorschuß und übernimmt scldielilich auch Kredit- 
versicherungen , sie sequestriert in Geldverlegenheiten befindliche 
Mitglieder durch Übernahme der Forderungen des Verlags bei faUieren- 
den Händlern. Die Strafgelder fließen zu je einem Drittel wohltätigen 
Zw^ecken, der Herrschaft des straffälligen Untertanen und der Ge- 
nossenschaftskasse zu. Und so v^ie die Händler schließen sich auch 
die Glashüttenmeister zu Preiskartellen zusammen, wenigstens wird 
uns von einem Bündnis der Glashüttenmeister im Czaslauer Kreise 
aus dem Jahre 1739 berichtet, die zu einer Preissteigerung des 
Glases und überdies unter Strafe von 100 Krem nitzer Dukaten sich 
dazu verpflichten, gewisse, insbesondere die kleinen Glassorten, gar 
nicht mehr anzufertigen. — 

Im Jahre 1820 sind die Klagen der Glashändler dieselben wie 
100 Jahre früher — aber die Energie zur Selbsthilfe ist geschwunden. 
Da wird nicht mehr an die Selbstbestimmung appelliert, sondern 
da heißt es in einer Denkschrift, die von allgemeinen Reflexionen 
trieft, um einen an sich schwachen Standpunkt zu stützen: „Es 
wird die Bitte gestellt, eine wohllöbliche k. k. Kreisbehörde wolle 
zur Abwendung des gänzlichen Verfalls und Ruins dieser Erwerbs- 
quelle eingreifende Maßregeln und Vorkehrungen treffen, überhaupt 
dieses Geschäft jenen Händen entreißen, in welchen es sich zum 
Schaden des einzelnen und des allgemeinen gegenwärtig befindet." 
Da sprechen die Herren Negotianten von gewalttätigen Eingriffen 
in die Rechte der einheimischen Geschäftsleute, von einer „De- 
fraulation an dem nationalen Vermögen", wenn ausländische Käufer 
an Ort und Stelle der Produktion sich die Waren, die sie benötigen, 
aussuchen und den böhmischen Händler umgehen. Sie beschweren 
sich schon lange , daß die Glashüttenmeister es wagen , sich des 
Glashandels zu bemächtigen und das Veredlungsgewerbe, die Kugler, 
Maler, Schneider und Schleifer an die Rohstoffgewinnung heran- 
ziehen. Man verlangt von der Regierung, sie solle den Glashütten- 
meistern die Ausfuhr von Rohglas verbieten und die inländischen 
Händler zum ausschließhchen Einkauf des Rohglases privilegieren. 

Die Regierung, weitsichtiger und freiheitÜcher gesinnt als die 
Händler, konnte mit Recht darauf hinweisen, daß sie in der An- 
gliederung des Weiterverarbeitungsgewerbes an die Rohstofflier- 
stellung einen betriebsorganisatorischen Fortschritt erblicke, der 
Frachtkostenersparnis bedeutet, daß es vom Standpunkt des Ganzen 
gleichgültig sei, wer den Veredelungsgewinn erziele, der Glas- 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 18 



274 Die Glasindustrie. 

händler oder der Glashüttenmeister, wenn der Gewinn nur über- 
haupt im Lande bleibe, und daß der Händler, zum ausschließ- 
lichen Ankauf des Rohglases privilegiert, diese Befugnis bei dem 
bestehenden Rohglasausfuhrverbot nur zu Preisdrückereien des 
Rohglases benützen würde. Einmal auf dieser Bahn , gehen die 
Händler immer weiter. Sie verkünden ihre Überzeugung, daß nur 
die Polizeiaufsicht und die damit garantierte Ordnung und zweck- 
mäßige Betriebsführung imstande seien, den Handel und das Fabriks- 
wesen zu heben, auszubilden und zu erhalten, und nur der bis- 
herige Mangel der Organisation des Glashandels von Staatswegen 
Schuld an dessen Verfall trage. Daher verlangen sie die Einführung 
des Befähigungsnachweises für den Handelsbetrieb in weitgehendstem 
Maße, die Erschwerung der Auslandsreisen durch Verweigerung der 
Pässe und die Kontrolle der Legitimation zum Handelsbetrieb an 
der Grenze. Um es mit einem Wort zu sagen: der zünftlerische 
Geist, von der Regierung erfolgreich bekämpft, war in die Händler 
gefahren und hat vielleicht mehr als alles andere zur Erstarrung 
und Erlahmung dieses iiihm- und erfolgreichen Erwerbszweiges bei- 
getragen. So brechen sie denn tatsächlich für die Zunftorganisation 
eine Lanze und erklären sich gegen die Gewerbefreiheit. „Wenn 
Schranken im Staate in allen Dingen nötig sind, weil der Staat 
schon seinem Begriff nach vernünftige Beschränkung des einzelnen 
durch das Ganze ist, so ist das Zunftwesen die zweckmäßigste 
Beschränkung des Handels wie der Gewerbe, weil sie vom Volk 
selbst ausgeht und nur unter Aufsicht der Regierung steht." Frei- 
lich sei sie schon ihrem Begriff nach relativ „und wird im Leben 
bedingt durch alle gegebenen Verhältnisse des Augenblicks". Un- 
bedingte Handelsfreiheit pflege nur in zwei Fällen von den Re- 
gienmgen verstattet zu werden, namentlich in neu geschaffenen 
jugendlichen Staaten, wie z. B. in Nordamerika, oder bei einem 
älteren, mehr entwickelten Staate, „wenn derselbe darauf strebt, 
die Herrschaft des Handels, also den Hauptanteil daran, an sich 
zu reißen, wovon England das Beispiel liefert" ; allgemeine Handels- 
freiheit, das bestätigen die Deduktionen wie die tägliche Erfahrung, 
sei bloß ein Ideal. Ihre Forderungen an den Staat gipfeln dem- 
gemäß in dem zunftmäßigen Zusammenschluß des ganzen Gewerbes 
und in der Befürwortung einer Zwangsinnung für den Handel, einem 
Handelsgremium mit einem aus seiner Mitte ei-wählten Handlungs- 
direktorium. Von ihren allgemeinen Grundsätzen über die Freiheit 
scheinen sie nur für sich selbst und ihren eigensten Bedarf eine 
Ausnahme für zulässig erachtet zu haben. In ihrer Denkschrift an 



Der Grundherr als Unternehmer. 275 

den Kaiser ersuchen sie, da sie von Jugend auf an die südländische 
Lebensweise gewohnt seien, um die Bewilligung zur Einfuhr eines 
gewissen Quantums südlicher Weine, der gute Kaiser Franz gab 
aber darauf den lakonischen Bescheid: „Sie sollen ÖsteiTeicher 
Wein trinken, ich trinke auch nur solchen." 

Der Grundherr als Unternehmer. 

Das wirtschaftliche Leben des Landes war durch Erstarrung 
des bürgerlichen Erwerbsgeistes in Gewerbe und Handel in Gefahr 
zu verdorren; aber noch waren nicht alle Ressourcen der Wirt- 
schaft erschöpft, noch waren die Potenzen aus ihrem Schlummer 
nicht geweckt, die nicht nur ein Weiterleben, sondern eine Ver- 
jüngung ermöglichten : der Staat und der grundherrliche Adel. 
Diese meldeten sich jetzt und traten wie vergessene Götter auf 
den Plan, aber nicht mehr getrennt oder einander feindsehg, son- 
dern vielmehr der eine als der Vollstrecker des innersten Willens 
des anderen sich fühlend und nicht nur des Staatswillens, sondern 
des Zeitgeistes überhaupt. Ja mehr noch : der grundherrHche, nun- 
mehr staatsstreue Adel hat den jungen Staat überhaupt erst sich 
selbst und seine Zwecke verstehen gelehrt, und ihm dadurch, daß^ 
er seinen Plänen und Absichten, so viel an ihm lag, zum Leben 
verhalf, die Wege geebnet zur Entfaltung einer eigenen kraftvollen 
Energie. Der adelige grundbesitzende Industrieuntemehmer wurde 
der Pädagoge des absolutistischen Wirtschaftsstaates und dessen 
Industriepolitik. Denn von diesen zwei Potenzen, Staat und Grund- 
herr, wdrkte der erstere zunächst negativ, indem er durch seine 
Gesetzgebung Schranken und Hindernisse des Fortschritts beseitigte 
und den energischen Willen zu einer wirtschaftlichen Konzentration 
aller Kräfte kundgab; der Grundherr aber schuf positiv und aktiv, 
indem er neue Unternehmungen gründete oder die alten schon be- 
stehenden in eigene Regie übernahm und seinem Wirtschaftskom- 
plexe einordnete. Er also war es, der die neue Freiheit gestaltete, 
dem neuen Wirtschaftsrecht seinen Inhalt, sein Objekt und damit 
der Wirtschaft des Landes ihren Stil gab. Dazu noch eines: von 
Karls VI. und Maria Theresias Zeiten gewann , wie man verfolgen 
kann, die Literatur Einfluß nicht nur auf die Praxis der Staats- 
regierung, die jetzt zwar nicht ein befriedigtes Dasein führte, aber 
doch gleichsam atemholend einen Teil der Energien der Reorgani- 
sation des Staates nach „vernünftigen" Grundsätzen zuwenden 
konnte, sondern auch auf den großen Kreis der Gebildeten und 

18* 



270 ^'e Glasindustrie. 

zunächst gewißlich wiederum des Adels, der sich nicht zum blinden, 
passiven Vollstrecker dieses Staats- und Zeitwillens machte, sondern 
teils selbst zu den literarischen Wortführern gehörte, teils die 
Stellung eines verantwortungsvollen Staatsbeamten mit der eines 
Unternehmers verband. So nahm er dem Staat gegenüber etwa 
die Stellung eines Ministers gegenüber seinem Souverän im kon- 
stitutionellen Staate ein, er deckt den Herrscher mit seiner Ver- 
antwortung und trägt doch seine ganze Würde als ein Werkzeug 
und Diener der obersten Macht. Der Adel also war nach Stellung 
und Herkommen am meisten befähigt unter allen Volksklassen, die 
Reorganisation des Staatslebens in die Hand zu nehmen und maß- 
gebend zu bestimmen. 

Die Aufnahme und innere Verarbeitung der neuen Gesamt- 
staatsi lee mußte für den Adel in den böhmischen Ländern — trotz 
des 30 jährigen Krieges — ein schwieriger Erlebnisprozeß , aber 
von der wirtschaftlichen Seite her doch am einleuchtendsten ge- 
wesen sein, denn in seinem eigenen Wirtschaftsbereich, in dem er 
als kleiner Gott regierte, konnte er immerzu vor Augen sehen, 
welcher Zuwachs an Leistungsfähigkeit, welche Krafterhöhung der 
Organisation disparater, nebeneinanderstehender Einzelbetriebe zu 
einem geschlossenen wirtschaftlichen Ganzen, zu einer „organischen" 
Einheit, innewohne. Die Wirtschaftspolitik des Staates Maria 
Theresias bestand nun darin, das wirtschaftliche Prinzip des ade- 
ligen GroßgiTindbesitzers und (worin seine wirtschaftliche Kultur- 
leistung bestand) die Organisation, die Ineinssetzung im großen nach 
einem vernünftigen Plan auszuführen und für den gesamten Staat 
zu fruktifizieren. An Stelle des grundherrlichen tritt nunmehr viel- 
fach der Staatsbeamte, der statt nach den Anweisungen und Zwecken 
des Grundherrn nach denen des Staates regiert. Abgesehen von 
diesem psychologischen Motiv mußten den Adel noch andere Er- 
wägungen mit dem Gedanken, dem Staate zu geben, was des 
Staates ist, und, worauf dieser jetzt beharrte, auch einen Teil seiner 
Hoheit der neuen Staatsidee zu opfern, aussöhnen; erstens die 
Erwägung, daß in diesem Zeitalter der Konsolidierung der Welt- 
mächte von der Konzentration aller Kräfte der Bestand des Staates 
überhaupt, seine Erhaltung und Selbständigkeit, abhänge und da- 
mit schließlich auch das Schicksal des Adels, und zweitens sodann 
die Einsicht oder vielleicht die Ahnung, daß eine großartige Ver- 
schiebung der Reichtumsquellen und -Erwerbung sich vorbereite, 
die, völlig neuartig, die alten Organisationsprinzipien, Techniken, 
yerfahrungsweisen, über den Haufen werfen würde, daß vielleicht 



Der Grundherr als Unternelimer. 277 

zum erstenmal in der Geschichte nicht die Vorzüge der Geburt 
und der Stellung, sondern die größte Beweglichkeit, die größte 
Anpassungsfähigkeit, die größte persönliche Begabung, kurz die 
größte Freiheit und nicht die größte Bindung den Sieg in diesem 
industriösen Zeitalter davontragen würden, sodaß sich der Wert 
der adeligen Vorrechte und Monopole gerade in dem welthistorischen 
Augenblicke verminderte, als deren Beibehaltung und Konservierung 
für die Gesamtheit besonders schädlich und dem Staate gefahr- 
drohend zu werden anfing. Mit einer feinen Witterung des Kom- 
menden ging daher der Adel gerüstet und wohl vorbereitet der 
Zukunft entgegen, statt sich ihr in blinder Verstocktheit entgegen- 
zustemmen; er erkannte den Zeitgeist viel besser als das organi- 
sierte Bürger- oder vielmehr Spießbürgertum, als die Zünfte, die 
immer in unfruchtbarer Defensive die Bedürfnisse und Zeichen der 
nahenden Zeit übersahen und außerstande waren, eine neue Bil- 
dung, ja auch nur einen neuen Gedanken aus sich zu gebären. 
Mit dem Drängen nach neuen Gestaltungen w^ar aber der vor- 
handene Bestand, die bisherigen Leistungen und Erwerbungen des 
Grundherrn nicht etwa bedeutungs- und wertloses Kapital, im 
Gegenteil: überall knüpfte das Neue an das bestehende Alte an, 
überall suchte man das Alte im Sinn und nach den Erfordernissen 
des Neuen zu verwerten, das Neue in den alten Rahmen irgendwie 
einzufügen, und die moderne Industrie des Landes hat von diesen 
Beständen an alten massenhaften, weit ausholenden Bildungen, in 
denen ja schon seit Jahrhunderten gewisse modernste W^irtschafts- 
und Organisationsprinzipien vorgebildet vorlagen, ihr unaustilgbares 
Gepräge, ihren spezifisch ökonomischen Formcharakter erhalten 
und sich bewahrt. 

Davon freilich, daß nun der Staat das wirtschaftende Indivi- 
duum auf sich selbst gestellt und seinem eigenen Schicksal über- 
lassen hätte, kann zunächst (bis etwa 1770) keine Rede sein. Diese 
im Gnmde biologische Einsicht in das Wesen der Gesellschaft und 
des Wirtschaftsprozesses blieb ihm bis zu den Physiokraten ver- 
sagt. Der Rationalismus der absolutistischen Staatsidee schloß diese 
Möglichkeit aus, vielmehr wünscht der Staat gewissermaßen in der 
ersten Entdeckerfreude , nach den Verheerungen der Kriege ein 
neues Kulturziel , die allgemeine , auf intensivster Wirtschafts- 
entfaltung beruhende Wohlfahrt, gefunden zu haben, an der Ver- 
wirkHchung dieses Zieles selbst zu arbeiten, das beglückende Zeit- 
alter selbst heraufführen zu können. Indem nun so der absolutistische 
Staat den patriarchalen oder vielleicht besser den matriarchalen 



278 Die Glasindustrie. 

Gedanken der Grundherrs haft übernahm und mit der Küchenpolitik 
der Städte verband ^^, belud er sich mit einem gewissen mütter- 
lichen Gefühl der Verantwortlichkeit, bemutterte er die Volkswirt- 
schaft recht eigentlich, wie er sie bisher ausgebeutet hatte, griff 
hier und da helfend und beratend ein, teilte diesem und jenem eine 
Gabe aus und suchte es allen nicht nur recht, sondern recht be- 
haglich zu machen. Das Gleichgewicht und die Interessenharmonie ^^, 
die er so zu verwirklichen strebte in den Beziehungen seiner ein- 
zelnen Bestandteile zueinander wie in seinen Verhältnissen zu den 
anderen Staaten war nicht das Gleichgewicht der Physioki-aten, 
ein natürliches, biologisches, ja kosmisches, sondern gewissermaßen 
ein vom Staate selbst künstlich geschaffenes ; nicht eine Herrschaft, 
sondern eine Imitation der Natur. Sicherlich ruhte dieses Gleich- 
gewicht auch nicht auf der freien Beweglichkeit aller, seiner Teile, 
war nicht das Resultat der allgemeinen KonkuiTcnz, sondern es 
schloß die freie und ungehemmte Konkurrenz geradezu a priori aus 
und arbeitete, wie früher die Grundherren, mit Privilegien, nur 
<iaf3 jetzt die Grundherren gerade diejenigen sind, die vom Staate 
Privilegien entgegennehmen, statt wie früher sie verleihen. Der 
Staat also macht sich zum Garanten der Rente der Unternehmungen, 
die durch seine Anregung ins Leben gerufen werden, aber nicht 
nur der Rente, sondern auch der Qualität der Produkte. Die zahl- 
reichen Fabrikprivilegien, die vom Beginn des achtzelmten Jahr- 
hunderts an vom Staate verliehen werden, haben nicht wie früher 
fiskalische Bedeutung, sind auch nicht „Regalien", sondern haben 
gemäß der veränderten Stellung des Staates gegenüber der Wirt- 
schaft den zweifachen Sinn : die wirtschaftliche Tätigkeit als Mittel 
der obersten Staatszwecke zu fördern durch Schaffung einer kapi- 
talistischen , für den Export sowie für den Konsum des Reiches 
arbeitenden Großindustrie und diese neugeschaffenen Erwerbszweige 
der zünftlerischen Gebundenheit zu entziehen. Indem der Staat das 
eine große Prinzip alles Zunftwesens, den Ausschluß der Konkurrenz, 
von der Zunft ablöst und dieses monopolistische Prinzip gewissermaßen 
verstaatlicht, nach „gemeinwirtschaftlichen", statt nach privaten 
Wirtschaftsinteressen verwaltet, befreit er eben dadurch gerade die 
neu entstandenen Bildungen , die Fabriken , von zünftlerischer Ge- 
bundenheit und überläßt sie ihrem eigenen Entwicklungsgesetz. 
Verfolgt man den Inhalt dieser Fabriksprivilegien geschichtlich, so 
erkennt man alsbald, daß sie ihren Charakter der Exklusivität als 
vom Staate gestiftete monopolistische Unternehmungen immer 
mehr verlieren und schließUch nur in der Befreiung von aller zunft- 



Der Grundherr als Unternehmer. 279 

mäßigen Verfassung ihren Kernpunkt haben. Neben gewissen 
Steuer- und Zollbegünstigungen, der Rekrutierungsfreiheit der Unter- 
nehmer und ihrer Hilfsarbeiter ist das Wesentliche die ungehemmte 
Selbstbestimmung über die Art der Arbeitsverfassung, die Ver- 
wendung zünftiger und unzünftiger Arbeiter in beliebiger Zahl, 
sodann der gesetzliche Schutz des Arbeitsvertrags — kurz sie werden 
zu einem Instrument, um den Neugründungen Arbeitskräfte zu- 
zuführen , die sonst und bisher ins Handwerk abgeströmt waren 
und es übersetzt hatten. Die Bewegungsfreiheit, die Dimission 
aus aller veralteten Gebundenheit wurde das Lebenselement dieser 
Neugründungen, und der Staat gewann nach einigem Zögern wenig- 
stens für die sogenannten Kommerzialgewerbe , d. li. bei den für 
den Absatz produzierenden Gewerben, genügendes Zutrauen zu der 
Lehre der Wissenschaft oder in die eigene praktische Erfahning, 
daß das Leben und die sich selbst überlassenen Instinkte auch ohne 
staatliche Regulierung jenes Wunderwerk vollbringen, das wir uns 
allerdings viel zu wenig oft als solches ins Bewußtsein rufen: aus 
dem Chaos der Motive und Zwecke den Kosmos der Wirtschaft zu 
gestalten, in dem sich alles wie nach einem vorgefaßten Plan voll- 
zieht. Wenn die Staatsbehörde gelegentlich ihre Politik der Er- 
tragsgarantie durch Privilegierung der Unternehmer gegenüber 
zahheichen Beschwerden damit rechtfertigte , daß auf diese Weise 
der Unternehmungsgeist geweckt werden müsse: „Wer würde w^ohl 
einer so kostbaren und gefährlichen Fabrique sich unterwinden, 
wenn er nicht, um sich des Schadens derer erster en Jahre zu er- 
holen, des Debits auf längere Jahre gesichert wäre?"^^ — , so er- 
klärte sie späterhin (seit den siebziger Jahren), die physiokratischen 
Anschauungen sich zu eigen machend, diese ausschließlichen Privi- 
legien für höchst schädhch, weil „derley ausschließende Freyheitten 
eine Art des Monopolii mit sich führen und den aemulierenden 
Fleiß ersticken" 30. 

Für sein unmittelbares schöpferisches Eingreifen in das Wirt- 
schaftsleben mußte sich der Staat insbesondere zwei Vorbedingungen 
schaffen : erstens eine genaue Kenntnis der Wirtschaft seiner Völker, 
eine Übersicht über den Stand und Gang der Volkswirtschaft und 
ihre Veränderungen. Daher denn jetzt der größte Wert auf alle 
demographischen, statistischen, kurz exakten Kenntnisse des Staats- 
imd Wirtschaftslebens gelegt mrd, wie ja auch die Leistungen 
dieser Zeit auf diesen Gebieten teils überhaupt nicht wieder, teils 
erst in unseren Tagen erreicht worden sind. Um nur einige dürftige 
Beispiele zu nennen: die Kommerzialstellen werden instruiert, den 



280 JDie Glasindustrie. 

gegenwärtigen Stand der gewerblichen Entwicklung jedes Landes 
zu ermitteln und anzugeben, wie der „Genius Nationis" beschaffen 
sei, und „was man sich eigentlich von desselben Industrie und 
Fähigkeit zu versprechen habe?" ^^ Immer wieder werden von den 
Länderstellen die „Staatsbrillen" genannten Manufakturtabellen, 
statistischen Nachweisungen über Personenzahl, Art und Menge der 
erzeugten Produkte eingefordert, zur Information nicht nur der Be- 
hörden selbst, sondern auch „den Handelsleuten, Trafikanten und 
Verlegern zu ihrer Spekulation", exaktes Zahlenmaterial also als 
Basis rationeller wirtschaftlicher Operationen, um den Zufall aus 
der Spekulation zu verdrängen, speculatio de non speculando, wie 
man sagen könnte. Aber der Staat begnügte sich nicht mit der 
Zurkenntnisnahme dieser Tabellen, sondern machte sie seinerseits 
zur Grundlage der sogenannten Kommerzialoperationspläne, welche 
alle Maßnahmen enthielten, die von der Behörde im Laufe des 
folgenden Jahres zugunsten der Industrie ihres Verwaltungsgebietes 
in Aussicht genommen waren. Und ein Zweites : der Staat brauchte 
Organe , Fühler gewissermaßen , die von der Peripherie her alle 
Lebensäußerungen und Bedürfnisse dem Zentrum mitteilen, Nerven, 
die den Zentralsitz des Lebens gewissenhaft bedienen. Das will 
sagen : er mußte sich die seinen Zwecken entsprechende Behörden- 
organisation schaffen. Versucht man in groben Zügen die leitenden 
Tendenzen der Verwaltungsreform Maria Theresias zusammen- 
zufassen, so kann man sagen, diese Reform war beherrscht von 
drei Ideen: 

1. der Idee der Zentralisation, dergemäß alle Verwaltungs- 
angelegenheiten am Sitze der Regierung des gesamten Staates, der 
neuen Wirtschaftseinheit, zusammenlaufen und von hier aus alles 
entschieden und geleitet werden sollte; 

2. der der Emanzipation der Wirtschaftspolitik von den übrigen 
Verwaltungsaufgaben, der Trennung des Kommerziale von dem 
Politikum, Verselbständigung der Wirtschaftsverwaltung als einer 
und zwar der prominentesten Staatstätigkeit; 

3. der Idee der Differenzierung der Wirtschaftsangelegenheiten je 
nach ihrer staatlich anerkannten innereren Relevanz, je nachdem, ob 
die Gewerbe für den allgemeinen Markt, für den Export insbesondere 
oder ob sie für den Lokalbedarf arbeiteten. Die ersteren sind die 
schon erwähnten Kommerzialgewerbe mit freierer Leitung, auf 
deren Förderung es jetzt dem Staate eigenthch ankommt, sie sind 
das spezifisch „Moderne" im Wirtschaftsleben, die letzteren, die 
hauptsächlich die Nahrungsmittel umfassenden Polizeigewerbe, rück- 



Der Grundherr als Unternehmer. 281 

sichtlich deren die alte, seit dem Mittelalter unveränderte Lebens- 
mittelpolitik mit ihrem festen Arsenal unumstößlicher Grundsätze 
beibehalten wurde. 

Zur Ausführung dieser vom Staate gestellten neuen Aufgaben 
nützten w^eniger formale und juristische Kenntnisse , als eben die 
spezifischen Fähigkeiten des Verwaltungsbeamten: Organisations- 
gabe, Phantasie, Verständnis für Realien, Verantwortlichkeitsgefühl, 
Initiative usw., Eigenschaften, die sich unbeschadet der überall vor- 
kommenden Tüchtigkeit gerade bei dem Adel finden mußten, der 
diese Talente schon bisher in seinen eigenen Unternehmungen zu 
bewähren hatte — und darum fiel nun dieser schon bisher im Staate 
bevorzugten Klasse auch jetzt der Hauptteil der praktischen Staats- 
und Wirtschaftsreform zu. 

Ein idealer Repräsentant des neuen aristokratischen Unter- 
nehmertums Böhmens im achtzehnten Jahrhundert — ideal in dem 
zweifachen Sinne des Wortes — ist der bekannte Graf Josef Johann 
von Kinsky in Bürgstein (1705 — 1780), der selbst an der Spitze 
einer für die Landwirtschaft wichtigen Staatsbehörde die wirt- 
schaftspolitischen Grundsätze des absolutistischen Zentralismus in 
die Praxis überführte und in seinen ungemein zahlreichen Grün- 
dungen auf seinen Gütern eine Art industrieller Musterwirtschaft 
für das ganze Land, einen wirtschaftlichen Mikrokosmos, darzustellen 
beabsichtigte. Auf allen Gebieten der Manufaktur wie der Fabrik 
hat er sich mit größerem oder geringerem Erfolg versucht, und 
seine Schöpfungen — mögen auch viele nur Eintagskinder ge- 
wesen sein — haben doch lange und allenthalben im Lande durch- 
aus vorbildlich, wie sie gemeint waren, industriepädagogisch gewirkt. 
Vorläufig erwähnen wir in diesem Zusammenhang mit der Glas- 
industrie nur, daß er, auf dessen Gütern die böhmische Glasindustrie 
Im sechzehnten Jahrhundert ihren Ursprung genommen hatte — 
haben doch die Vorbesitzer der Kinskyschen Heri'schaften die ersten 
Privilegien an Glashüttenmeister und Händler verliehen — , jetzt 
beim beginnenden Niedergang des Glasgeschäfts von 1756 an mehrere 
Spiegelfabriken mit Adnexen und eine Glasperlenfabrik erbaute, in 
denen aus Nürnberg und Fürth, bzw. aus Neapel und Ferrara ge- 
holte Meister die ansässigen Untertanen und einwandernden lutheri- 
schen Arbeiter anlernten, und die für lange Zeit hinaus den Ruhm 
des Landes und seiner Glasprodukte aufs neue belebten. Die 
Bürgsteiner Spiegel, zu denen die Rahmen, Schnitzwerk und Metall- 
belag in eigenen, der Spiegelfabrik angegliedei*ten Betrieben an- 
gefertigt wurden, erfreuten sich bis tief ins neunzehnte Jahrhundert 



282 t)ie Glasindustrie. 

hinein großer Berühmtheit, besonders im Orient und scheinen bis 
zu den modernen technischen Umwälzungen mit den französischen 
und venezianischen Spiegeln einen erfolgreichen Wettbewerb auf 
dem Weltmarkte bestanden zu haben. Die verschiedensten Betriebs- 
formen finden sich in dieser mehrere Unterabteilungen umfassenden 
Spiegelindustrie nebeneinander: neben fabrikmäßiger Produktion 
Hausindustrie zum Teil von Frauen und Kindern ausgeübt. Die 
Rentabilität dieses Zweiges scheint, insbesondere wegen der günstigen 
Produktionskosten des reichlichen Rohmaterials, das die eigene 
Forstwirtschaft lieferte, und der niedrigen Arbeitslöhne einß gute 
gewesen zu sein , wie ja auch diese Spiegelfabriken von allen In- 
dustrieschöpfungen des Grafen fast allein die technische Revolutio- 
nierung der Industrie seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts 
überdauert haben. 

An dieser Stelle gilt es, ein naheliegendes und sehr plausibles 
Mißverständnis abzuwehren, als ob nämlich der Staat mit einer 
noch so energischen Proklamierung seines Willens oder ein ein- 
zelner Unternehmer mit noch so opferfreudiger Begeisterung füi* 
den Staatswillen die Industrie einer Gegend hätte aus dem Boden 
stampfen können. Warum ist sie gerade in bestimmten Gegenden 
entstanden, in anderen aber nicht? Der Anschauung von den 
schöpferischen Fähigkeiten des Staates möchte ich scheinbar paradox 
die Behauptung entgegenhalten, daß da, wo gegen Ende des acht- 
zehnten Jahrhunderts — zum Teil schon vor der Ära staatlicher 
Patronanz — Industrie sich entwickelte, sie auch ohne Eingreifen 
des Staates aus „natürlichen" Gründen hätte entstehen müssen, 
weil eine ganz konkrete wirtschaftliche und soziale Konstellation 
sie forderte, und daß sie dort; wo sie nur einem zeitgemäßen 
Dilettantismus ihre Entstehung verdankt , nicht lebenskräftig ge- 
blieben ist. Wenn nun auch zu einem vollgültigen Beweis dieser 
Behauptung die Kenntnis der ländlichen Verfassung und Wirtschaft 
nötig wäre, so dürften die nachstehenden Bemerkungen auch ohne 
diese einleuchtend sein. 

Die Randgebiete Böhmens sind, abgesehen von den Mineral- 
schätzen, charakterisiert durch die Kargheit des Bodens, und die 
daraus folgende geringe natürliche Bevölkerungskapazität sowie 
durch ihren Holzreichtum. Eine Untersuchung der Getreide- und 
Lebensmittelpreise Böhmens im neunzehnten Jahrhundert, in dem 
die „natürlichen" Preisbildungsfaktoren ungehemmter wirksam sein 
konnten als in früheren Zeiten, hat mü* als eines der wichtigsten 
Resultate eine auffallende Verschiedenheit der Preise innerhalb des 



Der Grundherr als Unternehmer. 283 

Landes ergeben, derart, daß ein Ansteigen der Lebensmittelpreise 
vom Zentrum des Landes gegen die Peripherie hin in fast kon- 
zentrischen Zonen zu beobachten ist. Unter anderem Gesichts- 
punkte ausgedrückt können wir die gleiche Tatsache auch so formu- 
lieren : die deutschen Randgebiete Böhmens haben in aller Regel- 
mäßigkeit höhere Brotgetreidepreise als die binnenländischen tschechi- 
schen, und zwar nicht als eine momentane, sondern als sekuläre 
und daher auf konstanten Ursachen beruhende Erscheinung^''*. Zur 
Erklärung dieses Tatbestandes sind natürlich zahlreiche Faktoren 
heranzuziehen. Sicherlich gelangt in den lokalen Preisdifferenzen 
zum Teil der Unterschied der natürlichen Fruchtbarkeit der ein- 
zelnen Landesteile mit Zum Ausdruck. Innerböhmen ist für alle 
landwirtschaftlichen Früchte das Gebiet der größten relativen und 
für einige zugleich der größten absoluten Fruchtbarkeit, während 
die gebirgigen Randstreifen die geringsten Erträge aufzeigen. Aber 
unter den Gegenden mit hohen Preisen befindet sich auch das 
Gebiet von Saaz, das sehr fruchtbar und höchst intensiv, zum Teil 
in freier Wirtschaft bebaut ist, so, daß einmal die natürliche Un- 
fruchtbarkeit, das andere Mal die natürliche Fruchtbarkeit (und ein 
eben infolge davon ungenügendes Anbot an gewöhnlichem Brot- 
getreide) die Ursache hoher Getreidepreise wäre. Auch die größere 
Bevölkerungsdichte an einzelnen Stellen des Randgebirges wirkt 
preissteigernd. Aber erstens ist die Anhäufung der Bevölkerung 
an den unfruchtbarsten Stellen des Landes selbst eine paradoxe, 
erklärungsbedürftige Erscheinung, sodann aber sind die Preise an 
der Stelle der größten Bevölkerungsagglomeration, in der Haupt- 
stadt Prag, niedriger als in den doch viel kleineren Orten der Peri- 
pherie, und dies trotz Steuern und Spesen, die der Getreide- 
verkäufer in Prag von je zu tragen hatte. Es ist nicht zu be- 
zweifeln, daß die lokalen Preisunterschiede unter anderem Grund 
und Folge der Verschiedenheit der industriellen Entwicklung der 
einzelnen Landesteile sind. Die Industrie nämlich hat der in den 
Randgebieten siedelnden Bevölkerung dauernde Erwerbsmöglichkeit 
geschaffen, die Entstehung einer gegenüber dem Durchschnitt des 
Landes kaufkräftigeren Bevölkerung war bei steigenden Getreide- 
preisen die einzige Möglichkeit, diese Bevölkerung dauernd seßhaft 
zu erhalten. Dieses Problem mußte für den größten Grundbesitzer, 
den adeUgen Grundherrn, am dringendsten sein ; von der Kaufkraft 
der ansässigen Bevölkerung hing eine rentable Verwertung seines 
Gesamtbesitzes, seine Rente, ab. Er mußte sich also eine solche 
kaufkräftige Bevölkerung erst schaffen ; dies geschah durch diejenige 



284 J^i^ Glasindustrie. 

Form innerer Kolonisation, die wir Industrialisierung nennen und 
welche jene Galiani wohl bekannte Antinomie erzeugt: die höheren 
Getreidepreise führen zur Industrie und die Industrie erhöht die 
Getreidepreise. Die Methode Kinskys bestand nur darin, daß er 
aus seinem Grundeigentum nach und nach die unrentabelsten Zonen 
abstieß, indem er mehrere Meierhöfe zertrümmerte und die Par- 
zellen von 1 — 4 Strich (ä 80i) Quadratklafter) im öffentlichen Ver- 
steigerungswege auf je sechs Jahre gegen halbjährige Voraus- 
bezahlung des Zinses und genau kontrollierten zweimaligen Düngungs- 
turnus an seine Untertanen und nunmehriiren Industriearbeiter ver- 
pachtete^^, damit — wie sich ein Bericht aus dem Bürgsteiner 
Archiv ausdrückt — „die Arbeiter nach und nach zu einem festen 
jHeim' kommen und ihre Arbeitskraft stets seinen und seiner Nach- 
kommen Unternehmungen gesichert sei". Während so die land- 
wirtschaftlich genutzte Fläche immer mehr eingeengt wurde — die 
Bodenfläche der Domäne Bürgstein mit Schwoika verminderte sich 
z. B. vom Jahre 1831—1873 von 13030 Joch auf 3930 Joch — 
vergrößerte sich das Holzland beständig durch Arrondierungskäufe. 
Die Folge war, daß sich die Industrie sozusagen immer mehr in das 
Land hineinfraß und die landwirtschaftliche Rente des Grundherrn 
in Zinsungen und Unternehmungsgewinn verwandelte. Der Bezirk 
Haida, dessen Name für die Ortsbeschaffenheit bezeichnend ist, 
zählt schon 1869 zu dem am dichtesten bevölkerten der ganzen 
Monarchie und steht etwa mit Reichenberg auf einer Stufe. 

Fassen wir zusammen, was die Eingliederung der Industrie in 
den landwirtschafthchen Komplex des Großgrundbesitzers bedeutet : 

1. der Grundherr im Besitz einer großen, aber für die land- 
wirtschaftliche Produktion ungeeigneten Area, der die Konjunktur 
steigender Getreidepreise nicht ausnutzen kann, hat jetzt dennoch 
eine rentable Verwertung seines Gesamtbesitzes ^^ ; 

2. er schafft der vorhandenen, ja einer steigenden Bevölkerung 
in dieser kargen Gegend dauernd Nahrungsspielraum und macht sie 
zu kaufkräftigen Konsumenten; 

3. er sichert sich durch die Verwandlung zins- und dienst- 
pflichtiger Untertanen in zinspflichtige Pächter oder Bodeneigen- 
tümer eine abhängige und willfährige Arbeiterschaft und 

4. sein Nutzen widerstreitet nicht nur nicht dem Staatsinteresse, 
sondern ist mit diesem im besten Einklang, da selbst, wenn er 
nicht exportieren kann, durch die Schaffung eines wirtschaftlichen 
Gesamt- und Einheitsstaates mit großer Verschiedenheit der natür- 



Der Grundherr als Unternehmer. 285 

liehen und wirtschaftlichen Bedingungen der innere Markt der 
Monarchie ein genug lohnender und ein genügend großes Feld ist^*. 

Was mich aber an dieser Übersiedeluni^ der Gewerbe aus den 
Städten, ihren natürlichen und historischen Standorten, auf das platte 
Land am wichtigsten dünkt, das ist ein kulturpolitisches Moment: 
die Industrialisierung bedeutete sowohl Schaffung als auch Aus- 
dehnung ländlicher Winterarbeit, Ökonomisierung der ländhchen 
Muße; Ökonomisierung, das heißt aber Rationalisierung der Zeit. 
Die Zeit, das un reflektierte Leben selbst, wird Gegenstand der Be- 
wertung und Berechnung, der Abschätzung, und damit hört das 
vegetative Dasein auf dem Lande auf. Das eigentliche goldene 
Zeitalter, das Leben in und mit der Natur, dessen Rhythmus durch 
den Wechsel der Jahreszeiten und den damit gegebenen Wechsel 
von Arbeitsperioden und Muße bestimmt war, ist vorbei. Es findet 
eine vollständige Umorganisierung des Lebens statt unter dem 
leitenden Gesichtspunkte der ökonomischen Zeitverwertung und 
-benutzung. Damit wird auch das Land eingegliedert in die große 
Maschinerie, die aus dem Leben den Betrieb, aus jeder Aktion und 
Teilverrichtung den Nutzeffekt herauspreßt. Dies alles blieb un- 
verändert bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als durch 
das landwirtschriftliche Genossenschaftswesen, das dem Landwirt viel 
Sorge und Arbeit abzunehmen berufen ist, von neuem das ernste 
Problem einer Zeitfüllung entstand und noch immer seiner Lösung 
harrt 3\ 

So stellt sich uns die Industrialisierung eines Landes dar als 
einer von den großen, nicht sehr zahlreichen Auswegen, den die 
menschliche vorbeugende Klugheit gefunden hat, um den trostlosen 
Aspekten zu entgehen, «lie eine ungehemmte Wirksamkeit des ewigen, 
ehernen Gesetzes vom abnehmenden Bodenertrag in die Zukunft 
des menschlichen Geschlechts eröffnet. Wie die Wanderbewegung 
der Völker, ihre Zerstreuung auf der Erde, wie der Entwicklungs- 
gang der wirtschaftlichen Kidtur im ganzen, so hängt letztlich auch 
die Entstehung der modernen Großindustrie aufs innigste mit dieser 
Naturtatsache, die uns ihrer ökonomischen Bedeutung nach als 
Gesetz vom abnehmenden Bodenertiag bekannt ist, zusammen. 

Nicht Fürvvitz und Verblendung, sondern tiefe, schmerzliche 
Notwendigkeit haben die Völker dazu getrieben, jenes glückliche 
Dasein — das goldene, saturnische — aufzugeben, da der Boden 
alles gewährte , was sie zum Leben bedurften und zu der Rast- 
losigkeit und dem total anderen Lebensrhythmus überzugehen, den 
ein industrielles Zeitalter bedeutet. Denn die Industrie hat, soweit 



286 I^ie Glasindustrie. 

sie nicht selbst Ausbeutung von Naturschätzen ist, von Anfang an 
ein dem Landbau entgegengesetztes Lebensprinzip. Sie ist der 
stärkste und vielleicht der letzte heroische Versuch, jenes Gesetz 
vom abnehmenden Bodenertrag zu umgehen, zu überwinden. Nicht 
in fruchtbaren Strichen mit wohlfeilen Lebensbedingungen — wie 
man leicht zu denken geneigt ist — hat sich zuerst die Industrie 
angesiedelt, sondern sie war ein Kolonisationsversuch, um bei 
schwierig werdenden Lebensverhältnissen einer Bevölkerung die 
dauernde Existenzmöglichkeit auf kargem Boden zu sichern. 

Neben dem Streben , die Rentabilität eines Besitzkomplexes 
durch Anpassung an die vorherrschenden Wirtschaftstendenzen zu 
steigern, leitete den Adel ein zweites zeitgemäßes Motiv der 
Humanität zur Industrie ; neben das privatwirtschaftliche Industrie- 
interesse tritt und eng mit diesem verbunden das sozialpolitische. 
Die ganze und nicht nur gelehrte zeitgenössische Literatur ist er- 
füllt von der Klage über den überhandnehmenden Müssiggang der 
Bevölkerung, es scheint, daß erst diesem Zeitalter, das vom vorher- 
gehenden den regen Sinn geerbt hatte, hier ein Problem aufgegangen 
war, daß erst diese Epoche des wirtschaftlichen Wertes der Zeit 
inne wurde. Dieses neue ökonomische Bewußtsein gipfelte in der 
praktischen Forderung, es müsse diese bisher brachliegende un- 
geheuere Naturkraft, dieses ungemein wertvolle Kapital an Zeit 
rationell ausgenützt werden. Die Industrie, das Fabrikwesen wollte 
Abhilfe schaffen, und der friedlich gewordene Adel stellte sich viel- 
fach an die Spitze dieser kulturpolitischen Bewegung, die für den 
kommenden industriellen Kapitalismus die wichtigste Vorschule des 
Geistes war. Bei der Verwirklichung dieses Streben s mischte sich 
in den Ernst des Problems — wir stehen im Zeitalter des Rokoko — 
vielfach spielerische vornehme Liebhaberei, und manch mißglücktes 
Unternehmen ist ein Beweis mehr für die freundliche Gesinnung, 
die naive Zuversicht, die schaffensfrohe Energie der vornehmen Ur- 
heber als für ihre wirtschaftliche Einsicht und Begabung. Zu diesen 
Versuchen eines Industrierokoko gehört das famose Manufakturhaus 
in Weißwasser ^®, das wegen des ihm anhaftenden Lokalkolorits hier 
näher betrachtet werden mag, eine Anstalt, die nach von Sonnenfels- 
schen Grundsätzen angelegt, die Zwecke einer, wie wir heute 
sagen würden, praktischen Lehrwerkstätte oder einer Akademie 
gewerblicher Fortbildungsschulen mit denen eines Arbeitshauses 
vereinigte, zum Unterschied von dem Manufakturhaus auf dem Tabor 
bei Wien, einer Privatuntemehmung zweier böhmischer Aristokraten, 
der Grafen Franz Kinskv und Vinzenz Waldstein. Die Absicht 



Der Grundherr als Unternehmer. 287 

der Unternehmung war, „Publikum und Land von dem Nachwuchs 
mittelloser und aussclireitender Leute zu reinigen", sie zum Wohl 
des Staates ordentlich und christlich zu erziehen, zu einer Profession 
tüchtig zu machen und mit ihrer Hilfe gewisse im Lande noch ab- 
gängige Manufakturartikel einzuführen. Das beste Material waren 
naturgemäß arme Waisenkinder, die, wenn sie sich in der Gegend 
nicht in genügender Anzahl fänden, einfach von der Behörde aus 
Prag bei jeder Postgelegenheit eingeliefert werden sollten; ferner 
rechnete man auf die im Bunzlauer Kreise befindlichen Vagabunden 
und Müssiggänger, die sonst zur Besiedelung des durch die Türken- 
kriege entvölkerten Ungarn bestimmt waren. Die Kinder, Mädchen 
und Knaben, sollten bis zur erreichten Volljährigkeit, die Vagabunden 
2 — 8 Jahre um einen niedrigen Lohn im Manufakturhause arbeiten. 
Man sieht von ungefähr, die Unmündigen und Verwahrlosten 
der Gesellschaft sollten die Eleven des künftigen Fabrikindustrialis- 
mus werden , diejenigen unter den Menschen , die den Genuß der 
Freiheit noch nicht kannten und solche, die durch Zwang die Frei- 
heit nützHch zu verwerten lernen sollten; nur auf diesem Wege, 
durch Verwertung der gesellschaftlichen Unfreiheit, der Kinder, 
der Landstreicher, der robotpflichtigen Untertanen — oder schließ- 
lich der verarmten Freiheit — der drückendsten Art von Unfrei- 
heit — hat allenthalben die Fabrikindustrie sich durchsetzen können. 
Aber das Manufakturhaus zu Weißwasser ist weit entfernt, den 
Unbefangenen zu solchen Betrachtungen anzuregen, ganz im Gegen- 
teil. Es wurde am 21. April 1767 eröffnet; wenn wir die Be- 
schreibung dieser Anstalt lesen, aus einer Zeit stammend, als in 
England schon Hogarth seine bitterbösen Stiche ätzte, ist uns zu- 
mute wie an einem wolkenlosen Sommertage oder wie vor manch 
einer Mozartschen Oper. In diesem Pädagogium der Industrie, an 
dem alle Romantiker der Wirtschaft ihre Freude haben konnten, 
paart sich strenge Zucht mit einer überaus liebenswürdigen Ahnungs- 
losigkeit, ist die binitalste Realität in die Sphäre der künstlerischen 
Un Wirklichkeit erhoben, das Industriewesen , das mit dem ganzen 
drohenden Ernst an der Schwelle seines Zeitalters steht, als Riesen- 
spielzeug behandelt, das man am Abend in die Schachtel steckt 
und am Morgen meder herausnimmt. Wie ist doch hier alles so 
unwirklich, wenn wir die zahlreichen Räume des in Gärten liegen- 
den dreistöckigen, zur Werkstätte der Kinder verwandelten Schlosses 
durchwandern, die ungemeine Mannigfaltigkeit der in den Miniatur- 
fabriken von 1 — 2 Räumen erzeugten Gegenstände betrachten, den 
geregelten Arbeitstag der sorglosen Kinder, diese Abwechslung 



288 I^iö Glasindustrie. 

von Arbeit und Gebet und Strafe durchleben und diese selbst uns 
vorstellen in ihrer Kleidung, die mehr für Puppen oder Porzellan- 
figuren als für leibhaftige Industriearbeiter bestimmt zu sein scheint, 
und wie lächeln wir über den naiven Selbstbetrug, wenn wir lesen, 
wie für die Ehre ungeratener in Pension befindHcher ZögUnge ge- 
sorgt war, die in besonderen Zimmern untergebracht wurden, an 
deren Türen verschiedene Städtenamen standen, damit die Eltern, 
nach dem Aufenthalt ihrer ungezogenen Sprößlinge befragt, ohne 
Lügen sagen konnten, ihr Kind sei gegenwärtig in Dresden, Berlin, 
Hamburg, Görlitz usw. I 

Das Manufakturhaus hatte keine lange Lebensdauer. Es half 
ihm nichts, daß manche Jahre das Erzeugungsquantum einen Wert 
von über 1(3 OuO fl. erreichte, daß der berühmte Graf Josef Maxi- 
milian Kinsky, der Vetter des Anstaltsbegründers, in die Kompanie 
eintrat und sie schließlich allein übernahm — ein Fabrikations- 
zweig nach dem anderen ging langsam aber sicher ein. Am renom- 
miertesten scheinen die in Weißwasser fabrizierten Hüte gewesen 
zu sein, obwohl auch hier in einer genug merkwürdigen Sprache 
geklagt wurde, daß „derselben heiterer Flor durch jüdische Hand- 
griffe in Ansehung des Rohmaterials (der Hasenhäute namentlich) 
verdunkelt würde". Als Graf Josef Kinsky starb, war es auch um 
das Manufakturhaus geschehen. Josef IL hatte sich, wie aus seinem 
Reisejournal zu ersehen, schon auf seiner Reise in Böhmen anläß- 
lich der Hungersnot von 1771 durch die „schönfärberischen Aus- 
führungen" des Anstaltsdirektors, eines „Wohlredners" nicht irre- 
führen lassen und sich sein Urteil über dieses Unternehmen eines 
reizenden Unverstandes gebildet. 



289 



Die Textilg ewerbe. 



J ede geschichtliche Darstellung der Textilindustrie leidet unter 
dem Mißstand der Unzulänglichkeit ihrer Darstellungsmittel, denn 
sie muß die Mannigfaltigkeit des gleichzeitig Seienden und seiner 
Beziehungen auflösen in die Einfachheit einer zeitlichen Aufeinander- 
folge und — aus der Not ihrer Unbehilflichkeit dem Seienden 
gegenüber eine Tugend ihres Werkzeuges machend — den unmittel- 
baren Eindruck der bizarren Wirklichkeit ersetzen durch den Schein 
einer Übersichtlichkeit, die jener so wenig adäquat ist wie etwa 
die kritische Analyse eines Bildes dem erlebten Eindruck, oder ein 
Teppich als sinnfäüiges Gebilde der Summe der Fäden, aus denen 
er doch besteht. Was aber zeigt uns die historische Wirklichkeit 
in bezug auf die Textilindustrie? Eine Fülle von ineinander 
übergehenden, durch einander bedingten, gleichzeitig miteinander 
existierenden verschiedenartigen Phänomenen, und wenn man für 
das spezifisch Lebendige am Leben, für die Verschlungenheit, 
Gleichzeitigkeit oder vielmehr Zeitlosigkeit seiner Elemente so gern 
Bilder aus dem Textilgewerbe gebraucht, so gilt dieses „Verwoben- 
sein" aller Erscheinungen in eine universale Gleichzeitigkeit auch 
für das eine Lebensgebiet , das wir eben Textilgewerbe nennen, 
der technische Inhalt dieses Wortes bezeichnet recht wohl auch 
die Eigenart des ganzen Gebietes, das Gegenstand historischer Be- 
trachtung ist. 

Versuchen wir, unser Zerstörungswerk beginnend, die Fäden 
nebeneinanderzulegen, die in dem kulturhistorischen Subjekt „Textil- 
gewerbe" sich treffen, so finden wir: 

1. Eine Mannigfaltigkeit der Stoffe, mit denen ein und dasselbe 
Bedürfnis, für das im allgemeinen eben das Textilgewerbe sorgt, 
befriedigt werden kann: Wolle, Leinen, Baumwolle, Seide. Schon 
die Scheidung des Textilgewerbes in die einzelnen Unterabteilungen 
nach den verarbeiteten Stoffen und ihre selbständige Behandlung 
*st eine Vergewaltigung der Tatsachen und muß nur zu leicht den 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 19 



290 ■ l^ie Textilgewerbe. 

Schein erwecken, als bedeute das Nacheinander der Darstellung 
auch ein Nacheinander der Entwicklung oder gar ein Unabhängig- 
sein voneinander. 

2. Wir finden eine Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse nach Be- 
völkerungsschichten ; nicht Tuch überhaupt, sondern Tuch bestimmter 
Sorte wird von jeder einzelnen Klasse der Bevölkerung verlangt, und 
gar häufig dient die Art der Kleidung als klassenscheidendes Merk- 
mal. Hierin herrscht nun eine Launenhaftigkeit und ein Wechsel 
des Geschmackes und der Mode, wie kaum in einem anderen Er- 
w^erbszweig. Die Möglichkeit, ein und dasselbe Bedürfnis auf sehr 
verschiedene Art befriedigen zu können, veranlaßt eine ungemeine 
Sprunghaftigkeit der Bedürfnisse; es findet eine beständige Er- 
setzung der Bedürfnisse statt, ohne daß je ein Gleichgewicht, eine 
Stabilität erreicht würde. Dies gilt nicht nur für moderne Zu- 
stände, sondern auch für die Vergangenheit in eingeschränktem 
Maße. 

3. Innerhalb jedes Produktionszweiges des Textilgewerbes 
treffen wir eine gleichzeitige Mannigfaltigkeit der technischen Be- 
triebsformen: Großbetrieb, Kleinbetrieb, ohne Maschinen, mit 
Maschinen, von denen eine jede wiederum verschiedene Stoffe be- 
arbeiten kann, in der Fabrik, im Hause. Diese verschiedenen Be- 
triebsformen gleichen den verschiedenen geologischen Schichten und 
schieben sich wie diese als Symptome verschiedener wirtschaft- 
licher Kulturperioden in- und übereinander, den. auf Vereinfachung 
gerichteten Sinn des Forschers nur allzu leicht verwirrend. 

4. Tritt die Mannigfaltigkeit der Organisation des Gewerbes hinzu. 
Nicht nur in den einzelnen nach Material und dessen Herstellungs- 
bedingungen differenten Produktionszweigen, sondern innerhalb 
jedes solchen Produktionszweiges gibt es gleichzeitig verschiedene 
Arten, wie die Produktion, der Absatz, der Zusammenhang mit der 
Landwirtschaft usw. geregelt und bestimmt ist: wie wenn eine 
Stadt aus Straßen bestünde, in denen jedes Haus in einer anderen 
Stilart erbaut wäre. 

5. Schließlich — und das ist vielleicht das Wichtigste — ein 
gleichzeitiges Nebeneinander von konträren Wirtschaftsweisen, der 
Technik der Wirtschaftsführung, der Taktik, nach welcher der 
friedliche Krieg, der Wirtschaft heißt, geführt wird: die Bescheidung 
des zünftlerischen Handwerkers und die Ambition des kapitalisti- 
schen Händlers, das vom Gedanken der Ökonomie beherrschte 
Streben des feudalen Grundherrn neben dem für den technischen 
Fortschritt interessierten Industrieuntemehmer. Alle diese bei« 



Das Wollgewerbe. -jlH 

einander wie die Leute am Turmbau zu Babel verschiedene Sprachen 
sprechend, die doch aus gleichen oder ähnlichen Lauten bestehen. 
Wenn schon die ungeheure Vereinfachung, in der sich die ab- 
strakte Theorie bewegt, in Verlegenheit gerät, sobald sie, ihr 
dürftiges Gerippe mit Wirklichkeit erfüllend, den Versuch macht, 
die Probleme der verbundenen und zusammengesetzten Nachfrage 
und des Angebots mit ihren Mitteln auszudrücken, um wieviel mehr 
besteht diese Schwierigkeit, wenn versucht wird, nicht irgendeine 
ideale, sondern eine historische Wirklichkeit in einem einzigen 
Blick zu umfassen oder in einem Gebilde darzustellen ! Gestehen 
wir uns die unabänderliche Notwendigkeit ein, dann werden wir 
das Mif3vergnügen und das Unbefriedigende jeder geschichtlichen 
Darstellung der Textilgewerbe zwar nicht verwinden, aber auch 
nicht den aussichtlosen Versuch machen, durch eine Art von im- 
pressionistischem Durcheinander, durch Verwischung der Konturen 
und der gleitenden Übergänge den Eindruck größerer Naturtreue 
zu erwecken, sondern eben „teilen". Ist es auch nicht „Herrschen" 
so doch eine erlaubte und notwendige List. 

Das Wollgewerbe. 

Der historische Standort der Wollindustrie^, insonderheit des 
Tuchgewerbes, ist die Stadt mit der typischen Regelmäßigkeit, wie 
der des Leinengewerbes das Land ist. Was aber bedeutet dieser 
historische Standort ökonomisch? Was will es unter ökonomischer 
Betrachtung besagen, daß ein Gewerbe ein städtisches genannt wird? 
Gew^öhnlich ist damit ein juristischer Tatbestand intendiert: das andere 
Recht, das in der Stadt gegenüber dem Lande gilt. Aber diese Rechts- 
verschiedenheit ist schon selbst vielfach eine Funktion eines zu- 
grunde liegenden wirtschaftlichen Sachverhalts, wie ja der städti- 
schen Rechtsbildung die S t a d t bildung, die Gründung der Stadt^ 
ein wirtschaftlicher Akt oder Prozeß, vorausgeht. Mit dem Hinweis 
auf die Verschiedenheit des Rechts ist also die ökonomische Be- 
deutung der Urbanisierung eines Gewerbes nicht erschöpft, da diese 
Rechtsverschiedenheit als eine Wirkung dieser Urbanisierung auf- 
gefaßt werden kann. Das freiheitliche städtische Gewerberecht darf 
umso weniger zur Erklärung der natürlichen Anziehungskraft der 
Stadt auf das Tuchgewerbe herangezogen werden, w^eil man in 
Böhmen erst spät, etwa seit dem Ende der Hussitenkriege, von 
einer kontinuierlichen städtischen und gewerbHchen Entwicklung 
sprechen kann, das Tuchgew^erbe aber erwiesenermaßen schon länger 

19* 



292 Die Textilgewerbe. 

und früher, man möchte sagen seit je, in der Stadt ansässig war 
und die ältesten genossenschaftHchen Einrichtungen der Tuchmacher, 
die Tuchwalken, in den vier Städten Prag, Pilsen, Königgrätz und 
Kuttenberg sich finden. Auch die Loslösung von der Urproduktion, 
dem Lande und der Landwirtschaft kann nicht gemeint sein, wenn 
man das Wollengewerbe als ein spezifisch städtisches bezeichnet, 
da es vielmehr , auch wenn es immer nach der Stadt als seinem 
ökonomischen Schwerpunkt gravitierte, doch allezeit beim Bezug 
seiner wichtigsten Hilfsmittel von der Landwirtschaft und in seiner 
Verfassung in Böhmen mehr als anderswo vom Herrn des Landes, 
dem Grundherrn, abhängig blieb. 

Ausschlaggebend ist vielmehr ein anderer, rein ökonomischer 
Sachverhalt. Für das Tuchgewerbe bedeutet der städtische Stand- 
ort Sicherung eines regelmäßigert und zwar gleichartigen Kunden- 
kreises, eines qualitativ und räumlich begrenzten Marktes. Wie 
der Bergmann dem Metall, der Glaser dem Holz nachgeht, so findet 
sich der Tuchmacher ein , wo ein relatives Massenbedürfnis nach 
Kleiduiig vorhanden ist, und zwar das Bedürfnis einer uniformen 
Schicht. Er rechnet mit dem Bürger als seinem wirtschaftlichen 
Rückhalt, da Gentiluomo, Mann oder Frau, ja später auch die 
Bürgersfrau, sich nie an dem Produkte des heimischen Handwerks 
Genüge sein ließ, sondern nur ausländische Stoffe trug, selbst noch 
zu einer Zeit, als das heimische Gew^erbe eine verhältnismäßig hohe 
Stufe erreicht hatte. Und noch im Jahre 1717, in einem Zeitalter 
lebhaftester staatlicher Wirtschaftspflege, meint die Kommerz- 
kommission in Böhmen, man könne den Honoratioren nicht gut 
zumuten, sich in inländisches Tuch zu kleiden^. 

Da der Tuchmacher in der Stadt findet, was er hauptsächlich 
sucht: den sicheren Abnehmer, so braucht er nicht weiter zu 
wandern , d. h. er wird frühzeitig seßhaft , er läßt sich dauernd 
nieder, w^o ein Markt ist. Dieses frühzeitige Seßhaftwerden in der 
Stadt scheint mir überaus wichtig und zur Klärung einer sehr auf- 
fallenden Erscheinung geeignet. Das Tuchgewerbe ist nämlich nicht 
nur in Böhmen^ sondern auch anderswo, z. B. in England^, charak- 
terisiert durch einen prononcierten Konservativismus, der dem Be- 
ruf als solchen, bzw. den ihn Treibenden als Eigentümlichkeit an- 
haftet. Dieser Konservativismus ist vielleicht ebenso sehr Grund 
für das Gedeihen des zünftlerischen Gedankens in diesem Gewerbe 
wie das Symptom dafür. Das will sagen, wenn die in der Zunft 
vereinigten Berufsgenossen nicht von einheitlicher Geistesart und 
gleichbleibender Gesinnung gewesen wären, hätte die Zunft nicht 



Das Wollgewerbe. 293 

so stark und dauernd Wurzel schlagen können, und anderseits ist 
das alle sonstigen Wechselfälle überdauernde Festhalten an der 
Zunftidee ein Beweis für den konservativen Charakter der Mit- 
glieder. Dieser Konservativismus äußert sich übrigens auch noch 
z. B. in einem von allen Beobachtern betonten Verharren bei primi- 
tiven Werkzeugen, in der Un Veränderlichkeit der Technik, die viel- 
fach Konkurrenzunfähigkeit mit fortgeschrittneren Ländern zur Folge 
hat*, insbesondere aber in schlechter, unzeitgemäßer Absatzorgani- 
sation des Gewerbes , vielmehr in dem Fehlen einer solchen , was 
wiederum auf einen Mangel an Unternehmungsgeist, an ökonomischer 
Phantasie überhaupt, hindeutet. Dieser Konservativismus möchte 
nun wohl mit daher kommen, daß die Tuchmacher nie so wie die 
Bergleute, Glaser usw. Nomaden, nie vom Hauche der Welt be- 
rührt, sondern immer entweder seßhafte Hörige oder städtische 
Bürger waren. Wie schon ihre Arbeit etwas ungemein Gleich- 
förmiges hat : die Herstellung eines durchaus gleichartigen Stückes, 
und der Arbeitsprozeß, ohne gerade schwierig, gefahrvoll oder durch 
künstlerische Gestaltung verklärt zu sein, doch die ganze Aufmerk- 
samkeit und Sorgfalt fordert, so bleibt ihnen geAvissermaßen keine 
Gelegenheit, ihren Blick nach außen zu richten über ihren Rahmen 
hinaus; sie „versimpeln" im eigentlichen Sinne des Wortes, Averden 
einfach, allzu einfach, unromantisch ^. Ihr Leben gestaltet sich 
nach einem immer gleichbleibenden Muster veränderungslos, und 
es scheint mir höchst bezeichnend, daß diejenigen Textilarbeiter, 
von denen ausdrücklich hervorgehoben wird, daß sie viel wandern, 
wie die Kottondrucker, die rührigste, tatkräftigste Organisation hatten, 
und daß nur aus solchen Schichten oder geradezu aus dem Handels- 
stand , also aus den wandernden Elementen , später die großen 
Unternehmer und Revolutionäre des Gewerbes hervorgingen. 

Die Städte selbst aber waren planmäßige herrschaftliche Unter- 
nehmungen, und der Stadtherr, König oder adeliger Grundherr, 
sah den Zuzug gewerbekundiger Handwerker gern, ja er organi- 
sierte, wenn das heimische Material unzulänglich Avar, die Ein- 
wanderung Landesfremder. So ist es nicht unwahrscheinlich, daß 
die Tuchmanufaktur in Reichenberg, ähnlich wie in Iglau, auf eine 
Kolonie von Flamländern zurückgeht. Diese herrschaftlichen Städte- 
gründungen haben für den Grundherrn und nicht nur für diesen 
eine ungeheure Bedeutung : lösen sie ja das schier unlösbar scheinende 
Problem, auf kargem Boden, der zum Ackerbau nicht taugt, auf 
rentelosem Lande also, eine große Bevölkerung nicht nur zu er- 
nähren , sondern das sonst wirtschaftlich unwerte Land zu einer 



294 Die Textilgewerbe. 

Quelle größter Ergiebigkeit zu machen, ja gerade diese Punkte aus- 
gezeichneter Unfruchtbarkeit und Unergiebigkeit zu Mittelpunkten 
der Bevölkerungsanhäufung und des Reichtums werden zu lassen. 
Von den Paradoxien. an denen das wirtschaftliche Leben so reich 
ist, ist diese , an der wir meist achtlos vorüberzugehen pflegen, 
schier die unglaublichste. Wenn die Kargheit des Bodens mit 
protestantischer Betriebsamkeit und Religiosität unter dem Schutze 
eines vornehmen und groß denkenden Herrengeschlechts sich 
eint, wird die Stadt — wie Reichenberg unter der Herrschaft 
der Raedern — aus allen anderen hervorragen und ihre Blütezeit, 
ihr „goldenes Zeitalter" erleben. 

Wegen des Rohmaterials brauchte der städtische Tuchmacher, 
zunächst wenigstens solange nur wenige Meister in der Stadt 
arbeiteten, nicht eben besorgt zu > sein. Wo die Stadt aufhört, 
fängt das Land des Grundherrn an. Der Übergang ist kaum merk- 
lich. Er bezieht also die Wolle, vielleicht auch das Gespinst, von 
der Herrschaft, die darauf eingerichtet ist. Und wie wenig intensiv 
die Schafzucht auch betrieben wird aus Mangel an Futter und an 
Kenntnissen, die herrschaftliche Wolle ist qualitativ immer noch 
besser als die der Bauern. Aus der nächsten Nähe von Reichen- 
berg hören wir, wie der Lehensinhaber des Dorfes Neundorf (im 
Jahre 1548) eine „Schaftreibe", eine größere Schäferei, einrichten 
will, wodurch gewisse Veränderungen in dem Verhältnis zwischen 
Obrigkeit und Untertanen sich ergeben, unter anderem müssen die 
Bauern bei der Schafschur aushelfen und zwei Zaspel (etwa eine 
Tagesleistung) für den Grundherrn spinnen*^. Überdies „haben 
berührte Bauerschaften nicht aus Pflicht, sondern aus Gutwilligkeit 
zugesagt," dem jeweiligen Herrn zu gestatten, von Martini bis 
Maria Verkündigung (11. November bis 25. März) seine Schafe über 
ihre Felder treiben zu lassen. Diese extensive , kapitalslose Be- 
triebsweise ist bis tief ins achtzehnte Jahrhundert hinein typisch 
wie für die Viehhaltung überhaupt, so auch für die Schäferei^. 
Das Vieh ist selbst Kapital, nicht Gegenstand kapitalistischer In- 
vestition, man will nur Geld aus dem Vieh herausziehen, aber nichts 
in das Vieh hineinstecken, es muß sich vielmehr selbst erhalten. So 
beschränkt man die Winterfütterung auf das alleräußerste und erreicht 
das schlechteste Futter. Der Schäfer ist gegen Nutzanteil angestellt 
und meistens unehrlich, die Schafe werden gemolken, ohne daß 
man eine Ahnung hat, daß diese Nebennutzung der Qualität der 
Wolle schadet. So w^urde die Wolle mit der Zeit immer schlechter, 
das Vieh degenerierte, und der Zentner konnte bei 5 '^, o Gutgewicht 



Das Wollgewerbe. 295 

vom Nettogewicht nur mit 40 — 50 fl. verkauft werden. Zu den 
feineren Tuchsorten mußte also ausländische, spanische, marokka- 
nische, mazedonische, türkische Wolle bezogen w^erden , bis der 
absolutistische Wirtschaftsstaat auch hier aufklärend, und so viel 
an ihm lag, bessernd eingriff. Maria Theresia ließ zu Merkopolje 
eine Merinoschäferei anlegen, zu der die Zuchtschafe aus Marokko 
und Spanien bezogen worden waren, und das veredelte Material 
an die Gutsbesitzer, die schon vorher teilweise Zuchtvieh aus dem 
Auslande bezogen hatten, abgeben. Die Wolle wurde mit der Zeit 
wieder besser und stieg im Preise auf 80 — 100 fi. der Zentner. 
Verhältnismäßig früh aber wurde die Sicherung eines nachhaltig 
geeigneten und preiswürdigen Rohmaterialbezugs eine der größten 
Sorgen des aufstrebenden städtischen Gewerbes. Viele Hindernisse 
stellten sich dem städtischen Handw^erker entgegen : 1. das früh- 
zeitige Eingreifen des Händlers. Wie ein roter Faden zieht sich 
durch die ganze Geschichte des Tuchgewerbes der Kampf zwischen 
Händler und Handwerker als zweier feindlicher Prinzipien, die sich 
nie ganz verstehen und nur zeitweise in ein verträgliches Gleich- 
gewicht zueinander gebracht w^erden können. Zuerst ist dieser 
Kampf ein Streit um das Recht des Detailhandels ; Gewandschneider 
und Tuchmacher wollen beide den Konsumenten bedienen. Die 
Gewandsclmeider , durch den Handel mit dem ausländischen Tuch 
lange schon eine Art Kaufmannsaristokratie geworden, verteidigen 
ihr historisches Vorrecht des Tuchhandels gegen das sich ent- 
wickelnde Handwerk, welches seine Ansprüche auf das Recht der 
Verwertung des eigenen Arbeitsprodukts stützt. Dieser typische 
Kampf endet in den süddeutschen Ländern mit dem Siege der 
Handwerksdemokratie. Zu gleicher Zeit oder nicht viel später 
wird der böhmische Handwerker von einem gefährlicheren, zäheren, 
weil stillen und unangreifbaren Gegner bedroht, dem jüdischen 
Wollhändler, oder da dieser nur die Marionette des ihn beherrschen- 
den Geistes ist: dem abstrakten Kapital. Der Wolljude lehrt den 
Grundherrn sein eigenes Interesse verstehen und befolgen und löst 
ihn sachte aber dauernd von der Sorge und Verantwortung für 
seine mählich mündig werdenden Mündel: die städtischen Hand- 
werker. Lange Zeit — wir haben bis zum Jahre 1618 dokumen- 
tarische Beweise — wirkt der Grundherr im Interesse seiner städti- 
schen Tuchmacher beim Einkauf der Wolle mit, sei es, daß er 
ihnen als Verkäufer ein Jahr Ziel gibt, sei es, daß er bei den be- 
nachbarten und befreundeten Herrschaften als Garant der Tuch- 
macher in den Wollkaufverträgen erscheint. Er besorgt den TnrOv 



29(3 Die Textilgewerbe. 

machern die Wolle , wie er für die Bäcker und Händler Getreide 
kauft, für die Schlosser und Schmiede Eisen und Nägel, für die 
Krämer viele Tonnen Heringe „verschreibt". Er tritt als Bankier 
seinen Untertanen zur Seite ^. Ist es nun für den stets geld- 
bedürftigen Herrn nicht viel bequemer und vorteilhafter, wenn er 
selbst, anstatt Kredit zu geben und Bürgschaft leisten zu müssen, 
Kredit und Vorschuß empfängt und seine Wolle im ganzen statt 
in kleinen einzelnen Partien und zu einem guten, ja besseren Preis 
als vorher verkaufen kann? Das aber leistet der Wolljude, und 
gegen dieses Lockmittel des Kapitals ist der Grundherr widerstands- 
los. Der Wollhändler tritt, wie früher der Grundherr seinen Unter- 
tanen gegenüber als Bankier auf und bringt dadurch den Grund- 
herrn und das Handwerk in eine realökonomische Abhängigkeit^. 
Übrigens war die überragende Position des Handels, zum Teil 
wenigstens durch die Rückständigkeit der einheimischen Technik 
— allerdings auch wieder in gewisser Weise eine Form des Kapital- 
mangels — bedingt, und der Händler übernahm, wie ja vielfach sonst 
auch, einen Teil des Herstellungsprozesses, indem er dem Roh- 
material, der Wolle, erst die zur Weiterverarbeitung gebrauchsfähige 
Form gab. Die primitive, in Böhmen übliche Art der Wollwäsche, 
die sogenannte Pelzwäsche, die ungenügende Sortierung und Reinigung 
beim Produzenten, der Mangel an Wollschlägereien, diese ganze 
Unzulänglichkeit des technischen Prozesses, machte dem Produzenten 
den Händler, der das Risiko für die Qualität übernahm, unentbehr- 
lich , drückte — wie ja vielfach heute noch , z. B. im Getreide- 
verkehr — die Preise und hinderte den direkten Verkehr zwischen 
Produzenten und Konsumenten der Wolle ^^. 

Was konnte es bei solchem Sachverhalt nützen, daß das Hand- 
werk frühzeitig an den Schutz des Staates appelliert und sich in 
Böhmen wie anderswo (z. B. im Schwarzwald) den sonst verpönten 
Fürkauf als ein rechtes Privilegium odiosum übertragen läßt? Durch 
das Schutzdekret Ferdinands I. vom Jahre 1545 wird den zünftigen 
Tuchmachern im ganzen Lande Böhmen das Recht verliehen, „ihre 
Tuche eilen- und stückweise überall zu verkaufen und die Wolle 
zu erhandeln, überall wo sie anzutreffen ist", und durch die Reichs- 
polizeiordnung Maximilians H. von 1577, der dem alten Gewerbe 
der Tuchmacher einen Export sichern wollte, wird den Ständen ein- 
geschärft, dafür zu sorgen, „daß die Wollen weber an Wolle nicht 
Mangel leiden, sondern dieselbe umb ein ziemlichen kauff bekommen 
mögen". Was wollte es bedeuten, daß sich die Reichenberger Tuch- 
macher z. B. im Jahre 1638 bei Erneuerung ihrer Privilegien dieses 



m 



Das Wollgewerbe. 297 

Recht des freien Wollkaufs und -Verkaufs und der liberalsten Ver- 
kaufsfreiheit ausdrücklich vom Kaiser bestätigen ließen, oder daß 
sich im Jahre 1651 sämtliche Tuchmacher und Rotgerber des König- 
reichs Böhmen*^ durch ihre Zunftvorstände in einem förmlichen 
und feierlichen Statut verschworen, in alle Zukunft von den Juden 
keine Wolle und kein gegerbtes Leder zu kaufen „bei Verlust des 
Handvrerks" — wenn wir aus der gleichen Zeit hören, daß sich 
sogar die Statthalter ei ins Mittel legen mußte, damit der Markgräfin 
von Baden als der Besitzerin der Herrschaft JKost die ihr von der 
Reichenberger Tuchmacherzunft für gelieferte Wolle schuldige 
Summe endlich bezahlt werde ! 

Hier standen eben zwei Prinzipien wider einander, z\vischen 
denen es — das spürten die Handwerker wohl instinktiv — keinen 
Frieden, keine Verständigung geben konnte ; wie die Erzkäufer im Berg- 
bau eine immer bekämpfte aber nie entbehrliche Gruppe bildeten, 
so im Tuchgewerbe die Woll- und bei den Gerbern die Fellhändler. 
Überall spukt der Handelsjude, vom Teufel besessen, der spekula- 
tive Kopf, das bloß distributive Organ, der das Ganze überschaut, 
statt wie der handwerkliche Produzent nur ein Teilchen und danach 
seine Aktionen einrichtet, statt seine Energie in der tadellosen Her- 
stellung seines Produkts zu verbrauchen. Der Händler ist wie der 
Grundherr gemäß seiner Begabung und seiner Tätigkeit eine Organi- 
sation in sich, so etwa wie später Adam Smith den Arbeitgeber 
in seiner sozialen Überlegenheit gegenüber dem Arbeiter ansieht. Im 
Glasgeschäft allerdings haben die Produzenten den Absatz in im- 
posanter Weise zu organisieren die Fähigkeit gehabt. Woher kommt 
das? Waren das andere Menschen als die Tuchmacher? Allerdings, 
wie ich glauben möchte ; denn die Glashändler sind aus „Wanderern" 
hervorgegangen, waren einst keine seßhaften, sondern unstete Leute 
ohne Heimat. Wie jeder Jude einst ein ewiger Jude, so war jeder 
Glasmacher wie man sagen könnte, ein christlicher Jude. Die Un- 
stetigkeit ihres Lebens, die Heiligkeit der Familientradition, den 
Kinderreichtum, eine gewisse asketische, im Dunkel bleibende Lebens- 
führung, den Blick und die Sehnsucht in die Ferne u. a. m. haben 
sie mit ihm gemein ^^. 

2. Die Wolle läßt der Handwerker entweder im eigenen Hause 
von den Familienmitgliedern oder auswärts in Spinndörfern ver- 
spinnen. Auch hier entstanden frühzeitig Schwierigkeiten. Das 
Spinnen war immer nur eine ländliche und vorwiegend weibliche 
Beschäftigung, kein Gewerbe, kein „Beruf". Dementsprechend blieb 
die Technik allezeit primitiv und leistungsunfähig, und da der Woll- 



298 Die Textilgewerbe. 

weber — wenn er selbst auch nur an primitiven Werkzeugen 
arbeitete — so doch seine ganze Zeit seinem Geschäft widmete, 
hatte er fast immer zu wenig Garn zum Verarbeiten, und die Garn- 
not ist die chronische Eigentümlichkeit nicht nur der Leinen-, 
sondern auch der Tuchw^eber. Je zahheicher die Handwerker, desto 
größer die Konkurrenz um die Spinner, desto weiter die Zonen, 
die sie aufsuchen mußten, um ihr Rohprodukt verarbeiten zu lassen, 
desto größere Spesen (Verluste an Waren und Zeit), in unserer 
Sprache , die freilich der Handwerker jener Zeit kaum verstanden 
hätte, entstehen aus dem Hin- und Hertransport ; dazu kommen als 
kosten erhöhendes Moment die unvermeidlichen Diebstähle und 
Hinterziehungen — scheinen doch die Worte Spinnen und Stehlen, 
in Böhmen wenigstens, synonym gewesen zu sein. Die Bauern 
mußten ferner ja auch pflichtgemäß für ihre Herrschaft spinnen, 
hatten also ihre Arbeitskraft nicht zur völlig freien Verfügung. 
Warum aber haben sich die' Tuchmacher nicht eigene Spinnereien 
angegliedert, oder warum ließen sie das Spinnen nicht wie andere 
Hilfsarbeiten von Zunftwegen betreiben ? Diese Frage stellen, hieße 
die Organisation des mittelalterlichen Handwerks (das ökonomische 
Mittelalter dauert ja bis ins neunzehnte Jahhrundert) und seine 
Existenzbedingungen vollständig verkennen, wäre mindestens so 
widersinnig wie die Frage, warum man in früheren Jahrhunderten 
nicht mit elektrischem Licht statt mit Kerzen beleuchtet habe ^^. 
Dies alles waren unzweifelhaft Nachteile für das städtische Hand- 
werk, Nachteile, die aber offenbar überwogen wurden durch die 
Vorteile, die der städtische Standort auch vom betriebstechnischen 
Standpunkt aus nun einmal bot. Dazu gehörten nämlich die ge- 
nossenschaftlichen Betriebseinrichtungen, die Färberei, für deren 
Benutzung die Zunft einen Kesselzins erhob, ferner die herrschaft- 
lichen Walkmühlen, für die der Grundherrschaft ein von Zeit zu 
Zeit steigender Zins gezahlt wurde, Tuchscherer usw., die, wenn 
auch noch so lose Organisation des Absatzes, vor allem aber die 
Zunft selbst. 

Das gewerbliche Leben in den böhmischen Städten entfaltete 
sich, von den Hussitenkriegen unterbrochen, sehr spät und dürfte 
zum Unterschied von anderen Ländern kaum vor Ende des sech- 
zehnten Jahrhunderts seine abschließende rechtliche Organisation 
gefunden haben. Was das Tuchmacherhandwerk angeht, so be- 
sitzen wir aus dem Jahre 1575 ein wertvolles Dokument, einen Be- 
richt der Prager Tuchmacherzunft an den dortigen Magistrat über 
den Stand der Tuchmacherei im gesamten Königreich. Es geht 



Das Wollgewerbe. 299 

daraus hervor, daß zu dieser Zeit die meisten böhmischen Städte 
ihre Tuchmacher, so wie eine jede ihre Müller oder Bäcker hatten. 
Namentlich angeführt wird Clirudim mit einer unbestimmten Zahl 
an Tuchmachern, die verschiedene Qualitäten, meist aber schwarz- 
gefärbte Tuche , selten einen Ballen von roter oder grauer Farbe, 
in verschiedenen Preisen, je nach der Qualität von 9 Schock 
Meifsnischer Groschen bis IG Schock pro Ballen herstellten. Man 
verkauft auf Jahrmärkten, und zwar soviel als man erzeugen kann. 
In Hohenmaut, Reichenau, Solnitz und Kosteletz im Königgrätzer 
Kreise verfertigt man ebenfalls Schwarztuch und verkauft den Ballen 
von 7 — 14 Schock Meißnisch. In Luditz werden die besten stahl- 
grauen, gesprenkelten und mechelnfarbit^en Tücher produziert, der 
Ballen zu 20 — 40 Schock Meißnisch. Tabor erzeugt nur Schwarz- 
tuche in geringer Qualität, Trautenau leichte rotfarbige oder grüne 
Tuche in großen Mengen. Diese scheinen hauptsächlich Mode- 
artikel für den Export gewesen zu sein, der Ballen wird um 4V2 
bis 6 Schock Meißnisch verkauft. Auch in Turnau, Friedland, 
Teplitz, Graupen, Bilin usw. gibt es Tuchmacher^*. Diese Tuch- 
macher, manchmal ein oder zwei oder vier an der Zahl traten als- 
bald zünftig organisiert auf. Sie werden . wie man sagen könnte, 
von einer bereitstehenden Organisationsform erfaßt, bedienen sich 
eines, wie es scheint, längst vorhandenen Schemas. Die Zünftig- 
keit hängt an dem Beruf gewissermaßen als seine Qualität, wie 
ein Status ist sie an das Handwerk gebunden. Wie mir scheint, 
hat das Handwerk hier in Böhmen gewissermaßen von Anfang an 
lange vor der Privilegierung mit Statuten durch die Behörde nach 
einem ehrwürdigen, traditionellen Gewohnheitsrecht mit sakralen 
Formen gelebt und gearbeitet. Die Statuten waren nur die notarielle 
Legalisierung dieses ihres urwüchsigen , eigenen Rechts ; wie der 
Mantel das offizielle Kleidungsstück der Zunftmitglieder, so ist die 
Organisation selbst ein breiter Mantel, viel zu breit für die wenigen 
Handwerker, die darunter kriechen ^^. Vom Mittelalter angefangen 
aber bis zu der Revolutionierung der Wirtschaft, die unserer Zeit 
die Signatur gegeben , also bis zur wirtschaftlichen Moderne , ist 
die Zunftgeschichte die Geschichte des Gewerbes in demselben 
Sinne , wie die Geschichte der Untertänigkeit die Geschichte des 
Landes ist. Die Geschichte der Zunft ist die Verfassungsgeschichte 
des Handwerks, wie die Zunft selbst seine Kirche ist ^^. 

Wir können uns, da auf diesem Gebiete kaum große Ent- 
deckungen zu machen sind, auf drei Hauptfragen beschränken: 

1. Wie war das Wollengewerbe in Böhmen organisiert? 



300 Die Textilgewerbe. 

2. Bis zu welcher Höhe wirtschaftlicher Entwicklung gedieh 
es unter der Zunft? 

3. Was hat die Auflösung und Umorganisation des Gewerbes 
herbeigeführt ? 

Das Band der Zunft umschlingt nicht den ganzen Produktions- 
prozeß, sondern nur dessen Endstadium, die Zunft ist keine sachlich- 
rationale Organisation des Handw^erks als einer technischen oder w^irt- 
schaftlichen Produktionseinheit, sondern regelt nur die Verrichtungen 
und Personenkreise, die sich mit der Fertigstellung des Halb- 
fabrikats zum verkaufsbereiten Endprodukt Tuch (Strümpfe, Woll- 
zeug) beschäftigen. Die Vorstadien, die Rohstofferzeugung und die 
Herstellung des Halbfabrikats, blieben immer unzünftlerisch und 
sind gewissermaßen nicht Subjekt der Organisation, sondern ihr 
Objekt und werden von ihr ausgebeutet. Dieses von der Zunft erfaßte 
Endstadium aber enthält selbst mehrere technische Prozesse: die 
Weberei, Walkerei, Färberei, ferner durch lange Zeit das Tuchscheren 
und — seitdem der Kampf zwischen Gewandschneidern und Tuch- 
machern zugunsten der letzteren entschieden ist — vielleicht die wich- 
tigste wirtschaftliche Errungenschaft und den ersten Erfolg der neuen 
Zimft, auch den Verkauf oder Absatz. Das sind die Stadien im Pro- 
duktionsprozeß, auf welche die Zunft sich bezieht, und der zünftige 
Tuchmacher ist in gewissem Sinn ein universaler Handwerker, d. h. 
hier Techniker, wie der moderne Fabrikant ein universaler Unter- 
nehmer ist. Zumeist aber führt der Tuchmacher nur ein oder zwei 
Verrichtungen wirklich aus: er webt das Tuch und verkauft es, 
w^ährend die anderen Arbeiten in genossenschaftlichen Betriebs- 
stätten von Zunftangestellten oder Pächtern besorgt werden, z. B. 
das Färben oder das Walken oder endlich das Scheren durch eigene 
Tuchscherer, die mit der Zeit, als diese eine spezielle qualitäts- 
bestimmende Geschicklichkeit erforderten, innerhalb der Zunft eine 
eigene Organisation , die Zunft der Tuchscherer , errichteten , die 
neben der der Tuchmacher aber in voller Abhängigkeit von ihr blieb, 
wirtschaftlich so gebunden und abhängig von den Tuchmachern, w^ie 
etwa sozial die Gesellenladen von der Zunft der Meister. 

Hinsichtlich ihrer rechtlichen Stellung, die natürlich von der 
allgemeinen Rechtsentwicklung mit bedingt ist, können wir in der 
Geschichte der böhmischen Tuchmacherzunft mit dem typischen 
Vorort Reichenberg mehrere charakteristische Perioden unterscheiden. 
Sie beginnt volltönend und verheissungsvoU mit der Freiheit, der 
autonomen Zunft, die von allen Gewalten, dem Stadtrat, dem 
Grundherrn unabhängig, sich selbst ihr Recht gibt und für alle Zeit 



Das Wollgewerbe. 3Q[ 

ihr Schicksal festzulegen scheint, übrigens schon damals — das 
erste Reichenberger Tuchmacherprivileg datiert vom 21. Februar 
1509 und bezieht sich auf vier oder höchstens zehn Meister — im 
Widerspruch mit der Wirtschaftspolitik des Reiches, denn schon 
1527 hatte die Handwerkerordnung Ferdinands I. alle Zechen und 
Zünfte unter die strenge Aufsicht der Behörde gestellt und die 
selbstgemachten Satzungen für nichtig erklärt ^^. Während in den 
Reichsstädten also die Zunft schon unter die Tutel der Staats- 
gewalt gestellt werden mußte, bekam in diesem entlegensten Winkel 
des Reiches, der durch die vorangehenden Kriegsstürme der Zeit 
in seiner sozialen Entwicklung mühsam nachhinkte, das Gewerbe 
die Freiheit zum ersten Male zu kosten; vielleicht war dies die 
günstigste Nachwirkung der Hussitenkriege , daß die Grundherren 
um der Erneuerung des Landes willen , sich zu milden liberalen 
Gewerbeprivilegien verstanden und der erw^achte protestantische 
Geist mag auch nicht ohne Einfluß gewesen sein — aber es war 
die kürzeste Periode in der Zunftgeschichte und sie dauerte nur bis 
zum Dreißigjährigen Kriege. 

Dieser Unabhängigkeit nach außen entspricht die Freiheit der 
inneren Verfassung, wie denn überhaupt auf jeder Stufe ihrer 
Entwicklung ein auffallender Parallelismus zwischen der Rechts- 
stellung der Zunft den äußeren Mächten gegenüber und ihrer inneren 
Verfassung zu konstatieren ist, derart, dass die größere Freiheit 
oder Gebundenheit jenen gegenüber, ihre größere oder geringere 
Widerstandsfähigkeit, nicht so sehr das Ergebnis äußerer Gewalt- 
eingriffe , als vielmehr aus dem innersten Leben der Zunft selbst 
zu fließen, weniger Ursache als vielmehr Wirkung zu sein scheint. 
Diese, wenn man wrill, „biologische" Auffassung eines soziologischen 
Phänomens hat für die Gesamtauffassung, für die Ausdeutung wii-t- 
schaftgeschichtlicher Tatsachen bedeutsame Konseqyuenzen ; vorerst sei 
der Illustration halber nur darauf hingewiesen, daß die nach außen 
unabhängige Zunft nach innen ihren Mitgliedern gegenüber liberal ist. 
Die Aufnahme als Meister ist nur geknüpft an die Erwerbung des 
Bürgerrechts, an die Absolvierung einer Lehr- und Wanderzeit, 
w^elch letztere durch eine Geldzahlung (von 6 Schock, 24 Groschen 
bar) reluiert werden kann. Kein Meisterstück, keine anderen die 
Freisprechung erschwerenden Leistungen werden verlangt, die 
Meistersöhne sind von Anfang an bevorzugt*^. Im übrigen sind 
die wirtschaftlichen Bestimmungen Kopien der Bestimmungen der 
deutschen Wollweberzünfte. Der Geist der Freiheit, den der 
Protestau tismus mit sich gebracht, oder richtiger vielleicht, der 



302 l^ie Textilgewerbe. 

auch den Protestantismus erzeugt hatte, wirkte noch in diesen Klein- 
bildungen und Gesellschaften nach. Auf dieser Stufe der Entwick- 
lung erfüllte die Zunft ihre vornehmste Funktion und kulturpoli- 
tische Leistung, die Kontrolle und Garantie der Qualität der Ware 
dem Publikum gegenüber, gewissermaßen als Konsequenz davon, 
daß die Zunft ihren Mitgliedern die Nahrung und den Ervverb 
garantierte. Auf dieser Stufe normiert die Zunft nicht so sehr 
die Art der Produktion, die ohnehin durch die gleichartige Technik 
und die Gleichheit der ökonomischen Bedingungen gegeben ist, als 
vielmehr die Art des Produkts. Zwei oder vier Geschworenen- 
älteste kontrollieren den ganzen Produktionsprozeß, vom Spinnen 
angefangen, das in den Händen der Frauen liegt, bis zur Fertig- 
stellung des Produkts und siegeln jedes Stück, das die Marke seines 
Verfertigers tragen muß, auch mit dem gewissermaßen behördlichen 
Siegel der Zunft. Insbesondere war und blieb dem Färben der 
Tucher das Hauptaugenmerk zugewandt, denn von der Färbung hing, 
wie es scheint, in erster Linie die Absatzfähigkeit der Tücher ab. 
Das Färben, anfänglich im „Stück", vom siebzeluiten Jahrhundert 
an in der ..Wolle", geschah im gemeinsamen Färberhaus der Zunft 
gegen Leistung einer Gebühr, die, wenigstens später, je nachdem ab- 
gestuft war, ob städtisches Tuch oder aus anderen Orten stammendes 
gefärbt wurde. Reichenberg hatte gewissermaßen ein Färberprivileg, 
das es auch fiskalisch im Interesse der Zunft ausnutzte; zunächst 
wählte die Zunft jährlich zwei Färbermeister, aber vom Jahre 1706 
an nach einer Defraudation verpachtete sie die „Schönfärberei". 
Hergestellt wurden verschiedene Sorten, die durch die Anzahl der 
angehefteten Siegel als qualitätsverschieden bezeichnet wurden: 
Einsiegler, Zwei- und Dreisiegler, und das feinste Tuch : Kerntuch. 
Für jedes Stück war eine bestimmte Länge und Breite und die 
Herstellungsart genau vorgeschrieben. Auf dem Markte, dem Kon- 
sumenten gegenüber, tritt so die Zunft als geschlossene Korpora- 
tion mit einer typischen gleichmäßigen Standardware auf, und 
gerade auf dieser Zuverlässigkeit und Bekanntheit der Erzeugnisse 
beruhte damals — ganz im Unterschied zu den heutigen Gesetzen 
des Marktverkehrs — die Verkäuflichkeit des Produkts. Wer 
Reichenberger Tuch sagte, meinte eine ganz bestimmte, unvertret- 
bare, behördhch geschützte und garantierte Ware: einer relativ 
undifferenzierten Nachfrage tritt ein „normales" Angebot gegen- 
über, die Bedingungen für die Preisbildungen sind auf beiden Seiten 
von vornherein bekannt und feststehend , es ergibt sich ein „lang- 
fristiger Normalpreis". Um dieses Zwecks willen sind die Nor- 



Das Wollgewerbe. ;303 

mierungen, die Eingriffe in die Produktion nötig, die späterhin 
Inhalt und Absicht völhg ändern ; aber schon diese QuaUtätsgarantie 
bedeutet eine gewisse Bescliränkung der Produktionsfreiheit, denn 
zu dieser gehört doch auch das Recht der Schundproduktion, die 
Freiheit, nach Belieben mindere Qualitäten zu erzeugen, und einer 
von den Gründen der Überlegenheit der modernen Industrie über 
das alte Handwerk auf allen Gebieten ist zweifellos die Möglich- 
keit, rasch grofse Mengen, wenn auch geringer Qualität, herzustellen. 
Klagten ja auch die Reichenberger Tuchmacher wie alle anderen 
immer wieder über die Juden, in denen sich alles, was dem Hand- 
werksgeist feindlich war , verkörperte , daß diese nur schlechte 
Qualitäten verlangten, mehr auf Billigkeit als auf Gediegenheit, d. h. 
eben auf die Bedingungen des Kapitals als auf die Qualität der Ware 
sähen. Die Zunftstatuten verbieten des weiteren noch jede gegen- 
seitige Konkurrenz der Zunftbrüder beim Wolleinkauf, den Verkauf 
von Wolle an andere Handwerker, namentlich an Leinweber zum 
Mischen und bestimmen für jede Übertretung die üblichen Strafen. 

Die Zahl der Reichenberger Tuchmacher war bis zum Jahre 
1618 auf 20 gestiegen, und schon 1619 hatten die Gesellen eine 
Brüderschaft gebildet und sich ihre eigene Tuchknappenordnung 
gegeben. Ihre Statuten ^^ sind von einem adeligen ritterlichen Geist 
durchweht, der von diesen Handwerksknechten nicht ersonnen 
worden sein kann. Wie ist die martialische Strenge dieser Statuten 
zu erklären und zu deuten? Als Ideal, dem sich die Wirklichkeit 
immer mehr annähert, oder von dem sie sich immer weiter entfernte, 
als Zusammenfassung des erreichbaren Möglichen oder des er- 
w^ünschten Unmöglichen? Die Meister arbeiteten — wenigstens 
solange das Gewerbe gut ging — immer auf ein gutes Einvernehmen 
mit den Gesellen hin und räumten ihnen eine Vertretung in der 
Meisterzunft ein. Die Gesellenladen blieben vom Jahre 1019 bis 
zum allgemeinen Handwerkspatent 1731 , das die Gesellenorganisa- 
tionen verbot, ja darüber hinaus trotz des staatlichen Verbots, in 
loser Form bestehen ^*^. 

Der Dreißigjährige Krieg selbst bedeutete für die Reichenberger 
Tuchmacher — aus exzeptionellen Gründen gewiß, die sich aber 
beim Textilgewerbe auffallend oft wiederholen — keinen Schaden, 
sondern ein Aufblühen ihres Handwerks und eine Quelle reichlichen 
Verdienstes. Ihr Grundherr wurde gleich nach der Schlacht am 
Weißen Berge Albrecht Wallenstein, der die Raedernschen Be- 
sitzungen, darunter Friedland und Reichenberg, um 150 000 rh. fl. 
kaufte. Wallenstein war ein Großunternehmer des Krieges auf 



304 ^^6 Textilgewerbe. 

eigene Faust. Er vielleicht zuerst in der neueren Zeit, jedenfalls 
in Deutschland, hat den Krieg zu einer wirtschaftlichen, ja privat- 
wirtschaftlichen Großunternehmung gemacht -^ rüstete und ver- 
pflegte seine Truppen aus eigenen Mitteln und schuf sich zu diesem 
Zweck einen starken wirtschaftlichen Rückhalt auf seinen Gütern. 
Seine Bestellungen an Kleidung, überhaupt an Textilprodukten 
machte er auf seinen Herrschaften Reichenberg und Friedland, den 
Sitzen der Tuchmacher und Leinweber. So z. B. erläßt er unterm 
13. Juni 1620 an den Regenten von Jitschin den Befehl, 4000 
Kleider für die Knechte zu beschaffen , „das ist ein Jupen von 
Tuch, mit Leinewat gefüttert, ein tüchernes Paar Hosen und ein 
tüchernes Paar Strumpf, alles bis zu Ende August", und 1627 be- 
stellt er für 13000 Taler Schuhe und Strümpfe und Kleider und 
später noch um 4000 Taler militärische Ausrüstungsgegenstände ^^. 
In der Zeit der Wallensteinschen Regierung von 1622 — 1634 traten 
der Zunft 76 neue Meister bei, mehr als je in einer früheren Zeit 
ihres Bestandes. 

Die Konsequenzen des beendigten Krieges aber waren un- 
geheuer. Zunächst ist auch der Wirkungen der Gegenreformation 
zu gedenken. Von den protestantischen Herrschaften Reichenberg 
und Friedland wanderten etwa 7000 Personen, größtenteils Handels- 
und Gewerbsleute, darunter viele Tuchmacher, ins Ausland, zumeist 
nach Zittau ^^, ihre Güter wurden von der Herrschaft eingezogen 
und versteigert. Aber auch hier bestätigt sich die von den National- 
ökonomen, unter anderem am schärfsten von J. Stuart Mill formu- 
lierte Lehre, daß diese durch den Krieg verursachten Lücken in 
der Bevölkerung durch Einwanderung aus anderen Landesteilen 
und großen Geburtenüberschuß sich ungemein rasch schließen. Im 
Jahre 1649 gab es nach dem Kontributionsregister in Reichenberg 
schon wieder 134 Tuchmachermeister, einen Walker und 9 Meister- 
witwen ^*. 

Viel folgenreicher aber und tiefergehend ist die nunmehr ein- 
tretende Feudahsicrung der Zünfte, die Verwandlung der Gewerbe 
in eine grundherrliche Rentenquelle, womit die Zunftgeschichte in 
ihre zweite markante Lebensepoche tritt. Die Autonomie der Zunft 
ist zu Ende. Bisher nur unter dem Schutz der grundherrlichen 
Obrigkeit, wird jetzt das Gewerbe zu ihrem vornehm liebsten Aus- 
beutungsobjekt. Der erwachte und von oben protegierte Erwerbs- 
sinn der territorialen Gewalthaber entfaltete sich mit unheimlicher 
Brutalität und trug das Recht des Krieges in den Wirtschaftskampf 
des Friedens. 



Das Wollgewerbe. 3Q5 

An der Reichenberger Tuchmacherzunft können wir die Einzel- 
heiten aufweisen. Ihr drittes Privilegium datiert aus dem Jahre 
Iö(j4. Welche Änderungen in einem halben Jahrhundertl Zum 
Handwerk sind nur Katholiken zugelassen, die von der Zunft er- 
wählten Beamten sind von der Obrigkeit zu bestätigen und werden 
von ihr beeidigt . die kirchlich-religiösen Pflichten sind streng , die 
Strafgelder, die früher dem Handwerk zufielen, gehören jetzt zum 
größten Teil der Obrigkeit. Das alles sind aber nur Symptome und 
Äußerlichkeiten. Viel empfindlicher macht sich der herrschaftliche 
Druck geltend in der Erhöhung aller bisherigen Abgaben bzw. in 
der Einführung neuer. 

1. Die Zunft bezahlte seit ]6o2, als Wallenstein an Stelle der 
baufälligen Walke aus Holz eine neue aus Stein errichten ließ, 
jährlich 2n0 fl. Walkmühlenzins für die Benutzung der herrschaft- 
lichen Walkmühle und 20 fl. „Teichzins", ferner 22V2 kr. oder 
1 Ortstaler von jedem Stück fertigen Tuch (wie von jedem „Boy" 
die Hälfte), von jedem Webstuhl ein „Stuhlgeld** von ursprüng- 
lich 17 (1576), dann 30 (1591) und (seit I6G1)) 48 Meißnischen 
Groschen, von jedem Lehrknaben 15, von jedem Gesellen oder 
Knappen 30 kr. „Weberzins". Alle diese Abgaben wurden jetzt 
erhöht, der Walkmühlenzins nacheinander auf das Doppelte und 
sodann auf 1000 fl. jährlich und die Benutzung der herrschaftlichen 
Walkmühle obligatorisch gemacht. Erst die Tuchmacherordnung 
von 1759 hat den Walkmühlenzwang im Prinzip aufgehoben, aber 
die Verordnung scheint an der Zunft spurlos vorübergegangen zu 
sein, denn wir finden, daß sie 1777 bei der Kaiserlichen Hof- 
kommission vorstellig wird, um eine Herabsetzung des bis dahin 
auf 1330 fl. gestiegenen Walkmühlenzinses zu erbitten. Die Grund- 
herrschaft verwandelte daher noch rechtzeitig den Zwang in ein 
Pachtverhältnis, den Walkmühlenzins in einen Pachtschilling (1778) 
und 1779 erließ die Hofkommission eine für alle Tuchmacherzünfte 
Böhmens gültige Entscheidung, „daß dieselben keineswegs an die 
obrigkeitlichen Walken gebunden, sondern befugt sind, entweder 
auf ihren Grundstücken selbst Tuch walken zu erbauen oder sich 
mit der Obrigkeit über den Zins für die Benutzung der obrigkeit- 
lichen Walken einzuverstehen"2\ Das Stuhlgeld, das Tuchmacher 
und Leinweber von jedem Webstuhl an die Amtskasse abzuführen 
hatten, wurde I6l>3 von 48 auf 80 Meißnische Groschen erhöht. 

2. Nunmehr wurde eine ausdrückliche Verpflichtung zum Bezug 
der Lebensmittel und des Rohstofles von der Herrschaft statuiert. 
Die Reichenberger Zünfte wurden durch die „Konfirmationen" von 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 20 



30(3 Die Textilgewerbe. 

1664 — die Reichenberger Tuchmacher erst 1673 — verpflichtet, 
von den herrschaftlichen Meierhöfen „jene Viktualien, v^^elche die 
Obrigkeit zu dero Hofhaltung nicht bedürfen möchte, der Proportion 
nach anzunehmen", den entstehenden Mehraufwand wurde auf die 
hergestellten Tücher aufzuschlagen erlaubt. Die Grundherrschaft 
vernichtet also nach der neuen Theorie, wonach vor dem Grund- 
herrn kein Kaiser und kein König die Untertanen beschützen kann, 
das alte Privileg des freien Wolleinkaufs und sichert sich durch 
ein Zwangshandelsmonopol eine neue Rente auf folgende Weise. 
Die Herrschaft verlieh zunächst einem jüdischen Händler, der „Portu- 
giese" genannt, ein Handelsmonopol auf den Einkauf der Wolle, 
wofür der Händler (3 kr. pro Stein oder 36 kr. pro Zentner in die 
herrschaftliche Kasse erlegen sollte, und verpflichtete sodann die 
Zunft durch ihre Ältesten, von niemand anderem als der „herr- 
schaftlichen Wollniederlage", hinter der sich der jüdische Woll- 
händler verbarg, zu einem von der Herrschaft fixierten Preise die 
Wolle zu kaufen. Die Herrschaft hatte dabei den doppelten Vor- 
teil: die Abgabe des Juden und die Möglichkeit, die Wolle teuer 
zu verkaufen. Aber schon zwei Monate später kam zwischen den 
Vertretern der Zunft und dem Hauptmanne ein neuer Kontrakt zu- 
starde, in welchem die Zunft sich verpflichtete, „künftig von jedem 
zu ihren Manufakturwaren einzuführenden Stein Wolle 3 kr., hier- 
mit vom schweren Zentner 18 kr. in die herrschaftlichen Renten 
zu zahlen, um nur nicht genötigt zu seyn so thanes Materiale aus 
den Händen des Juden zu beziehen" ^^'. Diese neue Materialsteuer 
ist der berüchtigte „Wollgroschen". Nach dem Pest jähr 1680 wurde 
der Zunft erlaubt, statt des Wollgroschens, 3 kr. vom Stein, eine 
jährliche Pauschalsumme von 500 fl. der Herrschaft zu zahlen. 
Nach Verlauf weiterer zehn Jahre, 1690, errichtete die Herrschaft 
nun wirklich eine herrschaftliche Niederlage und obligierte die 
Tuchmacherinnung nur bei dieser Niederlage und durchaus nirgend 
anders Wolle zu kaufen und nicht nur Wolle, sondern auch alle 
Farbmaterialien und sonstige „Zutat" zur Schafwollmanufaktur. Der 
Wollgroschen aber im Betrage von 500 fl. blieb Aveiter bestehen. 
Die Wollniederlage führte das herrschaftUche Wirtschaftsamt nicht 
selbst, sondern eine Kompanie von jüdischen Händlern. Ob die 
WoUe wirklich, wie Schreyer meint und andere wiederholen, da- 
durch um 12 — 15 fl. gegenüber dem Durchschnittspreis verteuert 
wurde, können wir mangels der nötigen Preisnotizen nicht kon- 
trollieren ^\ 

Die unter dem Titel „Webergroschen, Weberzins, Stuhlgeld" 



Das Wollgewerbe. 307 

bestehenden Abgaben wurden erst 1772, der Reichenberger Woll- 
groschen erst 1777 aufgehoben ^^. Aus dem Jahre 1690 stammt 
femer auch das famose „Käseverschonungsgeld", eine jährliche Ge- 
bühr von 50 fl., mit der sich die Zunft bzw. die Ältesten von der 
Verpflichtung, den ungenießbaren herrschaftlichen Käse abzunehmen, 
loskauften. 

Diese Verschlechterung ihrer w^irtschaftlichen Position werden 
natürlich die Meister abzuwälzen gesucht haben, und die Herab- 
setzung der Spinnerlöhne und ein stets gespanntes Verhältnis 
zwischen Gesellschaft und Meisterschaft sind die Folgeerscheinungen 
davon. 

Dieser Unfreiheit der Zunft nach außen, dieser Veränderung in 
den rechtlichen Beziehungen zu einer äußeren Macht geht nun 
wieder eine innere Verfassungswandlung parallel, ja geht ihr voraus, 
und hier nun wird sich unsere Theorie zu bewähren haben, wonach 
der Lebensprozeß der Gruppe selbst ihr die Stellung und Bedeutung 
innerhalb der Gesellschaft anweist. Es ist nicht so, daß der von 
außen durch die Grundherrschaft auf die Zunft ausgeübte Druck 
sich nach innen zu fortpflanzt, sondern ihre innere Verknöcherung 
macht sie gegen jeden äußeren Angriff zuerst des GrundheiTn, 
später des Staates, wie schon vorher des Handels, widerstandslos. 
Die Zunft wird immer „zünf tierisch er", das ist das Wesentliche; 
sie fühlt sich, wie sie selbst gelegentlich in einem offiziellen 
Schreiben sagt, als „unserer gnädiger Erb- undt Grund-Obrigkeit 
leibeigene ünterthanen, alß so vor uns das w^enigste zu thun nicht 
vermögen" — sie kann sich nicht rühren. Diesen Mangel an An- 
passung an die Dynamik des Wirtschaftslebens, d. h. an die sich 
ändernden Bedingungen, das Beharren bei einem Gleichgewicht, 
das eben nur durch künstliche, gewalttätige Mittel aufrecht erhalten 
werden kann : das ist es, was w ir mit dem Worte zünftlerisch eigent- 
lich meinen. Die ImmobiHsierung der Ökonomie, die Verknöchenmg 
des Zunftgeistes sind gleichartige Bezeiclmungen und sollen be- 
sagen, daß die Zunft, indem sie gewisse in ihrem Wesen liegende 
Tendenzen zur äußersten Konsequenz entwickelt, ihre Angepaßtheit 
an den Gang des Lebens verliert und dem Ansturm der sie be- 
drängenden Kräfte erliegen muß. Gerade in dem Zeitpunkt, wenn 
ihre innere Organisation am vollendetsten und folgerichtigsten ist, 
wird sie in W^irklichkeit am schwächsten und verwundbarsten 
sein. Aus diesem Grunde möchte ich die Bedrückungen der Zunft 
durch die Grundherrschaft — so lästig sie dem einzelnen gewesen 
sein mögen — nicht für so wesentUch halten, als es gemeinhin 

20* 



308 ^ie Textilgewerbe. 

geschieht, haben sie ja doch nicht vermocht, die Entwickhing der 
Zunft zu hemmen; im Gegenteil das Gewerbe nimmt an Zahl und 
Bedeutsamkeit zu, woraus man schhcßen könnte, daß die chronische 
Spannung, in der sich die Zunft gegen die GrundheiTn befand, ihre 
Lebensenergie länger wacherhalten habe , als es ohne diese ge- 
scliehen wäre. Erst wenn der Druck aufliört, wird sie ganz wider- 
standslos und schwach. Ich möchte daher die paradox scheinende 
Behauptung wagen, daß die Zunft ohne diese Kämpfe noch eher 
eingeschrumpft und lebensunfähig geworden wäre. So feindHch sich 
die Grundherrschaft und die Zunft gegenüberstanden, im innersten 
Wesen, in der Beschränkung der Freiheit, in dem Ausschluß der 
Konkurrenz usw. verstehen ^ie sich nicht nur, sondern sind mit- 
einander verwandt und einander würdig. Die Zunft ist eben nur 
ein vielköpfiges Ungeheuer und dadurch dem Gnindherrn gegenüber, 
der Alleinherrscher ist, im Nachteil. 

Diese innere Wesenswandlung aber äußerte sich in einer 
systematischen und konsequent beobachteten Abschließungstendenz, 
nach der persönlichen Seite durch radikale Inzucht, indem in 
Reichenberg zeitweise nur Meistersöhne zum Gewerbebetrieb zu- 
gelassen wurden und kein anderer die Möglichkeit hatte , Meister 
zu werden, woraus sich die Wanderung des Tuchgewerbes in andere 
Städte, z. B. nach Gablonz, erklärt, sachlich in einer schroffen 
„Mittelstandspolitik", d. h. in der zwangsweisen Herabsetzung des 
Leistungsniveaus. 

Kurz nach dem Dreißigjährigen Kriege hatte die Zunft um ihre 
Verluste zu decken, die Bedingungen bei det- Aufnahme neuer Mit- 
glieder ermäßigt, die Wanderjahre und Lehrzeit etwas verkürzt, 
jetzt aber wurde die entgegengesetzte Politik umso schärfer gehand- 
habt. Dem dritten Privilegium der Reichenberger Tuchmacher vom 
Jahre 1(J64 war schon 1(320 ein zweites vorausgegangen, welches 
die Möglichkeit des Meisterwerdens erschwerte, die Sportein und 
Taxen erhöhte, und ihm folgte die Zunftordnung vom 2 i. September 
17(iO, die noch viel weiterging in der krassen Bevorzugung der 
Meistersöhne, in der Kontrolle des ganzen Produktionsprozesses und 
der zwangsweisen Fixierung eines künstlichen Gleichgewichts. Schon 
früher bestand das Verbot, demzufolge kein Tuchmacher auf mehr 
als auf einem Stuhl arbeiten durfte, eine Norm, die wohl nie ganz 
befolgt, aber doc : erst 1765 aufgehoben wurde, nunmehr aber ging 
man weiter und konting«^ntierte Produktion und Absatz zu mindest 
der „armen Meister". Um nämlich den Unterschied zwischen reichen 
und armen Meistern aufzuheben und damit das Handwerk in größeren 



Das Wollgewerbe. 3Q9 

SchwuDg und Lebhaftigkeit gerate und die Tücher nicht, wie bisher 
geschehen, „obenhin" verfertigt würden, der arme Meister neben 
dem reichen sich halten könne, so wird in der Tuchmacherordnung 
von 170IJ bestimmt, es solle künftighin kein Meister für sich selbst 
in vierzehn Tagen mehr als ein breites Tuch von Zwei-, Drei- oder 
Viersieglerhaaren (Kerntuch) zu machen befugt sein, noch durch 
einen anderen mehr anfertigen zu lassen ^^, die Erzeugung von 
Qualitätstüchern und Boyen hingegen wird freigegeben, und bei 
lebhafter Konjunktur kann von der Obrigkeit über Ansuchen der 
Zunft das Kontingent erhöht werden. Auch das Lohnwerk, das 
Arbeiten des Meisters für Rechnung eines anderen um Lohn, wird 
ohne Einschränkung zugelassen. Aber nicht nur die Produktion wird 
im Interesse der Konkurrenzfähigkeit der armen Meister limitiert, 
sondern auch der Handel; die Zunft ließ sich nämlich 1700 von 
der Obrigkeit bestätigen, „es sollen hiefüro die armen wie die 
reichen Meister mit ihren Waren von Reichenberg aus nur alle 
vierzehn Tage einmal in gleicher Zeit und Stunde miteinander in 
Prag einfahren, und so fort von vierzehn Tagen zu vierzehn Tagen 
damit kontinuieren , damit sie zu Prag alle zugleich ihre Einfahrt 
haben und die Waren gleich auspacken und verkaufen" ^^. 

Nun die Zunft konnte wohl den Unterschied zwischen arm und 
reich zu verwischen trachten, den Unterschied zwischen begabt und 
unbegabt, energisch und energielos konnte sie nicht auslöschen, 
und daran ist sie zugrunde gegangen. Zweifellos wurde die De- 
generation der Zunft gefördert und beschleunigt durch den Gene- 
rationswechse , der nach dem Dreißigjährigen Kriege stattfand. 
Denn wenn sie auch an numerischer Bedeutung nichts einbüßte, es 
waren eben andere Menschen, die ins Handwerk traten. Die pro- 
testantischen Meister, wie die Zunft selbst eingestand, der „beste 
Kern der Tuchmacher, so die meisten Tücher gemacht hätten", 
waren ausgewandert. Was zurückblieb, war ein zur Trägheit ge- 
neigtes, schummriges Völkchen, dem der Lebensgeist ausgeblasen 
war, eine zünftlerische Bourgeoisie. 

3. So tritt die Zunft in ihr drittes und letztes Lebensstadium, 
aus dem sie nicht mehr gerettet hervorgehen sollte: die Periode 
ihrer Staatlichkeit. Das Gewerbe und seine Organisation werden 
verstaatlicht, es wird Gegenstand der Fürsorge des absolutistischen 
Wirtschaftsstaates, das vornehmste Objekt staatlicher Wirtschafts- 
politik. Damit ändern sich wieder die Beziehungen zu den über- 
geordneten Mächten. Die Zünfte wechselten den Herrn und waren 
es zufrieden, da es ihnen nicht um die Freiheit überhaupt, sondern 



310 Die Textilgewerbe. 

um den Wechsel der Herrschaft zu tun war. Unter Verstaatlichung 
aber meinen wir nicht allein den Wechsel des Herrn, sondern 
auch Wechsel der Herrschaft, nicht nur eine formale, sondern 
inhaltliche Veränderung, eine neue gegenseitige Beziehung zwischen 
Herrscher und Beherrschten. Der absolutistische Staat tritt nicht 
etwa bloß an die Stelle des Grundherrn und setzt dessen Politik 
fort, sondern er bringt eine eigene Auffassung der Dinge, eigene 
Ideale und Zwecke mit und sucht sie mit den ihm eigenen Mitteln 
zu verwirklichen. Das Zunftinteresse ist nicht mehr dem privat- 
wirtschaftlichen Interesse des Staates wie früher des Grundherrn 
untergeordnet, sondern es soll sich den allgemeinen wirtschafts- 
politischen Interessen und Zwecken des Staates ein ordnen, es soll 
Gegenstand einer allgemeinen Gesetzgebung werden. Dabei eben 
stellt es sich heraus, daß die Prinzipien des Zunftwesens einer 
solchen Verallgemeinerung wie sie der moderne Staat erheischt, 
nicht fähig waren und daß, so wohlwollend und milde der Staat 
die Handwerksgesetzgebung übte, moderner Staat und Zunft un- 
verträgliche Gegensätze sind, und wenn der Staat sich durchsetzte, 
die Zunft verloren war. Mit der Übernahme der Wirtschaftspolitik 
durch den Staat mußte natürlich auch das Gewerberecht und die 
Oewerbepolitik aus anderen größeren Gesichtspunkten und nach 
bedeutenderen Maßstäben getrieben werden als aus denen städtischer 
Handwerker, d. h. eben der Zünfte. So vorsichtig, ja unsicher 
tastend nun auch der neue Staat sich vorwärts wagte, er ging 
wie auf allen anderen Gebieten auch hier auf das Allgemeine: 
das allgemeine Handwerkspatent von 1731, die General- 
Zunftartikel von 1739, die allgemeine Tuchmacherordnung zeigen 
das , man möchte sagen , deduktive und abstrakte Prinzip des 
Staates im Gegensatz zum partikularen und konkreten Zunftgeist 
wirksam; der Staat zersetzte die Zünfte, und nach anfänglich 
schwankender Stellung und mannigfachen Umbildungsversuchen 
mußte er sie preisgeben, als der wirtschaftliche Effekt von neueren 
Bildungen , von der neuen Erwerbsorganisation , dem Groß- 
betrieb, besser, dem staatlichen Wirtschaftsprogramm adäquater 
geleistet wurde , während die übrigen Funktionen der Zunft , ihre 
polizeilichen, sozialpolitischen, gewerberechtlichen usw., der Staat 
selbst übernahm. Damit war die Zunftorganisation nicht nur ver- 
altet, sondern überflüssig geworden. 

Indes dies hinderte nicht, daß die Zunft immer noch an ge- 
wissen wirtschaftspolitischen Maßregeln des Staates mitprofitierte, 
an der Schutzzollpolitik z. B., wie sie ja auch nach ihrer Verstaat- 



Das Wollgewerbe. 3|| 

lichung numerisch immer noch erstarkte, aber die Hauptsache ist, 
daß hier doch ein latenter Gegensatz geschaffen war zwischen 
Zunftinteressen und Staatsinteressen, die Zunft in der Umarmung 
des Staates sozusagen ihres Lebens nicht mehr recht froh ward 
und von den Brosamen leben mußte , die von seinem Tische 
für sie abfielen. Zwei Grundsätze des modernen Staates im be- 
sonderen sind es, die dem Wesen der Zunft im innersten entgegen 
sind: das Prinzip der Konkurrenz und das Prinzip der PersönHch- 
keit, beide machte sich der absolutistische Staat zu eigen. Er er- 
klärte, sein Lebensinteresse erheische nicht mehr die Hemmung, 
sondern die größtmögliche Förderung und Verbreitung der Kom- 
merzialge werbe, d. h. aller derjenigen Gewerbe, die nichts mit der 
Lebensmittelversorgung zu tun haben und damit eben auch die Ver- 
stärkung und Ausbreitung des gegenseitigen Wettbewerbes, der 
Rivalität — und zw^eitens: er macht die Berechtigung zum Ge- 
werbebetrieb nicht mehr von der Zugehörigkeit zu irgend einer 
Organisation, zum Stande, sondern von der persönlichen Befähigung 
abhängig, sie wird ein individuelles Recht. So z. B. beauftragt 
ein Dekret vom 3. Mai 1784, welches den Magistraten die Ver- 
leihung der Befugnis zum Betrieb der Kommerzialprofession und 
zufälliger Meisterrechte überläßt, diese neue Gewerbehörde „weder 
sich an eine bestimmte Zahl noch an Wanderjahre zu binden, son- 
dern hauptsächlich auf die Fähigkeit, die Sitte und die Bewerb- 
samkeit, dann eine gemessene Zahl und gut vollbrachte Gesellen- 
jahre bei den Meisterrechtswerbern zu sehen, aber auch weder 
den Meistersöhnen noch den Inländern vor den Ausländern einen 
Vorzug zu geben, sondern bloß auf die persönlichen Eigenschaften 
und die davon zu erhoffende Vermehining der Manufakturen Rück- 
sicht zu nehmen" ^^ 

Wiederum aber ist auch hier zu betonen, daß dem Staate sein 
Werk durch eine innere Zersetzung der Zunft, durch ein Erschlaffen 
des Interesses der Meister an ihrer Organisation, wenigstens teil- 
weise erleichtert worden ist. Immer mehr trat innerhalb der Zunft 
der Gegensatz zwischen reichgewordenen und armgebliebenen 
Meistern zutage. Die reichen Meister waren innerlich nicht mehr 
recht dabei, wie sie sich ja tatsächlich immer häufiger trotz aus- 
drücklichen Verbots von den Zunftversammlungen absentierten^^. 
Diese Sezessionisten waren auf dem Wege, Unternehmer zu werden 
und ließen die Zunftbrüder in ihrer Beschränktheit hinter sich, 
sie bildeten die handelnde, meist jedoch schweigsame Opposition. 
W^enn die Zunft über diese Reichen klagte und sie, wo sie konnte, 



312 Die Textilgewerbe. 

zu unterdrücken suchte, so meinte sie damit weniger den Reichtum, 
der nur die Folge war, als vielmehr die andere unzünf tierische Ge- 
sinnung, gegen die alle Mächte der Welt vergebens angekämpft 
haben würden. 

Dem absolutistischen Staat aber und seiner im Grunde zunft- 
gegnerischen Pohtik war schon viel früher von einer anderen Macht 
wirksam vorgearbeitet worden, deren Lebenselement die Konkurrenz 
und die Individualität, also just die Prinzipien bildeten, die der 
Staat sich für seine Politik zu eigen, zu Maximen seiner Politik 
machte: dem Handel, dem ältesten und wirksamsten Feind des 
zünftigen Handwerks. Der WoU- und Tuchhändler oder — was 
nicht nur für Böhmen, sondern so ziemlich allgemein dasselbe ist, 
der Jude — und der städtische Tuchhandwerker sind einander 
wesensfremde Menschen mit total verschiedenem Lebensaspekt. 
Wenn der Jude so von ungefähr, unerwartet und doch im höchsten 
Sinn nicht zufällig auf dem Wirtschaftshofe des Grundherrn er- 
scheint und unter Hundegebell demütig nach dem Herrn Amtmann 
fragt, oder wenn er mit krummem Rücken und scheuem Blick die 
Werkstätte des Hand werkers betritt, dann ist den Menschen unheimlich, 
als ob ein Stück ungekannte gefahrvolle Welt, als ob ein Dämon ge- 
kommen wäre, und wie seine Physiognomie fremdartig anmutet, so 
hängt an seinen Kleidern gleichsam ein undurchdringliches Geheimnis, 
und man ist wie von einem Alb befreit, wenn er die Behausung 
friedfertiger Leute wieder verlassen hat. In Wahrheit ist seine 
Überlegenheit eine doppelte : einmal eine sachliche, er ist Kapitalist, 
er kann dem geldbedürftigen Produzenten, ihm, der nicht „warten" 
kann, seine Wolle im voraus bezahlen, und er gibt ebenso auch 
dem Tuchmacher Kredit und bringt ihn dadurch mehr oder weniger 
rasch in Abhängigkeit, verwandelt ihn aus einem selbständigen 
Meister in einen Lohnarbeiter. Wie überall, so bewährt auch hier 
das Kapital seine Macht der Verführung ^^. Ein Bericht der böhmi- 
schen Statthalterei weist darauf hin, daß die Meister der Zunft 
infolge ihrer luxuriösen Gewohnheiten geneigt seien, bei den Juden, 
d. h. bei den Händlern, Arbeit und Kredit zu suchen und „der 
gestalten Judenknechte abzugeben gezwungen würden" ^^. Aber daß 
der Jude Bankier ist und Geld gibt, ist nicht alles. Seine Über- 
legenheit gründet weiter und hauptsächlich in seinen persönHcheu 
Eigenschaften, die dem Handwerker fehlen: Weltkenntnis, Über- 
sicht über den Bedarf, Menschenbehandlung, Anpassungsgabe, kurz 
in der Fähigkeit, „kapitalistisch" zu wirtschaften, in den Momenten, 
die das Geistige der kapitalistischen Wirtschaft ausmachen. Die 



Das Wollgewerbe. 313 

exakte Kenntnis von Dingen und Zuständen, die Übersicht, die 
der Staat sehr spät und künstlich zu erwerben sucht, um für seine 
Maßnahmen eine Grundlage zu haben, die hatte der Händler seit 
langer Zeit gewissermaßen im Instinkt ; und doch mit erstaunlicher 
Sicherheit, die der Erfolg beweist, ging er seinen Weg auf sein 
Ziel los, und der glückliche Abschluß seiner Geschäfte dokumen- 
tiert eben, daß die Operationsbnsis und Taktik richtig waren. 

Erst wenn der weite, unruhige, flackernde Blick des Händlers 
mit der stillen Sicherheit des Handwerkers oder eigentlich des 
Technikers in einer Person zusammentrifft und der Bankier hin- 
zutritt, sind die personalen Bedingungen dafür gegeben, daß die 
moderne Großunternehmung siegreich zwar nicht an die Stelle, 
wohl aber neben die in der Zunft geschlossenen Kleinbetriebe tritt. 
Bevor wir jedoch mit diesenl letzten Schritt die Historie der Ver- 
gangenheit verlassen und den Boden der Gegenwart betreten, 
müssen wir unsere im Eingang gestellte zweite Frage beantworten 
und uns eine Vorstellung davon verschaffen, bis zu welchem Punkte 
wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit das Tuchgewerbe unter dem 
Schutze der Zunft gediehen ist. W^as hat das Zunfthandwerk ge- 
leistet, was blieb ihm versagt? 

Der statistischen Neugier des absolutistischen Staates ^^, seinem 
Bedürfnis nach Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse und Be- 
dingungen der Produktion in jedem Erwerbszweige verdanken wir 
ein für die Geschichte der böhmischen Tuchindustrie wertvolles 
Dokument aus dem Jahre 1717, einen statistischen Bericht mit 
einem Gutachten des Kommerzialkollegiums an die Statthalterei, 
eine Art Generalbilanz des böhmischen Tuchgewerbes, die uns, 
mit dem Bericht der Prager Tuchmacherzunft aus dem Jahre 1575 
zusammengehalten, die Fortschritte des Gewerbes in etwa andert- 
halb Jahrhunderten erkennen läßt^^. Der Wert dieser Statistik 
leidet einigermaßen darunter, daß viele Städte, in denen sich Tuch- 
macher befanden , darunter auch Reichenberg , vielleicht in der 
Meinung, „es würde ein onus hieraus erfolgen", nicht die tatsäch- 
hchen Produktionsziffern einbekannten, sondern nur eine ideale, 
künftige nannten, die sie bei voller Ausnützung ihrer Betriebsmittel 
erreichen könnten. Nun ließe sich ja der tatsächliche Produktions- 
umfang mit dieser idealen Ziffer annähernd gleichsetzen, wenn nicht 
die begleitenden Berichte deutlich darauf hinwiesen, daß in 
vielen Städten des Landes die Tuchmacher — in Braunau z. B. 
300 „Meister" — völlig verarmt seien, arbeitslose Proletarier, die 
von der Gunst und Ungunst der Konjunktur bzw. ihrer Verleger 



314 Die Textilgewerbe. 

abhängig waren. Als Ursachen dieser traurigen Lage eines großen 
Teils des Tuchhandwerks werden immer wieder dieselben von den 
Beteiligten angeführt; nie fällt es dem vom Unglück Betroffenen 
ein, die Schuld seines Unglücks bei sich selbst zu suchen, sondern 
es sind immer äußere Mächte oder das Schicksal — so auch hier: 
der schädhche Fürkauf der guten Wolle durch in- und ausländische 
Händler, die Konkurrenz des im Schleichhandel importierten ins- 
besondere sächsischen Tuchs, die Vorliebe des Publikums für 
fremde, wenn auch schlechte Produkte — all dies hätte die Meister 
in schimpfliche Armut und Erwerbslosigkeit gestürzt. 

Die Staatsbehörde selbst ist freilich anderer Ansicht über die 
Ursachen der Notlage des Handwerks. Es scheint nämlich , daß 
die Zunft auf der Akme ihrer Entwicklung, an jenem bedeutsamen 
Wendepunkt zweier Zeiten, als das wirtschaftliche Mittelalter des 
Gewerbes von der Neuzeit endgültig abgelöst wurde , trotz der 
Sorgfalt, mit der sie den ganzen Produktionsprozeß kontrolHerte 
und über der Qualität der Produkte wachte, weder den einheimi- 
schen, noch viel weniger den ausländischen Ansprüchen bezügUch 
Mannigfaltigkeit und Feinheit der Produkte Genüge leisten konnte ^'^. 
Vielleicht daß in Böhmen, wenn Palacky Recht hat*^^, von jeher 
(und bis heute) ein exzessiver Kleiderluxus namentlich der Frauen 
herrschte — die Stiche Wenzel Holars, zahlreiche amtliche Schrift- 
stücke und geistliche Predigten lassen den gleichen Schluß zu — 
jedenfalls haben die Tuchmacherzünfte diese reizende Untugend 
nicht auszunutzen verstanden und nicht zu hindern vermocht, daß die 
feineren Tuchsorten dauernd aus dem Ausland bezogen wurden, während 
die bessere Wolle von den Händlern ins Ausland verkauft wurde, 
weil die einheimischen Händler sie nicht gebührend und rentabel 
zu verwenden wußten. Der Händler schickt die Ware eben dorthin, 
wo sie ihm c. p. am besten bezahlt wird , wohin sie am besten 
rentiert. Warum hätte er sie nicht im Inland lassen und viele 
Plackerei und Schikanen ersparen sollen, wenn er nur seinen Vor- 
teil dabei gefunden hätte? Die Statthai terei aber weist auf den 
wunden Punkt hin: es können keine feinen Sorten im Inlande er- 
zeugt werden, weil „alle hierländischen Tuchmacher nach ihrer 
uralten und schlechten Manier arbeiten, die bessere, namentlich 
die niederländische nicht erlernen wollen, und falls Einer oder der 
Andere dieselbe auch erlernt hätte, er solche vermöge Zunftstatuten 
nicht betreiben dürfe. Die Behörde erblickt also in der durch eine 
veraltete Technik und Organisation des Gewerbes verschuldeten 
minderen Produktenqualität den wahren Grund der Einfuhr des 



Das Wollgewerbe. 315 

fremden Fabrikats, die Handwerkerzunft aber argumentiert gerade 
umgekehrt und meint, die große Einfuhr sei schuld, daß sich die 
heimische Produktion auf die Herstellung mittelmäßiger Sorten be- 
schränken müsse; sie wurde aber von einem der ihrigen „aus 
Würtemberg gebürtig, welcher in Holland, auch der Straßburger 
Tuchmanufaktur viele Jahre gearbeitet" desavouiert^^. Um feine 
Tücher herzustellen, müßten die Meister die Wolle sortieren, auf 
den Knien streichen (wozu eine besondere Geschicklichkeit gehört) 
und die Spinnwerkzeuge anders einrichten. Aufgefordert, sich 
darüber zu äußern, wie die verschiedenen Hindernisse einer feineren 
Tuchfabrikation zu beseitigen seien, greift die Behörde die Sache 
bei einem richtigen Ende an. Sie empfiehlt die Aufnahme holländi- 
scher Textilarbeiter, einen „fast unerschwinglichen Zoll auf säch- 
sische Tücher" unter Berufung auf das französische Vorgehen gegen 
Holland und England (hatte ja Colbert, der Sohn eines Tuch- 
machers, gerade für dieses Gewerbe ein gutes Verständnis), dann 
aber mit besonderem Nachdruck eine Neuorganisation des Absatzes 
von Staats wegen, und zwar eine Konzentration des Fabrikaten- 
verkaufs und des Rohmaterials in einer oder mehreren Niederlagen 
oder Lagerhäusern, die ein Zwangsstapelrecht für alles auf den 
Markt kommende Tuch besitzen sollen, ferner mit einer Art Woll- 
börse oder Wollbank verbunden, den kommissionsweisen Verkauf 
der eingelagerten Waren und Lombardierung der Produkte über- 
nehmen soll*^ 

Übrigens waren diese behördlichen Vorschläge so wenig originell 
wie behördliche Vorschläge nun einmal zu sein pflegen , sondern 
eine Wiederholung dessen, was der neue Unternehmer großen 
Stils, der Fabrikant, für sich allein versucht hatte. Oberhaupt 
aber scheint die Unfähigkeit, die jeweilige Nachfrage prompt zu 
befriedigen, der Mangel an Anpassungsfähigkeit der Leistung an 
einen konkreten Bedarf das Schicksal und Verhängnis des zünftigen 
Handwerks geworden zu sein. Im Jahre 1712 beklagten sich die 
Reichenberger Tuchmacher u. a. über die Vernachlässigung bei 
Ausschreibung der Lieferungen zur Heeresausrüstung und verlangten 
für die Zukunft eine ihrer Leistungsfähigkeit entsprechende Quote, 
„zumahlen wier dergestaltige Lieferung zu thun ehrbittig, daß sich 
niemandt darüber zu beschweren haben wirdt." Als mm aber im 
Jahre 1793 der Staat versuchte, die Tuchmacherzünfte zu den 
Lieferungen für den jälirlich zunehmenden Bedarf an Ausrüstungs- 
stücken heranzuziehen, versagte diese vollständig. Die Reichen- 
berger Zunft antwortete auf eine diesbezügUche behördUche Auf- 



316 I^ic Textilgewerbe. 

forderung, sie könne sich in eine Monturstücker- und Croiseslieferung 
nicht einlassen, und zwar aus folgenden Gründen: 1. „wegea zu 
hoher Wollpreise" ; 2. „weil sich die hiesige Tuchgewerbschaft immer- 
fort auf Verfeinerung der Ware solchergestalt geübt, daß ein anderer 
Teil sie schwerlich vorzüglicher machen kann , daher auch die 
Spinnerei auf derlei feine Arbeit hierorts meistenteils bereits ein- 
gerichtet ist, durch neue Erlernung aber so der feinen Ware nicht 
angemessen, die Tuchfabrikatur , welche ohnehin einen geringen 
Verdienst gewannt, viel größeren Verlust erleiden und den aus- 
wärtigen Wirtschaftsabsatz verlieren, welchen sich selbe durch lange 
Zeit mit großen Kosten erworben hat" und 3. „wegen eines emp- 
findlichen Mangels an Arbeitskräften, insbesondere an Gesellen und 
Arbeitsleuten". Zu gleicher Zeit, als die Zunft über die Beein- 
trächtigung ihrer Produktionsfähigkeit durch Mangel an Arbeits- 
kräften klagte, wünschten einige Prager Tuchmachermeister wegen 
schlechten Geschäftsgangs in Prag nach Reichenberg zu ziehen 
und Heßen durch die Zunftvertretung anfragen, ob sie in Reichen- 
berg aufgenommen würden und als Meister ihr Gewerbe betreiben 
könnten , worauf ihnen geantwortet wurde , man könne sich nicht 
genug wundern, wie jemand auf die Idee komme, sich in Reichen- 
berg als Tuchmachermeister niederzulassen, „in einem Orte, wo 
die Zunft ohnehin solchergestalt überhäuft ist, daß einige und 
andere Mitmeister weder ihr Auskommen finden können und sich 
immer mehr die Menge der einheimischen Meistersöhne verstärkt, 
daß ihnen selbst nicht genugsam Auskommen werde verschafft 
werden können". — Das Gesuch der Prager wurde schroff abge- 
wiesen; tatsächlich war die Zunft in der Aufnahme neuer Mit- 
glieder so exklusiv, daß sie konsequent die Gesuche fremder Ge- 
sellen um Verleihung des Meisterrechts abwies, und selbst die 
sogenannten Hausgesellen oder Haustuchknappen, auf eigene Rech- 
nung arbeitende Nichtmeister, nicht mehr wie bisher dulden wollte ; 
auch der Hilfsarbeiter hatte keine Aussicht in Reichenberg jemals 
selbständig zu werden, ja selbst Bürgersöhnen wurde die Aufnahme 
in die Zunft verweigert, wenn sie nicht Söhne von Tuchmachern: 
„zunftabstämmlich" waren, da irgend ein anderer „keineswegs einen 
Eingriff in das denen hiesigen Meistersöhnen allein zuständige Recht 
zu machen befugt, welches sie sich auf die mit vieler Mühe und 
Auslagskosten von ihren Eltern und Vorfahren erworbenen Rechte 
und Zunftseigentum zum gleichsamigen Erbrechte zumuthen können" ^^, 
Wenn nun auch trotz aller Erschwernisse die Zahl der zünftigen 
Tuchmacher und ihr Produktionsquantum wachsen und auch andere 



Das Wollgewerbe. 3]^ 7 

Symptome, z. B. gerade die steigende chronische Garnnot, die Ver- 
mehrung des stehenden Kapitals der Zunft (Walken und Ähnliches) 
auf ein Gedeihen des Gewerbes hindeuten, — von dem AugenbHck 
an, als im Lande die erste Tuchfabrik zu arbeiten begann, und 
der Staat seinen Segen dazu gab, war die Alleinherrschaft der 
Zunft gebrochen, spürte sie dauernd, daß wiederum ein ihr feind- 
liches Prinzip in die Welt getreten sei, und wenn sie sich neben 
dieser neuen Art, wirtschaftlich zu denken — und das war die 
Fabrik eigentlich, die Konkretisierung einer neuartigen Wirtschafts- 
gesinnung — dauernd behaupten konnte , so geschah es nur so, 
daß sie von der Gunst der Konjunktur und der industriefreund- 
lichen Wirtschaftspolitik mitprofitierend , sich selbst zur Industrie, 
zu modernem Wirtschaftsdenken erzog und ihre Grundsätze den 
veränderten Verhältnissen anpaßte, oder daß der alte Zunftmeister 
nur den Schein seiner Selbständigkeit wahrte , indes er in Wirk- 
lichkeit für Rechnung und auf Geheiß eines anderen um Lohn 
arbeitete oder — feierte. Mit dem Eindringen des Großbetriebes 
in die Jahrhunderte alten Textilliand werke stehen wir vor einer 
der größten wirtschaftlichen Umwälzungen , vor einer der letzten 
Konsequenzen jener universalen Emanzipation, die, im Renaissance- 
Zeitalter beginnend, nach und nach alle Gebiete menschlichen 
Lebens umfassend, in ein System gebracht und schließlich un- 
mittelbar praktisch wurde. 

W^er könnte von sich behaupten, daß er jenen welthistorisch 
bedeutsamen Prozeß, den wir die industrielle Revolution nennen, 
aus seinen Bedingungen abzuleiten , aus seinen Ursachen zu er- 
klären vermöchte? So .wenig es möglich ist, den L^ntergang der 
Antike oder die Entdeckung Amerikas oder die französische Re- 
volution zu „erklären", überzeugend darzutun, daß „logischerweise" 
nur dieser, gerade nur dieser einzige Abschluß einer Entwicklung 
denkbar ist, so wenig, ja noch viel weniger kann das Gleiche mit 
dem Prozeß gelingen, den wir die Industrierevolution zu nennen 
pflegen, und der schon uns und noch mehr späteren Geschlechtern als 
das spezifische Signum unserer Zeit, wodurch sie sich in wirtschaft- 
licher und sozialer Hinsicht von allen frühereu geschichtlichen 
Epochen unterscheidet, erscheinen wird, und doch ist es gerade 
dieses rätselhafte Phänomen in all seiner Unerklärlichkeit, das immer 
wieder unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. 

Was wir in dem uns momentan beschäftigenden Gebiete un- 
mittelbar sehen, ist folgendem : neben die alte jahrhundertelang ge- 



318 I^ie Textilgewerbe. 

übte Betriebsart, die normale Werkstätte der Tuchmacher, tritt eine 
neuartige, ungewohnte und vervielfältigt sich ungemein rasch ; wie 
die Sterne am nächtlichen Himmel springen die Massenbetriebe 
hier und dort, ohne sichtbaren Zusammenhang miteinander und 
doch einer höheren Notwendigkeit gehorchend, auf. Offenbar sind 
sie ihrem Wesen nach dem Leben oder den Bedürfnissen des Zeit- 
alters angepaßt, finden sie in dem gesellschaftlichen Milieu, in 
welchem sie entstehen, die Existenzbedingungen, einen günstigen 
Nährboden für ihre Progression. Nicht daß sie zugleich das alte 
Handwerk zerstörten. Die frühere Betriebsform existiert weiter 
neben ihnen, ja breitet sich vielleicht noch aus, nimmt zu, es ist 
Platz für beide, manchmal produziert die neue Fabrik gar nicht 
dieselben Artikel wie das Handwerk oder doch mit kleinen Ver- 
schiedenheiten. Erst nach und nach wird aus dem latenten Kampfe, 
in dem sich die alte mit der neuen Zeit befindet, ein offener, der 
nur zwei Möglichkeiten kennt: entweder paßt sich das Handwerk 
der Fabrik an oder es geht ein. 

Was die neue fabrikmäßige Produktion von der alten hand- 
werksmäßigen unterscheidet, ist gar nicht, wie man jetzt sicher weiß, 
die Produktion mit Maschinen; diese selbst vielmehr, so könnte 
man sagen, verdanken ihre Entstehung der gleichen geistigen Welle, 
der auch das Fabrikwesen entspringt, sind eine Folgeerscheinung, 
eine Wirkung und keine Ursache. Die Maschine ist also nicht das 
Novum, auch vielfach nicht die Menschen, doch schon eher die 
Menschen als die Maschinen. Denn die Erbauer der ersten Fabriken 
sind entweder bisherige Händler, die sich mit dem Absatz der 
Textilprodukte befaßt hatten und nun ihrem Betrieb gewissermaßen 
die Vorstadien angliedern, eine Kombination oder eine Integration 
vornehmen, ohne deshalb ihren Handel aufzulassen. Vom Händler 
aus gesehen, der in einer ew^igen Bewegung und Unrast ist, be- 
deutet der Übergang zur Selbstproduktion schon eine Art Rückzug 
aus dem Schlachtfeld der Wirtschaft, eine Befriedigung des öko- 
nomischen Ruhebedürfnisses, ein Sichzurruhesetzen. Der Händler, 
der es bisher im Ein- und Verkauf mit sehr vielen einzelnen Kon- 
trahenten zu tun hatte, wird als Fabrikant gewissermaßen der 
Käufer des eigenen .statt des fremden Produkts. Sein Geschäft 
gliedert sich in zwei übersichtliche und bequeme Abschnitte, Kauf 
des Produkts (Produktion) und Verkauf des Produkts. Vom Stand- 
punkt des Händlers kommt es darauf an, möglichst niedrig ein- 
zukaufen, d. h. eben jetzt zu produzieren, und möglichst hoch zu 
verkaufen, d. h. abzusetzen. Oder aber der neue Fabrikant ist 



Das Wollgewerbe. 3]^9 

selbst ein Handwerker, sei es aus dem Weiterverarbeitungsgewerbe 
(Färberei, Druckerei) oder selbst aus der Zunft. So wurde z. B. 
die erste Fabrik in Reichenberg durch einen Händler (siehe später), 
die zweite durch den bisherigen Tuchmachermeister Fr. Ulbrich jun. 
gegründet, der in den früheren Zunftversammlungen der heftigste 
Agitator gegen die erste Fabrik gewesen war, unter der Hand aber 
sich ein k. k. Fabriksprivileg verschaffte; sogar der oberste Vor- 
steher der Zunft, Gottfried Möller, der „größte Meister" seiner 
Zeit, verschmähte es nicht, im eigenen Hause eine weitverzweigte 
Appreturanstalt zu etablieren zur völligen Herrichtung sowohl der 
selbst erzeugten wie der ihm von ärmeren Meistern gelieferten 
Tuche *^. Er starb als der anerkannt reichste Großhändler Reichen- 
bergs. 

Schließlich tritt auch in der Textilbranche wie andersw^o der 
Grundherr als Unternehmer, als Fabrikant auf. So erscheint in 
Reichenberg der Herrschaftsbesitzer, Graf Clam-Gallas als Kompagnon 
in einer Privatfirma Clam-Gallas , Franke & Co. , die sich mit der 
fabriksmäßigen Rotgarnfärberei befaßte, „um das außer Landes für 
das rottürkische und rotenglische Garn ausgehende Geld dem In- 
lande zu erhalten". Die Kompanie ging aber schon nach Jahresfrist 
in die Brüche, und der Graf verkaufte die Fabrik um 36000 fl. 
und einen jährlichen Erbzins von 200 fl. an eine bekannte Firma 
(Ballabene & Co.) , die das Unternehmen in eine Baumwoll- und 
Schaf Wollspinnerei umwandelte und 1828 den Grundstock der Welt- 
flrma Liebig bildete ^^. Das Regelmäßige in dem Textilgewerbe 
aber ist wohl doch, daß der bürgerliche, zunftfremde Unternehmer 
auf dem Plan erscheint, gegen den sich eben als einen Eindring- 
ling die Zunft auflehnt. 

Die Maschinen sind es nicht, die Menschen nicht unbedingt — 
worin also liegt es, das unerhört Neue? In der Massenhaftigkeit 
der Produktion, in dem verwirklichten oder intendierten Großbetrieb, 
der gewiß nicht ein lokal-konzentrierter zu sein braucht, sondern 
sehr häufig ungemein zersplittert ist (Hausindustrie, Verlagssystem). 
Dies ist schließlich auch der Sinn der vielen und vergeblichen 
Versuche der Gesetzgebung und der zeitgenössischen Literatur, 
diesen Begriff der Fabrik zu definieren*"^. Fabrik und Produktion 
im großen gehören zusammen. Diese Massenhaftigkeit aber, die 
neue Betriebsorganisation selbst, ist das äußere Phänomen, dem 
als Realität ein anderes, dem Handwerk fremdes, wirtschaftliches 
Prinzip zugrunde liegt, das gewiß nicht eine Erfindung dieser Zeit, 
sondern längst (z. B. im Handelj vorhanden, jetzt die günstigen 



320 J^'e Textilgewerbe. 

Bedingungen vorfindet, um den bisherigen Gewerbebetrieb zu durch- 
dringen und sich hier auszuwirken. Ohne hier eine Analyse dieses 
industrie-kapitalistischen Wirtschaftsprinzips zu versuchen, könnte 
man den Unterschied zwischen beiden für den vorliegenden Zweck 
vielleicht einmal so formulieren: der Handwerker gellt mit seinem 
Produkt dem Bedürfnis nach, er hat den Konsumenten, einen oder 
mehrere, und zwar immer als gleichbleibend gedachte Abnehmer, 
vor Augen, der Fabrikant hingegen geht dem Bedürfnis voraus, 
er erzeugt sich selbst die Abnehmer, er weiß nicht, für welche be- 
stimmten Konsumenten er arbeitet, er arbeitet und rechnet mit 
einem „idealen" Käufer, der gar keine Persönlichkeit zu haben 
braucht, er hat nur den Preis vor Augen und konstruiert sich zu 
dem Preise den Menschen, paßt sein Produkt diesem Menschen/ 
von solcher Kaufkraft und -lust an. 

Der äußeren (objektiven) Bedingungen aber, die nicht bloß die 
Entstehung, sondern auch die dauernde Forterhaltung der neuen 
Betriebsart ermöglichen, hinter der aL^o, wie wir sagen, eine andere 
Wirtschaftsart, eine im Vergleich zum Handwerk differenle Ein- 
stellung der Wirtschaft gegenüber, steht, solcher Bedingungen gibt 
es zahllos viele. Sie sind für den einzelnen ebenso viele subjektive 
Beweggründe, die ihn vorwärts treiben, solche Änderungen ein- 
zuführen und als solche, als Unternehmermotive , für uns leichter 
übersehbar und anschaulicher zu behandeln. Zunächst unterscheidet 
sich der Mensch, der erstmalig Industrieunternehmer wird, ganz 
gewiß vom Gros seiner Mitmenschen in irgendeiner Beziehung sei 
es vorteilhaft vom alli^emein menschhchen Standpunkt, sei es anders, 
und wenn auch die Industriekapitäne ganz sicherlich nicht die 
Helden und Genies sind, als welche so viele Biographien sie gerne 
erscheinen lassen möchten — während sie, wenn sie sich selbst dar- 
stellen, den gleichen Effekt durch das entgegengesetzte Mittel, eine 
raffinierte Verfeinerung und Schlichtheit, zu erreichen suchen — so 
kommt doch in eben diesem Streben der Vergrößerung der Hinweis 
auf ihre Unterschiedlichkeit von der Masse zum Ausdruck. Irgend 
eine Vitalität und Vivazität, eine beruhigte Zuversicht und Wage- 
mut, eine lebhafte Imagination und schnellere Auffassung müssen 
als persönliches Stammkapital gegeben sein. Der „Unternehmer" 
glaubt, die Zeit sei günstig für ein lebhaftes Geschäft in irgend- 
einem Artikel, z. B. Tuch oder auch nur Tuch einer bestimmten 
Sorte. Er könnte zu einem gewissen Preis dauernd viel mehr als 
bisher absetzen. Oder er könnte erstmalig mit Erfolg in dem Ge- 
schäfte sich versuchen. Er hat das Beispiel anderer Länder vor 



Das Wollgewerbe. 321 

Augen, auf den Märkten, die er besucht, hat er sich sagen lassen, 
wie die Produktion in anderen Ländern vor sich geht oder hat es 
selbst auf seinen Wanderungen gesehen. Er möchte es ebenso 
machen. Die Aufmunterung seitens der Staatsbehörde kommt dazu. 
Er hat von ihr, wenigstens anfangs, kein Hindernis, sondern Hilfe, 
vielleicht ein ausschließliches Privilegium zu erwarten, das ihn ein 
für allemal vor der Konkurrenz schützt. In seiner Familie hat er 
genug helfende und unterstützende Kräfte , um Arbeiter ist kein 
Mangel. Mancher Meister wird die Sicherung eines regelmäßigen 
Verdienstes einer kargen und häufig nur scheinbaren Selbständig- 
keit vorziehen. Landesfremde können angelockt werden. Frauen 
und Kinder verrichten die bisher von Männern geleisteten Arbeiten 
williger und billiger. Einer großen Kapitalanlage bedarf es vorerst 
nicht. Man kauft irgendein verfallenes Kloster oder ein Gebäude, 
das die Herrschaft froh ist an den Mann zu bringen. Die Herr- 
schaft parzelliert gern und überläßt dem Gewerbe den Raum, den 
es zu seiner Entwicklung benötigt. Steigert ja doch solche In- 
dustrialisierung die Bodenwerte der Herrschaft niit*'^. In Reichen- 
berg „wohnt" die erste Fabrik in solchen adoptierten Gebäuden, 
wie ja noch heutzutage in romanischen Ländern manche Fabiik in 
irgendeinem palazzo sich etabliert. Vielleicht denkt der neue 
Fcibrikant gar nicht an einen dauernden Fortbestand der Fabrik 
und will nur eben — ganz unzünftlerisch — die vorhandene Kon- 
junktur ausnutzen. 

Ein andermal geht der Anstoß von der Herrschaft, vom Grund- 
herrn aus. Da ist nicht viel zu sagen, da besteht eine Tradition 
auch im Unternehmen , in der Ausnutzung eines großen Besitz- 
komplexes, seit Jahrhunderten. Nur will es scheinen, daß das Tuch- 
gewerbe nie seinen eigentlich bürgerUchen Charakter verloren hat, 
daß in diesem Zweige die grundherrlichen Unternehmungen viel 
weniger häufig und viel weniger erfolgreich gewesen sind als auf 
anderen Gebieten. Die Tuchindustrie blieb immer im Grunde die 
Domäne des Bürgers, sie ist das Feld, auf dem der Händler seine 
Qualitäten spielen lassen kann. Und die händlerische Gesinnung 
fehlte dem Grundherrn eigentlich, er hatte nicht das KonziHante, 
das Geschäftige, das Einschmiegsame, das der Händler braucht; auf 
den Markt zu laufen, dem Käufer nachzurennen, ihn durch Über- 
redung zu gewinnen, dazu verstand sich der Grundherr nicht: es 
mußte immer ein wenig Untertänigkeit der anderen dabei sein, er 
mußte Recht haben, nicht der andere. So bezog er seinen Anteil 
aus der Textilindustrie doch hauptsächlich bei dem Rohprodukt, 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 21 



322 Die Textilgewerbe. 

der Wolle und dem Flachs, von der Leinwand und aus den Zinsungen, 
während er den unmittelbaren Gewinn, von Ausnahmen (wie Graf 
Waldstein in Oberleutensdorf z. B.) abgesehen, die Fabrikation, 
anderen Elementen überließ. 

Wenn die Massenproduktion das sichtbar Neue, der Wirtschafts- 
plan oder die Taktik aber das eigentlich Revolutionäre und die 
Maschinentechnik das verhältnismäßig Irrelevante an der industriellen 
Revolution ist, wie kommt es dann, daß wir nun doch immer wieder 
und seit jeher Maschine und Fabrik gedankenmäßig zusammen- 
bringen, als ob jene das Wesentliche, sozusagen das Erkennungs- 
zeichen dieser bildete? Vielleicht liegt hier eine ähnliche Idiosyn- 
krasie vor w4e die zwischen Naturwissenschaft und kapitalistischer 
Wirtschaft aufgezeigte; wie dort eine Gemeinsamkeit gewisser 
geistiger Elemente der Struktur konstatiert wurde, so läßt sich ein 
Analoges zwischen Maschine und Fabrik gerade an dem Beispiel 
der Textilindustrie besonders einleuchtend deshalb aufweisen, weil 
die relative Unabhängigkeit beider voneinander die Kontamination 
der Ideen um so besser beleuchtet. 

1. Liegt hier sicherlich eine Benennung des Ganzen nach dem 
Teile oder a parte potiori vor. Die Maschinen sind das augen- 
fälligste Objekt, die auffallendste aber auch äußerlichste, sei es 
sichtbare oder hörbare Wahrnehmung im — wohlbemerkt — ent- 
wickelten Fabrikwesen; daß die Arbeitsverrichtungen mit der Ma- 
schine geschehen, und zwar Maschine neben Maschine, die Häufung 
der Produktionsmittel ist nirgends so augenfällig wie gerade in der 
Textilindustrie, in der übrigens schon immer das Werkzeug, die 
Betriebsmittel, einen im Verhältnis zur ganzen Werkstätte großen 
Umfang einnehmen. 

2. Bringen wir Maschine und Industriekapitalismus oder Fabrik 
zusammen, weil gewisse soziale Veränderungen und zwar nicht 
bloß oberflächlicher Art, von der Einführung der Maschine wirklich 
oder scheinbar bedingt sind: Verdrängung von Arbeitermassen, 
Proletarisierung, Verarmung mit allen ihren moralischen und in- 
tellektuellen Konsequenzen. Aber diese Erscheinungen treten gerade 
nicht am Anfang der Industrialisierung, sondern ein wenig später 
auf, da vielmehr, wie erwähnt wurde, die Fabrik häufig gar nicht 
an Stelle der alten Betriebe tritt, sondern neben sie und nicht 
unbedingt Arbeiter freisetzt, sondern im Gegenteil vermehrt. Die 
Ausstoßung von überflüssigen Arbeitermassen ist nicht eine Funk- 
tion des Fabrikwesens überhaupt, sondern eine Sache des tech- 
nischen Fortschritts in jedem einzelnen Fabrikationszweig. Wenn 



Das Wollgewerbe, 323^ 

keine Maschinen erfunden würden, so würde doch die Industrie 
nicht verschwinden. Ihre Existenz oder Nichtexistenz ist an ihre 
technische Gestaltung nicht gebunden, noch damit identisch. 

3. Möchte, wie locker Maschine und Fabrik zusammenhängen, 
unter anderem auch daraus zu ersehen sein, daß die Herstellung 
von Industriemaschinen sich innerhalb des Fabrik wesens besonders 
spät entfaltet*^. Wenn die Maschine wirklich das unentbehrliche 
Requisit der Fabrik wäre, so würde wie man glauben sollte, die 
fabrikmäßige Herstellung von Maschinen im Zeitalter des entstehen- 
den Fabrikvvesens einer der frühesten und rentabelsten Produktions- 
zweige sein. 

Und doch ist die Verbindung zwischen Maschine und Fabrik 
kein bloßes Mißverständnis und keine bloße Täuschung. Der Grund 
dieser Beziehungen liegt tiefer: es ist das Maschinenmäßige der 
WirtschaftsAveise selbst, ihre Mechanisierung, was den inneren Zu- 
sammenhang zwischen Fabrikwesen als industriellem Kapitalismus 
und der Maschinen ausmacht. Wir charakterisieren häufig die 
moderne Industriewirtschaft durch der Maschinentechnik angehörende 
Bezeichnungen wie ihre Exaktheit, ihr mechanisches Abrollen und 
die Maschine durch dem Bereich der Wirtschaft entlehnte Attribute, 
Avie wenn wir sagen, die Maschine arbeite rationell, sparsam, billige 
sorgfältig usf. In der Tat haben die moderne Wirtschaft und die 
automatische Maschine sozusagen ein und dieselbe Seele. Sie atmen 
im gleichen Rhythmus, leben das gleiche Leben, und so ist schon 
die Maschine oder ihr Bestandteil, das Rad, das beste Sinnbild für 
das Zeitalter der Industrie. 

a) Wirtschaft und Maschine „arbeiten" an ihrem Zwecke pausen- 
los, ewig, beide sind selbstherrlich gewordene Mittelbarkeiten, die 
ihre eigene Gesetzmäßigkeit in sich selbst ausgebildet haben und 
deren Existenz doch eine abgeleitete ist. 

b) Ihr Prinzip ist dasselbe ; sie sind kraftsparende , beseelte 
Mechanismen, losgelassene und doch durch Regeln bezähmte Natur- 
gewalten, bzw. Instinkte; das Prinzip der Maschine ein wirtschaft- 
liches: möglichst wenig Kraft, möglichst großer Erfolg; der ent- 
wickelten Wirtschaft ein maschinenmäßiges : möglichst reibungslose 
Bedürfnisbefriedigung. 

c) Die Maschine teilt das Geschehen in gleichförmige Stücke ohne 
Zahl, verräumlicht, vergegenständhcht den Ablauf des Geschehens, 
macht das Werden zur Zeit. Der Kapitalismus macht das wirtschaft- 
liche Geschehen unendlich, schafft die unendHche ökonomische Zeit^ 
die er wirtschaftlich in Produktionsperioden gliedert. 

J Ol * 



324 Die Textilgewerbe. 

d) Störungen haben hier und dort ähnliche Ursachen und ähn- 
liche Wirkungen. 

Noch bleibt eines gewichtigen Faktors zu gedenken, der, gleich- 
sam ein ökonomisches Dainionion, den einzelnen vorwärts treibt, 
die gewolinten Bahnen des Erwerbs zu verlassen, neue Möglich- 
keiten zu versuchen, sich einem neuen Schicksal anzuvertrauen: 
das Schwergewicht des ökonomischen Moments, die ökonomische 
Relevanz der historischen Situation, den ökonomischen Kairos, 
kurz alles das, was wir, insofern es Gegenstand wirtschafthchen 
Kalküls oder Motiv der ökonomischen Aktion ibt, als Konjunktur 
bezeichnen. Dnhin rechnen wir u. a. : 

1. Die staatliche Wirtschaftspohtik, insofern sie von ihren 
eigenen Maximen aus nach eigenen Zwecken fortschreitet, ihre 
Maßnahmen nach höheren Gesichts) )unkten bestimmt als nach dem, 
eine bestimmte Situation möglichst vorteilhaft auszunutzen. Ohne 
daß es ihre Absicht gewesen wäre, den einzelnen zu bereichern — 
da sie ja vielmehr immer das Wohl des Ganzen im Auge und noch 
öfter freilich im Munde führte — , ohne daß sie davon ausging, 
daß eine Erwerbsart vor der anderen den Vorzug verdiene und auf 
den Schutz des Staates größeren Anspruch habe als eine andere, 
endete sie eben doch, sei es durch bloßes Gewähren lassen, sei 
es durch positive Eingriffe, bei einer Bevorzugung der neuen Fabrik- 
industrie, die sich den allgemein wirtschaftlichen und kulturellen 
Zielen, die der Staat verfolgte, besser einfüij^te als das zünftige 
Handwerk. Zwar hat die direkte Gewerbeförderung des Staates, 
seine positive Industriepolitik der Fabrik vielleicht ebenso sehr ge- 
schadet als genützt, denn sie war schwankend und wurde nach 
einer Periode bloßer Passivität sehr impulsiv wirksam und brachte 
in die neuen noch undichten und unfertigen Verliältnisse Verwirrung 
genug. Bald ist man liberal, bald versagt man sich in konservativer 
Hartnäckigkeit. Der Staatsbeamte bläht sich auf und hält sich, 
nur immer das Wohl des „Ganzen" verfolgend oder wenigstens als 
Vorwand seiner Unfähigkeit benutzend, für genügend legitimiert, mit 
ungefüger Hand in das Schicksal vieler Existenzen einzugreifen, 
ohne sich um das Detail zu kümmern, ohne mit den Einzelheiten 
des Betriebs und den Bedürfnissen in der Unternehmung hinreichend 
vertraut zu sein. Die Schabionisierung und Scheiuatisierung, die 
das Recht der Industrie doch aucAi nur bis zu einem gewissen Grade 
verträgt, hat sicherlich genug lebensfähige Keime und verheißungs- 
volle Ansätze zerstört. 

Aber in der Handelspolitik kann der Staat der neuen Industrie 



Das Wollgewerbe. 325 

viele gute Dienste leisten. Die Entdeckung des merkantilistischen 
Staates war ja, daß der Staat die Handelspolitik statt zugunsten 
der Fremden, zugunsten der Einheimischen führen und dabei doch 
seine Rechnung finden könne. In der Anerkennung dieses Grund- 
satzes gründete das Streben nach Schaffung eines einheitlichen, 
geschlossenen Wirtschafts- und Machtstaates von größter Intensität 
der wirtschaftHchen Energieentfaltung und Dichtigkeit der Be- 
völkerung. Dieses Streben bedang eine teils protektionistische, 
teils prohibitive Handelspolitik, jedenfalls eine Bevorzugung der 
heimischen Industrieproduktion, die nicht nur den inländischen 
Bedarf decken, sondern durch Prämien exportfähig gemacht werden 
sollte, war also gleichbedeutend mit einer Einengung der Kauf- 
gelegenheiten für den Konsumenten mit der Folge oder der Tendenz, 
daß der Import durch heimische Massenproduktion ersetzt werde. 
Stellte sich der Staat durch seine Wirtschaftspolitik so auf die Seite 
der Industrie , d. h. der Massenfabrikation , so ergriffen auch die 
historischen Umstände gleichsam für sie Partei. Mit der Monopoli- 
sierung des heimischen Marktes durch den Staat ging eine Er- 
weiterung des Absatzgebietes parallel, und zwar einmal positiv in- 
folge des Gebietszuwachses des Staates: infolge des spanischen 
Erbfolgekrieges, der Türkenkriege hatte sich der Umfang der öster- 
reichischen Monarchie vergrößert, die italienischen Provinzen kamen 
hinzu, überall erwarb die heimische Industrie Kundschaften. So- 
dann zweitens durch Brachlegung der Konkurrenten infolge von 
Kriegen. 

Ähnlich wie der Dreißigjährige Krieg für die böhmische Tuch- 
industrie einen Aufschwung ihrer Tätigkeit mit sich gebracht hatte, 
so auch die Revolutionskriege an der Wende des achtzehnten und 
neunzehnten Jahrhunderts, indem sie die wichtigen Industriegebiete, 
die Niederlande und Frankreich insbesondere, außer Konkurrenz 
setzten. Die Reichenberger Zunft erklärte ausdrücklich in einer Bitt- 
schrift, in der sie für ein Wollausfuhrverbot plaidiert*^, der fran- 
zösische Revolutionskrieg hätte den wohltätigsten Einfluß auf die 
erbländische Tuchmanufaktur. Als vollends durch die Kontinental- 
sperre Englands überlegene Macht lahmgelegt war, konnte sich die 
böhmische Tuchindustrie unter dem Schutze der Zölle konsolidieren 
imd neue Beziehungen anbahnen. Schweizer Handelsleute ent- 
sandten ihre Vertreter nach Reichenberg, um Waren zu kaufen; 
mit Rußland, Norddeutschland usf. entwickelte sich ein lebhaftes 
Geschäft. Ein großes unlimitiertes Absatzgebiet ist aber eine 
Existenzbedingung für das W^achstum einer Industrie, denn der 



320 Die Textilgewerbe. 

Fabrikant rechnet, wenn er sich frei entfalten soll, nicht mit dem 
städtischen, sondern mit einem allgemeinen, räumlich unbegrenzten 
Markt. So stieg denn der Export böhmischer Woll waren — gewiß 
nicht allein infolge dieser ihm günstigen Zeitumstände, sondern 
z. B. sicherlich auch durch die österreichischen Valuta Verhältnisse 
sehr begünstigt — von 500 Ztr. im Jahre 1805 auf 7848 Ztr. im 
Jahre 1810 und 8294 Ztr. im Jahre 1815 *^ Um so radikaler war 
der Rückschlag, als England seine Bewegungsfreiheit zurück er- 
langte. Europa und der Orient wurden zum dumping ground für 
die akkumulierten englischen Vorräte, die nun zu Schleuderpreisen 
die Welt überfluteten. Die böhmische Wollindustrie, deren Position 
auf dem Weltmarkte nie so recht feststand, da sie sich später ent- 
wickelte als die anderer Länder, ja selbst als die Mährens, wurde 
nun in ihre, wie es scheint, „natürlichen" Grenzen eingedämmt. 
Der Export sank bis 1820 auf 2924 und bis 1825 auf 1957 Ztr. 

Die erste gut eingerichtete Tuchfabrik nicht nur Böhmens, 
sondern Österreichs überhaupt, hatte allerdings schon 1710 Johann 
Baptist Fremmrich*^ mit Hilfe des Grafen Martinitz im Städtchen 
Planitz des Klattauer Kreises gegründet, und da das Unternehmen 
wohl gedieh, sich gegenüber dem Kaiser erboten, mehrere derartige 
Unternehmungen ins Leben zu rufen, wenn ihm gestattet würde, 
sowohl in Prag als auch in anderen Städten des Landes öffentliche 
Lager zu errichten. Natürlich remonstrierten die Zünfte gegen der- 
artige unbefugte Anmaßung. Nichtsdestoweniger gründete Fremmrich 
1717 eine zweite Tuchfabrik in Böhmisch-Leipa und ersuchte außer 
um ein zw^anzigj ähriges Privileg auch um verschiedene Begünstigungen 
für das heimische Schafwollgewerbe. Seiner Initiative ist auch die 
Enquete von 1710/17 zu danken, aber alsbald unterlag das Unter- 
nehmen dem vereinigten Ansturm der Zunft und merkwürdigerweise 
des Grundherrn. Der Herr von Böhmisch-Leipa, Graf Kaunitz, ließ 
die Fremmrichsche Fabrik 1721 von seinen Dreschern niedeiTeißen 
und die Kessel in sein Bräuhaus abführen. Von Fremmrich aber 
wird berichtet, daß er „das angefangene Werk gänzlich aufgehoben, 
aus mangelnder Arbeit dieses Königreich verlassen und anderweitig 
seinen Unterhalt suchen müssen" ^^. 

Um dieselbe Zeit, im Jahre 1715, gründete der Grundherr von 
Dux, Johann Joseph Graf Waldstein, eine Tuchfabrik in Oberleutens- 
dorf ^^ Die Bevölkerung war dort schon früher zum Gewerbefleiß 
erzogen worden. Der Klosterprälat von Osseg hatte nämlich die 
Strumpfwirkerei aus Sachsen in die Gegend verpflanzt aus jenem 
gleichen kulturpolitisch-humanitären-sozialpädagogischen Motiv, dem 



Das Wollgewerbe. 327 

so viele Industrien eine Eintags- oder bei günstigen Verhältnissen 
dauernde Existenz verdankten: um die Zeit einer zum Müssiggang 
geneigten oder genötigten Bevölkerung mit nützlicher Werktätigkeit 
auszufüllen. Der Prälat, so wird berichtet, „sah, daß die meisten 
seiner Untertanen in Osseg selbst sowie in den zum Stifte gehörigen 
20 Dörfern, außer dem geringen Ackerbau keine Beschäftigung 
hatten, die langen Winterabende in arbeitsscheuer Untätigkeit 
größtenteils verschnarchten und dabei sehr kümmerlich leben mußten" ; 
daher berief er einen sächsischen Strumpfwirker, der die Bevölkerung 
anlernte. Die Strumpf Wirkerei gedieh als zünftiges Handwerk bis 
in das neunzehnte Jahrhundert hinein. Die Oberleutensdorfer Zunft 
umfaßte viele benachbarte Ortschaften, deren mehrere zusammen 
einen sogenannten Landmeister als Vorsteher hatten. 

Solclie Einzünftung des Landes in die städtische Handwerks- 
organisation kam vielfach auch bei anderen Gewerben vor, teils 
um den gewerbepolizeilichen Vorschriften zu genügen, teils auch 
(wie z. B. bei den Leinwebern), um der Militärpflicht zu entgehen. 
Die Strumpfwirkerei von Oberleutensdorf versorgte vor allem den 
inländischen Markt mit Wirkwaren, ihr wichtigstes ausländisches 
Absatzgebiet war Rußland. Dorthin woirden ihre Produkte durch 
einige böhmische, aus Steinschönau gebürtige und in Petersburg 
lebende Kaufleute, offenbar Glashändler, abgesetzt. Auch nach 
Bayern, Sachsen und Preußen gingen die Waren, bis die prohibitive 
Zollpolitik, die nach den Befreiungskriegen einsetzte, und die starken 
Preisschwankungen der Wolle sowie die Konkurrenz der neuen 
Tuchfabriken die Wirkerei ins Stocken brachten. Bei dieser Sach- 
lage war es, als der neue Industriegeist sich regte, den Unter- 
nehmern nicht allzu schwer, die nötigen Arbeitskräfte, die doch 
schon teilweise manuell vorgebildet waren, für ihre Fabriken zu er- 
langen, deren Hauptvorteil, deren Rentendifferenzial sozusagen, die 
Billigkeit eben dieser Arbeiter gewesen zu sein scheint. Denn 
neben einigen niederländischen und englischen Meistern, die zur 
Einrichtung der Fabrik herangezogen, an vervollkommneten Werk- 
zeugen arbeiteten und, wie es scheint, allein Lohn erhielten, waren 
es hauptsächlich Frauen und Kinder und robotpflichtige Untertanen, 
die, wie vielfach sonst, so auch ihre erworbene Geschicklichkeit 
unentgeltlich in den Dienst der neuen Unternehmungen stellen 
mußten. Die Fabrik verlegte sich von vornherein auf die Her- 
stellung feinerer Qualitätsware '''^ und erzielte höhere Preise als z. B. 
die Reichenberger ; sie hielt sich bis gegen 1848, bis ihr die Kon- 
kurrenz der Reichenberger Modetuchfabriken und die Bauniwoll- 



328 Die Textilgewerbe. 

industrie ein Ende bereiteten. Ihr Hauptabsatzgebiet suchte und 
fand sie in den nach Beendigung des spanischen Erbfolgekrieges 
an Österreich gefallenen Provinzen. Obwohl sie viel feine spanische 
Wolle verarbeitete und ihre Werkzeuge aus dem fortgeschritteneren 
Auslande bezog, war die innere Ausstattung der Oberleutensdorfer 
Fabrik doch sehr einfach und außer der Walke ganz auf Hand- 
betrieb eingerichtet. Wir können uns von diesem in technischer 
Hinsicht gewissermaßen mustergültigen Etablissement eine artige 
Vorstellung verschaffen an der Hand eines von dem Grafen heraus- 
gegebenen Kup f erstich w^erkes , das in 20 Tafeln Bilder von dem 
damaligen Marktflecken, der Fabrik und den ausgefüln-ten Arbeiten 
enthält ^^ 

Eine ähnliche Unternehmung war die Tuchfabrik (mit Walke, 
Färberei und Appretur) des Grafen Laschansky in Manetin (Pilsener 
Kreis) , „in einem Orte und Gegend , wo außer dem Feldbau gar 
keine Industrie gewesen" ^*. Reichenberg aber blieb bis gegen Ende 
des Jahrhunderts ohne Fabrik und spät erst hat dort, von der Macht 
des Gewordenen bekämpft, die neue Zeit ihren Einzug gehalten. 
Erst in den neunziger Jahren wagte der aus Prag im Jahre 1775 
in Reichenberg eingewanderte Leinwandhändler ßerger den ver- 
hängnisvollen Schritt. Die Art der Fabriksgründung hat geradezu 
ideal-typische Bedeutung. Erst 1794 geht Berger vom Leinwand- 
handel in die Tuchbranche über. Er beginnt seine Tätigkeit sehr 
bezeichnend mit einem Händlertrick. Man darf sich den ersten 
Unternehmer nicht etwa als Konquistador, als mutigen Helden vor- 
stellen, der der Welt zeigen will, was er kann, sondern höchstens 
als schlauen Odysseus, der was er will, verbergen kann; der Händler 
beginnt zu „manipulieren", wie man das heute nennt: er kauft 
fremde ausw^ artige rohe Tücher und läßt sie mit Umgehung der 
Meisterschaft in der Schönfärberei der Zunft — wahrscheinlich im 
Einverständnis mit dem Pächter Bonte — färben, kurz er w^ill die 
Zunft um die vorgeschriebene Gebühr prellen. Der zweite Schritt 
ist, daß er ein paar Leinweber in der Umgebung Reichenbergs in 
Verlag nimmt und für seine Rechnung Tuch von ihnen herstellen 
läßt. Auch das bekämpft natürlich die Zunft, da auswärtiges Tuch 
in Reichenberg nicht feilgehalten werden dürfe. Man schließt 
Vergleiche, der siegesgewisse Händler, der die Staatsbehörde mit 
ihrer Sympathie auf seiner Seite weiß, hält sich nicht daran. Jetzt 
wird er den letzten Schritt tun, der das Monopolium der Zunft 
endgültig bricht, er errichtet eine eigene Schönfärberei (179(3) und 
muß, von der Zunft um so heftiger bekämpft, bald die zu einer 



Das Wollgewerbe. 329 

vollständigen Fabrik noch fehlenden Anstalten: die Tucherzeugung, 
Scherend, Appretur angliedern, und wiederum ist das Vorgehen 
außerordentlich charakteristisch; der (ortsfremde) Händler assoziiert 
sich mit einem (ebenfalls fremden) Bankier und die beiden, das 
Geschäftsgenie mit dem Kapital im Bunde , mieten sich einen 
(Berliner) Techniker, gerade jenen in den Diensten der Zunft 
stehenden Färber, mit dem man schon früher in einem nicht ganz 
sauberen Bunde gestanden. Nach diesem Schema sind hierzulande 
gewiß viele Hunderte von Unternehmungen entstanden. Die 
Funktionen, die der moderne Unternehmer in einer Person ver- 
einigt, tatsächlich, oder doch wenigstens ideal, liegen, bevor sie zu 
einer Realunion, zu einem Organismus zusammenwachsen, getrennt, 
verselbständigt nebeneinander, jede an je eine Person gebunden. 
Eine höhere Ökonomie, ein Prinzip des kleinsten Kraftmaßes wird 
schließlich auf vielfachen Umwegen und nach mannigfaltigen Kämpfen 
auch hier die disjecta membra in eine ungemein gespannte Einheit 
konzentrieren und determinieren. 

Die Kompanie erwarb von der Herrschaft, die einen Meierhof 
parzellierte, mehrere Grundstücke, richtete sich ein und hatte bis 
1798, also in der kürzesten Zeit, allein in das Ausland 8396 Stück 
best appretierter Tücher, im Werte von 644 UOO fl. versendet ^^. Im 
Jahre 18' verlegte Berger die ganze Produktion von Reichenberg 
hinaus auf das Land nach Haberndorf, in der Stadt nur ein Kontor 
und eine Presse belassend, damit war der Ausdehnung des Unter- 
nehmens keine Grenze mehr gesteckt. 

Um diese Zeit (1800) gab es in Böhmen vier Tuchfabriken, 
immer aber noch war die technische Form die alte geblieben. Noch 
1799 definiert der Kommerzialinspektor Schreyer Tuch-^^ als einen 
in der Handlung sehr gangbaren Artikel, „welcher aus schafwollenen 
Gespunste auf einem breiten Stuhle mit zween Tritten durch zwey 
Personen gewirkt wird". Im Jahre 1800 wurden die ersten Spinn- 
und Schermaschinen aus den Niederlanden nach Reichenberg ge- 
bracht, denen bald darauf die ersten Schaf wollkrempeln folgten ^^, 
um 1804 kam die erste Dampfmaschine, 1810 wurde der Schnell- 
schütze eingeführt. 

Von da an aber ging es mit der Verdrängung der menschlichen 
Arbeit durch die Maschine , d. h. mit der Proletarisierung der 
Kleinmeister rascher vorwärts. In Reichenberg erzeugten im Jahre 
1796 gegen 30000 Menschen bei unausgesetzter Arbeit nicht mehr 
als 35534 Stück Tuch. Im Jahre 1832 aber bereits 8985 nicht 
kontinuierlich beschäftigte Personen 58000 Stücke im Werte von 



330 I^iß Textilgewerbe. 

4 710000 fl. '^^. Die Zunft suchte sich dem Gange der Dinge an- 
zupassen, so gut sie eben konnte, das Wichtigste war, daß sie sich 
eine neue wirtschaftliche Grundlage gab, und, von 1850 angefangen, 
sich zur modernen Genossenschaft umwandelte, ein Prozeß, der bei 
Einführung der Gewerbefreiheit und der Zwangsgenossenschaft 1859 
im w^esentlichen vollendet war. Die selbständige Verdienstmöglich- 
keit konnte sie freilich ihren Mitgliedern nicht mehr garantieren. 
Im Jahre 1870 hatte die Reichenberger Tuchmachergenossenschaft 
12(;4 vollberechtigte Meister, von denen aber nur ungefähr 400 das 
Gewerbe selbständig betrieben, und zwar auf mehr als 2000 Web- 
stühlen. Und im gleichen Verhältnis wie die Zahl der selbständigen 
Meister abnahm, vermehrte sich die Zahl der aufgestellten Web- 
stühle, denn diese stieg von nicht ganz 1800 im Jahre 1852, auf 
2300 im Jahre 1800 und 2800 im Jahre 1879 »^ Mit der Proletari- 
sierung des Handwerks geht parallel die andere Seite der Ent- 
wicklung, die Konzentration der Produktion im kombinierten Riesen- 
betriebe. Typisch für die Tuchindustrie sind die Werke der Firma 
Liebig, die von Johann Liebig, einem 1818 nach Reichenberg ein- 
gewanderten armen Tuchmachergesellen und späteren Schnittwaren- 
händler, von 182i^ angefangen, ins Leben gerufen nach und nach 
sich zu riesigen Dimensionen aus wachsen . zu einem kontinentalen 
Saltaire^o. 

Die Baumwollindustrie. 

Noch später als nach England, nach Deutschland, nach den 
verschiedenen Gebieten Österreichs bahnte sich die Baumwolle 
und ihre Verarbeitung nach Böhmen ihren Weg. Sie siegte nicht 
leicht und mit der Selbstverständlichkeit, mit der sich alle 
primären Notwendigkeiten durchsetzen, sondern mußte sich im 
Kampfe gegen die alteingesessenen landesüblichen Textilgewerbe, 
insbesondere die» Leinwandmanufaktur behaupten oder sich un- 
merklich in die alten Gewerbe einschleichen und sich der Organi- 
sation dieser Gewerbe wie einer Maske bedienen. Die Gegner, 
mit denen sie sich auseinanderzusetzen hatte, waren einmal eine 
sehr konkrete, real gegebene Tatsache : die bestehende Jahrhunderte 
alte Gewerbeverfassung, die nur ein zünftiges Textilhandwerk 
anerkannte, das zähe an überlieferten Bräuchen und Mißbräuchen 
festhielt, sodann eine geistige, eine theoretische Lehrmeinung 
nämlich, die wir als den beschränkten radikalen Territorialismus 
bezeichnen können. Ihm war die Baumwolle ein exotisches 



Die Baumwollindustrie. 33 [ 

Gewächs, das, aus der Fremde ins Land gebracht, diesem Geld 
entziehe, und damit war von diesem Standpunkt aus die Frage 
endgültig erledigt. Hörnigk \ einer der Väter des österreichischen 
Merkantilismus, mußte nach seinem Grundsatz, „besser wäre . ., 
für eine Ware 2 Thaler geben, die im lande bleiben, als nur einen, 
der aber hinausgeht" — gegen die Baumwolle sein. Er ist denn 
auch ein Feind „der Baumwoll, die nun so viel Wesens in Europa 
macht ' und plaidiert für ein Verbot der sogenannten „kameelhaarigen 
Zeug, und des Bombasins oder Baumwoll", „welches nicht nur allein 
den österreichischen und deutschen, sondern insgemein allen euro- 
päischen Leinwandhandel zugrunde richtet." Er hält den Schaden, 
der den Leinen aus der Konkurrenz der Baumwolle entsteht, für 
unerträglich, daher diese „weder inner noch außer Landes fabriziert, 
bei uns anzunehmen — es wäre denn, daß ein Weg gefunden würde, 
die Baumwolle inner Lands zu ziegeln, so ich jedoch für unmöglich 
halte." Diese Anschauung machte sich auch die Staatsbehörde zu 
eigen und hielt daran fest. Noch im Jahre 1705 , als in England 
schon eine BaumwoU-Großindustrie begründet war, äußerte sich 
eine Kommission in einem Bericht an den Kaiser Joseph I. zur 
Beantwortung der Frage nach bestmöglicher „Verfabrizierung so- 
wohl der einheimischen als ausländischen Materialien" und „welcher- 
gestalt hierdurch ein commercium activum an auswärtige Provinzen 
zu assignieren" ^ dahin, daß die Baumwolle nicht empfohlen werden 
könne. Man verweist auf die mißglückten Experimente, die Seiden- 
manufaktur in Österreich einzuführen, als warnendes Beispiel und 
fügt bei: „Solchem nach vermeinen wir, auf derlei ausländische 
rohe materialia als jetzt bemeldete Seiden, dann Baum- und india- 
nische Wolle, Kamel-, Castor- und andere Haare, Nesselgarn usw. 
zurzeit noch keine Disgression zu machen, sondern nur die in Euer 
Kaiserlichen Majestät Erbländern erzeugten allerhand Effekten und 
wie hieraus verschiedene Manufakturen und durch solche folgends 
ein activum commercium an auswärtige Provinzien zu erreichen 
und was diesfalls allerseits zu koordinieren sein möchte, gegenwärtig 
praeliminariter in den Vorschlag zu bringen, bis nach einst er- 
reichtem Anfange man sich auf Obige zum weiteren ersprießlichen 
Progreß werden extendieren und das Nöthige hiezu bequemer vor- 
kehren können. ■ 

Man vdrd nicht annehmen dürfen, daß solche Enunziationen, 
die allerdings nicht auf dem Papier blieben, sondern auch in eine 
entsprechende Praxis umgesetzt wurden, die Verbreitung oder die 
Nachfrage nach Baumwollwaren im Lande zu unterdrücken ver- 



332 ^ie Textilgewerbe. 

mocht haben ; sie haben höchstens die freie natürliche Entwickhmg 
einer vaterländischen Industrie länger als nötig aufgehalten und 
allerdings dazu beigetragen, daß das Baumwollgewerbe niemals den 
Charakter einer Parvenu-lndustrie oder relativer Unvornehmheit 
ganz verloren hat. Schon Hörnigk hatte seinem absprechenden 
Urteil die Bemerkung beigefügt, daß er „nur diejenigen baum- 
wollenen Effekten in die Zahl der verwerflichen setze, so der Lein- 
wand nachteilig sind, womit der Barchet und anderes dergleichen 
nichts zu tun hat." Es nahmen denn also die bestehenden oder 
noch im siebzehnten Jahrhundert sich bildenden Leinweberzünfte 
die ersten wenig zahlreichen Baumwollweber, die Barchentweber 
als Barchner in sich auf. Diese dürften aus Schlesien nach Böhmen 
herübergekommen sein. Ins Riesengebirge, nach Hohenelbe, die 
ehemalige Bergstadt, nach Pilnikau, Freiheit und ins östliche Böhmen 
nach Landskron und Landsberg, sämtlich Stätten und Mittelpunkte 
der Leinenmanufaktur, weisen auch die frühesten Spuren der Baum- 
wollverarbeitung , die aber in Böhmen nirgends weiter zurück als 
bis zum Ende des siebzehnten und Anfang des achtzehnten Jahr- 
hunderts reichen. Indes diese Inkorporierung des Baumwollgewerbes 
in die Leinweberzünfte war der Natur der Dinge zuwider und dauerte 
nicht lange. Die Baumwolle gestattete im Vergleich zur Wolle 
ein mannigfaltiges und wechselndes Bedürfnis wohlfeil zu befriedigen. 
Sie ist also für eine Massenfabrikation geradezu prädestiniert in 
dem zweifachen Sinn, daß die Nachfrage von der großen Masse 
ausging und das massenhafte Angebot besondere Vorteile bei der 
Produktion gewährte. Dazu kommt, daß der Nachfrage nach Textil- 
manufakten infolge beständiger Ausfuhr der Wolle nicht genügt 
werden konnte^ und dieses inländische Angebot überdies sehr un- 
elastisch war: einerseits für den Massenbedarf zu teuer und zu 
fein, anderseits für die Kaufkräftigsten zu schlecht und zu wenig 
begehrt und zugunsten ausländischer Fabrikate vernachlässigt. Die 
Baumwolle aber hatte den Vorzug, mit größerer Wohlfeilheit der 
Produkte* die doch schon differenzierteren Ansprüche einer dem 
Kleiderluxus wohlgeneigten, aber nur in begrenztem Maße kauf- 
kräftigen Bevölkerung befriedigen zu können. Das Baumwoll- 
ge werbe sprengte denn auch frühzeitig die zünftigen Fesseln, rascher 
als irgendein anderes Handwerk war es der Periode der Zünftig- 
keit entwachsen, ja es hat geradezu das Cachet der Unzünftigkeit, 
ein von der Last und dem Unsinn der Vergangenheit wenig oder 
gar nicht bedrücktes Gewerbe mutet es von Anfang an „modern" 
an. Gerade daß die Baumwolle sich so spät erst im Lande fest- 



Die BaumwolIin<lustrie. 333 

setzte, war für die Entwicklung des Gewerbes günstig, oder sollen 
wir lieber sagen, da& sie so spät erst ihren Weg hierher fand, weil 
erst jetzt die Bedingungen für eine natürliche, sachgemäße Entwick- 
lung des Gewerbes gegeben waren? Wir müssen nämlich beachten: 
1. daß die Baumwolle und ihre Verarbeitung sich zu einer Zeit im 
Lande ausbreitete, als die Zünfte schon am Ende ihrer Herrschaft 
waren, als höchst skeptische oder zu mindest kritische Ansichten 
über den Wert ihrer Leistungen sich verbreiteten und sie selbst nicht 
mehr die Kraft in sich hatten, gegen den Staat etwas durchzusetzen; 
und 2. daß der Staat selbst die Maximen seiner Wirtschaftspolitik 
änderte und in dem Streben, das Land mit Manufakturen und 
Menschen /u füllen, nunmehr, von Karl VL angefangen, ebenso 
für die Baumwolle Partei ergriff, wie er vorher ihr Gegner ge- 
wesen war. Bei Karl VI. war diese Stellungnahme vielleicht noch 
weniger eine aus Prinzipien , sondern einfach eine Protektion der 
neuen im Jahre 1719 gegründeten ostindischen Kompanie, die den 
Baum Wollhandel auf der Donau trieb und bald auch zur Fabrika- 
tion überging'^, aber bei Maria Theresia ist sie vollständig klar 
durchgebildet. An Stelle des naiven, unaufgeklärten Merkantilismus, 
der jede Einfuhr für schä Uich, jede Ausfuhr außer der des Geldes 
für einen Vorteil hielt und dessen Bilanz, wonach er das Staats- 
wohl abwog, sich gar zu einfach und dürftig präsentierte, trat nun- 
mehr der reflektierte, aufgeklärte, besser durchgebildete, der auch 
die Einfuhr eines unentbehrlichen Rohmaterials erträglich fand, 
wenn es im Inland durch Weiterverarbeitung eine namhafte Wert- 
erhöhung erfährt und dann als kostbares Exportgut zum Aktivum 
der Bilanz beiträgt. Man sagte sich, „weil die vielen aus der Baum- 
wolle verfertigten Waren sehr beliebt, und gegenwärtig im Ver- 
brauch dieselben sind zur Notwendigkeit geworden", d. h. also 
wenn schon einmal ein unabweisbarer Bedarf an Baumwoll waren 
vorhanden ist, es dem Staatsvorteile besser entspreche, man läßt 
die rohe Baumwolle ins Land und sie w^rd im Inland verarbeitet, 
als daß die Bürger, wie es bisher geschah, die fertigen Baumwoll- 
waren im Auslande erkaufen. Freilich verdienten im allgemeinen 
diejenigen Gewerbe vor allen anderen den Vorzug, die, vom Roh- 
stoff angefangen, alles zur Produktion Notwendige im Inland fänden, 
wie Glas, Tuch, Leinwand, deren ganzer Produktionsprozeß im In- 
lande sich abspiele. Sie hätten als ideale Nationalge werbe und 
vermöge ihres ehrwürdigen Alters unbedingt Anspruch auf Schutz 
vor der Konkurrenz neuer Eindringlinge. Deshalb sollten die neuen 
sich rasch vermehrenden Betriebsstätten der Baumwollmanufaktur 



334 l^ie Textilgewerbe. 

womöglich nicht am gleichen Orte oder innerhalb des natürlichen 
Rayons des (schon bestehenden) Tuch- und Leinengewerbes ge- 
gründet werden*, sondern da das Land mit Manufakturen keines- 
wegs übersät, sondern im Gegenteil ihrer höchst bedürftig war, 
gev/issermaßen als Lückenbüßer Platz finden. Schon vorher hatte 
der Staat gegen die alte Crux aller Textilhandwerke, die erst der 
Maschinenbetrieb wenigstens technisch bewältigte, die Garnnot 
sowie gegen die Verteuerung der Produktionskosten, namentlich der, 
Spinnerlöhne, zugunsten der alten Textilgewerbe Schutzmaßnahmen 
getroffen. Durch zwei Patente (Spinnpatent vom 24. Nov. 1765 
und Hofdekret vom 12. Febr. 1765)^ wurden die für das Leinen- 
gewerbe gültigen Bestimmungen bezüglich Echtheit der Gespinste, 
Richtigkeit der Weifung usw. auf die anderen Textilgewerbe aus- 
gedehnt und ferner durch eine gesetzliche Rayonnierung der Spinner^ 
und behördliche Kontrolle der Spinnerlöhne — Leistungslöhne nach 
der Zahl der aus einem Pfund Baumwolle erzeugten Strähne — 
die preissteigernde Wirkung vermehrter Konkurrenz zu mildern ver- 
sucht. All dies war eine begreifliche Vorsicht und zeugt von einer 
liebenswürdigen Erkenntlichkeit des Gesetzgebers, die aber, als sich 
ihre völlige Nutzlosigkeit, ja Unvorteilhaftigkeit herausstellte, fallen 
gelassen wurde, um dem Grundsatz der Freiheit des Baumwoll- 
gewerbes Raum zu geben. Durch ein Hofdekret vom 23. Dezember 
1773 wurde grundsätzlich die licinwand- und Kottondi-uckerei als 
ein freies Gewerbe erklärt. Diese Verordnung, bei einem unschein 
baren speziellen Anlaß dekretiert, war für die ganze Baumwoll 
industrie von ungemein folgenreicher Bedeutung, denn die Entwick 
lung der Druckerei war der Pivot für die künftige böhmische Baum 
woUgroßindustrie. Vorher hatte man bedruckte Leinen- und Baum 
wollwaren, von denen die mehr als zweifarbigen Zitze, die zwei 
farbigen speziell Kattune hießen '^ aus dem Auslande, aus Leipzig, 
Herrnhut, aus der Schweiz und Holland bezogen und nur wenige 
zünftige Schwarzfärber in Prag hatten sich nebenbei auch der 
Druckerei nach dem einfachsten Verfahren gewidmet und „blaue 
Tücheln und Leinwanden aus der kalten Küpe fabriziert". Schon 
bald aber suchten sich selbständige Drucker in Prag zu etablieren 
Auf die Beschwerden der Schwarzfärber hin bestimmte ein Hof- 
dekret vom 2. Mai 1767, daß den Druckern das Färben der Leinen 
waren und Kottune in Stücken, insoweit sie diese zum Drucke ge 
brauchen, nicht aber zum Verkauf, erlaubt, den Färbern aber so 
wohl das Drucken als das Färben freigelassen sei. Im Jahre 1770 
mußte Graf Bolza sein berühmtes Cosmanoser Fabriketablissement 



Die Baumwollindustrie. 335 

(siehe später) schließen. Von den austretenden fachkundigen, zum 
Teil aus dem Auslande stammenden Druckern wurden einige von 
den Prager Schwarzfärbern engagiert, sie sollten das primitive Ver- 
fahren verbessern und sie die Vorteile des sogenannten echten 
Druckes lehren. Das Prager Druckgewerbe hob sich, und diese 
Anfänger verdienten viel Geld. Als nun, durch die guten Aus- 
sichten angelockt , sich einige unzünftige Drucker etablierten und 
das Gewerbe für eigene Hand zu betreiben ansuchten, erhoben die 
zünftigen Schwarzfärber neuerdings Einspruch. Darauf erging unterm 
13. Dezember 1773 die verhängnisvolle Entscheidung der Kaiserin, 
es sei zur Vermeidung des Monopoliums und Bedrückung des 
Publikums die Leinen- und Kottondruckerei als ein freies Gewerbe 
jedermann zu gestatten , nur mit der einzigen Beschränkung , daß 
jeder, der sie betreiben wolle, vorher bei der Behörde sich einer 
Prüfung über den Besitz der nötigen Fähigkeiten unterziehen solle. 
Den Juden aber war schon vorher durch ein Dekret vom 17. Juli 
1773 das Drucken der Leinwand verboten, weil man befürchtete, 
daß sie durch unechte Farben und trügerische Manipulationen 
(„be vorteilende Bearbeitung!") das Gewerbe schädigen würden. 
Worin liegt nun die rechtliche und ökonomische Bedeutung dieser 
Freierklärung, dieser Emanzipation eines Gewerbes vom Zwange 
der Zunft? Freie Gewerbe, so belehrt uns Kopetz a. a. O. §§ 85 
und 325, seien diejenigen, welche ohne obrigkeitliche Befugnis, ohne 
vorherige Probestücke und Prüfung der persönlichen Eigenschaften, 
von jedermann ungehindert und ohne Beschränkung auf einen Ort 
oder Bezirk betrieben werden können. Anfänglich schützte die 
Gesetzgebung besonders die freie Ausübung derjenigen Be- 
schäftigungen, welche als bloße allgemein verbreitete Hausarbeiten 
und Nebenbeschäftigungen oder als Vorarbeiten für die eigentlichen 
Manufakturgewerbe ausgeübt wurden. Später aber erhielt die 
Gewerbefreiheit — mit unter dem Eindruck der wiederholten Er- 
fahrungen, daß die zünftige Organisation eines Gewerbes keines- 
wegs eine Garantie für wohlfeile und reichliche Versorgung der 
Bevölkerung mit den unentbehrlichsten Bedürfnissen sei und gerade 
in Zeiten der Not und des Mangels versage — eine viel weitere 
Ausdehnung und wurden manche vorher gezünftete Gewerbe dem 
freien Betriebe überlassen. So wurden die Spinnerei *^, die Strickerei ", 
das Wollkämmen ^^ , die gemeine Band- und Schnurmacherei . die 
Spitzenklöppelei ^^ , die Leinweberei ^"^ als jedermann , auch Frauen 
zugängliche Gewerbe erklärt, die sie als bloße Hausarbeit betrieben. 
Alle diese Beschäftigungen fordern einen sehr geringen Betriebs- 



336 Die Textilgewerbe. 

fond und werden da, wo sie znr gemeinen Übung gediehen sind, 
gewöhnlich durch häuslichen Unterricht erlernt und fortgepflanzt. 
Die Leinwand- und Kottondruckerei hat ersichtlich diese Merkmale 
nicht , wurde nun aber trotzdem , offenbar aus anderen Gründen, 
diesen häuslichen Nebenbescliäftigungen gleichgestellt und frei- 
gegeben. Nicht einmal die allgemeinen Prinzipien der neuen staat- 
lichen Gewerbepolitik von 177(5 können diesen Schritt in bezug 
auf die Leinwand und Kottondruckerei ganz und restlos erklären. 
Als nämlich die Staatsverwaltung sich mit der Einführung eines 
neuen , liberaleren Gewerbesj^stems beschäftigte , stellte sie den 
Grundsatz auf, alle jt?ne Hantierungen ganz freizulassen, welche 
teils keinen starken Verlag, teils aber keine n) ehrjährige Erlernung 
erfordern, viele Hände beschäftigen können und deren Arbeiten in 
den österreichischen Provinzen gar nicht oder nicht hinlänglich 
oder noch zu hohen Preisen verfertigt werden, die mithin aus 
diesem Gesichtspunkt eine Erweiterung nötig haben und ohne vor- 
läufige Prüfungen betrieben werden können ^^. Dieser Grundsatz 
selbst ist nun aber einer verschieden freiheitlichen Auslegung fähig, 
jedenfalls sehr elastisch, und stellt es in das Ermessen der Behörde, 
welche Gewerbe sie freier Betriebsamkeit überlassen, welche sie 
dem Zunftzwang unterwerfen wolle. Das Baum wollge werbe nun 
schien ihr und wie wir sehen werden, ganz mit Recht, als be- 
sonders ungeeignet, in den herkömmlichen Rahmen der Betriebs- 
Organisationen gespannt zu werden. 

Die Freierklärung der Druckerei hatte die von der Regierung 
vorausgesehenen und beabsichtigten Wirkungen ; mit der Ruhe und 
Behaglichkeit des Handwerks war es sofort vorbei. Kampf und 
Unrast und Lebendigkeit an allen Punkten gaben von da ab dem 
Gewerbe die Signatur. Zunächst hatten, wie Schreyer berichtet, 
die jüdischen Händler von der neuen Situation profitiert, weil sie 
zuerst sie auszunutzen verstanden. Sie verlegten geschickte Ge- 
sellen und Koloristen, denen zur Meisterschaft, d. h. jetzt zur Selb- 
ständigkeit, nichts fehlte als das nötige Kleingeld, mit Geld und 
Farbmaterialien, beschäftigten also Leinendrucker, die zughich aller- 
dings - verhängnisvoller Doppelsinn des Wortes — Lohn- und 
Preisdrücker waren und suchten wie das überall einer bestimmten 
Entwickelungsstufe des Handels entspricht, auf jegliche Weise durch 
Verwendung minderwertiger Farbmaterialien, durch Abbruch an den 
üblichen oder vorgeschriebenen Maiden, indem sie etwa aus einem 
Schock Leinwand 3, 4, 5 Tücheln mehr herauszuschneiden ver- 
standen und dadurch allerdings schon bei dem Schock Leinwand 



Die BaumwoUindustrie. 337 

den Gewinn eines einfachen Handwerkers (von etw^a 1.20 fl.) heraus- 
wirtschafteten — Profit zu machen'^. 

Ahnungslos wie er in vielen Dingen ist und unfähig, eine 
Erscheinung in ihrem vollen Zusammenhang zu bogreifen, sieht 
Schreyer nur „die in einen Mißbrauch ausgeartete zügellose Frei- 
heit", die zur Schleuderei geführt habe und für die Zukunft das 
Schlimmste befürchten lasse. Sie könne nicht and(;rs. als in dem 
völligen Ruin dieses Gewerbszweiges endigen, und die jüdischen 
Händler, die sich der Liberalität des Gesetzgebers erfreuen, seien 
Schuld daran. „Denn es ist eine aus der Erfahrung erprobte Sache, 
daß in einem Orte, wo der Jude mit dem Christen konkurriert, der 
Letztere nicht fortkommen kann ; und wo der Jude den Fabrikanten 
mit Geld und Waren verlegt, der Fabrikant immer sein Schuldner 
und in der Folge sein Kreditarius werden muß" ^^. Merkwürdii^e 
Kurzsichtigkeit 1 Die Regierung teilte sie nicht, sie ließ sich von 
dem eingeschlai*:enen Wege nicht abbringen, ja sie ging noch weiter, 
indem sie die letzte Beschränkung des Druckgewerbes, den Be- 
fähigungsnachweis fallen ließ und durch Hofdekret vom 24. Juni 1779 
bestimmte, daß die Tücheldruckerei jedermann frei und ohne vor- 
h(Tgehonde Prüfung zu gestatten sei. Durch diese Verordnung sei, 
wie Schreyer bitter meint ^^, „die in chymischer Kunst bestehende 
Drucker(!y in eine Pfuscherey versetzt" worden. Dieses harte 
Urteil lag allerdings bei der überraschend großi^n Vermehrung der 
Druckerei in Prag und dem Wiederverschwinden vieler lebens- 
unfähiger Betriebe, die nur eine Eintagsexistenz führten, nnhe g«'nug. 
Im Jahre I7ü6 gab es nach Schreyer in Prag nur 5 Schwarzfärber, 
die auch Druckerei betrieben, 1773 zählte man schon 9 Druck- 
fabrikanten, bis 179i) vermehrte sich die Zahl der Drucker in Prag 
allein auf .»6. Viele davon waren berufsfremde Professionisten : 
Bäcker, Bräuergeseilen, Kühehalter, Taglöhner usw., die si<-h als 
Gehilfen bei den Druckfabriken gel)rauchen ließen, dann von jüdischen 
Händlern als Lohndrücker angestellt, schuidenhalher nicht fort- 
kommen konnten und ihre Betriebe aufgeben mußten. Naturgemäß 
übte die Ausbeutung eines Zweiges der Baumwoll- und Leinen- 
mnnufaktur auch auf die vorangehenden Produktionsstadien eine 
befördernde Wirkung, insbesondere wenn wir bedenken, daß mit 
dem Liberalismus der Gesetzgebung in der F<Ttigfabrikation , der 
Druckerei, eine schroffe prohibitive Exklusivität in der Roh- und 
Halbstoffversorgung Hand in Hang ging. Nach einer Manufnktur- 
tabelle des Grafen Kinsky^^ gab es im Jahre 1765 in ganz Böhmen 
72(37 Baumwollspinner, 303 Kattunweber, 21 Drucker, die zusammen 

Salz, Geschichte der böhmisohen Industrie in der Neuzeit. 22 



ßßg Die Textilgewerbe. 

18178 Stück Kattune im Produktionswert von :^04 982 fl. her- 
stellten. 

Im Laufe von 20 Jahren aber änderten sich die Ziffern folgender- 
maßen: . ,. ,, , 

Baumwollspinnerei Baum w oll woberei 

im Jahre 1785 1788 1789 1785 1788 1789 
Arbeitende Personen: 0776 28 747 24477 432 3093 3572 

(+19071) (—4270) ( + 2661) (+479) 
Stühle: 288 2064 2423 

(+1776) (+359) 
1798: 40 283 Baumwollspinner und 3027 Stühle. 

In einem einzigen Jahre von 1788/89, so erzählt Schreyer, sei 
die Zahl der Webstühle um 1000 vermehrt worden ^o. 

Angeblich um sich gegen die Pfuscher zu schützen, ^vandten 
sich im Jahre 1794 die Prager ordentlich privilegierten Leinwand- 
und Kottondrucker, die selbst dem Liberalismus des Gesetzgebers 
ihre Existenz verdankten, an die Behörde und verlangten, ohne die 
Zunftmäßigkeit ihres Gewerbes behaupten zu wollen, eine den Um- 
ständen angepaßte Druckordnung ^^, mit anderen Worten, sie suchten 
sanft wieder in das zünftige Gleise einzuschwenken, aber sie wurden 
sehr energisch (durch Hofdekret vom 25. Februar 1795) abgewiesen 
und ihnen bedeutet, daß die Leinwand- und Kottondruckerei ein 
absolut freies Gewerbe sei und einer zünftigen Verfassung umso 
weniger bedürfe, als es nur in wenigen Handgriffen bestehend und 
leicht erlernbar, keine Qualitätsarbeit erheische und darum immer 
billigere Preise ermögliche, ein Vorteil, der sofort verschwinden 
würde, w^enn die Druckerei durch ordentliche zünftmäßige Gesellen, 
die im Lohn sehr teuer zu stehen kommen, betrieben w^erden sollte. 
Da aber durch zunftmäßige Verfassung der Druckerei den Fabriken 
und der allgemeinen Betriebsamkeit mehr geschadet als genützt 
würde, so könne dem Gesuch der Bittsteller nicht entsprochen 
werden. Wenn nun auch die Regierung die Kunstfertigkeit und 
die EntfaltungsmögUchkeiten des Gewerbes unterschätzte — da sie 
die künftigen Fortschritte der Technik und Wissenschaft nicht voraus- 
ahnen konnte — so gewährte sie doch anderseits schon im nächsten 
Jahre (Patent vom 27. August 1796) aus freien Stücken dem Gewerbe 
den nötigen Schutz gegen Warenfälschungen, die dem Renommee 
des inländischen Produkts schädlich sein mußten, durch eine Drucker- 
ordnung, die in merkwürdig sozialer Gesinnung für die Waren des 
Massenbedarfs volle Echtfärbigkeit vorschrieb, bei feinen und feinsten 
Gattungen aber, die nur für vermögende Klassen in Betracht kommen, 



Die Baumwollindustiie, 339 

auch je nach dem Modewechsel nicht ganz haltbare Grund- und 
Malfarben zuließ ^^. Allgemach aber wurde der Staatsregierung 
vor ihrer eigenen Liberalität bange. Sie erklärte plötzlich ^^, die 
Kattundruckerei sei gar kein allgemein freies Gewerbe und berief 
sich zur Erhärtung dieser Ansicht, die allerdings der bisher geübten 
Praxis strikte zuwiderlief, gerade auf die Kattundruckereiordnung 
vom Jahre vorher, welche Einschränkungen der Freiheit enthalte. 
Man sei zwar nicht gesonnen, in irgend einem Zweige des Kunst- 
fleißes neue Schranken einzuführen, vielmehr bemühe man sich bei 
den Artikeln des allgemeinen Verbrauches, die überdies zu einem 
größeren Handel geeignet seien, den „Endzw^eck", d. h. die Fertig- 
fabrikation immer mehr zu befördern und langsam dahin zu kommen, 
„daß die Erzeugung derselben bis zum häuslichen Erwerb sich aus- 
dehne," weil man auf diese Weise eine größere Produktionsmenge, 
günstigere Preise und die beste Qualität zu erzielen hoffe. Man 
erkenne zwar an, daß die Kattundruckerei in die Reihe dieser Ge- 
werbe gehöre, allein besondere Rücksichten erheischten eine Be- 
schränkung der allgemeinen Freiheit, und zwar 1. ein besonders in 
den böhmischen Grenzgebirgen lebhaft betriebener Schleichhandel 
in Baum wollwaren, der durch völlige Freilassung der Druckerei eine 
neue Bewegung und einen neuen Deckmantel gewinne, sodann 2. 
liege es in Böhmen hauptsächlich daran, „die Kultur des Flachses 
und der Schafwolle als der eigenen Landesprodukte, dann die Ver- 
arbeitung derselben zu unterstützen, keineswegs aber die dazu be- 
stimmten Menschenhände davon ab und auf die Verarbeitung eines 
ganz ausländischen Urstoffes, der Baumwolle nämlich, allzusehr 
herüberzuziehen." Solange das Leinwandgewerbe und der Leinwand- 
handel darniederliegen und die Baumwollproduktion nicht dadurch 
weniger arbeitende Hände erfordere, daß zum Spinnen der Baum- 
wolle Maschinen angewandt werden, wodurch auch dem Schleich- 
handel in Baumwollwaren der Rückhalt entzogen würde, solange 
könne auch die Kattundruckerei nicht als vollkommen frei erklärt 
und nicht jedermann gestattet werden, womit jedoch nicht gesagt 
sei, daß sie dem Zunftzwang oder eigenen Meisterrechtsverleihungen 
zu unterziehen sei. 

Damit hatte die Regierung allerdings einen Wechsel der bis- 
herigen PoHtik in bezug auf die Baumwolldruckerei w^enigstens 
initiiert. Das böhmische Gubernium scheint den Wmk nur allzu 
gut verstanden zu haben. Mit der Begründung, daß in Prag schon 
eine genügende Anzahl von Druckfabriken bestehe und jede weitere 
Vermehrung nur den Brennstof&nangel in der Hauptstadt verschärfen 

22* 



340 • ^^'6 Textilgewerbe. 

würde, wurde auch in besonders berücksichtigungswerten Fällen, 
wie in dem Falle Gira^*. die Genchniignng versagt. Aber inzwischen 
liatten sich die Zeiten und die politischen Grundsätze wiederum 
geändert. 

Zwischen 1799 und 1810 liegt die Zeit großer und im ganzen 
unglücklich geführter Kriege, Unternehmungen, deren i)sychol<>gische 
Rückwirkungen auf die sich verantworthch fühlende Staatsverwaltung 
ähnhch zu sein pflegen wie die eines Konkurses oder FehlschlMgons 
wirtschaftlicher Unternehinungen beim einzelnen Privaten. Steigerung 
des Selbstbewußtseins, Reflexion auf die letzten Ziele und Mittel, 
staatsphilosophisclie Gesinnung also, Erhöhung der wirtschaftlichen 
Energie, weniger Depression als vielmehr aktive und im Verirleich 
zu den realen Machtmitteln fast überschüssige, übergroße Leb- 
haftigkeit der initiative und krankhafte Regsamkeit. Wie die Un- 
glü(!ksfälle der schlesischen Kriege Maria Theresias den ersten, so 
haben die nnpoleonischen Kriege den zweiten kräftigen An>toß zur 
Entstehung eines modernen Österreich und einer österreichischen 
Großindustrie gegeben. 

Den besonderen Fall zum Anlaß nehmend und mit Berufung 
darauf, „daß in Böhmen unu:eachtet der wiederholt anbef-dilenen 
Liberalität in Kommer/.angelegenheiten noch immer den Be- 
schränkung>grund-ätzen g( folgt wird", erteilt die Zentralbehörde 
(k. k. Hofkammer) dem Gubeininm von Böhmen in einem Hof- 
dekret vom 3. Juli 1810^^ eine ausführliche normierende Belehrung 
über die Grundsätze, „wriehe einen integrierenden Teil des neuen 
Finanzsystems ausmachen." Es handle sich vor allem darum, die 
Wunden derKriege zu heilen durch Au-nutzung der inneren Ress«.nrcen 
und Produktivkräfte der Monarchie, Wicderherstelhmg des National- 
w^ohlstands, Verbesserung der Finanzen. Dieses Ziel wird erreicht 
sein, wenn eine große Aktivbilanz gewoinien und das verhä'tnis- 
mäßige Abströmen baren Gelles gehemmt und ..die Ma.sse der 
Nationalkräfte in eine solche freye Tätigkeit versetzt wird, daß alle 
Zwe'g«! des Erwerbstleißes h.irmonisch und mit Energ e zu dem 
großen Ganzen zu<anmien wirken." Übeischuß der inneren Produktion 
g(.'gen die Konsumtion, niedrige Preise, Konkurrenz mit dem Auslande 
und Ausfuhr der Waren .sollen als Symptome dafür gelten, daß der 
angestrebte Zweck erreicht sei. Die Verwaltung, noch ganz auf dem 
Boden der Aufklärung und die „Tugend' für ein Wissen und zwar für 
ein Wi.ssen vom Nichtwis.sen oder von i]en Grenzen des .staatlichen 
Einflusses auf die Wirtschaft haltend, ist überzeugt, daß Wohlstand 
und Bevölkerung nur da zunehmen, wu „die Staats\ erwaltung nach 



Die Buinnwolliiulustrie. 34]^ 

großen umfassenden und humanen Grundsätzen, entfernt von klein- 
lichen, die Besorgung richtiüfer Geschäfte verhindernden Einmisch- 
ungen in das unübersehbare Detail des einzelnen Erwerbs zu Werke 
gehet." Erhöhter Nationalwohlstnnd und vermehrte Bevölkerung 
aber, durch eine vernünftige Aufklärung geleitet, würden das große 
Problem auflösen hellen, womit man gegenwärtig beschäftigt sei. 

Niemals wurde über die unheilvollen Wirkungen der Be- 
schränkung des Erwerbsfleißes und der Protektion des Zunftgeistes 
härter und mit besser begründeter Erfahrung geurteilt, niemals die 
Axiome der klassischen Nationalökonomie vom natürlichen Gleich- 
gewicht der wirtschaftlichen Kräfte, vom Mechanismus zwischen 
Angebot und Nachfrage mit größerer Lebhaftigkeit und nachdrück- 
licherem Ernst verteidigt als in diesem und nicht vereinzelten 
Schriftstücke der Beli(")rde. Durch vollkommene Erwerb'-freiheit 
stelle sich das Gleichgewicht zwischen den Gewerben von selbst 
her. Gewerbe, die keine genügenden Vorteile mehr böten, ver- 
minderten sich von selbst, wogegen jene Gewerbe sich vermehren, 
bei denen unbefriedigte Nachfragen zunehmen und welche folglich 
lohnenden Verdienst versprechen. Bei der Industrie besonders hänge 
der individuelle Vorteil des Erwerbs von so vielen kleinen Umständen 
ab, „welche die Staatsverwaltung selbst mit einem Heere von 
Beamten nicht zu ergründen vermag, welche aber der Einzelne, 
der diese Verhältnisse in seiner Sphäre am besten beurteilen kann, 
genau erspühret und gegen die Nachfragen des Pubhkums, welches 
diesfalls der kompetente Richter ist, abzumessen weiß." Aber nicht 
nur die Unmöglichkeit der Detailkenntnisse und Übersicht, sondern 
auch der schwerfällige Gang der „Dikasterial- Verhandlungen schadet 
durch allzu ängstliche Einmengung bei einem Fache, wo es sich 
oft einzig und allein um Benützung des Augenblicks handelt." 

Hat das Beamtentum, so fragt man sich unwillkürlich, da- 
mit, daß es solcher Lehre Zutritt gestattete, ja sie in Fleisch 
und Blut aufnahm, nicht seine eigene Existenzberechtigung ge- 
leugnet, hat es sich nicht selbst dieser Theorie zum Opfer gebracht 
und mußte sich höchst überflüssig vorkommen, nur mehr berufen, 
die richtigen Lehren und Grundsätze, die in der schmerzlichen Er- 
kenntnis der eigenen Machtlosigkeit gipfelten, zu predigen, gewisser- 
maßen für die eigene Abschaffung zu agitieren, anstatt wie bisher 
eine wenn auch oft verkehrte, so doch immerhin spontane Aktivität 
zu entfalten? Mußte diese Wirtschaftsphilosophie nicht das Selbst- 
gefühl und Selbstvertrauen dieser Gesellschaftsschicht sehr herab- 
stimmen und war sie nicht gewissermaßen rückwirkend eine Ver- 



342 I^ie Textilge werbe. 

iirteiliing der ganzen österreichischen Vergangenheit, des Beamten, 
der ursprünglich durch das Amt selbst ein Teilhaber der Wirtschaft 
für sich und seine Privatinteressen sorgte, allmählich in Jahr- 
hunderten zur Uneigennützigkeit und Moralität erzogen, von seiner 
Unentbehrlichkeit und Macht durch die Veneration der Gläubigen 
umso mehr überzeugt, sich selbst als überflüssig, weil machtlos, be- 
greifen lernte? Und mußten nicht durch die nachdrückliche Be- 
tonung dieser Lehren zvrischen der schmalen Spitze der die Beamten- 
hierarchie darstellenden Pyramide und der breiten Basis der Unter- 
geordneten und die Befehle Ausführenden, oder anders ausgedrückt, 
zwischen den wenigen an „verantwortlicher" Stelle im Zentrum 
Befehlenden, die sich jetzt diese ihre Verantwortung leugnende 
Theorie zu eigen machten und den zahlreichen in den Ländern mit 
der Bevölkerung in unmittelbarem Kontakt stehenden Beamten, die 
Befehle auszuführen und Wünsche zu vertreten hatten, unlösliche 
Konflikte entstehen? Noch blieb ja freiUch dem Beamtentum in 
Österreich für die nächsten Jahrzehnte reichliche Arbeit in der 
Hinwegräumung all der Hindernisse und Beschränkungen in der 
Durchführung der neuen Grundsätze auf allen Gebieten, bis ihm, 
vis ä vis de rien stehend, durch einen ungeheueren Glücksfall, wie 
mir scheint, durch den Gang der historischen Entwickelung einer- 
seits die soziale Frage, anderseits die sich kompHzierenden Beziehungen 
der Staaten zu einander neue ungeahnte Wirkungskreise eröffnet 
wurden, Arbeit für unabsehbare Dauer heischend und Erfolg ver- 
sprechend. FreiUch — es ist überflüssig, dies zu betonen — vollzog 
sich diese Entwicklung nicht so sichtbar und noch weniger so un- 
gehemmt wie hier skizziert; zahlreiche Rückfälle in überwundene 
Stadien sind in einem seit je in gewissen Dingen so konservativen, 
d. h. die Tradition wahrenden Staate wie Österreich, und bei der 
Schwierigkeit der psychologischen Situation garnicht weiter zu ver- 
wundern. 

Unbeliindert oder doch wenigstens nicht so von zwei Seiten, 
der Zunft und dem Staate, vexiert konnte sich die Baum Wollindustrie 
in Böhmen von vornherein eine viel rationellere, der ökonomischen 
Vernunft entsprechendere Gestaltung und Organisation geben als 
die übrigen Industriezweige. Die Fabrik ist hier weder ein Ab- 
schluß noch ein vollständiges Novum, sondern steht gewissermaßen 
am Anfang, der Kapitahsmus ist nicht mit dem Schwergewicht des 
ökonomischen Mittelalters belastet, sondern rücksichtslos ausgreifend 
und vorwärtswütend. Ich führe einige Symptome an, die mir für 
die Eigenart der Entwickelung dieser sich selbst überlassenen, 



Die Baumwollindustri(\ 343 

in Freiheit erwaciisenden Industrie bedeutsam erscheinen. Solche 
sind : 

1. Das frühzeitige Auftreten von — cum grano salis — Massen- 
betrieben. Die Baumwolle in Böhmen überspringt das ökonomische 
Mittelalter. Sie ist zünftig und handwerklich nur vorübergehend 
orientiert. Abgesehen von den mißglückten Versuchen des herr- 
schaftlichen Wirtschaftsdirektors Keßler, gen. Sprengeisen, in der 
Nähe der Stadt Grottau „an einem öden und wüsten Orte" eine 
Tuch-, Zeug-, Strumpf- und Canevasfabrik zu errichten (1723), die 
nur ein kurzes Dasein fristete und der Frau von Textor in Prag 
(1753), deren neue Barchentfabrik schon nach 5 Jahren, „da sie 
damit nicht aufkommen konnte", der Kommerzienkonseß übernahm, 
um das gemeinnützige Werk nicht aufzulassen, sind wieder drei 
feudale Grundherren die Schrittmacher der Baumwollgroßindustrie 
in Böhmen gewesen: der uns schon bekannte Graf Kinsky auf 
Bürgstein, und von ihm angeregt und belehrt, die Grafen Vinzenz 
von Waldstein in Münchengrätz und Graf Joseph Bolza in Cosmanos. 
Zu ihnen gesellte sich Fürst Auersperg mit seiner Fabrik in Tupadl 
im Czaslauer Kreise und Niederlagen in Prag, Wien und Brunn, 
Graf Rottenhan mit Fabriksanlagen in Rottenhaus und zu Gemnischt 
und einer Niederlage in Prag, Graf Sweerts, La2ansky und andere 
mehr und die Schar der bürgerlichen Unternehmer. Graf Kinsky 
widmete sich seit 1765 der Baumwollindustrie. Er errichtete Fabriken 
und lernte die Leute an, dann aber parzellierte er sozusagen die 
Industrie, indem er die Webstühle den Leuten überließ, sie ver- 
legte, ihnen die rohe Ware abkaufte, sie appretierte und für eigene 
Rechnung absetzte, entweder unmittelbar an die Kundschaft oder 
an die Glashändler der Herrschaft, die sie in Spanien, Portugal 
und Rußland, Polen und Italien verhandelten. So machte der Graf 
gewissermaßen jedes Haus zu einer Fabrik und diente damit recht 
eigentlich und wörtlich dem Staatswillen, der die Produktion „bis 
zum häuslichen Erwerbe" ausgedehnt wünschte und zugleich seinem 
eigenen grundherrlichen und kolonisatorischen Interesse. Aber aUe 
diese adeligen Fabriken scheinen aus Gründen, die wir noch kennen 
lernen werden, nicht lange bestanden zu haben. Gedauert und den 
Charakter der Industrie bestimmt haben die bürgerlichen Unter- 
nehmungen, die aber von der Druckerei ausgingen und sowohl auf 
dem Lande als auch in der Stadt, besonders in Prag, sich ver- 
mehrten. Viele führten, obwohl als ordentliche Fabriken privilegiert, 
nur ein Scheindasein, waren einfach Lohndruckereien für jüdische 
Händler, einige davon aber kamen vorwärts. Zu den letzteren 



344 Die Textilgewerbe. 

zälüte die uns von Reichenberg her bekannte Prager Firma Johann 
Georg Berger, die aber nur Leinwand nach Art von Kotton und 
Zitz bedruckte, also wie mir scheint, mit einer Imitation auch hier 
in Prag ihr Glück machte. Sie setzte hauptsächlich im Auslande 
ab, und ihr Hauptvorteil ist, wie Schreyer meint ^^ das Haus in 
Reichenberg, „einem Orte, wo sie die rohen Leinwanden ohnmittelbar 
aas Händen des Webers beziehen, auch eine Bleiche dort errichtet 
haben, wo sie sothane eingekaufte rohe Leinwanden gleich dort 
selbst abbleichen lassen können." 

2. Die kapitalistische Verwendung von Frauen- und Kinderarbeit 
bei der Produktion. Kapitalistisch will sagen, daß in Wirklich- 
keit hierbei nicht irgend ein humaner oder pädagogischer, sondern 
einzig der Gesichtspunkt der Verbilligung der Produktionskosten 
ausschlaggebend gewesen ist. In dieser Emanzipation der Frau als 
Arbeiterin dokumentiert sich recht eigentlich die Unzünftigkeit 
dieses Gewerbes, und der Staat hatte in diesem fait accompli einen 
erwünschten Recht fertigungsgrund für dessen Freierklärung. Er 
sagte, die Tatsache, daß in der ganzen Baumwollindustrie von der 
Spinnerei bis zur Druckerei überall Frauen und Kinder mit Vorteil 
verwendet werden, daß z. B. in der Weberei ein Junge nach vier- 
zehn Tagen Unterricht imstande ist, ein Gewebe von 28—80 Gängen 
in 8 — 9 Tagen (mit 2 Schemeln I) zu wirken und nach einem Monat 
jedem Gesellen gleich arbeitet^' oder daß die Druckerei der Lein- 
wand und Baumwolle nur in ein paar Handgriffen besteht, die jedes 
Kind rasch erlernt, solche Tatsachen beweisen eben, daß hier keine 
gelernte Qualitätsarbeit vorlie^jt und die Zunftverfassung deshalb 
garnicht am Platze ist, ein Scheinargument freilich, das ebenso für 
andere Gewerbe gelten konnte, denn wenn die Zunft nicht das 
Handw^erk für sicli monopolisiert hätte, so w^ären auch in anderen 
Gewerben Frauen und Kinder beschäftigt v^orden. 

Bei der Baumwollindustrie war allerdings wie es scheint billige 
Arbeit eine Lebensfrage, wenigstens blieb die Baumwollweberei, 
die Erzeugung der Kottontücher, konkurrenz- und lebensunfähig, 
solange als sie zünftig in der Stadt betrieben wurde. Die Unter- 
nehmer^^ ohne genügende technische Kenntnisse, verHeßen sich 
auf ihre Werkmeister. Diese aber kalkulierten nicht und ließen 
ohne einen ordentlichen Weberfuß aufs Geratewohl arbeiten, ohne 
das in jedem Stück verarbeitete Garn zu berechnen ; sie besetzten 
ferner die Stühle sämtlich mit Gesellen und bezahlten ihnen einen 
im Vergleich zur Konkurrenz viel zu hohen Lohn, sodaß ein Geselle 
bei drei Pfund mehr verdiente als ein Weber auf dem Lande die 



Die Baumwollindustrie. 345 

ganze Woche. Wenn man aber anstelle der viel zu teueren Ge- 
sellen Frauen und Kinder setzte, ersparte man 5<>o/o der Löhne. 
Durch Förderung solcher Bestrebungen glaubte der Staat damals in 
seinem jugendlichen Industriefanatismus ein gutes Werk zu tun ; 
der böhmische Kommerzienkonseß begründete recht eigentlich erst 
die Baumwollspinnerei im Lande. Er legte zahlreiche Spinnschulen 
an, zahlte den Spinnmeisterinnen aus dem Kommerzialfond monatlich 
6 fl. Gehalt und den Lehrlingen während festgesetzter Lehrzeit 
täglich 2 kr. als Beitrag ^^ Später wurde die Baumwollspinnerei 
durch das Arbeitshaus und die Normalschullchrer befördert, „da sie 
die kleinen Kinder nebst Unterricht in der Lehre auch zu einer 
dergleichen nahrhaften Beschäftigung anleiten ; diese dann der 
Jugend eingepflanzte Arbeitsamkeit nimmt mit ihrem Alter zu und 
wird bei dem Landvolk in müssigen Stunden zur Beschäftigung" ^^ 
Der Erfolg blieb denn auch nicht aus. Von der Graf Bolza'schen 
Fabrik in Cosmanos weiß 1773 der Fabrikinspektor kaum etwas 
Rühmlicheres zu melden, als daß bei insgesamt 14 Drucktisclien nur 
4 mit Augsburger Werkmeistern, alle übrigen mit gelernten in- 
ländischen Druckern beschäftigt sind, welche wöchentlich 4 — 6 fl. 
verdienen. Ebenso arbeiteten in dem Maler- oder Schilderzimmer 
neben der Augsburger Meisterin 58 inländische Malerinnen und viele 
Kinder von 8 — lU Jahren, die sonst müssiggehen, durch diese Arbeit 
lüngegen einen wöchentHchen Lohn von IV2 — 2 fl. nach Hause 
bringen und den Eltern bei ohnehin teuren Zeiten großen Vorteil 
und Beitrag bei der Hauswirtschaft verschaffen. Die Geschicklichkeit 
dieser Kinder im Malen sei aufs äußerste zu bewundern ^^ 

3. Die geordnete „gewerbsmäßige" Organisation des Rohstoff- 
und Halbfabrikatbezugs. Hier herrschte nicht mehr anarchisch 
der Handelsjude, der von der Unfähigkeit des Handwerkers, einen 
Betrieb rationell zu organisieren und einen Wirtschaftsplan zu ent- 
werfen und auszuführen, profitierte, sondern der Baumwollhandel 
als ein überseeischer Fernhandel war im großen organisiert. Die 
feinste Baumwolle wird von den amerikanischen und asiatischen 
Inseln, am besten aus Amsterdam bezogen. Sie ist gemäß ihrer 
Qualität am teuersten (per Zentner ä 150 fl.); für die ungleich 
mehr verbreitete Levantinische Wolle ist Wien der Stapelplatz für 
ganz Österreich und Süddeutschland, von wo sie durch dort lebende 
griechische Kaufleute abgesetzt wird. Sie wird in zwei Gattungen 
geteilt, und zwar Smyrnische (Sorte I 76 fl. , Sorte II 72 fl. der 
Zentner) und Macedonische (Sorte I 76 fl. , Sorte II 68 fl. der 
Zentner). Auch das Spinnen , die Garnerzeugung stand mit der 



346 I^ie Textilgewerbe. 

Weiterverarbeitung in innigem, wirtschaftlich-organisatorischem Kon- 
takt. Das Garn wurde entweder durch Spinnfaktoren verlegt, haus- 
industriell hergestellt, oder die Fabriken (Webereien, Druckereien) 
gliederten sich Spinnfabriken an, oder es wurden, und zwar zuerst 
in Niederösterreich, dann aber auch in Böhmen Fabriken eröffnet, 
die sich mit dem Verkauf des Garnes en gros befaßten. Damit 
war gegen die Garnnot eine gewisse Abhilfe geschaffen; immerhin 
aber mußte in böhmischen Grenzdistrikten, z. B. im Ellenbogener 
Kreis, der Norm zuwider, die Einfuhr fremder Baumwollgarne gegen 
einen Zoll von 10 fl. per Zentner gestattet werden, um der dortigen 
Musselin- und Kottonweberoi das nötige Halbfabrikat, namentlich 
die feinen Sorten, in ausreichender Menge zu verschaffen^^. 

Überschauen wir die letzten Ausführungen, so werden wir nicht 
zögern anzuerkennen, daß in der Entwicklung der böhmischen 
Baumw^ollindustrie zum Groß- und Riesenbetrieb hin zum ersten 
Male und recht augenfäUig ein neues Moment der Gestaltung in 
die Erscheinung tritt, das spezifisch Moderne ati der großindustriellen 
Entwicklung : es ist als ein allgemein unbegrenztes, unpersönliches, 
aber doch von der Person nicht unabhängiges Moment für die Ökonomie 
gewissermaßen kategorial. Ich möchte, um das Gesagte nicht biolies 
Wortgeklingel bleiben zu lassen, möglichst einfach ausdrücken, was 
gemeint ist. Alle bisher behandelten Industriezweige waren boden- 
ständig, organisch mit der Phj'^sis des Landes verwachsen derart, 
daß sie den Stoff, den sie verarbeiteten und bearbeiteten, im Lande 
selbst fanden. Wenn auch nicht alle ihre ökonomische, so 
fanden sie doch ihre natürliche oder technische Existenz- 
grundlage in irgendeinem Reichtum der heimischen Erde, sei es in 
den Metallschätzen, im Holzreichtum, in der Wollproduktion usw. 
Und was bisher an jenen imposanten Wirtschaftsbildungen zusammen- 
schoß, war doch sehr bedingt von eben diesem Reichtum an natür- 
lichen Schätzen, war eine Ausbeutung dieser Schätze im großen, 
sodaß wir wohl sagen können, ohne freilich die Möglichkeit eines 
Beweises zu haben, daß die adeligen Grundherren nicht Großunter- 
nehmer geworden wären, wenn sie nicht diesen Schatz der Erde zu 
verwalten, d. h. eben ökonomisch auszubeuten gehabt hätten. Sie 
waren mit Organisationstalent und Macht begabte Verwalter eines 
Pfundes, das ihnen von der Natur anvertraut worden war und mit 
dem sie zu wuchern verstanden. Schon der Mißerfolg der grundherr- 
lichen Unternehmungen im Wollgewerbe möchte ebenso sehr auf den 
Mangel an zulänglicher kaufmännischer oder vielmehr händlerischer 
Begabung als auf die ungenügenden natürlichen Ressourcen des Ge- 



Die Baumwollindustrie. 347 

werbes, die ungenügende Eigenproduktion des Rohmaterials zurück- 
zuführen sein. Die Baumwollindustrie aber ist das erste Gewerbe, 
das nicht erst in einem späten Entwicklungsstadium , sondern so- 
zusagen a priori und notwendig von dem Zusammenhang mit dei- 
Natur des Landes gelöst ist. Sie verdankt ihren Ursprung und ihre 
Entwicklung nicht der Gunst der natürlichen Verhältnisse des Landes, 
auch nicht ihrer Ungunst, nicht etwa der Kargheit des Bodens für 
die landwirtschaftliche Produktion, sondern einer höheren rein öko- 
nomischen Notwendigkeit. Sie bezog ihren Stoff aus dem Ausland 
und stand fortwährend unter der Spannung der Konkurrenz mit 
anderen weiter fortgeschrittenen Wirtschaftsgebieten^^. In ihr 
kommen die objektiven Forderungen der Wirtschaft viel reiner zur 
Geltung als in anderen naturbedingten Gewerben und sie gibt der 
rein ökonomischen Vernunft viel freieren Spielraum , ja appelliert 
nur an sie. So wird jeder Schritt, der sich vollzieht, von einer 
höheren sachlichen Notwendigkeit bedingt, der Zufall, die Laune, 
die Subjektivität hat weniger Freiheit als vielmehr die Logik, das 
Rationale, die ökonomische Norm. Gerade darum aber kann sich 
in ihi-, die jung und ein Parvenü unter den Erwerbszweigen ist, 
das ökonomische Genie ganz anders entfalten wie in den übrigen 
Industrien. Hier genügt für eine Höchstleistung nicht die Gabe 
des Befehlens, noch die des Handelns und Hinhorchens, noch die 
des Verstehens, der Einsicht in die technischen Prozesse, noch die 
Macht des Geldes allein, sondern der ideale Unternehmer muß sie 
alle zumal haben, über alle Schwierigkeiten Herr werden, an ihnen 
stählt er immer v^eder von neuem seine Kräfte bis zur Erschöpfung. 
Man möchte schließen , daß für die höchste Rationalisierung und 
Leistung im Bereiche der Industrie das Versagen der Natur inner- 
halb gewisser Grenzen, die hier nicht zu erörtern sind, eine ebenso 
günstige oder noch bessere Vorbedingung schafft wie ihre Ubertät, 
ihr überquellender, aber immer doch erschöpfbarer Reichtum. Immer 
wieder drängen sich ähnliche Betrachtungen auf. Nicht jene Länder 
hatten zuerst ein geordnetes Geld- und Münzwesen, die reich an 
Edelmetallen waren, sondern im Gegenteil die gold- und silberarmen 
schufen sich zuerst diese Ordnung, und nicht dorthin zieht vielfach 
die Industrie, wo ein Überfluß an Nahrungsmitteln ist, sondern 
gerade umgekehrt, wo die Erde sich karg versagt, schlägt sie ihre 
bleibende Heimstätte auf. So also scheint es, daß eine gewisse 
Armut der Natur und Schvrierigkeiten verschiedenster Art geradezu 
vom ökonomischen Fatum gefordert sind, wenn es eine Höchst- 
leistung vollbringen will. Beobachten wir auch, allerdings in schein- 



348 I^'ß Textil^e werbe, 

barem Gegensatz dazu, daß nach Jahrhunderte langen Pausen Wirt- 
schaftszweige sich immer wieder dorthin ziehen, w^o die natürhclien 
Bedingungen vorhanden sind, so gehört vielleicht zu den natürlichen 
Bedingungen ihrer dauernden Erhaltung, daß die Natur nicht 
alles zu h'icht bietet. Denn der Prozeß der Verw^ertung der Natur- 
schätze bedeutet ihre Zerstörung, ihre Aufzehrung, die ökonomische 
Entfaltung kann nicht anders enden als mit der Destruktion der 
Be lingungen, auf denen sie beruht, im anderen Falle aber ist sie 
Verwirklichung eines sachHchen Prinzips: nicht Ausnutzung, 
sondern Überwindung der Natur. 

Am deutlichsten vielleicht wird der Unterschied zwischen den 
naturbedingten, organischen Industrien und dieser autonomen, an- 
organischen Baumwollindustrie in der Art, wie dort und hier die 
Kombination von Einzelbetrieben sich vollzieht. Das Problem der 
Kombination, sozusagen der kategorische Imperativ bei den grund- 
herrlichen Unternehmungen , lautete vormals : Verwerte einen ge- 
gebenen Gesamtbesitz so vorteilhaft, daß er die größtmögliche Rente 
abwirft. Zu diesem Gesamtbesitz gehörten unter anderem auch be- 
sondere Rechte, Vorrechte, vom ökonomischen Standpunkte ebenso 
viele differenzielle monopolistische Produktionsvorteile. Die Grund- 
lage der Betiiebskombination waren konkrete Naturgegebenheiten : 
Ackerboden, Waldland, Wasser, Ödländcreien usw., die Mittel dazu: 
Rechte und Usurpationen, das Ziel: ein wirtschaftlicher Mikrokosmos. 
So also hatten die grundherrlichen Kombinationen folgende Formen : 
entweder Agglomeration, Häufung gleichartiger Betriebe, im Edel- 
metallbergbau etwa wird Zeche auf Zeche gehäuft ; oder man trachtet 
die im eigenen und fremden Betriebe gewonnenen Rohmaterialien 
im Eigenbetrieb weiter zu verarbeiten und daran zu verdienen: 
typisch hierfür ist das Streben nach dem Münzrecht; oder schließ- 
lich man macht sich durch Lieferung von im Eigenbetrieb her- 
gestellten und gewonnenen Roh- und Hilfsmateriahen , als Lebens- 
mitteln, Holz, Gebäuden usw. zum rentenbeziehenden Teilhaber an 
einem ganz und rechtlich oder teilweise und faktisch untertänigen 
Industrial betriebe. 

Anders aber bei der Baumwollindustrie. Schon das Problem 
ist ein verschiedenes. Hier ist nicht mehr ein Verwertung heischen- 
der Gesamtbesitz, der Grundherr sagt sich gewissermaßen nicht 
mehr: was fang ich mit so viel Macht, die ich noch habe, öko- 
nomisch an? — , sondern die geforderte Aufgabe besteht in einer 
kunstvollen Konstruktion nach rationellen, ökonomischen Grund- 
sätzen, und was fordert oder wovon die sachliche Notwendigkeit 



Die Baumwollindu-^trie. g^C) 

ausgeht, ist nicht mehr eine vorhandene, konkrete Naturgegebenheit, 
sondern etwas Abstraktes, gar nirht Wirkliches, greifbar Vorhandenes, 
sondern eine ideale Situation, ein Bild im aro/fOQ iro/roc, ist etwas, 
was überall und nirgend seinen „Ort" hat, ein rein gedankenmäßiger 
Zusanunenhang. Wenn das Ziel dort beim feudalen Großunter- 
nehmer eine Abschnürung seines Besitzes von der Konjunktur, die 
möglichste Unabhängigkeit von allen Wechselspielen der ökono- 
mischen Kräfte war, so geht jetzt das Streben gerade daraufhin, 
diese Konjunktur zu erfüllen, das zu tun, was gerade von ihr 
erheischt wird und es so zu tun , daß jeweils das ökonomische 
Optimum herauskommt. Daher haben alle grundherrlichen feudalen 
Großunternehnuingen ein ökonomisch subjektives Moment; sie 
igelten" nur für diesen Unternehmer und seine ganz besondere 
Situation, man kann sich sie nicht verallgemeinert denken, wohin- 
gegen diese neue Praxis objektiv , Gegenstand einer allgemeinen 
Gesetzgebung sein könnte für jeden, der ökonomisch und nur öko- 
nomisch handeln will. Sie hat etwas Regolhaftes und Schematisches, 
womit nicht gesagt ist, daß sie erlernbar sei und daß jeder Be- 
liebige sie zu üben verstehe. Natürlich bedeutet dieses Hinein- 
stellen und Anerkennen der Konjunkturforderungen im Vergleich 
zu den grund herrlichen Unternehmungen eine dauernde Labilität, 
ein beständiges Sichanpassen und Verändern, eine ewige Defensive, 
daher die häufigen technischen und administrativen Reorganisationen 
in solchen Unternehmungen, die nie auf einer einmal erreichten 
Stufe ausruhen können. 

Die Kombination hat hier auch einen anderen Ausgangspunkt 
wie dort. Nicht mehr der Besitz eines Rohmaterials oder eines 
Hilfsstoffes bildet den Kern , um den sich die verschiedenen Be- 
triebe gruppieren, sondern die Kombination geht vom Fertigfabrikat 
aus, das auf den Markt geworten wird, von einem Marktpreis also, 
und das Streben ist jetzt, nicht den Preis gewaltsam zu diktieren, 
sondern biüii^er als zum Marktpreis zu fabrizieren, Kosten zu er- 
sparen, nicht Reuten zu häufen, im Wettbewerb mit anderen sich 
Produktionsvorteile zu erringen, neue zu schaffen, nicht gegebene 
Vorteile auszunutzen. 

Unter diesem Gesichtspunkte wird uns auch die veränderte 
Stellung des Staates zur Industrie und speziell zur Baumwoll- 
industrie verständlich. Die ., Freiheit", die der Staat gewährt, be- 
deutet nicht, daß er durch seine PoHtik diese Entwicklung der 
Industrie bewirkt, geschafien hätte, sondern daß er sie anerkeimt, 
daß er zu ihr ja sagt, sich das, was im wirtschaftlichen Leben vor- 



350 I^ie Textilgewerbe. 

geht, gewissermaßen in seine Sprache übersetzt, nach der Bedeutung 
dieser Entwicklung für die Gesamtheit fragt und sie als mit seinen 
Interessen vereinbar, ja von ihnen gefordert, begreift. Die Freiheit 
bedeutet also die Herstellung der Rechtsgleichheit eines für alle 
gemeinsamen Startbodens, der Staat verbündet sich nicht mehr 
mit einer durch Geburt oder Herkommen privilegierten Minorität, 
sondern überläßt, indem er die Zahl der Konsumenten unendlich 
vervielfacht, die Auslese anderen Kräften als bisher. Er setzt nicht 
mehr das Privileg an den Anfang der Entwicklung, diese damit 
vom Anbeginn an präjudizierend , sondern höchstens an das Ende 
als Lohn der Sicherung der vollbrachten Leistung ; das Resultat 
der Arbeit, der Erfolg wird geschützt, nicht aber wie früher durch 
Bevorrechtigung oder Privilegierung ein Resultat und ein Erfolg 
erst ermöglicht^*. 

Haben wir bisher die Geschichte der böhmischen Baumwoll- 
industrie sozusagen nach ihrem Reingehalt an ökonomischer Logik 
und weniger in all ihrer Fülle und variierenden Mannigfaltigkeit 
nachzuzeichnen versucht, so gibt uns die Geschichte einer einzelnen 
Unternehmung, und zwar derjenigen, die allein von allen zur Welt- 
berühmtheit gelangt ist, Gelegenheit, unsere Darstellung, wenn sie 
dessen bedarf, zu verifizieren. Wir betrachten die Geschichte von 
Cosmanos und Josephsthal. 

Das Dominium Cosmanos im nordöstlichen Böhmen (Jung- 
Bunzlauer Kreis) wurde 1760 von Johanna Gräfin Bolza geborenen 
Gräfin Martinitz erkauft ^^. Ihr Gatte, Graf Josef Bolza, einem 
alten aus Mailand eingewanderten Adelsgeschlecht entstammend, 
war eben erst, 1761, um seiner Verdienste als Kreditgeber willen 
von Kaiser Franz in den Reichsgrafenstand und von Maria Theresia 
wegen seiner Verheiratung mit einer böhmischen Adeligen mit dem 
böhmischen Incolat im Grafenstand erhoben worden^**. Der Graf 
beschloß, angeregt und beraten durch den Grafen Kinsky, sich der 
Textilindustrie zu widmen. Mannigfache Schwierigkeiten waren 
zu überwinden, ehe die Fabrik in Betrieb gesetzt werden konnte. 
Eine Hauptsorge war, das für die Baumwollweberei nötige Garn 
zu beschaffen. Hierfür sorgte Graf Vinzenz Waldstein von München- 
grätz, indem er 3000 Spinnerinnen, wohl hauptsächlich leibeigene 
Untertanen, und drei große Schlösser: Kloster, Hühnerwasser 
und Weißwasser als Arbeitsstätten beizustellen versprach. In der 
neuen Fabrik soUten Kattun, Barchent, Strümpfe und Hauben von 
Baumwolle hergestellt werden. Ein anderes Hindernis, das beinahe 
das ganze Werk ins Stocken gebracht hätte, war die durch ein 



Die Baumwollindustrie. 351 

Monopol der Kaufleute bewirkte Preissteigerung der wichtigsten 
Farbmaterialien, der Potasche, die auf 14 — 16^/2 11. und des Alauns, 
der schon auf 23 fl. gestiegen w^ar. Schließlich hatte der Graf gegen 
die konfessionelle Engherzigkeit der Behörden anzukämpfen, die 
nicht einmal einen protestantischen Wirtschaftsdirektor im Lande 
duldeten. Das neue Etablissement hatte als Zentrum eine Weberei 
in Cosmanos mit 30 Stühlen, für die damalige Zeit schon ein Groß- 
betrieb , außerdem wurden 400 Weber teils im Orte , teils in der 
Umgebung verlegt, welche Ganz- und Halbkattune, Schnürl- und 
Futterbarchent, Leinwand und Leinentücher produzierten. Später 
sollten auch noch Strümpfe und Hauben aus Baumwolle verfertigt 
werden. In dem benachbarten Dorfe Josephsthal wurde gleich- 
zeitig eine große Bleiche und Walke angelegt, und die geeigneten 
Räumlichkeiten für die Färberei und Druckerei der ganzen kompli- 
zierten Anlage instandgesetzt. Die Kaiserin Maria Theresia hatte 
die Gründung des Unternehmens mit großem Interesse verfolgt und 
in allen Phasen gefördert. Sie erteilte in einem Handschreiben an 
die Statthalter von Böhmen den Auftrag, den Grafen Waldstein 
und Bolza alle Assistenz und jeglichen Vorschub besonders darin 
zu beschaffen, „daß die Spinnereien in den gelegenen oder benach- 
barten Ortschaften errichtet oder erweitert, Spinnleute zu Anlernung 
gestellet, verläßliche Faktores und Verleger für selbige ausfindig 
gemacht, das Verlagsmateriale versichert und endlich ob der ge- 
hörigen Qualität und Lieferung der Gespinnste gehalten werde." 
Nach Überwindung aller Hindemisse wurde im Jahre 1763 der Be- 
trieb in Josephsthal-Cosmanos eröffnet. Aber kaum ins Werk ge- 
setzt, häuften sich neue Schwierigkeiten von außen und innen. 
Die technische Einrichtung der Fabrik war, wie es scheint, gut, ja 
zu gut. Aber die privilegierten Kattunfabriken von Schwechat 
und Sassin in Niederösterreich bzw. Ungarn , die ihr Garn haupt- 
sächlich aus Nordböhmen bezogen, beschwerten sich nicht ohne Er- 
folg über die neue Konkurrenz. Zwar war das Privilegium privativum 
dieser Fabriken ^'^ nicht erneuert w^orden, aber die Freiheit der 
Baumwollfabrikation sollte nach dem Befehle der Kaiserin nicht 
für die Spinnereien gelten, es wurden vielmehr durch ein Hof- 
dekret vom 12. Februar 1765 und ein „ Spinnpatent'' vom 24. No- 
vember 1765 die seit lV-2 Jahrzehnten für die Leinenspinnerei in 
Böhmen geltenden sehr detaillierten gewerbepolizeilichen Vor- 
schriften, die auf dem Gedanken der Rayonnierung der Spinner be- 
ruhten, im großen ganzen auch auf die Baumwollgarnspinnerei aus- 
gedehnt^^. Cosmanos litt unter dem Garnmangel umsomehr, als 



352 ^'^ Textil^eNverbe. 

den böhmischen und niederösterreiclnsclien Adel zu gleicher Zeit 
eine Art Textilkranklieit, eine ungemein lebhafte Unternehmungs- 
lust für die Baumwollfabrikation ergriffen hatte und der bisherige 
hauptsächliche Garnlieferant von Cosmanos, Giaf Waldstein , zum 
Eigenbetrieb überg'ng und in VVeiiiwasser sein Manufakturhaus ein- 
richtete. Der Garn lief crungsrayon von Cosmanos dehnte sich dnher 
immer weiter „bis über die mährische und österreichische Gren/.e" 
aus, und es war bei der primitiven Technik des Spinnens gewiß nicht 
übertrieben, wenn GrafKinsky behauptete, daß die Fabrik zwei J.-ihre 
nach ihrer Gründung schon 4i 00 Menschen unterhalten habe. Frei- 
lich, von der nndercn Seite gesehen, konnte man ebenso richtig 
sagen, daß die Fabrik weniger unter dem Mangel an Garn als viel- 
mehr unter dem Mißverhältnis der Weberei zu den vorangehenden 
und nnchfo^'enden Produktionsstadien litt. Die Weberei war zu 
gr(»ß einerseits, um genügend Garn zur Verarbeitung zu erlangen, 
anderseits aber konnte sie nicht genügend Kattuntücher herstellen, 
um die Josephsthaler Druckerei und Färberei ausreichend zu be- 
schäftigen. Zwischen Produktionsapparat und Produktionsmaterial 
bestnnd eine krasse unökonnmische Di>proportionalität. Das Geschäft 
konnte so niciit rentieren ; das vor Einführung der Ma.schinen- 
spinnerei ein/.ige Mittel aber, um diesen Mißständen abzuhelfen, 
nämlich ausländische rohe Kattune zu importieren und zu veredeln, 
war durch die prohibitive Handelspolitik nahezu ausgeschlossen ^'*. 
Graf Bolza brachte also I7t)5 ein Gesuch ein, zur Kompletierung 
seines Cosmanoser Sortiments 1« ()0 Stück fremder unzugerichteter 
Kattune gegen spätere Wiederausfuhr der gefärbten und bedruckten 
Kattune zollfrei beziehen zu dürfen ^". Nach Lmgen Verhandlungen 
-wurde die Erlaubnis wenigstens teilweise gegeben, aber dieser erste 
Versuch, das Appreturverfahren, das damals in England der dritte 
Hnndel des Landes hieß, in Böhmen zu bei^ründen , kam dem Ur- 
heber teuer zu stehen und kostete schweres Lehrgeld. Die Zoll- 
behörde machte Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, Graf Kinsky 
griff zugunsten Bolzas bei der Kaiserin ein. „Ich bin nicht sicher," 
bemerkt er in seinem Promemoria, „wenn Graf Bolza sich, wo nicht 
gar. so doch ^venig^tens so abgesehreckt, in gewisse Schranken 
zurückziehen sollte, ob nicht in Böheim bedenkliche, ja schädliche 
Folgen daraus entspringen dürften, denn derzeit ist sehr selten in einem 
Staat, daß der Adel mit dem Kaufmann zum behnf einer Monaichie 
zusammenstehet." Nach lani:en Irrungen und Wirrunuen erhielt 
endlich im Jahre ITOT Giaf Bolzi die Erlaubnis zur Einfuhr der 
benötigten Kattune zu einem ermäßigten Zollsatz. Aber auch damit 



Die BaumwolHndustrie. 353 

hat sich die Fabrik nicht dauernd emporgeholfen- Immer größer 
und lebhafter ward der Wettbewerb gleichartiger Unternehmungen, 
im Jahre 1760/07 waren allein sechs neue Fabriken in Böhmen ent- 
standen. Um bei der sich häufenden Konkurrenz obenauf zu bleiben 
oder fortzuschreiten, hätten immer neue und schwieriger zu be- 
arbeitende Absatzwege aufgesucht werden müssen, und zwar mehr 
noch für die gewöhnlichen Massenbedarfsartikel als für die feinen 
Qualitäten. Die Cosmanoser Fabrik hatte viel Ausschußware, die 
nach dem Eingeständnis des Grafen selbst nicht anders als im 
Stichhandel an die Raizen abgesetzt werden konnte. Der Unter- 
nehmer verkaufte sie zuerst einer auf türkische Waren befreiten 
Händlerin und brachte 1768 ein Gesuch ein um Errichtung einiger 
Niederlagen in Ungarn, Kroatien und Siebenbürgen. 

Dcis Gesuch wurde ad acta gelegt und niemals erledigt. Vom 
Mißgeschick verfolgt, sperrte Graf Bolza 1770 sein Etablissement, 
das er mit so kühnen Hoffnungen gegründet hatte, nachdem er 
etwa 500—800(00 fl. hineingesteckt hatte und in den Jahren 
1763 68 in Böhmen 2717 Zentner Baumwolle verspinnen und 
33 9)0 Stück Kattun von inländischen Webern hatte weben lassen. 

Die Mängel, die den Mißerfolg hnuptsächhch verschuldeten, 
waren, noch einmal zusammengefaßt, folgende : 

1. Die Fabrik war zu groß angelegt. Sie hätte, um erfolgreich 
betrieben zu werden, eines reichlichen Betriebskapitals und großer 
Fähigkeiten bedurft, die nicht zu Gebote standen. Graf Bolza, 
ein von den besten Absichten beseelter Kavalier, hatte keine ge- 
nügende Übersicht und mußte sich auf zum Teil ungetreue Beamte 
verlassen, die das Werk herunterbrachten*'. 

2. Die Regie war zu groß. Das Erträgnis entsprach nicht den 
aufgewandten Kosten. Jeder der vielen kleinen Drucker, die sich 
inzwischen an verschiedenen Stellen des Landes niedergelassen 
hatten, produzierte billiger als die Cosmanoser Fabrik. 

3. Die Unterstützung von oben war mehr eine platonische als 
wirksame und kam, wenn sie gewährt wurde, meist zu spät und 
nach ermüdenden Zwistigkeiten. 

Mit der Einstellung des Betriebes im Jahre 1770 war das Schicksal 
von Josephsthal-Cosmanos nicht endgültig besiegelt, sie bildete viel- 
mehr nur eine Episode in einem langen und ruhmreichen Gesamt- 
leben. 

Im gleichen Jahre 1770, als Graf Bolza den Betrieb in Cosmanos- 
Josephsthal einstellte, begann Leitenberger, unabgeschreckt durch 
den Mißerfolg des gräflichen Unternehmers, als Textilfabrikant hervor- 

Salz, Geschichte dei- böhmischen Industrie in der Neuzeit. 28 



354 ^iß Textilgewerbc. 

zutreten ^^. Die Leitenberger, eine der hervorragendsten bürgerlichen 
Industriedynastien Österreichs, stammen aus Lewin, einem nord- 
böhmischen Marktflecken, der seit dem dreißigjährigen Kriege durch 
IV2 Jahrhunderte den Jesuiten gehörte. Sollte diese jesuitische 
Oberherrschaft ganz ohne Einfluß darauf gewesen sein, daß aus 
diesem Örtchen eine ganze Reihe der bekanntesten Großhändler 
und Industriellen: die Mattausch, Palme, Riedel, Richter hervor- 
gegangen sind? Dort in Lewin war auch Johann Joseph Leiten- 
berger als viertes unter zwölf Kindern eines Färbermeisters im 
Jahre 1730 geboren. Auf seiner Wanderung lernte er in Augsburg, 
durch die Kunst der Färberei hochberühmt, die eben erst im Auf- 
schwung begriffene Kattundruckerei gründlich und an bester Quelle 
kennen. Phantasievoll und lebhaften Geistes — alle Leitenberger 
waren gute Musiker — hatte er für die Farbentechnik besonderes 
Interesse. Er arbeitete bei Johann Heinrich Schule, dem „großen 
Nestor aller deutschen, ja man kann keck behaupten, aller euro- 
päischen Kattundruckereien", der in den fünfziger Jahren seine 
weltberühmten Fabrikstätten in Augsburg errichtet hatte. Nach 
der Rückkehr in die Heimat heiratete er, da er als Jüngster zu- 
gunsten des Ältesten auf das Erbe des väterlichen Gewerbes Ver- 
zicht leisten mußte, in eine gutgehende alte Färberei in Wernstadtl 
ein. Als er 1764 selbständig wurde, war sein Erstes der Übergang 
von der Färberei zur Druckerei, die Erwerbung eines neuen Druck- 
verfahrens und die Errichtung einer Schnittwarenhandlung mit einem 
Verkaufsladen. Im Jahre 1770 beginnt er die Fabrikation im Großen; 
er erbaut in Wernstadtl eine Weberei nebst Bleiche und Kattun- 
druckerei mit zunächst (3 Drucktischen. Die Betriebseinstellung 
der Cosmanoser Fabrik schreckt ihn nicht. Er fühlt sich als ge- 
lernter Kaufmann, der seine Unternehmung selbst zu leiten versteht 
und nicht vom guten Willen der Beamten abhängig ist, er hat das 
Zutrauen und den Ehrgeiz aller Begeisterten, die nicht bloß mit 
dem Kopfe, sondern mit dem Herzen dabei sind. Geschickte Weber 
waren genug vorhanden. Die ersten Drucker und Modellstecher 
wurden aus dem Auslande verschrieben, darunter auch unkatholische 
Individuen, die nunmehr nach der Josephinischen Gesetzgebung im 
Lande geduldet wurden. Er selbst war sein eigener Kolorist und 
Färber. Um dem chronischen Garnmangel abzuhelfen, wurde ein 
Radikalmittel ergriffen : im Teinhof zu Prag, in der Prager Altstadt, 
wurde eine Baumwollspinnerei eingerichtet. Mazedonische Baumwolle 
wurde zu Garn aller Art von 17 und oO Strähnen versponnen. Als 
man damit nicht ausreichte, wurden ähnhche Spinnereien unter je 



Die ßaumwollindustrie. 355 

einem Faktor in Münchengrätz , Welwaren, Rakonitz, Gastdorf^ 
Bilin, Komotau, Klösterle usw. etabliert*^. Diese Ausdehnung ist 
ein Beweis für das Gedeihen der Leitenbergerischen Unternehmung^ 
trotzdem inzwischen sich die Konkurrenz ungemein verschärft hatte, 
denn zu den alten und privilegierten Fabriken von Schwechat und 
Sassin hatte sich damals schon der Freiherr von Frieß, der größte 
Industrielle Österreichs in der Josephinischen Aera, mit seinen 
Unternehmungen in Friedau in Niederösterreich gesellt und sich 
mit Schule aus Augsburg assoziiert. Auch in Böhmen hatte sich 
die Baumwollindustrie sehr ausgebreitet. In Warnsdorf, in Eger 
und Asch waren neue Fabriken entstanden und 1772 wurde auch 
in Josephsthal-Cosmanos der Betrieb in verstärktem Maße wieder 
aufgenommen. Nach einem Brand erbaute Johann Joseph Leiten- 
berger, nunmehr schon von zwei Söhnen, Ignaz und Franz, unter- 
stützt, seine Fabrik von neuem und sorgte unablässig für Ver- 
besserungen. Er zog ganze Spinnerfamilien aus Sachsen nach Böhmen 
und siedelte sie bei den verschiedenen Faktoreien der Fabrik an^ 
aus Augsburg, dem Elsaß, aus der Schweiz ließ er tüchtige Arbeiter 
kommen. Eine holländische Mangel und eine Walke wurden auf- 
gestellt, die Formschneiderei umgestaltet und die Messingarbeit ein- 
gefülu-t, die Zahl der Drucktische bis auf 16 vermehrt. Als einer 
der Ersten verwendete er den Schnellschützen bei der Weberei und 
legte in einem Nachbardorfe eine Kolonie von Werkzeugtischlern 
an, die sich ausschließlich mit der Herstellung neuartiger Webstühle 
zu befassen hatten. Eine neue Bleiche und eine zweite Färberei 
wurden gegründet, der Anbau von Krapp und Wau mit Erfolg ver- 
sucht. Die Leitenbergerschen Produkte, durch gute Qualität und 
Echtheit der Farben ausgezeichnet, erfreuten sich eines guten Marktes 
und Absatzes. Da die Wasserkräfte in Wernstadtl für eine Er- 
weiterung des Betriebs nicht melir zureichten, wurde 1788 in Neu- 
reichstadt eine Druckerei mit 24 Tischen gegründet und der Betrieb 
unter der Firma Joseph Leitenberger und Sohn Ignaz eröffnet. Jetzt 
glaubte man kraft seiner Leistungen einen wohlbegründeten An- 
spruch auf das übliche Fabriksprivilegium zu haben. In dem Ge- 
such aus dem Jahre 1791 weist Leitenberger darauf hin, daß in 
dem eben erst gegründeten Neureichstadt allein schon auf 40 Druck- 
tischen gearbeitet werde und über 400 Fabrikanten bei der Druckerei, 
dann bei der Spinnerei und Weberei über 50U0 Menschen Nahrung 
fänden^*. Das Hofdekret von 1792, womit dem Gesuch willfahrt 
wird, beruft sich mit Recht auf einen bedeutsamen Zug, der zu- 
gleich einen Unterschied zwischen adeligen und bürgerlichen Unter- 

23* 



356 Die Textilgewerbe. 

nehmungen bezeichnet. Denn während jene doch meist mit staat- 
licher Unterstützung oder doch wenigstens mit robotptiichtigen 
Untertanen oder beidem arbeiteten, sagt das Dekret, daß „der 
Fabrikunternehmer diese Fabriken auf eigene Gefahr ohne einige 
Unterstützung unternehme" *^ Schon im folgenden Jahre 1793 er- 
kaufte Johann Joseph Leitenberger die vormals Gräflich Bolzasche 
„k. k. priv. Zitz- und Kattunfabrik" zu Josephstlial Cosmanos und 
übergab sie dem älteren Sohne Franz zur Leitung. Der Leiten- 
beruersche Besitz bestand um diese Zeit aus drei Etablissements: 
1. dem Stammh.MUS in Wernstadtl, das der Vater führte, 2. Neu- 
reichstadt mit der Firma Joseph Leitenberger und Sohn Ignaz und 
3. Josephsthal-Cosmanos unter der Firma Joseph Leitenberger und 
Sohn Franz. Seit dieser Zeit stand«'n die Maschinen in Cosmanos 
bis auf den heutigen Tag nicht mehr still. Wie war es zu dieser 
Renaissance der gräflichen Unternehmungen gekommen? 

Die gräflich Bolzasche Fabrik in Josephsthal-Cosmanos war eigent- 
lich nur zwei Jahre von 1770/72 gesperrt. Das Beispiel des Freiherrn 
von Frieß in Friedau veranlaßte den Grafen, sich mit dem Netfen 
des Joiiann Heinrich Schule von Augsburg zu verbinden, um den 
Betrieb wieder emporzubringen. Johann Matthias von der Firma 
Gebr. Schule in Augsburg wurde der Compa,'non des Grafen Bolza 
und zwar der eigentliclie Manager. Der Graf sollte nunmehr bloß 
die Zinsen seines Kapitals und ein Drittel des erzielten Gewinns 
beziehen, aus einem tätigen Unternehmer verwandelte er sich in 
einen rentenbezugsberechtigten stillen Gesellschafter. Es fand hier 
gewissermaßen eine Rückbildung, eine Auseinanderlegung der Unter- 
nehmerfuriktionen. eine Ditieienzierung statt, die doch anderseits 
wieder einen Fortschritt bedeutete oder wenigstens ermöglichte. 
Der Graf, der schon vorher alles in einer Person gewesen war, 
wurde jetzt, wie viele seiner unternehmungslustigen Standesgenossen, 
Pensionär seiner Unternehmung, die er gegründet und eingerichtet 
hatte und deren Führung er jetzt sachkundigen bürgerlichen Händen 
anvertraute. Schule begann damit, die Josephsthaler Druckerei ganz 
nacli Augsburger Muster umzugestalten, anstelle männlicher traten 
beim Drucken und Malen fast durchwegs weibliche Arbeitskräfte 
und Kinder im AltiT von 8 — 10 Jahren. Aber er unterschätzte die 
Schwierigkeiten, als Ausländer einen Betrieb in fremdem Lande glatt 
und unbehindert zu führen und scheiterte daran Wegen eines un- 
befugten Bezuges ausländischer Chemikalien kam er in strafgericht- 
liche Untersuchung, und als die Entscheidung zu seinen gunsten 
fiel, hatten die Schule, der Neigung zur Fortsetzung des Unter- 



Die Baumwollindustrie. 357 

nehmens beraubt, Josephsthal-Cosmanos bereits wieder verlassen, 
Graf Bolza stand wieder allein und führte den Betrieb, da die Kon- 
junktur sich günstig anließ, in eigener Regie weiter. In den folgenden 
Jahren ging die Druckerei gut, sodaß im Inlande genug rohe Kattune 
aufgetrieben werden konnten. Die niederösterreichischen Fabriken 
erhielten zuerst die Erlaubnis, gegen Entrichtung des im neuen 
Zolltarif festgesetzten Zolls ungedruckte Kattune einzuführen. Die 
gleiche Vergünstigung wurde 1775 dem Grafen Bolza für zwei Jahre 
gewährt und ein Jahr später sämtlichen Kattun fabriken zugestanden. 
Durch die neue Zollordnung vom 15. Juli 1775 wurden die zwischen 
den euizeinen österreichischen und böhmischen Ländern bestehenden 
Zwischenzölle aufgehoben, und endlich eine handelspolitische Einheit 
gebildet wodurch sich natürhch der Verkehr und Absatz zwischen 
den Ländern bedeutend hob. Aber der bayerische Erbfolgekrieg 
braclite 1778 das ganze Werk wieder zum Stillstand. Die aus- 
ländischen Arbeiter mußten Böhmen verlassen. Fabrik und Schloß 
Cosmanos wurden in ein Spital verwandelt. In einem ausführlichen 
Promemoria an die Kaiserin erzählt Graf Bolza seine Leidens- 
geschichte *^ Er habe, so schreibt er, von 1763 — 1780 mehr als 
800 000 fl. in die Fabrik gesteckt, über 300 000 fl. an Spinner- und 
Weberlöhnen gezahlt, an verschiedenen Orten Spinnereien angelegt, 
die jetzt andere Fabriken mit Vorteil ausnutzten, Inländer zur 
Druckerei abgerichtet und zu der Prager Druckindustrie recht eigent- 
lich den Grund gelegt. Er zählt alle Unglücksfälle auf, die ihn be- 
troffen haben und erklärt sich schließlich, allen Mißerfolgen zum 
Trotz, noch einmal bereit, unter gewissen Bedingungen das Werk 
wieder aufzunehmen. Insbesondere verlangt er die Erlaubnis, während 
dreier Jahre ausländische rohe Kattune zu einem ermäßigten Zoll- 
satz (der Zoll betrug seit 1775 70 fl. vom Zentner) einführen zu 
dürfen, weil die früher für Cosmanos arbeitenden Spinnereien nun- 
mehr für andere Fabriken arbeiteten, die Anlegung neuer aber und 
die Anschaffung eines im Verhältnis zur Weberei angemessenen Garn- 
vorrats mehr als zwei Jahre brauchte. Im Falle der Verw^eigerung 
dessen ersucht er um ein verzinsliches Darlehen aus dem Fonds, 
der vom Staat zum Leinwandeinkauf zum Besten armer Weber 
bestimmt war, um damit die nötige Druckleinwand einzukaufen 
und dergestalt trotz mangelnder Spinnereien und Webereien die 
Druckerei fortbetreiben zu können. In beiden Punkten wurde 
Bolzas Gesuch abschlägig beschieden, weder eine Zollermäßigung 
auf fremde Kattune noch ein Darlehen zum Einkauf der Drucklein- 
wanden wurde gewährt. Der Graf starb 1782, vorher waren schon 



358 ^'<' Tcxtilgewerbe. 

im gleichen Jahre Graf Kinsky, sein Gönner, und die Kaiserin dahin- 
gegangen. Cosmanos kam durch Heirat der Witwe Bolzas an einen 
Grafen von Mirbach , der Betrieb wurde zeitweise durch Pächter 
aufrecht erhalten, und durch Kaufkontrakt vom 18. Januar 1793 er- 
warb die Firma Joseph Leitenberger und Sohn Franz das Eigentum 
an den Fabrikgebäuden von Josephsthal und Cosmanos in einem 
Zeitpunkt, als die Produktionsverhältnisse der Druckerei wieder un- 
günstig lagen. Die junge Industrie hatte mit der Abneigung der 
Bevölkerung gegen die einheimischen Erzeugnisse zu kämpfen, 
laborierte bereits an Überproduktion und fing an, durch Schleudern 
der Ware in Verruf' zu kommen. So sah man sich der denkbar 
schwierigsten Konjunktur gegenüber. Die liberale Gewerbegesetz- 
gebung der siebziger und achtziger Jahre hatte, so viel Gutes sie 
für das allgemeine Wesen und vom Standpunkt der Gesamtheit aus 
brachte, doch für jedes einzelne Unternehmen die Lebensmöglichkeit 
und die Aussicht für ein Gedeihen außerordentlich erschwert. Die 
Zahl der Unternehmer und ihr gegenseitiger Wettbewerb hatte sich 
in Österreich, namentlich aber in Prag und auf dem Lande, sehr 
vermehrt, ja selbst in der nächsten Umgebung von Cosmanos 
waren neue, leistungsfähige und große Fabriken entstanden und mit 
der Landesfabriksbefugnis begnadigt worden. Der Staat gewährte 
prinzipiell keine Unterstützungen und Vorschüsse mehr zur Er- 
richtung neuer Fabriken und wies dahingehende Gesuche mit der 
Motivierung ab: „Kottondruckereien bestehen bereits in den Erb- 
ländem vielfältig und sind zu keinem Vorschuß mehr geeignet", 
ließ aber freilich in einzelnen Fällen, namentlich zugunsten ein- 
wandernder fremder geschickter Kunstweber Ausnahmen zu. Im 
Jahre 1786, noch vor dem Einfuhrverbot fremder Baumwollwaren, 
zählte man in Böhmen, abgesehen von den Baumwollzeugen, vier- 
zehn eigentliche Baumwollfabriken (Webereien) mit 1073 Stühlen, 
214 Meistern, 622 Gesellen, 178 Lehrlingen und 480 Gehilfen, wobei 
der Begriff „Fabrik"*''' definiert wird als ein Werk, „welches durch 
einen absonderlichen Meister oder dirigierenden Werkmeister mit 
mehreren Gesellen, Lehrlingen und Gehilfen fabrikmäßig be- 
trieben wird." Noch eine andere Schwierigkeit der jungen kapi- 
talistischen Baumwollindustrie vor der technischen Revolution scheint 
sich jetzt an dem kritischen Wendepunkt zweier Zeiten besonders 
fühlbar gemacht zu haben. Die Baum Wollindustrie ist eine Industrie 
mit langer „Wartefrist", deren Produktionsprozeß eine lange und 
ökonomisch relevante Zeit beansprucht. Zwischen dem Anfangs- 
stadium, dem Einkauf der Baumwolle, die von weither kommt und 



Die Baumwollindustrie. 359 

deren Zufuhr durch den Mangel an raschen Kommunikationsmitteln 
sich noch verlangsamt und dem Endpunkt, dem Erlös für die produ- 
zierten Waren, deren Absatz nicht mehr ein Händler, sondern der 
Fabrikant in eigener Regie und vielfach im Detail besorgt, verfließt 
eine lange Zeitstrecke. Der alte Tuchhandwerker (und auch selbst 
der Kattundrucker) war besser daran und stand auf solider Basis. Er 
kaufte beim nächsten Juden oder in einer herrschaftlichen Woll- 
niederlage das bischen Wolle, blieb es womöglich schuldig, trug sein 
Produkt, soweit seine Familienmitglieder nicht ausreichten, um die 
Wolle zu verarbeiten, hinaus zu dem dörflichen Spinner, dem er 
seinen kargen Lohn verabreichte, machte das Tuch fertig und ver- 
kaufte es, sei es im Orte, sei es auf der Messe, oder lieferte es dem 
bestellenden Händler. Er hatte wenig Kapital im Produktionsprozeß 
vorgeschossen, die Zinsen, die den Betrieb belasteten und heraus- 
zuarbeiten waren, blieben gering, er rechnete nicht einmal damit. 
Dies alles war in der entstehenden Baumwollgroßindustrie mit ihrem 
komplizierten Apparat anders. Zwar fehlt es mir an exakten Daten 
über die Abwicklung des Zahlungsverkehrs im einzelnen, aber soviel 
läßt sich noch erraten, daß die junge Industrie von Anfang an relativ 
viel Kapital und große Nachschüsse erforderte und deshalb auf 
fremde Hilfe, und zwar auf das organisierte Großkapital (wie eben der 
Glashandel auch), angewiesen war. So wie das jüdische Händlertum 
durch ausgiebige und stets begehrte Kreditgewährung in der Textil- 
industrie erstarkte, so dürfte die nordböhmische TextiUndustrie, ins- 
besondere aber die Baum Wollindustrie, nicht ohne starken Einfluß 
auf die Entfaltung des österreichischen Bankwesens geblieben sein. 
Wer nicht genügend Kapital hatte, mußte ewig ein kleiner Stümper 
bleiben und kam nicht vorwärts, jede Vergrößerung und Ausdehnung 
der Unternehmungen aber verschärfte das Übel, worunter man litt und 
konnte doch nicht so lange aufgeschoben werden, bis die Betriebs- 
überschüsse hinreichten, um sie durchzuführen*'^. Auf eine Ein- 
schränkung der „allzu sehr ausgedehnten Freiheit", von der die Prager 
Fabrikanten in einer Petition von 1791)"^^ eine Besserung der Lage er- 
warteten, konnte und wollte sich die Regierung nicht einlassen, und 
so mußte jeder neue Mitbewerber gewissermaßen erst alle seine Vor- 
gänger, die durch ihre bloße Existenz einen Vorsprung hatten, nieder- 
ringen, um in dem, wie es scheint, übersetzten Gewerbe zu reüssieren. 
Nur technische Neuerungen und starke persönliche Fähigkeiten 
konnten aus dieser kritischen Situation helfen. England, Frankreich, 
die Schweiz und andere waren Böhmen technisch weit voraus und 
verschärften durch ihre Konkurrenz den auf der heimischen Industrie 



360 ^'^ Textilgewerbe. 

lastenden Druck. Da war, genau wie im Kriege, rasches Handeln 
nötig; nur den Zweck im Auge, ohne lange Bedenklichkeit, woher 
die Mittel kommen und mit starkem Zutrauen auf das Gelingen der 
Operationen. Das ist die Phase der Industriegeschichte, der psycho- 
logische Moment sozusagen, der jene Eigenschaften des Unternehmers 
ausbildet, die wir als seinen Wagemut, seine Opferbereitschaft, 
seinen Sinn fürs Außerordentliche und Abenteuerliche, seine Risiko- 
freudigkeit zu bezeichnen pflegen, die, wie mir scheint, unter heu- 
tigen, so viel mehr gesicherten und geordneten Verhältnissen außer- 
ordentlich überschätzt werden, oder die doch wenigstens ihren In- 
halt gewechselt haben. Aber an jenem Punkte kommt vielleicht 
das einzige Mal das ^vuoeideg des Unternehmers zum Durchbruch, 
das ist vielleicht der einzige Augenblick seines langen Daseins, wo 
er sich zu wirklicher Größe erhebt. 

Im Jahre 1793 hatten die Leitenberger Cosmanos- Josephsthal 
erworben und fingen an, es gänzlich zu renovieren. Um bis zur 
Fertigstellung der Änderungen die vorhandenen Anlagen auszunutzen, 
betrieb der neue Inhaber inzwischen die Leinwandbleicherei und 
zum Teil auch die Druckerei, 1794 war man betriebsfertig. Man 
fing auf sechs Tischen zu arbeiten an und ließ in Cosmanos und 
Münchengrätz in Lohn weben. Nach zwei Jahren konnte die Zahl 
der Drucktische verdoppelt, die der Webstühle mehr als verdreifacht 
w^erden. In diesem Jahre übergab der alte Leitenberger seinem 
Sohn Franz, dem bisherigen Mitinhaber, die Fabrik mit allem Zu- 
behör ins alleinige und unumschränkte Eigentum unter der Firma 
Franz Leitenberger. In dem gleichen Jahre 1796 tat der alte Johann 
Joseph, immer schon ein Wegmacher für technische Neuerungen, 
den kühnsten und weitgehendsten Schritt, indem er unter genug 
abenteuerlichen Umständen die ersten englischen Spinnmaschinen 
(Water-frames und Mule-Jennys) nach Böhmen, nach Österreich 
überhaupt, brachte und sofort mit dem Bau einer Maschinen- 
spinnerei begann. Bis zum Jahre 1799 hatte Böhmen bereits drei 
englische Spinnfabriken, in Wernstadtl, Cosmanos und Neureichirtadt. 
Damit war der ganze Leitenbergersche Besitz modernisiert und 
hatte vor anderen einen Vorspi*ung gewonnen, sich mit einem Sclilage 
von der lästigen Garnnot befreit und den Typus der modernen, 
geschlossenen, kombinierten Großunternehmung geschafifen. Johann 
Joseph Leitenberger starb 1802 als der größte Industrielle Böhmens 
und vielleicht Österreichs in seiner Epoche. Er hatte von zwei 
Frauen 26 Kinder, von denen bei seinem Tode nur fünf Söhne und 
vier Töchter noch lebten. 



Die Baumwollindustrie. 3gl 

Es folgen die Jahre des Kriegs und der kriegerischen gegen 
England gerichteten Wirtschaftspolitik, das mit ungemeiner Rück- 
sichtslosigkeit nach einem Weltmonopol für seine Textilindustrie 
zu trachten schien ^^: die Kontinentalsperre. Es folgten die Jahre 
der finanziellen Katastrophen mit dem Elan der politischen Gesinnung 
und dem geistigen und wirtschaftlichen Aufschwung, den solche 
politischen Katastrophen im Gefolge zu haben pflegen und — das 
Kontinentalsystem wurde beseitigt. Was bedeuten diese Katastrophen, 
die für so viele tausend Einzelexistenzen ruinös wirkten, für ein 
einzelnes Unternehmen wie Leitenberger? Die Cosmanoser Fabrik 
hatte inzwischen bis 1810, als Franz Leitenberger die Landes- 
fabriksbefugnis erhielt, 50 Drucktische und 10 englische Spinn- 
maschinen, beschäftigte 234 Arbeiter und eine große Anzahl Kattun- 
weber des Bidschower, Leitmeritzer und Bunzlauer Kreises, in 
18 Monaten hat die Fabrik auf verschiedenen Märkten für ihre 
Waren 684 590 fl. gelöst und der Besitzer der Fabrik ein Vermögen 
von 315 517,21 fl. ausgewiesen. Diese Katastrophen nun bedeuten 
keineswegs Stillstand oder Depression, sondern mit dem Mute der 
Verzweifelung werden die äußersten Anstrengungen gemacht, sich 
über Wasser zu halten, immerzu technische Neuerungen eingeführt, 
um die Leistungsfäl}igkeit der Fabrik zu erhöhen und die Gläubiger 
der Fabrik, die Gelder stehen haben, zu befriedigen oder durch die 
ungeheuren Kursverluste vor allzu großem Schaden zu bewahren. 
Es ist ein Kampf der einzelnen Unternehmungen gegen ein Heer 
von Widerständen, gegen alle Strömungen der Zeit, ein Ringen um 
die Existenz, in welchem man alles einsetzt und alles wagt, weil 
alles zu gewinnen oder zu verlieren ist. Man steht nach dem 
Staatsbankerott vor der Notwendigkeit, den Betrieb gänzlich zu 
renovieren; der neuartige Lapisdruck wird eingeführt (1812), in 
Wien eine permanente Niederlage errichtet, die Maschinenspinnerei 
in Cosmanos 1814 aufgelassen, weil die Wohlfeilheit englischer 
Baumwollgarne trotz hoher Einfuhrzölle, ja trotz des Einfuhrverbots, 
die Fabrikation für den eigenen Bedarf nicht mehr lohnt, die leer 
gewordenen Räume werden zu Drucksälen umgestaltet, zwei elsässische 
hervorragende Fachleute als Dessinateure und Koloristen für Josephs- 
thal- Cosmanos gewonnen. Aber schon wenige Jahre später lhl5/16 
stand man vor dem gleichen Problem, das man eben beendigt hatte : 
abermals erfolgte eine gänzliche Umgestaltung zunächst in der 
Bleicherei und Färberei. Das Hauptaugenmerk wurde den schwierigen 
aber lohnenden Lapis- und Rougeartikeln zugewendet, die Form- 
stecherei bedeutend verbessert und die ganze Druckerei von Josephs- 



362 • Die Textilge werbe. 

thal nach Cosmanos verlegt, die Zahl der Druck tische auf 150 ge- 
steigert, durch die Aufstellung eines Rouleau- und Gravierstuhles der 
Rougeerzeugung die weiteste Ausdehnung gegeben. Nun fühlte man 
sich stark genug und allen Fährlichkeiten gewachsen. Auf den Messen 
in Leipzig und Frankfurt am Main erregten die Cosmanoser Artikel 
allgemeines Aufsehen. Binnen wenigen Stunden ist das ganze Waren- 
lager geräumt, trotzdem man nicht wie die Engländer durch Wohl- 
feilheit entgegenkommt, sondern alle anderen durch Geschmack 
der Muster übertrifft und daher auf hohe Preise hält. Aber bei 
der ersten Stockung wird sich der Umschwung zeigen, dann erst 
werden die großen Kosten der Kriegs- und Lehrjahre zur Liquidation 
kommen und das Unternehmen in allen Fugen krachen. Das geschah 
schon sehr bald. Der Leipziger Michaelismarkt 1819, dessen glück- 
licher Ausgang nötig war, um den laufenden Verbindlichkeiten nach- 
zukommen, schlug fehl. Die vereinigte Schweizer und französische 
Konkurrenz bewirkte durch unglaubliche Unterbietungen, daß von 
den Cosmanoser Waren, deren ErfoJg auf dem Geschmack, also 
einer sehr wankenden Grundlage ruhte, auch nicht ein Stück auch 
nur zum Erzeugungspreise verkauft werden konnte. Man mußte 
sich mit den Gläubigern arrangieren, das Unternehmen stand hart 
vor dem Bankerott. 

Franz Leitenberger starb 1825 und setzte die überlebenden 
Kinder und seinen Schwiegersohn zu Erben ein. Der älteste Sohn 
Friedrich ging 1830 auf Reisen, um sich zum Kaufmann und für 
seine spätere Aufgabe gründlich vorzubereiten, 1832 kehrte er zurück. 
Obwohl man beständig auf Verbesserungen bedacht war, stand die 
Fabrik doch technisch nicht auf der vollen Höhe und entsprach 
gar wenig dem Ideal, das der junge Inhaber auf seinen Reisen sich 
als Ziel für den väterlichen Betrieb gesetzt hatte, ja sie wurde in 
der technischen Ausrüstung von dem Neureichstädter Betrieb des 
Vetters übertroffen. Wieder forderte die veränderte wirtschaftliche 
Zeitlage neue schwerwiegende Entschlüsse. Man mußte sich mehr 
als bisher auf die Erzeugung billiger und doch preiswürdiger Massen- 
artikel einrichten, den Anschluß an den Weltmarkt zu gewinnen 
trachten, die Produktion demokratisieren. Wieder stand die Frage 
so : Auflösung des Geschäfts oder totale Umgestaltung. Man setzt 
sich 1846 an den Beratungstisch und lange werden die Gründe für 
und wider erwogen ; der kommerzielle Leiter ist für die Auflösung, 
die jüngeren Kräfte für Reform. Diese dringen mit ihrer Ansicht 
durch und nehmen sofort das Werk der Reorganisation mit Eifer 
in Angriff. Friedrich Leitenberger begann damit, in Josephsthal 



Die ßaurawoUindustric. 3(33 

eine Jouvalsche Turbine von 81 Pferdekräften und gleichzeitig die 
erste dreifarbige Druckmaschine aufzustellen. Eine Stütze für so 
weitreichende und folgenreiche Umänderungen hatte die Firma in 
der Verbindung mit dem Wiener Bankhause Stametz & Co. Die 
nächste Aufgabe bestand darin, alle Zweige der Fabrikation mög- 
lichst in Josephsthal zu konzentrieren und bis 1852 waren fast alle 
Ateliers von Cosmanos übertragen. Neue Chemiker und Mechaniker 
wurden engagiert, sämtlich erstklassige teure Kräfte, 1852 die 
erste Dampfmaschine in Josephsthal aufgestellt, der eine vierfarbige 
Tücherdruckmaschine , die erste in Österreich , unmittelbar folgte. 
Die ersten Hydro-Extracteurs und „Robinsons", die ersten großen 
Appreturtambours, die ersten Chlorinapparate mit Dampf und die 
besten Molettierstühle wurden angeschafft. Die Produktion, die 
im Jahre 1830 nicht mehr als 400 000, im Jahre 1840 aber schon 
1400 000 m betragen hatte, stieg bis 1850 auf 5 500000 m be- 
druckter Baum woll waren. Auf allen Ausstellungen ausgezeichnet, 
konnte sich Friedrich Leitenberger den Luxus gönnen , „für einen 
handeis- und zollpolitischen Anschluß Österreichs an den deutschen 
Zollverein und die Bildung eines mitteleuropäischen Handelsbünd- 
nisses" zu plädieren und vertrat diese Idee in einer Versammlung 
böhmischer Industrieller im Jahre 1849 so überzeugend, daß eine 
Denkschrift dieser Tendenz zustande kam und dem Finanzminister 
Brück überreicht werden konnte^". Franz Leitenberger starb 1854. 
Der Inhaber der Neureichstädter Fabrik, ein technisches, aber kein 
kaufmännisches Genie , sah sich genötigt , sein Etablissement zu 
schließen und in die Fremde zu ziehen. Die väterliche Fabrik in 
Wernstadtl war schon längst in fremde Hände übergegangen. 
Josephsthal -Cosmanos aber gedieh weiter. Die Jahresproduktion 
stieg 1860 auf 13 Millionen Meter bedruckter Baum wollwaren, 1890 
auf 16 — 17 Millionen Meter sogenannte Meterware und Tücher, von 
den gewöhnlichen Druckartikeln bis zu den in Qualität und Aus- 
führung feinsten Sorten, von welchen etwa 15 ^o nach allen 
europäischen und vielen außereuropäischen Staaten exportiert, 85 % 
in Österreich-Ungarn abgesetzt wurden. Im Jahre 1868 wurde in 
Grottau Görsdorf eine neue Baumwollspinnerei und -Weberei an- 
gelegt und fortwährend erweitert; 1152 mechanische Webstühle, 
38000 Selfactors und 1200 Trostlespindeln waren in den neunziger 
Jahren dort im Gange, die ausschließlich für den Bedarf von 
Josephsthal-Cosmanos arbeiteten. Hallwich schließt seine Geschichte 
der Firma Leitenberger mit den Worten: „Grottau- Görsdorf und 
Josephsthal-Cosmanos mit ihren mehr als 20 000 ständig beschäftigten 



364 Die Textilgewerbe. 

Arbeitern bilden ein zusammenhängendes einheitliches Ganze: in 
der Vereinigung aller Arbeitsstufen eines großen Fabrikszweiges 
von der Bearbeitung des Rohstoffes bis zur letzten künstlerischen 
Appretur des Finalprodukts die vollendete Verwirklichung der 
Prinzipien des modernen Industriesystems, ein lebendiger, in sich 
geschlossener, wirtschaftlicher Organismus. An Ausdehnung und 
Leistungsfälligkeit steht diesem EtabHssement kein zw^eites auf dem 
Kontinent zur Seite •''^". 

Josephsthal-Cosmanos ereilte das Schicksal fast aller böhmischen 
Industrieunternehmungen, welche über eine gewisse Größe hinaus 
gewachsen sind. Aus einem Familienunternehmen — als solches war 
es groß geworden — wurde es ein Kapitalunternehmen, eine von 
einer Bank begründete Aktiengesellschaft. Das organisierte Groß- 
kapital (so kann man den Prozeß, der sich vor unseren Augen ab- 
spielt, wohl roh, aber doch im ganzen zutreffend formulieren), die 
Banken saugen die Großunternehmungen auf. Sie sind gewisser- 
maßen die Nachfolger des alten Handelsjuden , der das Gewerbe 
bewuchert, bis es ihm seine Selbständigkeit opfert. Durch jahre- 
lange fortgesetzte Kreditgew^ährung fressen sie sich in die einzelnen 
Unternehmungen ein, bis diese schließlich mürbe geworden, auf 
ihre Selbständigkeit verzichten und froh sind, in der Umarmung 
der Banken zur Ruhe zu kommen. So bewährt auch hier das 
Kapital wieder seine alle Hemmnisse besiegende Verführungskunst. 
Im Jahre 1905 wurde die A.-G. Cosmanos, Vereinigte Textil- und 
Druckfabriken, gebildet und von der Österreichischen Bodenkredit- 
anstalt finanziert. Das Aktienkapital beträgt 12 Millionen Kronen 
(3i)U00i) Aktien ä 400 Kr.) und kann ohne staatliche Genehmigung 
bis auf 18 Millionen erhöht werden. Die Gesellschaft übernahm 
sämtliche Fabriketablissements der Firma Franz Leitenberger, und 
zwar die Spinnerei in Grottau und die Kattunfabrik in Josephsthal- 
Cosmanos, sämtliche Niederlagen in Wien und Budapest und das 
Haus in Wien für 4'/2 Millionen Aktien, Mit dieser Veraktionierung 
war eine durchgreifende administrative, kommerzielle und technische 
Reorganisation verbunden. Laut Compaß 1911 verfügt Josephsthal- 
Cosmanos derzeit über 25 Rouleaux, Grottau hat ÖOOO Spindeln 
und 1175 Webstühle. Nach dem Rechnungsabschluß vom 30. Ok- 
tober 1909 zalilte das Unternehmen bei einem Aktienkapital von 
12 Millionen an Zinsen 410114 Kr., die das finanzierende Werk 
verdient, und 4ü2 880 Kr. Steuern, während der Reingewinn in 
diesem Jahre 744487 Kr., die Abschreibungen 040024 Kr. betrugen. 



Die Leinenindustrie. 355 

Die Leinenindustrie. 

Was innerhalb einer Industriegeschichte über das Leinengewerbe 
zu berichten ist, umfaßt nur eine verhältnismäßig kurze Zeitstrecke 
der langen Geschichte dieses Produktionszweiges — nämlich seinen 
Niedergang und Verfall. Nur dieser gehört streng genommen der 
Geschichte der Industrie an. Wie aber ein unheilbar Kranker, an 
dessen Mark der Wurm dos Todes nagt, bisweilen von scheinbarer 
Gesundheit strotzt und ein blühendes Aussehen zeigt, so möchte 
ein wenig kritischer Beobachter auch von einem blühenden Auf- 
schwung der Leinenindustrie sprechen, der dem Verfall unmittelbar 
vorausgegangen sei, indes diese Blütezeit doch nur eine Episode 
in einem langen Prozeß des Hinsiechens bedeutet und nach meiner 
Meinung die eigentliche Blüte, wenn es überhaupt eine gegeben 
hat, viel weiter zurückliegt, in jenen Epochen, als das Gewerbe 
noch ganz eingebettet in eine wirtschaftlich-bänerlich-grundherrliche 
Verfassung und mit ihr verflochten überhaupt noch nicht sozusagen 
zum ökonomischen Selbstbewußtsein und zu seiner eigenen Freiheit 
gelangt war, sondern sein mythisches Zeitalter durchlebte, in welchem 
es noch nicht vor die entscheidenden Klammern und Maüstäbe des 
ökonomischen Reiches gestellt wurde. Was diesseits liegt — sagen 
wir also, um eine zeitliche Grenze zu fixieren, vom Ende des sieb- 
zehnten Jahrhunderts an — ist doch nur Verfall, und ein aufmerksam 
lauschendes Ohr mochte in dem Hämmern, womit die Leinwand- 
kisten für die Überseeländer genagelt wurden, das Nageln eines 
Sarges hören und in den hochbepackten Wagen, die das nationale 
Leinwandprodukt zum Markte in die Stadt fuhren, das Ausziehen 
von Leichenzügen des heimischen Gewerbes erkennen. Um es kurz 
zu sagen, die Geschichte der Baumwolle in unserem Lande ist die 
Geschichte des Niederganges des nationalen Leinengewerbes. 

Dies also wollen wir uns vergegenwärtigen, daß wir nur den 
letzten Akt erzählen, wenn wir die Geschichte dieses Gewerbes 
beschreiben , und daß diese sich abhebt von einem vielhundert- 
jälu'igen Hintergrund als ihrem natürlichen Boden, der zurückreicht 
in die fernsten Jahrhunderte. Ganz anders noch als Bergbau und 
Olas und andere Industrien, die ihre Entstehung und Entwicklung 
immerhin schon einem Zustande der Reflexion, einer „Kultur" ver- 
danken und eben wegen ilirer rationalen Basis eine in sich ge- 
schlossene Geschichte entwickeln konnten, ist das Leinengewerbe 
eine „natüi liehe' Industrie, die gewissermaßen hervorgeht aus einem 
wirtschaftlichen Urinstinkt, die Zeit mit nützlicher Beschäftigun«- 



366 Die Textilgewerbe. 

zu füllen, die große Lücke zwischen dem Jetzt und Dann zu über- 
spinnen ; was sonst daraus wird — ein anderer als der unmittelbare 
Zweck kommt in diesem Zeitalter, wo Spiel und Ernst in der 
Wirtschaft aneinandergrenzen, auseinander hervorgehen, noch nicht 
in den Gesichtskreis des Arbeitenden; und auch die mündig ge- 
wordene Weisheit knüpft mit Vorliebe mit ihren Postulaten und 
Erklärungen an das Lein enge werbe an, so die MerkantiHsten, die 
das Feuer der Betriebsamkeit überall entzünden wollen und zeigen, 
wie man Gewordenes und Gegebenes zweckmäßig nutzen und ver- 
werten könne. Sie erklärten ihren Fürsten die Leinenindustrie als 
eine wahre nationale und aktive, weil vom Rohstoff bis zum Fertig- 
produkt alles samt der Arbeit dem heimatlichen Grund entstamme 
und nur die Aufgabe bestehe, diese Möglichkeiten zu einem Über- 
schuß auszunutzen, der, auf den Weltmarkt geworfen, das Land be- 
reichem würde. Und was tiann die Physiokraten, gleichviel in welcher 
Absicht, über die Entstehung der Industrie aus einem Überfluß an 
Stoff beibringen: ist es nicht abgezogen von den eigentümlichen 
Verhältnissen des Leinengewerbes, das freilich aus einem Oberfluß 
an Zeit (und das ist die ökonomische Tugend des Fleißes), an Arbeits- 
kraft, an Arbeitsstoff entspringt? Diese natürUchen und natur- 
wüchsigen Bedingungen des Gewerbes gehen aber nur ein in die 
jeweihge soziale Ordnung und werden von dieser auf spezifische 
Weise geformt. 

Gew^öhnlich läßt man die böhmische Leinenindustrie im Nord- 
Osten des Königreichs begründet sein durch die deutschen Ansiedler, 
die Ottokar IL ins Land rief; Karl IV. habe sodann eine zweite 
Kolonisation Böhmens und Mährens mit flämischen Webern vor- 
genommen. Die Hussitenkriege verdrängten, so wird weiter erzählt, 
das Gewerbe von Böhmen nach Schlesien. Der dreißigjährige Krieg 
vernichtete die Zentren des schlesischen Leinenhandels, Jauer und 
Graffenberg, aber in der Zeit Leopolds I. beherrschte die schlesische 
Leinenindustrie wiederum den Weltmarkt, insbesondere den eng- 
hschen Markt, bis dort, und zwar vornehmlich in Irland, eine 
heimische Industrie sich in raschen Schritten entwickelte. Nach 
dem ersten und zweiten schlesischen Kriege, nach der Abtrennung 
Schlesiens von Österreich, wurde in Böhmen und Mähren eine selb- 
ständige einheimische Leinenindustrie ins Leben gerufen, die als 
Ersatz für den Verlust Schlesiens gedacht war. 

Wollen wir aber über die innere Geschichte des Gewerbes etwas 
erfahren, so müssen wir uns an die Sozialgeschichte halten und 
nach den jeweils vorherrschenden Gewalten fragen, und da wird 



Die Leinenindustrie. 3^7 

es im Mittelalter (in den Städten wenigstens) die Zunft gewesen 
sein, in der neueren Zeit aber ist es die Grund- bzw. Gutsherr- 
schaft, zuletzt der Staat, die das Gewerbe und sein Geschick maß- 
gebend beeinflußten. Der Handel aber, der alle diese Bindungs- 
verhältnisse über den Haufen wirft, der immer abseits von der 
herkömmlichen Ordnung steht, der Handel hat seine eigene Gesetz- 
gebung und hängt nur äußerlich als Steuerträger oder als herr- 
schaftlicher Untertan mit diesen inneren Ordnungen zusammen. 
Ob freilich die Geschichte des Leinengewerbes so sehr mit der 
Grundherrschaft verflochten ist, daß sie direkt und primär nur aus 
den Abhängigkeitsverhältnissen, in denen es sich zur Herrschaft 
befand, zu verstehen und zu erklären ist, wie das aus den den 
böhmischen Verhältnissen so nahe verwandten schlesischen dar- 
getan worden ist, dies wage ich mit dem mir zur Verfügung stehenden 
Material nicht rundweg zu entscheiden, insbesondere darum, weil 
nach meiner Meinung rechtliche und tatsächliche Abhängigkeit (was 
nicht immer genügend berücksichtigt wird) etwas außerordentlich 
Verschiedenes ist, aus der ersteren die letztere durchaus nicht 
gefolgert werden kann, und dieses Verhältnis von Herrschaft zu 
Herrschaft je nach den konkreten sonstigen Bedingungen variieren 
konnte. Wieviel haben in diesen lebensvollen und lebendigen 
Beziehungen nicht das Herkommen, die Gewohnheit, persönliche 
Macht und Qualität geschaffen? Und so möchte ich selbst auf die 
Nachrichten, die ich beibringen kann zur Verstärkung der Bren- 
tanoschen Theorie, daß die Geschichte der Flachsspinnerei und ein 
großer Teil der Geschichte der Leinweberei nur aus den Unter- 
tänigkeitsverhältnissen zu verstehen sei, keinen allzu großen Wert 
legen, weil ich nicht weiß, wie allgemein oder wie begrenzt jene 
Verhältnisse Geltung hatten, und mit welchem Gegengewicht die 
unzweifelhaft vorkommenden freien Gewerbsleute arbeiteten. Zu 
der Zeit, da uns das böhmische Leinengewerbe in der neueren Ära 
als Beruf, als verselbständigte, nach Erwerbszwecken orientierte 
Beschäftigung entgegentritt, ist die eigentliche Arbeit (Spinnerei, 
Weberei), die einst vielleicht zünftig und darum einer gesicherten 
Lebensordnung zugehörig war, zweifellos von zwei Mächten in die 
Mitte genommen und hart bedrängt, die, einander selbst vielfach 
gegnerisch, sich über den Kopf des Arbeiters hinweg zu gemein- 
samem Ziel vereinigen. Diese zwei Mächte sind: der Grundherr, 
die Herrschaft einerseits, das Prinzip der Kraft und der Händler, das 
Kapital anderseits, das Prinzip der Intelligenz. Zwischen diesen 
zwei Riesen eingepreßt vollzieht sich nun mit dem Arbeiter das 



368 Die Textilgewerbe. 

unabänderlich Notwendige. Wenn die Spinner und Spinnerinnen 
unter heiteren oder schwermütigen Gesängen die Spin iel sausen 
ließen, so wußten sie recht eigentlich nicht, was sie taten, und 
wenn der Weimer über seinen Rahmen gebückt dahinarbeitet, so 
webt er sich ein unbekanntes Schicksal. Nur der Grundherr weiß, 
was ihm „gebührt" und der Händler, was er „w^ill". 

Als Böhmen eine feudale Adelsrepublik war, gehörte zu den 
Abgaben der Untertanen, die aus dem Titel der GrundherrHchkeit 
in Geld oder Naturalien zu leisten waren, die sogenannten „ Ehrungen" 
und „Klaubungen" ^; darunter sind neben Abgaben an Eiern, Ge- 
flügel, Honig, Meerrettig. Kümmel, Eicheln, hauptsächHch auch ein 
Quantum an gesponnenem Garn und ein Quautum Flachs zu ver- 
stehen. Alle Erbregister des sechzehnten und siebzehnten Jahr- 
hunderts zählen diese Schuldigkeiten auf und veranschlagen sie 
in Geld. Aber diese Untertänigkeit erstreckte sich in Böhmen 
nicht nur auf die Landbewohner; auch die Zünfte in den Städten 
waren keineswegs autonome Korporationen freier Handwerker 
wie anderswo, sondern, wie man sagen könnte, feudale Zwangs- 
innungen, wie die Stadt selbst ja eine herrschaftliche Gründung 
und Unternehmung gewesen ist. Nehmen wir als Beispiel eine der 
bekanntesten nord böhmischen Textil- und insbesondere Leinweber- 
Städte: Rumburg^. Rumburg erhielt 1572 von Christoph und Haubold 
von Schleinitz (einem um die nordböhmische Textilindustrie wohl- 
verdienten Geschlechte) ein Stadtprivilegium und 1579 von Christoph 
von Schleinitz allein die 1V> jährige Brau berech tigung, den Wein- 
schank und andere Freiheiten. Was für einen Inhalt haben aber 
diese Freiheiten? Sie sind im wesentlichen Finanzmaßnahmen zu- 
gunsten der Stadt und der Herrschaft. Die früher untertänigen 
Bauern sind jetzt untertänige Bürger. Das Stadtprivilegium bestand 
im M.irktrecht (ein freier Wochenniarkt und zwei Jahrmärkte jährlich). 
Dieses Recht wurde vom König von Böhmen direkt erlangt; ferner 
darf die Stadt die Ratsstube besetzen und sich eines städtischen 
Siegels bedienen, und da sie jetzt städtisches Recht hat, hat sie 
auch Gerichtsbarkeit. Salzschank und Braurecht — alles sehr wich- 
tige kommunale Einnahmequellen. In der Stadt Rumburg aber bleibt 
ein herrschaftlicher Meierhof bestehen, und da heißt es nun „zum 
Eiltften: sie seint schuldig bey ihrer eignen cosi der Herschafft 
gebende Zu Rumburgk zu heben und auftzurichten, Das Kraut zu 
stecken und zubacken, den hentf zu fimmeln vnd zureuffen, den 
Flachs zu reutfen" — das sind Pflichten ländlicher Robotarbeiter. 
Dann aber zum sechzehnten: „was sonsten der zunfften vnd Handt- 



Die Leinenindustrie. 359 

werge befreyungen vnd Zinsen seindt, das besagen derselben Innungs- 
brieffe vnd die Erbregister, derrbey verbleibet es auch ferners." 
Nach den Erbregistern der Herrschaft Rumburg aber war ein jeder 
von den Hausleuten verpflichtet, ein Stück Garn zu spinnen, wofür 
die Herrschaft zwei Groschen zahlte, und in dem Schätzungsregister 
der Herrschaft Rumburg aus dem Jahre 1573 wird die Spinnpflicht 
der untertänigen Bauern und Häusler einmal auf 19 Schock, 16 Groschen 
und dann auf 19 Schock, 3ü Groschen taxiert. Des weiteren werden 
unter den Einnahmen der Herrschaft aufgeführt: in Rumburg und 
St. Georgenthal ist Jeder verpflichtet, von jedem Stuhl zur Weihnachts- 
zeit 4 Groschen Handwerkszins abzuführen, macht 21 Schock. Die 
ganze Herrschaft Tollenstein (das ist Rumburg) wurde 1587 auf 
60253 Schock, 47 Groschen geschätzt, aber wegen der Geldnot der 
Besitzer unterm Schätzungswert um 51 OOü Schock Meißnisch an 
den kaiserlichen Vizekanzler Dr. Georg Mehl von Strehlitz verkauft. 
Damals waren auf der Herrschaft 144 Stühle von Leinwebern, die 
jährlich 4 Thaler 48 Groschen zu den herrschaftlichen Einkünften 
beitrugen. Rumburg allein hatte damals 137 Untertanen (war also 
nur ein Städtlein), „alle mit gesetzten Zinsen und Diensten", ferner 
25 Personen, „so auf Eigenen Häuseln wohnen, 128, die zu Hause 
seien, Hausgenossen, deren werden mehr und weniger". In dem er- 
wähnten Stadtprivilegium der Herren von Schleinitz heißt es dann 
weiter, es sollen sich diese Untertanen gegen den gegenwärtigen 
Herrn, seine Erben und Nachkommen treu und gehorsam verhalten, 
wie es frommen Untertanen gebührt. Er verspricht ihnen dafür, daß 
sie und ihre Nachkommen bei allen ihren Freiheiten und Berech- 
tigungen gelassen und geschützt werden würden. Es lohnt sich, 
den Wortlaut etwas näher anzusehen : es wird ein ganz allgemeines 
Versprechen seitens des Grundherrn geleistet, dafür aber sind ex- 
pressis verbis die Bürger als herrschaftliche Untertanen erklärt, also 
ein Löwen vertrag geschlossen. Ja, der Grundherr haftet nicht einmal 
dafür, daß auch alle Nachfolger die Privilegien, um deren Bestätigung 
die Stadt bei jedesmaligem Besitzwechsel ansuchen mußte , be- 
stätigen werden, sondern er sagt nur zum Schluß, er hoffe, oder 
vielmehr er zweifele nicht, daß seine E^rben und Nachkommen auf 
Bitten der Untertanen sie mit der Erneuerung dieser Privilegien 
allenthalben nach Wortlaut und Inhalt der gegenwärtigen Privi- 
legierung ohne einiges Entgelt oder Beschwerung gebührUch be- 
fördern und versehen würden. Er scheint seine Leute gut gekannt 
zu haben, da er so wenig Garantie für sie übernehmen wollte, ja 
am Schluß wird noch einmal ausdrücklich eine Einschränkung ge- 

Salz, Geschichte der böhmischen Industrie in der Neuzeit. 24 



370 I^ic Textilgewerbe. 

macht. Wozu, so fragt man sich, diese umständlichen Vorsichts- 
maßregeln, wenn beide Teile gesonnen waren, die Vereinbamng 
wirklich aufrecht zu erhalten, wenn sie nicht das Gefühl hatten, 
daß große Umwälzungen nahe bevorstehen oder doch nicht aus- 
geschlossen seien? Was für eine reale Bedeutung konnte unter 
solchen Umständen die Verzunftung des Leinengewerbes haben? 
So bestand denn auch ein Unterschied in der Organisation des 
Leinwebergewerbes, z. B. in der königlichen Leibgedingestadt 
Trautenau und in der grundherrlichen Stadt Rumburg. Dort* ver- 
standen sich die Leinweber und Ziethner am späiesten zu einer 
Zunft. Erst 1595 erbaten sie sich von der Stadt Glatz eine Zech- 
ordnung und ließen sie vom Trautenauer Rate bestätigen. Aber 
die Zunft hat keine große Bedeutung erlangt. Es folgten bald die 
religiösen Wirren und die Kriegsjahre, nach deren Abschluß die 
königliche Gewalt das Bestreben zeigte, die Freiheit und Selbst- 
verwaltung der königlichen Stadt zu unterdrücken, anstelle des 
Magistrats eine königliche Beamtenschaft zu setzen. Sie war darum 
auch der Zünftigkeit des Leinengewerbes abhold aus dem prak- 
tischen Grunde, weil diese Zünfte den staatlichen Zentralismus be- 
engten, und sodann aus dem theoretischen, weil sie das staatliche 
Wirtschaftsideal, die möglichste Verbreitung des Gewerbes, das 
Durchdringen der Weberei bis in jedes einzelne Haus, hinderten. 
Es wurde denn auch für Trautenau 1770 schon den Leinwebern 
gestattet, sich auszuzünften, aber sie durften auch zusammenbleiben 
zwecks Aufrechterhaltung und Kontrolle gewisser gewerbepoHzei- 
licher Vorschriften ^. 

Auf der Herrschaft Rumburg aber wurden die Leinweber in 
eine Zunft zusammengeschlossen und die ländlichen Handwerks- 
meister (z. B. von Schönlinde) den städtischen Zünften einverleibt. 
Schon 1515 erhielten sie von Heinrich v. Schleinitz Innungsartikel, 
die 1560 von Georg v. Schleinitz, 1568 von Heinrich v. Schleinitz, 
1571 von Christoph v. Schleinitz, 1588 von Mehl v. Strehlitz be- 
stätigt wurden. Diese Jnnungsartikel gaben den Handwerksmeistern 
das Recht, für sich und ihre Kinder und Frauen die Handwerks- 
ordnung zu bestimmen, aber immer im Einverständnis und mit 
Willen der Herrschaft, der es vorbehalten bleibt abzuschaffen, was 
ihr nicht paßt. Sie regelten ferner die Bedingungen der Aufnahme, 
die Lehrzeit usw. wie überall und normierten, worauf noch zurück- 
zukommen ist, die Beziehungen zwischen städtischen und dörfischen 
Webern. In diesen feudalisierten , einer Herrschaft untertänigen 
Zünften herrschte nun, wenn wir genauer zusehen, infolge der Be- 



Die Leinenindustrie. 372 

vormundung durch die Herrschaft ein soziälfreundlicherer Geist als 
in den autonomen, die sich ihr Recht selbst setzten: verhältnis- 
mäßig kurze Lehrzeit, nur einjährige Wanderschaft, relativ günstige 
Bedingungen für die Aufnahme fremder Gesellen. Das Recht war 
streng nur gegenüber der Herrschaft, aber milde gegen die Zunft- 
genossen. 

Wenn wir nun diese Schleinitzsche Leinweberordnung von 
Rumburg aus dem Jahre 1515 mit der Raedernschen Tuchmacher- 
ordnung aus dem Jahre 1591 vergleichen, so werden wir trotz 
vieler schematischer Gleichheiten wichtige Unterschiede aufzeigen 
müssen. Bei den Tuchmachern hatte sich ein langes Gewohnheits- 
recht ausgebildet, das nur von der Herrschaft bestätigt wird, das die 
Herrschaft also anerkennt. Bei den Leinwebern aber hat, wie mir 
scheint, die Herrschaft durchaus die Liitiative und schreibt vor, 
was rechtens sein soll. Im Vergleich zu den von jeher in den 
Städten angesiedelten Tuchmachern sind eben die Leinweber, auch 
die städtischen , doch nur entlassene Bauern , wie ihre Städte ja 
vielfach nur ins Große geratene Dörfer vorstellen. Freilich werden 
innerhalb der ganzen Textilindustrie Wanderungen von Gruppe zu 
Gruppe stattgefunden haben, soweit das eben durch die Zunft- 
schranken nicht ausgeschlossen war. Und da erhebt sich nun die 
Frage, ob, wo Tuchmacher und Leinweber in einer Stadt zusammen- 
kamen (z. B. in Reichenberg), das Handwerksrecht sich nach dem 
besseren, freieren Recht der Tuchmacher oder dem schlechteren 
der Leinweber richtete. Ich möchte annehmen , daß es nach dem 
schlechtesten Rechte zu gravitierte und möchte nicht meinen, daß 
die Atmosphäre der Freiheit, die sonst die Städte belebte, auch 
auf die in der Stadt betriebenen ländKchen Gewerbe mit ausstrahlte, 
sondern eher umgekehrt. Die Herrschaft war stark und brutal 
genug, ihren Willen auch den städtischen bürgerlichen Handwerkern 
aufzuprägen und sie in starke Abhängigkeit zu bringen. Und noch 
ein weiterer Unterschied: die Ordnung der Tuchmacher enthält 
durchaus Schutzmaßnahmen für das Handwerk. Es ist darin nur 
von den Meistern und ihren Pflichten und Rechten gegenüber dem 
Handwerk die Rede, die Beziehungen zum Grundherrn werden 
außer in der Einleitungsformel, wo die Handwerker als Untertanen 
bezeichnet werden, gar nicht erwähnt. Hier also war der Zunft- 
gedanke ganz anders erstarkt und hatte seine alte Kultur. Darum 
wurde auch die Minderung der Rechte bzw. die Vergrößerung der 
Lasten, die später eintraten, als etwas Unerhörtes und Drückendes 
empfunden. Die Leinweberordnung dagegen reguHerte nur die Be- 

24* 



372 i^ie Textilge werbe. 

Ziehungen zwischen Grundherrschaft und Handwerk, zwischen 
städtischen und dörfischen Webern , sie ist eigentlich ein Urbar. 
Dies Handwerk hatte die Freiheit gerade nur gekostet und khiyte 
infolgedessen auch nicht, als sie ihm wieder entzogen ward. Wie 
sind denn also die Beziehungen zwischen städtischen und dörfischen 
Webern geregelt? Darüber bestimmt die herrschaftlich Rumburger 
Leinweberordnung folgendes: Keinem Leinweber des Kirchspiels 
soll es gestattet sein, sein Handwerk außerhalb der Zeche zu be- 
treiben, wie vor alters geschehen und bestätigt gewesen, sondern 
alle Meister sollen im Städtlein seßhaft sein ; den in der Herrschaft 
außerhalb des Kirchspiels gelegenen Dörfern wird erlaubt, daß 
auf 24 Wirte ein Leinweber komme, der aber nur seinen und seiner 
Nachbarn nötigen Hausbedarf wirken und keine Leinwand auf den 
Verkauf herstellen, auch kein Gesinde halten darf. Die Herrschaft 
trachtet also , sei es der leichteren Übersichtlichkeit wegen , aus 
finanziellen Gründen oder dem Wunsche der Zunft nachgebend, das 
Gewerbe in der Stadt zu konzentrieren und die ländliche Produk- 
tion zu kontingentieren: auf je 24 Wirte ein Weber, aber nur für 
den nötigen Bedarf der nächsten Umgebung. Damit ist die Be- 
dürfnisfrage ein für allemal entschieden. Man sieht, solange das 
Gewerbe im Hause, auf dem Lande betrieben wird, ist es über- 
haupt noch nicht Gegenstand wirtschaftspolitischer Gesetzgebung, 
steht es sozusagen außerhalb der Wirtschaft als ein Stück Tätig- 
keit und Bedarfs Versorgung überhaupt. Erst in dem Augenblicke, 
wo es aus dem Hause heraustritt auf den Markt, oder wenn es in 
Massen betrieben wird, ist es sozial geworden und hat ökonomischen 
Formcharakter. Immer aber bleibt der Punkt zweifelhaft, wo eine, 
sei es auch vorwiegende Beschäftigung übergeht in die „Industrie", 
wo ein natürlicher Prozeß , der sich mit den übrigen Lebons- 
beziehungen von selbst entwickelt, ergriffen wird von einer ihm 
eigentlich fremden Gesetzgebung und Macht, wo er hinübertritt 
aus dem Reiche des Naturlebens in die Wirtschaft. Dies also war 
die grundsätzliche Ordnung zwischen städtischen und dörfischen 
Webern. Aber daß sich nur die so begünstigten Herren Meister 
nicht einfallen lassen , auf ihre Freiheit zu pochen ! So wie ihnen 
sicherlich als Konzession oder im Wege des Kompromisses (man 
hört das förmlich noch aus dem Text der Akten heraus) dieses 
Vorrecht des städtischen Handwerks — wahrscheinlich ein papiernes, 
formales Privileg — gewährt ist, werden gleich im nächsten Para- 
graphen die Pflichten gegen die Herrschaft neuerlich eindringlich 
eingeprägt: „Die Herrschaftsarbeit soll nach allen Fleiß Unabbrüchig 



Die Leinenindustrie. 373 

tüchtig gemacht werden, darauf die Eltistcn Meister zu sehen haben, 
wie damit umgegangen wird, wass gemeine grobe Garne sind, die- 
selbe in () Wochen, kleine Garne in 8 Wochen gefertigt werden, 
da ein Garn übel gerietl)e, sollen die Eltisten Meister darauf trachten, 
dass es sennest möglich, auch soll gefertiget werden". Es folgt 
sodann* die Normierung des Weberlohnes, und zwar®: 
von 2 Stück groben Garnes der Wirkerlohn 7 kl. Groschen, 
„ 2 „ Mitteigarn der Wirkerlohn auch 7 „ „ 

,, Kleingarn bis 40 Gängen von l Stück 4 „ „ 

„ kleiner Leinwand bis 40 Gängen von jeder Elle 6 kL Pfg., 
„ noch kleinerer Leinwand auf 48 Gängen von jeder Elle 1 kl. 

Groschen, 
,, einer Leinwand aus 50 Gängen und darüber von jeder Elle 
9 kl. Pfg. 
Dann kommt noch eine Reihe von gewerbepolizeilichen Vor- 
schriften, mit denen sich die Grundherren recht eigentlich als Vor- 
läufer merkantilistischer Wirtschafts- und Finanzpolitik legitimieren. 
Kein Bürger noch Krämer solle befugt sein, auf dem Markte oder 
in ihren Häusern in der Woche außerhalb des Wochenmarktes Garn 
zu kaufen, widrigenfalls ihm das Garn weggenommen und in das 
Hospital gegeben wird (diese Bestimmung war wohl auch zugunsten 
des Grundherrn wegen der Verkehrsabgabe). Keinem Leinweber 
des Städtleins noch einem Bauersmann in den Dörfern ist es ge- 
stattet, die schmale Leinwand auf den Kauf zu machen, aber den 
Einwohnern dieses Städtleins und nicht den Bauersleuten soll es 
zugelassen werden, mit den breiten Leinwanden zu handeln. Kein 
Bauer soll das Garn in seinem Hause verkaufen, sondern sich des 
verordneten Wochen markt es bedienen, und wenn ein Meister dem 
Bauern das Garn auf der Gasse abkauft, der soll dem Handwerk 
V2 fl. zur Strafe geben. Kein Meister soll das Garn auf den Dörfern 
kaufen, auch kein Geld darauf geben. Wer solches übertritt, muß 
dem Handwerk in jedem einzelnen Fall Vg fl. Strafe erlegen (man 
vdll also, wenn man städtisch geworden ist, dem Bauern nicht mehr 
nachlaufen, er soll jetzt hübsch in die Stadt kommen). Wenn ein 
Meister einem Pfuscher Leinwand abkauft, wodurch das Handwerk 
geschädigt wird, der soll von einer jeden solchen gekauften Lein- 
wand sowohl der Herrschaft als auch dem Handwerker mit einem 
Silberschock verfallen sein. Jeder einzelne Meister soll (als Ent- 
gelt dafür, daß die Herrschaft über der Einhaltung dieser Be- 
stimmungen, dieser Handwerksordnung wacht) von einem jeden 
Gezeuge oder Stuhl auf Weihnachten 2 böhmische Groschen geben, 



374 ^ic Textilgewerbe. 

und keinem Meister sollen mehr als drei Stühle zn fördern erlaubt 
sein, kein Meister soll „Kauf werk aussen lassen wirken einen anderen 
Meister des Handwerks", er lasse denn seinen Stuhl zu Hause 
feiern bei Buße eines Schocks. Auch die auf die Autarkie eines 
geschlossenen Handelsstaats abzielenden zoll- und finanzpolitischen 
Mafsnahmen des späteren merkantilistischen Staates wurden von 
den Grundherrschaften schon im sechzehnten Jahrhundert antizipiert. 
1561 setzte Georg von Schleinitz auf seiner HeiTSchaft Rumburg 
«inen „LeymethzoU" fest. Auf Grund eines Kontraktes zwischen 
dem herrschaftlichen Besitzer und seinen untertänigen Handwerks- 
meistern der Leinweberzunft zu Schluckenau, Rumburg, St. Georgen- 
thal muß von einem jeden Stück Leinwand zu 60 Ellen aus feinem, 
grobem und mittlerem Garn gewirkt, das in- oder außerhalb der 
Herrschaft verkauft wird, bei jedem Verkauf dem Grund- und Erb- 
herrn zu allen Zeiten 2 weiße Pfennige gereicht w^erden. Durch 
diesen „Vertrag" sind die zünftigen Handwerksmeister, aber nur sie, 
von der Zahlung eines Marktzolls für das erkaufte Garn befreit. 
Auch dürfen sie im übrigen abgabenfrei ihre Waren innerhalb 
der Herrschaft verschicken oder verführen, alles auf Grund des 
Kontraktgeldes. Hingegen bezieht sich diese Bevorzugung nicht 
auf die Handelsleute oder Fremden, die im Herrschaftsgebiet Lein- 
ivand kaufen und wieder verkaufen , diese müssen vielmehr bei 
jeder Ausfuhr den hergebrachten Erbzoll entrichten. 

Mit all diesen gewerbepolizeilichen Vorschriften, die der Aus- 
fluß der Grundherrlichkeit im engeren Sinne dieses Begriffes sind, 
erschöpft sich das Interesse der Herrschaft an dem Leinengewerbe 
noch lange nicht. Der Grundherr steht in dem Gewerbe weiter 
als landwirtschaftlicher Großgrundbesitzer und sodann als Lieferant 
eines Teils des Produktivkapitals. Der Grundherr baut Flachs im 
großen. Zwar war der Anbau in Böhmen immer unzureichend und 
mußte durch Bezug aus Mähren und Schlesien ergänzt werden; 
aber der Grundherr sah darauf, daß in den armen Gebirgsgegenden 
Flachs gebaut werde und baute auch selbst. Der Bauer im Flach- 
land pflanzt keinen Flachs, weil er geldbedürftig ist, d. h. nicht 
abwarten kann, „den erzeugten Flachs nach vollbrachter . . . Be- 
arbeitung ins Geld zu setzen", weiter weil er robotpflichtig ist; 
der Flachsbau aber braucht viel Arbeit und viel Zeit. Er ist die 
Beschäftigung derer, die über ihre Zeit frei verfügen können, in 
armen Gegenden. Der Flachsbau, so könnte man sagen, ist die 
Beschäftigung des Freien, der arm ist. Und weiterhin: der Bauer 
hat nur den unmittelbaren Nutzen im Auge, er ist nicht ferndenkend 



Die Leinenindustrie. 375 

und erwägt nicht, was später erst Ertrag bringt. Nach der Bauern- 
befreiung und mit dem Erwachen des staatlichen Interesses an der 
Wirtschaftsführung der einzelnen, hauptsächlich an der Industrie, 
änderten sich diese Verhältnisse. Da dringt der Flachs auch in 
das Land hinein, der Kommerzienkonzeß läßt sichs angelegen sein, 
die Flachskultur in Böhmen zu verbreiten. Mit den Mitteln des 
Kommerzienfonds wird Livländer Samen besorgt und an die Land- 
leute unentgeltlich ausgeteilt und verschiedene andere Maßregeln 
w^erden ergriffen, um die Flachskultur zu verbessern. 

Außerdem werden herrschaftliche Gründe als Bleichplätze be- 
nützt, sei es von den Herrschaften selbst in eigener Regie, häufiger 
aber durch Verpachtung an Unternehmer. Das Bleichen der Lein- 
wand war ein kapitalistischer Umweg, der ungemein viel Zeit er- 
forderte. Er war aber eine Lebensfrage für das Gewerbe, von ihm 
hing eigentlich die Einträglichkeit und insbesondere die Konkurrenz- 
fähigkeit des Gewerbes ab. Es war eine wirtschaftliche Machtfrage, 
und damit sind wir schon an die ,, kapitalistischen" Probleme, die 
das Leinengewerbe aufgibt, an die Kommerzialisierung, die sein 
Schicksal bestimmte, herangerückt. Die Bleichen also befanden 
sich auf herrschaftlichen Gründen. Man unterschied Hausbleichen 
und Kommerzialbleichen. Im Bunzlauer Kreise z. B. befanden sich 
fünf Kommerzialbleichen, davon drei auf der Herrschaft Friedland, 
im Bidschower Kreise sechs, auf der Herrschaft Starkenbach zu 
Rochlitz, ferner auf der Herrschaft Hrabacov, desgleichen in Hohen- 
elbe und auf den Gründen des Braunauer Klosters. In ganz Böhmen 
werden Ende des achtzehnten Jahrhunderts 32 Kommerzial-, Lein- 
wand- und Kattunbleichen gezählt und 218 Garn- und Zwirnbleichen, 
davon allein im Leitmeritzer Kreise auf den verschiedenen dort 
befindlichen Herrschaften 193 Garn- und Zwirnbleichen. Auf diesen 
193 Bleichen ließen die Herrnhuter und Sachsen jährlich über 
300000 Stück Garn bleichen. Diese Garnzwirnbleichen sind erst 
seit dem Jahre 1734 aufgekommen, vordem gab es auf den Herr- 
schaften nur einige Hausbleichen, auf denen in einem Jahre 
kaum 4000 Stück Garn gebleicht wurden. Während die Leinwand, 
worauf sofort zurückzukommen sein wird, die ganze Zeit über in 
das Ausland geführt wurde, um dort gebleicht zu w^erden, kommt 
hingegen Garn und Zwirn vom Auslande nach Böhmen. 

Wenn wir nun dazu übergehen, den Einfluß des Handels, der 
zweiten Macht, von der oben die Rede war, zu erörtern, und die 
ihrem Wesen nach anders als die erste durch keine rechtlichen 
und gesetzlichen Schranken gehemmt, wie ein feines Fluidum, wie 



376 I^ie Textilgewerbe. 

eine geistige Atmosphäre alles umgestaltend, umwälzend, durch- 
dringt, so werden wir an die Spitze unserer Betrachtung als für 
Böhmen charakteristisch die Tatsache zu stellen haben, daß es hier- 
zulande die längste Zeit an einem kapitalistischen Großhandel, und 
zwar Exporthandel, gefehlt hat. Das böhmische Leinengewerbe 
blieb sehr lange (bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahr- 
hunderts) zum Unterschied von anderen Erwerbszweigen unberührt 
von dem Hauch des Weltmarktes und beschränkt, wie wir sehen 
werden, auf den Versand eines nationalen Halbfabrikats. Dieser 
Mangel eines großen Exportgeschäfts bei einem seit Jahrhunderten 
im Lande ansässigen Gewerbe gibt der böhmischen Leinenmanu- 
faktur bis in die zweite Hälfte oder bis gegen das Ende des acht- 
zehnten Jahrhunderts die Signatur. Es ist nicht ganz leicht, die 
Gründe dieses Mangels herauszufinden. Fremde Beobachter, und 
zwar Kaufleute, die das größte Interesse daran hatten, daß dieser 
Zustand ewdg dauere (z. B. in Schlesien), ja die davor zitterten, 
es könnten die Einheimischen doch nun endlich zum Eigen export 
sich aufraffen, meinten, es fehle dem Lande an unternehmenden 
Kaufleuten und an Kapital. Nun ist, was das letztere betriift, 
richtig , daß der Leinw^andhandel mit beträchtlichem Kapitalfonds 
arbeiten muß. Er ist ein langfristiges Geschäft, bedarf eines ver- 
hältnismäßig großen Warenlagers und großer Kreditgewährung; 
daher dann bei fehlender Verkehrsorganisation die Ausbeutungs- 
möglichkeiten durch die eigene Kapitalkraft des einzelnen begrenzt 
sind. Nun waren die böhmischen Handelsleute \venig kapitalkräftig 
und konnten sich nur so weiterhelfen, daß sie ihre Waren durch 
Prager, Wiener, Hamburger Spediteure versandten und gleich darauf 
die Hälfte oder zwei Drittel des Wertes trassierten, endlich auch 
die auf eine gewisse Zeit gezogenen Wechsel sogleich diskontieren 
ließen^. Aber, so wird man sagen, wann hätten je Kapitalmangel 
oder andere Kleinigkeiten den geborenen Händler, den Mann mit 
dem Blick ins Weite, in die undurchdringliche Ferne, nach der er 
Sehnsucht hat, am heimischen Herde und bei der ländlichen Be- 
quemlichkeit zurückgehalten? Forderte ja, wie wir gelegenthch 
hören, Graf Frieß einen Bankier, ein Prager Handlungshaus auf, sich 
mit ihm zu assoziieren und den Leinw^andhandel zu betreiben und 
lehnte dieses doch glatt ab ! So ist es doch wohl mehr ein Mangel 
der Begabungen, ein Mangel der Personen, der Auslese, wenn man 
wdll — und heimische Beobachter haben noch hinzugefügt, was 
eigentHch dasselbe ist — der Mangel an Kenntnissen der für jedes 
Land besonders geeigneten Warengattungen und der Mangel an 



Die Leinenindustrie. 377 

Handlungswissenschaft, welche diese Konstellationen bewirkt hatten. 
Noch im Jahre 1770, so erzählt Schreyer, also zu einer Zeit, da 
es bereits wesentlich anders geworden war, hätten die vornehmsten 
Handlungshäuser aus Cadix und Barcelona, wohl wissend, daß die 
Leinwand hierzulande billig und gut sei, durch den Madrider öster- 
reichischen Gesandten die Einleitung dieses Handels zu bewerk- 
stelligen versucht. „Allein an einer Seite die Untätigkeit der 
hiesigen Kaufleute und an der anderen Seite die vorgestellten un- 
zulänglichen Kräfte der böhmischen Leinwandhändler machten, daß 
diese Bemühung und gute Absicht vereitelt wurden. Man sollte 
denken, ob denn nicht bemittelte Partikuliers sich hierzulande mit 
dem Leinw^andhandel abgeben oder mit dergleichen Handelsleuten 
verbinden wollten? Doch einesteils scheint die hiesige Erziehung 
und Lebensart den Koramerzialtrieb unter den vornehmen Zirkeln 
(wiewohl allerdings einige Kavaliers von edelster Geburt und Würde 
jetzt zum Vorbild angeführt werden könnten) nicht ganz zu be- 
günstigen. Andernteils werden einige der vermöglichen durch die 
Beispiele von manchen hier mißlungenen Unternehmungen ab- 
geschreckt, kein ähnliches zu wagen, ohne die Ursachen zu unter- 
suchen, warum jene Vorgänger ihres Ziels verfehlten." Zu all 
diesen Gründen kommt aber vielleicht als der wichtigste noch 
dieser, daß sich nämlich, solange Schlesien zu Österreich gehörte, 
zwischen Böhmen und Schlesien eine Art interterritorialer Arbeits- 
teilung im Leinengewerbe ausgebildet hatte, die so naturgemäß, so 
zweckmäßig, so wohlbegründet gewesen zu sein scheint, daß sie 
sich allen politischen Verhältnissen zum Trotz forterhielt gemäß 
einer ihr gleichsam innewohnenden Vernünftigkeit bis in die jüngste 
Zeit hinein. Diese Arbeitsteilung bestand darin, daß Böhmen sich 
auf die Herstellung der rohen Leinenweben, wozu es in eigentüm- 
licher Weise prädisponiert gewesen sein mag, beschränkte, während 
Schlesien und auch Sachsen die w^eitere Veredelung, das Bleichen, 
Appretieren, den Verkauf übernahmen und demgemäß den eigent- 
lichen Handelsprofit einheimsten. Böhmen hatte also den allerdings 
zweifelhaften Ruhm, die besten rohen Leinen zu erzeugen, auf dem 
Weltmarkt aber erschienen die veredelten böhmischen Weben als 
sächsischer Damast und schlesische Leinenwaren und genossen 
neben den französischen, holländischen, schweizer und später eng- 
lischen Fabrikaten großes Ansehen. Diese Arbeitsteilung ging 
soweit, daß man die gebleichten weißen Leinenwaren für den böh- 
mischen Bedarf aus dem Auslande (Sachsen oder Schlesien) zurück- 
kaufen mußte. In den älteren Zeiten lieferten die an Sachsen an- 



378 I^ie Textilgewerbe. 

grenzenden böhmischen Webermeisterschaften ihre fertigen Waren 
an die Zittauer Kaufleute, und die im schlesischen Gebirge befind- 
lichen böhmischen Leinweber versorgten die Hirschberger, Landes- 
huter, Schmiedeberger Kaufleute mit rohen Leinwanden. Eigens 
dazu bestellte Sammler nahmen den Webern die Ware ab und be- 
gnügten sich mit einer sehr geringen Provision, welche in gar 
keinem Verhältnis zu dem Profit stand, den jene Kaufleute davon 
zogen. In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, meint 
Schreyer, konnte Böhmen keinen einzigen Handelsmann aufweisen, 
der mit den sächsischen und schlesischen Kaufleuten im Leinwand- 
handel verbunden gewesen wäre und ein beträchtliches Vermögen 
erworben hätte. Und doch wurde der alte Schroll auf diese Weise 
als Rohleinenhändler, der die Ware in Massen aufkaufte und nach 
Schlesien hinüberführte, reich. Und als er längst seine eigenen 
Weber beschäftigte, also zum Eigenbetrieb übergegangen war, ließ 
er noch kein Stück in Böhmen bleichen, sondern sandte alles über 
die Grenze hinüber und umging den Zwang der Bleichpässe, die 
später eingeführt wurden dadurch, daß er die in Schlesien ge- 
bleichten Waren von dort aus selbst verhandelte. Es scheint eben 
das Renommee der Leinenwaren daran gehangen zu haben, daß sie 
in Schlesien gebleicht war, und das geht soweit, daß, wenn einmal 
in einem amtlichen Schriftstücke aus Versehen angeführt wird, 
SchroU habe in Böhmen eine Leinwandbleiche, er umständlich da- 
gegen rekurriert, es handele sich bloß um eine Kottonbleiche ^. 

Der Vorzug aber der böhmischen Rohleinwand bestand in ihrer 
Billigkeit und später, als sie sich mit der schlesischen schon messen 
konnte, in dem größeren Geschmack der Muster. Die Billigkeit 
der Ware aber beruhte, wie fremde Schriftsteller bemerkten, auf 
der überaus niedrigen Lebenshaltung der böhmischen Spinner und 
Weber. „In Böhmen sei der Arme eben an ein so überaus arm- 
seliges Leben gewöhnt, daß der Lohn noch niedriger als in Schlesien 
sei und bleiben werde; daneben gäbe es Flachs in Fülle" ^. Und 
später wies der schlesische Senator Geier darauf hin, daß die 
schlesischen Kaufleute bei dem bloßen Streben nach Billigkeit gegen- 
über den französischen und schweizerischen die Schönheit ganz 
vernachlässigt hätten. Die preußisch-schlesischen Waren wären zum 
Teil so geschmacklos, daß man sich wunderte, daß sie überhaupt 
Abnehmer fänden ^^. So versteht man wohl, wenn der recht ein- 
sichtige Schreyer am Schluß seiner diesbezügUchen Bemerkungen 
emphatisch ausruft: „Wer würde es glauben, daß die Prager Hand- 
lungshäuser vom ersten Rang, denen es weder an Fähigkeit noch 



Die Leinenindustrie. 379 

an Vermögen gebricht, besagten angrenzenden schlesischen und 
sächsischen Kaufleuten zusehen können, ohne Begierde nach gleichem 
Betriebe zu fühlen? Daß sie zusehen können, wie diese von Jahr 
zu Jahr so viele tausende Stück Leinwand in Böhmen, wie schon 
voraus erw^ähnt, roh einsammeln lassen, dann bleichen und appre- 
tieren und sie dann mit beträchtlichem Vorteil in die entlegenen 
fremden Länder verschicken; da doch alles die hiesigen Kaufleute 
desto eher tun könnten, da diese Ware nirgend in so niedrigem 
Preise wie in Böhmen zu haben ist?" ^^ Niemand aber war so sehr 
verblendet, daß er